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Schwer stützt sich der faltige Kopf in die knochigen Hände. Fassungslos starrt Dr. Satschunin in das aufgeschlagene Buch vor sich auf dem fleckigen Lesepult, eine kostbare Erstausgabe, gebunden in abgegriffenes rotes Schweinsleder: Dostojewskis Dämonen aus dem Jahr 1872. Soeben hat er trotz allervorsichtigsten Umblätterns eine Seite darin zerrissen.

Eines der zahllosen Kreuz­gewölbe der St. Petersburger Saltikow Schtschedrin Staats­bibliothek spannt sich über dem dämmerigen Lesesaal, in dem etwas abseits, nahe der weißgekalkten Wand, der alte Histori­ker hockt, im Gesicht nun fast ebenso blaß: alle Farbe hat es verlassen. Übers Pult geworfen neben den aufgestützten Ellenbogen sein unmoderner, schwerer Mantel aus dunklem Wollstoff, im milden Licht der Leselampe - beruhigend grüngläsern be­schirmt - wirken seine einge­fallenen Wangen über dem kurzen Kinnbart fahl und grau, jede Bartstoppel darauf wirft ihren winzigen Schatten neben sich.

Bei Gott - war er nicht so behutsam wie nur möglich damit umgegangen? Kaum berührt hat er die Seite, schlug den Band nur auf, und da zerfiel sie einfach wie - wie ein in offenem Feuer verbranntes und sich in Rauch und heller Glut krümmendes Zeitungspapier, dessen Schrift dennoch dunkelgrau auf hell­grauer Asche zu entziffern ist, fast ein Negativ - solange man es nur nicht anrührte!

Minutenlang brütet er so über dem Buch, das durch die zerfallene Seite geschändet vor ihm liegt: geschändet durch ihn. Bestürzt wagt er kaum zu atmen, aus Furcht, einer der spröden Schnipsel könne, erfaßt von unbedachter Atemluft, vom Pult und zu Boden geweht, unter der Sohle irgendeines Stiefels für immer zertreten werden, bevor er die ihn jetzt überfallenden Gedanken zu Ende gedacht hat. Vom entgegengesetzten Ende des Saales tönt ein trockenes Husten, vergeblich unterdrückt, sonst ist es still. Ab und zu raschelt eine hastig umgeblätterte Seite. Etwa zwanzig Personen krümmen ihre gebeugten Rücken unter den grünen und gelben Glasschirmen der Leselampen. In den Gängen bilden Kokosläufer zwischen den Reihen der Pulte, an denen je zwei Personen Platz finden, schmale rote Stege, die jeden Schritt dämpfen.

Satschunin starrt auf das Buch, die Ränder des roten Einbandes, das seidig schimmernde Band des blauen Lesezeichens, die Fetzen der Seite - etwas, wie die Geschichte der Bibliothek zieht in diesen Sekunden an seinem verinnerlichten Blick vorbei - wenn nicht er, wer sollte sie sonst kennen! Eines muß er gegen das andere stellen: das Werden, Bestehen und Erhalten ihrer über zwanzig Millionen Objekte, zusammengesetzt aus Büchern, Zeit­schriften, Theaterprogrammen, Postkarten, Manuskrip­ten, frühen Stahlstichen, Inkunabeln, ja, sogar Papyri und überhaupt allem, was je gedruckt wurde und auf irgendwelchen krausen und verschlungenen Wegen in den Besitz der Bibliothek gelangte - ungeheuer, diese Vielfalt! Und dagegen nun diese eine zerfallene Buchseite, von ihm zerrissen, ungewollt, aber dennoch zerstört und künftigen Generationen genommen. Oh ja, niemand weiß besser als er um den Wert der Quellen, aus denen die Historie schöpft, und eine dieser Quellen hat er soeben unabsichtlich und unabänderlich verstopft - als habe er der Statue des Apollon im Tempel von Delphi höchst­persönlich einen ihrer weißen Marmorarme abgehackt.

Wie war das doch gleich mit der Bibliothek? Gegründet im Jahre 1795, als Historiker ist ihm jenes Datum genauso geläufig wie das ihrer Öffnung für die ersten Leser am 2. Januar 1814. Dazwischen Errichtung des ersten Gebäudes, entworfen von Sokolow im klassizistischen Stil und erbaut durch Rossi, das Ordnen der anfänglichen Bestände und deren Ergänzung durch neuere Ausgaben. Aus dem Stegreif zählt er sich hervorragende Köpfe russischer Kultur und Wissen­schaft auf, die sich ihrer seit den frühesten Tagen ihres Bestehens bedienten: Iwan Krylow, der große Fabelschreiber, die Dichter Konstantin Batiuschkow, Wladimir Korolenko, Nikolai Nekrasow, Maxim Gorki, Anton Delwig, Nikolai Gnedich, Alexander Puschkin und Leo Tolstoi, die Komponisten Modest Mussorgsky und Michail Glinka, der Maler Ilja Repin, der Chemiker Dimitri Mendelejew, der Physiologe Iwan Pawlow und unzählige andere.

Und dann: wie oft stand nicht die Bibliothek im Mittelpunkt revolutionärer Ereignisse! Am 9. Januar 1905 hielt Gorki hier seine Rede: rief er nicht erstmals das Volk darin auf, gegen die russische Autokratie zu kämpfen? Weiter, Juli 1917: in allen Zeitungen der Welt fanden sich Fotos von Schüssen auf eine friedliche Demonstration in der Nähe der Bibliothek. Und natürlich Lenin: auch er arbeitete zwischen 1893 und 1895 in einem ihrer Lesesäle. Geheime Treffen fanden hier statt zwischen ihm und Angehörigen der Revolutionären Gruppen und des St. Petersburger Kampfbundes zur Befreiung der Arbeiterklasse. Im November 1917, einer Zeit der Hungersnot und des Kampfes für die junge sowjetische Republik, verfaßte er hier sein Memorandum Die Aufgaben der Öffentlichen Bibliothek in Petrograd, in dem er die Notwendigkeit betonte, ihre Bestände dem arbeitenden Volk vollständig zugänglich zu machen, damit es aus seiner Geschichte Lehren ziehe. Tat es das?

Wieviele Dokumente aus jener Zeit legten nicht Zeugnis ab von Lenins großer Anteilnahme an den Problemen des Büchereiwesens im Lande und besonders der Arbeit der nun Öffentlichen Bibliothek im damaligen Petrograd! Indem man nämlich Lenins Hinweisen folgte, erreichte man in den ersten Jahren der Sowjetherr­schaft die radikale Umstrukturierung der Bibliothek. Ein System weitreichender Leserdienste wurde entwickelt und eingeführt, die das ganze Land mit Literatur versorgten, ebenso weitere Verbesserungen im bibliogra­phischen und Ausleihdienst zwischen den einzelnen nationalen Büchereien sowie im internationalen Buchaustausch, in Forschung und methodischer Arbeitsweise.

Satschunin stellt sich die Euphorie des ersten Fünf­jahresplanes vor: hatten nicht Bibliothekare der Öffentlichen Bibliothek entscheiden­den Anteil daran? Bücher, Fachzeitschriften und lange Listen mit weiter­führender Literatur versandten sie an das Stalingrader Traktorenwerk, die Metallurgen von Magnitka und die Bergwerksbetriebe am Dnjepr und in Kusnetsk. Den 125. Jahrestag der Bibliothek, an dem ihr der Orden des roten Banners der Arbeit verliehen wurde, feierten sie im Kreise einer weiten Öffentlichkeit: mehr als nur diese Ehrung verband sie mit ihrer Profession.

Und dann der zweite Weltkrieg, der zweite Große Vaterländische Krieg nach Napoleon: drei lange Jahre war Leningrad von Deutschen eingekesselt, 900 Tage teilte die Bibliothek alles Unglück mit der Stadt, wurde wie diese von Granaten beharkt und durch Brand­bomben, die auf ihre Dächer regneten, bedroht. Gleich in den ersten Kriegswochen verlagerte man den Großteil der Bestände in die Keller unter dem Gebäude: 20 Millionen Objekte, die Hälfte davon Bücher, ein Gewicht von mehr als fünftausend Tonnen, das hinuntergetragen werden mußte, innerhalb kürzester Zeit, darunter auch Dostojewskis Dämonen. Satschunin selbst erlebte diese Zeit als damals blutjunger Luftschutzhelfer: er war nie sehr kräftig gewesen, immer schon bebrillter Stubenhocker und von schmächtiger Gestalt, das Schleppen der schweren Bücherkisten erschien ihm wie die Qualen des Sisyphus, sie nahmen einfach kein Ende.

Kein einziger Tag in dieser Zeit, an dem die Bibliothek ihre Dienste einstellte: Ungeheizte Verwaltungszimmer und eiskalte Aufenthaltsräume für das Personal mußten als Lesesäle herhalten, durch die geborstenen Fenster hereinzuckender Widerschein umliegender brennender Häuser ersetzte an manchen Tagen das einstmals milde Licht der grün- und gelbbeschirmten Lampen, die schon lange keinen Strom mehr erhielten. Was man nun voller Haß auf die Deutschen las, waren Anleitungen zum Straßenkampf, Bau von Eisstraßen, waren Aufsätze über die Hydrologie des Ladogasees, die Behandlung von Skorbut sowie die Verwendung gegnerischen Gefechts­materials. Die allerkostbarsten Bücher und Hand­schriften hatte man gleich zu Anfang ins Hinterland geschafft. Dort lagerten sie gut verpackt in Kartoffelmieten und auf Friedhöfen vergraben. Gegen Ende der 900 Tage gingen Gerüchte durch die Stadt, daß Menschen Menschen aßen - Wahnsinnige, im Willen zu überleben.

Satschunin in seiner Ecke ist versunken in Erinnerung: Vor seinen Augen explodieren gerade noch einmal mit schrecklichem Krachen die Granaten in den Wänden der Bibliothek, brechen tiefe Löcher, durch die man unversehens Aussicht auf das Katharinen­denkmal und das brennende Puschkin­theater drüben an der Stirnseite des Parks gewann - nie jedoch wurde die Bibliothek selbst so schwer getroffen, daß sie die aufglim­menden Brandnester nicht mit den wenigen verfügbaren Mitteln hätten löschen können. Später nannte man es Tapferkeit und Heldentum, aber wenn er es nun bedenkt, war es nur die Unerfahrenheit und das Unwissen der blutjungen Luftschutz­helfer um den Wert des eigenen Lebens, welche die Bibliothek über die drei furchtbaren Jahre der Belagerung und des schwersten Beschusses vor der Zerstörung retteten -

Und nun dies.

Halb noch im Traum gefangen erhebt er sich; Einundsiebzig, da hat man es kaum mehr eilig. Müde, den Rücken gebeugt schlurft er den roten Läufer entlang. An dessen Auslauf, vor dem Pult der Saalaufseherin, ­bleibt er stehen. Eine reife Frau mit überquellenden Formen sitzt dort in einem Glaskasten, hinter ihrem rechten Ohr, halb unter Wogen drahtgespinstiger Dauerwelle verborgen, steckt ein Bleistift­stummel. Die rechte Hand tippt mit fleischigen Fingern endlose Kolonnen von Zahlen und Buch­staben in eine Tastatur, welche der kaum magerere Zeige­finger der Linken von einem Blatt abliest.

»Bitte«, murmelt Satschunin vor dem Pult. Ihm ist peinlich, sie in all der feist zur Schau getragenen Geschäftigkeit zu stören, doch muß er es wohl tun, er hat etwas zu melden. Bescheiden klopft sein knochig gekrümmter Finger an das Glas ihres Schalters.

Mißmutig schaut sie auf, den linken Zeigefinger mit dem Blatt verhaftet, als könne er nicht los von den Zahlen, während der rechte sich von der Tastatur ab- und dem gewaltigen Busen zuwendet, unter dem sie sich nun abwesend kratzt. Keine obszöne Geste, eher langweilig, als kratze sich ein Huhn mit dem Fuß am Hals oder scharre im Dreck: »Ja?«

»Ich - ich möchte einen Schaden melden, Genossin, Satschunin der Name, äh, Dr. Satschunin. Ach, verzeihen Sie die Anrede, ich kann mich nur schwer daran gewöhnen, daß heute alles anders ist. Nun also: es, äh - es zerfiel einfach. Ich glaube nicht, daß ich Schuld daran trage. Aber es war Dostojewskis Dämonen, eine unersetzliche Erstausgabe. Ich kann sie nicht einfach so zurückgeben.« Wie sie ihn jetzt anstarrt und immer weiter in der Falte unter ihrem Busen, der hierdurch in träge schwappende Wellen­bewegungen gerät, herumkratzt, wird Dr. Satschunin sehr unwohl, trotzdem fragt er weiter: »Was soll ich nun tun?«

Aus dem Verhau der Dauerwelle gefummelt, zieht der Bleistiftstummel hastig einen mattgrauen Strich unter die zuletzt bearbeitete Zeile der Liste, bevor sie den Zeigefinger davon löst, zum Telefonhörer greift und eine Nummer wählt. »Warten Sie!«

Satschunin vernimmt das leise Tuten im Hörer und sieht den Blick der Aufseherin auf sich geheftet, als sei er eine haarige Spinne, soeben im Begriff, in die heile Unbequem­lichkeit ihres engen, gläsernen Schalter­palastes einzudringen.

»Ja? Hier Ludmilla Andrejewna, Saal vier. Ein Leser steht hier. Er sagt, er habe einen Schaden zu melden. Wie? Nein, ich habe nicht - erlauben Sie, Genosse, ich gebe gerade die Zahlen ein von - nein, ich werde ihn fragen, Herr Direktor.« Die Sprechmuschel an den Busen pressend und solcherart zuverlässig von jeglichen Geräuschen im Raum abschirmend drängt sie, zu Satschunin gewandt: »Ihre Leserkarte - rasch!«

»Hier, bitte.« Den Hörer wieder am Ohr, studiert sie die Karte: »Ein Dr. Satschunin - ja, Gregor Iwanowitsch Satschunin. Er soll - ja, ich sage es ihm, Genos... Herr Direktor.«

Bedeutsam umständlich den Hörer auf die Gabel zurücklegend besieht sie sich noch einmal die Karte, reicht sie durch die Öffnung der Glasscheibe zurück und sagt unverhohlen neidisch: »Anscheinend sind Sie ihm bekannt.« Mühsam zwingt sie das halbe Lächeln, das sie Satschunin nun gönnt, in die Teiglappen ihres Gesichtes: »Zimmer zweihundertzehn, zweiter Stock, Sie können den Fahr­stuhl nehmen. Er erwartet Sie.«

Satschunin nimmt seine Karte entgegen und fragt: »Wer ist er

»Direktor Wolnikow. Er kennt Sie. Der Leiter der Bibliothek. Sollten Sie ihn nicht auch kennen, wenn er Sie kennt?« Kopfschüttelnd sieht sie ihm nach und verbindet erst, als er durch die zweiflügelige Tür nach draußen verschwunden ist, den Zeigefinger der Linken wieder mit dem grauen Bleistiftstrich, an dem sie eben unterbrochen wurde: ein Doktor, zerstört Bücher - na, wenn sie das zu Hause erzählt, Sachen gibt's! Die nächste Zahl tippt sie falsch ein: aus drei gotischen Inkunabeln werden dreiunddreißig, weil sie den Finger zu lange auf der Taste beließ - irgendwer wird die Zahl in seiner Doktorarbeit über die Petersburger Staatsbibliothek schon verwenden können.

Satschunin sieht sich in der Eingangshalle um, bemerkt, daß der Fahrstuhl sich im Keller befindet, und entschließt sich für die breite marmorne Treppe, die daneben in die oberen Geschosse führt. Wie oft war er ihre Stufen während der Belagerung nicht mit Eimern voller Wasser oder Sand zum Dach hinaufgeeilt, um immer und immer wieder irgendwo zu löschen! Jetzt geht es erheblich langsamer. Der grauweiß geflammte Stein ist in der Mitte ausgetreten, und den Handlauf des fast schwarzen Holzgeländers haben unzählige fettige und schwitzende Hände poliert. Als er im zweiten Stock ankommt, geht sein Atem schwer, aber er hebt doch den Kopf: gleich über dem Treppenhaus immer noch die schmale Luke, durch die sie sich über eine Leiter mit schweren Eimern an den Armen hindurchzwängen mußten, um gebückt auf den Decken­balken des oberen Lesesaals nach glimmenden Nestern der von deutschen Fliegern abgeworfenen Brandbomben zu suchen - er wendet sich nach links. Neben der dritten Tür ein Schild: Raum 210, Sekretariat Direktor Wolnikow. Er klopft an.

Keine Stimme, barsch »Herein!« fordernd, stattdessen wird die Tür von innen geöffnet, eine junge, hübsche Frau steht vor ihm.

»Ich...«

»Sie werden schon erwartet, Dr. Satschunin. Kommen Sie nur herein. Wollen Sie nicht ablegen?« Sie ergreift seinen Arm, zieht ihn sanft in das Vorzimmer des Direktors, lächelt ihn an, hilft ihm aus dem schweren Mantel. Durch die hohen Fenster ist draußen der Park mit den mächtigen Baumkronen zu sehen, rechts das hell wiederaufgebaute Puschkin­theater, linkerhand vom Ruß der Kirowwerke erhaben geschwärzt das Denkmal Katharinas der Großen: ein wunderbar beruhigender Anblick, so, wie jetzt kurz vor der Mittagszeit die Sonne träge durch das Blattwerk flirrt und alles vergoldet. Das letzte Mal blickte Satschunin von hier oben durch zerschmetterte Scheiben auf zerfetzte Baum­stümpfe und das brennende Gerippe des Theaters -

»Ah, Gregor Iwanowitsch!« Aus der Tür des nebenlie­genden Raumes ist jemand gekom­men und drückt nun seinen Unterarm: »Ist das eine Freude! Nein - erkennst du mich denn nicht mehr?« Satschunins Blick irrt zwischen der hübschen Sekretärin, die sich lächelnd wieder gesetzt hat, und dem Mann, der an ihrer Stelle seinen Arm ergriffen hält, ratlos hin und her.

»Andrej Michailowitsch! Erinnerst du dich nicht? Mischka! Dreiundvierzig - wir beide im zweiten Stock, über dem Hauptsaal: die Nemjetzkis hatten Phosphorbomben geworfen, sie durchschlugen das Dach, lagen wie tot und gerade deshalb bedrohlich auf dem Holzboden und funktionier­ten nicht - wir wußten das nicht und kippten eimerweise Sand darauf, und durch die Löcher und Ritzen im Boden rann der Sand hinab auf die Bücher unter uns, und einer schrie herauf...«

»...schrie herauf: wollt ihr da oben wohl endlich aufhören, eure verdammten Sandburgen zu bauen, es geht hier um nichts mehr oder weniger als die Kultur des russischen Volkes!«

Satschunin schaut in blaue Augen und erkennt sie: »Du bist Wolnikow?« Sein Blick streift über den Leib des ihn immer noch im Griff Haltenden, gerührt legt er die knotige Hand, die eben ein Buch zerstörte, kaum denkt er noch daran, auf die feiste Schulter des Direktors und sagt: »Damals warst du aber erheblich magerer. Ich mußte dich festhalten, daß du nicht durch eines der Löcher im Boden geglitten wärest. Wer hätte das gedacht! Erstsemester und Luftschutzhelfer wie ich warst du - und nun bist du hier Direktor!«

Wolnikow nickt geschmeichelt und zieht ihn am Arm in sein Direktoren­zimmer: Ledersessel, Nußbaumtisch, gepolsterte Tür. Der hübschen Sekretärin bedeutet ein Blick aus den Augenwinkeln, fortan wünsche er nicht gestört zu werden. »Nun ja«, gibt er zu, »man kann nicht immer Student und hungrig bleiben. Ich für mein Teil hatte schon damals eine gewisse Affinität zu diesem Haus. Na, du siehst, was daraus geworden ist. Jeder muß irgendwo bleiben. Komm, setz dich doch. Zigarre?« Auffordernd hält er Satschunin ein ledernes Etui entgegen. Als der den Kopf schüttelnd verneint, beißt er selber von einer die Spitze ab, entzündet ein Holz und steckt sie umständlich saugend und sabbernd an. Seine Lippen sind von Speichel naß wie die eines an die Brust gelegten Säuglings.

»Ich - hm pff - bin nun - hm pff - Direktor dieser Bibliothek. Du kannst mir glauben, es war nicht immer das reine Zuckerschlecken - ah ja, nun zieht sie. Oft habe ich überlegt,« Wolnikow deponiert die Zigarre im Aschen­becher, ein dünnes Fähnchen Rauch steigt daraus hervor, er faltet die dicken Finger auf der Schreibtisch­platte zusammen, es wirkt wie eine einstudierte Geste, »was wäre wohl, wenn die deutschen Frauen damals mehr Sorgfalt auf die Herstellung der Brandbomben verwendet hätten? Wahrscheinlich wären sie sogar noch unter unserem Sand hochgegangen. Nun, wäre alles in der Welt perfekt, säßen wir uns jetzt wohl nicht gegenüber. Ein bißchen Schlamperei tut not, scheint mir, damit die Menschheit überlebt.«

Nachdenklich kratzt er sich am Kopf, von dem die Haare bürsten­artig abstehen, nimmt die im Aschenbecher glimmende Zigarre wieder auf und zieht daran. Sein Blick schweift wässerig blau aus dem oben bogenförmig gewundenen Fenster zu seiner Rechten ab in das goldgelb flimmernde Laub des neuangelegten Parks unterhalb seines Zimmers. »Ach ja: Man bedeutete mir, du habest ein Buch zerstört. Dabei ist mir noch nicht bekannt, wie und in welchem Ausmaß du über dieses Buch hergefallen bist -«

»Nicht ich – gut, es ist ein Erstdruck von Dostojewskis Dämonen, die Seite, die ich aufschlug, zerbröselte einfach unter meinen Fingern! Ich -«

»Schon gut.« Wolnikow legt die Zigarre zurück in den Aschenbecher. Auf einmal scheint er müde. »Ich weiß, daß dich keine Schuld trifft. Hast du schon mal von Friedrich Gottlob Keller gehört? Er wurde 1816 geboren, zwei Jahre nach Eröffnung unserer Bibliothek, natürlich ein Sachse - er hat den Holzschliff erfunden. Du wirst mich fragen wollen, was daran so außergewöhnlich sei - nichts. Außer, daß seine Erfindung nach und nach alle unsere Bücher zugrunde richtet. Zumindest die, welche nach seiner Erfindung gedruckt wurden, also ab etwa 1850. Auch dein Erstdruck von Dostojewski fällt in diese Zeit.« Wolnikow streift die graue Rinde der Asche seiner Zigarre ab und schaut aus dem Fenster.

»1850 -« Satschunin sinnt in sein Hirn, repetiert das als Historiker gelernte Wissen: »- das Vierkönigsbündnis zwischen Bayern, Sachsen, Hannover und Württemberg, die Olmützer Punktation zwischen Preußen und Österreich, China, der Taiping-Aufstand, Zar Nikolaus I. in Petersburg - was aber, um alle Welt, ist Holzschliff? Ich weiß es nicht!« Verwirrt schaut er auf Wolnikow und sucht in dessen blauen Augen, die sich ihm nun wieder zuwenden.

»Holzschliff - ja, gute Frage.« Ein Zug an der Zigarre, graue Wolken, die sich zwischen Wolnikows wasserblaue Augen und Satschunins fragendes Gesicht legen. »Weißt du, Gregor Iwanowitsch, woraus man Papier macht? Das, auf dem man Romane und all die Geschichten druckt? Vor Keller waren es Hadern, Textilabfälle - wer sie verkaufte, war ein Haderlump. Alles wurde von Hand geschöpft, jeder Bogen Papier war ein Unikat und brauchte mindestens fünf Tage bis zu seiner Fertigstellung. Du kannst dir vorstellen, daß dies zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht mehr ausreichte. Offiziere, adelige Damen, Schreiber, die sich dazu berufen glauben: alle wollen plötzlich gedruckt werden. Das vorhandene Papier reicht nicht mehr aus, um all ihre Ergüsse aufzunehmen. Bücher sind zu jener Zeit noch kostbarer Besitz, den sich nur Adelige oder Klöster leisten können - weil es angesichts dieses Überangebots an aufgeklärter Schreiberei nicht mehr genügend Lumpen gibt, die die Ärmsten entbehren mögen, um auf dem daraus geschöpften und gepreßten Sud Schwärmereien über sich und ihr naturbehaftetes und dabei doch so dumpfes und jammervolles Dasein drucken zu lassen. Es war die Zeit der Aufklärung. Aber besser noch in Hadern gekleidet, als von irgendeinem Junker aufgeklärt über die bevorstehende Revolution - Lettern hatten noch nie sattgemacht, und Buchdeckel hielten nicht warm. Also wurde der Rohstoff zur Papierherstellung knapp.

Ja, und dann erfand Friedrich Gottlob Keller den Holz­schliff. Das war zerfasertes Holz, das die Hadern als Rohstoff zur Papierherstellung ersetzte. Maschinell war beliebig viel davon herzustellen. Nun konnte man endlos schreiben, und das Buch erfuhr in wenigen Jahren einen unerhörten Aufschwung. Gleichzeitig begann damit der Niedergang der Bibliotheken, dessen man erst jetzt gewahr wurde. Ich sage es Dir so, wie ich vor Dir sitze: ich erfuhr es erst aus einem Bericht des New Librarian, das ist etwa zehn Jahre her, und für die Wissenschaftler war es damals Neuland. Aber sie ahnten bereits die Katastrophe, die über die Bibliotheken hereinbrechen würde.«

Als sei damit alles gesagt, pafft Wolnikow an seiner Zigarre und trommelt mit den feisten Fingern einen unruhigen Marschtakt auf der glänzend polierten Platte seines Schreibtisches. Er scheint in Sorge. Seine Brauen hatten sich gefurcht, als er das Wort Holzschliff aussprach, gerade so, als ob ein Schöngeist das Fäkalwort Scheiße mehrmals im Munde herumwälzen müßte. Für Satschunin jedoch, der wissenschaftlich angespannt zugehört und nichts begriffen hat, ist hierdurch nichts erklärt.

»Ja, und?« fragt er. »Was war denn so schlimm an dieser Erfindung, die - wie ich es sehe - bei der Herstel­lung von Papier nur textile Lumpen durch vielfach vorhandenes Holzmehl ersetzte?«

Schwer stößt Wolnikow die Winkel der Ellenbogen auf die Platte des Schreibtisches, seine Hände fuchteln beschwörend durch die Luft, und die Antwort ist heftig herausgestoßen: »Das Lignin ist es, das der Holzschliff enthält! Es absorbiert Licht im sichtbaren und ultravio­let­ten Bereich und regt hierdurch die Oxidation der langen Zellulosefasern an - über die Jahre geht seine Festigkeit verloren, im Gegensatz zu dem früheren, aus Hadern gefertigten Papier. Wenn man nichts unternimmt, wird es über kurz oder lang allen Büchern ergehen, wie deinem Dostojewski - und das Schlimmste ist, ich kann es nicht aufhalten!«

Fast scheint er den Tränen nahe, verschleiert wendet sich Wolnikows Blick wieder dem Fenster zu. »Es gibt noch etwas,« murmelt er, in die Laubkronen der Bäume starrend, »das betrifft die Papierleimung. Man wollte damit die Saugfähigkeit des Papiers verringern, damit es besser bedruckbar war. Das geschah seit Mitte des vorigen Jahrhunderts nach dem sogenannten Harz-Alaun-Verfahren. Dabei wird Aluminiumsulfat eingesetzt. Wir sind beide keine Chemiker, Gregor Iwanowitsch, aber soviel ist gewiß: dieses Sulfat ist dafür verantwort­lich, daß Schwefelsäure entsteht, die den Abbau der Fasern weiter beschleunigt. Die Bücher werden regelrecht zerfressen.«

Wolnikow wischt sich über die Augen, in diesem Moment scheint er unendlich traurig. »Willst du vielleicht auch noch wissen, was die Luft mit meinen Büchern treibt? Die Stick- und Schwefeloxide der Kirow- und anderer Industrie­werke bedrohen das Papier meiner Bibliothek ebenfalls. Schwefeloxid reagiert mit der Luftfeuchtigkeit im Papier zu schwefeliger Säure. Kommen Stickoxide hinzu, bildet sich sogar Schwefeltrioxid, aus dem mit Wasser wiederum Schwefelsäure entsteht - wahrhaftig, wir hätten Chemiker werden sollen, Gregor Iwanowitsch!«

Endlich hat Satschunin begriffen und windet beunruhigt die knochigen Finger ineinander. »Glaubst du wirklich, es steht so schlimm?«

»Schlimm? Nein es ist nicht schlimm, wenn man es nach neuestem Standard betrachtet. Man kann alle Bücher in Computern speichern. Wenigstens der Text geht dann nicht verloren. Aber nimm einmal eine Erzählung von Puschkin, handschriftlich mit all den Randbemerkungen, Streichungen, Hinzufügungen - glaubst du, seine Zweifel wären in einem Computerausdruck nachzuempfinden? Ja, da steht es dann geschrieben, bereinigt, alles Störende getilgt - aber hat er so gedacht? Verflucht noch mal: hat er so gedacht? Oder vielleicht doch anders? Eine winzige, aber entscheidende Nuance daneben - kann das nicht der ganzen Erzählung einen anderen Sinn geben, sie furchtbar entstellen und zu alltäglichem Müll degradieren?«

Nun, man könnte - fährt Wolnikow fort - mit verschie­denen Verfahren die Bücher entsäuern. Doch woher dafür das Geld nehmen? Und wenn es auch da wäre: in einem Bestand von zehn Millionen Bänden wären dies über 1200 Stück pro Tag, die manuell entsäuert werden müßten, um den fortschreitenden Verfall aufzuhalten. Die Restaura­toren in der Werkstatt der Bibliothek hingegen schafften weniger als ein Buch am Tag - und es waren die besten Restauratoren des Landes! So war es aussichtslos.

Ach ja - auch maschinelle Verfahren der Entsäuerung habe man entwickelt, im großen Stil setze man dabei Gase oder Flüssigkeiten ein. Wolnikow beginnt zu dozieren: Die Verfahren mit Gasanwen­dung schienen vorzuziehen sein, da sie die Tinten der Handschriften und auch die Leimung der Einbände am ehesten schonten. Diethylzink zum Beispiel: das jedoch war nicht ganz ungefährlich, da sich diese gasförmig-metallorganische Verbindung leicht entzündet. War es denn nur Unachtsamkeit, welche die erste Anlage mit diesem Entsäuerungsmittel explodieren ließ? Gut, danach verwendete man flüssige Magnesium­verbindungen, Fluorkohlenwasser­stoffe, das berüchtigte FCKW, mit oder ohne Zusatz von Methanol - alles nicht der Heil­sbringer, der gleichzeitig wirkungsvoll und unschädlich für die Umwelt war.

Müde streicht Wolnikows fette Hand durch die steife Bürste seiner Haare, während die Zigarre in der gläsernen Schale vor ihm einen grauen Aschenring ansetzt. »Lenin machte es sich leicht mit seiner Forderung«, sagt er. »Aber im augenblicklichen Zustand der Bücher dürften eigentlich nur gelernte Bibliothekare mit ihnen umgehen. Die Politiker machen es sich immer leicht. Volkesnähe - sie biedern sich an. Und ihre Rechnungen? Hat man schon je gehört, daß einer von ihnen die offenstehenden Posten auch beglichen hätte?«

Doch, es gebe ein nahezu sicheres System, die Bücher zu retten, sagt Wolnikow. Die Nemetzkis, deren Flugzeuge damals die Stadt mit Brandbomben beharkten, hätten es entwickelt. Welch absur­der Einfall der Geschichte, wenn man sich vor Augen führe, mit welcher Energie und welchem Haß sie damals diese Stadt mit allem darin vom Leben abzuschnüren und zu vernichten trachteten! Soll ich dich nun - fragt er - etwa auch noch mit ihrem Magnesium-Titan-Ethylat-Verfahren langwei­len? Sie nen­nen es Battelle-Prozeß, in Leipzig will man damit jährlich 400.000 Bücher bearbeiten. Aber Leipzig, das ist das reiche Deutschland und Rußland ist arm. Arm und mächtig - ein hilfloser Koloß, dem es an Geld mangelt, seinen laufenden Verpflicht­ungen nachzukommen. Wolnikow nimmt die Zigarre aus dem gläsernen Aschenbecher auf, streift ihren Aschering ab, saugt mit schwimmenden Lippen grauen Rauch heraus, pafft, und schaut Satschunin aus wasser­blauen Augen an: »Wo sagst du, hast du den Leichnam der Dämonen hinterlassen?«

Satschunin geht der Sarkasmus auf, der in dieser Frage Wolnikows steckt, und er antwortet: »Wenn man nicht weiter darin blättert, ist nur eine Seite verloren. Vielleicht kann man sie auch wieder zusammenleimen. Ich weiß es nicht. Es liegt alles da, wie es mir aus der Hand gefallen ist. Das Papier ist es also - da siehst du, womit ich als Historiker meine Zeit vergeude. Ich habe nichts davon gewußt. Sag, Andrej Michailowitsch, mich bewegt eine Frage: wenn wir damals nicht so emsig Sand auf all die Bomben geschüttet hätten - glaubst du, du wärest heute etwas anderes?«

Wolnikow reckt sich. Ja, verschiedener Sorgen wäre er heute ledig, geht ihm durch den Sinn. Um Zeit zu gewinnen, drückt er die Taste der Sprechanlage: »Fräulein Wantarowa? Herr Satschunin möchte in ein paar Minuten gehen. Bitte heben Sie vorher noch den Eingangsvermerk in seiner Lesekarte auf. Er war heute nicht hier.«

Und zu Satschunin gewandt: »Alles ist geregelt, mein Freund, niemand wird dich haftbar machen. Deine Frage: was ich heute wäre? Vielleicht - verbrannt? Was glaubst du, hält der Tod für uns bereit - endlich die ewige Weisheit? All die Schreiber seit Keller jedenfalls haben nichts an unserem Volk bewirkt. Manchmal überkommt mich der Gedanke: mögen ihre Nachlässe fröhlich untergehen im allgemeinen Wirrwar der Zeit. Und dann wieder möchte ich sogar Kinobillets und Busfahrpläne in der Bibliothek aufheben - ist das nicht irreal? Wenn ich heute Mittag nach Hause gehe, zu meiner Frau, dann ist das die Realität des Überlebens. Denn sie hält für mich ein Mittagessen bereit. Wei T'o, der chinesische Gott und Beschützer aller Bücher hat mir noch niemals etwas zukommen lassen. Er scheint keine Ahnung zu haben von der Last, welche die Aufbewahrung eines Buches bereitet. Nun, vielleicht hat die Mao-Clique ihn ja damals auch einfach abgeschafft, in der großen Kulturrevolution.

Ob ich heute etwas anderes wäre, fragst du? Nein, wahrschein­lich dasselbe: Direktor. Aber es hätte ebensogut ein Fischereibe­trieb sein können, dem ich dann vorstünde. Fische gibt es seit ewigen Zeiten, man muß sich nicht darum kümmern, wie sie wachsen, sie erneuern sich von selbst, solange man ihre Reviere nicht überfischt. Zudem hätte die Arbeit in dieser Branche gegenüber dem Bewahren von Geschriebenem einen unschätzbaren Vorzug: Fische dürfen und sollen sogar sterben. Bücher hingegen, einmal in eine Bibliothek aufgenommen, sind zu ewiger Existenz verdammt. Und das ist so, weil aus ihnen die Stimmen unserer Ahnen sprechen, mehr, als es die Geister der Toten des Nachts auf den Friedhöfen vermögen.

Im Ernst: würde dich Dostojewskis Geist erschrecken, wenn er dich heute aufsuchte? Vielleicht würdest du ihn als aufgeklärter Mensch belächeln und ihn zu einer Tasse Tee einladen. Aber was er schrieb und hinterlassen hat: das erschreckt dich noch immer - oder sollte ich mich irren? Ja, ich habe einen Auftrag und deshalb auch nie ernsthaft darüber nachgedacht, was aus mir geworden wäre, wenn wir damals nicht eimerweise Sand auf dem Dachboden verteilt hätten. Nur sage mir einer, wie ich diesen Auftrag erfüllen soll - ohne Geld!«

Wolnikow erhebt sich aus seinem Direktorensessel und tritt, die Hände auf dem Rücken ineinandergelegt, ans Fenster. Oh ja, er liebt seine Arbeit über alles. Und so betrachtet er das spielerisch im Sonnenlicht von grün zu gold wechselnde Laub der Bäume dort unten, aus denen vielleicht nach ihrem Absterben einmal Holzschliff wird, nicht so sehr mit den Augen des die Beschaulichkeit Suchen­den - eher wachsam, wie einen stumm lauernden Feind, der eben seine Anwesenheit durch eine winzige Bewegung verraten hat, und sich nun wieder still verhält. In entschlossenem Schwung macht sein fülliger Körper auf dem Absatz kehrt. »Man wird sich wohl damit abfinden müssen«, sagt er und setzt sich wieder.

»Aber die Bücher, Andrej Michailowitsch - was wird aus den Büchern! Man kann sie doch nicht einfach -« Ratlos läßt Satschunin die heftig erhobenen Hände sinken. Hinter ihm kommt Fräulein Wontarowa ins Direkti­ons­zimmer, sie trägt seinen Mantel über dem Arm.

Wolnikows Zigarre im Aschenbecher ist erloschen. Nachdenklich greift er zur Schachtel, entzündet ein neues Hölzchen und hält es aufflammend an den wieder aufgenommenen Stumpen. Nasse Lippen saugen an der aufgeweichten Spitze.

»Hm - pff - würde es dir nicht Frieden bereiten, wenn man sie einem Brand anheim gäbe, bevor sie vollständig zerfallen - einer Art Feuerbestattung? Weißt du, lieber Freund, in den vergangenen zehn Jahren habe ich viel darüber nachdenken müssen: hätten wir sie nicht schon damals ihrem Schicksal überlassen sollen, die Bibliothek meine ich - wo doch alles gegen sie stand? Wir haben ihren Tod doch nur hinausgezögert.«

Es kommt wieder Zug in die Zigarre. »Heute wäre es ein Verbrechen, Gregor Iwanowitsch, natürlich, ich weiß. Aber ist so eine Bibliothek nicht nur Alibi vor einem Volk, von dem drei Zehntel noch immer nicht lesen können? Ich wünsche es mir nicht, aber irgendwann werden diese drei Zehntel zusammen mit drei anderen über uns bestimmen, denen ganz andere Interessen im Auge liegen. Natürlich halten auch sie die Bibliotheken für das Volk geöffnet, aber sie lehren es nicht lesen. Soll man denen wirklich Dostojewski oder Tolstoi an die Hand geben? Du bist also Historiker. Nun, dann weißt du so gut wie ich, daß sich die Geschichte ständig wiederholt. Aber - ich frage dich als Historiker - bestünde nicht doch die Möglich­keit, daß sie einmal zugunsten des wie eh und je Hadern tragenden Volkes aus diesem ewigen Kreis ausbricht? Ich denke mir, es ist die Lumpen leid, und die Buchdrucker könnten sie gut brauchen. Was meinst du?«

Satschunin streckt die Arme nach hinten und schlüpft in seinen Mantel, den die Wontarowa hält. Die Schultern rüttelnd, läßt er ihn über seinen mageren Körper gleiten. Langsam, von unten nach oben, knöpft er ihn zu. Den letzten Knopf unschlüssig zwischen den Fingern drehend, sagt er:

»Das ist ein Gebiet, das man erst neuerdings mit Hilfe der Chaostheorie angeht. Aber es ist noch nicht genügend erforscht. Weißt du, es gibt kaum sichere Ergebnisse. Wenn du mich aber als einfachen Menschen fragst - ja, ich glaube schon, daß der Kreis der Geschichte durchbrochen werden kann - doch, das wäre durchaus möglich. Muß er das nicht sogar irgendwann, wenn wir uns nicht alle eingestehen wollen, nur gefesselte Tanzbären zu sein, die unbeholfen an der Kette im Kreis tapsen?«

Wolnikow ergreift seine Hand und schwenkt sie in kurzen und abgehackten Bewegungen herzlich auf und ab: »Also doch nicht in dir getäuscht - leb wohl, mein Guter, es hat mich wirklich sehr gefreut, dich wiederzusehen!« Die Zigarre beschreibt einen blau­dam­pfenden Halb­kreis: »Ach, und Fräulein Wantarowa: wenn Sie unseren lieben Gast, Herrn Dr. Satschunin hinausgeführt haben und wiederkommen, seien Sie doch bitte so nett - ich bräuchte ein neues Päckchen Zünd­hölzer. Dieses hier ist aufge­braucht.« Zur Untermalung schüttelt Wolnikow die leere Schachtel am Ohr.

Im Hinausgehen denkt Satschunin über dessen Worte nach und spürt noch die weichen Hände der Wontarowa auf seinen Schultern. Auch die Chaosforschung beruht nur auf Theorien und stellt neue auf, schießt ihm auf dem Weg die Treppe hinab durch den Kopf, und ich bin ein seniler Idiot zu glauben, ihre Ergebnisse würden an der Zwangsläufigkeit der Geschichte etwas ändern, sowenig, wie die Kenntnis um den Holzschliff als dessen Ursache den Zerfall der Bücher aufzu­halten vermag.

Ja, eine Feuerbestattung, sinnt Satschunin und tritt hinaus in das sanfte Licht des kleinen Parks im Rücken des Gebäudes. Womöglich hast du recht, Mischka - dann wäre dies für beide Fälle eine Lösung. Oder besser noch: Erlösung. Hoffentlich erinnert sich das hübsche Fräulein Wontarowa deiner kleinen Bitte - ohne Zündhölzer wird man nie Gewißheit erlangen.

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Es waren einmal vier winzige Gärten. Hinter vier Bungalows grenzten sie wie Teile eines glückverheißenden Kleeblattes aneinander, die Trennung zwischen ihnen war nur durch leichtes Buschwerk markiert. Der Bauträger hatte argumentiert, ohne die sonst üblichen Zäune wirke die Anlage sehr viel großzügiger, und die Käufer der vier Häuser und Gärten hatten nickend zugestimmt. Da wohnten sie allerdings noch nicht in ihrem Eigentum.

Nennen wir die vier Häuser vor den aneinander grenzenden Gärten der Einfachheit halber A, B, C und D. Anfangs schauten sich die Bewohner von A, B, C und D von ihren Terrassen noch gegenseitig in die Stuben. Da war in den Gärten erst zartes Grünen. Doch mit der Zeit sprossen die Hecken, wuchsen, wucherten und nahmen A, B, C und D die Sicht aufeinander, sofern diese sie nicht beschnitten. Und merkwürdig: A beschnitt in Richtung B, nicht jedoch in Richtung C. So daß folgende Situation entstand:

A schaute B auf die Terrasse und B ebenso A. Auf C und D hatten weder A noch B freie Sicht, da zwischen A und C sowie B und D nichts beschnitten war. Da wucherten üppige Korkenzieherweiden und Haselnüsse. Zwischen A und B jedoch wucherte nichts. Weil alles so kurzgehalten war. Eigentlich war fast nichts vorhanden. Wenn überhaupt, dann etwas Moos in den Ritzen der Plattenwege und - ein noch stilles Mißtrauen. Und - merkwürdig! - zwischen C und D spielte sich, ganz wie ein Spiegelbild von A und B, haargenau das gleiche ab. Daraus ergab sich nachstehend skizzierte Konstellation:
  A  B
  ══ 
  C  D

Das entsprach in etwa der Aufstellung eines gemischten Doppels im Tennis. Dem Netz gleich kam dabei das Buschwerk und Geranke zwischen AB und CD. Anders jedoch als beim Tennis waren weder AB noch CD Partner. Ganz im Gegenteil schienen sie sich - A zu B, wie auch C zu D - die allerintimsten Feinde zu sein. Und das kam so:

Familie A hatte vier Kinder, Familie B hingegen deren nur zwei. Mag sein, es lag daran, daß Vater-A auf Montage und daher nur am Wochenende zu Hause war. Da drängte er natürlich auf Erfüllung des Pflichtprogramms, verständlich.

Wenn nun deren Kinder über alle Grenzen - das heißt, über die der Grundstücke - hinweg miteinander spielten, bohrten sich meistens zwei der A-Kinder gelangweilt in den Nasen, da sie keine B-Partner fanden. So kommt man auf schlimme Gedanken. Einer davon war, die den Kindern der Familie B gehörende zahme Ratte namens Ratz aus ihrem Käfig zu befreien. Dieser stand zwecks Auslüftung der Ratte unbeobachtet auf dem kümmerlichen Rasen der Familie B, und die zwei überzähligen A-Kinder grölten, als sie heimtückisch das Türchen öffneten: „Freiheit! Freiheit! Wir sind das Volk!“

Darüber war fortan keiner so recht glücklich. Ratz war verschwunden und blieb es, soviel man auch nach ihm suchte und rief. Die Erwachsenen setzten sich zusammen und berieten. Und warfen sich nach kurzer und harter Diskussion handfeste Schmähungen und Schimpfwörter an die Köpfe. Man werde, rief man sich zornerfüllt über die gedachte Gartentrennlinie hinweg zu, das im Schutze seiner Rechtsschutzversicherung gerichtlich klären lassen.

Die Kinder spielten vorerst weiter zusammen. Auf ein B-Kind kamen zwei A-Kinder. Ähnliches galt für C und D. Gegen die hielten jedoch A und B zusammen, soweit sie das durch üppig wuchernde Korkenzieherweiden und Haselnußbüsche auf den Grundstücksgrenzen überhaupt für notwendig erachteten. Eigentlich lebte man in zwei Welten: AB und CD. Ratz, einmal freigelassen, hatte sich wahrscheinlich für keine der beiden mehr sonderlich interessiert und sich in seine eigene verkrümelt: die der Röhren und Abwässer.

Es kam, wie ein weitsichtig vorausschauender Mensch es hätte vorhersehen müssen: die Sache mit der Ratte wurde vor Gericht abgewiesen. Die Kinder seien nicht strafmündig; und die Ratte, auf eigenen Vorteil bedacht, sei einfach abgehauen, sobald jemand - wer, das lasse sich nicht mehr feststellen - das Türchen geöffnet hätte. Mit so etwas geht man nicht vor Gericht.

Also brät man seinen Zorn auf kleiner Flamme und läßt ihn nur ab und an hinaus. Zum Beispiel beim Rasenmähen, das auch auf Grasstücken, die bereits durch eine aufgeblasene Gummimatratze restlos belegt sind, unerläßlich ist. A tut dies mit einem gräßlich hustenden und spuckenden Benzingerät, das, wenn es einmal läuft, die vier aneinanderstoßenden Gärten in beißenden blauen Qualm hüllt. Bis es jedoch läuft, bedarf es mehrerer Versuche, es anzuwerfen; in der Regel so an die zwanzig bis dreißig. Das knurrt dann jedesmal wie ein angekettetes Tier: Kwirrr! - Kwirrr! - Und das am Samstag, da Herr A unter der Woche ja auf Montage ist; am Sonntag darf er erst recht nicht. Auch das Rasenmähen gehört zu seinem Pflichtprogramm, und damit kann er dann schon einmal in die allgemeine Mittagsruhe geraten. Meist beruht das auf dem unausgewogenen Verhältnis von einer Dreiviertelstunde Anwerfen des Motors zu fünf Minuten Mähen. Man kann sich da leicht in der Zeit vertun.

Wie neulich. Da erstarb das Gerät erst um dreizehn Uhr zwölf. Mitten in praller Mittagsruhe, mit so einem höhnischen Gurgeln zur Nachbarterrasse hin. Abends wurde Real Madrid gegen Benfica Lissabon übertragen, ein Spiel, das Herr A, frisch gebadet, unbedingt im TV verfolgen wollte. Da fuhr Herr B seinen Gartentraktor aus der Garage: schwarzglänzend, ein Monstrum mit 1,5 PS Dieselmotor und heulendem Turbolader, auf dem er sitzen und sogar Radio hören konnte. Über Kopfhörer. Herr A besaß leider keine Kopfhörer für seinen TV und lief hinter der zugezogenen Gardine zornrot an. Das nutzte aber kaum etwas. Der Diesel nagelte durch das Tulpenbeet von Frau B - alle Diesel nageln, wenn sie kalt sind, nicht sämtliche hingegen durch Tulpenbeete und schon gar nicht mit ausgelegtem Mähbalken - und schor in einer scharfen Kehre den Haselnußbusch auf der Grenze zwischen B und D, so daß dieser wie ein senkrecht durchsägtes Mensch-ärgere-dich-nicht-Figürchen wirkte. Gott sei Dank waren die D’s in Urlaub. Nicht jedoch Herrn B’s Eheweib, das ihm zeternd wegen der Tulpen die Hölle heiß machte.

Da bekam A fast ein wenig Mitleid mit B.

Und weil das Länderspiel sowieso im Eimer war, entsann er sich seines Pflichtprogramms. Zumal er schon gebadet war. Im darauffolgenden Sommer hatte sich das Verhältnis von A- zu B-Kindern auf fünf zu zwei verbessert. Für A. Dagegen kommt kein Traktor an.

Als die Familie D aus dem Urlaub zurückkehrte, funktionierte ihre Garten­be­leuchtung nicht: zwei Flutlichtscheinwerfer von je fünfhundert Watt, Halogenstab, logo: falls man nachts mal grillen wollte - oder so. Wenn jedoch ein fünfhundert Watt Halogenstab in einer Flutlichtlampe keine Spannung erhält, weil irgend so ein Viech das Kabel angenagt hat - natürlich verfiel man sofort auf Ratz als Schuldigen. Und verklagte die B’s. Deren Rechtsanwalt verwies vor Gericht auf die As, welcher Kinder das Rattentier einst - stöhnend barg der Amtsrichter sein Haupt in den aufgestützten Händen.

Da auch diese Klage abgewiesen wurde, grub Herr D seinen Anteil des Gartens auf und verlegte neue Kabel. Zwischen Entfernen des alten und Verlegen des neuen Kabels lag jedoch eine Arbeitswoche, in der er im Gymnasium Sextanern - halben Kindern noch - im Biologieunterricht Funktion und Bedeutung der Ribonukleinsäuren in der Vererbungslehre erklären mußte. Natürlich hatte er sich nicht notiert, wo das alte Kabel angeschlossen war.

Es gab einen Riesenkurzschluß, der die ganze Siedlung für mehrere Stunden verdunkelte. Man sollte Biologielehrer von Starkstrom fernhalten, bemerkte dessen Frau. Herr D wurde gehässig: Dann schließ du doch das neue Kabel an!

Pfü! sagte Frau D. Fällt mir ein. Und wozu?

Wozu, wozu! Damit man nachts Licht hat im Garten. Und -

Ich hab’s lieber dunkel, entgegnete sie spitz.

Jaaa, du, sagte er. Und dachte: So ein Streit ist vollkommen sinnlos. Es verlieren immer beide. Aber sollte er vor diesem Weib kuschen? Und sie: Etwa vor diesem Kerl in die Knie gehen?

Niemals.

Im Herbst kam das Anwesen D unter den Hammer. Herr und Frau D nahmen frisch geschieden je ein Kind mit in ihre Singlewohnungen. Ihren Reihenbungalow ersteigerte ein flotter Endvierziger mit Dreitagebart, dem die Frauen nur so zuliefen. Jedenfalls schienen es immer andere Gesichter, mit denen er Wein trinkend im Garten saß, und denen er vertraut zuprostete und sie unter dem Kinn oder sonstwo kitzelte. Flutlicht war nie dabei. Nur wenn man spät genug noch saß, schimmerte mitunter der Mond wie eine gelbe Back­pflaume vom Himmel und vergoldete Techtelmechtel und dreitagebärtiges Turtelgurtel vis-a-vis.

Es war nicht mit anzusehen. Deshalb saßen auch die Parteien A,  B und C in solch lauen Nächten in ihren Gärten und fluchten leise auf das Gestrüpp, das ihnen die Sicht auf das Geschehen in der renovierten Abteilung D nahm. Denn der bärtige Herr D tat nichts am Garten, außer darin Wein zu trinken. Und so wuchs dieser immer mehr zu. Für zwei immerhin reichte der verfügbare Platz noch geraume Zeit, besonders, wenn diese sich so intim gaben, wie der neue Herr D mit seinen diversen Gespielinnen. Die Kinder, mit brennenden Augen aus den Gaubenfenstern ihrer Zimmer in den Dachschrägen starrend, sahen noch am meisten. In heiligem Feuer schworen sie sich, später - sollten sie einmal so groß werden wie der Mann mit Bart - auch im Garten Wein zu trinken. Die Jungen: Und Weiber nicht zu knapp. Die Mädchen natürlich: Und nach dem Wein müßte er ihnen einen Antrag machen und sie auf Händen ins Haus tragen und überhaupt ... das weitere würde man dann schon sehen.

Jungen wie auch Mädchen sahen dabei den Garten D vollkommen realistisch als Falle. Welche die Jungen, in der Art einer Mausefalle, stets neu zu spannen gedachten. Mädchen dachten da - nach dem erstem Zuschnappen - eher an eine Art Recycling: Bügel, Haken und Ösen der Falle müßten natürlich sofort umge­schmiedet werden. Zum Beispiel in solide Fußketten. Man darf raten, für wen.

Mittlerweile bot sich das folgende Bild:
  A    B
    ╔═
  C║ D

Im Spätherbst schrillte etwas vom Grundstück C in die Oktoberwatte über den Grundstücken A, B und D, das nicht von dieser Welt schien: ein Schrei, so grausig, daß alles sofort an den Fenstern hing. Ein Amerikaner würde sagen: terrible. Der Brite: horrible. Die fünf W’s: Wer, was, wann, wo, warum - ein W war klar: nur Frau C besaß solch ein Organ. Die anderen vier W’s klärten sich erst nach und nach.

Wer, was, wo: Frau C hatte im Keller ihres Reihenhauses eine Ratte gesehen. Also, nicht richtig gesehen - eher bemerkt. So aus den Augenwinkeln. Aber es war eine Ratte. Na, das müsse sie doch am besten wissen. Schließlich - wann? Na, gestern, als sie geschrien hat. Warum? Mensch, natürlich wegen der Ratte! Damit waren die fünf W’s geklärt. Was sich nicht klären ließ, war, ob das nicht etwa Ratz ... nein? So einer mit einer Blesse über der Nase, ganz selten bei - na, dann eben nicht.

Frau C ließ den Kammerjäger kommen. Der machte sich wichtig im Keller zu schaffen, stellte allerlei Köder auf und - fing die Ratte: es war Ratz. In Freiheit zwar etwas abgemagert, doch unverkennbar der weiße Fleck auf der fliehenden Stirn: vielleicht gab es zwei solcher Kennzeichen unter Millionen von Ratten, eher weniger. Der Kammerjäger warf Ratz auf den Kompost. Dort, hinter dem rasierten Haselnußbusch, entdeckten ihn die B-Kinder, immer noch nur zu zweit. Die hoben ein Geheul an, das die ganze Siedlung weckte. So wie damals des Lehrers Flutlicht­ambition die Siedlung in plötzliches Dunkel hatte stürzen lassen. Das Geheul ließ sich nicht beruhigen, es ging um Ratz mit dem weißen Stirnfleck. Ratz, der starr auf dem Komposthaufen lag und nie mehr auf einer Kinderschulter sitzend in dessen Ohr schnuppern würde. Ach, das hatte so wunderbar gekitzelt!

Familie B beschloß, Familie C zu verklagen: wegen Haustiermordes. Wofür zahlte man schließlich jahrelang in die Rechtsschutzversicherung? Es kam zur Verhandlung. Stöhnend barg der Amtsrichter sein Haupt in den aufgestützten Händen. Wenn niemand hinguckte, weinte er. Und als jemand hinguckte, verfiel er in ein schrilles Lachen: ja will denn niemand den Wahnsinn der Welt aufhalten?

Wollen schon.

Aber da ist die Familie B, die wegen einer toten Ratte klagt. Wobei noch nicht mal geklärt ist, ob der Kadaver auf dem Kompost der C ihr Ratz war. Selbst wenn er eine Blesse hatte ...

Im folgenden Jahr verfiel man auf ein Straßenfest. Eher ein Viertelfest. Noch eher ein Fest der Familien A, B, C und des Dreitagebärtigen. Man besuchte sich gegenseitig, plante und beschloß: draußen wollte man grillen, nach der Musik von Stones und Beatles tanzen und sich nahesein - und am nächsten Tag alle gemeinsam abwaschen. Klar.

Man hätte das Fest im gemeinsamen Garten feiern können. War man sich zu spinnefeind? Es fand auf der Straße um die Häuschen herum statt. Man tanzte nach Stones und Beatles, Herr D tat sich besonders hervor. Und war als erster verschwunden. Ein richtiges Straßenfest war es nicht, da vier Straßen das Karree umschlossen. Man nutzte nur eine. Und zum Abwasch kamen lediglich die Frauen der Familien A und C. B ölte den Rasentraktor, wobei ihm seine Frau assistieren mußte. Und D - na, der hatte was ganz anderes zu tun und sowieso keine Frau.

Herr A sagte: morgen muß ich wieder. Küßte Frau und Kinder. Vielleicht, sagte er, kriegen wir ja nächstes Mal so viel Nachbarn zusammen, daß wir uns nicht ausschließlich mit uns Karreebewohnern selbst befassen müssen. Das war schon ätzend. Und wen der D da wohl wieder in seinem Garten hatte - Mann, der war ja auf einmal schnell weg!

Am Montag, gegen vier Uhr morgens, fuhr Herr A auf Montage. Gegen halb fünf kuschelte sich der bärtige, gut ausgeschlafene und über die Terrassentür hereingelassene Herr D an die wohlig erschauernde Frau A. Anfangs unterhielt man sich flüsternd und ein wenig gehemmt noch über Beatles, Stones und die Achtundsechziger, denn der von D bezogene Anteil des A’schen Ehebettes war noch warm; kam dann aber rasch zur Sache. Was ja im Sinne von Straßenfesten liegt, das gegenseitige Kennenlernen nämlich. Hach, das kitzelt aber, flötete unterdrückt und doch beglückt Frau A, als sich der Bart unter der Decke auf ihrem Bauch wie auch anschließendem Gelände zu schaffen machte.

Verschließen wir die Augen vor so viel Verderbtheit. Doch für Frau A war’s ein Rechenexempel: Freitag, Samstag mit Ehemann gegen fünf verbleibende Wochentage ohne - noch war sie attraktiv, das würde sich bald abnützen. Hatte sie vom Leben nicht anderes mehr zu erwarten als nur einen Mann, der auf Montage schuften mußte, um das verdammte Haus abzubezahlen? Und auch für Herrn D war’s ein Rechenexempel: er rechnete auch bisher schon allein mit der Dummheit der Frauen. Der einzige Grund, weshalb er sich damals das Haus hatte leisten können.

Einige Jahre weiter:
  A | B
 ---┼--
  C |

Über etliche Angelegenheiten in den Gartenbereichen A, B und C waren seither Gras, Moos sowie Sauerampfer und Klee gewachsen. D kroch der vor Jahren noch von seinen Vorgängern gepflanzte Blauregen bereits übers Dach und nahm den Schornstein in seinen Würgegriff, ohne bislang auch nur einmal geblüht zu haben: blau. D hauste in seinem Dornröschenschloß, und wenn er nichts anderes tat, trank er Wein. Er tat nichts anderes. Es verlangte ihn auch nicht mehr nach Frauen.

Im übrigen: die Kinder waren groß und zumeist aus dem Haus. Ratz mit der Blesse auf der Nase tauchte nur noch vereinzelt in Glück- oder Angstträumen auf, wie sie erwachsenen Kindern vom Fieber oder allzuviel Alkohol diktiert werden. Und auch D kam für Frau A nur noch im Traum vor. Ihr Mann hatte sie längst verlassen, auf Montage eine jüngere kennengelernt. Aber auch sie hatte einmal etwas anderes als nur ihn gehabt. Das, wie auch das Haus und die Kinder konnte ihr niemand nehmen. Sollte der Scheißkerl sehen, wo er mit seiner Tussie blieb!

Man wird nun spöttisch fragen, wo es so etwas wie das bisher beschriebene in unserer weiß Gott und gottlob doch so aufgeklärten Gesellschaft noch gibt - nun, ein jeder hat Nachbarn.

Dort stochere man mal unbedarft und doch beharrlich im und unter dessen Mistbeet: alles ist wahr, wird sich herausstellen. Wer es nicht glaubt, der frage seinen Nachbarn: Ob das alles -?

Na klar, wird der sagen. Er selber sei zwar nicht so. Aber die anderen: genau wie geschildert.Ja, und dazu muß man nur über den Zaun sehen. Ab und zu.

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Die Höhe der Bahnhofshalle bedrückte Köhler. Ganz oben, unter der Kuppel, brach sich das Licht ihrer nächtlich erleuchteten Bahnsteige in schwärzlich verrußtem Glas. Viele der Scheiben dort waren zersprungen und gaben Blicke frei in dunkle Unendlichkeit. Kein Stern am Himmel, der große Zeiger der Uhr rückte wieder um ein Sechzigstel vor, lautlos.

Am Hallenende, dort, wo an ihrer Stirnseite fünf Meter hoch der Schriftzug einer Parfümmarke in gelbem Neon über den blanken Gleisen schimmerte, umschwärmt von Wolken flatternder Nachtmotten, tauchten Lichter auf und flossen über den Bahnsteig, auf dem Köhler wartete. Ein Zug fuhr ein und hielt. Zischend öffneten sich die Türen und spien Menschen aus. Eine Woge von Maschinenlärm und Stimmen stürzte über Köhler hinweg. Umarmungen, abgenommene Koffer, andere stiegen ein und zogen kurz danach Scheiben herunter, um mit aufgelehnten Armen jemandem ein letztes mahnendes Gespräch aufzunötigen, wie oft er die Blumen zu gießen hätte, oder auch nur, um ihr oder ihm lange in die Augen zu schauen.

Sie, die Köhler erwartete, war nicht unter den Angekommenen. Enttäuscht blickte er den Reisenden nach, die eilig die Treppe zur Unterführung hinab­drängten. In seiner unmittelbaren Nähe gellte ein Trillerpfiff und zerschnitt die Lautsprecherdurchsage einer Frauenstimme. Mit gedämpften Geräuschen - plopp, plopp - schlossen die automatischen Türen, der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Köhler wandte sich um. Gesichter hinter Abteilscheiben glitten an ihm vorüber, belanglos. Er würde ihnen nie wieder begegnen. Eigentlich schaute er nur hin, um sicher zu sein, sie nicht übersehen zu haben - wäre es möglich, sie führe durch zu ihren Eltern, ohne einen Halt in seiner Stadt einzulegen, einen Halt bei ihm?

Denkbar schon. Jedoch hoffte er fest: das würde sie nicht tun. Und war sich keineswegs sicher - warum sonst hatte er die Gesichter der Reisenden in den vorübergleitenden Abteilen gemustert? Wenige Augenblicke später schaute er den roten Rücklichttellern des sich außerhalb der Halle wie ein Wurm durch zahllose Weichen windenden Zuges nach. Nein - das würde sie nicht tun, hoffte er, betete er. Und blieb doch unsicher.

Sonja.

Deutlich sah er die Szene vor sich: wie er sie zur Bahn gebracht, ihr die große Tasche abgenommen und sich am Schluß mit dem Taschentuch über die Stirn gewischt hatte: es war Sommer gewesen. Sommer und Sonja. Nun zog er sich den Kragen hoch. Unangenehm kalte Böen wirbelten von Zeit zu Zeit durch den Schlauch der Halle, stellten den Wartenden die Haare gegen den Strich und trieben Papierfetzen über die Bahnsteige. Ein kleiner, krausköpfiger Süd­länder fegte sie gleichmütig vor sich her, bis der Wind sie seinem breiten Besen wieder entriß, ein paar Wartenden vor die Füße trieb, wo sie liegenblieben, da er sich dort nicht zu fegen getraute.

Sonja.

Sie war eingestiegen, er hatte ihr die Tasche nachgereicht, und sie war im Abteil verschwunden. Einen Augenblick lang sah er sie sich mit dem Fenster abmühen. Als ihr nicht gelang, es herunter zu ziehen, schnitt sie ihm Fratzen durch das Glas und war gleich darauf wieder in der Tür. Sonja.

»Wirst du mir schreiben?« Sie lachte das ihr eigentümliche winzige Lachen, das ihre Unsicherheit geradezu herausschrie, und machte dazu ein unglückliches Gesicht. Köhler hatte sein Taschentuch eingesteckt, ihr die offene Hand entgegengestreckt und ernst erwidert:

»Versprochen. Ich werde ganze Romane schreiben - jeden Tag einen. Und nur für dich. Bist du wirklich sicher, daß du fahren mußt?« Ihre unbestimmte Kopfbewegung auf seine Frage hatte er damals nicht deuten können.

Der Zugbegleiter pfiff, hob seine Signalkelle und suchte ganz vorne das Gesicht des Lokomotivführers. Dieser lehnte sich aus dem Fenster der Lok, hob den in schwarzen Drillich gehüllten Arm und zog ihn wieder in das Innere der Lok zurück, um sich an ihren vielen Ventilen, Hebeln und Schaltern zu schaffen zu machen. Die Türen schlossen sich, ohne daß Sonja Köhlers ausgestreckte Hand ergriffen hätte. Metall, Glas und Gummi verhinderten dies, die sich automatisch zwischen sie legten und sie voneinander trennten. Später war es dann die Entfernung gewesen, und beileibe hatte er nicht jeden Tag geschrieben - schon gar keinen Roman.

Im Abfahren hatte sich ihr Gesicht unter denen der anderen Reisenden verloren, zuletzt brannten Köhler die glühenden Rücklichter des Zuges in den Augen, der sich damals - gerade wie jetzt - in der beginnenden Dunkelheit aus der Halle schlängelte.

Sonja.

Er ging zum Würstchenstand. Kaltes Neonlicht warf seinen Schein aus dem verglasten Verschlag über das erhitzt glänzende Gesicht des Verkäufers und die seiner Kunden. Der Verkäufer - auch er Südländer - trug ein weißes Käppi und wendete bedachtsam die Würste auf dem Rost. Seine Kunden waren nicht verwöhnt; sie wischten sich mit den Handrücken das Fett von den Lippen, das von den Würsten troff, und lehnten sich gelangweilt an den Stand, ab und zu nach dem Pappbecher mit klebriger Cola vor sich auf dem Brett greifend, für den sie weit mehr als für die Wurst zu zahlen hatten. Egal womit: es handelte sich nur darum, den Magen zu füllen.

Köhler ekelte es, obgleich er drängenden Hunger verspürte. Er wandte sich ab. Ein neuer Zug fuhr ein und öffnete zischend seine Türen. Köhlers Hunger war auf etwas Unbestimmtes gerichtet, er wußte selbst nicht, was es war. Dieser Zug kam aus München, und darin saß sie bestimmt nicht, wenn sie, wie er annahm, die direkte Route gewählt hatte.

Es war alles so verfahren. Nie zuvor hatte er einen Menschen so geliebt wie Sonja. Und kaum je zuvor hatte er einen Menschen, den er beim Vornamen nannte, weniger berührt. Wie konnte er nur annehmen, sie machte Halt in seiner Stadt. Er hatte sie nicht ermuntert, als sie abfuhr. »Wirst du mir schreiben?«

Natürlich hatte er ihr geschrieben. Belangloses Zeug, wenig von sich und viel von seiner Sorge um sie. Aber sie würde sich nicht ändern. Sie war jung, gerade zweiundzwanzig, und er doppelt so alt. Solange sie keinen Mann fand, würde sie dieses Leben weiterführen. Und er war nicht der Mann für sie, beschwor sie in Briefen dennoch, es zu ändern.

Sonja war krank. Aber das wußten nur er und sie selbst. Er mehr, als sie. Denn sie gestand es sich nicht ein. Und er mit seinem Wissen - was konnte er schon für sie tun! Wenn sie nicht aus freien Stücken zu ihm zurückfand, wo er sie wieder behutsam unter seine Fittiche nehmen konnte und nichts von ihr verlangte, als daß sie nur seinem Ratschlag folgte - als sie abfuhr, und sie beide durch die blinde Scheibe getrennt wurden, war er auf halbem Wege allein gelassen worden. Von ihr, von Sonja. Sie wollte es so. Was er sich vorgenommen hatte, blieb Stückwerk. Aber er wußte besser, was ihr guttat.

Warum war sie nicht gekommen? Es gab die anstehenden Feiertage, die auch für ihren Landstrich galten - sie hätte kommen müssen!

Einen winzigen Augenblick sah er klar: er war nicht hier, um sie abzuholen. Wenn er ihr nicht nachreiste, blieb sie aus seinem Leben verschwunden. Die ausgestreckte  Hand: er hätte Sonja damals aus der Abteiltür ziehen können, aber er hatte es nicht getan, bevor die Tür sich schloß. Metall, Glas und Gummi - danach war es zu spät. Eigentlich glaubte er gar nicht mehr daran, daß sie wiederkäme.

Köhlers Beine setzten sich in Bewegung. Langsam ging er vor in Richtung Lok. Als er neben ihr stand, betrachtete er ihre Räder. Dunkel verschmiert, aber doch mit scharfen Rändern, würden sie einen menschlichen Körper, der sich vor ihnen auf die Schienen warf, zerteilen wie ein gebratenes Huhn. Die Lok stand und surrte, irgendein Elektromotor in ihr rumorte und wimmerte im Stillstand. Wenn er nun -

Als der Zugbegleiter pfiff, setzte sie sich in Bewegung. Rollte langsam an und wurde schneller. Von München nach Hamburg reisten die Passagiere, wußten nichts von Köhler und seinen Gedanken, seinen Zweifeln und Hoffnungen, Köln war für sie nur ein Aufenthalt wie viele. Sie glaubten sich behütet durch die allmächtige Bahn. Dabei kann ein einzelner Mensch dieses Monstrum aufhalten, wenn er nur -

Er stieß an Koffer, rempelte dunkle Mäntel an, atemlos, ohne jede Entschuldigung, hastete vorwärts, unaufhaltsam, Köhler rannte, Schweiß brach im aus: Sonja! Im zweiten der anrollenden Wagen nach der Lok hatte er Sonja erblickt, sie mußte es sein!

Abteile glitten an ihm vorüber, der Zug wurde schneller und schneller, im Rennen entrang sich Köhler ein wilder Schrei: »Son-jaaa!« Hinter ihm gellte unablässig die Trillerpfeife, und als er die Finger beider Hände in den nächsten vorbeikommenden Türgriff verkrallte und ruckartig vorwärtsgerissen wurde, verlor er die Kontrolle über seine Beine und stürzte zwischen Bahnsteigkante und Zug auf den ölig schwarzen Gleisschotter. Etwas stieß ihn mit und fuhr schneidend über ihn hinweg.

 Einen blutigroten Moment lang schoß ihm in voller Klarheit durch den Kopf, daß er bisher immer wieder nur ihrer unvollendeten Abreise hatte beiwohnen wollen, wenn er sich auf Bahnsteigen herumtrieb, stellvertretend durch andere Reisende vollzogen. Mit ihrer Ankunft hatte er nie wirklich gerechnet. Noch bevor die Bremssättel kreischend nach den Eisenrädern griffen und den Zug zum Stehen brachten, verlor er in barmherzigem Schock das Bewußtsein.

Die Räder hatten ihm beide Unterschenkel abgetrennt, sauber wie bei einem gebratenen Hähnchen.

Seine Sonja schaute irritiert von ihrem Buch auf, als der Zug kurz nach dem Anfahren außerhalb der Halle mit einem Ruck zum Stehen kam. »Wir hatten einen Unfall auf unserem Gleis«, unterrichtete der von Abteil zu Abteil hastende Schaffner die beunruhigten Fahrgäste, die sich an den herunter­gelassenen Fenstern drängten und in die Dunkelheit längs der Gleise spähten. »Es wird wohl eine halbe Stunde dauern, bevor es wieder frei ist. Bitte bleiben Sie im Wagen, die Sanitäter bemühen sich, es ist kein schöner Anblick.«

Dies ist seine Stadt, fuhr es Sonja durch den Kopf, und ausgerechnet hier werden wir aufgehalten - sollte das ein Wink sein? Da hatte ich gemeint, es sei besser, ihm nicht wieder zu begegnen. Für mich und für ihn. Und nun sitze ich in einem aufgehaltenen Zug in seiner Stadt und kann mein Gewissen nicht beruhigen. Alles ist so verfahren. Der Zug geht durch, es schien so klar, fahrplanmäßig höchstens drei Minuten Aufenthalt, nicht genug, um sich Gewissensbisse zu machen. Doch nun fahren wir vielleicht erst in einer halben Stunde.

Sie schaute aus dem Abteilfenster, die Fahrgäste hatten sich wieder gesetzt und diskutierten erregt miteinander. Seine Stadt, dachte sie. Irgendwo da draußen im Lichterdunst, der durch die beschlagenen Scheiben dämmert, sitzt er in seiner Mansarde und verfaßt vielleicht Briefe an mich. Will er mich denn nicht holen kommen? Aber wie konnte er wissen, daß sie in diesem Zug saß! Sie hätte ihm schreiben müssen, daß sie in Pasing noch eine Freundin besuchte und erst von dort aus weiter zu ihren Eltern reiste. Natürlich hatte sie ihm in ihrem letzten Brief mitgeteilt, daß sie die Feiertage zu Hause verbringen wollte, den Weg dorthin aber nicht ausführlicher dargelegt, um ihn nicht zu kränken. Sie wußte ja, daß er auf sie wartete. Aber ein Wiedersehen wäre für beide nicht gut, solange er noch verheiratet war. Sie wollte ihm die Ketten nicht lösen, er selbst hätte es tun müssen. Aber er? Womöglich trieb ihn die Furcht vor neuen Fesseln, und er verschanzte sich deshalb hinter seinen wunderschönen Briefen.

Einen irrwitzigen Moment lang erwog sie, einfach auszusteigen, erhob sich halb - und ließ sich wieder ins Polster zurücksinken. Unterdrückt lachte sie leise in sich hinein, mutlos, worüber einige der Mitreisenden die Brauen hoben: schließlich lag ein Verunglückter auf ihrem Gleis. Aber es war das ihr eigentümliche, winzige und unsichere Lachen, den dummen Halt in dieser Stadt und ihre Sehnsucht überdeckend: wenn er mich liebte, log sie sich vor, würde er werweißwas angestellt haben. Vielleicht den Zug auf freier Strecke angehalten haben, indem er das Signal verstellte oder sich einfach vor die Lok warf. Aber er konnte ja gar nicht wissen, vor welche, dachte sie bedrückt. Als ihr erschreckt bewußt wurde, in welche Abgründe ihre Gedanken sie hatten schweifen lassen, erstarb das kleine Lachen zwischen ihren Lippen.

Sie mußte unentwegt an ihn denken - und zog dabei unwillkürlich Parallelen. In ihrem Alter konnten die nur dramatisch ausfallen: nun hat es ein anderer wegen einer anderen getan, dachte sie und lehnte sich schaudernd ins Polster zurück. Wenn es doch Köhler wäre! Sie schloß die Augen und sah sich im Geist weinend über seinen verstümmelten Körper zwischen die Schienen geworfen, während Sanitäter und Bahnpersonal sie zurückzuhalten suchten. Überall war Blut. Dieses Bild erfüllte sie mit seltsamer Befriedigung. Als dessen Farben verblaßten, wußte sie, daß es wieder soweit war. Der Zug, unter dem Köhlers Körperfetzen endlich fortgeräumt waren, fuhr an und gewann rasch an Fahrt.

Sie ging zur Toilette, verriegelte die Tür und band sich mit dem Halstuch den Oberarm ab. Diesen Schuß widme ich dir, mein liebes Köhlerchen, dachte sie, der du noch nicht mal zu einem anständigen Selbstmord fähig bist! Schau her, wie man’s macht: in der Armbeuge suchend, fand sie eine Stelle, die noch nicht allzusehr zerstochen war und setzte die Nadel an. Eine Viertelstunde blieb sie zitternd auf dem Klodeckel sitzen, bis die erste Welle verebbt war. Köhlers, der sich zu dieser Zeit bereits unter Blaulicht in einem Rettungswagen auf dem Weg ins Krankenhaus befand, war noch nie in solch buntschillernden Bildern gedacht worden. Endlich erhob sich Sonja und entriegelte die Tür. Wie gut sie doch über diese Stadt hinweggekommen war! In der ersten Euphorie dachte sie: Köhler oder jeder andere - ich werde schon noch einen finden.

Es war eine schwache Ladung, die sie sich gesetzt hatte, abgemagert und nur für das augenblickliche Vergessen berechnet. So weit hatte sie sich dank Köhlers Briefen im Griff. Sie durften nur nicht ausbleiben. Drei Stunden später, während der Fahrt durch das nachtdunkle Tecklenburger Land, als sie hinter der Schwärze des Fenster gemächlich wiederkäuend hingelagerte schwarzbunte Kühe und die Weiten endlos grüner Weiden zu ahnen glaubte, wußte Sonja mit der Bestimmtheit ihrer zweiund­zwanzig Jahre, daß es Köhler war, der ihre Reise in seiner Stadt aufgehalten hatte. Es konnte gar nicht anders sein. Von nun an würden keine Briefe mehr kommen.

Zur gleichen Zeit verstarb Köhler unter dem gleißenden Licht der Krypton­lampen auf dem Operationstisch. Man hatte getan, was man konnte. Der Blutverlust war zu hoch gewesen, niemand hätte ihn retten können.

Wenn er mich doch nur gerufen hätte! dachte Sonja. Ich wäre ja gekommen. Sie fühlte, daß ihre Kraft nachließ und es bald wieder soweit wäre. Aber den nächsten verschob sie auf zu Hause. Sie wollte ein Telefon in ihrer Nähe wissen und bei Köhler anrufen, um Gewißheit zu haben. Dabei hatte sie die längst. In der Endphase ihres Rausches, den sie mit geschlossenen Augen in das Sitz­polster zurückgelehnt erlebte, lagen Köhler und sie nebeneinander auf einer bunten Wiese voller Blumen, die nach einem Desinfektionsmittel rochen. Er hatte einen Grashalm im Mund und betete ihr in monotonem Geleiere zum wiederholten Male vor, wie sehr er sie lieben würde, wenn sie endlich vom Stoff loskäme. Dann trat ihr eine schwarzbunte Kuh auf die Brust, und das tat sehr weh. Köhler kaute weiter an seinem Grashalm und leierte Sprüche ab, als habe er nichts bemerkt. Und auch das tat sehr weh.

»Gegen Kühe«, sagte er plötzlich und wandte ihr das Gesicht zu, »kann man nichts unternehmen.« Seine Augen waren auf ihren Busen gerichtet, der von der Kuh zertreten war. In ihnen lag keine Lüsternheit, eher besorgt ruhte sein Blick darauf. Doch er hob keine Hand, um ihr zu helfen. Unglücklich lagen sie nebeneinander, Köhler auf den Ellenbogen gestützt, unverwandt weilte sein Blick auf ihrem armen geschundenen Busen - entsetzt und besorgt.

Shit!

Sie brauchte weder Köhler noch sonst jemand. Sie war frei und hatte genug Stoff aus Marseille in den Sohlen ihrer Plateauschuhe mitgebracht, um die Feiertage bei ihren Eltern zu überstehen. Warum anrufen! Köhler war für sie gestorben. Mochte er in seiner Stadt verrotten.

In Hamburg-Altona, hundert Kilometer über ihr eigentliches Ziel hinaus, wo der leere Zug auf dem Abstellgleis gereinigt und für die Rückfahrt in die Alpen hergerichtet wurde, fand ein mit dem Auffüllen der Wassertanks beauftragter Mann vom Reinigungspersonal sie auf dem Abort. Nach vergeblichem Klopfen hatte er sich mit seinem Spezialschlüssel Einlaß verschafft. Der verrenkte Körper der jungen Frau war zwischen Wagenwand und die geschlossene Kloschüssel gerutscht, ihr Mund stand weit offen, wie in einem endlosen, stillen Schrei.In der verkrampften Hand hielt sie einen Zettel mit einer Zahlenfolge, wahrscheinlich eine Telefonnummer. Achtlos warf der Mann ihn in den Korb mit benutzten Papiertüchern, bevor er mit spitzen Fingern die am Boden liegende Einwegspritze aufhob und seine Kollegen zu Hilfe rief.

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Unvermittelt begann der schneidend ziehende Schmerz. Wie eine scharfe Nadel war er da, fuhr Krolow in die linke Brusthälfte, breitete sich im Oberarm aus und strahlte bis in seine plötzlich tauben Fingerspitzen. Ohne willentliches Zutun zuckte Krolows Hand vom Steuer und preßte sich auf seinen Oberschenkel. Der Wagen machte einen leichten Schlenker und holperte ein Stück über Grasnarbe und Unkrautbüschel am Straßenrand. Der Mann hinter dem Steuer stemmte angespannt die linke Schulter hoch, im Bestreben, den Arm so steif wie möglich durchgedrückt an den Leib zu pressen, nahm den Fuß vom Gas und lenkte mit der Rechten leicht gegen. Trotzdem schoß der Wagen weit über die Straßen­mitte hinaus, bevor er ihn wieder in der Gewalt hatte. Rechts flog das blaue Schild mit Hinweis auf einen Wanderparkplatz vorbei. Mit zitternden Knien trat Krolow auf das Bremspedal und bog scharf in die Auffahrt der kleinen Lichtung ein, die sich unter hohen Buchenstämmen auftat. Beim Öffnen der Wagentür rutschte sein Fuß von der Kupplung, und das Auto machte einen knappen Satz. Zuklappend schlug die Tür hart gegen Krolows Handknöchel. Wie durch ihn umhüllendes Seidenpapier nahm er aus dem Augenwinkel das Aufglimmen der roten Zündleuchte wahr, als der Motor sich mit einem metallisch scharfen Geräusch gegen seinen Fuß auf dem Bremspedal wehrte, bevor er erstarb. Noch im Gurt gefesselt, drückte Krolow die Tür auf und lehnte den Oberkörper halb hinaus. Unter keuchendem Würgen übergab er sich. Bei jeder krampfhaften Konvulsion, die seinen Körper schüttelte, straffte sich der Gurt und bewahrte Krolow davor, aus der Tür und in sein eigenes Erbrochenes zu fallen.

Irgendwann war er erschöpft in den Sitz zurückgesunken, und allmählich ließen der Druck auf seine Brust und die Enge darin, die er dem Gurt zuschrieb, nach. Ihn fror, und seine Stirn war von Schweiß bedeckt. Seine Gedanken liefen in alle Richtungen und suchten zu ergründen, was ihm widerfahren war. Doch sie verloren sich in weiten, dunklen Wölbungen, die er undeutlich hinter geschlossenen Augenlidern wahrzunehmen vermeinte, und deren keine einen erkennbaren Abschluß hatte. Er wurde sich des Pulsschlages bewußt, der harte Glockenschläge in seine Ohren hämmerte, und versuchte, tiefer in sich hinein­zu­horchen: doch da war nichts, das ihm Aufschluß über sich und seine augenblickliche Verfassung gab. Er sah sich als Puppe, der die Larve entschlüpft war, eine verlassene Hülle, und wenn das, was er zu tun vorgab, noch Denken war und nicht bloßes Fühlen, dann dachte er, daß diese Leere, die sich in ihm dehnte, etwas Furchteinflößendes sei, das ihn wohl erschrecken müsse - doch selbst zu dieser Empfindung fühlte Krolow sich im Moment außerstande.

Gleichgültig wurde er sich seiner Ohnmacht bewußt und nahm sie hin: sein Hirn half ihm nicht aus mit den nötigen Befehlen an die Glieder, den Gurt zu lösen, auszusteigen und ein wenig auf der Lichtung auf und ab zu gehen, um hierdurch Lunge und Blut mit mehr Sauerstoff zu füllen. Es versagte ihm, die Veränderung seines schlechten Zustandes in die eigene Hand zu nehmen. Machtlos gegen seine körperliche Hülle, diesen schlaffen, im Sitz zusammen­gesunkenen Sack, bestehend aus Krolows Haut und gefüllt mit Krolows Fleisch und Krolows Knochen, ergab er sich seiner Inhaltslosigkeit und stürzte in tiefstes, wohltätiges Dunkel...

Gegen Mittag mußte Krolow erwacht sein, denn die fahle Maisonne warf die Schatten der Buchen steil, kurz und diffus auf den Boden der Lichtung. Ein nicht unangenehmer Tag. Er erinnerte sich, am Morgen das Hotel in Rostock verlassen zu haben. Da war der Himmel noch von bleigrauer Farbe gewesen. Er mußte nach Berlin, hatte jedoch erst für den kommenden Tag eine Termin­absprache, so daß er sich spontan entschloß, die Autobahn zu meiden und ganz gemächlich über Nebenstraßen durch Mecklenburg und Brandenburg zu zuckeln.

Berlin kannte er von mehreren früheren Besuchen. In ihrer Bauwütigkeit erschien ihm die Stadt als hemmungsloser Moloch, in dessen Griff man gar nicht spät genug gelangen konnte. Über Güstrow hinaus riß mehr und mehr der Himmel auf, es war, als entkleide sich schamhaft eine Frau. Licht brach durch ein dreieckiges Loch in der Wolkendecke und brachte die frühe Saat auf den weiten Feldern der ehemaligen LPG’s zum Glühen.

Viele der Ortsnamen hier herum endeten auf -ow, und Krolow dachte an seinen eigenen Namen. Er grübelte, was seine Vorfahren wohl damals nach Duisburg verschlagen haben mochte. An glitzernden Seen kam er vorüber, befuhr hügelige, wie mit dem Lineal durch die Landschaft gezogene Alleen und tauchte in tiefe Laubwälder ein, welch letztere wohl ab August nach Pilzen duften mußten, und in denen sich Autos, die entgegenkamen, auch bei Tag durch eingeschaltetes Licht zu erkennen gaben - auf einem dieser schwarzen Asphaltbänder hatte ihn überraschend die Attacke seines Körpers ereilt.

Krolow löste den Gurt, der ihn immer noch gefangen hielt, und öffnete die angelehnte Tür seines Wagens. Ein Mittelklassemodell, er hielt nichts von Protz. Als er sein Erbrochenes sah, direkt vor dem Ausstieg, ließ er den Wagen an und fuhr die paar Meter vor, die er zu vernünftigem Parken am Rande der Lichtung in seiner Not nicht mehr geschafft hatte. Ein wenig schwach fühlte er sich, doch sonst erinnerte nichts an die Leere, die er - vor wieviel Jahren, Tagen, Stunden oder auch nur Minuten? - gleichgültig empfunden hatte.

Er stieg aus und blickte sich um: zum Waldrand hin eine vorne offene Holzhütte mit Bänken darin und einem Tisch, davor ein Rund aus groben Findlingen, das Innere mit grauer Asche und Resten unverbrannten Holzes gefüllt; zwei von Abfall überquellende Drahtkörbe und sonst nichts als Stille: kein Vogel sang, das von Sonnenspeeren durch­drun­gene Laub rührte sich nicht, kein Blättchen, das sich etwa in dem schwachen Wind, der über allem zu spüren war, regte. Linkerhand, hinter Büschen halb verborgen, das vom Mittelstreifen zweigeteilte Band der Straße, die wenig befahren schien - seitdem er erwacht war, hatte er noch kein einziges Fahrzeug darauf bemerkt. Krolow nahm die Ruhe in sich auf, die über allem lag, ging zur Hütte und setzte sich rittlings auf die Bank, den Rücken an die rauhe Wand gelehnt. Träge blinzelte er in die Lichtreflexe, welche die Sonne spielerisch auf dem Lack seines Autos hervorrief.

Er grübelte. Seltsam, daß er keinen brennenden Geschmack in Mund und Hals verspürte - als sei nie etwas gewesen. Dabei sah er sich, wie ein stiller Beobachter der Szene, halb aus dem Auto hängen und gottserbärmlich kotzen. Er griff in die Hosentasche, zog sein Taschentuch hervor und schnüffelte daran: es roch nach Flieder oder sonst etwas floralem, was eben so in Waschmitteln an Duftstoffen ist. Nicht jedoch nach Kotze.

Ein Brummen stieg aus der Ferne auf. Schwoll rasch an und vergröberte sich wie das Summen eines dicht am Ohr vorbeifliegenden Insekts. Schließlich knatterte es auf die Lichtung und scharte sich um sein Auto: drei Motorräder, eines davon mit einem merk­würdigen Beiwagen, der an eine Seemannskiste erinnerte. Dazu noch ein Gefährt, das den platten Wägelchen Beinamputierter kurz nach Kriegsende ähnelte, nur waren die Räder erheblich größer, ungefähr dreißig Zentimeter im Durchmesser und luftbereift. Am Heck der seltsamen Plattform hustete ein Motor, den Krolow als den eines Rasenmähers einschätzte, blaue Wölkchen in die Luft der Lichtung, bis ein Griff des Fahrers ihn abstellte. Er besaß wirklich keine Beine mehr und steckte in einer Art gepolsterter Hülse, die auf dem mit einem Fahrradlenker versehenen Chassis befestigt war. Unter der Bodenplatte waren einige Hebel und Zahnstangen zu erkennen. Nun schaute er zu Krolow herüber - interessiert, wie dem schien.

Von den Motorrädern, die sein Auto einkesselten, stiegen insgesamt sieben Personen ab. Gekleidet waren sie in genietetes Leder und in mit allerhand Fransen und Emblemen verziertes, ausgewaschenes Denim. Der ohne Beine blieb abwartend auf seinem Wägelchen hocken, ohne Hilfe konnte er kaum herunter.

Von Krolow keinerlei Notiz nehmend, scharte sich das Häuflein um den Findlingskreis, setzte die Helme ab und wischte sich die klebenden Haare aus den Stirnen. Glatzen und Locken kamen zum Vorschein. Krolow sah, daß drei Frauen darunter waren, zwei blond und eine schwarz. Einer schob den ohne Beine auf seinem Wägelchen in den Kreis um die Feuerstätte, und für einen Moment starrten alle - den Beinlosen ausgenommen - stumm auf die Spitzen ihrer Stiefel. Es wirkte wie eine kurze Andacht. Dann lösten sie den Kreis auf. Gingen hierhin und dorthin, einige suchten Feuerholz und stapelten es im Rund der Steine über der Asche. Krolow, der im Schatten der Hütte bleich und angestrengt wirkte, schien niemand zu beachten.

»So eine S-sauerei!« schrie einer. »Ha-hat da nich so’n Aas m-mitten in die Prärie gekotzt!« Beinahe wäre er in Krolows Nachlaß getreten. Ange­widert scharrte er mit der Stiefelspitze den mecklenburgischen Sand der Lichtung darüber. Er holte viel zu weit aus, seine Bewegungen schienen sonderbar unkoordiniert, als müsse er vor ihrer Ausführung jede einzelne sorgfältig planen, abgehackt und stotternd, wie auch seine Sprache.

Hinter der Hüttenwand tauchte eines der Mädchen auf und nestelte am Gürtel ihrer Jeans. Wahrscheinlich war sie zwischen den Buchenstämmen aus­treten gewesen. Sie drehte Krolow halb den Rücken zu, und dieser sah ihr ohne großes Interesse zu, wie sie das Ende des Gürtels durch die Schnalle führte und zuzog. Dann wandte sie sich um, stützte sich auf dem Tisch ab, setzte sich etwa einen Meter von ihm entfernt auf die Bank und starrte auf die Lichtung. Gerade ließ einer sein Feuerzeug unter dem Reisig aufflam­men, das sie unter das Holz gestopft hatten. Weißer Qualm stieg auf, allmählich fraß sich das Flämmchen ins Holz. Nach einer Weile begann die Luft zwischen Krolow und den vier Männern, die hinter dem nun hell flackernden Feuer standen und versunken hinein starrten, zu wabern.

Während der ganzen Zeit hatte das Mädchen kein Wort gesprochen, ihn nicht einmal eines Blickes gewürdigt. In Krolow stieg leichter Unmut auf. Wenigstens hallo hätte sie sagen können, als sie sich zu ihm setzte. Schließlich war er der Ältere und zuerst auf der Bank. Erst als das Reisig zu knistern begann, wandte sie leicht, wie lauschend, den Kopf, und da sah er, daß ihre Augen grau und milchig in den Höhlen lagen, und daß sie blind war.

Krolow streckte den Arm aus und berührte sie leicht an der Schulter. »Erschrecken Sie nicht,« sagte er leise, »ich saß schon die ganze Zeit hier. Sie werden mich nicht bemerkt haben, als Sie kamen. Ich sitze nur eine Armlänge von Ihnen entfernt. Sie sind blind, nicht wahr?«

»Nicht mehr, als andere. Ich habe Sie atmen gehört. Sie erschrecken mich nicht, ich wußte, daß Sie da sind. Bis eben waren Sie ein Atem neben mir, und ich dachte: Wer ist es? Mann, Frau oder ein Kind? Nein, kein Kind - Kinder sind neugierig. Wenn sie etwas nicht begreifen, dann fragen sie drauflos. Sie haben nicht gefragt. Eine Frau also? Keine Frau hätte sich solange zügeln können, ohne nach dem Woher und Wohin zu fragen, oder zumindest ein Gespräch über das Wetter oder die Frage nach dem nächsten Örtchen zu beginnen - das Schweigen der Männer also. Soll ich Ihnen sagen, wie alt Sie sind?« Sie wandte ihm das Gesicht mit den toten Augen zu.

Krolow schluckte. »Und?« fragte er. Er zog die ausgestreckten Beine näher zu sich heran, unter die Bank.

Das Mädchen schloß die Augen und wandte ihr Gesicht wieder in Richtung des Feuers. »Sagen wir mal, so um die fünfzig. Sie rauchen zuviel, vor kurzem war Ihnen nicht besonders gut, Sie sind verheiratet und viel unterwegs. Da Sie mich nicht angemacht haben, denke ich, daß Sie ihre Frau lieben oder jedenfalls noch nicht dazu gekommen sind, an etwas anderes zu denken. Ich glaube, Sie sind Vertreter oder sowas. Haben Sie Kinder?«

»Zwei.« Krolow war überrascht. »Sie - bitte nehmen Sie mir das nicht übel! - Sie könnten in jedem Zirkus auftreten! Fast alles war richtig - erstaunlich! Wie machen Sie das?«

Sie hob vage den Arm und ließ ihn auf die rohe Tischplatte zurückfallen. »Wie mache ich das - ich zähle eins und eins zusammen, solange, bis es hundert ergibt. Nein, im Ernst: ich höre zu. Sie schnaufen auf diese besondere Art, also sind sie Raucher. Ihre Stimme sagt mir, daß Sie nicht aus der Gegend stammen. Daß Sie verheiratet sind, habe ich nur geraten. Aber wenn es stimmt, ist die Folgerung daraus, daß Sie, da Sie allein sind, wahrscheinlich beruflich unter­wegs sind. Und Ihre Wortwahl weist Sie als etwas anderes als Handwerker oder Monteur aus. Wer aber kommt sonst noch beruflich nach hier? Ich möchte Sie nicht Klinkenputzer nennen, aber es läuft wohl darauf hinaus. Wir haben mit den Westlern, die sich so gerne Wessies nennen, kaum gute Erfahrungen gemacht. Sie dürfen es mir ruhig übel nehmen, wahr­schein­lich könnt ihr da drüben nicht anders, so wie wir Ossies hier nicht anders können.«

»Noch nie habe ich jemanden Ossie genannt.« Krolow tat ein bißchen einge­schnappt, dachte, er müßte sich rechtfertigen. Die Männer am Feuer hielten nun Bierdosen in den Händen. Einer stocherte mit einem Ast in der Glut und legte vom gesammelten Holzvorrat nach.

»Ebenso wie Sie, bin ich Deutscher. Wessie als Verniedlichung habe ich nicht nötig. Wer sagt schon sowas, das stammt doch von irgendwelchen Eierköpfen im Troß der Regierung. Die Spannung zwischen Habenden und Nicht­habenden soll bemäntelt werden, es dreht sich gar nicht um Ost oder West. Und all diese Anzeigen in den Zeitungen - ein berühmter Kopf, darunter steht: ein Ossie. Oder auch Wessie. Alles Quatsch: so kriegen sie die Spannung aus vierzig Jahren verordneter Feindschaft nie raus. Nach dem Krieg waren die Kapitalisten nun mal im Westen und die Kommunisten im Osten und wollten uns Deutsche - jeder sein erobertes Eckchen für sich - mit ihren Ideologien beglücken. Ich glaube, die Kommunisten machten Pleite, weil ihre Obersten selber Kapitalisten waren, nur durften Sie - als Bürger - die da oben nicht nachahmen, dann wäre für die Bonzen nicht genug geblieben. Denken Sie nur an Wandlitz und die Joghurt­becher in den Mülltonnen dort. Langweile ich Sie?«

»Nein, fahren Sie nur fort. Es ist interessant, das mal aus westlicher Sicht zu vernehmen. Ernsthaft, fühlen Sie sich nicht auf den Arm genommen, ich höre Ihnen wirklich gern zu!«

Sie konnte nicht sehen, daß Krolow die Schultern hochzog und ein wenig unglücklich wirkte. »Eigentlich war mein Ansatz mehr auf gesamtdeutsche Sicht ausgerichtet, aber wie Sie wollen. Es liegt wohl an mir. Also Joghurt: die Kapitalisten waren da sehr viel ehrlicher: sie gaben uns Joghurt, aßen selber Kaviar und ließen sich dabei filmen. Sie machten kein Geheimnis daraus und wollten sogar, daß wir sie nachahmen. Hinzu kommt, daß wir über vierzig Jahre Übung im über­lebenden System haben. Es ist wohl - wenn man die Natur des Menschen nicht völlig unter den Tisch kehrt - das weniger schlechte.

Die Kirche versucht doch schon seit zweitausend Jahren, den Menschen umzukrempeln, und dann glaubt irgendein menschheitsbeglückender Ismus, er schaffe es mit Fünfjahresplänen. Aber was hat das mit uns Deutschen zu tun? So ergeht es der ganzen Welt, jeder wird gelenkt, das ist meine Meinung, und dazu stehe ich. Ich komme viel herum. Ja, ich bin Handels­vertreter, Raucher, zweiundfünfzig Jahre alt und habe irgendwann auf den Parkplatz hier gekotzt, weil mir unterwegs schlecht wurde. Doch wissen Sie auch, warum ich mich überhaupt in dieser Gegend herumtreibe, hier auf dem flachsten Land?«

Sie wiegte den Kopf. »Nein. Aber vermutlich werden Sie es mir gleich sagen. Also: warum?«

Krolow sprudelte heraus: »Sie haben hier die wunderbarsten Landschaften, Landschaften, die es im Westen nicht mehr gibt! Fast hätte ich wie zu einem Inselbewohner gesagt: bei uns. Gott sei Dank hat der Kommunismus nie genug Geld zusammenkehren können, um alles zu begradigen und zuzubetonieren oder wie in der Lausitz in Mondlandschaften zu verwandeln - allein die Alleen! Du lieber Himmel: der ADAC hätte ganze Bataillone von Sensen­männern mit Motorsägen ausschwärmen lassen, nur um all diese herrlich knorrigen Alleebäume fällen zu lassen - freie Fahrt für freie Bürger! Dabei fallen die Bäume nur für den Absatz von noch mehr Autos, mit freien Bürgern hat das wenig zu tun. Als ich Kind war, hatten Bäcker und Milchmann Autos, mit denen sie Brot und Milch ausfuhren. Vielleicht stand bei dem einen oder anderen Bauern ein schwarzer Mercedes Diesel in der Scheune. Sie werden verstehen, daß sich der Verkehr in Grenzen hielt, jedenfalls fiel ihm kein einziger Baum zum Opfer. Die Autos fuhren einfach nicht so schnell, daß man irgendeine Kurve nicht kriegte. Wissen Sie, wir konnten Hochzeits­kutschen mit zwischen den Bäumen über die Straße gespannten Seilen aufhalten, es gab dann Bonbons oder ein paar Pfennige als Wegezoll. Machen Sie das mal heute.

Und nun äfft ihr diesen ganzen Schwachsinn nach! Verzeihen Sie, ich meine nicht Sie persönlich. Um dies, was die DDR von der Bereinigung zwangsläufig ausgelassen hat, zu sehen, bevor es abgeholzt ist, habe ich mir Zeit gelassen, bin durch die Gegend gegondelt und letztlich hier gelandet. Das allerdings nicht ganz ohne Zwang. Ich bin einfach Kindheitserinnerungen nachgefahren, und zwar so gemütlich, wie damals der Bäcker. Aber damit haben Sie nichts zu tun. Sehen Sie: morgen habe ich einen Termin in Berlin. Viel lieber wäre mir, ich könnte ihn in Neubrandenburg, Greifswald, Teterow oder Magdeburg wahr­nehmen. Doch das Geld, an dem natürlich auch ich hänge, verlangt nach Zentren, wo man sich trifft und kennt. Wo gibt es hier den nächsten Puff? Sie schütteln den Kopf - Geld wird in den allermeisten Fällen von Männern gemacht. Hier braucht man nicht mehr, als eine Scheune voll Heu, um sich zu amüsieren. Vielleicht aber doch bereits ein Motorrad - Verzeihung, ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten!«

Statt einer Antwort tastete sie in Richtung seines Gesichtes und kühle Finger legten sich an Krolows Wange. »Sie haben doch nichts dagegen? Sie beginnen mich zu interessieren. Ich möchte wissen, wie Sie aussehen. Ein dummes Wort, nicht wahr, wenn ich es sage. Darf ich?«

Krolow nahm ihre tastende Hand und legte sie an seine Stirn: »Falls Sie das meinen - ohne weiteres Gespräch werden Sie nicht entdecken, was in der Birne alles drin ist. Manchmal werde ich aus mir selber nicht schlau. Fühlen Sie nur - aber bleiben Sie im Gesicht, ich bin verheiratet und habe zwei Kinder!«

Sie lachte unterdrückt. Ihre Finger überstrichen seine Wangen, betasteten sein Kinn, fuhren ihm zart über Lippen und Augenbrauen und spürten dem Haaransatz nach, der sich bei Krolow bereits ein wenig nach hinten verschob. »Schiebedach« sagte er verlegen und fühlte sich wohl unter ihren Fingerspitzen.

»Hey - was’n da los!« Einer der vier vom Feuer war plötzlich in der Hütte aufgetaucht, er hinkte und zog das linke Bein nach. Jetzt riß er die Hand des Mädchens von Krolows Ohr. »Au - du tust mir weh! Was soll das!« Die toten Augen starrten den, der erregt vor dem Bohlentisch stand und dem Mädchen fast den Arm verdrehte, an - wenn sie könnten, hätten sie wohl gefunkelt.

»Was das soll und was nich, das laß mal meine Sorge sein. Du hast bei mir auf’m Sozius gehockt, als wir kamen, und du wirst wieder drauf hocken, wenn wir abdampfen. Und in der Zwischenzeit gehörste mir. Sag nich, daß ich dir keine Freiheit gönne, aber ich liefer dich so ab, wie ich dich übernommen hab, und zwar ohne den da. Hab’s deinem Vater versprechen müssen. Und du,« er wandte sich an Krolow, »du verpißt dich besser!«

Der verschränkte die Arme über der Brust. »Und wenn ich bleibe?«

»Hört mal,« schrie der Hinkende in Richtung Feuer, »weiß nich genau, was hier abläuft. Aber der Typ macht Sperenzien. Kommt mal alle her!«

Davor hatte Krolow sich unbewußt gefürchtet. Als die drei anderen um ihren Kumpel herum standen, wiegelte er ab: »Keiner macht hier Sperenzien. Falls ihr eure Motorräder nicht um mein Auto herum geparkt hättet, wäre ich vermutlich bereits weg. Hab mich eigentlich schon viel zu lange aufgehalten. Daß ihr jemand dabei habt, der blind ist, müßtet ihr doch besser wissen, als ich! Ja, wir haben uns unterhalten, und sie hat mein Gesicht erkundet, um eine Vorstellung zu bekommen, mit wem sie sich unterhält. Ist das so schlimm? Hat sie es mit euch nicht irgendwann genauso getan?« Krolow warf einen raschen Seitenblick auf das blinde Mädchen, es nickte. »Na seht ihr. Was seid ihr - Hüter dieser Frau? Dann fragt sie, ob sie sich durch mich belästigt fühlt. Oder seid ihr nur auf Krawall aus? Bitte, schlagt mich doch. Gegen vier Mann rechne ich mir keine Chance aus, wir sind nicht im Wilden Westen, wo der Held es immer gleich mit einer ganzen Meute aufnimmt. Ich werde mich also nicht wehren. Aber was ihr auch mit mir anstellt: hinterher werde ich euch finden. Es sei, ihr schlagt mich gleich tot und verscharrt mich tief genug. Also - wir wollen doch keinen Streit! Aber wenn ihr glaubt, daß es anders nicht zu regeln ist, dann legt los - gleich. Ich habe heute bereits eine Attacke hinter mir, es kommt nicht mehr drauf an.«

Krolow spielte Vabanque. Er war nicht sehr mutig, wollte aber wenigstens den Burschen gegenüber sein Gesicht wahren. Im Stillen hoffte er auf Einwände des Mädchens, die unweigerlich kommen mußten, wenn sie über ihn herzufallen gedachten. Da war er sich ziemlich sicher.

Der die Kotze verscharrt hatte, legte dem angeblichen Freund des Mädchens die Hand auf die Schulter, als müsse er sich daran festhalten. Es dauerte einen Moment, bis er die Worte seiner Rede in Reih und Glied hatte: »N-nu mach aber n-n Punkt. Keiner will dir was. Wir s-sind friedliche Leute. D-das einzige ist: Du sitzt in u-unserer Hü-hütte, und läßt dich v-von H-Hinkys Mädchen betatschen, der sie hergebra-hacht hat -«

Die Blinde hatte bei seinem Wortgehaspel die Fäuste geballt, jetzt schlug sie damit auf den Tisch und schrie: »Bin ich das? Bin ich sein Mädchen, nur weil er mich hergebracht hat? Hat Hinky dadurch, daß er mich transportiert hat, etwa irgendeinen Anspruch auf mich? Ihr habt gesagt, wir werden massig Spaß haben - hab ich etwa Spaß gehabt, als ihr wie kleine Kinder Zündeln gespielt und Bier gesoffen habt? Wer von euch hat sich zu mir gesetzt und sich mit mir unterhalten, he? Der Mann da saß schon hier, als ich noch im Wald mein kleines Geschäft erledigt hab. Da hat ihn keiner von euch beachtet! Erst als du verdammtes Hinkebein -«

»Du, sag das nochmal -«

»- du dreimal verfluchtes Hinkebein! Erst als du geruhtest, zu mir her zu gucken, und zu bemerken, daß ich auch noch da bin, und zwar nicht allein, erst da schwoll dir der Kamm! Und nun willst du diesem Menschen gegenüber den Harry machen, weil du glaubst, vier gegen einen sei kein Risiko. Und ihr anderen Idioten hört ihm auch noch zu - ach, ihr ödet mich an! Was habt ihr nur gegen den Mann?«

Die vier schoben verlegen die Füße umeinander. »N-n-nichts«, ergriff schließlich der Stotterer behutsam das Wort. »W-wir wo-holl’n dir da auch gar n-nicht reinre-re-heden. Woll’n kein’ Ärger. W-wenn er fährt, ist’s gut. Braucht’s nu-hur zu sagen. Wir schieben dann die Maschinen weg.«

»Aber er hat -«

»Ha-halt’s Maul, Hinky. Du hast Sarah nur mitgenommen, nicht ge-gekauft. A-also, wir gehen dann mal wieder.«

Er legte die Arme um die drei anderen und schob sie vom Tisch weg. Bald sah man sie wieder mit Feuer und Bierbüchsen hantieren.

»Danke«, sagte Krolow schlicht und atmete angestaute Luft aus. »Sie haben mir eben eine Tracht Prügel erspart. Wäre mir gar nicht angenehm gewesen.«

»Wem sind Prügel schon angenehm.« Sie legte ihm leicht die Finger auf die Hand. »Sie zittern.«

»Na ja, muß sich erst legen. Ich bin kein Held. Was sich nicht mit Worten aus der Welt schaffen läßt, wird für mich zum Problem. Deshalb suche ich solche Situationen erst gar nicht. Ist wohl besser, ich verdrücke mich endlich. War nett, mich mit Ihnen -«

»Bitte bleiben Sie noch.« Sie drückte die Finger auf seine Hand, ganz leicht nur. »Das heißt, wenn ich Sie nicht aufhalte. Ich habe schon lange nicht mehr mit jemandem reden können. Ich meine, richtig. Überall bin ich der Steh-im-Weg. Ich war nicht immer blind, wissen Sie, und das macht es so bitter für mich. Es beschlich mich wohl solange, bis es mich fing, da war ich sechzehn. Ein Alter, in dem man erste Verab­redungen trifft und heimlich die Lippen schminkt - langweile ich Sie?«

»Keineswegs.« Krolow betrachtete ihr Profil. Er konnte nicht sagen, daß sie ihm sonderlich gefiel, aber er hatte auch nichts gegen sie einzuwenden. Eigentlich schien sie von angenehmer Art.  »Reden Sie nur weiter.«

»Also, ich bin fünfundzwanzig. Das waren damals schon alte Leute für mich. Und dann nahmen mich mit sechzehn Jahren die Fünfzigjährigen bei der Hand - ein ausgemachtes Grauen! Ich suchte meine Jugend, aber die war heiß und natürlich anderweitig beschäftigt: mit einem Mal war ich raus aus allem. Mittlerweile weiß ich Ruhe und Überlegung der Fünfzigjährigen zu schätzen. Trotzdem zieht es mich immer wieder in den Kreis der Motorradgang. Sie sind alle Krüppel, wie ich. Aber sie sind jung.« Übergangslos fragte sie: »Finden Sie mich hübsch?«

Eine winzige Sekunde lang erwog Krolow, barmherzig zu sein, doch dann entschloß er sich zur Ehrlichkeit: »Sie werden nicht von mir erwarten, ihre Situation schönzureden. Augen - wie soll ich es sagen, ohne Sie allzusehr zu verletzen - Augen beinhalten den Menschen, dem sie eigen sind. Augen können ganze Bände von Liebesschwüren mit nur einem Blick aufblättern; Ihre sind tot. Doch wenn ich wie jetzt nicht hinschaue und mit Ihnen spreche, sind Sie so hübsch, wie ihre Worte Sie machen. Einmal abgesehen von Ihrer fabelhaften Figur - ja, Ihre Worte machen Sie für mich sehr hübsch und anziehend - begehrenswert. Verzeihen Sie, ich bin ein Mann, es rutscht uns wahrscheinlich immer wieder raus. Aber hübsch auf den ersten Blick? Wenn Sie an mir vorübergingen - ich achte sehr auf Gesichter, und Augen spielen für mich darin die größte Rolle -, ich denke nicht, daß ich sonderlich an Ihnen interessiert wäre. Bitte verzeihen Sie meine Offenheit.«

»Mir liegt sogar daran. Ich habe es ja herausgefordert. Sie haben mir etwas sehr Schönes gesagt - und vorhin haben Sie mir gedankt: ich möchte diesen Dank nun an Sie zurückgeben. Wir wären uns dann nichts mehr schuldig. Ich habe es gern rein und aufgeräumt, wahrscheinlich eine Eigenheit Blinder, die sie alles wiederfinden läßt. Ach, wie sieht der Tag über der Lichtung aus  - ich spüre die Sonne! Wird sie bleiben? Sie sehen mehr als ich, wollen Sie mir den Tag nicht beschreiben? Aus Hinky strömt nur Bieratem, wenn ich ihn so etwas frage. Er ist nicht übel und würde alles für mich tun, aber er sieht den Tag einfach nicht. Er weiß nicht, was es heißt Augen zu haben und benutzt sie kaum. Wollen Sie?«

»Ja, gern.« Krolow überlegte. »Da ist zunächst einmal dieser Himmel: kleine Wolkenreste treiben darin. Es ist - wie soll ich es beschreiben - als ob Spatzen in einem Teich badeten -«

»Wirklich Spatzen?«

»Ja - ich könnte es kaum anders nennen. Denken Sie sich ein unendliches Blau und darauf hingetupft die Flügel der grauen Sperlinge - ich glaube, dann haben Sie es. Die Sonne, die Sie spüren, über allem, sie gibt den Flügeln Halt.«

»Halt - ja, natürlich. Halt muß sein. Ich glaube, ich kann mir den Himmel ausmalen. Sperlinge - mein Gott, wer kommt schon auf sowas! Sie sollen der erste sein, der es erfährt: ich glaube, ich könnte mich in Sie verlieben!«

»Ach Gott! Sie sagen so etwas zu einem verheirateten, gesicherten Mann - es tut mir gut, ja, aber wir beide wissen doch, Liebe ist nur ein Wort, das mit L beginnt, und dieser Buchstabe kann bei ihrem Verlöschen beliebig durch ein H ersetzt werden!«

Krolow schwang ein Bein über die Bank. »Wie soll ich Ihnen etwas von lustigen Spatzen am Himmel erzählen, wenn sie über drohenden Krieg reden? Ich denke, ich lasse ihre Freunde jetzt ihre Maschinen wegfahren und mache mich davon. Ihre Kollegen werden mir dankbar sein, daß ich sie allein lasse.«

Krolow stand auf und nestelte ein wenig an seiner Jacke herum. »Ossie -« sagte er leise. »Nie habe ich jemand so betitelt. Sarah, so heißt du, nicht wahr? Du verkennst mich, wenn du in mir dein Heil suchst. Halte dich an deine Burschen dort am Feuer. Sie sind echter, als ich. Ich brauche meine Sicherheit, Bekanntes, um nicht immer wieder gegen die gleichen Wälle anzustürmen - es zermürbt, weißt du. Aber dazu muß man sich verstellen können, ich habe es mühselig erst lernen müssen. Und ich gebe es ungern wieder auf. Ja, ich könnte mir vorstellen, dich auch zu lieben. Aber ich sage es nicht, und damit geschieht es für mich nicht. In gewisser Weise bin ich blind für die Umwelt, die ich mir geschaffen habe. Ich ertrüge sie nicht, wäre ich sehend für sie. Das wirst doch sicherlich du am ehesten verstehen - oder?«

»Du bist nicht sehr glücklich damit, nicht wahr? Oh ja, ich verstehe es. War ja auch nur so ein Einfall. Sowas hab ich öfter. Für mich hat Liebe immer noch etwas Heiliges, Unberührtes. Mag sein, es liegt allein daran, daß ich - außer von Vater und Mutter - noch nie geliebt worden bin. Und so kann ich deine Enttäuschung auch nicht nach­empfinden. Wer sieht, kann am Gesicht seines Gegenübers schon ablesen, was er wagen darf. Verzeihst du mir, daß ich zuviel gewagt habe, weil ich durch dich badende Sperlinge, in blauem Himmel gespiegelt, sah? Ich habe mir dann die Sonne dazu vorgestellt, und für einen Augenblick schienst du es zu sein - ich war blind. Ach, was rede ich nur für einen Schwachsinn - für einen Moment vergaß ich wirklich, daß ich blind bin

Krolow schluckte. »Möchtest du wirklich, daß ich bleibe?«

Sarah legte den Kopf in die aufgestützte Hand und fuhr sich mit der anderen unachtsam durchs Haar. Sie sprach zum Feuer hin: »Möchtest du es nicht auch? Du hast gesagt, du wärest auf den Spuren deiner Kindheit. Ich lebe in so einem win­zigen Dorf, das du wahrscheinlich gesucht hast. Wir haben für die Kirchweih im August eine Feuerwehrkapelle. Wenn es brennt, löschen sie sogar, glaube ich wenigstens. Sonst ist in unserem Dorf nichts los. Ach ja, ein abgestürztes Flugzeug der Sowjetarmee: es liegt irgendwo im Moor, sagt man. Ich hab’s noch nicht gesehen. Ein blöder Scherz. Und sonst? Ja - ich möchte, daß du bleibst.«

In diesem Moment tauchten die beiden anderen Frauen auf, die Krolow bei der Ankunft aufgefallen waren, und die er kurz darauf aus den Augen verloren hatte. Sie kamen aus dem Wald, hielten Sträuße in den Händen und gingen auf die Hütte zu.

»Lauter Maiglöckchen, Sarah! Hier, riech mal!« Die es sagte, schrie es fast. Ihr ebenmäßiges Gesicht mit dem klassischen Profil unter den tiefschwarz glänzenden Haaren wurde kaum entstellt durch das zweimarkstückgroße Mal an ihrer rechten Schläfe. Sie stand so zu Krolow, daß er es genau betrachten konnte: eine Narbe, roh verheilt und mit dunklen Punkten durchsetzt. Die Haut war gläsern darüber gewachsen und eingesunken, es sah aus, wie die aufgeschnittene und getrocknete Scheibe einer Kiwifrucht. Die zweite stand still dabei, reichte, als Sarah genug an dem Bukett geschnüffelt hatte, auch ihr Sträußchen hin und äußerte mit krampfhaft gerundetem Mund: »O - o!«

Sarah vollführte seltsame Bewegungen mit ihren Händen: wie Schmetter­lings­flügel flatterten ihre Finger, rannen hierhin und dorthin, rangen sich ineinander, hoben und senkten sich miteinander verschränkt oder voneinander gelöst, seltsame Figuren in der Luft beschreibend. Und die eine antwortete in ihrer lauten Sprache, die Blonde steuerte »O - o!« zu.

»Hübsch!« lobte Sarah. »Wie die duften! Und da seid ihr die ganze Zeit im Wald gewesen und habt Blümchen gesammelt?«

»O - o.« Erneutes Kasperlespiel mit den Fingern. Dazu: »Ach so. Ja, ich bin auch gewesen. Hab euch dann aber nicht mehr gehört.« Zu dem Fingerspiel dann die Worte: »Ich möchte euch einen neuen Bekannten vorstellen. Wie er heißt, weiß ich allerdings noch -«

»Krolow«, sprang der, über den geredet, beziehungsweise in die Luft gegriffen wurde, ein. »Mein Name ist Peter Krolow. Ich bin auf der Durchreise und habe mich ein bißchen mit Ihrer Freundin unterhalten. Über dies und das. Und Sie? Sie haben den Wald unterdessen nach Blumen abgesucht? Gibt es nicht auch schon Waldmeister?«

Zeichen. »War nicht viel da«, schrie die Schwarzhaarige. »Lohnte sich nicht. Ist alles zu spät dies Jahr, für ‘ne Maibowle reicht’s noch nicht.«

»O - o«, fügte die Blonde an und machte ein paar Fingerbewegungen.

Sarah wandte Krolow das Gesicht zu, die Augen geschlossen. »Die mit den schwarzen Haaren ist Ruth. Sie ist taub. Das Mal an ihrer Schläfe stammt von einem Sturz. Sie hat nahezu eine ganze Handvoll Rollsplitt an der Stelle in sich aufgenommen. Das gröbste haben die Ärzte rausgepult, vielleicht wächst der Rest irgendwann raus. Ach so, natürlich Motorrad. Mit Ben. Das ist der, der jetzt gerade einen Ast nachlegt. Ja, der Dicke in der Lederweste. Ihm ist so gut wie nichts passiert, er lag auf ihr und der Maschine. Hinky mit Daniela hat es schlimmer erwischt: monatelang lagen beide im Krankenhaus. Auf einem Bitumenflicken ausgerutscht - da machst du nichts. Hinky haben sie alles wieder zusammen­genagelt. Bei Daniela konnten sie es nicht, es hatte sie am Schädel erwischt. Seitdem ist sie stumm und ein bißchen dumm. Aber sie kann dich hören. Sag ihr ein freundliches Wort. Nicht wahr Dani, du möchtest Peter doch bestimmt auch gern kennenlernen, stimmt’s?«

»O - o!« Dani reichte Krolow ihr Sträußchen und lächelte. Sie war höchstens achtzehn.

»Siehst du! Gib ihr ein bißchen, worüber sie nachdenken kann, erzähle ihr von den Spatzen.« Sarah nahm die Hände von den Augen fort.

»Bis jetzt habe ich mich weder dir noch sonst jemandem aus eurer Runde ergeben - doch schon bestimmst du über mich! Wenn ich Daniela etwas Nettes zu sagen wüßte, würde ich es tun. Aber ich kenne sie doch gar nicht! Weißt du was? Ich hasse Motorräder, die junge Menschen vorzeitig kaputtmachen!«

Ruth legte ihm die Hand auf die Schulter. »Ich habe Sie beobachtet«, schrie sie. »Sie haben Mitleid mit uns. Das müssen Sie nicht. Aber Dani ist von uns am schlechtesten dran. Ich habe gesehen, wie Sie beim reden abschätzig zu ihr hingeschaut haben. Sie kann nicht sprechen - aber sie hört Sie! Und - verflucht nochmal! - Sie haben nicht eben gut über Motorräder gesprochen - aber Motorräder sind nun mal ihr Leben!«

»Ist das wahr?« Krolow wandte sich an das blonde Mädchen.

»O - o!«

»Tja - da ist so eine Geschichte, ich weiß nicht ob es Sie überhaupt interessiert, Dani - erstmal danke für den Strauß Maiglöckchen - hm, ist lange her, daß mir ein Mädchen Blumen geschenkt hat. Ähm. Ja, also: ich hatte mal ein Fahrrad, als Kind. Das heißt, ich hatte einen Rahmen und suchte mir das übrige auf dem Schrottplatz zusammen. Ich pinselte das Rädchen leuchtend­blau und malte sogar mit Goldbronze Sterne auf den Rahmen. Vorne, an der Lampe, befestigte ich eine Zierblende, die war verchromt. Und auf dem Schutzblech flatterte ein dreieckiges Fähnchen. Das Kreiswappen war drauf, eine Kogge - das ist ein altes Segelschiff - und auch noch ein paar Fische. Im Wasser natürlich, die Fische schwammen unter­halb der Kogge. Glauben Sie mir, wenn ich sage: dieses Rädchen habe ich heiß geliebt?«

»O.«

Krolow versank in Erinnerung: »Aber dann wurde mir das Rädchen eines Tages einfach gestohlen. Ich hatte es nicht mehr und mußte zu Fuß laufen. Mitsamt Fähnchen, Blende und aufgemalten Sternen war es weg. Ich habe es betrauert, aber seitdem laufe ich meistenteils zu Fuß, obwohl ich mittlerweile ein Auto besitze. Und ich habe auch gar keine Lust mehr zum Fahrrad fahren. Ich könnte mir ja eins kaufen, so ein Mountainbike - hab aber keinen Bock drauf. Mein Rädchen ist weg, und nichts und niemand wird es mir wieder verschaffen. Ich habe einfach zu sehr daran gehangen. Verstehen Sie das?«

»O.«

Daniela neigte ihren Kopf, übergoß Krolow mit einer Wolke blonden Haares und küßte ihn auf die Wange: »O - o - o!«

»Ja, da haben Sie Recht - es sind schlechte Kerls, die kleinen Buben Fahr­räder stehlen. Danke für ihr Mitgefühl, Dani. Ich mag Sie sehr. Und wie geht es Ihnen, Ruth?«

Sarah signalisierte. »Schon besser,« brüllte die Angesprochene. »Ich habe in Danis Augen Ihre Geschichte gelesen. Sie haben sie nachdenklich gemacht. Sagen Sie mir auch etwas Nettes?«

»Sie sind sehr hübsch, Ruth.« Sarah zögerte, dann übersetzte sie mit den Fingern. »Alles paßt bei Ihnen zusammen: ich brauche Ihnen nicht von Ihrem Gesicht und Ihrer Figur vorzuschwärmen: beide sind makellos. Ben ist zu beneiden! Und wenn ich Sie irgendwann einmal wiedertreffen könnte, würde es mich freuen. Ist das nett genug?« Platter ging’s nicht, dachte Krolow. War er etwa hier der Gockel für ein paar behinderte Weiber? Ruhig, sagte er sich: Behinderungen trennen, da ist man vielleicht dankbar für alles, was kommt. Egal, von wem und wie schmalzig es auch sein mag. Seltsamerweise haben es die meisten Frauen gern, fiel ihm ein - auch unbehinderte -, ihr Äußeres bewundert zu sehen. Für den Augenblick brachte er diesen Zug in Verbindung mit fehlender Anerkennung. Er würde noch darüber nachdenken - vielleicht.

»Verdammt, ich weiß plötzlich nicht mehr, was Figur in der Taubstum­men­sprache heißt!« wisperte Sarah hilfesuchend und unterdrückt und richtete ihre toten Augen starr auf Krolow.

Der machte ein paar kurvige Bewegungen mit der Hand in Richtung Ruth, lächelte ihr zu und flüsterte zurück: »Ich denke, so. Ich hab’s ihr eben mit ein paar Linien gezeigt. Was weiß denn ich von Behinderten.«

»Ja, das ist überaus nett«, bellte Ruth. »Allerdings sollten Sie das mit den Kurven noch ein wenig üben, es waren Haarnadeln. Ich denke, ich bin eher sanft gerundet. Wenn Ben sich aber eines Tages totsäuft, werde ich trotzdem an Sie denken. Sind Sie schon vergeben?«

Krolow und Sarah wandten einander die Gesichter zu. Nein, sie konnten sich nicht in die Augen schauen, das heißt, Krolow konnte schon schauen, sah aber nur die Frage in Sarahs Gesicht stehen. Ihre Augen sagten ihm nichts. Obwohl er schon viel besser in ihnen zu lesen verstand.

»Vergeben« nickte er. »So fest, wie jeder gebundene Mann. Sie wissen, was das heißt. Sie haben keine Chance, Ruth, tut mir leid.« Sarah lächelte ihn an und fuchtelte glücklich mit den Händen ersetzende Sprachfetzen zu Ruth hinüber.

»Schade. Sarah, du kennst doch den kleinen stämmigen Krauskopf von der Feuerwehr, der auch die Trompete bläst - vielleicht angle ich mir den. Der zieht immer noch unverheiratet durchs Land. Wenn der sich endlich statt seines Mopeds eine anständige Maschine anschaffte - vielleicht wird das mal was. Ich hab’s ja nun bestätigt, daß ich Wirkung habe - Peter heißt er, nicht wahr? Na ja, was Hinky dazu sagt, ist mal offen und mir ziemlich Wurscht. Ich wünsch euch trotzdem viel Glück. Blümchen haben wir ja schon.«

»Nein nein - da liegen Sie offenbar auf einer ganz falschen Fährte!« Irritiert warf Krolow rasche Blicke zwischen Ruth und Sarah hin und her. »Ja,« seufzte die, »Blümchen haben wir schon.« Ihre Nase stak in dem Strauß Maiglöckchen.

Sacht strich Krolow ihr über das Haar und beugte den Hals, um ihr in das gesenkte Gesicht zu sehen, die Augen suchend - eine instinktive Handlung, bei einer Blinden ohne jeden Sinn. Es war so schwierig. Er wollte diesen Frauen nicht wehtun, sie schienen ihm wie eigene Töchter. Aber: sein Erleben und die damit verbundenen Erfahrungen konnte er doch nicht achtlos beiseite legen, einfach nur, weil sie keine eigenen besaßen!

»Vergeben -«, murmelte er, »was ist daran. Du wirst schon jemand finden, der dir neue Märchen erzählt, so wie ich. Ich kann aus meiner Burg nicht heraus. Und du - ja, ich könnte dich auch lieben, sehr sogar - hast keinen Platz darin. Morgen bin ich in Berlin und übermorgen in Duisburg bei meiner Frau und den Kindern, der Junge macht gerade Abitur. Kann ich ihn da allein lassen? Auch du wirst dir dein Leben irgendwann mit jemandem einrichten. Und das wird dann so fest sein, wie meins. Glück - was ist das schon! Wir müssen überstehen, über lange Jahre hinweg. Glück? Gott, für ein, zwei Jahre vielleicht. Und dann wieder der Kampf: ausloten, wer  Recht hat. Ich bin es müde. Sollen sich alle die Rechthaber zur Jahrtausendwende auf einem hohen Berg versammeln und schreien: Wir haben Recht! Es wird doch nichts bewirken, so laut sie auch rufen. Und wenn sie ihr ganzes Leben lang nur dieses Ziel vor Augen hatten: Gute Nacht, kann ich nur sagen. Sie mögen die Ergebnislosigkeit mit ins Grab nehmen. Ich denke, ich habe meinen Platz in der Welt. Und wenn ich dich und Gespräche mit dir auch noch so sehr liebte: ich gäbe ihn nicht her - für niemand. Aber du hast mir ja mehr als zwanzig unerlebte Jahre voraus - wie käme ich dazu, sie dir miesmachen zu wollen! Ich habe nun mal meine Ansichten über das Leben, und ich wünsche dir, daß du die deinen selber gewinnst. Mit mir hättest du dir nur ein starres Gerüst erstanden, das dich wohl hielte, dir aber nicht wohltäte. Wirklich, es tut mir leid - baue nicht auf mich!«

»Und wenn ich solch ein Gerüst bräuchte?«

»Ach - wünsch dir das nicht. Du wüßtest nicht, wovon du sprichst, solltest du etwas in der Art verlangen. Ich würde dich nur bevormunden. Gib endlich zu, daß ich ein verkorkster Kerl mit altmodischen Ansichten bin, der noch nicht mal Motorrad fahren kann, dann fällt es dir und mir leichter, Lebewohl zu sagen. Ich gebe zu, eine anregende Stunde mit dir verbracht zu haben, wahr­scheinlich die einzige in den letzten zehn Jahren, und vielleicht geht es dir ähnlich - aber daraus schmiedet man doch nicht gleich ein ganzes Leben!«

Von einem Moment auf den anderen wirkte Sarah unendlich traurig. »Weißt du, daß es dein Leben ist, über das wir sprechen?«

»Ja, ich weiß es. Und deshalb sage ich auch nicht auf Wiedersehen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß ich nie wieder in diese Gegend kommen werde. Wir brauchen es also nicht zu sagen. Zudem hörte es sich aus deinem Munde - bitte, mir liegt nicht daran, dich zu kränken - doch etwas merkwürdig an.«

Krolow rief zum Feuer hinüber: »Hey Kumpels, wärt ihr jetzt so nett und schiebt mal eben eure Maschinen weg? Ich bin auf dem Sprung und möchte gleich fahren!« Widerwillig erhoben sich die am Feuer und machten sich daran, die Motorräder beiseite zu schieben.

»Du hast keine andere Gutenachtgeschichte mehr für mich, nicht wahr? Ich soll mich - das lag doch wohl in deinen Worten - also damit abfinden, auf ewig an dieses Dorf und seine Bewohner gefesselt zu sein? Gut, es war ein Versuch. Und zu deiner Rechtfertigung: ich denke, es ist nicht leicht für einen Schatten, über sich selbst zu springen. Leb also wohl!« Laut rief Sarah über die Lichtung, dabei ihren Körper straffend: »Leberecht!«

Der im Futteral auf der Plattform ruderte zu ihnen in die Hütte. Er benutzte kurze Stöcke dazu, mit denen er sich und sein Gefährt geschickt vom Boden abstieß. »Sarah, Herrin, du hast mich gerufen?«

»Ja. Sag diesem - diesem in seinen Ritualen erstarrten Menschen, was ihn erwartet.« Sarahs toter Blick hatte sich von Krolow abgewandt. Sie hob das Gesicht zum Himmel, an dem Spatzen auf einem Teich schwimmen sollten. Ohne die Augen auch nur um ein Winziges zu schließen, schien sie sehnsüchtig direkt in den blassen Glanz der Sonne zu starren, der jeden Sehenden sofort geblendet hätte.

Der, den sie Leberecht gerufen hatte, druckste herum: »Herr - äh -«

»Krolow, Peter Krolow. Ich habe nicht mehr lange die Ehre, bin gleich weg. Wenn Sie sich kurz fassen wollen, sie räumen schon die Maschinen um mein Auto fort.«

Der ohne Beine streckte sich in seiner Kapsel. »Meine Männer räumen sie beiseite. Ja, das wohl. Aber werden sie Sie auch fortlassen?«

»Ihre Männer? Gestatten Sie, daß ich kurz lache! Hinky nimmt Sie doch zum Frühstück zwischen zwei Toastscheiben - vielleicht noch mit einer halben sauren Gurke oben drauf.«

»Ich bezweifle das. Hinky ist mir treu ergeben, er würde in Verbindung mit mir nie an Toast, geschweige denn, Gurken, denken. Ich glaube, Sie sind es, der irrt. Sagen Sie: finden Sie es nicht merkwürdig, daß Sie den Anfall - ich nenne es einmal so - der Sie heute morgen ereilte, so gut überstanden haben?«

Was war hier los? Krolow warf einen unsicheren Seitenblick hinüber auf Sarah. Deren Augen waren nun geschlossen, dem Ausdruck auf ihrem Gesicht nach zu schließen, schien sie weit fort zu sein. »Merkwürdig?« Krolow war ratlos: »Was soll daran merkwürdig sein - ich habe eben eine robuste Natur. Wüßte aber nicht, was Sie das überhaupt angeht! Sarah, warum hat dich dieser halbierte Mensch auf dem Rasenmäher eben Herrin genannt - was wollt ihr von mir?«

Ihre Augen blieben geschlossen, ihre Stimme klang hohl: »Er ruft dir etwas ins Gedächtnis zurück, das dir möglicherweise entfallen ist. Nenne ihn nicht einen halbierten Men­schen. Ich könnte dir kaum helfen, wenn er es dir übel nimmt.« Sie schien traurig darüber.

»Helfen? Wobei? Ich brauche keine Hilfe - von niemandem, und von dir am allerwenigsten!«

Der Steckling in der Röhre auf der Plattform rührte sich wieder, indem er mit einem seiner Stöcke herumfuchtelte: »Sie sollten nicht so mit meiner Herrin reden. Es schickt sich nicht. Schließlich ist sie die Königin!«

»Die - waas??«

»Sie bestimmt über Leben und Tod, und ich bin ihr ein über Leben und Tod hinaus ergebener Diener.« Leberechts Stimme klang unverändert sanft: »Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet: Wer, glauben Sie, hat Sie vor den Folgen des Schlaganfalls bewahrt, und Ihnen gestattet, weiterzuleben?«

»Na - nun hört doch alles auf! Schlaganfall? Ich glaube, davon müßte ich doch wohl wissen!«

»Wenn Sie klug wären, wohl. Aber Sie scheinen mir nicht klug genug. Sie haben es nur verdrängt - gibt Ihnen das etwa Sicherheit?« Er drehte an seinem Fahrradlenker: »Welchen Weg ziehen Sie vor: links oder rechts in die Hölle?«

»Ach, ich höre mir doch den ganzen Schmarren nicht mehr an - Hölle! Was Besseres ist Ihnen wohl nicht eingefallen. Mit einem Fußtritt könnte ich Sie und Ihre Karre auf die Straße befördern, einer Ihrer Raser würde Sie dort sicherlich über den Haufen fahren!« Krolow wischte sich den Schweiß aus der Stirn. Bestimmt sagte er: »Ich fahre jetzt. Mein Auto ist frei.«

Der halbe Mann lachte: »Nur zu! So oder so: Sie landen in der Hölle!«

Krolow bekam es mit der Angst. »Und warum sollte ich das?«

»Muß man Ihnen das wirklich erklären? Sie wissen doch alles so genau! Ihr Schlaganfall auf der Landstraße L71 ist abgehakt: klinisch sind Sie tot, weil zuviel Zeit verstrich. Niemand außer uns hat Sie gefunden. Wir haben ein bißchen mit Ihnen gespielt, ich gebe es zu. Es kommt ja sonst kaum jemand vorbei. Ach - Sie wissen nicht, daß wir Untote sind? Aber jetzt wissen Sie es: ich sage es Ihnen hiermit.«

»Ha ha, guter Witz - nein, gar kein guter Witz! Zu einem guten Witz gehört eine Pointe, und die haben Sie nicht gebracht! Mir ist keineswegs lustig zumute.« Krolow wurde mehr und mehr unbehaglich unter dem sanften Blick des Beinlosen. Etwas, das er kaum beschreiben könnte, befragte man ihn jetzt danach, kroch ihm den Nacken hoch. Krolow suchte mühsam nach Worten.

»Sie wollen sagen, Sie und Ihre Kumpane - Königin, ha! - lauerten Befahrern Ihrer Straßen auf, und könnten sie so einfach ins Jenseits schicken? Links oder rechts - so einfach wäre der Weg zur Hölle? Hören Sie: Ich habe morgen einen Termin in Berlin, und ich gedenke, ihn wahrzunehmen!«

»Ich kann Sie nicht daran hindern. Diese Macht steht mir nicht zu. Überhaupt legen Sie viel zu viel Fernsehpathos in meine Wenigkeit. Sehen Sie es einmal so: Sie haben sich durch Ihre eigene Lebensweise umgebracht. Das ist Tatsache. Die Westler denken immer, so etwas passiert ihnen nicht. Aber es geschieht - und dann sind wir da. Wozu? Vielleicht, um Ihnen die Wahl zu erleichtern zwischen einem Fortleben als Krüppel und einem unbewußten und schmerzlosen Tod. Wie wir da sind, durch die Bank, sind wir alle schon einmal gestorben. Wir wissen also nur zu gut, wovon wir sprechen.«

Krolow blickte zu Sarahs Platz hinüber: sie war verschwunden. Auch Dani und Ruth waren nirgends zu erblicken. Nur die Sträußchen aus Maiglöckchen lagen noch auf dem rohen Holztisch. Allmählich begannen ihre Stengel schlaff zu werden und die kleinen, weißen Blütenglocken zu welken. Ich träume doch nur, dachte er verzweifelt.

»Jawohl - Sie träumen.« Auf seinem Wägelchen schob sich Leberecht näher an Krolow heran. »Die Tatsachen sind längst abgesteckt: es hat Sie auf der L71 beim Fahren ereilt. Mühsam glaubten Sie, sich auf diesen Parkplatz und in ein weiteres Leben retten zu können. Doch bitte begreifen Sie: Ihnen bleibt nur die Wahl zwischen dem von uns angebotenen liebevoll sanften Tod mit Aufnahme in unser heimliches Dorf, oder aber ein langsames Sterben: natürlich werden wir Polizei und Rettungssanitäter alarmieren, man wird Sie reanimieren und unter Sauerstoff halten, bis Sie - wie es in den Zeitungen immer heißt - sich außer Lebensgefahr befinden. Bei Ihrer guten Verfassung könnten Sie - den Termin müßte man  allerdings verschieben, sagen wir mal: um vier Wochen - an dem vorgesehenen Gespräch in der Zentrale von Sony in Berlin teilnehmen. Allerdings im Rollstuhl. Sie wären halbseitig gelähmt, stammelten lediglich, und auf einem Auge - ich denke, es wird das linke sein - wären Sie blind. Wollen Sie das?«

Krolow nahm all seinen Mut und seine Zuversicht zusammen. Dazu eine gute Portion Überheblichkeit: war er nicht Wessie? Verdammt, warum sollte er diesen Bonus nicht endlich einmal ausspielen, bedurfte er seiner im Augenblick nicht ebenso drängend wie der Atemluft? Den untoten Ossies, die sich ohne Wissen um die Glaubwürdigkeit der Werbung auf immer heißere Stühle und in immer heißere Kisten gesetzt hatten, ohne jedoch damit umgehen zu können, und die folgerichtig reihenweise - darauf und darin - auf den schönen, alten Alleen umgekommen waren, denen würde er es schon zeigen - so leicht schob man ihn nicht ab und verfrachtete ihn in einen Rollstuhl! Schließlich war er kein unbedachter Raser, sondern besaß nur ein etwas schwächliches Herz.

»Ich sage Ihnen was, Sie abgeschnittenes Würstchen: Ich werde mich jetzt erheben, mein Auto besteigen und nach Berlin fahren - nur weg aus dieser Gegend. Was Sie dann machen, ist mir egal. Bestellen Sie Sarah einen schönen Gruß: es hat mich gefreut, die Königin der Landstraße 71 kennenzulernen! Mag sein, daß ihr irgendwann jemand in die Fänge gerät, der nicht so bockig ist, wie ich es bin. Den mag sie behalten. Mich jedenfalls nicht. Bestellen Sie ihr schöne Grüße, ich mag sie trotzdem. Also - ich fahre jetzt.«

Krolow erhob sich und marschierte ungehindert in Richtung seines Autos. Er öffnete die Tür, stieg ein und legte die schweißnasse Stirn auf die um das Steuer gekrampften Hände. Es ist alles nicht wirklich, sagte er sich. Die Motorräder knatterten vom Platz. Krolow hob den Kopf vom Steuer und sah Hinky mit Sarah auf dem Sozius entschwinden, Ben mit Ruth und irgendwem im Seitenwagen, der wie eine Seemannskiste wirkte, danach Dani, die sich an einem festhielt, der ein fusseliges Bärtchen, fusselige Augenbrauen und fusseliges Haar hatte, das ihm unter dem aufgesetzten Helm hervorlugte. Der Beinlose rollte als Letzter vom Platz. Niemand winkte ihm zu, niemand wandte den Blick - sie waren ja sowas von überheblich! -

»Legen Sie hier mal den Schlauch an! Ja, so ist’s gut. Und Herzmassage, kräftig! Hat jemand den Hubschrauber bestellt? Pressen, pressen, pressen! Wenn wir ihn rechtzeitig in die Klinik kriegen, ist er wahrscheinlich außer Gefahr. Was sagt der Notruf? Tützpatz? Herrgott, ist doch alles Naturschutz­gebiet, wer kann sich denn da den Hals abfahren - da soll ein anderer hin, geben Sie das durch. Erst mal müssen wir den hier versorgen -«

Tatsache war, daß Krolow nicht nach Berlin fuhr. Er fuhr auch nicht nach Duisburg zurück, wo sein Sohn gerade Abitur machte. Krolow saß im Rollstuhl und ließ sich von einer Frau über die Dorfstraße schieben. War es die eigene, in langjährigen, schweren Grabengefechten erkämpfte? Nicht doch: die hatte schon viel zu lange auf solch eine Gelegenheit gewartet. Krolow gedachte, sein Haus billig zu verscherbeln, um sie auszuzahlen. Ein wenig bliebe für seinen Sohn, der bereits Ansprüche ange­mel­det hatte. Die Tochter - ach Gott, sie war so kopflos! Ein flatterndes Hühnchen, er würde sie zu sich nehmen müssen und auch wollen, wenn der Streit mit seiner Frau, die endlich leben wollte, ausgestanden wäre.

Er wandte den Kopf im Rollstuhl: »Nehmen wir Sybille zu uns, wenn sie es möchte?«

Die junge Frau, die Krolow schob, lächelte unergründlich. Ihre toten Augen waren geradeaus gerichtet. »Mag sein,« sagte sie. »Ich habe noch kaum darüber nachgedacht. Findest du es nicht etwas verfrüht, sie zu uns zu nehmen? Sie ist doch erst sechzehn!«

»Ein Alter, in dem man sich zu schminken beginnt, nicht wahr? Ja, du hast wohl recht. Ich werde sie also irgendeinem Idioten überlassen müssen, der ihr sagt, er liebe sie. Wohl ist mir dabei nicht. Ich hätte Sybille lieber bei mir.«

»Du könntest sie den Führerschein machen lassen und ihr ein eigenes Auto schenken. Irgendwann braucht sie sowieso eins. Aber das ist nur eine Über­legung, kein guter Rat. Sag mir jetzt lieber, wo es langgeht. Wenn ich nicht irre, sind wir am Spritzenhaus - rechts, links oder geradeaus?«

»Links, mein Schatz. Da kommt eine Allee voller Kastanienbäume. Sie stehen in hoher Blüte: alles lachsrot. Der Boden ist bedeckt von winzig rosa­farbenen Blüten­blättern. Riechst du ihren Duft?«

»Ja, Geliebter - ich rieche sie! Der alte Hörnemann hat sie gepflanzt, erzählt man sich. Da soll er noch jung gewesen sein, lange bevor er in die Zapfwelle seines Traktors geriet und halb auseinandergerissen wurde. Ich liebe den Duft der blühenden Kastanien. Unser schönes Dorf - ist es nicht voll davon?«

Die Königin lächelte beglückt.

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Behutsam schob das Schäufelchen einige speckig schwarze Erdkrumen beiseite: ein verrosteter, eigentümlich geformter Nagel, wie handgeschmiedet, kam zutage. Anastas nahm ihn in die schwieligen Finger, säuberte ihn von anhaftenden Brocken und hob ihn hoch über den Kopf, über den angehäuften Grubenrand hinaus: »Schau her, Aljoscha, ich glaube, wir sind dran, die Tiefe stimmt«, rief er zufrieden, »sie hatten damals mehr Zeit als heute, buddelten sie immer ziemlich tief ein, damit nur ja keiner wieder hoch käme. Wie weit bist du mit deinem?«

Von der Glocke im Hof jenseits der Klostermauern erscholl das Mittagsläuten. Eigentlich Zeit, den Buckel wieder gerade zu kriegen, dachte Anastas. »Noch nichts«, tönte Alexejs Stimme dumpf aus dem Loch nebenan, wahrscheinlich lag er auf den Knien, ganz am Boden der Gruft. Von Zeit zu Zeit prasselten ein paar von ihm geworfene Klumpen auf den Wall über ihm und rollten daran herunter. Das Kreuz an der Stirnseite des Grabes war bereits bis zu dem schrägen Querbalken im Fuß mit Erde bedeckt. »Was hast du denn gefunden?«

»Einen Sargnagel, denke ich.« Anastas grub rechts und Alexej links. »Hast du das Läuten gehört? Ist Mittagszeit.« Metall klirrte auf Metall. »Da, der zweite. Ich bin dicht dran. Höchstens noch zehn Zentimeter. Was meinst du, sollen wir Pause machen?« Anastas erhob sich aus der Hocke und reckte ächzend das Kreuz. In der Jackentasche am Oleander über sich wußte er sein Brot. Seine Frau belegte es immer recht hübsch mit Dörrfisch, Zwiebeln und Gurkenscheiben. Einmal hatte sie ihm die Gurkenscheibe zu einem Herzen geschnitzt, da waren sie schon über zwanzig Jahre verheiratet. Wenn er die Hälften nicht in alter Gewohnheit auseinander geklappt hätte, um nachzuschauen, was drauf war, hätte er es gar nicht bemerkt. Wie oft mochte ihm wohl seither das Herz seiner Frau über die Zunge gegangen sein, weil er in aller Eile sein Brot hinunter­schlang; als er sie danach fragte, war sie verlegen geworden. Gewohnheit hin oder her: seit Gorbatschow mußte wieder gearbeitet werden. »Was ist, hast du nicht gehört? Ob wir Pause machen sollen, hab ich dich gefragt!«

Wieder flogen ein paar Brocken hoch. »Laß mich den ersten Nagel oder Schädel finden, wie du, Onkel Stas, weit kann's auch bei mir nicht mehr sein. Dann machen wir - ah, sieh mal an!«

Seit Gorbatschow Präsident war, durfte die orthodoxe Kirche Rußlands wieder offiziell praktizieren, bekam sogar einiges - wenn auch längst nicht ausreichend - an Staatsgeld zugestanden, da ihre im sozialistischen Zeitalter verrotteten Klöster und maroden Kirchen plötzlich wieder Erbe des russischen Volkes, und somit staatliches Kulturgut waren. Hier im Juri-Kloster bei Nowgorod, mit seinen ehemals blau-goldenen, nun grau verwaschenen Kuppeltürmchen, kaufte man Farbe davon, Mönche stiegen hinauf in das Fachwerk und malten von außen, an Seilen schwebend, andächtig den goldgesternten Himmel wieder neu auf azurenem Untergrund. Danach blieben von den bewilligten zweihunderttausend Rubeln noch siebzigtausend: umgerechnet zur damaligen Zeit ungefähr fünfzig Mark. Die Bemalung aus dem siebzehnten Jahrhundert in der Apsis der Kapelle müßte dringend freigelegt und restauriert werden, bevor sie ganz verdarb - das jedoch bekam man nicht für diesen armseligen Rest.

Der Patriarch des Klosters erinnerte sich einiger Sachen in den alten Büchern, voller Geheimnisse, denen man bisher nicht nachzugehen in der Lage war, denn: stand nicht an erster Stelle und vorrangig im Leben der Mönche der Glaube und immerwährende Dienst an Gott? Nun waren plötzlich siebzigtausend Rubelchen da, unverhofft und wie vom Höchsten selbst gegeben, für die man keine rechte Verwendung fand, war es doch eine recht klägliche Summe im Vergleich zu dem, was man einst besaß. Und so kamen Anastas und Alexej, dessen Neffe, an diese Arbeit, die sie gerne für den Rest des Staatsgeldes verrichten wollten. Seit dem Auftauchen des Schlagwortes Perestroika - womit der Umbau der gesamten russischen Gesellschaft gemeint war - waren nämlich beide ohne Arbeit und damit ohne Verdienst.

Wie war das eben - was das Kloster einst besaß? War es denn viel? Ja, bei Gott, es war immens viel. Und wir müssen wohl weiter ausholen, um die Herkunft der sechs Millionen Rubel zu klären, die dem Kloster im Jahre 1917 unverhofft in den Schoß fielen, mittlerweile jedoch längst aufgebraucht sind...

Fürstin Orlowa, eine junge hübsche Adlige, deren Brüder am vorzeitigen Tod des Zaren Peter III. nicht ganz unbeteiligt sein sollen, ist nach dieser Tat kaum mehr gesellschaftsfähig. Sie kann nur noch ins Kloster gehen und wählt das des Heiligen Juri bei Nowgorod. Dort verliebt sie sich unsterblich in dessen damaligen Abt: er ist jung, überirdisch schön und rein - aus verständlichen Gründen jedoch unnahbar. Als Beweis ihrer nie bekannten Liebe vermacht sie dem Kloster ihren gesamten Besitz - die erwähnte Zahl an Rubeln, auch für heutige Zeiten ein schöner Batzen Geld. Wie es das Schicksal will, stirbt der Angebetete ein knappes halbes Jahr darauf, kaum sechsunddreißig Jahre alt geworden. Nach vielen durchweinten Nächten steht der Entschluß der Fürstin fest: sie wird das Geld zurückverlangen, denn auch sie ist noch jung, und in Rußland gibt es - selbst in den sozialistischen Wirren dieser Zeit - noch viele Klöster, die Adlige gegen Geld aufnehmen. Der Nachfolger des verstorbenen Abtes jedoch durchschaut sie und schmiedet eigene Pläne, um das Kloster im Besitz des Geldes zu halten. Bei einem Bankett zu Ehren des Verstorbenen verabreichte man ihr einen Trank, der tödlich wirken soll. Leider vergreift sich der zuständige Vater Alchimist in seiner Hexenküche, und im Wein der untröstlichen Fürstin schwappt nur ein starkes Schlafmittel, das sie eine halbe Stunde nach dessen Einnahme in todesähnlichen, langanhaltenden Schlummer sinken läßt. Als sie auch nach zwei Tagen nicht aufwacht und keinerlei Anzeichen von Leben mehr erkennen läßt, wird ihr Begräbnis angeordnet: direkt neben der noch frischen Gruft des geliebten Abtes soll sie bestattet werden. Man läßt ihren Sarg hinab in die tiefe Grube zu seiner Linken - der Herzensseite - und wirft Erde darauf, viel Erde. So werden die beiden letztlich doch noch vereint, wenn sie auch nichts mehr davon haben -

Soweit die dicken Bücher. Wo auf dem Totenanger neben der Klostermauer sich diese Stelle jedoch befindet, das ist nicht verzeichnet in den Büchern, und eben dies sollen Anastas und sein Neffe herausfinden - für siebzigtausend Rubel, die zwar den Rücken krumm machen, indessen auch Brot für nahezu einen Monat bedeuten. Brot mit liebevoll geschnitzten Gurkenherzchen darauf -

»Nun schau doch nur, Onkel Anastas, was ich ausgegraben habe!« Voller Vergnügen hält Alexej, der junge, kräftige Sohn seiner Schwester, eine Kette in der erhobenen Hand, läßt sie im mageren Licht der tiefstehenden Märzsonne blinken und wendet sie so, daß der aus seiner Grube auftauchende Anastas das daran baumelnde goldene Kreuz von beiden Seiten betrachten kann.

»Die Abtskette«, flüstert er ehrfürchtig. »Küsse sie, mein Junge, es wird dir Glück bringen - und bekreuzige dich dreimal, denn du stehst auf dem Gerippe eines toten Abtes, vielleicht bringt uns das allen Unglück!« Ein erschreckter Blick zu seinem Onkel, dann tut Aljoscha hastig, wie ihm geheißen, ohne Gegenrede.

»Und nun«, sagt Anastas bestimmt, »nimm dein Schäufelchen fest in die Hand: wir werden weiter graben, ohne jede Pause, sage ich dir, bis wir auch noch das letzte Knöchelchen der beiden herausgeholt haben. Hierunter liegen sie, das zwölfte und dreizehnte Grab, das wir öffnen mußten - wir haben sie! Also an die Arbeit, Junge, laß die Mönche im Hof beten und essen - wir haben zu tun!«

Alsbald flogen wieder die Erdbrocken, und Stück um Stück legten der Onkel und sein Neffe frei, wonach sie bisher tagelang suchten. Als die blasse Sonne sich dem Horizont näherte, tauchte Anastas' Kopf über dem Rand seiner Grube auf: verschwitzt und schreckensbleich, Haarsträhnen klebten ihm im Gesicht.

»Alexej - Aljoscha, komm raus aus deinem Loch - schau, was hier liegt!« voller Entsetzen blickte er hinab auf die Sohle seiner Grube, wo er eben etwas geschaut haben mußte, das er alleine nicht imstande war, zu begreifen. Alexej, der das halbe Abtsgerippe bereits freigelegt hatte, tauchte aus seinem Loch auf. »Was ist, Onkelchen,« lärmte er, »machen wir endlich Pause?«

Als er aus der Grube auftauchend und über deren Rand spähend das Gesicht seines Onkels sah, wurde er still: so hatte er es niemals zuvor gesehen - so voller Grauen. »Komm her Junge,« flüsterte der, »komm ganz nah zu mir, halte mir die Augen zu und sage mir, was zu schauen ich mich weigern muß, will ich je der Mensch bleiben, der ich war - was ist es, das du siehst?«

Alexej kam heraus aus seinem Loch, schaute in die Grube, die sein Onkel Anastas gegraben hatte, und erstarrte. »Halt mir die Augen zu, verdammt nochmal - du sollst mir die Augen zuhalten!« Mechanisch und abwesend legte Joschka seinem Onkel die Hände über die Augen. »Was siehst du?« befahl der. »Beschreibe es mir!«

»Ich sehe -« Joschka schluckte, dann, mit gefestigter Stimme, leierte er herunter: »Ich sehe ein Skelett. Ein kleines Skelett mit breiten Hüftknochen. Eine Frau, denke ich, war das mal - ja, eine Frau. Das eine Bein ist angezogen, links - nein, nicht Bein, die Beinknochen sind an den Körper angezogen. Da sind die Hände - Handknochen - du hast das alles sehr sauber freigelegt, Onkelchen; die Knöchelchen halten zerrissenen Stoff, einen Fetzen, links, über ihren Rippen und dem angezogenen Knie der gleiche Stoff, das rechts sieht aus wie ausgerissene Haare - bei Gott, die gleichen Haare liegen als Rest um den Schädel - du - du hast das so verdammt sorgfältig drapiert, um mir Angst zu machen, du -«

»Ich habe nichts drapiert oder verändert. Alles ist so, wie ich es freilegte - ich habe nur die Erde entfernt, die auf ihr lag. Du - du siehst es also genauso, wie ich? Laß meine Augen frei, Söhnchen, du gutes Söhnchen meiner Schwester. Ich bin also nicht wahnsinnig, du hast dasselbe geschaut wie ich - laß uns für sie beten, Joschka: sie ist lebendig begraben worden. Im letzten Kampf hat sie sich die Haare ausgerissen und das Kleid zerfetzt, als es keinen Ausweg mehr gab. Oh Gott, wie muß sie gelitten haben!«

Beide knieten in der engen Gruft nieder, bedachtsam, sich nicht auf einem der Knöchelchen abzustützen, eng an den Rand der Grube gepreßt. »Vater unser...« begann Anastas, »...der du bist allmächtig und im Himmel,« fuhr Alexej fort, und wieder Anastas: »...vergib uns all unsere Sünden...« Es war ein langes und ehrliches Gebet, das sie aus der Grube hinaus in den gleichmütigen Himmel über den frisch aufgeworfenen Erdwällen schickten, sein Strahlen vom Mittag war bereits verblaßt, fast wurde es Abend. Märztage sind noch nicht lang.

Anastas zog seine Jacke von dem Oleander, als sie herausgestiegen waren aus dem Grab, befühlte kurz das Paket in der Tasche und hatte keinen Appetit auf ausgeschnittene Gurkenherzen auf Dörrfisch. Sie breiteten noch eine Leinwand über die dicht beieinander liegenden Löcher, stützen sie mit Kiefernstämmen ab und gingen nach Hause. Im Kloster läutete das Glöckchen zur Abendmesse. Als er heimkam, wurde seine Frau aus dem seltsam bedrückten Anastas nicht klug. Sie bedrängte ihn nicht, und er ging früh zu Bett, sagte nur, sie hätten sich die siebzigtausend Rubel redlich verdient. Nachts dann, hatte er diesen Traum:

- Es riecht so dumpf. Wo bin ich? Mein Gott, haben sie mich eingezwängt. Ich werde den Damen wieder sagen müssen, daß ich diese Fischbeinkorseletts nicht mag. Zuviel Rotwein, gestern. Nun gut, es war seine Beerdigung, seine, des einzigen Wesens, das ich je geliebt habe - liebte ich ihn wirklich? Oder wollte ich ihn mir nur gefügig machen mit meinem Geschenk, das aus allem bestand, was ich besaß, freigebig hergab, nur um ihn zu gewinnen, ihn, der so hoch über mir stand, turmhoch und weltabgewandt - ein Gott!

Er ist tot. Langsam komme ich zu mir. Ich habe ihn vergöttert, doch nun ist er nicht mehr. Draußen, jenseits der Klostermauer, bekam er Grab und Kreuz  - soll ich etwa ein Kreuz anbeten für den Rest meines Lebens? Ich bin doch erst dreißig! Was habe ich nicht noch alles vor mir! Gott, ist das Korsett eng. Mal das Bein anziehen, hat mir bisher immer Luft verschafft. Es war dumm von mir, in dieses Kloster zu gehen, aber da waren die Aufständischen - die Zarenfamilie: sie wollten sie umbringen, drohten sie. Hätten sie etwa vor uns, den Orlows haltgemacht - den Mördern dieses schlauen sibirischen Bauern, den sie vergötterten? Wo hinein haben sie mich nur gebettet - verdammt eng hier. Ich werde ein wenig versuchen zu schlummern, mir schmerzt der Kopf. Wie man sich bettet, so liegt man. Wer hat das gesagt? Ich habe mich nicht so eng gebettet - wer hat mich so - Nadine! Nadine!! Hört wieder nicht, das Luder. Immer nur Männer im Kopf. Na, das werde ich ihr schon austreiben: Nadiiine! Jemand sollte ein Fenster öffnen, die Luft ist verbraucht.

Kommt nicht. Wirklich - fast überfällt mich Platzangst. Kann man jemand, der diesem maroden Männerhaus mit den goldenen Sternen auf den Dächern sechs Millionen Rubel zugeschossen hat, in so ein enges Loch legen? Wagt man das? Man wagt es - ersichtlich liege ich beengt. Verdammt beengt. Arm heben - geht nicht. Warum? Über mir ist eine Decke. Holz wahrscheinlich. Wessen Koje ist das, in der ich liege? Na-a-di-i-ine! Ich will hier nicht liegen. Oder zumindest wissen, wo ich liege, und wen ich hier erwarte. Etwa den neuen Abt? Schweinsgesichtig und hängebäuchig - den? Kein Vergleich zum alten, strahlend jungen - ach, mein Geliebter, der du nichts von meiner Liebe wissen durftest! Du hast sie mit ins Grab genommen.

Grab - Moment mal. Überall Holz. Links, rechts, oben - da wird doch nicht auch unter mir Holz sein? Hart. Holz. Halt, so haben wir nicht gewettet, ihr Herren bei Tisch, die ihr mich betrunken machtet! Feinsäuberlich werdet ihr mich jetzt herauslassen, ich bin eine Frau von Stand und für solche Späße nicht zu haben. Aber wenn es - wenn es nun kein Spaß ist? Tasten: überall Wände - oben, links, unten, rechts - es ist - wahrhaftig, es ist eine Kiste! Langsam, Gräfin Orlowa: du hast Brüder, die dich aus dieser Kiste befreien werden, sie müssen nur von ihr wissen. Aber sie wissen nicht davon. Wer kann schon von dieser Kiste wissen, in der du nun liegst, von einem schweinsgesichtigen und hängebäuchigen Abt hereingelegt, hineingelegt - ich will hier raus!! Nadi-i-ine!!!

Pam, pam, paramtamtam - egal wo die Kiste steht, ich werde jeden aufwecken: Pam, pam, paramtamtam, immer gegen das Holz, immer gegen das Holz, oben, an der Seite, wo ich treffe, immer gegen das Holz: pam, pam, paramtamtam, ein Marsch, aber ich marschiere nicht, kann es nicht, der schweinsgesichtige neue Abt erlaubt es mir nicht, hat mich in diese Kiste stecken lassen, die mich nun zu Tode ängstigt - Geliebter, wo bist du? Oh Gott, wo bist du nur, siehst du mich nicht in meiner Not? Einen Fuß kann ich rühren, den anderen habe ich angezogen, des engen Mieders wegen, ich bringe ihn nicht zurück, soll er meinetwegen verfaulen in dieser Stellung - aber soll ich deswegen verfaulen? Gott, Gott, oh mein Gott - willst du mich hier wirklich allein lassen? Pam, pam, paramtamtam! Spiele, du kleiner Trommler, spiel dein letztes Lied! Und ihr Kornett­bläser: blast euch die Seele aus dem Leib, blast und schlagt die Welt und dieses verfluchte Kloster in tausend Stücke - aber laßt mich in dieser Stunde nicht allein! - Sieh, Herr: ich reiße mir die Haare aus, das Kleid vom Leibe, liege vor Dir, wie ich einst von Dir kam - was soll ich denn um Deinetwillen sonst noch tun, ich habe doch nichts in diesem Gefängnis, außer dem Trommeln meiner Füße - pam, pam, paramtamtam - willst Du mich nicht erhören? Wer, außer Dir, mein Gott, sollte mich hier hören, ausweglos, paramtamtam... Ich bin allein, niemand außer Dir - Gott? Bist Du bei mir? Schau, ich zerreiße das kleine Billet, das ich an meiner Brust trage, das mit den zwei Engeln, Pater Grigori hat es mir geschenkt, er war stets so gut - bist Du, Gott, auch gut zu mir?

Nimm mich auf, eine arme Sünderin, komm, sing mit: paramtamtam - param - tamtam - oh Gott! Sei meiner armen gefesselten Seele gnädig -!

Anastas erwachte. Draußen begann das Konzert der Vögel. Er drehte sich um und rührte seine Frau an der Schulter, legte den Kopf daran, spürte die Wärme ihres Schlafes: selbst das konnte ihm die verdammte Kälte nicht nehmen, die er in sich glaubte - paramtamtam. Sollten die Kiefernstämme einsinken über dem Grab der elend Gemarterten und es zerfallen und der Erdwall wieder auf die Knochen rinnen wie ehedem: er würde seine Hälfte der siebzigtausend nicht einfordern von den Mönchen - er nicht. Nie wieder ging er dorthin, er war ein armer aber freier Mann - Perestroika hin oder her.

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Der Kuß

Marie Claire war siebzehn Jahre alt, als sie aus dem kleinen Dorf in der Auvergne verschwand. Und achtundsechzig, als sie wieder auftauchte. Dazwischen lagen einundfünfzig Jahre. Doch nicht von Marie Claire soll hier die Rede sein, sondern von Jean Luc, damals ein Bursche im blendenden Alter von neunzehn Jahren, der zwölf lange Jahre vergebens auf ihre Rückkehr wartete, bevor er sich das Leben nahm. Das geschah im Jahre 1955.

Seine Mutter gebar ihn als fünftes Kind, zwei folgten ihm noch nach. Von den vier Kindern vor ihm - allesamt Brüder - überlebten nur zwei das erste Lebensjahr. Einer davon fiel im Alter von dreiundzwanzig Jahren als Partisan im Krieg gegen die Deutschen. Der andere wanderte nach Kriegsende auf die Antillen aus, man hörte nie wieder etwas von ihm. Die beiden Nachkömmlinge hinter Jean Luc waren Mädchen. Eine - Marguerite - lebt noch heute als Frau eines mittlerweile ebenso blinden wie seit Anbeginn erfolglosen Kunstmalers in Marseille, die andere starb unverehelicht im Alter von fünfundzwanzig Jahren an den Spätfolgen der Tuberkulose aus den mageren Kriegsjahren. Jean Luc hielt ihr den Kopf mit dem spitzen Gesicht, bis es überstanden war.

Verständlich, daß seine Mutter an ihm hing. Zumal sein Vater - wie auch die Väter aller seiner Geschwister - nicht bekannt war. Zumindest nicht dem Dorf. Zwar munkelte man allerlei hinter vorgehaltener Hand, hütete sich jedoch, es auszusprechen, da man nichts Genaues wußte, und große Namen im Gespräch waren, die - aufgestört - allerhand Unruhe in das Dorf hätten bringen können. Seine Mutter war eine hübsche Person, bewohnte ein eigenes Haus am Ortsrand, und niemand fragte, woraus sie ihren Lebensunterhalt schöpfte. Bei Bäcker, Metzger und Kolonialwarenhändler jedenfalls ließ sie nichts anschreiben und zahlte stets sofort. Die fünf Kinder litten nicht darunter, daß sie keinen offiziellen Vater besaßen. Ihre Mutter war ihnen genug, und bei Hänseleien der Schul- und Spielkameraden wehrten sie sich mit Sätzen wie diesem: »Natürlich weißt du - Aristide (oder Pierre Auguste oder Nanette) -, daß dein Vater Moulin (oder Nandieu oder Malgrette) heißt. Aber ist er es auch? Liegt nicht bei euch auf dem Dachboden noch dieses riesige, verstaubte Geweih herum? Wer weiß, wer es eurem Vater angehängt hat.«

Meistens ging das nicht ohne Prügeleien ab. Jean Luc schlug sich gern und regelmäßig, um seine unbekannte Herkunft zu verteidigen. Doch im Grunde seines Herzens war sie ihm nicht wichtig. Man darf annehmen, daß es seinen Geschwistern - denen zumindest, die übrigblieben - ähnlich erging.

Jean Luc wuchs heran. Er war fünfzehn, als er das erste Mal an Marie Claire geriet. Und daraus erwuchs eine für ihn unsterbliche Liebe. Sie kam aus dem besetzten Paris und war von den besorgten Eltern zu ihrer Tante Valroi aufs Land geschickt worden. Madame Valroi hatte das Haus mitten im Dorf nach dem Tod ihres Mannes in eine kleine Pension umgewandelt, in der hauptsächlich durchreisende Handwerker und Landmaschinenvertreter zu Gast waren. Neuerdings auch gesetzte Herren in dunklen Anzügen, die in ebensolchen Limousinen anreisten. Vichy war nur eine halbe Autostunde entfernt und zu jener Zeit provisorischer Regierungssitz der französischen Republik. Doch das weiß der geneigte Leser sicher ebensogut, so daß wir uns einen Abstecher in die Geschichte des zweiten Weltkrieges getrost ersparen dürfen.

Es war heiß, August vierzig. Jean Luc bedauerte, daß es seine letzten großen Ferien waren, bevor er aus der Schule entlassen würde. Marie Claire saß auf dem Rand des steinernen Dorfbrunnens, den mageren, dreizehn­jährigen Körper in ein leichtes Chiffonkleidchen gehüllt, und schöpfte Wasser in ihren Mund: es perlte von den vollen Lippen, rann als dünner Speichelfaden zurück in die Hand und tropfte von da wieder in die sich kräuselnden Ringe des Brunnens.

»Bist du neu hier?« Jean Luc verschob mit der nackten Zehe zentimeterweise einen winzigen Stein im Sand rings um den Brunnen, wie einer der Boules­spieler, die ab fünf Uhr nachmittags den Platz für sich beanspruchten. Er tat gelangweilt. Innerlich jedoch brannte er: solch ein Kleid hatte er noch nie gesehen. Die anderen Mädchen im Dorf trugen gewöhnlich blaue Kattunkittel, und nur zu höchsten Festtagen wurden sie in rüschenverzierte steife Mieder und Röcke gezwängt, denen der erdige Geruch von Lavendel anhaftete, einem probaten Mittel gegen Mottenfraß. In seiner Leichtigkeit erschien ihm das fremde Mädchen wie ein bunter, kostbarer Falter, den er gern in den hohlen Händen geborgen, und an dessen Besitz er sich erfreut hätte. So wie er es mit den Pfauenaugen tat, die er in den Feldern um das Dorf fing, und nach einer Weile, während der er atemlos an der Höhle seiner ans Ohr gehobenen Hände lauschte, mit einem wilden Jauchzen in die Luft warf und wieder freiließ.

 Dem Mädchen stand der Mund noch offen, über sein Kinn rann eine Spur glitzernden Wassers und tropfte auf das Kleid, als sie ihn überrascht musterte - es antwortete nicht, schaute nur auf den Buben in der kurzen Hose, der sich angelegentlich mit den Steinchen zu seinen Füßen zu schaffen machte. Er hatte wirre dunkelblonde Haare.

Sie wandte sich wieder dem Brunnen zu, tauchte die Hand ins Wasser und zog sie im Halbkreis um den Platz, auf dem sie saß, dabei Wellen und Wirbel erzeugend, die wie glänzende Fischleiber ihre weißen Finger umspielten. »Und wenn es dich was anginge?« fragte sie nebenher, scheinbar ganz in die Strudel vertieft, die ihre im Brunnen rudernde Hand hinter sich aufrührte.

Dies schloß die mögliche Antwort auf die Frage, was es ihn denn anginge, aus. Jean Luc mit seinen fünfzehn Jahren war nicht dumm, aber ihre Frage­stellung verwirrte ihn. Ein wenig weiter rollte er das Steinchen mit der Zehe, dann gab er ihm einen Tritt mit dem Ballen, der es klackend an die Brunnenmauer trieb, wo es liegenblieb.

»Wenn es mich was anginge,« murmelte er schließlich halblaut, »wüßte ich wahr­scheinlich, wer du bist, und bräuchte nicht zu fragen.« Er war bereits im Stimmbruch und haßte die sich immer noch in seine Sätze einschleichenden Kickser der Kind­heit. »Na gut,« fügte er mürrisch hinzu, »es geht mich nichts an. Ich reiß mir kein Bein aus, um zu wissen, wer du bist. So interessant bist du gar nicht.« Damit wandte er sich ab und ließ die Schöpfende auf dem Brunnen­rand sitzen. Aber sein Herz spannte sich in der Brust und trommelte bis zum Hals herauf. Er dachte an die Falter und die befreienden Augenblicke des Loslassens: so weit hatte sie ihn gar nicht kommen lassen, nicht mal im Ansatz.

Marie Claire schaute ihm nachdenklich hinterher. Sie sah die zwei Wirbel, die das Haar am Hinterkopf des Jungen in wirren Kreisen wachsen ließ, nahm die gebräunten Waden wahr, die unterhalb der Kniekehlen aus den Röhren seiner dort endenden kurzen Hose wuchsen, und empfand ein Gefühl städtischer Traurigkeit: es war ja nur so ein dummer Spruch gewesen, den sie aus Paris mit hierher genommen hatte. Wie gerne hätte sie sich mit ihm unter­halten - langsam rutschte sie vom Brunnenrand herab, trocknete unachtsam die Hände an ihrem Chiffonkleid und begab sich zum Haus der Witwe Valroi, ihrer Tante. Endlich - in dem ihr zugewiesenen einfachen Zimmer - begann sie zu schluchzen. Nur so. An den Jungen mit dem wirren Haar dachte sie dabei gar nicht mehr. Es schien einfach in ihr drin und mußte heraus.

Zum zweiten Mal trafen sie beim Erntedankfest zusammen. Nicht, daß Jean Luc sie seither nicht heimlich beobachtet hätte - doch wohlweislich hielt er sich zurück. Wenn sie auftauchte und Gefahr bestand, daß sie den Blick in seine Richtung wandte, versteckte er sich hinter Hausmauern und den Büschen von Vorgärten. Nun aber, da er sich mit einigen anderen Jungen im Schatten der Kastanien herumdrückte, unter denen die reichen Segnungen des Sommers auf Karren ausgestellt waren - pralle Melonen, Maiskolben, Kürbisse und krumme Gurken zusammen mit Garben gold­glänzenden Getreides -, da stand sie plötzlich vor ihm. In der Schar aufgeputzter Dorfmädchen, die mit Blumen geschmückte Bögen aus ineinander geflochtenen Weidenruten trugen, immer zwei und zwei, vor Aufgeregtheit glühend und sich ob ihrer Wichtigkeit gegenseitig kichernd die Ellenbogen in die Seiten stoßend, hatte er sie nicht rechtzeitig bemerkt. Zur Flucht war es zu spät. Als sich die Mädchen nach gehabtem Auftritt wie eine Schar gackernder Hühner auf die Bänke an den Tischen der Erwachsenen verteilten, blieb sie übrig. Tante Valroi hatte noch im Haus zu tun, so fühlte Marie Claire sich niemand zugehörig, und der einzige ihr bekannte Hinterkopf unter den bereits stachelig Früchte tragenden Kastanien war der verwirbelte Jean Lucs.

»Damals am Brunnen -« sagte sie schüchtern. »Erkennst du mich?«

Jean Luc blickte ihr prüfend in die Augen. In diesem Moment stritten sich in ihm der Wille zum Großtun vor den ihn umstehenden Kameraden und die Sehnsucht nach ihr. »Wartet mal«, nahm er entschlossen das Mädchen bei der Schulter, führte es beiseite und warf über die Achsel: »Bin gleich wieder da. Hab nur mal eben mit der hier was zu bereden.« Die Sehnsucht hatte gesiegt, aber er mußte auf seinen Abgang bedacht sein. Denn immerhin war er fünfzehn und auf der Schwelle zum Mann. Wobei ihm das gar nicht so wichtig erschien, aber den anderen. Sie grölten den beiden Unverständliches nach.

Hinter dem Stand, an dem in vollen Strömen goldblondes Bier gezapft und ausgeschenkt wurde, wo die zu Kellnerinnen ernannten Frauen der Bauern resolut die schäumenden Krüge zu viert und sechst ergriffen, je nach Kraft und Temperament, und sie an den Busen pressend zu den Tischen trugen - hinter jenem Stand also fragte Jean Luc erneut: »Bist du neu hier?«

Marie Claire wand sich nicht. Diesmal war sie dankbar, daß er sich ihrer so spontan angenommen hatte: »Nein,« sagte sie. »Wir kennen uns. Ich bin Marie Claire Pointu. Ich komme aus Paris und wohne bei meiner Tante Valroi. Und wie heißt du?«

»Und wenn es dich etwas anginge?« Störrisch sah er den schwitzenden Zapfern zu und den Kellnerinnen nach. Durst hatten überwiegend die Kerle, Frauen in geblümten und mit bunten Bändern versehenen Kleidern nippten nur an den Krügen ihrer Männer. Bald würde auch er dazu gehören - noch aber machte er sich nichts aus Bier.

»Ach du!« Sie wand sich. »Es war nicht so gemeint. Wir wollen uns unter­halten, ja? Willst du mir nicht deinen Namen sagen?«

»Na gut - Jean Luc.« Er blieb bockig und wartete auf ihre nächste Frage. Während er hier rumstand, redeten die anderen womöglich Gott weiß was über ihn. Er blieb vorsichtig.

»Hättest du nicht Lust zu einem Spaziergang?«

»Warum?«

»Ach, nur so.« Sie schaute zu ihm auf, abschätzend, Jean Luc war einen halben Kopf größer, als sie. In seinem Gesicht las sie allein die Frage, kein Zeichen der Ablehnung. »Wir wären allein. Könnten miteinander reden. Ohne deine Freunde.« Sie trug nicht das Chiffonkleid, sondern wie all die anderen Mädchen Rock und Mieder, wahrscheinlich aus dem Schrank vom Madame Valroi stammend und unvermeidlich nach Lavendel riechend. Wenn auch schon ein wenig dumpf. Die Festtags­kleidung war in diesem Landstrich noch nicht der Mode unterworfen, und so mochte Madame es noch selbst getragen und in Erwartung eigener Töchter in der hintersten Ecke ihres Kleiderschranks verwahrt haben. Es nahm Marie Claire ein wenig von ihrer Besonderheit.

»Na gut.« Jean Luc umfaßte wie vordem ihre Schulter und zog sie mit sich. Nach einer Weile, in der sie dem schlanken Pfad hinauf in die karstigen Hügel oberhalb des Ortes gefolgt waren, hörten sie den Lärm der Stimmen und das Gequäke der wimmernden Ziehharmonika des Dorf­musikanten nur noch gedämpft von unten heraufschallen. Dazwischen Lachen und das Kreischen der Bäuerinnen, wenn sie beim Austragen der Getränke von den Männern um die runden Hüften gefaßt wurden. Irgendwo machten sie Halt und ließen sich auf dem von der Augustsonne durchglühten Boden nieder, Ameisen, Gallwespen, Läusen und Spinnen nicht achtend. Jean Luc war das Ungeziefer gewohnt, hier geboren und damit aufge­wachsen. Unter Marie Claire allerdings webte und wisperte eine unbekannte Welt von Kleinlebewesen - sie rückte bald hierhin, bald dorthin und kam nicht zur Ruhe.

»Sieh dort!« Eine schillernde Eidechse lag träge auf einem Stein, Jean Luc wies mit dem Finger auf sie. Ihre Flanken pumpten, und Marie Claire erschrak. »Ist sie giftig?«

»I wo. Wenn ich sie greifen würde, würde sie aus Angst ihren Schwanz verlieren.« Er stampfte einmal fest mit dem Fuß auf den Boden, und das Tierchen verschwand zuckend und sich schlängelnd im Gestrüpp der nahen Brombeerhecke. »Es gibt hier keine giftigen Tiere«, sagte er. Dabei klatschte er nach einer Bremse, die sich auf eins der angewinkelten Knie von Marie Claire gesetzt hatte; breit blieb der rote Placken des sich bereits anderswo mit Blut vollgesogenen Insekts darauf zurück.

»Ihh!« Marie Claire schüttelte sich. Sie bewunderte den Gleichmut, mit der Jean Luc ein quälendes Insekt erschlug, doch empfand sie seinen Schlag auf ihr Knie auch als Überfall auf ihre beengte Städterseeele, den sie keinesfalls dulden durfte: »Laß das!« befahl sie streng.

»Ich hab’s doch gutgemeint«, murmelte er. Jean Luc fühlte sich unwohl. »Wir können auch wieder runtergehen, wenn du möchtest.« Sie hatte von irgendwoher ein Taschentuch hervorgezogen, spuckte darauf und rieb sich damit über das Knie. Als der Fleck weg war, hob sie den Kopf und sah ihn an.

»Ich möchte,« sagte sie, von plötzlichem Heimweh überrannt, »daß du mir einen Kuß gibst.« In Jean Lucs Kopf träufelten sich wie zähfließender Honig Lagen gutgemeinter Ratschläge übereinander, einer davon war, daß er es nie probieren sollte, bevor er nicht einen Beruf hätte. Er war noch nicht alt genug, um diesen Ratschlägen zu mißtrauen und sie in die Ecke zu verweisen, aus der sie kamen: Enttäuschung und Neid.

»Ich kann dir keinen Kuß geben. Ich habe noch keinen Beruf«, sagte er leise. Sich küssen war ihm zu der Zeit noch gleichbedeutend mit Kinderkriegen. Seine Mutter hatte ihn immer davor gewarnt, das Notwendige zu seiner Aufklärung jedoch unterlassen. Diesbezüglich tappte er, seiner Erziehung oder auch Nichterziehung zufolge, im Dunkeln.

Nebeneinander gingen sie den schmalen Pfad wieder hinunter. Beide wortlos, dafür aber mit einem Wust huschender Gedanken in sich, die um den jeweils anderen kreisten. Sie haßten sich. Sie haßten sich und ihre Wort­losigkeit, in der sie ihrer Unerfahrenheit keinen Ausdruck geben konnten und ihren Wünschen und Zweifeln keinen Raum. Unter der lärmenden Glocke des mehr und mehr in barocke Ausgelassenheit einschwenkenden Erntedank­festes angelangt, strebten sie rasch und in gegenseitiger Scham auseinander. »Vielleicht auf ein andermal«, war der kurze Satz, den Jean Luc mit roten Ohren hervorbrachte und »Adieu!« die Antwort Marie Claires, bevor sie sich hastig trennten. Jeder hatte sich dem anderen auf seine Weise offenbart, und so wagten sie nicht, sich danach in die Augen zu schauen.

Jean Luc lungerte noch eine Weile im Kreise seiner Kameraden unter den Kastanien herum, bevor er sich auf den Weg nach Hause machte. Fast hätte es noch eine Prügelei mit Aristide, dem Sohn des Bäckers Lemettre, gegeben, der sich erkundigte, was sie denn so lange dort oben in den Hügeln gemacht hätten. Und dies Pariser Püppchen - halt’s Maul, warnte ihn rechtzeitig Pierre Larousse, dem die roten Ohren Jean Lucs nicht entgangen waren. Seine Mutter; seine Mutter - für alles war seine Mutter verantwortlich! Seine Mutter die ihn nicht über Pariser Mädchen oder Mädchen überhaupt aufgeklärt hatte, stattdessen: Probier’s nicht, bevor du keinen Beruf hast. Verdammt - was sollte er nicht probieren? Er schloß sich in das Zimmer ein, das er mit den Schwestern teilte, die nun wohl mit den Jungs unter den Kastanien rumknutschten, die Weidenbögen in all ihrer Blütenpracht daran vergessend und auf morgen stehenlassend - Weiber! dachte er voller Zorn.

Mitten in der Nacht mußte er die beiden - Marguerite und Suzanne glühten und kicherten - doch hereinlassen, und daß sie ihn durch ihr zaghaftes Klopfen an die Scheibe weckten, verbesserte nicht eben seine Stimmung.

Der folgende Tag - ein Sonntag - erforderte den morgendlichen Gang zur heiligen Messe. Bislang war ihn Jean Luc gern gegangen, er liebte den Klang der dröhnenden Orgelstimmen, bevor die Gemeinde vom stechenden Duft des Weihrauchs benebelt zögernd zum Choral einsetzte. Heute jedoch wehrte er unwillig die Hände seiner zwei Jahre jüngeren Schwester Marguerite ab, die ihm mit einem in die Wasserkaraffe getauchten Kamm das Haar bändigen wollte. »Laß das!«

Der Kamm war nun einmal befeuchtet, und so strich Marguerite sich damit selbst durch ihre langen blonden Strähnen, alles hübsch ordnend. Sie hatte ein zartes Gesicht, das nicht so recht zu ihrem bäuerlich schweren Körper paßte. Nur der keimende Busen brachte ein wenig Form in ihre Gestalt. »Er hat mich geküßt«, sagte sie, während der Kamm ihr Haar in dicken, parallelen Strängen nebeneinander legte. Sie war gerade erst dreizehn geworden.

»Wer?« Jean Luc, Marguerite und Suzanne waren eine Gemeinschaft, bewohnten ein Zimmer, während die beiden älteren Brüder, Michel und Frances, die sich die Kammer gegenüber teilten, für sie bereits alte Männer waren. »Verdammt, wer!« wiederholte Jean Luc. »Du bist noch ein Kind!«

»So? Und nun sag ich dir’s grad nicht. Aber es war schön.« Ungerührt kämmte sie weiter ihr Haar, das gestern aufgesteckt war. Von Mama, Marguerite wirkte dadurch erheblich älter.

»Und wenn du’s nicht sagst - ich erfahr’s trotzdem!« Jean Luc nahm sich vor, alle seine Kameraden auszuhorchen. Er hatte auch schon einen Verdacht. Und wenn der es war - na, der konnte sich gratulieren! Vorerst jedoch blieben ihm die feierlich zu Gewölben gezogenen Backsteine der Kirche und das Dröhnen der Orgel, um sich abzureagieren. In dem Sinne, daß er nachgiebiger wurde und alles nicht mehr ganz so schlimm fand: bei Mädchen war das wohl anders, sie brauchten nicht erst einen Beruf.

Dann sah er sie. Neben ihrer Tante Valroi, einer alten, in Demut vor ihrem herrischen Mann verkümmerten Schachtel, beugte sie das Haupt fünf Bankreihen vor ihm. Ihr Haar war in einer blauen Samtschleife gebündelt und gefangen, am Nacken kräuselten sich allerliebst übersehene und nicht in das Bändchen aufgenommene blonde Strähnen, die das durch die Kirchenfenster fallende Sonnenlicht in einen Hauch blauen Petrusgewandes und purpurnen Pilatusmantels tauchte. Der Anblick Marie Claires gab ihm einen Stich.

Lieber Gott, betete er, und um ihn herum wunderte sich alles, warum er so inbrünstig die Hände gefaltet hielt und mit tief geneigtem Kopf auf ebendiese hinabstarrte: Wenn’s je dazu kommt, daß ich sie wiedersehe - gib mir den Mut, sie zu küssen! Seine Lippen bewegten sich dabei kaum, er dachte es wohl nur.

Ach ja, amen.Als die Orgel zum Eleyson aufbrauste, schlich er sich verschämt aus der Kirche. Den Anblick der blauen Schleife: er hielt ihn nicht aus. Irgendwann kühlte er seine nackten Füße im Wasser eines der Bäche, die sich weiter talwärts zur Dordogne vereinigten. Möglich, daß er es auch hin und wieder mit der Hand schöpfte, um die heiße Stirn zu kühlen. Was weiß man schon von den Beweggründen fünfzehnjähriger Knaben. Sie schreiben kaum Tage­bücher, und so verlieren sich ihre Gedanken über die Zeit in der Erinnerung alter Männer, die sie nicht mehr zu artikulieren wissen.

Über die stillen Hügel der an das Dorf anrainenden Felder donnerten Bomber hinweg. Die eigenen, die in Clermont aufstiegen, andere, die aus dem Osten kamen und manchmal das Land mit Feuer überschütteten. Aber nie wurde wirklich etwas getroffen. Jean Luc las die Zeitung und dachte: Sie haben es gar nicht so eilig, die Deutschen. Was sich hierher verirrte, war entweder feig oder wußte nicht, wo England lag. Immerhin war Krieg. Aber er betraf sie nicht, das Grauen wütete woanders. Insgeheim mochte er die Deutschen, die es den Engländern zeigten. Von Hitler hatte er gehört - aber war der wichtig?

»Marie! Marie Claire!« Jean Luc lief ihr hinterher. »Marie!« Wer wen aufgestöbert hatte, war belanglos. Irgendwo im freien Feld begegneten sie sich. Schwaden von angesengtem Kohl lagen in der Luft. Aus einem Trichter stieg Rauch. Eine Bombe hatte das Feld von Auriniac, dem Gemüsehändler, getroffen. Kein Kunststück. Es war das größte Kohlfeld weit und breit, wahrscheinlich hatten die Boches die Bombe nur verloren, es hätte nicht gelohnt, auf Auriniacs Feld zu zielen.

»Marie! Bist du unverletzt?« Jean Luc faßte die Fliehende bei der Schulter, warf sie um und sich auf sie. Als das drohende Brummen immer näher kam, war er durch die Fluren gewandert. Lieber Zimmermann oder Stellmacher? Das waren seine Gedanken. Die Schule war zu Ende, und er mußte einen Beruf ergreifen. Das Brummen kam näher - Zimmermann oder Stellmacher? Dann krachte es auch schon. Und im Hinwerfen sah er sie, die ihm gefolgt war, aufrecht stehend, verwirrt zum Himmel schauend, wo das silbergraue Insekt mit den Hakenkreuzen an der Unterseite seiner Flügel sich langsam in schwach bläuliches Nichts auflöste. Dann erst begann sie zu rennen. Zwischen ihnen dampfte der Krater in Auriniacs Kohlfeld. Aber er holte sie ein.

»Marie! Ach, Marie -«

»Du drückst mich«, preßte sie vorwurfsvoll hinaus und wollte unter ihm hervor. »Was ist passiert?«

»Nichts - Gott sei Dank nichts.« Jean Luc gab sie frei, indem er sich seitlich abrollte. »Ein bißchen Kohl ist verbrannt. Auriniac wird die Reste der Bombe mit dem Traktor in seinen Hof schleppen lassen und damit prahlen. Sonst wird nichts sein. Ach, Marie!«

»Denk ja nicht, daß du mich rumkriegst! Ich bin eine anständige Frau, und -«

»Du bist vierzehn! Mein Gott - kannst du nicht vergessen, daß du aus Paris kommst?«

Marie Claire zitterte. Um sich zu beruhigen, riß sie einen Grashalm aus und kaute darauf. Unschlüssig. Dann kam ihr ein wilder Gedanke: »Du darfst mich küssen, Jean Luc, wenn du mir versprichst, nie zum Militär zu gehen - nie etwas kaputtzumachen, das dir nicht gehört, nie Frauen in Angst und Schrecken zu versetzen, nur weil du glaubst, du mußt es ihren Männern zeigen, weil sie auf der anderen Seite stehen, ich meine -«

Jean Luc überlegte es sich genau: er war nun ein Mann, die Schule seit zwei Monaten für ihn Vergangenheit. Krieg? Er hatte nichts dafür übrig und hielt ihn für überflüssig. Wer Worte besaß, würde sich einigen können. Was den Krieg so gefährlich und beständig machte, schien ihm die Dummheit der Leute auf dem Dorf - er selbst glaubte sich frei davon - und die der Männer in der Politik, die dunkle Anzüge trugen und ab und zu auf der Durchreise bei Madame Valroi Station einlegten, bevor sie von Vichy aus hilflos auf die Karten Frankreichs starrten und sich eingestehen mußten, daß sie gegenüber dem längeren Knüppel verloren hatten.

Aber dann kam die Wut hinzu. Oh ja, er las die Zeitung, und da stand, daß die Deutschen in Paris säßen, die Damen der Folies Bergères bei Strömen von Sekt vor sich auftanzen ließen und für die dunklen Herren in Vichy nur Gelächter übrig hätten. Ganz abgesehen von Auriniacs Kohlfeld, aber das würde nicht in der Zeitung stehen, die seine Mutter abonniert hatte. Im Dorf sagte man, die Deutschen benähmen sich ganz manierlich, und solange sie diese Gegend in Frieden ließen, könnte man sich mit ihnen abfinden. Sie seien ja wohl nur auf der Durchreise nach England. Aber da war Marie Claire, die aus Paris nach hier vor den Deutschen in Sicherheit gebracht werden mußte - wenn sie wirklich so harmlos waren: warum war Marie Claire nicht in Paris bei ihren Eltern geblieben?

Und Jean Luc dachte, es wäre friedvoller, wenn sie einfach nur zur Sommerfrische hier wäre, und ihre Eltern kämen sie besuchen, wenn es ihre Geschäfte erlaubten. Nun aber hing das von den Deutschen ab, und ob sie es ihnen erlaubten. Und da regte sich mit einemmal der gallische Hahn in ihm und entließ ein leises Kikeriki aus Jean Lucs Kehle: die Freiheit für einen Kuß verkaufen, auch wenn er noch so dringlich und sehnlichst erwartet wurde?

»Ich kann es nicht,« sagte er schließlich und ließ Marie Claire vollends frei. »Was soll ich tun, wenn die Deutschen auch in unsere Gegend kommen? Ich habe keine Feindschaft mit ihnen - aber sie vielleicht mit mir, weil ich Franzose bin!« Er hatte so allerlei gehört. Ihr Appetit, Kinder zu fressen, schien zwar seit dem ersten Weltkrieg gezügelt - aber wußte man’s? Bomben in Kohlfelder zu schmeißen schien ihm ebenso abartig, und dennoch waren sie eben Zeuge einer deutschen Bombe geworden, die in Auriniacs Kohlacker einen Krater von zehn Metern Durchmesser gerissen hatte - man konnte ihnen nicht trauen, das war die Quintessenz des Nachdenkens über einen angebotenen Kuß für Jean Luc. Und er sagte es ihr.

Sie gingen zurück ins Dorf, und auf dem Weg reihte Jean Luc Soldat in den Reigen seiner Berufsüberlegungen ein: Zimmermann, Stellmacher oder Soldat? Er wußte es nicht. Und Marie Claire schwieg. Sie hatte ihm angeboten, was ihr das Kostbarste schien. Aber er hatte es nicht genommen. Konnte es nicht, das glaubte sie vage zu sehen, weil auch sie Französin war. Wieder waren keine Worte zwischen ihnen, als: »Vielleicht ein andermal« und »Adieu«.

Am nächsten Tag meldete sich Jean Luc auf der Präfektur, doch sie nahmen ihn nicht: sie wollten keine Kinder, dabei war er schon sechzehn. Also trat er eine Lehre als Stellmacher bei Alfonse Debichet an, der zunehmend auch mit Automobilen zu tun hatte. Ein zukunftsträchtiger Beruf. Ab und zu traf er in ölverschmierter Montur auf dem Nachhauseweg auf Marie Claire, aber er suchte sie nicht. Von einem Kuß war zwischen ihnen seither nie wieder die Rede gewesen. Mittlerweile ging sie aufs Gymnasium in Thiers und überschüttete ihn, wenn sie sich trafen, mit Gedanken, zu denen er nicht fähig war. Dennoch verband sie weiterhin eine Art loser Freundschaft, und er hörte ihr zu, wenn sie begeistert von einer neuen sozialistischen Nation sprach, einem neuen Frankreich, in dem alles im Überfluß zu haben sei, unter der Herrschaft des Volkes.

Als er kurz vor der Prüfung zum Gesellen stand, starb Madame Valroi, und Marie Claire verschwand aus dem Dorf, leise und ohne viel Aufhebens, so, wie sie gekommen war. Mitten im Ort plätscherte wie eh und je der Brunnen, die Deutschen wurden langsam aber beständig von der Menge der Alliierten, die unaufhörlich und in nichtendenwollender Zahl dem Atlantik entstiegen, aus ihren Positionen zurück­gedrängt, Jean Luc bestand seine Prüfung und fand keine Freude daran: er hatte sich an keiner Front bewähren dürfen und würde auch nicht mehr dazu berufen werden. Warum nur hatte er Marie Claire den Kuß verweigert? Eines Hirngespinstes wegen.

Im Dezember trug man seinen Bruder Michel - es war 1944 - ins Haus seiner Mutter. Man hatte ihn steifgefroren in einem Wald bei Colmar gefunden. Er war irgendwelchen Werwölfen erlegen, blutjungen Deutschen, die sich vor Angst in die Hosen schissen, aber mit Pistolen und Handgranaten bewaffnet waren. Das letzte Aufgebot des Wahnsinnigen Hitler. Danach würde nichts mehr kommen, aber Michel hatten sie noch den halben Kopf weggeschossen. Unabsichtlich vielleicht, in spielerischer Zielübung, aus der plötzlich blutiger Ernst wurde. Vielleicht auch in Angst, weil sich im Schnee und unter brüchigen Zweigen etwas Fremdes regte - man würde es nie wissen. Aus dem Dorf war Michel der achte, der an diesem Mörderkrieg zugrunde ging. Man grub mit Spitzhacken den gefrorenen Boden auf und ließ den Sarg unter blechernem Gequäke eines Grammophons, das die Marseillaise abspielte, hinunter in die kalte Erde. Seine Mutter mußte Michel sehr geliebt haben, denn sie brach wie betäubt am Grab zusammen und konnte nur mit Mühe auf die Beine gebracht und in ihr Haus fortgeführt werden.

Frances und Marguerite verschwanden kurz darauf. Der Krieg war beendet, und es ging aufwärts. Alle Welt kaufte Autos. Jean Luc, der nach wie vor bei Alfonse Debichet angestellt war, bekam den kurzen Abschied der beiden kaum mit, tauchte seine Hände weiterhin in Öl und ging vollkommen in seiner Arbeit auf. Seine Mutter wurde ihm mehr und mehr fremd. Wenn er an sie dachte, stellte er sie sich im Lehnsessel sitzend vor. Und bei den wenigen Pflichtbesuchen, die er ihr noch abstattete, saß sie auch jedes Mal darin. Herrgott! Warum nur hatte sie ihn nicht auf den Umgang mit Mädchen vorbereitet?

Als Jean Luc Dreißig war, kaufte er Debichet, der sich vom Geschäft zurück­ziehen wollte, die ölige Werkstatt ab, und machte für diesen Kauf eine Menge Schulden. Doch nun besaß er plötzlich eine Goldgrube. Erst jetzt sah er, was Debichet all die Jahre an ihm verdient hatte. Von nun an verdiente er es selbst an seinen Gesellen und Lehrlingen, Skrupel darüber trieb ihm die verdammte Steuer aus dem Sinn. Er war etabliert, und die Schulden waren rasch abbezahlt.

Seine Mutter lebte in dem Häuschen fort, in dem er und seine Geschwister großgeworden waren. Mittlerweile lag es nicht mehr am Stadtrand, wie einst, sondern war umringt von Neubausiedlungen. Der Ort hatte sich ausgedehnt, eine Fabrik für Batterien aller Art war unten am Bach hinzugekommen, des Kühlwassers wegen. Sie beschäftigten an die dreihundert Leute, die alle eine Wohnung brauchten. Er selbst besaß längst ein anderes Domizil. Die Anlässe, zu denen er seine Mutter besuchte, wurden immer seltener. Und Jean Luc dachte, daß sie ihn auch gar nicht mehr so oft sehen wollte. Sie schien der Last ihrer eigenen Erinnerungen entgegenzudämmern, von denen sie ihren Kindern nie etwas mitgeteilt hatte. So mußte sie alles mit sich selbst ausmachen und ließ niemand an sich heran.

Kurz nachdem Suzanne gestorben war, und Jean Luc deren spitzes Gesicht endgültig aus den Händen gelassen und sie auf die tote schweißnasse Stirn geküßt und ihr das Laken über das Gesicht gezogen hatte, starb auch seine Mutter. Der Pfarrer, der Arzt und auch Jean Luc waren dabei. Sie hatte kein letztes Wort für ihn, dem die Wirbel bereits etwas angegraut und störrisch aus dem Kopf wuchsen. Sie seufzte, wie unter einer letzten schweren Last, und war von einem Augenblick auf den anderen einfach tot. Der Pfarrer hielt Jean Lucs zuckende Schultern, bis er sich ausgeweint hatte, während der Arzt seine Bestecke und das Stethoskop zusammen­suchte und raschelnd den Toten­schein ausstellte. Jean Lucs Schmerz war in dem Moment durch die tröstend warmen Hände des Pfarrers besiegt, als der Arzt leise das Zimmer verließ, den Totenschein auf einem kleinen runden Tischchen zurücklassend.

Zwei Tage blieb sie aufgebahrt, dann war das Begräbnis. Das ganze Dorf war erschienen. Auch Marguerite aus Marseille war gekommen. Sie sah verhärmt aus, unscheinbar und ohne die mindeste Anteilnahme. Man ließ die Tote hinab. Jeder der Vorbei­­defilierenden warf eine Handvoll Erde auf den Sarg, ein paar Blümchen, oder hielt auch nur für ein, zwei Sekunden im Weiterschreiten inne. Es dauerte fast zwei Stunden, bis die Totengräber ihr Werk verrichten konnten, und sie unter der Erde war.

Natürlich gab es eine Trauerfeier. Jean Luc war nicht arm. Im Gasthof von Villon war ein Buffet ausgerichtet, das nach kurzer Zeit aufgefüllt werden mußte. Aus schwarzen Anzugärmeln fischten rissige Bauernpranken mit fast ebensoviel Erde unter den Fingernägeln, wie ihnen im Grund­buch als Land­besitz bestätigt wurde, nach Schinkenscheiben, häuften sich Brie, Roquefort und allerlei andere Käsesorten auf den Teller, legten Zwiebelchen und Gurkenscheiben hinzu und waren auch mit der Butter zu dem frischen Weiß­brot nicht sparsam. Kräftige Frauenarme angelten dazwischen mit Gäbelchen und Löffelchen nach Orangenscheiben, Salaten und den weißgelben Ovalen halber, hartgekochter Eier. Die Tote in all ihrer Blumenpracht schien vergessen.

Am Tisch der Honoratioren, den Raum zwischen Zunge und Gaumen mit reichlich gutem Käse gefüllt, dazu einem Schluck roten Weins, der alles hinunterspülen sollte, gestand leise der Pfarrer: »Ich habe sie geliebt, die teure Verstorbene. Nun ja - wie man einen Menschen liebt.« Am Buffet hatte er sich anfangs zurückgehalten, mehr dem Wein zugesprochen, der aus einem kleinen Fäßchen floß.

»Geliebt?«

»Ja.« Der Arzt bekam einige wehmütige Runzeln auf der Stirn, auch er hatte sich schon seit längerem mit dem Inhalt des Fäßchens beschäftigt. »Sie war - sie war - nun ja, sie war, wenn man es recht bedenkt, eine Wohltäterin der Menschheit.  Ohne Ansehen der Person. Sie gab und nahm. Es war, wie -«

»- wie eine gutgedeckte Tafel, die der Herr vor uns ausbreitet!« fiel der Pfarrer ein. »Sehet, sie nehmen nicht nur, sie geben auch ab von dem wenigen, das sie haben!«

Lemettre, der Bäcker, stocherte einen Tisch weiter lustlos in seinem Salat. Doch das letzte Wort hatten seine Ohren aufgeschnappt. »Haben? Woher?« Er war von seiner Frau auf Diät gesetzt. Gemüse und Salat, kein Fleisch. Er begehrte zu wissen, was jeder hier schon seit langem wissen wollte: wie hatte die selige Verstorbene stets bar bezahlen können, wo sie doch keinem Beruf nachging? Nicht, daß er neugierig wäre - es schien ihm wohl mehr eine Frage des allgemeinen Interesses.

Pfarrer und Arzt schauten sich bedeutsam über ihre Gläser hinweg an. Unbedacht hätten sie beinahe ihre besonderen Kenntnisse über die Verblichene der Allgemeinheit zugänglich gemacht, denn wenn der Bäcker es wüßte, wüßte es - von seinem Laden ausgehend - noch heute nachmittag der ganze Ort. Und daran war ihnen kaum gelegen.

»Psalm 38 Vers 10«, sagte der Pfarrer aufs Geratewohl. »In dem Psalm ist allerdings nicht die Rede davon, woher die Gaben des Herrn kommen, die unter die Bedürftigen fallen.« Er war sich gar nicht einmal sicher, ob es wirklich ein Bibelzitat war, das ihm da soeben über die Lippen geglitten war. Es war jedoch davon auszugehen, daß Lemettre es am allerwenigsten nachzu­prüfen imstande sein würde.

»So so«, sagte der, stach seine Gabel in ein Stück wacholder­geräucherten Schinkens und zog es zu sich herüber auf den Teller, es geschickt sogleich unter einem Salatblatt vor den Blicken seiner Frau verbergend, die andernorts schräg über den Tisch in ein Gespräch über liebe Nachbarn verwickelt war. Seine unwilligen Gesichts­züge glätteten sich, als er den ersten Bissen kostete: »Hmm!« Bedächtig kauend fügte er hinzu: »Ich werde es heute abend gleich nachlesen, Herr Pfarrer. Darauf haben Sie mein Wort.«

Der jedoch kam ihm zuvor. Endlich zu Hause, blätterte er mit zitternden Händen in der Heiligen Schrift und las sofort den unglücklich zitierten Psalmenvers nach: »Herr, vor dir ist all mein Begehren, und mein Seufzen ist nicht vor dir zu verbergen.«

In der Abwehr des Bäckers hatte er richtig und falsch zugleich gegriffen: nach seinem Lieblingsspruch. Ja - sie war eine Hure. Aber, bei Gott: eine göttliche! Und sie trieb es nur mit Akademikern, die für den Unterhalt der unvermeidlich dann und wann gezeugten Kinder auch zahlen konnten. Ihre Kunden kamen aus dem ganzen Land, der Weg von Limoges oder Lyon wurde keinem zu weit, der einmal in ihren Armen gelegen hatte. Als die Industriesiedlung das helle Häuschen umschloß, war es vorbei mit der Verschwiegenheit, und sie beschränkte die Herrlichkeit ihrer weißen Glieder und der - nein, das führte zu  weit. Von nun ab war sie nur noch für die Kinder da, die weiter gut versorgt wurden. Die Herren Väter zahlten pünktlich. Die Sorge, ihren guten Namen geschändet zu sehen, stärkte erheblich ihre Moral. Zumal die Zahlungsmoral.

Pfarrer und Arzt waren Akademiker. Woher der Pfarrer allerdings das Geld nahm, um die nun alles Wissen mit ins Grab genommen habende im Namen Gottes zu unter­stützen, wird uns unerfindlich bleiben, denn dem schieben sowohl Beichtgeheimnis wie auch ärztliche Schweigepflicht in diesem Fall einen Riegel vor. Nichts kam raus, und Lemettre war abends viel zu müde, um in der Bibel noch etwas nachzulesen. Wenden wir uns also wieder Jean Luc zu.Er war nun ein begehrter Junggeselle, doch er selber hatte nicht die nötige Entschlußkraft, um unter den übriggebliebenen Damen des Ortes zu wählen. Das wäre auch gar nicht nötig gewesen, wenn er Marie Claire wiedergefunden hätte. Doch die blieb verschollen. Weder in Paris, wo er eine Detektei mit ihrem Auffinden beauftragt hatte, fand man heraus, wo und ob sie überhaupt noch lebte, noch in der näheren Umgebung. Einen Großteil seiner Einkünfte gab er fortan für Nachforschungen nach ihrem Verbleib aus.

In Bordeaux sollte er eines Tages ein Auto abholen. Ein großer, schwerer Chevrolet, in Amerika gebaut und von Lemettre bestellt und bereits halb bezahlt. Jener wog wieder zweihundertsiebzig Pfund und wäre in einem europäischen Auto mitsamt Sitz auf die Straße durchge­brochen.

Es war eine Tagestour bis Bordeaux, er fuhr mit dem Zug. Abends kam Jean Luc an, mietete sich ein billiges Zimmer am Hafen, obwohl er sich ein besseres durchaus hätte leisten können, denn Lemettre bezahlte diese Fahrt und all seine Unkosten. Er stellte seinen Koffer ab und begab sich auf die Suche nach einem Lokal, in dem er noch einen Happen essen könnte. In der Hafenluft schwamm der Geruch einer unbestimmbaren Mischung von Tang, bei Ebbe freihängenden Pfahlmuscheln und totem Fisch. Der Duft von Absinth kam erst hinzu, als er die Tür zu einem Lokal aufstieß, aus dem die heimatlichen Klänge eines Akkordeons erschollen, und das ein Pappschild im Fenster hängen hatte, auf dem zu lesen stand: ›Seemann, hier ist deine Heimat. Suche nicht länger. Marie Claire hat stets ein offenes Ohr für dich. Küche bis 24.00 Uhr geöffnet. Wir kochen alles, worauf du Appetit hast. Komm herein und fühle dich wohl‹.

Das klang auch für einen Nicht-Seemann aus der trockenen Gegend der Auvergne verlockend. Und der Name! - sicher gab es tausende von Marie Claires in Frankreich. Jean Luc wäre dumm gewesen, hätte er sich irgend­welchen Hoffnungen hingegeben. Demzufolge stieß er die Tür auf und betrat das Etablissement: mit der unerläßlichen Vorsicht des Mannes, der nicht von hier kommt, aber hier gehörig übers Ohr gehauen werden konnte. Er setzte sich an einen noch freien Tisch in der Nähe der Garderobe.

Die Kellnerin, ein junges Ding, kam und sah ihn fragend an. Jean Luc versicherte sich: »Sie kochen alles, worauf man Appetit hat?«

»Nun ja - im allgemeinen schon. Worauf hätten Sie denn Appetit?«

Jean Luc hatte einen Bärenhunger. »Wie wär’s mit Hühnchen in Sahnesoße - Knoblauch und Thymian natürlich nicht zu knapp. Dazu eine halbe Flasche Roten.«

»Muß ich nachfragen. Wissen Sie, ich bin neu hier.«

»Na, nur zu!« ermunterte sie Jean Luc. Nach einer Weile kam sie wieder: »Leider ist Hühnchen aus. Schnitzel mit Bratkartoffeln wär noch da. Oder Cassoulet. Auch Suppen könnten wir noch liefern. Mit Brot. Möchten Sie etwas davon?«

»Ich denke, Sie kochen alles, worauf Seeleute Appetit haben!«

»Aber darauf haben Seeleute Appetit! Bitte, ich bin den ersten Tag hier und auf den Verdienst angewiesen, Monsieur - ich kann doch nichts für das Schild da draußen!« Das Mädchen besaß große runde Augen, die nun ihre ganze Wirkung in der vergleichsweise einfachen Umgebung ihres scheuen, kleinen Gesichts zu entfalten suchten. Es gelang.

»Also bringen Sie mir irgendwas, das satt macht.« Jean Luc ergab sich den Ansprüchen der Seeleute. »Aber vergessen Sie die halbe Flasche Roten nicht!«

Er besaß die erste Freundin in Bordeaux: »Also Schnitzel?« fragte sie eifrig.

»Ja, Schnitzel. Sagen Sie: draußen auf dem Schild - Marie Claire - wer ist das?«

Das Mädchen knickste, man sah, es kam vom Land. Vielleicht ja aus der Auvergne. »Ich glaube, sie gibt um Mitternacht ihre Darbietung. Ein kleines Frage- und Antwortspiel zwischen ihr und den Gästen. Es soll sehr beliebt sein. Leider kann ich Ihnen nicht mehr drüber erzählen. Ich sagte doch, ich bin -«

»- heute den ersten Tag hier. Ja. Wenn Sie mir jetzt das Schnitzel bringen, werde ich Ihnen diesen ersten Tag nicht verderben. Aber ich habe seit heute morgen um zehn nichts gegessen, bitte sagen Sie das dem Koch.«

»O Gott. Sie Ärmster. Vielleicht dauert es ein Weilchen, aber ich ziehe Sie vor. Der Wein kommt natürlich sofort.« Nach zehn Minuten saß Jean Luc vor einem Schnitzel in der Größe von Lemettres Hand, seinem fetten Auftraggeber, und dachte: Sieh an, was Seeleuten nicht alles vergönnt ist. Dazu ein Berg knuspriger und speckglänzender Bratkartoffeln. Zur Theke hin erhob er sein Glas, und das Mädchen prostete ihm mit einem abgestandenen Selters und einem Lächeln zu - was will man mehr. Er fühlte sich behaglich.

Allerdings bedurfte es noch zweier halber Flaschen Rotweins - eines guten übrigens, aus der Gegend um Lourdes stammend -, bevor sich der schwarze Vorhang auf der winzigen Bühne des Lokals bewegte, öffnete, und er schließlich verblüfft auf Marie Claire blickte.

Seine Marie Claire - zurückgelehnt in einen Korbstuhl und lächelnd den stürmischen Applaus der Seeleute abwehrend.

Sie schien nur wenig älter, als er sie in Erinnerung hatte, immer noch ein wenig zu mager, aber bestimmter im Gesicht - unvermittelt wechselte sein Herzschlag von ruhigem Gang zu strammem Trab. Welch Überraschung!

»Danke, liebe Freunde!« sagte sie, »Vielen herzlichen Dank, Sailors. Euer Applaus tut mir wohl. Bitte, lassen Sie ab, was Sie auf See gestapelt haben. Ich werde Ihnen zuhören und Ihre Fragen so gut wie möglich beantworten. Der Herr dort drüben am Fenster - Sie fuchteln so erregt! Wollen Sie als erster Ihre Frage stellen?«

Ein kleiner vierschrötiger Kerl erhob sich. »Ja, das will ich, bei Gott. Ich bin Juste, zweiter Steuermann auf der Christine. Meine Frage ist: Wie lange braucht mein Mädchen, um herauszufinden, daß ich für sie der einzig Wahre bin?«

Marie Claire lächelte ihn aus ihrem Stuhl heraus an. »Ich denke, das hängt davon ab, Monsieur Juste, wie lange Sie brauchen, dieses Mädchen zu finden. Doch geben Sie die Suche danach niemals auf.« Grölendes Gelächter. Der Vierschrötige setzte sich und machte sich so klein wie möglich.

»Da sind andere Hände hochgereckt. Bitte, Sie.« Marie Claire streckte ihren Arm mit gerecktem Zeigefinger aus. Der, auf den sie deutete, stand langsam auf. Es war ein ellenlanger Schwarzer, und es dauerte eine Weile, bis er alle seine Glieder entfaltet hatte.

»Mäm, Sie wissen so gut wie ich, daß uns die Welt nich’ liebt, außer, wir zupfen Banjo oder spielen Trompete. Auf See verbannt sie uns in die untersten Maschinen­räume, bewaffnet uns mit Ölkanne, Putzlappen oder Schippe, zum stoken. Auf den Dampfschiffen war’s noch schlimmer. Passagierdampfer - na, da sind wir doch nur Bettzurechtzupfer und Küchenschaben! Wie komm’ wir auf die Brücke zu den weißen Herr’n Offizier’n, Mäm?«

»Indem ihr lernt, lernt, lernt und Patente macht - wie die Weißen. Ich weiß, es ist nicht leicht für Sie - aber nicht unmöglich. Beißen Sie sich durch! Auf der ganzen Welt seid ihr mehr an Zahl, als wir Weiße.« Sie sah nachdenklich aus und hatte das Kinn in die Hand gestützt. Ach, seine Marie Claire!

»Ja Mäm, hab’s mir schon gedacht.« Resigniert verstaute der Schwarze seine Beine wieder unter dem runden Marmortischchen und nahm einen Schluck aus seinem Bierglas.

Jean Luc hob den Arm und fuchtelte wie die anderen an den Nebentischen damit in der von Tabak und allerhand anderen Lastern geschwängerten Luft herum. Nein, sie nahm ihn nicht, er hatte es auch kaum erwartet. Ein Kerl mit einem zerschundenen Gesicht wie ein Seeräuber kam dran.

Er erhob sich bedächtig und nahm noch ein wenig Zuspruch aus dem Glas vor sich auf dem Tisch. Er schaute sich um. »Ich denke,« sagte er, »ich spreche im Namen aller. Oder zumindest der meisten. Madame - Sie sind Französin? Sie nicken. Gut. Sie kennen also den Geruch frischer Weißbrotstangen am Morgen, diesen durch nichts zu ersetzenden Duft in einer französischen Bäckerei am frühen Morgen. Dann brauche ich Ihnen nicht zu erzählen, wie ich ihn in der Fremdenlegion über Jahre hinweg vermißt habe. Es gab ihn einfach nicht. Ich will mich nicht beklagen, ich war es selbst schuld. Aber nun bin ich weg davon, und das Heimweh nach duftendem Baguette ist mein gutes Recht. Wo glauben Sie, gibt es ein Schiff, dessen Reederei man zwingen könnte, Baguettes zu backen?«

Marie Claire wirkte besonders zärtlich. »Auf der Loire, mein Freund«, sagte sie. »Kommen Sie heim. Heuern Sie auf einem Binnenschiff an. Der Patron wird Ihnen von seinen frischen Brot abgeben, sofern es seine Frau erlaubt. Und sie wird es erlauben, wenn Sie sich als Franzose zu erkennen geben.« Der Bärtige nickte und sank ohne weiteres Wort in sich zusammen.

Sie schaute in die Runde, und ihr Blick landete endlich auf Jean Luc, weil er heftiger als andere den Arm streckte. Aber sie erkannte ihn nur als Schemen, der brennende Scheinwerfer, auf sie gerichtet, blendete sie.

»Ja, bitte, jetzt Sie.«

Auch Jean Luc stand vom Tisch auf. Er erhob sich vor seiner Marie Claire und verneigte sich vor ihr. Das war nicht üblich, und das Getuschel an den Tischen erstarb. »Hey, hey,« rief einer, »neue Sitten?« Sein Nachbar boxte ihn in die Seite: „Still!“ zischte er. Alles starrte auf Jean Luc. Vor Marie Claire wob sich Rauch ins Licht des Scheinwerfers.

»Ich -« Jean Luc setzte erneut an, seine spröde Stimme festigend: »Ich frage Sie: Sind Sie neu hier?«

Marie Claire lauschte der Stimme nach. Ihre Augenbrauen hoben sich ein wenig, dann richtete sie den Blick in ihren Schoß. Ein Weilchen spielte sie mit ihren Fingern, verträumt. Dann hob sie den Blick, versuchte den Fragesteller zu erkennen. Aber sie kannte ihn längst: »Und wenn es Sie etwas anginge?«

Jean Luc suchte nach Worten. Wie damals am Brunnen, nichts war anders. Nur hatte er hier keine Steinchen, an denen er sich ablenken konnte. »Du sollst meine Frau sein, Marie Claire«, sagte er tonlos. »Elend lange habe ich nach dir suchen lassen, ohne Erfolg - du mußt es mir glauben!« Er stockte, sah sich um, fühlte den Blick des großäugigen Mädchens auf sich gerichtet, das begriff, was er sagen wollte, und ihm hastige Zeichen machte, dabei das rosa Oval ihres Mundes spitzend: »Sag ihr, daß du sie liebst!« glaubte er von ihren stummen Lippen ablesen zu können. Ja, wenn das so einfach wäre.

So wollte er vorgehen: »Du hast mir einen Kuß versprochen - erinnerst du dich?«

Marie Claire hob den Kopf und richtete durch Tabaksqualm und grelles Licht den Blick auf den Schatten vor ihr. »Ja,« sagte sie, »ich erinnere mich. Aber du hast ihn nicht gewollt, Jean Luc. Du hattest vor, tapfer zu sein und dein Volk zu beschützen, was doch so unnötig war - ich aber gehörte nicht dazu, wo ich es so verdammt nötig hatte! Nun bin ich um ein paar Jahre älter. Ich habe mir in der Zwischenzeit selbst geholfen, Jean Luc - ich brauche deinen Kuß nicht mehr. Geh.«

Jean Luc zahlte, tat, wie sie ihn geheißen hatte, bevor der schwarze Vorhang sich vor ihr schloß, und nahm sich das Leben. Ohne die wiedergefundene Marie Claire schien es ihm sinnlos und halb.Er tat es in einem Chevrolet Baujahr 1955 mit feinster Lederausstattung, im Hafen von Bordeaux, indem er sich darin sitzend mit seinem Taschenmesser die Adern an den Handgelenken zerschnitt. Lemettre würde das besudelte Fahrzeug kaum übernehmen. Und daß Marie Claire mit achtundsechzig Jahren doch noch in den Ort ihrer unerfüllten Jugendliebe zurückkehrte - ist es für diese Geschichte nicht eigentlich unerheblich?

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Im Nachhinein fragte er sich manchmal, warum er ausgerechnet nachts um halb zwei noch über die Brücke mußte. Aber dafür war jetzt keine Zeit: der schmale Schatten vor ihm hatte gerade ein Bein über das Geländer geschwungen und war eben im Begriff, das andere nachzuziehen. Mit vier, fünf Riesen­sätzen war er heran und packte zu, krallte seine Finger in das, was er gerade zu fassen bekam, und hielt eisern fest. Unter seinem Griff sträubte und wehrte es sich und wollte mit aller Macht in das Wasser, das zwanzig Meter unter der Brücke schwarz und glatt wie Öl dahinströmte. Beharrlich rang er mit dem, was sich da zappelnd seinem Griff zu entwinden suchte und mit den Fäusten nach ihm schlug, erst als er nachfassen mußte, spürte er, daß es eine Frau war.

Er brüllte sie an. Er zog und zerrte, Stoff zerriß mit scharfen Geräusch, endlich hatte er sie vom Geländer herunter. Sie ließ sich einfach auf das Trottoir der Brücke fallen und begann zitternd und heftig zu keuchen und nach Luft zu ringen.

Breitbeinig stand er nun mit dem Rücken zum Geländer und sah auf sie hinab. Seine Knie zitterten und die Hände schmerzten ihm. Ein zweites Mal, dachte er, könnte ich sie nicht halten. Heftig hob und senkte sich seine Brust. Als er den Atem halbwegs wieder unter Kontrolle hatte, drückte er sich vom Geländer ab, kauerte neben ihr nieder und versuchte, ihr Gesicht zu erkennen. Es war nicht sehr hell an dieser Stelle. Er schätzte sie auf Ende zwanzig, etwa in seinem Alter.

»Tut mir leid,« sagte er, »daß ich Ihnen wehtun mußte. Sind Sie okay?«

Sie antwortete nicht, lag jetzt mit eng an den Leib gezogenen Knien wie unbeteiligt auf der Seite, den Kopf auf den abgewinkelten Arm gebettet, und starrte durch das Gelän­der auf ein weit entferntes Stück Fluß, das sie aus dieser Position erkennen konnte. Den größten Teil des Blickfeldes ver­deckten Belag und Auskragungen der Brücke. Sie begann wieder zu zittern.

»Ich möchte gerne, daß sie aufstehen. Würden Sie das für mich tun?«

Noch nie hatte er mit einem lebensmüden Menschen gesprochen, der es wirklich fast ausgeführt hätte, er fühlte sich unbehaglich, es nun zu müssen. Hin und wieder fuhr ein Auto auf der nebenanliegenden Fahrbahn vorbei, die zwischen Straße und Gehsteig angebrachte hüfthohe Absperrung aus Metall verbarg sie beide vor möglichen Blicken der Insassen. Ein aufhuschender Gedanke drängte ihn, auf die Fahrbahn zu springen und jemand anzuhalten, um Hilfe zu bitten in dieser Lage, der er sich alleine nicht gewachsen glaubte - er verwarf ihn; er müßte sie dort liegen lassen und war sich nicht sicher, was sie in den paar Sekunden täte.

»Bitte - tun Sie es für mich!« wiederholte er eindringlich.

Sie löste den Blick vom Fluß und schaute zu ihm hoch. »Ich kann nicht«, flüsterte sie tonlos.

»Warum nicht? Haben Sie Schmerzen? Wo tut es Ihnen weh?« Er konnte sich keinen anderen Grund denken. »Ist was mit Ihren Beinen?«

Sie versuchte ein Lächeln, das sofort wieder erstarb. Dann schüttelte sie leicht den Kopf. »Es ist - das Wasser. Ich weiß nicht - ich fürchte mich davor«, wisperte sie stockend. Ihr Blick irrte ab auf das ferne Stückchen Fluß vor der Nordbrücke, kam wieder zurück.

»Wenn ich aufstehe, wird es ganz nah unter mir sein, nicht wahr? Es ist wie auf einem hohen Turm; man macht sich ganz klein, um näher der Erde zu sein. Meine Wohnung liegt im dritten Stock, wenn ich die Treppe hinuntergehe, halte ich mich immer eng bei der Wand. Nicht einmal durch das Geländer auf den Absatz darunter darf ich schauen. Können Sie das verstehen?«

Er nickte. »Doch, das verstehe ich. Sehr gut sogar. Ich hab einen Freund, der wohnt im Hinterhaus zwei Stock unter mir. Seine Küche hat einen winzigen Balkon, einen, der so angeklebt scheint, mit Eisengitter drumrum. Er zieht Kresse darauf und Schnittlauch, in roten Blumentöpfen. Ich war noch nie drauf - dabei liegt die Wohnung bloß im ersten Stock. Sehen Sie, jetzt lachen Sie mich aus. Wir sind beide nur nicht schwindelfrei. Aber Sie können doch deshalb nicht einfach so liegen bleiben. Wollen wir es nicht versuchen? Schauen Sie einfach zur Straße. Ich werde Ihnen helfen. Darf ich Sie anfassen?«

Sie hatte gar nicht gelacht, nicht einmal gelächelt. Der matte Versuch dazu war ihm jedoch nicht entgangen. Als er sanft ihren Kopf in Richtung der Fahrbahn zwang und unter ihren Arm griff, um ihr aufzuhelfen, spürte er, wie sie sich steif machte, und er sah, daß sie die Augen schloß. Ihren Körper durchlief ein kurzer Schauder, seine Hand schloß sich eine Spur fester um ihren Oberarm. Er hätte nicht sagen können, warum.

»Sie müssen mir ein wenig entgegenkommen, haben Sie keine Angst. Ich verspreche Ihnen, mich vor das Geländer zu stellen, wenn Sie endlich auf sind. Dann ist es einen Meter, vierundachtzig Zentimeter und drei und einen halben Millimeter hoch, heute morgen noch am Türrahmen gemessen. Quatsch, gestern, ist ja bald wieder morgen - bitte helfen Sie mir doch, auf den Betonplatten holen Sie sich noch den Tod!«

Etwas durchzuckte sie, er spürte es in den Finger­kuppen, wie ein ganz leichter Schlag, der sich einem mit­teilt, wenn man jemandes Hand drückt und ihm gleichzeitig auf die Schulter klopft. Plötzlich wurde sie schlaff und schwer und ließ sich willig hochziehen. Ihre Augen waren immer noch geschlossen, probehalber ließ er ihren Arm los. Sie schwankte ein wenig, blieb aber stehen, sie schien jetzt dazu entschlossen.

»Wissen Sie, daß ich in den vergangenen Minuten nicht mehr daran gedacht habe?« Müde strich sie sich durchs Haar, hob den Kopf weit in den Nacken und öffnete die Augen. Über ihnen wölbte sich die genietete Stahl­konstruktion der Brückenbögen, der Himmel war kohl­schwarz, gerade fuhr wieder ein Auto vorbei. Sie holte tief Luft, hielt eine Weile gepreßt den Atem an und ließ ihn dann ganz langsam entweichen.

»Ich bin ein Idiot,« murmelte er, »es ist mir so raus­ge­rutscht. Ich wollte Sie nicht daran erinnern. Verzeihen Sie.«

»Ja. Ich verzeihe Ihnen. Warum haben Sie mich eben gefragt, ob Sie mich anfassen dürfen?« Er stand nun wie versprochen mit dem Rücken zum Geländer, die Hände an weit abgewinkelten Armen auf das kühle Metall gelegt, als sie sich umdrehte und ihn neugierig musterte. So, als taxiere sie einen unbekannten Besucher bei halb­geöffneter Wohnungstür.

»Ich habe AIDS«, sagte er ruhig. Er wunderte sich, wie wenig Überwindung ihn dieser Satz kostete.

Sie trat einen Schritt zurück. »Wirklich?« Im ersten Moment drückte ihr Gesicht nur ein kleines, dummes Nichtbegreifen aus, das erst allmählich offenem Erschrecken wich: hatte er sie nicht berührt?

»Ich weiß nicht, ob es wirklich ist«, sagte er. »Es kommt mir alles noch so unwirklich vor. Ich muß es erst begreifen. Der Arzt gibt mir noch ein Jahr. Er hat mir am Nachmittag den Laborbefund gezeigt. Deshalb war ich auch unterwegs. Vielleicht anderthalb. Ich muß nachdenken, was nun wird.«

»Und das hat er Ihnen so offen gesagt? Er kann doch nicht…« Verwirrt brach sie ab und fuhr sich mit der Hand durchs Haar, strich ein paar vor die Augen gefallene Strähnen zurück. Schön war ihr Haar. Fein und goldblond. Er stellte es sich naß vor und wollte glauben, daß es auch dann noch schön wäre.

»Ich habe ihn darum gebeten. Ich sagte, ich müsse mir doch mein Leben einrichten können. Es war nur so eine Ahnung, verstehen Sie? Als ich die ersten Anzeichen spürte, hab ich mir ein Buch besorgt. Es stimmte nicht alles überein. Ich hab gedacht… Ich weiß es nicht mehr. In meinem Kopf hat nur noch dieses eine Jahr Platz. Ich muß mir doch mein Leben einrichten können, hab ich zu ihm gesagt.«

Er machte einen Schritt beiseite, um einem undeutlich aus der Dunkelheit auftauchenden Radfahrer Platz zu machen. Der Radfahrer trug einen dunklen Mantel und hatte eine lederne Aktentasche auf dem Gepäckträger festgeklemmt. Beim Näherkommen hörte man, daß er leise vor sich hin pfiff. Er fuhr unsicher und langsam, sein Vorderrad schlenkerte hin und her, so daß er fast die gesamte Gehsteigbreite einnahm. Sie stand mit dem Rücken zu dem Radfahrer, hatte ihn vielleicht noch nicht bemerkt, und er hob die Hand, um sie ein wenig zur Seite zu ziehen.

»Rühren Sie mich nicht an!« schrie sie und machte zwei heftige, schnelle Schritte rückwärts, in die Bahn des Radfahrers hinein. Für einen Moment schien unaus­weichlich, dieser müßte in sie hineinfahren. Jäh schlug er den Lenker ein, schaffte es tatsächlich noch, zwischen ihnen beiden hindurch zu manövrieren, nur die Aktenmappe streifte sie unsanft an der Hüfte und verschob sich auf dem Träger. Nach drei Metern verlor er die Balance, unternahm noch den Versuch, sich mit ausgestrecktem Bein abzustützen, konnte aber den Sturz nicht mehr verhindern. Erschrocken schlug sie die Hand vor den Mund, als der Mann mit seinem Fahrrad hart aufs Pflaster fiel. Der im Aufprall abspringende Deckel der Fahrradklingel rollte aus und verursachte einen scheppernden Mißton.

»Warten Sie, ich helfe Ihnen!« Mit zwei Schritten war er bei dem Gestürzten und versuchte, ihn am Arm in die Höhe zu zerren. Eine Alkoholfahne schlug ihm entgegen, und der Mann brabbelte unverständliches Zeug in den grauen Bart, der ihm Mund und Wangen einhüllte, mehr wie zu sich selbst. Auch sie war jetzt da und versuchte zu helfen, aber der Mann schlug mit dem freien Arm in weitem Halbkreis um sich.

»Weg da, verdammtes Frauenzimmer - weg, sage ich!« Auch den Arm, der ihn in die Höhe zog, wollte er abstreifen, aber es gelang ihm nicht. Ächzend zog der alte Mann sein Bein unter dem Rad hervor und kam nur mühsam wieder auf die Füße.

»Sind Sie verletzt?« fragte der jüngere.

»Geht dich 'n Scheißdreck an.« Umständlich klopfte der Alte an sich herum, endlich hob er das Fahrrad auf. Nur der Lenker war ein wenig verdreht, sonst schien alles in Ordnung. Er klemmte das Vorderrad zwischen die Knie und brachte den Lenker mit einem Ruck wieder in fast richtige Stellung. An seinen Hosenbeinen blieb eine Spur Sand vom Reifen haften, als er sich vorbeugte, um das Rad unter den über­hängenden Mantelschößen hervorzuschieben. Fahrbereit, drehte er den Kopf und schaute giftig zwischen den beiden hin und her, die etwas zurückgetreten waren. Dann zog er vernehmlich durch den Rachen hoch und spuckte vor ihnen aus: »Einen verdammten Scheißdreck.«

Unsicher bestieg er das Rad, stieß sich mit einem Bein ab und kam langsam in Fahrt, der junge Mann sah ihm nach. Nach fünf Metern brauchte der Bärtige schon wieder die ganze Breite des Weges für sich allein, und nach weiteren zehn Metern begann er leise zu pfeifen, als sei nichts geschehen. Nur die Aktenmappe hing ein wenig schief vom Gepäckträger. Dessen Bügel war durch den Griff der Mappe geschoben, so konnte sie nicht herab­fallen.

Erst als der Alte in die nächste Seitenstraße bog, und sie wieder allein waren, sah der jüngere den Klingeldeckel liegen. Das Rad war ohne ihn fortgefahren. Er hob ihn auf und wollte ihn in den Fluß schleudern, da stand sie beim Geländer und starrte ins Wasser hinab. Rasch trat er neben sie, bereit, jeden Augenblick zuzupacken.

»Sie dürfen nicht daran denken«, sagte er.

»Was? Ach… Ich habe eben gar nicht daran gedacht.« Das Wasser gurgelte um die Brückenpfeiler und schlug schnalzend ans Ufer. Hundert Meter seitlich von ihnen tuckerte schemenhaft ein dunkler Lastkahn unter der Brücke hindurch. Man hörte ihn mehr, als daß man ihn sah, dann tauchten die Positionslichter auf und glitten langsam, sich darin spiegelnd, über das Wasser. Sie wandte sich um und sah ihm fragend ins Gesicht.

»Der Mann war betrunken, nicht wahr?«

»Ich glaub schon. Ja, er hatte eine Mordsfahne.« Er entspannte sich etwas, blieb jedoch wachsam. In den nächsten fünf Minuten würde sie wohl nicht springen wollen, ihre Augen hatten den gehetzten Ausdruck verloren.

»Glauben Sie, er wird heil nach Hause kommen?« fragte sie. Er dachte: Jetzt gibt sie sich die Schuld. Dabei war der Kerl sturzbesoffen. Was der um die Zeit wohl mit der Aktenmappe wollte. Vielleicht war das Rad ja auch mitsamt Tasche aus einem Hausflur gestohlen. Jetzt im Herbst tippeln die Brüder nicht mehr so gern, das Treten in die Pedale hält warm. Und nach Hause - der sah nicht so aus, als ob er eins hätte. Er nickte nur:

»M-m«.

Seine Augen folgten interesselos den drei Lichtern des Lastkahns, der bald hinter der Stromkehre verschwunden sein würde. Drüben bei der Nordbrücke glitt eine hellerleuchtete Straßen­bahn über den leichten Buckel, den diese über das Wasser wölbte. Es war still, man konnte das hohe Sirren der Räder auf den Schienen bis hierher hören. Er spürte kurz ihre Hand auf seinem Arm, nur für eine Sekunde.

»Sind Sie schwul?« fragte sie unvermittelt. Überrascht sah er sie an, und sie senkte verlegen den Blick. »Ich - ich meine nur, weil Sie - weil Sie doch…«

»Ach, Sie meinen meine positive Seite, H-I-V.« Ein bißchen sarkastischer hätte es klingen sollen, fand er. »Nein, ich bin nicht - schwul. Es ist eine Zeitbombe, manchmal trägt man es jahrelang in sich herum, bevor es ausbricht. Meine Mutter hat gefixt, bis sie sich totgespritzt hat, sie ist dem zuvorgekommen. Hab sie kaum gekannt. Wenn ich mich recht erinnere, fand man sie in der Toilette des Haupt­bahnhofs. Ich hatte sieben Mütter, mehr Schwestern arbeiteten nicht in dem Heim, in das mich die Fürsorge steckte, nachdem man mich ihr fortgenommen hatte. Waren Sie mal in einem Heim?«

Sie schüttelte den Kopf, den Blick immer noch gesenkt.

»Es tut mir leid,« sagte sie leise, »vorhin - ich hab das nicht gemeint, es fuhr mir so raus.«

»Was?«

»Sie dürfen mich ruhig anfassen.«

»Ach!« Abwesend polkte er mit der Schuhspitze am Geländer herum, stellenweise war die Farbschicht abgeblättert und fiel bei der leisesten Berührung herab. »Lieber wäre mir gewesen, ich hätte es nicht gemußt. Konnte Sie doch nicht einfach da rein springen lassen. Sie haben ja keine Ahnung, wie kalt das im November ist. Glauben Sie, ich wäre hinterhergesprungen, wenn Sie mal da drin gewesen wären?« Wütend trat er gegen das Geländer. Er wußte nicht, was ihn plötzlich so zornig machte, er fühlte etwas in sich wachsen, das ihm bisher fremd gewesen war.

»Ja.«

»Was ja?«

»Ich glaube, Sie wären hinterhergesprungen. Ich glaube, Sie hätten zuerst die Jacke und die Schuhe ausge­zogen. Und dann wären Sie gesprungen.«

»Sie sind ja verrückt - total verrückt! Die Schuhe hätte ich natürlich erst im Wasser abgestreift, da rutschen sie fast von selbst vom Fuß. Bis ich die Bänder aufgehabt hätte, wären Sie doch längst…«

»Wollen Sie mich anfassen?«

Er wandte sich abrupt ab. Der Kahn war hinter der Strom­kehre verschwunden, und die anlaufenden Wellen schlürften ihm am Ufer entlang hinterher. Ein Jahr, im Höchstfall anderthalb. Er wußte jetzt, woher sein Zorn rührte, und im gleichen Moment spürte er, wie dieser ihn langsam verließ.

»Ich kann nicht. Warum sind Sie nicht zehn Minuten vor mir auf der Brücke gewesen. Niemand hätte Sie abgehal­ten.«

Sie zog ihn sanft an der Schulter zu sich herum und forschte in seinem Gesicht. Matte Reflexe der grellen Natriumlampen hoch über der Fahrbahn ließen ihr Haar an manchen Stellen fast silbern schimmern, und er hätte es gerne berührt. Als er dachte, nun müßte endlich einer von ihnen das Schweigen brechen, weil es unerträglich wuchs, und er ihrem forschenden Blick nichts entgegenzusetzen hatte, sagte sie:

»Ich habe mich beeilt, ja, ich hatte es sehr eilig. Aber ich wohne am anderen Ende der Stadt, und der Arzt, bei dem ich gestern nachmittag war, gibt mir sogar noch zwei Jahre, stellen Sie sich vor, ein ganzes Jahr mehr, als Ihnen, und ich habe gedacht, was mache in diesen zwei Jahren, wie halte ich es aus, daß die Krebszellen mich zwei Jahre lang durchwuchern dürfen und endlich von innen her aufgefressen haben werden, und niemand kann sie dran hindern, außer Strahlen, die mich von außen auffressen, ich habe die Wahl, es ist nämlich inoperabel, und solange ich nicht tot bin, leben sie auf meine Kosten - leben von mir, solange ich nicht tot bin!«

Sie begann nicht richtig zu weinen, es war, wie wenn zwei mit ihren Augen verbundene Wasserfässer langsam aber stetig durch irgendein Leck ihren Inhalt hergaben.

»Doch, ich habe mich sehr beeilt, das müssen Sie mir glauben, aber ich irrte herum - ich konnte doch nicht eher auf der Brücke sein!«

Sacht legte er einen Arm um ihre Schultern, und sie lehnte den Kopf an seine Halsbeuge, und die Tränen flos­sen ihr nun schräg über das Gesicht und versickerten im schwarzen Wollstoff seiner Jacke. Zögernd begann er, die wundervollen Haare zu streicheln, die er warm am Hals spürte. Sie standen nebeneinander, einer an den ande­ren gelehnt, und eben schwirrte die Straßenbahn wieder in der Gegenrichtung über die Nordbrücke.

»Nun haben Sie mich doch angefaßt«, flüsterte sie undeutlich und schniefte dabei durch die Nase und zog hoch. Gleich darauf begann sie einen murmelnden Sing­sang, als spräche sie zu sich selbst: »Meiner hat mir… hat mir ein ganzes Jahr mehr versprochen, ich könnte dich pflegen und bei dir sein, wenn es… wenn es zu Ende… und wir hätten mindestens noch ein Jahr, ein unvorstell­bar langes, ganzes Jahr… wir könnten…«

»Komm,« sagte er ruhig, »du wirst dich noch erkälten. Wir wollen lieber gehen. Ich hab dich noch gar nicht gefragt, wo du wohnst. Soll ich dich fragen? Ich hab nämlich nur eine ungeheizte kleine Rumpelbude unter dem Dach, und es steht auch nur ein Bett darin, und ein Haufen Bücher liegt herum - ach, und die Katze, ich besitze nämlich eine Katze, weißt du, sie heißt Wallenstein, vielleicht ist das Vieh eifersüchtig, und - hörst du mir zu?«»Ja«, sagte sie und lächelte in die Nacht hinein, ohne daß er es ahnte, »ich höre dir gerne zu. Laß uns das Katzenvieh holen, danach gehen wir zu mir. Ich glaube, ich habe sogar noch ein bißchen Milch im Kühlschrank. Wallenstein - was für ein putziger Name. Verrätst du mir deinen auch?«

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Da sitzt also der Feuerwehrmann in schmucker Uniform in der letzten Reihe des Theaters. Er hat achtzugeben, daß auf der Bühne sich niemand eine Zigarette anzündet, ohne daß ein Eimer Löschwasser in der Nähe steht.

Welcher Eimer? Routine. Einfach ein Eimer voll klaren Wassers. Den wird schon jemand dahin gestellt haben. Irgendwohin. Er darf ja auch nicht im Wege stehn. Dahinter ist schon – denn niemand soll sich unnötig ein Bein brechen - die Berufsgenossenschaft her. Womöglich fällt jemand darüber, und dann heißt es wieder: Wer war das? Na, er jedenfalls nicht.

Manchmal steht er auch selbst auf der Bühne. Ein prickelnder Moment. Bislang war das jedoch stets bei Vorhang unten. Niemand jedoch, der nicht selbst bei Vorhang unten auf der Bühne war, wird die Tiefe dieses Moments ermessen können! Wenn er zum Beispiel die Flügel einer kichernden Engelsschar, allesamt Statisten, auf deren Unbrennbarkeit hin überprüft: gängige Materialien also, die meisten zumindest, die kennt er. Nur selten muß er die Feuerprobe machen, mit dem dienstlichen Feuerzeug. Diese wiederum aber nur direkt neben Sandkiste, Wassereimer und Feuerpatsche. Was halt der Feuerwehrmann benötigt, um seinem Beruf nachzugehen. Engelflügel bestehen aus Draht und Goldpapier, das weiß jeder. Draht brennt nicht, das Papier ist imprägniert: Engelflügel sind schwer entflammbar.

Heute ist es ruhig. Ausverkauft. Das ist gut, da kontrolliert einer den anderen, jeder besitzt zwei Nebenmänner respektive –frauen. Niemand kann unentdeckt mit Streichhölzern zündeln und etwa - sagen wir mal: - seine Sessellehne in Brand setzen. Da wäre er auch schön dumm, denn dann hätte er ja nichts mehr, um den Arm darauf abzulegen.  Aber wirklich: es gibt solche Idioten! Heute jedoch, wie gesagt, scheint alles ruhig.

Da hebt sich der Vorhang -

O Gott, schon wieder diese Dicke, gleich zu Beginn. Na, das kann ja werden! Dann kommt bestimmt auch wieder der Lange, Dürre – sauber: hab ich’s nicht gesagt? Da ist er schon! Wieder mal zweite Besetzung. Die erste ist irgendwo auf Tournee. Daß das auch immer mir passieren muß!

Der Feuerwehrmann streckt die Beine lang und macht es sich im Sitz kommod. Wird mal wieder todlangweilig werden, heute abend. Unten singt die Dicke, er hört lieber gar nicht erst hin. Kann er sich genauso gut „Katzenklo“ anhören, von dem – wie hieß er doch gleich? Es gibt nur zwei Typen, die solchen Mist verbreiten. Na, ist ja egal.

Der Abend duselt so dahin. Die zehnte Vorstellung dieses Stücks, bei dem er dabei ist. Die ersten beiden waren wirklich erste Sahne. Aber das? Opern, ja, die hat er am liebsten. Da kann man die Augen schließen und sich den Melodien hingeben – er riecht Rauch.

ER RIECHT RAUCH - Starr daraus erhoben stiert er von seinem Sitz herab auf die Bühne: wirklich RAUCH?

Nichts. Aber aus dem Orchestergraben: da züngelt ein graues Fähnlein. Ein Cello brennt. Eines, dem die Technik einen dieser Tonabnehmer angeheftet hatte, damit sich seine Stimme verstärkt zitternd dramatisch über Bühne, Kulisse und die Publikumsränge erhöbe. Nun ist sie still, die Cellostimme, die Erste Geige jedoch breitet gerade ihren Frack über den Flammen aus, um sie zu ersticken, aber die Flammen fressen den Frack und suchen nach mehr, da finden sie einen stehengelassenen Kontrabaß und die Notenblätter der Violinen und auch das Kalbsleder der großen Pauke, und – natürlich brachte sich das Orchester in Sicherheit. Dessen weibliche Mitglieder kreischten, und die männlichen fluchten. Die Zuschauer aber saßen starr. Es waren ja auch erst zwei Sekunden verstrichen seit dem ersten Brandgeruch, und niemand hatte ihn so recht mitbekommen, außer dem Feuerwehrmann, der eine Nase dafür besaß. Der sprang auf. Doch statt daß er „Feuer!“ riefe, um das ganze Theater zu warnen und dessen Besucher an die Ausgänge zu treiben, stürmte er auf den noch säuselnde, beinahe unsichtbare Rauchfäden atmenden Orchestergraben zu.

Geradewegs durch den Mittelgang, nicht rechts noch links achtend.

Das Publikum auf den Rängen murrte: die Dicke auf der Bühne sang unbeirrt weiter. Allerdings ohne deckende Begleitung des geflüchteten Orchesters, wodurch ihre Stimme plötzlich entkleidet, gewissermaßen nackt in die noch lauschenden Ohren fiel - solcherart entblößt schien sie eher einer Nebenrolle in Alban Bergs atonaler Oper Wozzek angemessen. Gerade setzte ihr fleischiger Lippenmund zu einem weit geöffneten und busenbebebten Schrillschrei an – etwa: Hühoiii! -, als der Feuwehrmann sie erreichte und ihr mit klobiger Faust den erwähnten Mund versiegelte: „Sie“, knurrte er, „werden kein Cello mehr mit Ihrem Geschrei in Brand setzen! Halten Sie endlich die Schnauze!“

Natürlich bekam das Publikum es mit, sogar die weiter entfernten Ränge. Und nun bemerkte es auch den sich verdichtenden Rauch, der aus dem Orchestergraben aufstieg und von heiterem Brand dort unten kündete. Heiterer Brand unter einem vollbesetzten Theatersaal allerdings ist gefährlich, und so verkündete eine erregte Stimme aus dem Publikum, weit gellender, als es die Dicke vermocht hätte: „Foooiiiieer! Es brääännt!“

Sogleich entzündete sich vielfaches Echo an diesem Schrei: markerschütternder, ohren­be­täu­bender und greller, als es der unter der Faust des Feuerwehrmannes verstummte weiche Mund je hätte hervorbringen können. Der ließ los, bereit, sofort wieder zuzupacken: „Okay?“

„Okay“, schnaufte der Mund, und die mit Fettstift bewimperten Augen kullerten in Panik über den bereits hell zur Bühne auflodernden Orchestergraben hin. Dann sackte die Dicke in einer Ohnmacht auf die Bretter, daß es krachte. Der Feuerwehrmann stürmte seitlich in die Kulisse, zerrte die Spitze des aufgerollten C-Rohrs dort von der Wand, öffnete dessen Ventil, so daß die Textilhaut des Schlauches sich prall füllte und drängend am Mundstück zerrte, das er in Händen hielt und nun – voll geöffnet – in die Tiefen des Orchestergrabens richtete.

Als Erstes ergab sich mit lautem Knall eine Batterie Lautsprecher über dem Saal. Das Mikrofon des Cellos, das die Dicke zum Glühen gebracht hatte, war nämlich erst jetzt, von eiskaltem Strahl getroffen, vollends hinüber. Der Verstärker, anderen Orts vom Feuer nicht betroffen, gab dieses Signal weiter: eben an die Lautsprecher, die nun keine mehr waren. In der ausgebrannten Paukenwanne im Orchestergraben sammelte sich Löschwasser. Auf dem Boden des Grabens schwammen darauf nacheinander eine fast unversehrte Geige, die eingepackte Wurststulle des Triangelspielers, eine Blechschachtel mit Mentholbonbons, die dem zweiten Posaunisten gehörte sowie die nur eben angekokelte Partitur der Oper Wozzek von Alban Berg (denn die nämlich gab man heute!) in den Orkus unter der Bühne, an den ebenenmäßig – allein durch eine Brandmauer getrennt – die Tiefgarage des Theaters grenzte.

Bald waren die Flammen erstickt, der Saal geleert.

Der Orchestergraben geflutet und die Bühne gefüllt mit der Dicken, die sich zusehends wieder regte, gottlob aber nicht zu singen begehrte: sie ahnte ja nicht, was sie angerichtet hatte. Obwohl ihr ins wiederkehrende Gedächtnis drängte, daß sie nicht ganz unbeteiligt an dem Menetekel der verdrahteten Orchesterinstrumente sei. Der Brandmann drehte den Hahn des C-Rohrs ab, ließ den erschlaffenden Schlauch auf die Bretter der Welt fallen und trat zu ihr: „Alles Okay?“ Fettstift bewimperte Augenränder richteten sich auf den Retter des Hauses, und darunter hauchte ein fleischiger Mund: „Alles Okay!“

Da gab der Wehrmann ihr einen freundlichen Stüber auf die Wange, stelzte hinauf zu seinem Sitz in der letzten Reihe des Theaters und griff sich die dort abgelegte Tasche mit Tabakspfeife, Rauchkraut und zünderseits benötigtem Zubehör. Ein Pfeifenbrand – mit dem zusammen ging er durch die nur ihm allein gehörende Tür hinaus ins leere Treppen­haus des Theaters, das Notzwecken vorbehalten war und dem Publikum normal nie zu Gesicht kam. Das Schichtbuch mußte er noch ausfüllen:

„Besondere Vorkommnisse: ein Cellobrand. C-Rohr-Einsatz, nach fünf Minuten unter Kontrolle. Niemand verletzt.“ Man sollte die Dicke ablösen, dachte er. Die singt alles kaputt.

Die Dicke aber dachte: Der von der Feuerwehr – was für ein fescher Mann! Nie was passiert – nur wenn der Schicht hat. Aber dann brennt alles.Oh mein Gott - solch ein Mann!

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Die Lage war außerordentlich kritisch - ein Volk drohte seinem Staat zu entgleiten. Der Staat: das waren das Zentralkomitee der Einheitspartei und der von diesem kontrollierte Staatsrat. Das Volk hingegen setzte sich seit geraumer Zeit - kaum einer vom ZK wußte genau, wie lange schon - aus mehr und mehr kritischen Einzelwesen zusammen; wo es sich doch bisher so brav und duckmäuserisch als stumpfe graue Masse gegeben hatte, die leicht zu kneten schien.

Plötzlich wollten sie Ausreisen. Nach den Staatsgesetzen war das legal und in bestimmten Fällen sogar genehmigungsfähig - aber doch nicht in diesem seit einigen Tagen lawinenartig angeschwollenen Ausmaß!

Als habe jemand den Stöpsel aus einer gefüllten Wanne gezogen, so strudelte der - sofort war dieses griffige Schlagwort aus dem Vorrat an Parolen aufgetaucht - Abschaum der Republik auf jenes Loch zu, reiste in das halbherzige Bruderland, das sich zu schwach zeigte, eine feindliche Botschaft reglementieren zu können; oder - wollten sie es gar nicht? Dort sammelten sich die Abtrünnigen und begehrten Trennung von ihrem Staat wie Ehemüde von Tisch und Bett des Partners.

Die Lage war prekär. Lange zuvor hatte ein Literat gespöttelt - er war übrigens, wie die Welt im Nachhinein anerkennen sollte, ein großer Dichter und zu jener Zeit bereits Verfasser etlicher Dramen sowie allgemein gelobter Bühnenstücke -, dieser also hatte bereits zuvor dem ZK ungestraft die Wahrheit sagen dürfen, und die lautete etwa so: Wenn ein Staat seines Volkes müde ist - sucht er sich da nicht besser ein neues? So weit wollte man es nicht kommen lassen.

Man berief sämtliche Bezirkssekretäre in das Politbüro. Nach­einander trafen sie ein, begrüßten sich mit Handschlag, rückten Stühle und setzten sich füßescharrend. Beugten sich ihren Nachbarn zu und tuschelten denen letzte Meldungen aus ihren Bezirken ins Ohr. Warteten ungeduldig, bis die dafür zuständigen Werktätigen die Türen des nußbaum­getäfelten Versammlungs­raumes von außen schlossen, und sie endlich unter sich waren. An der Stirn des großen Halbrunds, dort, wo die beiden Schenkel des hufeisenförmigen Tisches sich trafen, saß müde der greise Vorsitzende des Staatsrates und stützte den Kopf in die Hand - eine gelblich magere Hand, aus deren Anblick allein jeder Mediziner auf eine ernsthafte Erkrankung der Galle geschlossen hätte. Auf ihrem Rücken standen zwischen braunpigmentierten Altersflecken die Adern bläulich hervor. Alle sahen auf ihn. Er war bereits siebenundsiebzig, man wartete, daß er die Sitzung eröffnete.

Der Staatsratsvorsitzende griff zu dem Glas Wasser, das vor ihm stand, nippte einen winzigen Schluck, stellte es bedächtig zurück. Nun ist es also soweit, dachte er. Nun wollen sie mir an meinen Lebenstraum. Diese Sitzung kennt nur ein einziges Ziel: mich und mein noch nicht vollendetes Werk auszulöschen. Dem Präsidenten unseres großen Brudervolkes konnte ich noch vorgestern sagen, die Verhältnisse seines Landes seien nicht auf unseres übertragbar - denen da kann ich es nicht. Die sind machtbesessen; wenn ich sie heute ein einziges Ventil öffnen lasse, explodiert morgen der Staat - mein Staat.

„Du solltest die Sitzung eröffnen, Genosse Vorsitzender!“ ruft es ungeduldig von einer Seite des Hufeisens.

Ja, ungeduldig sind sie, wie alle Machtbesessenen. Wer wüßte das nicht besser als er: die langen Jahre, die er mit der Führung von Pimpfen vergeudet hat - die Jugend, unser Stolz, unsere Hoffnung! Aber nur über die Jugend, nur durch das Formen der heranwachsenden Generation waren die Ideale ja zu verwirklichen. Und als sein Vorgänger bereits Zeichen von Altersstarrsinn und Funktionärsblindheit zeigte: war es da nicht das Gebot der Stunde, ihn zu entmachten? Geradezu seine Pflicht war es. Doch, er kennt sie nur zu gut, die Ungeduld der vom Willen zur Macht Besessenen.

Nun holt sie ihn ein, wie eine Meute geifernder Hunde - gleich wird sie sich über ihn hermachen, ihn und seinen Traum zerfleischen. Wird diesen Staat, den er und dessen Bewohner unter solch ungeheuren Mühen errichtet haben, an den Klassenfeind verscherbeln, als billiges Auslaufmodell, leicht zu haben. Nicht er hat den Blick auf das große Ganze verloren, nein: diese dort, die vor ihm sitzen und ihn anstarren, in der Erwartung, daß er endlich die Sitzung eröffne - diese dort haben den Blick von der großen Zukunft des Volkes hinab auf das Volk selbst gewendet. In kleinlicher Kaufmannsfurcht. Sie wollen den Ausgang des größten Versuchs zum Heil der Menschheit in der Geschichte nicht abwarten - sie wollen ihre Posten behalten, und dafür opfern sie ihn.

Ja, es war ein Versuch, unter bewußter Inkaufnahme sämtlicher damit verbundener Unwägbarkeiten und Fehler - nach dem Willen derer, die ihn nun anstarren, soll er heute wohl beendet werden. Er liest es aus ihren Augen, aus den gespitzten Mündern, die nur darauf warten, ihn zu verdammen. Presse ist nicht zugelassen. Also dann -

„Ich eröffne die heutige Sitzung des Politbüros. Genossen, jeder von euch weiß, worum es geht. Ich bitte um eure Wortmeldungen.“ Das sagt ein kranker, alter Mann, dem Galle und Nieren zu schaffen machen, und der auch zu seiner besten Zeit häufig gebrauchte Wörter wie sozialistisch und demokratisch gerne zu soslisdisch und kratsch vernuschelte. Er greift zum Wasserglas, trinkt. Die Hand, die das Glas umspannt, zittert - es geht um sein Lebenswerk, nichts weniger.

Einer steht auf, bleckt grinsend das Maul, legt ein ungeheures Gebiß frei - ein Zaun aus lauter Hasenschneide­zähnen. Drüben beim Klassenfeind, fällt dem Vorsitzenden ein, gibt es einen, der besitzt Augenbrauen von ähnlich monumentaler Wucht. Derzeit Minister der Finanzen, das wechselt dort ja häufiger. Bevor der nun stehende das Wort ergreift, vergewissert er sich durch flinke Blicke links und rechts der Aufmerksamkeit des Halbrunds. Schlange! grollt ihm der Vorsitzende, und dich wärmte ich unter meinem Hosenboden! Nannte man dich nicht heimlich Don Promillo, weil du ein Säufer und Weiberheld warst? Sieben Entziehungen. Na, leg nur los. Ich ahne deine Worte.

Zwischen den Hasenzähnen taucht für einen Moment rosig die feuchte Zungenspitze auf, fährt nervös über spröde, trockene Lippen. Mit den Händen klammert sich der Mann mit dem außergewöhnlichen Gebiß an der Platte des Nußbaumtischs fest, bevor er zu sprechen anhebt, die Kiefer für einen Moment hart aufeinander­gepreßt und zu allem entschlossen: „Draußen rumort es“, eröffnet er vorsichtig die Attacke.

„Ich weiß“, sagt der Vorsitzende und beobachtet die tanzenden Schlieren im Glas, das er soeben aus der Hand gestellt hat - nun wird ihn die Ungeduld erreichen. Die Unrast, die nicht länger mehr auf Vollendung eines Lebens­traumes hoffen mag, der auch kommende Generationen noch in Anspruch nehmen wird. Der Aufgestandene wird sagen, und dabei wird der weiße Lattenzaun in seinem Mund vor Angriffslust funkeln: „Das Volk will einen Wechsel, Genosse! Es ist mit deiner Führung unzufrieden. Seit langem.“ Ach, er weiß, was sein Schützling sagen wird. Aber er wird sich wehren.

Unzufrieden. Was heißt das schon. Das Volk hat ja keine Ahnung, was mit ihm geschieht und wozu. Es muß geleitet, bei der Hand genommen werden, nur so wächst es abseits von Egoismus und Spießertum zu jener Größe, zu der er und die Partei es emporheben wollen. Und nun verlangt es einen Wechsel? Dem sah sich schon Moses ausgesetzt, als er für die Judäer die Gesetzestafeln vom Himmel holte. Aber heute - wollen sie wirklich wieder das goldene Kalb? Man muß es ihnen verbieten!

„Wir werden“, entgegnet er mühsam beherrscht, zwischendrein hüstelt er in die hohle Hand, „mit aller Strenge gegen jedes Bestreben vorgehen, das die wohlabgewogenen Beschlüsse der Partei in Frage stellt, die zum Wohle unseres ganzen Volkes ...“

„Es steht zu Tausenden vor dem Tor, Genosse Vorsitzender, noch gewaltlos, aber doch bedrohlich! Es wäre höchst unklug, sie jetzt nicht anzuhören! Was allein bliebe, wäre ein chinesischer Frieden, du weißt, was das hieße, Genosse. Sie rufen: „Schließt euch an!“ und tatsächlich: immer mehr schließen sich ihnen an! Sie haben, ich gestehe es mir nur ungern ein, sie haben uns satt - und sie haben insbesondere dich satt, Genosse, der du uns vorstehst! Tritt zurück, gib ein Zeichen, dann gibt es Möglichkeiten, die Partei fortbestehen zu lassen und das große Werk zu vollenden. Es muß eine Erneuerung von unten stattfinden, jüngere Kader müssen an die Schalthebel, es muß ein Umdenken -“

Ein Umdenken - sechzig Jahre hat er nur an eines gedacht: das Volk - sein Volk. Und nun will es mit einem Mal nicht mehr, was er und die Funktionäre vor ihm für das Volk erdacht und erstrebt haben? Das Volk ist undankbar, denkt er. Man sollte sich wirklich ein neues suchen.

„Sind alle hier dieser Meinung?“ fragt er. Er weiß, daß er nun abstimmen lassen müßte. Immerhin ist er kratsch gewählter Vorsitzender der Volks­kammer.

Noch.

Ein anderer erhebt sich von seinem Platz: „Wir anerkennen in hohem Maße deine Verdienste um Volk und Partei, Genosse Vorsitzender“, sagt er. „Aber die Partei ist praktisch am Ende. Das Volk, um das es uns ging, hat mit den Füßen abgestimmt - gegen uns! Durch vom Westen vorbereitete Schlupflöcher verläßt es in Scharen die Republik. Es ist abzusehen, wann wir unseren wirtschaftlichen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können. Dagegen muß ein Zeichen gesetzt werden, das alle Unruhen sofort zum Stillstand kommen läßt. Wir, Genosse Vorsitzender, haben dazu unser Möglichstes getan. Nun bist du dran. Auch ich appelliere an dich: tritt zurück und mach den Weg frei für Reformen! Zum Wohl des Volkes und unserer Partei.“

Unserer Partei - sind wir wirklich nicht mehr die Partei des Volkes? Wovon redet dieser Mensch - meint er das Wort unsere aus seiner Sicht als Funktionär? Müßte es nicht seiner Partei, der des Volkes nämlich, heißen? Er wird ihn schleunigst absetzen - und ist gleichzeitig verwirrt. Andere melden sich zu Wort: „... Reisefreiheit“, tönt es da und „... Abkehr von der Planwirt­schaft und Hinwendung zur Marktwirtschaft ... beschleunigter Ausbau des Telefonnetzes und Ankurbelung der Autoproduktion ...“ Am Schluß gilt nichts mehr, alles scheint in Frage gestellt und auf dem Hauklotz der Nation zertrümmert, was ehedem als eherne Werte galt.

Warum hat man das alles nur bisher von mir ferngehalten? fragt er sich. Da werden Zahlen heruntergeleiert, bei denen sich sogar ihm die Haare sträuben. Als sich niemand mehr zu Wort meldet, hebt der Vorsitzende müde die gelbhäutige Hand. Er wird es zu Ende bringen.

„Es ist viel, das ihr da gegen mich vorbringt, Genossen“, sagt er gefaßt. „Wir wollen abstimmen „Wer gegen mich ist, der hebe die Hand.“

Zuerst mag niemand den Anfang machen. Dann, als erster, wie zu erwarten, hebt Don Promillo, der Hasenzähnige und Weiberheld die Hand. Zögernd schließen andere sich an, am Ende recken sich siebzehn Hände - das Aus seines Traumes. Nur wenige halten zu ihm. Einundzwanzig hochrangige Funktionäre im Politbüro - vier davon, einschließlich ihm, haben nicht gegen ihn gestimmt. Die restlichen siebzehn waren für seine Abwahl. Das war’s dann wohl. Man hat ihn gefeuert. Ade, mein Volk, hilf dir selbst - nun hilft dir niemand sonst!

Mit allem hatte er gerechnet: sogar, daß ihn der große Bruder, bei dem alles mit Perestrojka und Glasnost begann, zu deutsch: Umbau und Öffentlichkeit, des Amtes entheben würde - aber nicht mit einem Sturz, eingefädelt aus den eigenen Reihen. Das war schändlich, und er sah sie vor sich, besonders den Hasenzähnigen, wie sie mit allen Mitteln um die Macht kämpften - Schlieren im Wasserglas.

Als an der Abstimmung nichts mehr zu deuteln war, erhob er sich steif und sagte hölzern: „Natürlich gebe ich alle meine Ämter ab.“ Schweigend ging er zum Ausgang, nahm die Klinke in die Hand. Niemand hielt ihn zurück.

Am folgenden Tag stand er frühzeitig auf, befahl eine schwarze Limousine zu sich, die ihn in eines seiner Jagdreviere fuhr. Dort ließ er sich junge Rehböcke vortreiben. Es war ein Zuchtgehege, bei entsprechendem Einsatz der Wildhüter trabten oder stoben die Tiere innerhalb des Zauns direkt an im vorüber.

Ohne große Leidenschaft knallte er genau siebzehn Böcke ab. Die zwei Kühltruhen in seinem Haus konnten das Fleisch der erlegten Tiere nicht fassen, den überwiegenden Rest ließ er in den freien Verkauf geben. Unverhofft kamen solcherart die staatlich geführten Restaurants der nahen Hauptstadt zu Rehrücken auf der Speisekarte. Einschließlich Sättigungsbeilage.

Ein erster Erfolg? Man war nicht sicher. Längst reichte es nicht für alle.

Und so skandierte das Volk weiter in den Städten der Provinz: „Schließt euch an! Schließt euch an!“

Im Politbüro waren am Vortag die Lichter ausgegangen. Was konnte man schon ausrichten, wenn ein ganzes Volk die Zähne zeigte. Der Hasenzähnige, von Umstürzlern gewählt, die nur erhalten wollten, was ihnen im Lauf der Jahrzehnte lieb und teuer geworden war, blieb genau siebenunddreißig Tage Staatsratsvorsitzender, dann kaufte ihn mitsamt seinem desolaten Laden der gut betuchte Klassen­feind auf.

Übrigens - für die Übernahme bot er fast zwei Millionen Hände Bananen. Wonach sich sechzehn Millionen Hände reckten.

Kurz darauf überflog der Kanzler des nunmehr vereinten Volkes auf einer rasch abgefeuerten Kanonenkugel blühende Landschaften. Wie weiland der Lügenbaron von ... na, ich komm schon noch drauf.Aber wozu - das ganze war ja eh nur ein Märchen, fürsorglich erdacht für die, die sich selber keine mehr erfinden mögen.

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Gehe ich also neulich bei Gott vorbei. Obwohl jeder weiß, wie beschäftigt Er zu allen Zeiten ist. Oder zumindest tut. Aber nein: ich mußte ja unbedingt bei Ihm vorbeischauen wollen – ein Fehler, wie ich mir im Nachhinein gestehe.

Du lieber Himmel! Hätte ich geahnt, an welch kniffliger Sache die Gottheiten gerade bastelten, wäre ich doch grußlos – ohne das allerkleinste Grüß Gott – an Seiner Halle vorübermarschiert! So aber steckte ich neugierig den Kopf durch das Tor und fragte den wachhabenden Engel: Ist Er da?

Na logo, gab der zur Antwort, wobei er ein Flammenschwert auf der Nasenspitze balancierte. Eine sehr schwierige Kunst, deren Ausübung, wenn ich richtig informiert bin, für Torengel erst nach etwa dreihundert Jahren Exercitien gefordert wird, dann nämlich, wenn ihre Beförderung zum Erzengel ansteht. Irgendwo mußte ich diesen Typ von der Torwache schon einmal gesehen haben, dachte ich.

Der Engel räusperte sich. Sie denken jetzt, fragte er, wo hab ich diesen Typ von der Torwache schon mal gesehen, stimmts? Er hatte das Nasenschwert in seine rechte Hand gebeamt und schickte sich an, die Flammen auszupusten. Ein Trick. Ein ganz billiger Trick, da kann mir einer sagen, was er will. Ich hab sowas schon mal bei Roncalli gesehen. Allerdings war es da kein Schwert, sondern eine Fackel, und der Typ dort blies sie nicht aus, sondern fraß im Gegenteil die Flamme in sich rein, um sie allsogleich um vieles vermehrt wieder auszuspucken, und jetzt fällt mir auch das Wort lodern wieder ein, denn ein Flammenschwert lodert - aber nun loderte es nicht mehr, und der Engel vor mir steckte das solcherart gesicherte Schwert gerade in die Scheide an seiner Seite. Ein Trick, zwar nicht derselbe, aber doch ganz ähnlich, da bin ich mir sicher!

In der Tat, gestand ich, auf seine Frage eingehend. Ja, das habe ich eben gedacht. Und wo, da Sie so gut über mein Denken informiert sind, meinen Sie, hätte ich Sie schon mal gesehen?

Dräsden. Na, nu: gommse! ermunterte er mich, als er mein verdutztes Gesicht sah. Ich marterte mein Hirn. Und dann kam es mir: Etwa der linke, fragte ich voller Erwartung - der, der so nachdenklich den Kopf in die Hand stützt?

Nu! Äbent. Ein Juchendbildnis. Die Sixdinsche Madonna hat Raffael Santi eichendlich mehr um - oder vielmehr: über - uns rumgmolt: das Mariechen, im Arm ihr verängstichdes Jesusgind, sie beede anbedend der Heilche Sixtus und - schon dunnemols! - nur uff uns schauend die Heilche Barbra, die ich von all den Gestalden uff dem für die Mönche von San Sisto in Biacenza so gunstvoll verfertichten Gmälde für die schönsde und gelungensde halde. Dieser geenichliche Bligg! – ich hab ihn schon damals zu ergrinden versuchd, als Lugas noch neben mir in die Wolgen schtierde. Lugas, der heude das himmlische Rendamd leidet, was etwa dem irdischen Greisgirchenrendamd entschprichd. Nur fimf Nummern greßer, Se glooben ja nich, was hier alles an Heilchen und Ängeln rumloofd! Er sah bereids damals nach Beamdem aus. Aber ich wor der linge von die zwee Ängel, da hamse gans rechd.

Vielleicht ein bißchen älter, dachte ich, aber die Ähnlichkeit zum Jugendbildnis in der Gemäldegalerie ist unverkennbar. Und nun steht er hier vorm Tor – wie sich doch alles wieder trifft!

Na logo, hatte er eingangs gesagt. Gott war also im Hause. Ich ging winkend am Torengel vorbei, und der präsentierte zackig sein Flammenschwert: irgendwo gab es daran vermutlich einen geheimen Schalter, der auf Befehl die Feuersgluten anknipste. Schon toll, sowas! Im Grunde aber ein billiger Trick - ich komm schon noch dahinter. Heude is Däzämbrfeierdach, raunte mir der Engel im Vorbeigehen noch zu. Da war ich jedoch bereits im ersten Kreis des Himmels. Doch, Herr Solschenizyn, den gibt es auch.

Normalerweise residiert Er im lichtdurchfluteten Audienzgewölbe. Im düsteren Saal davor, wo sonst Bittsteller gesiebt und leicht als unseriös zu durchschauende Verfasser von Gebeten, wie zum Beispiel jenem betreffs himmlischer Überlassung eines Mercedes Benz SLK Cabriolets, natürlich vollgetankt, oder gar das von der sel. Miss Janis Joplin wg. eines Colour TV, o Lord! verworfen werden, stellten sie gerade Bänke zu einem Auditorium zusammen und errichteten an der Stirnseite eine Tribüne. Balkeninschriften rührten an Zuständigkeiten: Ping Pong statt King Kong stand auf einem Transparent über dem Eingang. Darunter der Schriftzug: Einheitsgewerkschaft der Engel im real existierenden Deismus. Jemand hatte sehr klein und offenbar in großer Eile mit Kuli an den Rand gekritzelt: Zum Teufel mit Euch liberalen Engelscheißern!

Thema verfehlt, dachte ich. Niemand – und sei er noch so liberal – scheißt Engel. Das kann er gar nicht. Das kann noch nicht einmal Er, selbst Er muß sie mühsam rekrutieren und sich heranziehen. Nach Besichtigung der Radeberger Brauerei zum Beispiel und gleich anschließend vielleicht des Dresdener Zwingers stößt man zwar als der Herr manchmal auf fast fertige Engel und kann sie gleich mitnehmen, wie den am Tor; aber die Regel ist das in aller Regel nicht.

Und noch eins dachte ich: War nicht heute D-Day? Erster Dezember, zu dessen Feier all diese Vorbereitungen getroffen wurden? Natürlich war heute D-Day. Der Torengel hatte es mir ja geflüstert, völlig in Gedanken hatte ich es nur nicht mitgekriegt. Auf der Tribüne steckte man blaue Fähnchen an die Balustraden: inmitten eine Dornenkrone aus zwölf goldenen Sternchen, darin zentriert ein schwerwiegendes Kreuz - das Banner des Gottes des Vereinten Europa. Er war ja nur für den zweitkleinsten Erdteil zuständig. Um Asien sorgten sich großflächig Shiva, Brahma und Buddha, um Kleinasien Mohammed und das Judentum und um Amerika der Große Gott Mammon und wiederum das Judentum. Blieben noch Irland und die Takatiki Islands: für ersteres war der Hlg. Sankt Patrick zuständig, denn die Iren besitzen zwar keine gemeinsame Kirche, jedoch einen gemeinsamen Heiligen, der am St. Patrick’s Day an grün geschmückten Wirtshaustischen in aller Welt verehrt und dessen Hostie in Form von Beer & Whiskey ausgiebig zugesprochen wird. Für die Takatiki Islands nahm diese Funktion ein gewisser Papa Joe wahr, der für deren 243 ½ Einwohner Gott und Herrscher zugleich war. Der halbe Einwohner zählte zwar zu den Beherrschten, tendierte theologisch gesehen aber eher zum Anhänger des schweizer Hoteliers Erich von Däniken. Deshalb ½.

D-Day also. Es würde hier bald hoch hergehen. Langsam füllte sich der Saal.

An ein Durchkommen in das Audienzgewölbe war nicht mehr zu denken. Ströme von Sterblichen drängten sich durch das einzige Tor, nahmen Besitz von den aufgestellten Bänken, belegten Plätze neben sich für Späterkommende und harrten dessen, was da geschehen sollte. Eigentlich hatte ich ja nur mal bei meinem lieben Gott vorbeischauen wollen – und nun dies. Aber da war nichts mehr zu machen: die alten Haudegen Michael, Gabriel, Raphael und Uriel versperrten den Durchgang zum Gewölbe. Drohend hatten sie sich davor aufgebaut: die dunkel ledernen Rüstungen eingefettet, ihre Turnschuhe mit Dentogard geweißelt, sorgsam die drei schwarzen Adidasstreifen darauf von dieser Politur ausnehmend. An den Erzengeln – zum Teufel! - kam niemand vorbei.

Ich nahm Platz neben einem Veteranen. Bislang war ich noch bei jedem D-Day dabei gewesen. Mein Nachbar entrollte ein Plakat und hielt es in die Höhe. Darauf stand: Gott ist tot. Unterschrift: Marx. Mir kam in den Sinn: Marx ist auch tot. Und mit einiger Berechtigung könnte unter dieser Verlautbarung als Unterschrift stehen: Gott. So trifft sich das.

Ambulante Bratwurstverkäufer zogen durch die Sitzreihen. Händler verkauften Traktate, in denen erläutert wurde, warum Erich von Dänikens prähistorische Weltraumvisiten auf der Erde niemals stattgefunden haben konnten. Oder stattgefunden haben mußten. Halt das Übliche. Eine Kapelle zog ein, schepperte viel Blech und baute sich unterhalb der Tribüne auf. Die Musikanten trugen Uniform, waren in Gesamtheit einheitlich grün bekleidet und verfertigten Lärm in jeder nur denkbaren Größenordnung. Musik macht ja – da sind sich die meisten Kritiker einig – nur eigentlich Spaß, wenn sie als Kampf Mann gegen Mann (oder Frau gegen Frau, Frau gegen Mann, Mann gegen ... usw., nicht wahr?)  betrieben wird.

Man wartete.

Aber dann kam der Moment, in dem die Musik verstummte, das vielfältige Geplapper der Menge erstarb und sich eine Glocke aus erwartungsvoller Stille über das Auditorium stülpte: vorn, auf der Tribüne, marschierten sie auf, die Herren von der Gott GmbH & Co. K.G. Allen vorweg dieser kleine dicke Pole, der so geübt im Küssen der Erde ist. Er fiel auch gleich auf die Knie und küßte voll Hingabe die rissigen Balken des eben erst betretenen Podiums. Seine Vasallen dachten nicht daran, sich solcher Mühe zu unterziehen, sie rückten einfach nach, als der Pole sich schließlich setzte. Man muß seine Kräfte einteilen können, aber dazu ist die polnische Seele eher hinderlich, da sie zu Schwärmereien neigt. Man denke nur an Frédéric Chopin (sel.) oder Marcel Reich-Ranicki (unsel.).

Das im Auditorium auf harten Bänken versammelte Volk applaudierte Beifall. Im Stillen wartete es aber nur auf einen: Ihn, Gott, den wahren und einzigen! Der jedoch ließ sich Zeit. Er erschien selbst dann nicht, als auf der Tribüne all die anderen alten Männer bereits saßen. Das Volk begann zu murren. Da erhob sich mühsam der kleine dicke Pole und wallfahrte zum Mikrofon. Er klopfte mit dem kleinen dicken Finger dran, und es machte tock! tock! aus den Lautsprechern. Die waren also in Ordnung. Man sah, der kleine dicke Pole war versucht, noch einmal mit dem kleinen dicken ... er verkniff es sich. Das war eine große Entscheidung, denn an Mikrofone klopfen macht irrsinnigen Spaß, dieses tock! tock! - man kriegt einfach nicht genug davon! Wer jemals ein Rockkonzert in einer dieser Riesenhallen oder auch Open Air im Fußballstadion besucht hat, weiß wovon ich rede.

Woran man aber sieht, der kleine dicke Pole war ein Asket: Man gönnt sich ja überhaupt nichts! Nun hub er an zu sprechen, jedenfalls öffnete er zu diesem Tun den kleinen, fleischigen Mund:

Urbs! Auch die sofort vor den Mund gehobene Hand konnte den versehentlichen Rülpser nicht zurücknehmen, ebensowenig wie ein einmal über die Menge hin entlassenes tock! Mag sein, der kleine dicke Asket hatte zu Mittag zu fett gegessen – die Riege alter Männer hinter ihm intonierte gewohnheitsmäßig ein monoton angestimmtes: ... et orbi. Womit dieser Teil der Andacht erledigt wäre. Und man sich dem eigentlichen Kern der Sache zuwenden konnte, nämlich: Gott schien ernstlich verhindert. Indem Er nämlich, das erklärte der kleine dicke Pole vor dem Mikrofon, beim Verzehr eines Paradiesapfels dessen Verfalldatum übersehen und sich eine Lebens­mittel­vergiftung zugezogen habe. So so. Das Auditorium summte. Und murrte. Verfalldatum, Paradies – uns kann man ja einiges weismachen, aber nicht alles, war der Tenor. Und wenn Er nun tot ist, wie Marx sagt? rief einer. Das war der neben mir. Was hatten die kirchlichen Würdenträger, von denen einige da oben auf der Tribüne versammelt waren, in der Vergangenheit – und die schloß so ziemlich die letzten zweitausend Jahre ein - nicht schon alles an anderem Unfug über Gott verzapft! Nein, man wollte Ihn sehen. Jetzt und hier!

Gott! Gott! Gott! skandierte und stampfte das Auditorium.

Aber Er lebt doch! hob der Pole vor dem Mikrofon verzweifelt die kurzen dicken Arme. Nur geht es Ihm momentan nicht sehr gut! Und ich als Sein Stellvertreter auf Erden ... Die Menge hatte sich von den Plätzen erhoben und übertönte ihn:

G o t t ! ! !

Ein vielstimmiger Aufschrei! - Alsbald faßte man sich schunkelnd bei den Händen und begann die alten, tröstlichen Lieder zu singen: We shall overcome und Auferstanden aus Ruinen. Fröhliche Kinder in der kleidsam blauen Kluft der Jungen Missionare schwenkten Winkelemente aus den ersten Reihen, und sie waren wirklich fröhlich, denn sie hatten heute fürs Schwenken schulfrei, und die Elemente über ihnen auf der Tribüne winkten mit Händen zurück, deren Rücken von Altersflecken gesprenkelt waren, während der kleine dicke Pole verzweifelt in das Mikrofon schrie: Gott ist nicht tot, nur vorübergehend leide Er unter einer Gastritis, die Er sich ... seine Worte gingen unter im allgemeinen Getöse, wieder klopfte er mit dem kleinen dicken Finger gegen das große dicke Mikrofon, weil er argwöhnte, es sei ausgefallen, aber aus den Lautsprechern schallte es zuverlässig: tock! tock! tock! – nein, die waren zweifellos in Ordnung, ein okzidentales Fabrikat. Etwas anderes stimmte nicht:

Zu oft schon war die Menge enttäuscht worden. Das hatte sich tief in die Hirnwindungen des Auditoriums gegraben, es wollte nicht mehr, wie es ihm von der Tribüne herab aufoktroyiert wurde. Die da oben schienen eher hilflos ohne ihren gewohnten Gott, der sich hinter einer momentanen Unpäßlichkeit versteckte und nicht zeigen mochte.

Nun gut. Man würde sich neue suchen müssen. Götter gab’s wie Sand in der Wüstenei. Völker, denen neue Götter vorstehen konnten, weniger. Einer probierte: Wir sind das Volk! und sah sich im Auditorium um: nickende Häupter, nur Zustimmung, fast überall. Bis auf die Klotzköpfe auf der Tribüne. Also dann. Er hob die Arme, federte in den Knien, dirigierte: Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!

Tock! tock! tock!

Wir sind das Volk!! Wir sind das Volk!!

So etwas, wenn es ausbricht: dagegen hat selbst ein wirklicher Gott es nicht eben leicht. Im Bewußtsein dessen gab sich dieser, in der abgedunkelten Kammer den Volkslärm vernehmend, lieber seiner Magenverstimmung hin, dafür jedoch ein Volk frei: Soll es doch hingehen in Frieden, fürderhin aber seinen Dreck alleine machen. Ob von ihm oder anderen: stets sind Völker abhängig. Das weiß jeder Imker. Ich kam zu mir und schaute mich um:

Das Plakat des Veteranen neben mir lag zerfetzt am Boden, er selbst hatte sich eingereiht in die Schlange der Polonaise, die nun ungehemmt über Tische und Bänke stieg und lauthals bekundete: Wir sind das Volk! Nur nach ganz oben, auf die Tribüne, hatte sie sich noch nicht getraut. Dort saßen verknöchert die alten Herren und blickten sichtlich ergrimmt auf den Tanz des entfesselten Volkes unter sich. Na gut, sagte ich mir und reihte mich an der Spitze der Schlange ein, die gerade vorüberwogte. Hinter mir schlug einer die Hände auf meine Schultern, und fortan gab ich die Richtung vor: die Betonköpfe da oben zu vertreiben. Lange genug hatten sie unser aller Leben zementiert.

Und sie wichen aus: wie wir auf sie zukamen, hopsten und sprangen sie von der Tribüne, trotz ihres fortgeschrittenen Alters, die Erzengel winkten ihnen mit gebogenen Zeigefingern, und plötzlich war die Tribüne leer. Wie sie das machten: alle abgehauen!

Man wird – dachte ich – der Mischpoke niemals habhaft, die uns verführte und leitete, in dieser Reihenfolge, wobei sie uns nichts weniger als leiten wollte, sondern nur verführen. Allein der kleine dicke Pole verharrte beharrlich vor dem Mikrofon, niemand hatte auf ihn geachtet, als neben ihm alles von der Tribüne sprang. Aber nun: tock! tock!

Ich bin der Vertreter Gottes auf Erden, vernahm man plötzlich seine Stimme, da sich die Menge, die ihr Ziel, die alte Macht zu vertreiben erreicht zu haben schien, mehr und mehr beruhigte und unkriegerischer wurde. Die eben bezahlte Bratwurst in der Hand schaute sie verwundert auf die Tribüne: da war ja noch einer übrig, einer von denen, die ihnen bislang ihr Leben erstickt hatten, erstickt durch unsinnige Verdikte und kirchliche Erlasse: Kinder sollten sie kriegen, obwohl nicht genügend Wohnraum war, sie großzuziehen, obwohl die Welt bereits überbevölkert war, und obschon Menschen verhungerten, in Dürregebieten und anderswo – da bestimmte die Menge erneut: Wir sind das Volk! Und übertönte die zitternde Greisenstimme dort oben, von einem, der sagte, er sei der Vertreter Gottes auf Erden – Wir sind das Volk! Wir sind das Volk! Vertreter – bah, alles Klinkenputzer! Wir kaufen nichts!

Das war jetzt, und danach wurde ja manches anders. Jetzt jedoch stupfte mich jemand an der Schulter: es war der Engel von der Pforte. Sie haben nich zufällsch Verwendung für än Flammenschwerd, original und kaum gebraucht? flüsterte er heiser und auf Sächsisch.

Ich drehte mich zu ihm um: Und das verscherbeln Sie so? fragte ich ihn.

Was soll’sch denn machn. Engel nimmt ja gaum noch eener, nu. Und was anders hab’sch nicht gelernt. Klar muß’sch umlernen, doch das brauchd Zeit. Aber irgendwie muß’sch ja überleben. Sie wolln nich doch das Schwärd? Sehen Sie, hier: da is där Schalder, der knibst es an. Sie missen nur ab und zu bissel Gas nachfüllen. Na? Nich doch Inderesse?

Eigentlich wollte ich ja nur bei Gott vorbei – und bin Besitzer eines Flammenschwertes. Was tut man mit so was? Muß man es bei der Polizei anmelden? Oder sonst einer Behörde?Ach ja, lieber Rainer Kirsch: vielen Dank für den göttlichen Einfall des ersten Satzes!

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»Ich begrüße Sie zur heutigen Vorlesung. Bitte bringen Sie Ihre eigenen Stühle mit und rücken Sie dichter zusammen: das Raumangebot in meiner Wohnung ist knapp. Wir wollen es durch ausufernde Gedankenräume nicht noch knapper machen. Also bitte: auch im Geiste zusammenrücken. Sie, da hinter dem Vorhang: rücken Sie doch bitte etwas auf. Nein, nicht so weit, sonst verdecken Sie meinen Blick auf diese entzückende junge Dame neben Ihnen - ja, so ist’s recht. Wie heißen Sie?«

»Amadeus Frohwein, Herr Professor.«

»Nein, nicht doch Sie - ich meine die Dame neben Ihnen!«

»Chantal -«

»Aah ja - ich beginne.

Seeing is believing - was man sieht, das glaubt man: diesen Faden spann Phil Carmen in einem seiner wohltuend anderen Popsongs. Schön. Und wenn man an nichts glaubt, weil man schon zuviel gesehen hat und es nicht unter einem Hut zusammenbringt?

Dann dürfte man nach Carmen wohl nichts gesehen haben.

Nichts - wer denkt da nicht zuerst an die berühmten drei Affen: Hand vor Augen, Hand auf den Ohren, Hand vor dem Mund - nichts sehen, nichts hören, nichts sprechen. In einem winzigen Rosengärtchen nahe Bonns Kunstmuseum fristen die drei steingewordenen Affen ein relativ unbeachtetes Dasein. Sie hocken um eine Weltkugel, die sich dreht, und um die herum sogar noch Platz für einen vierten Primaten ist: schützend hält er sich beide Hände vor das Genital - nur nichts weitergeben. Ist was, Fräulein Chantal? Na gut.

Ist das Nichts nun etwas, um das man sich kümmern müßte? Vielleicht, wir werden sehen. Zunächst einmal: es ist weniger als ein bißchen, aber mehr als die absolute Totenstille im Weltenraum. So zumindest scheint es nach landläufiger Meinung. Doch Sie werden sich noch wundern.

Bitte: nageln Sie mich nicht fest, bisher habe ich mir - und das im Verein mit vielen anderen großen Geistern - kaum Gedanken über das Nichts gemacht. Ich will es - hierin ganz meinem verehrten Meister Wittgenstein folgend -  auf der Stelle tun. Spontan und ohne Notizen. Nun denn:

Wenn jemand sagt: »Ich habe dieses verdammte Buch gelesen, von vorne bis hinten und wieder zurück - aber da war nichts, absolut nichts!«, so meint er vermutlich: da war wenig, das ihm die angegangene Sache erhellte. Er bezieht »nichts« einfach auf sein Objekt, den Stoff, zu dem er sich Erhellendes erhoffte. Aber davon will ich hier nicht reden.

Es ist das großgeschriebene »Nichts«, das mich interessiert: Seeing is believing - hat irgendwer von Ihnen schon einmal das Nichts gesehen? Das groß­geschriebene? Ich bezweifle es. Denn wenn wirklich einmal das Nichts da wäre, könnte es niemand sehen. Weil eben nichts da ist, das man sehen kann. Also muß das Nichts ein unbekanntes Objekt sein, gleichzusetzen etwa dem Glauben, der Ehre oder der Liebe - von denen allzusammen man vermutet, daß sie existieren, die aber nicht bewiesen sind, da niemand sie bisher einfing und sezierte - dies liefe ihrer Natur auch zuwider. Von Mensch zu Mensch offenbaren sie sich unterschiedlich. Woraus man schließen darf, daß sie mehr individueller Natur sind: also nichts, das exakte Wissenschaften erforschen und katalogisieren könnten.

Ist es also nichts mit dem Nichts? Gemach: Zwischen nichts und allem ist ein weites Feld. Das hat 1993 Hermann Otto Solms gesagt, deutscher Politiker und zu der Zeit FDP-Bundestagsfraktionsvorsitzender. Was er damit tat, war, zwei Enden einer Spanne abzustecken. Und - vielleicht - was dazwischen zu suchen ist. Nicht schlecht, sein Satz paßt auf viele Gelegenheiten, eigentlich ist er aber unverbindlich - wie vieles, was Politiker äußern: reine Rhetorik. Ich lasse das hier mal so stehen, wer mag, darf mich natürlich nach Herzenslust zerpflücken und zerreißen. Aber: hat Herr Solms auch nur irgendein Tüpfel­chen über das untere Ende seiner Spanne verlauten lassen? Das Nichts? Mitnichten. Wohl: es war weise von ihm, unter gar keinen Umständen etwas anzureißen, über das er sich vermutlich noch nie Gedanken gemacht hat. In der Politik ist dies auch gar nicht notwendig, da es sich hierin immer um etwas dreht: zum Beispiel das Überleben der Partei. Oder die Pfründe, die damit verbunden sind. Jawohl, Fräulein Chantal, auch wenn Sie das zu belustigen scheint. Im Anschluß, bei der Aussprache, werde ich Ihnen gern das Wort Pfründe erläutern.

Aber ich wollte vom Nichts reden.

Das Nichts scheint sehr schwierig zu begreifen. Eigentlich dürfte es gar nicht existieren. Dennoch stehen viele davor. Und diese brauchen nur noch um ein Quentchen abzusinken, dann schlammt ihnen das Nichts um Knöchel und Waden. Langschäfter helfen da kaum - es wäre gut, diese Leute in die Labors zu verfrachten, damit man sie untersuchen könnte; um der Menschheit willen.

Wären wir damit weiter?

Menschheit ist greifbar, also nicht Nichts. Nichts ist nicht greifbar, also nicht unbedingt etwas, das mit der Menschheit zusammenhängt. Und doch behaupte ich dies: gäbe es nicht die Menschheit, gäbe es auch kein Nichts. Denn wer sollte sich Gedanken darum machen? Und etwas, das der Gedanken nicht wert ist, existiert nicht, kann nicht existieren. Wenn ich mir also, oder wenn irgendwer sonst sich Gedanken um das Nichts machen wollte: es müßte erst einmal existieren. Und somit zur Frage werden.

Geht man jedoch davon aus, daß irgendwo ein Nichts existierte, dann müßte es sich auch äußern können. Zum Beispiel so: »Zwischen mir und allem ist ein weites Feld.« Ja, stimmt. Hat Herr Solms uns etwas über dieses - wie er sagt, und was er wahrscheinlich von Grass abgekupfert hat, weite Feld - zu Gehör gebracht? Nein, hat er nicht. Wir tappen also weiter im Dunkeln. Und das soll auch so sein. Denn nichts wäre entlarvender, als redete Herr Solms offiziell über das untere Ende seiner Skala: über das Nichts. Da mag er sich nicht engagieren, das ist nicht seine bevorzugte Ecke. Nichts ist nichts.

Wirklich? Ja, wirklich - keine Wählerstimmen, ergo keine Industriespenden, ergo kein Herr Solms, ergo kein Nichts - pardon, natürlich meinte ich: ergo nichts. Entschuldigen Sie, ha ha, das passiert schon mal im wissenschaft­lichen Eifer. Herr Solms wird mir das nicht übelnehmen, ich gehe übrigens nächsten Mittwoch mit ihm essen. Es dreht sich da um Beihilfen zu unserer Bibliothek.«

»Ha, ha ha.«

»Sehr lustig, wie Sie Ihren Beifall äußern. Nun gut, bleiben wir dabei. Heinz Erhard hat einmal versucht, ein Ofenrohr zu beschreiben: er sagte, es sei nichts mit einem Stückchen Blech drumrum. Haben wir uns also das Nichts als überwiegend in Ofenrohren vorkommend vorzustellen? Man könnte diesen Gedanken weiterspinnen: ein Politiker ist nichts mit einem blauen Anzug drumherum. Aber das stimmt ja nicht. Zumindest von einem Politiker weiß die ganze Welt gewiß, daß in ihm nicht nur nicht Nichts, sondern manchmal sogar ein Pfälzer Saumagen ist. Und selbst der ist noch gefüllt.

Demgegenüber sagt aber die neue deutsche Rechtschreibung - die billigere von Bertelsmann, ich empfehle sie Ihnen hiermit - unter anderem folgendes:

Nichts s. 1 nur Ez. Fehlen von Materie, Leere;

Nun - das Stichwort »Leere« verwiese erneut auf das Erhard’sche Ofenrohr. Denn was leer ist, muß auch voll sein können. Und beide Eigenschaften deuten auf ein Behältnis hin, das die Leere oder Völle enthält. Stellen wir uns in einem Gedankenspiel daher der Einfachheit halber das Nichts mit etwas ummantelt vor - zum Beispiel, einem Wasserfaß. Wir alle wissen: wenn ein Wasserfaß voll ist, und es kommt ein Etwas hinzu, dann läuft es über. Was jedoch geschieht mit einem leeren Wasserfaß, zu dem ein Nichts hinzukommt? Läuft das etwa unter?

Ja, nun wird es kompliziert, ich gebe es zu.

Zumal uns die angeführte Rechtschreibung noch belehrt, daß es von Nichts noch eine Diminutivform gibt: das Nichts|chen. Danach dürfe man auf die neugierige Frage, was man da wohl Interessantes habe, dem Frager ruhig antworten: »Ein Nichtschen in einem Döschen.« Und das bedeutet: rein gar nichts. Aber auch Döschen ist ein Diminutiv, die Verkleinerungsform von Dose. Ein Nichtschen in einem Fäßchen wäre demnach wesentlich weniger, als ein Nichts in einem Faß - um bei unserem Gedankenspiel zu bleiben. Es scheint sie also tatsächlich zu geben: neben den leeren Fässern - die mit dem Nichts drin - auch weniger leere Fäßchen, die nur ein Nichtschen enthalten.

Aber wenn sie ein Nichtschen enthalten - wären sie dann überhaupt - diese Frage ist übrigens auch bei größeren Fässern berechtigt! - leer? Kann denn etwas, daß etwas enthält und sei es auch nur ein Nichtschen, überhaupt leer sein? Nicht sehr einfach zu beantworten - wir wollen es dennoch versuchen.

Vielleicht ist es der Klärung dienlich, diese Frage unter einem gegensätz­lichen Ansatz neu aufzurollen und zu beleuchten: Leere - in Analogie zum Nichts - und Völle sind Gegensätze. Beide, so belehrt uns die Rechtschreibung, stehen nur in der Einzahl. Auch wenn man also mehrere kleinere Völlen aus mehreren kleinen Fäßchen in ein großes Faß umfüllt, enthält dieses große Faß danach letztendlich doch nur eine Völle - obwohl sie sich aus mehreren »Völlchen« zusammensetzt. Analog dazu darf man getrost zu Recht schließen, daß das Nichts sich durchaus aus mehreren kleineren Nichtschen zusammen­setzen läßt. Was aber noch nichts beweist. Können Sie mir folgen? Gut.

Was jedoch, ­beförderte man das Nichts wieder in die kleineren Fäßchen zurück? Im Gegenschluß zum großen, vollen Faß, müßte das ja auch mit dem großen, leeren Faß jederzeit genauso möglich sein!

Hier hat mich der mir - bisher womöglich geneigt - Folgende möglicher­weise endlich ertappt: Ich gestehe, noch nie ein leeres Faß in mehrere kleinere Fässer umgefüllt zu haben - es ist mir außerordentlich peinlich. Ja, Fräulein Chantal, das mit den Pfründen werde ich Ihnen später erklären.

Allein durch das vollzogene Experiment kann ich also nichts beweisen. Nichts beweisen? - Heureka!

Nein, bitte, unterlassen Sie diesen frenetischen Jubel, und begeben Sie sich wieder auf Ihre Plätze, sie gehören Ihnen, Sie haben sie ja selbst mitgebracht - ich fasse also zusammen: alles in Allem führte dieser Diskurs zu - Nichts.

Was zu beweisen war.Ach - Fräulein Chantal - wenn ich Sie mal hier entlang bitten dürfte?«

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19:26 Uhr.

Wo er nur bleibt. Sonst ist er immer um fünf da, selten, daß es mal sechs wird. Gut, beim Frühstück hat er gemeint, heut könnt's später werden. Irgend so eine Delegation. Hab nur halb hingehört. Zwei Stück Zucker hat er heimlich in den Kaffee getan, obgleich ihm der Arzt das verboten hat - und denkt, ich merke das nicht! Hab's aber doch gesehen, in der Scheibe hat er sich gespiegelt, als ich Brot schnitt, draußen war's ja noch dunkel. Im März kann ich die Abnäher wohl wieder raustrennen aus seinen Hosen. Dabei hat er so schön abgenommen, das letzte Vierteljahr. Wenn ich nur an Weihnachten denk - was wurde da sonst nicht aufgetischt! Darf man gar keinem erzählen. Ich glaube, ich mach mir ein Brot. Vielleicht mit ein bißchen Quark. Ach, ist keiner mehr da - na, dann eben nur mit Margarine. Ist ja nur, weil er nicht kommt. Man sorgt sich doch. Schon halb acht? Tatsächlich. Die Fenster müßten mal wieder geputzt werden, sind ganz matt. Dabei raucht er doch gar nicht mehr. Wovon die wohl so matt sind? Ich muß Jutta noch anrufen, wegen dem Vortrag, wann der nun ist. Diabetes soll ja mittler­weile fast eine Volkskrankheit sein - komisch, hört sich wie Volkswagen oder Volksbank an. Ob ich ihn mal anrufe? Weiß schon, das hat er nicht gern - aber wo er doch -? Nein, laß ich lieber. Hinterher macht er mir wieder solch einen Zirkus wie beim Betriebsausflug, als ich um acht in dem Lokal anrief. Tagelang war er beleidigt, all seine Kollegen hätten ihn hochgenommen, ob ich ihn immer kontrolliere. Ich, und kontrollieren! Wenn die alle so frei wären zu Hause bei ihren Frauen wie er - man kennt das doch: die am meisten unter dem Pantoffel stehen, reißen den Hals am weitesten auf. Ich verstehe aber auch diese Frauen nicht: ständig und immer nur Eifersucht! Bei ihm brauche ich nicht eifersüchtig zu sein. Früher - früher, ja, da war ich manchmal drauf und dran - obwohl er da immer nur wie ein Tier gearbeitet hat. Ich glaube, er hätte sich damals kaum vorstellen können, mal mit einer anderen - ich schon. Aber jetzt hat er die Glatze, die macht sein Gesicht so rund. Na ja, und der Hintern hängt ein wenig; tut er bei mir aber auch. Halt - am Freitag brauch ich wieder Oil of Olaz! Muß ich dran denken. Dabei hab ich ihn damals nur angerufen, weil dieser Vertreter da war. Die Lebens­versicherung sollten wir erhöhen. Wo doch alles teurer wird. Haha, hab ich dem Klinkenputzer gesagt, auch die Versicherungen! Und weil ich den langen Vortrag danach nicht verstanden hab, hab ich ihn eben angerufen. War wohl nicht im richtigen Moment. Dabei hatte ich damals wirklich das Gefühl, wenn wir nicht sofort aufstockten, säßen wir morgen auf der Straße und zählten die Kant­steine, so hat der von der Versicherung mich verunsichert! Mal sehen, was im Fernsehen kommt: Gott, alles nur Wie­der­holungen. Macht überhaupt keinen Spaß mehr. Und dafür nun der neue Apparat mit Stereo und Breitwand. Er kann das ja alles einstellen, BTX oder wie das heißt, da kommt manchmal das Wetter zehn Minuten früher, als im Ersten und auch die Börsenkurse, hat er mir gezeigt, als der Apparat ganz neu war - sehen wir uns eigentlich kaum an. Dann schon lieber Wieder­holungen. Ich könnt's auch gar nicht einstellen, hab immer nur das Erste an, bei den vielen Knöpfen - hat man ja alles nicht gelernt. Sonny müßte eigentlich jetzt wieder aus dem Urlaub zurück sein. Mal sehen ob sie das auch so kalt hatten, die letzten Tage. Richtig schniefelig war das hier: Nebel, Frost und dann dieser furchtbar eisige Wind! Aber man lebt ja hier, kann ja nicht einfach weg, wie die ganzen Ausländer, die zu uns kommen. Die haben's aber auch nicht immer leicht. Drei-sieben-sechs-acht-zwei-vier-: Sonny?

20:07 Uhr.

War falsch verbunden. So ein geiler Kerl! Man müßte ständig ein Tonband mitlaufen lassen, daß man die anzei­gen kann. Glaubt einem ja sonst keiner. Wo er aber auch nur bleibt! Schon acht vorbei. Ob ich nicht doch-? Nachher schimpft er mich wieder. Drei-sieben-fünf-acht-zwei-vier:

Schön, daß du da bist, Sonny! Wie war's denn im - wie bitte? Nein, macht mir nichts aus. Nein, bestimmt nicht. Also dann, ich melde mich später nochmal. Tschü-üs!

Erwartet einen Anruf vom Günter. Weiß nicht, warum sie ausgerechnet auf den fliegt. Mein Typ wär der nicht. Nutzt sie doch nur aus. Ständig auf Dienstreise, und wenn er dann mal da ist, muß alles tipptopp sein. Ist nicht mein Fall. Na ja, muß man ja sagen: er hält sich wirklich gut, kaum Bauch, und Geld tut er auch genug in die gemeinsame Kasse, wenn Sonny nicht flunkert - aber immer nur Strümpfe stopfen und Hemden bügeln von einem, der nie da ist? Nee, wirklich nicht mein Fall. Komm ja auch gar nicht in die Lage, mich entscheiden zu müssen: dreißig Jahre, das schmiedet. Jawohl. Er war immer da. Hat sich auf das Sofa gefläzt und mir das Neueste aus dem Betrieb erzählt, wenn er kam, dann Abendbrot und Fernsehen. Sogar das Bier holte er sich selber aus dem Keller. War an sich immer ganz gemütlich. Wieso hab ich jetzt eigentlich in der Vergangenheit gedacht? War und hab und holte - wenn er kommt, holt er sich ja wohl immer noch sein Bier. Eigenartig. Wo er nur bleibt - schon fast halb neun!

20:28 Uhr.

So lange blieb er noch nie weg. Natürlich, der Betriebsausflug - das war auch was Besonderes. Das wußte ich ja. Da kam er um kurz nach elf und ist gleich zu Bett. Eigentlich war ich ein bißchen böse, aber konnte ich ja nicht: er hatte es ja gesagt. Und um richtig böse zu sein, kam er viel zu früh. Von »mitten in der Nacht« war mor­gens noch die Rede gewesen, vielleicht - »vielleicht« hatte er gesagt, und das war ja auch gut. Hätte doch sein können, und dann wär ich vorbereitet gewesen, damals. Sein Gesicht hätte ich sehen mögen, wenn der Vertreter noch…! Um neun ging der aber damals, glaube ich. War ein hübscher Kerl, so mit Locken und einem Grübchen im Kinn, und die Manschet­ten kuckten immer zehn Zenti­meter aus den Ärmeln seines Anzugs - kaum über Dreißig war der. Älter bestimmt nicht. Na, ich gehör ja nicht zu denen. Aber vorstellen kann ich's mir schon. Was für eine Delegation war das nochmal? Ach, daß ich mir aber auch nichts merken kann! Neulich hab ich sogar den Geburtstag von meinem Vater verschwitzt. War der vielleicht sauer! Sein Vater ist nicht so. Der will am liebsten gar nicht mehr feiern. Worin liegt der Verdienst, sagt der immer, alt wird man doch, ohne daß man es will - ja, wenn man jünger würde: das wäre ein Grund zum Feiern! Hab ich mir noch gar nicht richtig überlegt; kann ja sein, daß er recht hat. Immer noch nichts im Fernsehen. Ich glaube, ich ess noch ein Brot.

21:15 Uhr.

Nun wird es aber langsam Zeit, mein Lieber. Delega­tion - die muß ja wohl auch irgendwann zu Bett! Na, wirst schon kommen. Vielleicht stehst du gerade vor der Tür und putzt dir die Schuhe ab. Hier drin hör ich davon nichts. Ich werd nochmal die Sonny anrufen. Drei-sieben-fünf-acht-zwei-vier: Hallo? Sonny?

Sauwetter haben sie gehabt. In Tunis lag Schnee, und oben in den Bergen haben sie sogar Langlauf gemacht. Wo soll das nur noch hinführen! Und dann die ganzen Ausländer - es ist schon eine verrückte Welt. Alles machen sie kaputt. Bei dem Aufruf letzte Woche, gegen das Chemiewerk, da waren ganze zehn Hansels auf dem Marktplatz. Mir war's einfach zu kalt, sonst wäre ich hingegangen, ich weiß es auch nur aus der Zeitung. Die Politiker, die müßten ja eigentlich mal - ich meine, wozu wählt man die denn sonst, letztes Mal habe ich sogar die Grünen angekreuzt, obwohl wir sonst immer… aber wenn keiner was tut? Also die Politiker, ich glaube, die tun gar nichts mehr. Der Rosenbaum sagt auch: wenn die nur immer ihre Diäten erhöhen. Und der muß es wissen, er ist immerhin im Ortsgemeinderat. Nun könnte er aber langsam kommen. Mich überfällt immer so ein Kribbeln, wenn das, was ich mir vorstelle, nicht passiert. Bei der Di, der von Charles, da war das ganz genauso. Also ich an ihrer Stelle…

22:00 Uhr.

Wir haben's ja noch gut. Wenn man das sieht - ich will mich ja gar nicht beklagen. Aber kommen könnte er jetzt schon. Ob ich noch die Lende für morgen anbrate? Die ißt er doch so gern, müßte sie nur hochholen und auf­tauen. Ich esse sie auch gern, aber wegen mir würde ich sie nicht hochholen. Nein, wegen mir nicht. Da müßte er schon kommen und sagen: »Sei so gut und mach mal wieder Lende - die kannst du doch so fabelhaft!« In Sahne und ganz kurz angebraten und dann eine halbe Stunde lang gesimmert - das ist schon ein Gedicht. Ich kann sie wirklich gut. Aber wenn er nicht kommt, hole ich auch keine hoch aus dem Keller. Ist alles eingefroren. Die Lende, meine ich. Wir hatten mal Besuch von der Urlaubs­bekanntschaft aus dem Ötztal, und der Mann sagte: Für deine Lende gäbe ich alles her - die vierzehn Tage, die sie da waren, haben sie nur Dreck gemacht, und auf das, was er hergeben wollte, warte ich heute noch. Gut, seine Frau ist eine doofe Nuß, aber von ihm hätte ich mehr erwartet - kam aber nichts, nicht die vierzehn Tage und auch nicht danach. Dieses Jahr waren sie auch nicht im Ötztal. Vielleicht sollten wir auch mal ganz woanders hinfahren.

22:39 Uhr.

Über halb elf. Jetzt hab ich's satt. Was denkt der Kerl sich denn? Delegation, Delegation - einen Quark gebe ich auf deine Delegation! Um zweiundzwanzig Uhr hat man zu Hause zu sein! Egal ob mit oder ohne Delegation. Die werden schon ohne dich zurecht kommen. Wenn ich mir vorstelle, bei der Tupperparty: die schmeiße ich ja auch alle um zehn Uhr raus. Und das hat wenigstens einen Sinn. Ob's deine Delegation überhaupt gibt, weiß ich ja gar nicht. Du kannst mir doch was vom Waschbären erzählen - weiß ich denn, ob es stimmt? Und je mehr ich darüber nachdenke, glaube ich, daß du mir schon immer was von Waschbären erzählt hast: Wie war das zum Beispiel damals, als du gesagt hattest, du müßtest Überstunden machen, und nachher fand sich keine einzige auf deiner Gehaltsabrechnung? Oder dreiundsechzig, als du…

23:00 Uhr.

Nun reicht's. Ich schließ die Tür ab und laß den Schlüssel stecken. Muß er halt klingeln, wenn er kommt. Ich weiß dann wenigstens die Uhrzeit. Und morgen gibt's Spinat, den mag er nicht. Hätte sich doch wenigstens melden können, Telefone gibt's überall: aber nein! Und wenn ihm nun was passiert ist? - Ach, was soll ihm denn passieren, er fährt ja mit dem Bus. Und überhaupt: dann hätte schon längst die Polizei angerufen. Oder das Krankenhaus. Oder das - was weiß denn ich. Den Ausweis hat er immer dabei, und die Nummer können sie in jedem Telefonbuch nachschlagen. Und wenn er nun - er muß doch immer durch dieses kleine Parkdreieck, wo's so dunkel ist - nein, das weigere ich mich zu denken. Schon zehn nach elf. Aber da findet ihn vor morgen keiner. Herr­gott, ich kann doch nicht die ganze Stadt nach ihm absuchen! Ob ich die Polizei anrufe? Melden Sie sich morgen früh nochmal, werden die sagen, ein Mann bleibt schon mal 'ne Nacht lang weg. Wenn wir die alle suchen sollten, gute Frau. Natürlich haben sie recht. Aber wenn ihn keiner findet, ist er womöglich schon verblutet - in irgendeinem Gebüsch! Und, gute Frau, in welchem Gebüsch vermuten Sie Ihren Mann? Sie müssen uns schon ein paar Anhaltspunkte geben. Eigentlich weiß ich fast gar nichts von ihm. Alles ging seinen Gang, er hat nie Extra­touren gemacht, wonach sollte ich ihn denn da fragen? Anhaltspunkte: einen Leberfleck hat er zwischen den Schulterblättern. Und seine Füße riechen immer etwas. Kann man die Polizei nach einem Mann Mitte vierzig mit einem Leberfleck suchen lassen, dessen Füße riechen? Die würden Hunderttausende finden, und selbst dann wäre längst nicht sicher, daß er dabei ist. Jetzt werde ich richtig unruhig -

23:37 Uhr.

Diese Fotos sind fast ein Vierteljahrhundert alt. Da ist er im Garten, beim Rasenmähen, hinten die Schreberhüt­te. Gott, war die winzig! Und was haben wir da für Parties gefeiert! Manchmal acht und mehr Paare. Einmal, im Juli, glaube ich, hat's diesen Wolkenbruch gegeben, wo wir alle rein sind - oder war das im August? Jemand hat mir dauernd am Hintern rumgefummelt, aber ich konnte mich nicht rühren, so gesteckt voll war das da. Alle mußten die Luft anhalten, sonst wäre die Hütte geplatzt. Ich glaube heute noch, daß es Jürgen war; na, die sind mittlerweile ja auch geschieden. Jedenfalls hatte der Grabscher kalte Hände. Und hier: unser erstes Auto. Ein Kadett, und er beim Waschen. Damals war er noch schlank. Richtig dürr. Was soll man der Polizei denn für Fotos zeigen? Wir haben fast keine neuen. Wer macht denn schon noch Fotos, wenn man sechsundzwanzig Jahre verheiratet ist. Man kennt sich doch. Sind seine Augen nun blaugrau oder nur grau? Die Brille - hab seit fünf Jahren seine Augen nicht mehr gesehen. Jetzt muß er sie fast ständig tragen. Ich ja auch. Die ersten Farbfotos: Mallorca, Vierundsechzig. Immer nur Strand, ein bißchen Wasser und abgeschnittene Füße darin. Oder auch blauer Himmel mit abgeschnitte­nen Köpfen davor. Ganz ist nie jemand drauf, den man drauf­haben wollte. Was soll ich der Polizei denn da zeigen? Hier, da ist eins: mit Tante Friedchen tanzt er da, ich glaub das war deren siebzigster, Onkel Walter hat es geknipst. Und von dem Blitz hat er richtig rote Augen, wie ein Albinokarnickel…

23:55 Uhr.

Telefon - Herrje, hat mich das erschreckt! Wenn er das ist, kriegt er aber was zu hören!

»Ja? Werner, von wo… Ja aber… Ja. Mein Gott! Wohin? Nein! Und wo… Aber - Werner! Werner…! Aus. Hallo!«

Sie haben ihn verschleppt - ich fasse es nicht! Mal langsam - was hat er gesagt? Sie sterben aus - und sie leben auf dem - egal, irgendein fremder Planet. Ich kenne mich doch schon mit der Fernbedienung nicht aus, und nun auch noch ein fremder Planet - mein Gott, Werner! Das war also die Delegation in eurer Samenbank, von der du heute morgen gesprochen hast? Das sind ja Tiere! Dabei führte er doch nur die Statistik über das Kältelabor! Ich glaube, ich werde wahnsinnig. Sie sterben aus, hat er gesagt - wie kann jemand aussterben, den es gar nicht gibt! Ich werd' verrückt. Nein, ich bin schon verrückt. Und wenn ich es noch nicht bin, dann werde ich es jetzt. Langsam: sterben also aus. Brauchen frische Gene, hat er gesagt. Überzüchtet, hat er gesagt. Haben ihn genommen, hat er gesagt - nach einem langen Gespräch im Büro seines Chefs. Gewartet hat das Raumschiff zehn Meter über dem Firmenparkplatz, zuerst war es überhaupt nicht zu sehen. Hat er gesagt. Aber dann doch. Und die Molasse haben sie auch mitgenommen, die Sekretärin vom Professor - ich halt's nicht aus! So eine Art Leasing, hat er gesagt. Er käme ja bald wieder, wenn die alles in der Retorte hätten. Und dann sei für uns ausgesorgt -

Mein Gott, Werner, ich will nicht, daß du dich auf dem - wie hieß er noch? - Drecksplaneten als kleines grünes Männchen vermehrst! Und schon gar nicht mit der Molasse!! Ich halt' das nicht aus. Niemand. Kein Mensch hält das aus - Werner! Jetzt rufe ich die Polizei an -

- Ja, eben gerade - richtig: rote Augen. Ja, ganz recht: über dem Parkplatz. Nein, ich habe nichts getrunken. Wie - was soll das heißen, Sie glauben mir nicht!? Hallo - hallo! -Einfach aufgelegt. Hat man da noch Worte?

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Sechs Uhr.

Gähnend reibt sich die Stadt die Augen. Mehmet Vural läßt den Wagen in der Wartespur ausrollen, dreht den Taxifunk leiser und das Radio lauter. Vor ihm ungefähr ein Dutzend beigefarbener Mercedes, so früh am Morgen ist am Bahnhof noch nichts los. Bis zur nächsten Fuhre mindestens noch ‘ne halbe Stunde, Erfahrungs­wert. Müde rollt er sich im Sitz zusammen, verschränkt die Arme über der Brust und schließt träge die Augen. Nur zehn Minuten, denkt er, ein winziges Nickerchen, dann ist er wieder parat. Seit dreiundzwanzig Uhr die Nacht unterwegs, das schlaucht.

Aus dem Radio tönt Abba, Dancing Queen. Er mag das, sowas muß man laut hören, seine Finger tasten nach dem Regler, drehen die Lautstärke auf. Das Gesicht des Fahrers vor ihm taucht in dessen Außenspiegel auf - mißbilligend in Falten gelegt, wie Vural scheint. Ein eingebürgerter Russe, er kennt ihn flüchtig. Mit halbgeschlossenen Augen betätigt Vural den Schalter, der die Seitenscheiben hochsurren läßt. Nun ist er eine geschlossene Gesell­schaft, der Russe kann ihn mal. Noch lauter: „...you are my dancing queen...“

Vural gibt sich der Lehne anheim, mehr schlecht als recht. Viel Komfort für ein kurzes Abtauchen in entspannende Leere bieten auch die Sitze eines Mercedes nicht. Sie sind wohl eher zum Fahren eingerichtet. Weit entfernt, im Halbschlaf, nimmt er einen Melodiewechsel wahr: ein Trupp Einsiedler, besser bekannt als Herman’s Hermits, der Senn hat wohl wieder keine Milch vor der Tür ihrer Klausnerei abgestellt: No Milk Today. Etwas aus den Sechzigern. Auch ganz hübsch, aber an Abba reichen die nicht ran.

Nu hör bloß mal, ist das nicht wieder Abba? Die Einleitung - das ist doch wieder Dancing Queen! Mensch, da laust mich doch der Affe – ein und das gleiche Stück, zweimal am selben Morgen vom gleichen Sender? Da: ich hör’s doch! Klar, zweimal das gleiche Stück von Abba. Da bin ich aber mal gespannt, denkt er, wie die das erklären.

Vural öffnet die Augen, wartet auf die Zwischenansage des Moderators. Abba verklingt, geht übergangslos in die Musik von Herman’s Hermits über, No Milk Today -

Was - das auch nochmal?

Vorne rollen die Wagen vor, nehmen Fahrgäste auf und Gepäck, langsam rückt die Schlange, in der auch Vural wartet, nach. Zum vierten Male hört er Abba, zum dritten Mal Herman’s Hermits: jedesmal mit der gleichen Melodie - da stimmt doch was nicht!

In der Tat.

Max 99.0 ist ein winziger Privatsender. Lebt von Reklame. Sein Konzept: Hits, Oldies und Gaga-Musik rund um die Uhr, dazwischen alle halbe Stunde Werbung. Dancing Queen und No Milk Today sind Oldies. Aber abwechselnd die beiden rund um die Uhr? Wirklich: nur die beiden - und das rund um die Uhr?

Vor Studio zwei wird harsch an Tür und Klinke gerüttelt. Letztere senkt sich nur soweit, wie ihr das ein Stapel Handbücher - offensichtlich für den PC in der Ecke des Raumes bestimmt, nun jedoch auf einem Aktenbock direkt unter der Klinke plaziert - gestattet. Wenn die tobende Person hinter der Tür sie um fünf Millimeter auf und ab bewegt, ist das schon viel. Man kann sagen: die Tür ist absichtlich blockiert, hier hat sich jemand verbarrikadiert.

Der PC steuert übrigens den CD-Multiplayer, sein Monitor zeigt dem Eingeweihten nur zwei Einträge: jawohl - genau die. Nebst einer programmierten Schleife, in der beide endlos wiederholt werden - No Milk ... ach Gott.

„Hör zu, Benja“ tobt es hinter der verrammelten Tür, und die Klinke beißt winzige Fetzen aus den Handbuchumschlägen: „Du siehst das rote Licht, nicht wahr? Du bist auf Sendung, und niemand weiß das besser als du. Und niemand als du weiß besser, daß du im Moment ziemliche Scheiße baust!“

Trommelwirbel am Türblatt: „Hey, du Arsch, ich bin dein Vorgesetzter, laß mich rein!“ Aus dem Monitor tönt unbeirrt: ... you are my Dancing Queen ... Der hinter der Tür verlegt sich aufs Betteln: „Mensch, Benni! Der Hajek steht mir im Genick. Hat ja auch recht - er will Geld verdienen. Und du: ist das nicht auch der einzige Grund, warum du bei uns angeheuert hast?“ Wieder wird gerüttelt, erfolglos.

„Wenn ich nicht genau wüßte, daß du da drin bist, Benni - für eine Weile könnte ich es auf meine Kappe nehmen. Technischer Defekt. Oder ein Virus. Kann ja alles vorkommen. Aber jetzt muß Schluß sein. Die Leute draußen wollen Abwechslung. Und der Kunde will seine Werbung verbreitet haben. Das verstehst du doch, oder?“

„Warum sollte ich.“ Eine Antwort. Immerhin: eine Antwort aus dem verbarri­kadierten Studio zwei. Drei Worte, nicht eben viel.

Atemloses Entzücken jedoch hinter der Tür, Aufjubeln: „Benni, Mensch - hab ich doch gewußt, daß du kein Fall für die Pritsche bist, nun wird alles gut. Na, dann mach mal auf, alter Junge!“

„Warum sollte ich?“

Es braucht geraume Zeit, bis - kurzzeitig verblüfft - hinter der Tür wieder das Rot kulminiert, wütendes Rot, das dort in verkniffene Augen steigt und sich sogar blechern bellend in die Stimme drängt: „Du machst mir Spaß! Also jetzt mal: mach sofort die Tür auf! Ich warne dich! Das ist jetzt ein Fall für die - du, das ist Hausfriedensbruch, da können wir die Polizei einschalten, die holt dich da -“

„Soll sie doch. Ich leg jetzt wieder Abba auf. Ich glaube, ich mach mal ‘ne Ansage.“

Hendrik Benja räuspert sich, fährt den Mikrofonpegel hoch: „Es ist sechs Uhr dreiundfünfzig, liebe Freunde. Steht ihr schon senkrecht im Bett? Ich hab Abba für euch organisiert, das mögt ihr doch, oder? Hier ist ...“

Dancing Queen. Schon wieder.

„Warum tust du das?“ Resignation hinter der Tür. Man könnte den Sender abschalten, klar. Aber dieser Verrückte weiß sehr wohl, daß das nicht geht. Nicht geht, weil man ein kommerzielles Unternehmensziel hat. Zu Deutsch: Knete machen. Da geht Abschalten nicht, da muß alles laufen. Die Message, die muß einfach rüberkommen. Und das tat sie: Hits und Oldies und alle halbe Stunde Werbung. Nun tut sie das nicht mehr. Weil nämlich außer Abba, Herman’s Hermits und dem bißchen Moderatorenscheiße nichts mehr das Studio verläßt. Von draußen pocht es verzagt gegen die Tür: „Du, Benni - hast du eigentlich schon mal daran gedacht, wer durch deine Aktion alles die Arbeit verliert?“

„Sollte ich das? Jeder ist sich selbst der Nächste. Und - das hier ist keine Aktion. Eher Reaktion. Weißt du, ich funktioniere einfach nicht mehr wie gehabt. Es war mir immer lästiger, für euch und die Pisser da draußen den Affen zu machen. Hast du mal einen guten Einfall, dann dröhnt ihn mit Sicherheit die Werbe-MAZ kaputt. Und überhaupt - was ich hier mache, ist den Pennern da draußen doch völlig egal! Die überdösen mich einfach; erst wenn die Werbe kommt, wissen sie: jetzt ist es fünf vor halb, da müssen wir raus. Glaubst du, daß auch nur einer von denen die Spots mitkriegt? Die werden entweder von seligem Schnarchen oder Gurgeln vorm Waschbecken übertönt.“

No Milk ... Dem Wechsler ist einerlei, welche CD er greift und in den Player legt. So oft hintereinander gedudelt, offenbart sich zwangsläufig, wie dürftig doch dieser Song und auch der Abba-Ohrwurm angelegt sind: Schema F. „Das, was ich hier mache: weißt du, was ich für ein Gefühl dabei hab?“

Wütendes Rütteln an der Tür: „Das interessiert mich einen Dreck! Und den Boß noch viel weniger. Du bist sowieso gefeuert. Also, mach endlich die Tür auf!“

„... ich werd es dir sagen: es ist das Gefühl, das dich beschleicht, wenn du mit jemandem redest, und du merkst, er hört dir nicht zu. Du redest in Luft. Eigentlich könntest du’s dir besser sparen. Kennst du das? He, du Sack da draußen: ich frage dich, ob du das kennst?“

Der Sack da draußen ist Willi Rothe, Chef vom Dienst, und weil im Studio zwei offensichtlich Dienst entgegen aller Vorschrift gemacht wird, muß er sich was einfallen lassen. Man könnte Benja den Saft abdrehen. Und statt seiner eine Konserve aufmixen. Aber dazu müßte man an das Patchpanel rankommen, um verschiedene Jumper und Verbindungen umzustöpseln; doch genau das ging nicht: man war nur ein winziger Frosch im Werbeteich, und um Kosten zu sparen, befand sich das Patchpanel in dem Raum, in dem – eben, genau da. Andere Sender besaßen anstelle dieser, von der Technik längst überholten Aufschaltung, moderne Computer. Aber soweit war man bei Max 99.0 noch nicht. Sowas kostete echt Geld.

Rothe fiel nichts ein. Der Raum war fensterlos und besaß nur die eine Tür, unter deren Klinke offensichtlich etwas lag, das sie blockierte. Probeweise, mehr mechanisch, rüttelte er daran: ... you are my Dancing Queen ... Man müßte ihn aushungern. Dann würde er schon von selber – Rothe sah auf das Zifferblatt an seinem Handgelenk: Scheiße, erst acht Uhr. Der da drinnen hatte bestimmt um Fünfe prima gefrühstückt. Nach drei Stunden hat niemand so viel Hunger, daß das, was er sich in den Kopf gesetzt hat, vom Knurren des Magens übertönt wird. Schon gar nicht bei Benja, der setzte noch immer durch, was er verändert haben wollte. Rothe dachte an die Absage an alle Kunden, die in irgendeiner Form an Kinderarbeit verdienten: seit einem Jahr Firmenphilosophie des Senders, dem kleinen Kreis der Macher abgenötigt - durch Benja, wie der als Sprecher hier einstieg, vor fast genau einem Jahr.

Aber was dann? Irgendwie muß man dem Idioten da drin doch klarmachen, daß er nur noch hirnrissigen Scheiß baut! Und daß daraufhin die Tür aufgeht, er herausspaziert und sagt: Na, da hatte ich aber mal einen Riesenhänger! Das könnte man ja noch verstehen. Rothe selber ist ja auch nicht alle Tage gleich gut drauf.

„Hör mal,“ sagt er jetzt behutsam hinter der verschlossenen Tür, an die er das rechte Ohr gepreßt hält, „wir könnten über dein Gehalt reden. So von Mann zu Mann. Und ich trag’s dann dem Hajek vor. Du weißt schon: daß du so’n guter Mann wärst und wir dich -“

„Ich bin ein guter Mann! Ob du das Hajek vorträgst, ist mir scheißegal.“ Herrgott, wieder No Milk Today und nur ein bißchen Füßescharren hinter der Tür. Jetzt eine Ansage: „Es ist sieben Uhr fünfzehn, Dienstag, der zwölfte März. Wer jetzt noch in den Kissen liegt, wird guten Grund haben. Allen anderen ein letztes Wecksignal von -“, schmerzhaft hochgefahren jetzt Herman’s Hermits, „- ihrem Hendrik Benjaaaa!“

Wieder Füßescharren, ein Knistern, wie von Pergament. „Ich weiß, daß du hinter der Tür stehst, Willi. Du lauerst. Was ich alles falsch machen könnte.“ Sicher hat er die Stummtaste gedrückt, sonst ginge alles über den Sender. So dumm ist der nicht. Man sollte hier im Gang Lautsprecher anbringen, damit man hört, was über den Sender geht. Das wird er gleich in der nächsten Wochenrunde anbringen. Kostet ja kaum was. Bietet aber enorme Vorteile, falls sich sich wieder mal so eine verquere Nase im Studio verschanzen sollte.

Rothe dämpft die Stimme, entfernt sich stimmlich ans andere Ende des Ganges, tut, als rede er von dort, während sein Ohr weiterhin ans Holz der Tür gepreßt bleibt: „Wie - ich lauere – ich? Weißt du, wie egal du mir bist? Wir werden die Feuerwehr holen, die bricht die Tür auf und dann stelle ich dir den CD-Spieler ab. Eigenhändig. Und während die Polizei dich in Handschellen abführt, drücke ich die Mikrotaste und mache die Ansage: Hallo Leute, aus dem Studio von Max 99.0 jetzt Bill Rothe – das war eine Schau, nicht wahr? Drei Stunden nur Hits von Abba und Herman’s Hermits. Und alles ohne Werbung! Ich will euch verraten: Wir hatten einen Sponsor! Dann lege ich Big Spender auf. Anschließend kommt die Werbung, knüppelhart. Ja, das mache ich. Ich hab das nämlich mal gelernt, anders als du. Aber ich lauere nicht, was glaubst du denn!“

Wieder knistert es drinnen. „Ja, was glaube ich – ich glaube zum Beispiel, daß du überlegst, wie du mich aushungern kannst. Ich esse gerade mein mitge­brachtes Butterbrot.“ Aha, daher das Knistern. „Mach dir also keinen Kopf darüber. Aushungern ist nicht. Ich hab mir das vorher überlegt und fünf Stullen geschmiert und eingepackt. Wird ’ne Weile dauern, bis ich ausgehungert bin. Und Werbung: ja, knüppelhart. Die kannst du dir in die Haare schmieren. Solange ich hier sitze, und das denke ich noch recht lange zu tun, geht davon nichts über den Sender. Ach ja: die Feuerwehr laß bitte aus dem Spiel. Ich hab hier etwas in der Kabine, das sie kaum löschen könnte, wenn es erst mal gezündet ist. Also verpiß dich von der Tür und arbeite Ansagen aus, für morgen, da nehme ich nämlich frei – du hast das ja, wie du sagst, mal gelernt. Ich will deiner Karriere nicht im Weg stehen.“

ABBA lief gerade aus. Zwei Räume weiter schrillten Telefone. Demirkan Büszülü hob den Hörer ab und musizierte mit klingender Stimme: „Radio Max 99.0. Guten-Morgen-was-kann- ich-für-Sie-tun?“

Mehmet Vural vertritt sich um den beigen Mercedes herum die Beine und hält das Handy ans Ohr. „Also: normal ich immer Maxe Radio eingestellt. Und nie nur zwei Schlager. Was los? Seit drei Stunde schon: nur zwei Schlager!“

Tja, wenn sie das wüßte: Was los? „Ein Experiment“, improvisiert sie. Nie sagt einem jemand, was los ist, obwohl sie Abitur besitzt. „Wissen Sie, wir wollten einfach mal was Neues machen!“

„So.“ Mehmet veranstaltet drei Kniebeugen und nimmt das Handy vom rechten ans linke Ohr: „Was Neues? Mit immer nur zwei gleiche Schlager was Neues? Ich dachte, ich in Almanya, deutsche Land. Ihre Sprach - Sie Türk? Ich auch. Lyi uyudunuz mu? Adiniz ne? Adim Mehmet. Paßt besser zu uns. Kann Flöte spielen, mit nur drei Tön. Aber in Deutschland? Und nur zwei Tön?“

Was verstehst du Arsch denn schon davon. „Adim Demirkan. Sie haben ja so recht; ich werde es meinem Vorstand vortragen, jede Meinung ist uns wichtig, besonders die Ihre. Okay?“ Und was verstehe ich Arsch eigentlich davon, aber ich muß immer alles abwiegeln. Also müßte ich eigentlich eine Menge von dem verstehen, was hier vorgeht. Tatsache ist aber, ich verstehe nicht die Bohne. „Ja hallo? Radio Max ...“

Zwei Räume weiter müht sich Hendrik Benja gerade um eine Telefon­ver­bindung: „Ist da Reisebüro NixWieWeg? Tschullung, hab sie nicht verstanden. Hier Benja. Tja, wissen sie – ich suche eine Insel. Sowas wie Palau. Kennen sie nicht? Pazifischer Ozean, die Karolinen – auch nicht? Na ja. Oder was ähnliches. Großraum Mikronesien, Malaysia, Philippinen, Australien. Dort etwa, inmitten. Klares Wasser, leichtgewandete Frauen, Pfahlhütten, geröstete Fische, Palmen, exotische Früchte – na eben alles, was man sich vorstellt unter Südsee.“

Die Frau ist echt nicht zu gebrauchen. Benja bedankt sich für Auskünfte, die er erhofft aber nicht erhalten hat und legt auf. Im Sender – klar, werden sie ihn irgendwann hier rausholen. Feuerwehr wär nicht die schlechteste Idee. Willi Rothe gegenüber hat er nur geblufft. Die schlügen die Tür mit Äxten ein, denen er nichts entge­genzusetzen hätte.

Er macht ja nichts. Das besorgt alles der PC, den er darauf programmiert hat, immer wieder nur diese beiden Titel aufzulegen. Gäbe es einen anderen Weg aus diesem fensterlosen Raum als den durch die verrammelte Tür: längst wäre er fort. Zum Beispiel in Mikronesien. Na gut: er hat das mal angefangen, jetzt muß er es auch durchziehen. Irgendwie war ihm heute morgen alles zuviel. Allein als leibhaftiger Sprecher die leblose Konserve - nächtens auf automatisiertes Durchdudeln eingestellt - morgens um fünf ablösen zu müssen, war ihm immer wieder öde und frustrierend ungeliebte Pflicht. Jedesmal dauerte es elend lange, bis er den Tag zurecht gelegt hatte und sich mit ihm anfreunden konnte. Dann war meist Mittag – High Noon.

Das muß ein Ende haben. Jetzt sofort.

Er hat mal Germanistik studiert und auf halbem Wege abgebrochen, weil – also, da war dies Mädchen. Das hat ihn beschwatzt, und da hat er hier angeheuert. Aber das mit dem geliebten Mädchen ist längst zu Grus, Asche und Staub zerfallen, übrig blieb nur dies hier. Doch das ist ihm nicht mehr genug. Gar nicht so lange her, daß er Ideale besaß: ein Germanistiker kann sich einfach nicht auf die Dummsprüche der Werbefuzzies verkürzen. Das ist, wie eine Katze gegen den Strich zu bürsten: das wird nie was.

Na gut, nicht alle Werbung ist öde. Es gibt auch intelligente Takes, aber die gehen unter in allgemeiner Dummschwätzerei. Beispiele huschen Benja durch den Sinn, nur wenige finden Gnade vor  seiner strengen Kritik. Eins aber scheint sicher: Er muß hier raus!

Draußen vor der Tür ist es still. Rothe hat sich schon eine Weile nicht mehr gerührt. Kann gut sein, daß der jetzt bei Hajek sitzt und sich über ihn ausweint. Vorsichtig räumt Benja die Bücher unter der Klinke fort, horcht an der Tür: ... Nichts. Dreht sachte den Schlüssel im Schloß, legt wieder und wieder das Ohr ans Holz: der Flur dahinter scheint leer. Leise drückt er die Klinke herunter, öffnet langsam die Tür, gespannt bereit, sie sofort wieder zuzuziehen, sollte sich in der Halbhelle dahinter etwas rühren: nichts.

Rasch zieht er innen den Schlüssel ab, steckt ihn von außen wieder hinein, huscht hinaus auf den Flur, dreht den Schlüssel im Schloß, zieht ihn ab und läßt ihn in der Hosentasche verschwinden. Von diesem Gang, erinnert er sich, muß es einen Notausstieg nach draußen auf die Feuerleiter geben. Die liegt rechterhand. Hastig öffnet er nacheinander schmale Türen: Besenkammer, das Kabuff mit Elektrozählern und Sicherungskästen, die dritte ist es dann: ein Fenster, davor draußen verzinkt die ans Gebäude geschraubte Stahltreppe. Benja will den Griff drehen, es öffnen: geht nicht, ist verschlossen. Mist! Sein Blick fällt auf den kleinen roten Kasten mit der Glasscheibe, links vom Fenster, unter der Scheibe ein Schlüssel, das wird er sein. Und nun?

Glas ist gefährlich, kann einem leicht ’ne Arterie aufreißen, wenn man’s ungeschickt angeht, und es bricht. Benja krempelt den Ärmel seines Sakkos auf, bis kurz unter die Armbeuge, stößt den gepolsterten Ellenbogen in das Glas, klaubt den Schlüssel heraus und schließt das Fenster auf. Im Hinausklettern hört er drinnen jemand über den Flur hasten. Auf der ersten Stufe nach unten erinnert er sich des Schlüssels in seiner Hosentasche, holt ihn heraus und wirft ihn durch das offenstehende Fenster in den Raum dahinter. Niemand soll ihm nachsagen, er habe Zeugs, das ihm nicht gehört, eingesackt und mitgenommen. Im Gegenteil, fällt ihm ein: sogar sein Stullenpaket hat er im Studio liegenlassen. Rasch klettert er hinab in den dreckigen Hof und ist gleich darauf im Durchgang zur Straße verschwunden.

Währenddessen, nur einen Flur weiter: Bernhard Hajek rief Rothe, der sich angemeldet hatte und im Vorzimmer wartete, zu sich. Im eleganten Anzug sitzt er ihm nun gegenüber, von der Wand überstreicht die Klimaanlage das obere Drittel des Raumes, Kälte rieselt herab auf diesen Märztag, draußen von Sonne gewärmt, hier drinnen im Zimmer eher frostig.

„... und niemand kann ihn daran hindern? Rothe, Mensch, Willi: unsere Existenz steht auf dem Spiel!“ In Hajeks Hand wandert ein goldener Kugelschreiber zwischen den Fingern und zeugt von Nervosität.

„Hau mich nicht!“ windet Rothe sich und überdeckt es mit einer Floskel: „Was soll ich denn tun? Er ist doch keinem klärenden Gedanken zugänglich! Als wenn er sich ausgeklinkt hätte. Ehrlich: ich weiß nicht, was er will.“

Hajek steckt den Kugelschreiber in die Brusttasche seines teuren Anzugs. „Dann“, sagt er kalt, „versuch das zu ergründen. Wir können uns nicht leisten, daß einer hier Privatprogramm macht. Wir leben von der Werbung, und wenn die nicht gebracht wird, sind wir tot. So einfach ist das. Erkläre es ihm. Ich seh mir das noch eine Stunde an, wenn dann nichts geschieht, seid ihr beide fällig.“

Rothe verließ den Raum, und just in diesem Augenblick vernahm Benja die über den Flur hastenden Schritte, aber nun ist er längst auf der Straße und winkt sich ein Taxi herbei: „Zum Flughafen“ sagt er und läßt sich auf den Sitz neben dem Fahrer fallen.

„Sie haben kein Gepäck“ stellt der fest, den Kopf kaum von der Straße wendend. „Nicht, daß ich neugierig wäre – aber die Fahrt wird etwa fünfund­zwanzig Mark kosten, und ich hab hier schon so manches erlebt mit Leuten, die einfach weg wollten und dann nicht mal die Taxifahrt – sicher wollen Sie nur jemand vom Flughafen abholen. Wenn Sie möchten, warte ich und fahre Sie wieder zurück, mitsamt Gepäck und allen Abgeholten. Ich mache Ihnen einen Sonderpreis, alles pauschal. Wenn Sie -“

„Ich hole niemanden ab“, reibt Benja sich in Vorfreude die Hände. „Ich fliege selber – Last Minute, verstehen Sie? Ich hab’s nicht nötig, Koffer zu schleppen! Südsee – ach, da ist bereits ein Lendentuch zuviel Kleidung, und die Kokos­nüsse fallen einem ins Maul, und -“

Der Fahrer wendet nun doch den Kopf zu Benja, es trifft sich, daß er vor einer roten Ampel halten muß: „Sie haben doch die fünfundzwanzig Mark?“

„Welche – Moment, halten Sie doch bitte mal an. Ja, gleich dort rechts.“ Der Fahrer tut es. Das Taxi steht, und da legt der den behaarten Arm auf die Lehne des Beifahrersitzes und beobachtet Hendrik Benja beim Hantieren mit seiner Geldbörse. Wieder so einer.

„Ähm“, drukst der und schaut auf den Taxameter. Der zeigt bisher knappe zehn Mark. „Falls wir jetzt zurückführen: würden wir da mit einem Zwanziger hinkommen?“

Statt einer Antwort schaut der Fahrer in den Seitenspiegel, wartet eine Lücke ab, wendet und schwimmt im Verkehrsstrom zurück. „Solche wie dich kenne ich“, sagt er nach einer Weile. „Nichts auf der Naht und große Rosinen im Kopf. Gut, daß ich vorher – doch, glaub schon, daß wir mit einem Zwanziger hinkommen. Notfalls mußt du früher aussteigen. Was hast du denn geglaubt – daß dich die Flieger etwa umsonst mitnähmen?“

Benja schämt sich. „Es war“, gesteht er, „eigentlich nur ein Traum. Ich hatte alles satt, verstehst du? Aber wenn ich zurückkomme, werden sie mir die Rechnung aufmachen. Satt.“

„Welche Rechnung? Du hast doch nichts!“

„Eben. Ich arbeite beim Radio. Sie machen Geld mit Werbung. Da war ich beteiligt. Aber eines Tages – heute! – konnte ich nicht mehr. Ich war ausgekaut – sagt man nicht so? Wie ein Spearmint-Gum: das, was vor MacDonalds die Platte verklebt, und worauf man nur so zäh vorankommt. Die ewigen Sprüche. Da hab ich den PC so programmiert, daß er nur noch zwei Songs spielte: ABBA und Herman’s Hermits. Den gleichen Scheiß wie ihre Werbe. Sozusagen, alles mitein­ander ein Gesamt­kunst­werk. Und wenn sie die Tür nicht aufgebrochen haben, dudelt das jetzt noch.“

Der Taxifahrer gönnt ihm einen Seitenblick: „Ach so, du warst das? Ich hab über Funk davon gehört. Was war das doch gleich für’n Sender?“

„Max 99.0 - 99 Megahertz. Kannst ihn ja mal einstellen.“

Wieder eine Ampel. Das Taxi steht, der Fahrer fummelt, die LCD-Anzeige seines Radios rückt langsam von 88.5 auf 90.0 und weiter vor. Endlich: „... you are my Dancing Queen ... “ Benja schluckt. „Sie haben den Schlüssel noch nicht gefunden. Irgendwann müssen sie großes Geschütz auffahren, damit sie ihr Gesicht wahren. Wenn du es schaffst – sag mal, du weißt nicht zufällig einen Job bei euch – als Fahrer?“

„Was du da glaubst! Da mußt du ’ne Prüfung ablegen, das ist wie bei Ärzten, da kann auch nicht jeder mitmachen! Nee, Jungs wie dich brauchen wir außerhalb der Laube. Mach du mal weiter Radio. Und zeig den Fuzzies da oben die Zähne. Von wegen, daß sie alles dürfen. Ach komm - Jungs wie dich! Ihr seid doch die Intelligenz! Und wenn was besser werden soll, dann doch nur durch euch!“

Bißchen später fuhr der Fahrer rechts heran und hielt. „Sorry. Dein Zwanzi­ger ist verbraucht, steig aus - - aaach! Weißt du was? Behalt ihn. Wirst ihn noch brauchen.“

Benja stieg aus. „Danke“, sagte er und schlug die Tür des anfahrenden Taxis zu. Nach Hause konnte er nicht, da würden sie ihn zuerst suchen. Wer? Feuerwehr oder Polizei – was wußte denn er! War sich einschließen eigentlich strafbar - in einem Studio?

Nachts, weit nach Mitternacht, lag er endlich im Nichtseßhaftenheim am Heinrich-Böll-Ring auf einer versifften Matratze und fürchtete um seine Habe. Er besaß ja nichts, aber wenn sie ihm seine germanistischen Gedanken nun auch noch nähmen?

Ein Hundeleben.

Rothe lag derweil zufrieden schnarchend im Bett. Gegen elf Uhr hatte er den Studio­schlüssel gefunden, den PC umprogrammiert und hierdurch Hajeks Drohung außer Kraft gesetzt. Jetzt plätscherten wieder alle halbe Stunde abwechselnd Gaga-Musik und ätzende Werbesprüche über den Sender.

Lange hatte er überlegt, was er mit dem angebrochenen Stullenpaket tun sollte, das sich neben dem verwaisten Mikro fand. Letztlich entschied er, es im winzigen Kühlschrank des winzigen Pausenraums des winzigen Senders zu deponieren. Womöglich – vielleicht kam Hendrik Benja wieder. Mochte gut sein, daß er dann Hunger verspürte.In dieser Scheißbranche mußte man mit allem rechnen.

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Es war einmal eine Fliege. Die flog auf der Suche nach Nahrung ziemlich ziellos in der Dachstube eines Kunstmalers - jedenfalls hielt sich dieser dafür - umher und landete schließlich auf seiner Staffelei. Für eine Weile glotzte sie ihm bei der Arbeit zu und putzte sich zwischendurch hastig mit zwei angehobenen Beinchen artig die Flügel. Es war eine besonders große Fliege von jener Art, wie sie im warmen Dunst von Viehställen beheimatet ist, grünlich schillernd brach sich das matte Licht des kleinen Dachfensters auf ihrem glänzend schwarzen Rücken.

Besagter Maler war weder sonderlich talentiert, noch hatte er bisher viel Gedanken auf das Ersinnen einer - sagen wir mal - genügend faszinierenden und noch nicht von anderen Kunstschaffenden belegten Schrulle oder Verrücktheit verschwendet, die ihn zum Exoten aufgewertet hätte und somit zum Ausgleich dieser schöpferischen Schwäche hätte dienen können. Denn auch hierzu scheint ein gewisses Talent unerläßlich, sonst wäre die Welt, der es an Verrückten gewiß nicht mangelt, wohl voller Künstler.

Es muß nun leider gesagt werden, daß unser Maler aus den genannten Gründen bisher nur ein einziges Bild verkauft hatte, und selbst das entstammte nicht seinem Pinsel. Er entdeckte es beim Entrümpeln des Dachbodens, den er sich im Hause seiner Großeltern als Atelier herrichten durfte. Diese hielten ihn nämlich für ein großartiges Genie, dessen Zeit nur noch nicht reif war, ähnlich van Gogh, der ja bei Lebzeiten auch keines seiner Gemälde gegen bare Münze an den Mann hatte bringen können. So gaben sie große Stücke auf ihren geliebten Enkel und glaubten ihm die leuchtenden Farben, in denen er ihnen begeistert seine Kunstwerke schilderte, denn sehen konnten sie diese nicht mehr. Beide trugen zwar ihrer zunehmenden Alterssehschwäche wegen Brillen mit Gläsern, die sich dick wie Lupen wölbten, doch hatten sie es längst aufgegeben, diese zu putzen; es machte keinen Unterschied mehr.

Nur der Liebe dieser beiden alten Menschen verdankte es unser Herr Kunstmaler - nennen wir ihn der Einfachheit halber Pieselitz -, daß er bisher noch nicht verhungert war. Gerade quetschte er sämtliche noch greifbaren Farbtuben aus, und die solcherart sich kümmerlich auf seiner Palette sammelnden Reste von Zinkweiß, Umbra und einem winzigen Klecks von Chromgelb langten eben, um grob durchmischt der kleinformatigen Leinwand auf seiner Staffelei eine hauchdünne aber dennoch deckende Grundierung angedeihen zu lassen: lehmfarben, durch die groben Pinselborsten geädert und von bereits eingetrockneten und zusammen mit der Mischung abgekratzten Farbresten seiner Palette gescheckt marmoriert, wirkte dieser Untergrund sehr viel lebendiger, als wenn der Jüngling seiner inneren Vorstellung entsprechend versucht hätte, ihn malerisch kühn zu gestalten - es ergab sich einfach so. Nicht umsonst heißt es doch, der wahre Meister zeige sich erst in der Beschränkung.

Nun war aber diese Beschränkung keineswegs eine vom Herrn Kunstmaler Pieselitz sich weise selbst auferlegte, vielmehr war ihm ganz einfach die Farbe ausgegangen. Das kommt auch bei anderen Malern vor und stellt an sich noch kein Unglück dar. Zumindest, wenn man hin und wieder ein Bild verkauft und somit in der Lage ist, den Vorrat an Farben aufzufüllen. Das jedoch war - wie wir wissen - bei Pieselitz nicht der Fall.

Vergeblich durchwühlte er sämtliche Kisten und Schränke seiner Mansarde, zog Schubladen heraus und kehrte voller Hoffnung die Taschen seiner Jacken, Mäntel und Hosen um: weder das kleinste Tübchen Farbe noch Geld fanden sich - rein gar nichts, was sich in irgendeiner Form verwerten ließ. Trüben Blicks starrte er auf das Fläschchen mit dem eingetrockneten Rest Ketchup und die angebrochene grüne Erbswurst auf dem weißen Metallgitter, die dort von einem Lämpchen angeleuchtet ein einsames Dasein fristeten: zuletzt hatte er sogar die Kühlschranktür geöffnet, in der Hoffnung, wenigstens etwas Eßbares zu finden, um hiermit seine aufkommende Enttäuschung zu dämpfen.

Wenden wir nun unsere Aufmerksamkeit wieder der eingangs erwähnten Fliege zu, die immer noch auf der Staffelei saß: Bekanntlich sind Fliegen in der Lage, mit ihren Facettenaugen sogar hinter sich zu blicken, ohne den Kopf wenden zu müssen, was letzteres sie demzufolge auch gar nicht können, da ihnen das hierzu notwendige Gelenk fehlt. Reglos klebte sie also an dem lackierten Holz der Staffelei und observierte die Tiefe des Raumes davor, insbesondere natürlich den Kunstmaler Pieselitz, der das einzige darin war, das sich bewegte, und daher von größtem Interesse sein mußte. Freilich nur aus Fliegensicht. Selbstverständlich fühlte dieser sich völlig unbeobachtet, und es ist anzunehmen, daß er auch einer sich bewegenden Fliege nur schwache Aufmerksamkeit gezollt hätte.

So nahmen ihre Facettenaugen also wahr, wie Pieselitz vor dem erleuchteten Kühlschrank einen Freudensprung tat, in die Ecke mit dem buntfleckigen Tisch lief und etwas in einem Mörser zerstampfte, der dort zwischen ausgedrückten Farbtuben und Dosen voller Pinsel und Reinigungsmittel stand. Aus einem Fläschchen goß er etwas in den Mörser und begann darin mit einem Spachtel zu rühren. Nach einer Weile kratzte er die entstandene Paste auf seine Palette. Dann nahm er ein zweites Fläschchen zur Hand, hielt es mit der Öffnung nach unten ebenfalls über die Palette und schlug mehrmals mit der flachen Hand auf dessen Boden, worauf sich aus dem Flaschenhals alsbald unter schmatzendem Geräusch ein Pfropfen löste und neben das erste Häufchen klackste.

Pinsel und Palette ergreifend, trat Pieselitz nun ernst und gemessen zur Staffelei, tunkte die Borsten in eines der Häufchen und malte in rasch entschlossenem Schwung einen lindgrünen Kreis in die Mitte der Leinwand. Einen Schritt zurücktretend begutachtete er mit schiefgeneigtem Haupt und halb zugekniffenen Augen sein Werk und schien zufrieden, denn er nickte, trat wieder vor und begann den Kreis dick mit grüner Paste auszufüllen. Als der erste fertig war, fügte er ihm einen zweiten und bald darauf einen dritten hinzu, nicht ohne immer wieder zurückzutreten, und aus schmalen Augen­schlitzen die Proportionen des bisher Vollbrachten zu überprüfen: drei Äpfel sollten es werden, der vordere die beiden hinteren halb und halb verdeckend, ein klassisches Stilleben in Rot und Grün.

Als er nun daran ging, den bisher noch recht flächig wirkenden Rundungen durch sanftes Beimischen von Rot an den Rändern etwas mehr Tiefe und Schwere zu geben, stiegen der immer noch am nämlichen Platz verbliebenen Fliege - wegen der Nähe der behutsam strichelnden und tupfenden Malerhand nun allerdings mehr geduckt und auf dem Sprung - stiegen also besagter Fliege Düfte in die Riechorgane, die sie ihre Abflugbereitschaft noch einmal kurz überdenken ließ: sie wollte verdammt noch mal geklatscht werden, wenn das, was der lehmfarbenen Leinwand unter ihrem Platz auf der Staffelei entstieg, nicht der liebliche Duft von Erbspüree mit Schaschliksoße war!

Dies freilich wollen wir eher im übertragenen, bildhaften Sinne verstanden wissen, denn von einer Fliege, nicht wahr, weiß doch kaum jemand, was sie wirklich denkt - oder? Auch der Verfasser kann und will da keine Ausnahme machen; vielleicht hat sie ja etwas völlig anderes gedacht. Aber nehmen wir es einfach einmal an. Denn als der Maler sein köstliches Stilleben aus Erbswurst und Ketchup endlich vollendet, unten seinen Namen eingekratzt, Pinsel wie auch Palette ausgewaschen und die immer noch offenstehende Kühlschranktür mit einem Fußtritt geschlossen hatte und sich nun fröhlich pfeifend aufmachte, die steile Treppe zur Wohnung seiner Großeltern hinabzu­steigen, denn Malen macht, wie jede andere Tätigkeit auch, rechtschaffenen Appetit, wie sich also die Brettertür hinter ihm schloß und sich im Raum nichts mehr regte - da stürzte sich die grünschillernde Fliege auf das erstbeste der lindgrünen Erbswurstäpfelchen und begann es auf sechs Beinen von einem Ketchuprand zum anderen gemächlich zu durchwaten. Ihr schlürfender Rüssel zog dabei lange Spuren durch das Püree, die sich nicht mehr schlossen und die Äpfel ein wenig verfremdeten. Durch das offene Fenster gesellten sich ihr einige weitere Kollegen zu, sie war aber die weitaus prächtigste und größte von allen.

Und wie - so werden Sie fragen - soll es jetzt, bitteschön, weitergehen? Sagen wir einmal, so: Herr Pieselitz hatte ausgiebig seine Großeltern im Parterre besucht, auch einiges an vom Sonntag übriggebliebener Pastete nebst einem Berg rasch von der Großmutter zubereiteter Bratkartoffeln mit Speck gekostet, hatte sich dann vom Großvater zu einem Gläschen Roten überreden lassen, aus dem unversehens drei Fläschchen wurden, in deren fruchtiges Nachrollen auf der Zunge er liebliche Verse über sein neuestes Werk einzustreuen wußte, und nun lagen die beiden lieben Alten schnarchend in ihren Ohrensesseln. Da er die friedlich Ruhenden nicht stören mochte, nahm er das Geld von der Anrichte, welches für die Zeitungsfrau am nächste Morgen bestimmt war, und schlich aus dem Zimmer, die Treppe hoch und in seine stille Bodenkammer. Dort sank er schwer auf seine Matratze, und obwohl ihm die zwei Flaschen Wein, die er allein getrunken hatte, noch einen rasch wirbelnden Tanz von Wänden, Boden und Decke vorführen wollten, schlief er sogleich ein.

In der Nacht träumte er, sich unruhig von einer Seite auf die andere wälzend, jemand rolle zentnerschwere Mahlsteine über seinen Leib hinweg, und am Morgen, als er erwachte, fühlte er sich auch so, ohne jedoch an den Traum die leiseste Erinnerung zu haben: gerädert. Stöhnend erhob sich der Herr Kunstmaler Pieselitz von seinem zerwühlten Lager und schlich zu der Brettertür, hinter der sich das geheime Örtchen verbarg, und wo er ein drängendes Geschäft zu erledigen gedachte. Dabei führte ihn sein Weg an der Staffelei vorbei, auf die er sich einen Seitenblick nicht verkneifen mochte, denn allmählich ergriff die Erinnerung wieder Besitz von ihm.

Nein!

Erschrocken prallte er zurück und fiel rücklings über die Matratze, wo er benommen liegen blieb. Das entstellte Gemälde anstarrend, rieb er sich entsetzt die Augen: das war nicht mehr sein Werk, das war - es pochte an der Tür. Das sagt sich so leichthin, aber wenn es an der Tür des Kunstmalers Pieselitz pochte, dann mußte auch jemand davor stehen. Und wer - Sie fragen das zu Recht - könnte das wohl gewesen sein? Nun, sagen wir mal, die Zeitungsfrau. Ach Gott, das Geld! fiel Pieselitz heiß ein, und während es ungeduldig weiter an die Brettertür bummerte, sprang er hastig auf, sammelte die auf dem Boden verstreuten Münzen ein und verbarg sie unter seinem Kissen. »Ja, ja,« schrie er dabei, »ich komme gleich!« und schob mit dem Fuß eine letzte Münze unter die Matratze, bevor er öffnete.

Nun, Gott sei Dank war es nicht die Zeitungsfrau. Jede Geschichte benötigt einige Zufälle, die ihr Fortkommen sichern, und dieser Zufall, der da artig den Hut lüpfte und den Kopf neigte, hieß - na, wie wird er schon geheißen haben? Richtig er hieß - nein, doch nicht Goldmanns, wie Sie etwa vorschlagen könnten, der kommt doch schon in einer ganz anderen Geschichte vor! Sein wirklicher Name lautete Broduwaczlawskyi, aber bitte, wenn Sie möchten, nennen wir ihn eben Goldmanns, mir soll es recht sein.

Dieser Goldmanns nun war der Besitzer der kleinen Galerie, dem der Herr Kunstmaler Pieselitz einst das auf dem Dachboden gefundene Bild verkauft hatte: einen röhrenden Hirsch unter Glas, dem, links und rechts aus dem Gebüsch schwebend, zwei betende Engel zugeordnet waren. Und - Sie ahnen es sich sicher bereits - dieses Bild hatte einen Käufer gefunden, der auf so etwas abfuhr und bereit war, viel Geld für noch mehr zu bezahlen; ein echter Sammler also. Und zu diesem Behufe nun hatte der Galeriebesitzer Goldmanns ächzend die steile Stiege erklommen, wünschte »Guten Morgen« und gedachte, für billiges Geld vielleicht noch ein oder zwei herumliegende Hirsche auf dem Dachboden zu finden. Als er aus der ehrerbietigen Verneigung auf des Hauses Schwelle den Kopf hob, und sein Blick von dem etwas grünstichigen Pieselitz abglitt auf die mitten im Raum stehende Staffelei, hauchte er ergriffen:

»Nein! Sie malen, werter Freund?« Rasch tat er einige Schritte, die ihn näher an die Leinwand heranführten: »Wundervoll!«, jubelte er und breitete, den Hut noch in der Hand, weit die Arme aus, alle Hirsche vergessend, und wenn sie noch so laut und inbrünstig über spiegelnde Wasser zu fernen Gebirgen hin röhren sollten: »Genial! Wie echt Sie die Fliegen auf den Roßäpfeln getroffen haben - dazu gehört die Meisterschaft eines Genies! Und Sie können mir glauben, darin kenne ich mich -«

»Sie sind echt.« Pieselitz rieb sich mürrisch die schmerzenden Schläfen und versuchte, eine der festgebackenen Fliegen aus dem Püree zu zupfen. Leider war sein Stilleben bereits erstarrt, die Erbswurst wieder hart und das Ketchup an dessen Rändern bereits bräunlich eingetrocknet, lehmfarben breitete sich die Grundierung über die Leinwand. Die gezupfte Fliege, grünlich schillernd, ließ ihre Flügel flirren und verbreitete einen tiefen Summton: suuhhh - anscheinend lebte sie noch.

»Wa-wa-warten Sie, Meister!« Goldmanns warf seinen Hut in den einzigen Sessel, setzte sich darauf und stierte das Bild auf der Staffelei an. »Sie wollen sagen, die Pferdeäpfel seien so realistisch gemalt, daß sich echte Fliegen darauf niedergelassen hätten? Getäuscht von Ihrer Darstellungskunst? Oh Mann! Ich hab’s gewußt!«, brach es glücklich aus ihm heraus. »Einmal läuft mir das Glück über den Weg, ich brauche es nur zu packen - ich hab’s gewußt, gewußt hab ich es!«

Aus dem Sessel aufspringend packte Goldmanns sein Glück, den verstörten Kunstmaler Pieselitz bei den Schultern und tanzte mit diesem auf den unwillig knarrenden Dielen einher, wie es gestern Nacht schon Wände, Fußboden und Decke mit jenem vorhatten. Nur war der da zu müde gewesen, nach zehn Stunden Schlaf jedoch schien ihm das keine besonders gute Ausrede mehr.

Pieselitz dachte kurz an die Geschäfte, in deren Ausübung er durch Goldmanns Anwesenheit gehindert war, und richtete sich kurzentschlossen auf neue ein: Glück? Nein, es war nicht nur Glück. Endlich hatte jemand seine wahre Berufung gespürt, sein einzigartiges Genie erkannt und wollte es in Glück und Gold ummünzen - warum auch nicht! Er, der einzigartige Pieselitz, Kunstmaler seines Zeichens, hatte es lange schon gewußt!

Er zog den zerquetschten Hut aus dem Sessel hervor, klopfte ihn über dem Knie aus und stülpte ihn Goldmanns über dessen grauen Stifteschädel: »Gehen wir, mein Lieber. Aus alter Freundschaft werde ich mich bereit erklären, Ihnen zu Ihrem Glück zu verhelfen. Doch das erfordert einen Vertrag.« Bei diesen Worten ließ er einen sanften Rotwein- und Bratkartoffelfurz, fuhr jedoch unbeirrt fort: »Ich denke, in Ihrer Galerie finden wir schon die nötigen Formulare.«

»Ja, das denke ich auch«, flüsterte Goldmanns, vom Genius Pieselitz die Treppe herabgezogen. »Aber sollten Sie sich nicht vorher in etwas anderes kleiden, als diesen blaugestreiften Schlafanzug?«

»Schlafanzug?«, hohnlachte das neuernannte Genie: »Wissen Sie nicht, daß dies von nun an die unverwechselbare Uniform eines großen Künstlers sein wird? Frack, Stresemann, Cut - ha, alle Welt wird darauf spucken und mich nachzuahmen suchen, mich, den großen und einmaligen Kunstmaler Pieselitz, dessen zweite Haut von nun an dieser blaugestreifte Anzug ist!«

Natürlich hatte der Unübertreffliche Pieselitz recht. In allem.

Mit großer Begeisterung wurde sein Werk - der Galerist Goldmanns hatte es noch rasch ›Die Ungeduld des Hengstes vor dem Derby‹ getauft - in der Kunstwelt aufgenommen. Die kunstbeflissene Einheitsfamilie, Herr Schicki mitsamt seiner Frau, Madame Schicki-Micki, sowie deren gemeinsamen Kindern, Mickey und Maus, defilierte davor auf und ab, sah und wurde gesehen. Mickey wurde zurückgepfiffen, als er der grünschillernden Fliege, die nun nicht mehr summte, eines der tot im Püree steckenden Beine ausreißen wollte. »Siehste!«, hämte seine Schwester Maus, als er von Vater Schicki eine Backpfeife erhielt, sie machte sich nämlich nichts aus Fliegenbeinen. Vielmehr suchte sie in den Schlitz der Pyjamahose des Künstlers Pieselitz zu lugen, welcher eben vor seinem Werk einen wort- und gestenreichen Vortrag über die amorphen Strukturen der von ihm neu entdeckten Malmittel hielt. Leider war der Schlitz zugenäht, just im Schritt, wo es am interessantesten zu werden versprach.

Was weiter geschah, wird die Kenner der Kunstszene nicht überraschen: Pieselitz malte, vom Herrn Galeristen Goldmanns abgeschirmt gegen jegliches Alltags­geschehen, worunter man zu verstehen hat: Eingang von Rechnungen, Erbswurstsendungen, Honoraren et cetera, in einer Art - nennen wir es ruhig einmal so: - rasender Leidenschaft. Die Nächte wurden ihm zum Tag, kaum nahm er Speise und Trank zu sich, höchstens, daß er in unbeobachteten Augenblicken von seiner Palette naschte, ein stattlicher Bart entsproß der unteren Hälfte seines Gesichtes und wurde länger und länger. In dieser wirren Zeit schuf Pieselitz seine berühmte ›Grüne Serie‹, deren Exponate sich verkauften wie die knusperwarmen Sonntagsbrötchen beim Bäcker Maibaum gegenüber. Das Guggenheim Museum in New York orderte allein vier Werke, darunter das berühmte Kleinformat mit der grünen Fliege. Hierdurch wurden die Preise in irrwitzige Höhen katapultiert, so daß sich das Stockholmer Moderna Museet mangels ausreichender Mittel bereits mit einem einzigen Exemplar zufrieden geben mußte, und der Louvre sogar völlig leer ausging.

Dann kam der Herbst. Warum müssen wir das betonen? Die Fliegen blieben aus. Nun ist jedermann ersichtlich, daß ein Maler keine Bilder von Roßäpfeln mit Fliegen darauf malen kann, wenn letztere ausbleiben. Was nun? Folgender Verlauf wäre in Betracht zu ziehen: Der Herr Galerist Goldmanns wuchtet den Sack mit den Einkünften aus der ›Grünen Serie‹ aus dem Tresor und teilt dessen Inhalt wie folgt in vier gleichgroße Haufen auf: einen für sich selbst als Beteiligungsgewinn, einen für die Galerie, deren alleiniger Besitzer Herr Goldmanns ist, zur Abdeckung des unternehmerischen Risikos, einen dritten zum Ausgleich gehabter Auslagen und schließlich, einen vierten, der als bereinigter Verkaufserlös an den genialen Kunstmaler Pieselitz geht. Worüber dieser sich natürlich sehr freut, denn nun kann er endlich die Liquidation des Bestattungsunternehmers Seidenbrand begleichen, bezügl. Blumenschmuck, Seidenhemden, Kapellenmiete etc. pp anläßlich des Entschlafens von Pieselitz' lieben Großeltern mitten in dessen Grüner Periode, wo ihn - wer sollte das wohl besser wissen, als wir - der Herr Galerist Goldmanns besorgt gegen jegliches Alltagsgeschehen abschirmte. Oder aber, wir lassen die beiden alten Leutchen friedlich in ihren Ohrensesseln weiterleben und Fernsehen gucken, wo sie aber - so steht zu befürchten - eines Tages doch der Schlag treffen wird, wenn sie nämlich inmitten einer Talkrunde den merkwürdigen Herrn im gestreiften Pyjama als ihr geliebtes Enkelchen Pieselchen wiedererkennen. Nun, darüber mag der geneigte Leser befinden.

Nach Aufteilung des Geldes jedenfalls zerbrachen sich die Herren Pieselitz und Goldmanns - ähnlich ernsthaft wie wir - den Kopf bezüglich des weiteren Verlaufs der Geschichte. Wie wäre es hiermit:

»Schieben wir eine Rote Periode nach!« schlug Herr Goldmanns vor. »Tomaten, zum Beispiel. Damit lassen sich Herbst und Winter überbrücken.«

»Und was ist mit meinen älteren Werken? Denen vor meiner Zeit?« Pieselitz schwebte da so etwas wie eine dämonisierend kontrastierende Konfrontation seines frühen Œuvre mit dem gegenwärtigen vor, etwa: vor/nach Pieselitz -

»Die nehmen wir als Untergrund.« Dem Herrn Kunstmaler klappte der Unterkiefer herunter. »Es ist ohnehin an der Zeit für eine neue Kunstepoche«, fuhr der Galerist ungerührt fort, soeben hatte ihm eine blitzartige Erleuchtung alle Gedanken an Tomaten aus dem Hirn gefegt. »Naturalismus, Realismus, Suprematismis, Photorealismus, - nun, was folgt für Sie darauf, mein lieber Pieselitz?« Der liebe Herr Goldmanns ließ den lieben Herrn Pieselitz ein wenig schmoren. Natürlich kennen er und auch wir den Namen der Epoche, die zwingend darauf folgen muß, doch auch wir lassen Pieselitz schmoren: »Nun?«

»Aber meine kostbaren Frühwerke...« Pieselitz weinte eine Träne in den Ärmel seiner Pyjamajacke.

»Untergründe!«, beharrte der Galerist. »Untergründe für - und nun hören Sie gut zu! - im neuen Stil des Hyperrealismus gemalte Erbswürste! Kontraste! Ich muß Sie doch nicht an den Einfluß der Simultan- und Sekundärkontraste in der Kunsttheorie erinnern - Mensch, Pieselitzchen! Was kann realistischer sein, als eine mit Erbswurst gemalte Erbswurst! Und das - als absolute Steigerung -auf einem völlig unrealistischen Untergrund! Nun, was sagen Sie?«

Der große Pieselitz sagte nichts. Vielmehr legte er einen Arm auf den Tisch, bettete darauf sein Haupt und brach in hemmungsloses Schluchzen aus. An dieser Stelle müssen wir der Geschichte leider das Genick umdrehen. Es ist nämlich der traurige Umstand eingetreten, daß bevor dieser brillante Plan in die Phase seiner Verwirklichung treten konnte, die Firma - sagen wir mal - X. ihre Fertigung von Erbswürsten einstellte. Einziger Abnehmer war seit langem schon eine gewisse Galerie G. in H. gewesen, es lohnte einfach nicht mehr den Aufwand. Schade um die Epoche des Hyperrealismus - oder etwa nicht?

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Die Frau des Apothekers Pommert hatte sorgfältig den Inhalt seines und ihres bisherigen Lebens in dickleibigen Aktenordnern abgelegt, bevor sie es vorzog, ein eigenes, neues zu beginnen. Stets war sie ihm eine akkurate und berechenbare Hilfe gewesen - das war nun wohl vorbei. Sie war in die Stadt und womöglich sogar zu einem anderen Mann gezogen. So genau wußte Pommert das nicht.

Grämte er sich deshalb? Im Anfang danach wohl kaum. Der Schmerz sollte erst nach einiger Zeit und dann überaus subtil und auf leisen Sohlen kommen. Doch davon später.

Zunächst einmal stellte der Apotheker eine Haushaltshilfe ein. Auf dem Dorf, in dem er lebte und sein Haus hatte, gestaltete sich das nicht allzu schwierig, denn viele waren dort ohne Arbeit. Wer in der Stadt glaubt, in Dörfern lebten auch heute noch über­wiegend Viehzüchter und Ackerbauern, der gibt sich einer Illusion hin: die Fabriken, Behörden und Betriebe in den Städten, in denen immer weniger Menschen Arbeit finden, hatten zu ihren besten Zeiten weit um sich gegriffen, um den Bedarf an Arbeitern und Angestellten auf dem umliegenden Lande aufzufüllen. Nun, da die satten Jahre fast vorüber waren, und das Schlagwort Globalisierung von der kommenden mageren Zeit kündete, wurden sie abgestoßen wie der Schwanz, den die flüchtende Eidechse in der Hand des nach ihr greifenden Kindes zurückläßt. Denn er enthält keine lebenswichtigen Organe und wächst immer wieder nach. Wahrscheinlich ist den Betroffenen gar nicht bewußt, daß sie ein Teil dieses Autotomie genannten Prinzips sind. Es würde auch wenig hilfreich sein.

Durch eine Anzeige im Gemeindeblättchen fand Pommert ein Mädchen, das bereits etwas zu lange in diesem Zustand verharrt hatte: kurz davor, eine alternde Jungfer genannt zu werden, betätigte sie im Sonntagsstaat an der Tür von Pommerts schmuckem Haus den Klopfer mit dem Löwenkopf aus Messing und machte sich Hoffnungen, während sie draußen noch dieses und jenes an ihrer Kleidung zurecht nestelte. Zwar mit Erfolg, was die Anstellung betraf, doch ohne diesen, was den Apotheker anging: der hatte von Frauen erstmal genug. Und damit sie - nennen wir sie Gesine - gar nicht erst auf dumme Gedanken käme, rückte der Apotheker Pommert ihr gleich den Kopf zurecht: die Wäsche hätte sie zu waschen und das Haus in Ordnung halten, mehr wollte er nicht von ihr. Für sein Essen würde er selber sorgen. Enttäuschung und Ergebenheit in ihr beginnendes altjüng­ferliches Dasein unterschlug Gesine dem Apotheker und setzte still ihren Namen unter einen Vertrag, nach dem sie zweimal pro Woche die Aufwartung machen und dafür drei­hundert Mark im Monat bekommen sollte. Ein gutes Zugeld in dieser Zeit.

 Pommert indessen besann sich auf sich selbst. Seine entflohene Ehemalige stellte keinerlei Ansprüche mehr an ihn, zumindest nicht materieller Natur. Um genau zu sein: sie ließ überhaupt nichts mehr von sich hören, nicht einmal die - nach zwanzig Ehejahren doch immerhin berechtigt gewesene - Forderung nach finanzieller Unterstützung. Entweder genoß sie Protektion, oder sie arbeitete wieder in ihrem alten Beruf als Buchhalterin. Es war, als hätte es sie nie gegeben, und Pommert war es recht.

Als erstes, zu Beginn der nun langen Abende, ordnete er seine Sammlung klassischer Schallplatten und CD’s, die lange von ihm vernachlässigt war. Er katalo­gisierte Komponisten und deren Werke in einem Schema, das er schon aus der Zeit vor seiner Eheschließung mit sich herumtrug, bisher jedoch aus vielerlei Gründen nie realisiert hatte. Pommert legte eine Kladde an, in die er fein säuberlich alles eintrug: Tonträgernummer - mit winzigen Aufklebern kennzeichnete er sie -, Werktitel, eventuell besonders hervorstechende Solisten und Dirigenten, sowie die Namen der Kompositeure. Irgendwann war die Kladde voll und alles erledigt. Es war eine umfangreiche Arbeit gewesen, und der Herr Apotheker feierte ihren Abschluß bei einer Flasche Wein - Roter aus dem Languedoc, ein süffiger Tropfen.

Es muß nun angemerkt werden, daß Pommert keine eigene Apotheke besaß. Er war angestellt. Jeden Morgen fuhr er in die Stadt und kehrte erst abends wieder in sein Haus zurück, wenn alle anderen Dorfbewohner bereits vor den Fernsehern saßen. Damals, vor so langen Jahren, daß Pommert sich schon fast nicht mehr daran erinnerte, war die Kammer aufmerksam geworden, oder aber ihn hatte jemand angeschwärzt: man wies ihm Verstöße gegen das Betäubungs­mittelgesetz nach. Dabei hatte er alles nur für sich verbraucht, nachdem ihm klar wurde, auf was er sich mit der Ehe eingelassen hatte.

Nun, die Rauschmittel trösteten ihn zwar eine Weile, die Zulassung für eine eigene Apotheke war jedoch für immer dahin. Aufgelöst in den fahlen Wolken der Morphine, die er damals für sich unterschlagen und anderswo verrechnet hatte. Seitdem also blieb er Angestellter, und seine - ehemalige - Frau hatte ihm lange Zeit die Hölle heiß gemacht: So eine Schande, nun sei alles dahin. Gott, nun war eben auch sie dahin.

Wir kommen noch einmal auf die Flasche Roten zurück: natürlich - wenn man das Vorangegangene bedenkt - blieb es nicht bei der einen. Pommert soff sich, nachdem er eine Woche lang seine Klassikersammlung geordnet und hierdurch vorerst unnütze Grübeleien über die plötzliche Stille im Haus verdrängt hatte, die Leere aus dem Kopf und füllte sie unter freundlicher Hilfe des Alkohols mit bunten Bildern. Es half. Am nächsten Morgen rief er in der Apotheke an, er fühle sich nicht wohl und käme heute nicht zur Arbeit - einer der Vorteile des Angestelltendaseins.

Als Folge wurde dieser erste Tag ohne Beschäftigung noch viel länger. Ein gut Teil davon verbrachte Pommert im Bett. Nachmittags um drei stand er auf, hielt den schmerzenden Schädel unter den Wasserhahn und schwor sich reuevoll Besserung. Aber was tun, bis zum Abend, der Nacht, dem Beginn des nächsten Tages? Sein Weib, das ihn bisher mit kleinen und großen Nichtigkeiten auf Trab gehalten hatte, war nicht mehr da. So ungeliebt er sie auch in Erinnerung behielt, hatte sie doch Regel­mäßigkeit in seinen Tag gebracht und ließ ihn kaum zum Nachdenken und Entwerfen größerer Melancholien kommen. Aber nun: nun war er auf sich selbst gestellt. Was tun bis zum nächsten Morgen, an dem er vorhatte, wieder in der Apotheke zu erscheinen, Pülverchen zu mischen und Tropfen und Pillen zu verkaufen?

Das Klopfen von Gesine enthob ihn einer Antwort darauf. Sie machte sich sogleich ans Putzen und trieb ihn damit aus dem Haus. Er übergab ihr den Schlüssel: »Werfen Sie ihn, wenn Sie fertig sind, in den Briefkasten. Ich gehe noch ein wenig Luft schnappen.« Allerdings - so muß leider gesagt werden - endete sein Spaziergang am Ortsausgang, wo er sich besann und zurück in den einzigen Gasthof des Ortes strebte: die »Alte Schule«. Als Kind saß er hier seine ersten fünf Schuljahre auf einer Holzbank mit eingelassenem Tintenfaß und Schnitzereien voran­ge­gan­gener Generationen ab, bevor er in der Stadt das Gymnasium besuchte. Dort hatten sie bereits neuere Resopaltische, deren harte Oberfläche sich den meisten Schnitzversuchen widersetzte. Die ersatzweise mit dem Füller aufgebrachten Malereien ließen sich ebenfalls mit einem feuchten Tuch leicht entfernen. Was Wunder, dachte Pommert, daß die heutige Generation nichts mehr von der vorangegangenen weiß. Nun notierte ihm die reife Wirtin in demselben Raum einen Roten nach dem anderen auf dem Deckel. Da das Lokal nur mäßig gefüllt, und unter den wenigen keine ihm bekannte Seele war, hatte Pommert reichlich Gelegenheit zu Erinnerungen an seine Kindheit und daraus erwachsendem Trübsinn. Auch am nächsten Tag erschien er daher nicht zur Arbeit.

Die Nachbarn bemerkten, daß er sehr spät aufstand. Am Abend brauste die dröhnende Musik Beethovens Neunter aus dem Keller des Pommertschen Hauses über ihre stillen Gärten hinweg - na ja, einmal war keinmal. Auch andere dehnten ihre Grillpartys mit schrillem Frauenlachen und lautstarken Männerwitzen bis weit in die Stille der Nacht aus. Der Apotheker jedoch beließ es nicht dabei: am dritten Tag schrieb ihn ein befreundeter Arzt auf sein Verlangen hin für vorerst unbefristete Zeit krank. Und damit begann Pommerts neues Leben. Oder Sterben.

Vermutlich war seine Stereoanlage die teuerste und beste und daher auch lauteste im Ort: von nun an beschallte sie jeden Abend mit den unter­schiedlichsten Kompositionen das ansonsten ruhige Dorf. Der kompletten vier­stündigen »Aida«, aufgenommen an der Mailänder Scala, folgten die virtuosen musikalischen Streiche des Strauss’schen »Till Eulenspiegel«, dessen blech­geblasener Schafottgang endlich in leise schmeichelnden Etüden, Walzern und Mazurken des Genies Chopin ausperlte. In der Regel waren dann Gräser und Blumen in den Haus­gärten schwer mit Tau bedeckt, und auf den Wiesen jenseits des Dorfes erhob sich im Morgengrauen das schwarzbunte Vieh und begann stumpfsinnig und hin und wieder blökend zu weiden.

Zorniges Klopfen der am Schlaf gehinderten nächsten Nachbarn Pommerts an dessen Tür überhörte dieser - immerhin war die Musik an ihrem Ursprungs­ort, das heißt, in seinem Keller, wohl am lautesten. Und so war ihm auch kaum der Vorwurf böswilligen Beharrens auf seiner Musik zu machen - vielleicht hätte er sie ja leiser gestellt, falls man sich ihm verständlich hätte machen können. Doch auch den Telefonhörer hob er nicht ab. Stöhnend zog man sich die Kissen über den Kopf und versuchte, wenigstens ein bißchen Schlaf zu finden.

Der nach einer Woche von entnervten Anwohnern benachrichtigte Bürger­meister des Ortes verschaffte sich an Pommerts Haustür nur dadurch Gehör, daß er den Klopfer just im seligen Verströmen eines stillen Adagios aus den Kellerräumen zum wiederholten Male energisch betätigte. Er war ein Mann des Ausgleichs, von kräftiger Statur, stabilem Gemüt und deshalb allseits beliebt.

Pommert öffnete. »Ach, Sie sind’s.« Er trug einen dieser glänzenden Sport­anzüge, bequem und häßlich, in der einen Hand hielt er eine halbleere Weinflasche, in der anderen eine Zigarette. Er schwankte ein wenig, nicht allzu viel: »Woll’n Sie auch ein Glas, Herr Bürgermeister?«

»Danke. Ich muß hinterher noch zur Sitzung des Sportausschusses. Sie wissen ja, wie da gebechert wird. Vorerst möchte ich meinen Kopf freihalten. Und Sie? Man sagt, Sie machten viel Lärm - um in medias res zu gehen: Herr Pommert, die Nachbarn haben sich beschwert. Sie wollen ihre Musik nicht länger dulden. Sie geht - sagte man mir - oft bis weit über Mitternacht hinaus.

Herr Pommert - geradeheraus: kann ich Ihnen in irgendeiner Weise behilflich sein? Wir sind doch hier auf dem Dorf unter uns - jeder kennt jeden. Haben Sie einen Grund für die laute Musik, mit denen Sie die Nachbarn stören? Ich möchte ungern, daß jemand in meiner Gemeinde die Polizei ruft. Das kann man doch unter sich ausmachen.« Der Bürgermeister trat sich - bevor er hereingebeten wurde - auf der Kokosmatte vor der Tür die Füße ab.

»Woll’n mal so sagen: die Nachbarn stört nicht, daß ich plötzlich Musik mache, obwohl sie es von mir nicht gewohnt sind? Nur, daß sie zu laut ist - ist es das, was sie stört?« Pommert nahm den Bürger­meister beim Arm und führte ihn in den Keller hinab. Dort jubilierte mittlerweile eine Bach’sche Kantate; mit einem Griff nach der Fernbedienung seiner Stereoanlage stellte Pommert sie ab. Der Nachhall klang in des Gemeindevorstehers Ohren, so daß sie vorerst ein wenig taub waren. Aber man gewöhnt sich rasch an die Stille.

»Was wissen schon die Nachbarn«, sagte Pommert. »Stakettenzaun, Hecken, Grenzen - jenseits dieser Barrikaden hört ihr parzelliertes Denken auf. Das Leben dahinter ist feindlich. Wissen sie, daß ich allein bin? Ich hab mir dieses Leben nicht ausgesucht. Es kam einfach so über mich. Früher wie heute. Aber heute bin ich allein. Was wissen die schon von der Sehnsucht, die mich immer wieder ergreift. Heute mehr als zuvor. Wissen Sie: nicht daß meine Frau das Ziel dieser Sehnsucht darstellte, aber sie war mein Halt. Solange sie da war. Da sie nun fort ist, hält mich nichts mehr. Ich lasse mich fallen. So isses nun mal.«

»Ist sie weg?« Der Bürgermeister wußte von nichts, reimte sich jetzt jedoch einiges aus bruchstückhaften Stammtischgesprächen zusammen.

»So weg wie nur irgendwas.«

»Ich verstehe.« Leere Flaschen und Schallplattenhüllen lagen herum, ein Aschenbecher quoll über, der Keller machte einen verlotterten Eindruck. Und auch Pommert. »Ja, ich verstehe. Aber auch die Bürger haben ein Recht auf Schlaf. Sagen Sie, Herr Pommert, ich sehe da Kopfhörer auf der Anlage liegen - könnten Sie nicht diese benutzen, anstatt die Lautsprecher dröhnen zu lassen? Ein - ich sage mal - kleiner Eingriff in ihren Schmerz, ich möchte nicht gerne, wirklich, daß jemand in unserem Dorf die Polizei benachrichtigt!«

»Natürlich. Sie haben ja recht. Alle vernünftigen Leute benutzen Kopfhörer. Meine Frau hat es auch gesagt. Sie war sogar so vernünftig, mich zu verlassen, bevor wir zusammen alt und grau werden und endlich Frieden miteinander schließen konnten. Wissen Sie, daß ich nie vernünftig sein wollte und mich dabei stets nach dem Miteinander gesehnt habe? Jetzt muß ich es wohl sein. Es macht keinen Spaß, vernünftig zu sein - allein. Und die Musik - eigentlich wollte ich Kapellmeister werden. Ja, lachen Sie nur. Aber es war kein Studien­platz mehr frei. Dann lernte ich meine spätere Frau kennen, sie riet mir, Apotheker zu werden. Und wissen Sie was? Sie war so jung und hübsch, daß ich all meine Wünsche und Neigungen über Bord warf und Pharmazie studierte. Im Anfang interessierte es mich sogar. Dies legte sich jedoch, als wir - noch während meines Studiums - heirateten, und die junge hübsche Frau, die nicht einmal im Ansatz Begabungen besaß, die sie zu einem eigenen Studium befähigt hätten, mir Vorschriften machte, welche Vorlesungen ich zu belegen hätte, um mich möglichst rasch selbständig zu machen! Von einer eigenen Apotheke erhoffte sie sich Amortisation der von ihr eingebrachten Werte - sie besaß damals einen sehr knabenhaften Körper, dem ich freudig und ausgiebig zusprach. Leider entsprangen daraus keine Kinder, und mein späteres Interesse verlagerte sich auf mehr barocke Körperformen, natürlich nur in Gedanken: heimlich schätzte ich Passantinnen daraufhin ab, ob sie genügend breite Becken besäßen, um ohne jedes Problem Kinder in die Welt zu setzen und Brüste, hinreichend groß, sie zu säugen. Meine Frau besaß keines von beidem.

Ich denke, Herr Bürgermeister, ich werd’ auf die Musik verzichten. So, wie ich auf die schwerbusigen Frauen verzichtet habe. Ich hab ja noch dies hier.« Dabei hob er die Weinflasche in seiner Hand und sah sie an wie eine Geliebte.

»Hab Kopfhörer nie gemocht. Sie sind wie die Scheuklappen, die früher die Pferde trugen. Nach links und rechts sahen sie nur eine schwarze Wand, wo sie doch eigentlich - ohne groß den Kopf wenden zu müssen - durch die Lage ihrer Augen fast hinter sich hätten blicken können. Aber der Kutscher, der dazu den Hals verrenken mußte: der hatte seine Ruhe; er mußte nicht mehr hinter sich blicken und sich und das Gespann auf herannahende Automobile einrichten. Ein Vorteil? Ich sage Ihnen: nur Faulheit, das ganze. Ein Kutscher, der weiß, daß er dasselbe sieht wie seine Pferde, versteht sie allemal besser. Aber das ist antiquiert - es gibt ja kaum noch Pferde. Nicht mal hier auf dem Land.«

Pommert hob den schlenkernden Arm mit der Flasche und machte sich nicht die Mühe, ein Glas zu benutzen: der Rest gurgelte in ihn hinein, mit dem Handrücken wischte er sich anschließend über den Mund. »Sie haben mich überzeugt. Ich ließ unberücksichtigt, daß der Kutscher und meine Frau - die für mich identisch sind - sich auch beliebig mit den Nachbarn austauschen lassen. So isses nun mal. Werd’ mir was anderes ausdenken müssen. Sie und ich sind Männer - werd’ schon was finden. Sie haben mein Wort: von nun ab bin ich stumm, Herr Bürgermeister. Die Musen sind so unbequem wie die Frauen - immer fordern sie ein Echo heraus, das in den meisten Fällen nicht befriedigt. Man muß sich wohl einfach den Zwängen beugen.« Er knickte ein wenig in den Kniekehlen ein und bot im ganzen ein trostloses Bild.

Der Bürgermeister legte ihm vertraulich die Hand auf die Schulter: »Aber Herr Pommert - so war das doch nicht gemeint! Bißchen leiser täte es ja schon; da Sie jedoch zustimmen - Mensch, was bin ich froh! Haben Sie mal den ganzen Scheiß am Hals!«

Einen winzigen Moment erwog er, dem unglücklichen Apotheker Einblick in den gärenden Mikrokosmos der von ihm geführten Gemeinde zu gewähren, verwarf diesen Gedanken jedoch sogleich, da er dessen Kummer nicht noch vergrößern wollte. Er war schon froh, ihn auf so niedriger Flamme wie möglich zu halten. Auch darin bewies sich seine Beliebtheit, sich selbst immer hint­anzustellen. Nach zwölf Jahren im Amt fiel ihm das manchmal schon schwer.

Sich erhebend und umwendend stieg der Bürgermeister die Treppe hinauf, sehr erleichtert ob Pommerts Zusage. Draußen beschwor er ihn noch: »Mensch, Pommert! Nun kommen Sie mal wieder zu sich! Verrammeln Sie einfach die Tür, hinter der für Sie alles liegt, das für Ihren augenblicklichen Zustand verant­wortlich ist!« Dabei klopfte er dem linkisch dastehenden fürsorglich auf die Schulter. Zehn Sekunden später war er in der Dunkelheit verschwun­den, zur Sitzung des Sportausschusses, wo bekanntlich viel gebechert wurde. Ein notwendiger Tagesabschluß, lange fühlte er sich diesem Amt nicht mehr gewachsen.

Du hast gut reden, dachte der Apotheker bitter und verschloß sorgsam die Tür. Doch hierdurch umringte ihn nur um so mehr von dem, was er für seinen Zustand für verantwortlich hielt.

In der Folgezeit atmeten die Nachbarn auf. Kaum noch störte etwas ihre nächtlichen Ruhezeiten. Jedes aus Traum oder Wirklichkeit aufschreckende und langgezogen blökende Weiderind sorgte nachts kurzzeitig für mehr Zufuhr an Adrenalin in den Adern der Dorfbewohner, als es der Apotheker mit seiner Musik je vermocht hätte - schließlich dröhnte sie nicht unverhofft, wie dieses verdammte Blöken der Rinder. Aber das war Natur, mit der man sich abzufinden hatte.

Nein, die jämmerliche Apothekermusik - sie dröhnte überhaupt nicht mehr. Pommert besaß eine hübsche Sammlung belletristischer Bücher, der er sich von nun an zuwandte. Zwei Regale, gestopft voller ungelesener Romane - eine neue Herausforderung. Und er stellte sich ihr.

Wenn Gesine - dienstags und freitags - am Löwenkopf klopfte, öffnete Pommert mit einem Buch in der Hand. Sorgsam, die Finger das Papier teilend, gab er acht, die Seite nicht zu verschlagen. Er ließ sie ein und begab sich sogleich wieder in den Keller, wo er ihr verboten hatte, aufzutauchen. Den - sagte er - halte er selber in Ordnung. In Anbetracht der dreihundert Mark, die regelmäßig auf ihrem Konto eingingen, hielt sie sich an das Gebot.

Eigene Gedanken - nur zu natürlich - zügelten sie hingegen nicht. Auf einer der vier Putzstellen, die sie neben Pommerts Haushalt innehatte, berichtete Gesine der begierig lauschenden Hausherrin von grauenhaften Zuständen im Hause des Apothekers. Selbstver­ständlich unter vorgehaltener Hand, und - um Gottes Willen! - sie wollte ja nichts gesagt haben.

Und so verbreitete sich im Dorf - selbstverständlich unter dem Siegel der Verschwiegenheit -, daß es im Hause des vordem so geachteten Apothekers unablässig abwärts ging. Wie lange noch? Na ja, weit war es nicht mehr.

Er aß ja noch kaum etwas. Wenn Gesine im Kühlschrank nachschaute, war der vor einer Woche von ihr barmherzigerweise eingekaufte frische Aufschnitt glitschig und roch nach Verwesung. Die von ihr gekochten Pellkartoffeln - Gott, was hätte man für einen Berg an Bratkartoffeln daraus machen können! - standen in der Spüle und trieben lange, blaue Fäden von Pilzsporen. Immerhin bezahlte er sie für alles, das sie fürsorglich für ihn einkaufte. Aber was half es, wenn das Brot verschimmelte, der Wein hingegen ihr Kreuz krummbog, den sie unermüdlich anschleppen mußte, und dessen leere Flaschen sich direkt neben dem Eingang in einem zweckentfremdeten Kohlenkasten türmten.

Während diese Geschichten rundgingen, las Pommert. Manche der Lektüren waren so trocken, daß er sie mit mehr oder weniger Rotwein befeuchten mußte. Eigentlich - gestand er sich - war alles, was er las, trocken. Seinem Leben entsprach so gut wie gar nichts. Lehren - und wären sie noch so unersprießlich - konnte er kaum aus dem Gelesenen ziehen. Denn alle Autoren beschäftigten sich mehr oder weniger mit sich selbst. Ein Apotheker auf dem Lande, dem die Frau weggelaufen war - für wen schien das schon interessant!

Pommert lernte also, daß er mit seinen Leiden in der Welt der Literatur keinen Raum hatte. Und das verstärkte den Einbruch, in dem er sich wähnte, aus dem er nach seinem Dafürhalten jedoch nur endlich den Mut finden müsse, herauszu­krabbeln. Am folgenden Freitag bat er Gesine, statt der sechs Flaschen Wein doch bitte vier Flaschen Korn zu bringen. Sie hätte dann weniger zu tragen. Am darauffolgenden Dienstag gestand er ihr, ihn plage eine scharfe Angina, sie solle doch lieber wieder die gewohnten sechs Flaschen einkaufen, er würde ihr fünfzig Mark extra geben, aber Korn müsse es sein.

Wenn man Gesine Glauben schenken durfte, kam seine scharfe Angina nie zum Erliegen, schien sich im Gegenteil im Laufe der folgenden Wochen und Monate noch zu verstärken. Das ganze Dorf nahm daran teil - und schwieg.

Mittlerweile waren es zehn Flaschen, die Gesine bei jedem der halb­wöchentlichen Besuche auf einem Einkaufsroller vor sich herschob und in der Diele ablud. Der Kohlenkasten reichte längst nicht mehr zum Aufnehmen der leeren Flaschen, und so standen sie ziemlich schmucklos aufgereiht daneben und verschandelten das einst so gepflegte Haus. Zumindest das, von dem Gesine wußte. In den Keller durfte sie nicht, und für die Küche kaufte sie schon lange nichts mehr ein.

Pommert - wenn er ihr öffnete - schien durchscheinend geworden zu sein. An den Backenknochen spannte sich die Haut wie auf den Knöcheln einer geballten Faust. Sein lächerlicher Sportanzug, glänzend und häßlich, schlotterte um einen mageren Körper, der kaum noch imstande schien, den vielen Korn aufzunehmen, den sie stumpf aber nicht blind für sein Leiden auf ihrem Wägelchen in die Diele zerrte. Es muß etwas geschehen, sagte sie sich. Er geht vor die Hunde, aber selbst die werden ihn knurrend links liegen lassen, so sehr stinkt er.

Gesine wußte sich keinen anderen Rat, als beim Bürgermeister vorstellig zu werden. Die Frauen in der Nachbarschaft und auf ihren Putzstellen konnte man als Hilfe in diesem Fall getrost vergessen: Kurse in der fruchtlosen Knoterei des Makramee, Batik und Tupperpartys waren alles, was sie fesselte, bevor ihre Männer abends nach Hause kamen und sie mit Beschlag belegten.

»Herr Bürgermeister - er säuft sich zu Tode!«

»Kommen Sie. Sie haben doch einen Schlüssel?«

»Ja. Aber nur für oben. Er aber haust unten und - Gott steh mir bei! - bereitet sich auf seinen Tod vor. Er läßt ja niemanden zu sich!«

»Na, das wollen wir doch mal sehen!«

Pommert ließ seine Gedanken sich zu den farbenprächtigen Bildern eines Kaleidoskops auftürmen, die sogleich wieder zerfielen und sich erneut als bunte Kristallwelt ordneten, sobald man das Spielzeug in der Hand drehte. Nur Glassplitter waren es, aber er liebte sie. Vielleicht würde er, wenn die unheimlichen Kräfte, die an ihm zerrten und zogen, es zuließen, Musik studieren. Seine große Liebe. Noch war er nicht zu alt. Er nahm einen Schluck. Und noch einen. Was ihm sein benebelter Geist verklärte, nahm er für bare Münze. Warum auch nicht - alles ist so wahr, wie man es empfindet. Er sah einen unerschöpflichen Vorrat an Zeit vor sich: müßte man nicht unsterblich werden, wenn man sich seiner bemächtigte? Mahler und Strauss, davor Beethoven, Brahms und Schumann - konnte er es ihnen nicht gleichtun?

Pommert war betrübt, daß das Klopfen an der Tür seine Gedanken störte. Gesine hatte mal wieder den Schlüssel vergessen. Widerstrebend schlurfte er die Treppe hoch und öffnete die Tür.

»Ja?« blinzelte er in das seit langem ungewohnte Sonnenlicht. Dann erblickte er den cremefarbenen Wagen mit dem roten Kreuz auf der Seite und dem kreisenden Blaulicht auf dem Dach. Er sah auch die angespannten Münder der Nachbarn, die sich vor seinem Hause drängten. Und er begriff, daß sie wissen wollten, wie er sich auf diese Situation einstellte. Nur das. Gierig nach Neuem, über das sie sich in ihren Stadtbüros und den Makrameezirkeln im Gemeinde­haus die Mäuler zerreißen konnten - aber den Gefallen tat er ihnen nicht!

Bevor die Männer in den weißen Anzügen ihn in einem Gewand mit viel zu langen Ärmeln einfangen konnten, sank er zu Boden. Pommert starb ihnen einfach unter den Händen weg. Ein gnädiger Herzschlag hatte ihn erlöst.Er war der zurückgelassene Schwanz der Eidechse, alles war vorbestimmt.

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An Tagen wie diesen, einem sich nach den letzten blinzelnden Strahlen der bereits kraftlosen Herbstsonne sehnenden Wochenende, wie in entsagendem Verlangen meist hinter heranstürmenden Wolkenfetzen versteckt, an Tagen wie diesen also, im späten Oktober, war es nicht unüblich, daß uns Tante Hella mit einem ihrer unangekündigten Besuche - »Kinder, mir fiel einfach die Decke auf den Kopf!« - überraschte. Wir waren es gewohnt. Werner half ihr beim Ablegen des schweren, vor Jahren bereits gewendeten Übergangsmantels, und ich eilte in die Küche, um Teewasser aufzusetzen. Seit kurzem trank sie keinen Kaffee mehr, der Gesundheit zuliebe, dabei war sie bereits gesegnete sechsundsiebzig, und hatte alle widrigen Stürme bislang blendend überstanden.

Wenn dann von dem selbstgebackenen Krüllkuchen, den sie bei solchen Gelegenheiten mitzubringen pflegte, nur noch ein einziges Röllchen übrig war, das sich niemand zu nehmen traute - Werner sagte, das Anis stoße ihm immer wieder auf, aber tatsächlich seien sie noch leckerer als beim letzten Mal, deswegen habe er auch die meisten gegessen -, wenn dann also dieses einsame, köstlich duftende, letzte Krüllkuchenröllchen auf dem nun viel zu groß erscheinenden Teller, auf dem es lag, von uns Dreien angestarrt und in Gedanken heimlich aufgebrochen und in den Tee gestippt wurde: diesen etwas peinlichen Augenblick der Stille nach den behaglich knuspernden Geräuschen, die im Anschluß an das krachende Zerbeißen eines Krüllkuchens entstehen, da er im Waffeleisen gebacken oder vielmehr geröstet, und unverzüglich nach seiner Entnahme zu einem Röllchen, das einem Lockenwickler nicht unähnlich sieht, gewickelt wird, in welcher Form er dann erstarrt - aber ich schweife ab: diesen Augenblick überbrückte Tante Hella gern mit der Frage: »Ach, übrigens: hab ich euch davon schon...?«

Unweigerlich lenkte sie dann das Gespräch auf eine der vielen Reisen, die sie - als Onkel Heinrich, ihr verstorbener Ehegatte, der ihr kaum Vermögen aber eine ausreichende Rente hinterlassen hatte, sie nicht mehr daran hindern konnte - seither unternommen hatte. Es waren immer Sonderangebote, also Ladenhüter außerhalb der Saison. Diesmal erzählte sie von Petersburg, eine siebentägige Schiffsreise auf der Ostsee im russischen Luxusliner von und bis Kiel, vierund­siebzig war das. Werner kratzte sich unbehaglich hinterm Ohr. Angesichts des ruppig draußen im Garten die Zweiglein von den Ästen unserer Obstbäume holzenden Oktobersturmes mochte er sich jedoch zu einem kleinen Spaziergang - »...vielleicht ist frische Luft ja gut gegen das Anisaufstoßen?« - nicht entschließen. Ich warf ihm einen versteckt warnenden Blick zu, um ihn von vornherein von der möglicherweise ersatzweisen Ausführung der - ihm sichtlich gerade eben noch rechtzeitig gekommenen - Idee abzuhalten, daß im Keller vor Einbruch des Winters noch dieses und jenes an der Heizung gerichtet, gesäubert und eingestellt werden müßte. Ich sah es ihm doch an! Du bleibst hier, glühten meine Augen, es ist deine Tante! Werner ergab sich in sein Schicksal - geräuschvoll biß er in das letzte Krüllkuchenröllchen.

- Ob das Fiff von Kiel abfefahren sei - fragte er lustlos mit vollem Mund, bei »Fiff« fielen ein paar Krüllkuchenkrümchen auf das weiße Tischtuch vor seinem aufgestützten Ellenbogen.

- Ja - sagte Tante Hella, sie habe das aber bereits erwähnt.

- Und fis Fankt Fetersfurg (schluck) auf dem Wasser? - Werner kann lähmend beharrlich sein.

- Natürlich, wo denn sonst! - Tante Hella meinte, sie habe noch kein Schiff gesehen, das über Land führe, nur einmal, in Minden beim Schiffshebewerk am Mittellandkanal, dort sei sie mit Heinrich vom Teutoburger Wald aus gewesen, wo sie zweiundsechzig Urlaub machten: in Minden habe sie geglaubt, die aus der Weser gehobenen Schiffe führen über Land davon. Aber das sei ja, jedermann wisse das, nur eine Täuschung, ein sogenannter Vater Morgana.

- Was für ein Fiff das denn gewesen sei - erkundigte sich Werner.

- In Minden? -

- Nein, das von Kiel nach Petersburg - die letzten Reste waren hinunter­ge­schluckt, Werner nahm die Hand vom Mund und stützte nun auch den zweiten Ellenbogen auf, dabei die Krümel auf dem Tisch zermahlend, und starrte Tante Hella an. Ich weiß, es klingt eingebildet, aber ich wußte genau, was er dachte.

- Na so ein großes, weißes. Wie das erste Hochhaus in der Deichstraße, falls er sich daran noch erinnere, mindestens zwölf Stock hoch. Die drei Schornsteine seien aber dicker gewesen als bei dem Hochhaus, Gott, man habe ja die vom Hochhaus nicht sehen können, weil es so hoch war, sie vermute es deshalb nur, aber gelb, mit je einem roten Hammer und einer Sichel an den Seiten waren die auf dem weißen Schiff. Hinten sei ein roter Stern drauf gewesen, den letzten habe man aber nur ganz schwach erkennen können, weil der Schornstein da so verrußt gewesen sei. Ab und zu habe der Kapitän nämlich tuten lassen, und dann sei an dem kaum erkennbaren Stern vorbei blaugrauer Dampf nach oben gezischt, sie glaube, davon komme es, daß der so verrußt sei. Und das Schiff habe Michail Lermontow geheißen, das habe ihr der Zahlmeister gesagt, der als einziger an Bord - außer den Passagieren - deutsch konnte, aber verstanden habe sie es zuerst nicht, es klang wie mie-cccha-iehl- -lärrrm-ontoff, er habe es ihr dann in krakeligen Buchstaben aufgeschrieben, richtige Kinderkrakel, den Zettel besitze sie noch, habe ihn aber leider im Augenblick nicht... -

- Ob sie Lermontow denn kenne - warf Werner ein, er ist doch so belesen, deshalb zuckte er bei ihrer Antwort auch zusammen: - Nö, woher solle sie den wohl kennen, sie habe ja bereits Mühe, sich den Namen ihrer Zugehfrau zu merken: Pratczkowitz heiße die, mache aber doch ganz ordentlich sauber. Und an Bord habe der sich ganz bestimmt auch nicht aufgehalten, also Lermontow, sie habe die komplette Passagierliste erfolglos nach ihm abgesucht. Aber vielleicht sei das ja mal ein berühmter russischer Seefahrer gewesen, so wie Kolumbus, den kenne er ja wohl auch nicht persönlich - Tante Hella schien ein wenig beleidigt, trumpfte dann aber auf:

- Kaviar! Ob wir das schon mal gegessen hätten. Es schmecke ein bißchen nach Fisch, sei aber trotzdem sehr teuer - Hier nun muß ich ihr zugutehalten, daß Tante Hella in unserer Seestadt mit Fisch aller Sorten und Arten aufgewachsen ist, wenn nicht sogar damit großgezogen wurde. Für sie bleibt er, da ihr der Arzt schon seit mindestens zwei Jahrzehnten dessen Verzehr - vom Genuß ganz zu schweigen -  wegen seines ihrer Gesundheit nicht zuträglichen hohen Gehaltes an Eiweiß verboten hat, womit sie sehr zufrieden war, für sie also blieb er immer das Fleisch der Armen. Das war damals in ihrer Kindheit alles, was neben Pellkartoffeln auf den Tisch kam. Statt Muttermilch muß ihr die Milch des Heringsweibchens eingetrichtert worden sein, die Abneigung gegen das von ihr so gefürchtete aber nie aufgetretene Rheuma könnte nicht größer sein, als die gegen Fisch. Aber nun:

- Kaviar gab's satt.- Am Anfang habe sie sich, wie die anderen auch, einen Teelöffel voll über die hartgekochten Eierschnittchen gestreut, es aber bald sein lassen. Was die nur daran fänden. Bei Eiern wisse man wenigstens, was man habe - Werners Einwurf, das seien aber auch Eier, nur eben Fischeier, wischte sie vom Tisch: - Ein Fisch habe keine Eier. Höchstens was ähnliches, das hieße aber Rogen, und mit dem solle er nur ja nicht kommen, den habe sie schon als Kind nicht gemocht und immer heimlich der Katze unter dem Tisch gegeben, nein, ein Fisch habe keine Eier. Ob er schon mal richtige Spiegeleier gegessen habe? Nun, dann kenne er ja den Unterschied -

An dieser Stelle zog Werner, jedem wie auch immer gearteten Kompromiß nun gänzlich verschlossen gegenüberstehend und wie ein Kind - das wir leider noch immer nicht haben - verstockt sich auf den Dachboden zurück, weil von dort plötzlich so ein merkwürdig hoher Ton kam, den allerdings nur er vernahm:

»Die Antenne, bestimmt hat sie der Sturm umgeweht, hört ihr das denn nicht? Ich glaube, ich muß da mal rauf -« Der Augenblick war gut gewählt, denn gerade fauchte wieder eine Herbstbö über das Dach hinweg und rappelte an den Ziegeln, im Garten neigten sich die Äste der Bäume in scheinbar tiefstem Schmerz der Erde entgegen. Ich liebe meinen Mann, deshalb glaubte ich ihm und ließ ihm die kleine Flucht nach oben. Er hat da immer ein paar angefangene Bücher herumliegen. Und auf dem Dachboden liest man ja nur, wenn es gar nicht anders mehr geht. Dafür war ich jetzt mit Tante Hella allein. Seiner Tante.

»Und Petersburg,« - eigentlich schwebte meine Frage an Tantchen seit Beginn unseres Gesprächs wie ein Ballon in der Luft über dem Tisch mit der weißen Decke und den von Werner hinterlassenen Krüllkuchenkrümeln; ich brauchte ihn nur herabzuholen, nichts liegt mir ferner, als Tante Hella über Sachen auszufragen, von denen sie nichts versteht, zum Beispiel Kaviar und den Dichter Michail Lermontow - »wie fandest du Petersburg?«

- Das müsse man wirklich gesehen haben, sagte sie. Voller Prachtbauten und Kunstschätze, es sei die große Liebe des Zaren gewesen, nachdem ihn Katharina die Große - oder war es Rasputin? Vielleicht ja auch beide - verlassen hatten. Und da er mal in seiner Jugend als Zar und Zimmermann in Holland gewesen sei, gewissermaßen um sich die Hörner abzustoßen, die er ja damals noch gar nicht gehabt haben konnte - also der Zar Peter, der sei nachher ein richtiges Baugenie gewesen. Zusammen mit August dem Starken von Sachsen habe er zuerst aber die Schweden mitsamt deren König Karl aus dem Land verjagen müssen, und weil August dann mehr an Polen lag, habe er - Peter - weiter oben, an der Grenze zu Finnland, das es damals noch nicht gab, Petersburg gebaut. Das hatte Zufahrt zum Wasser der Ostsee und damit nach Kiel. Sankt Petersburg: weil das dem Papst besser gefiel, der habe ja schon damals überall mitgeredet. Wie alt der jetzt wohl sei? Zuerst hätten die Bajuwaren - oder wie die hießen, frag mich nicht, wer kann sich das schon alles merken, ich erinnere nur an die Putzfrau Pratczkowitz... oder heißt sie Pritczkowatz? Egal - Knüppeldämme bauen müssen, für die Pferde, damit die nicht im Morast einsanken. Dann, im Frühjahr, wenn es taute, seien die Fundamente dran gewesen: aus Stein habe man die gebaut, wo er doch so ein eingeschworener Holzwurm gewesen sei. Aber Holz hätte da nicht gehalten, bei all dem Frost, das wußte der damals schon, wo Venedig noch gar nicht vom Untergang bedroht war und jeder sich nun hüten würde, direkt im Wasser zu bauen. Und Sommer um Sommer seien da die Paläste gewachsen, so habe sie es in der Reisebeschreibung gelesen. Als sie aber in der Nähe des Admiralspalastes am Ufer der Newa festmachten, habe sie alles nur durch das Bullauge und einen grauen Regenschleier wahrnehmen können, sie könne also nicht garantieren, daß es mit der Reisebeschreibung seine Richtigkeit habe, des durchdringenden Regens wegen sei sie nämlich nicht an Land gegangen. Es sei ja auch nur ein einziger Tag gewesen in Petersburg, und sie habe sich gerade beim Bordfriseur eine frische Dauerwelle machen lassen. Obwohl die gar nicht so besonders gewesen sei, nämlich richtig, wie man sich russische Dauerwellen vorstellt, aber sie hätte doch nicht mit Regensträhnen in den Haaren zum Kapitänsdinner gehen können.

Nein, da sei sie lieber an Bord geblieben und habe gegen die Mitbewohnerin ihrer Kabine, die auch beim Friseur war, Sechsundsechzig gespielt: dreißig Rubel habe sie der abgenommen, aber die Zicke wird schon gewußt haben, daß ihr vorher eingetauschtes Monopolygeld an Bord nichts wert war: da sei nur mit Devisen gezahlt werden, D-Mark habe man aber auch genommen. Gott sei Dank habe sie vorher keine Rubel eingetauscht, der Rest von den gewonnenen läge jetzt im Reisenecessaire versteckt. Die Frau Proczkawutz gehe schon mal an Sachen. Bei so einem Namen? Na, man weiß ja nicht, wäre aber kein Wunder. »Obwohl -« fügte Tante Hella ein bißchen wehmütig, wie mir schien, hinzu, »obwohl ich ja gar nicht weiß, ob ich jemals in meinem Leben wieder nach Petersburg komme, und das Geld ausgeben kann.« Sie sei ja bereits sechsundsiebzig, und was sie da noch zu erwarten habe -

»Wie: du warst in Petersburg und hast es dir nicht angeschaut? Nicht einmal den Fuß auf russisches Land gesetzt? Nur aus dem Fenster in den Regen gestarrt, von dem du noch nicht einmal wußtest, ob es russischer oder nur finnischer war? Und dabei Sechsundsechzig gespielt? Ich fasse es nicht -«

Entgeistert starrte ich sie an. Wenn sie danach nicht gänzlich alleingelassen dagesessen hätte, wäre ich Werner in diesem Augenblick am liebsten auf den Dachboden gefolgt, wo er sich mit Sicherheit gerade die ganze lange Geschichte dieser herrlichen Stadt und ihres kaiserlichen Erbauers reinzog. Ich kenne ihn doch. Wenn Tante Hella - seine Tante! - gegangen ist, wird er mir bezüglich der einstigen zaristischen Hauptstadt bestimmt einen erschöpfenden Vortrag halten. Auch über Lermontow. Und ich werde ihm gespannt lauschen, niemand außer ihm nämlich kann solch trockenes Zeug, wie es die Geschichte nun einmal ist, in so erregende Worte fassen. Wozu wäre er auch sonst Geschichtslehrer geworden, er hätte seinen Beruf verfehlt - »Weißt du Kind, ich nehme dir deine Frage ja nicht übel. Ich habe eine Menge dazugelernt, alle Stewards an Bord redeten russisch, glaube ich zumindest, aber sie waren alle sehr nett -«

Tante Hella sprach leise und bedacht.

Sie habe es ja nicht nachprüfen können, alles klang ihr gleich ausländisch. Und in der Schule sei man über den friesischen Dialekt, auf dem der Geografielehrer beharrte, nie rausgekommen. Englisch hatten nur Gymnasiasten und Realschüler, aber keiner von ihnen russisch. Wo soll man denn da sowas lernen. Ja, sie sei offen für alles, glaube sie jedenfalls, doch habe sie sich im Ernst in Leningrad - wie das damals ja noch hieß, heute ist jeder schlauer und nennt es wieder Petersburg, und damit scheint es ungefährlicher - nicht an Land getraut. Man habe ihrer Generation doch mit der eingebleuten Furcht vor den Kommunisten alles vermiest. Wenn sie nur an die ersten Wahlplakate nach achtundvierzig denke: das waren doch alles Schlachter, denen das Blut von den Spitzen ihrer tatarischen Krummsäbel troff, achtundvierzig, nur drei Jahre nach Ende des Krieges, innerhalb dessen Tausende von Frauen vergewaltigt, Hunderttausende von Männern an der Front getötet wurden. Sie habe - sagte Tante Hella - das alles noch in gewaltiger Erinnerung gehabt, als sie die Reise buchte. Aber die junge, blondgefönte Frau ihr gegenüber am Schreibtisch habe alles totgequatscht. Und der Sessel sei so bequem gewesen. Und endlich habe einmal jemand mit ihr über die Russen geredet, so wie sie es schon lange zuvor mit Heinrich wollte, der im Krieg war und davon nichts mehr hören mochte. Für ihn blieb der Russe der Feind, und er verbat sich, je wieder über dieses Volk zu reden, basta. Und nun hatten die Kreuzfahrtschiffe. Sogar in der Ostsee, so dicht bei, und nie hatten sie uns seit Kriegsende was getan -

»Aber Tante Hella, du weißt doch -«

»Pst, Kindchen, du warst damals noch nicht geboren. Du hast das Glück, dich darüber hinwegsetzen zu können, die Zeit ist ja nun eine andere. Ich hatte einfach Angst, damals, selbst vierundsiebzig noch. Breschnjew schienen ja geradezu die Kinderbeinchen aus den grauenvoll zusammengebissenen Kiefern zu zappeln, unsere Politiker haben das gar nicht schüren müssen - und trotzdem getan. Vierundsiebzig war noch kalter Krieg, als ich nach Leningrad fuhr. Das Schiff war warm und anheimelnd und für acht Tage Heimat, obwohl es voller russischer Stewards war. Aber das konnten nicht die Russen sein, die bei uns in der Zeitung abgebildet waren: Menschenfresser. Die mußten sich an Land verbergen, und wenn ich in Leningrad vom Schiff gegangen wäre, wären ich und alle anderen Passagiere verloren gewesen. So jedenfalls glaubte ich damals. Als die ersten am Abend zurückkamen, ohne daß ihnen Arme oder Beine fehlten, im Gegenteil heiter und voll neuer Erlebnisse, war es zu spät für mich und einen ungefährlichen Landbesuch. Das Schiff legte um vierundzwanzig Uhr mitsamt aller unversehrten Passagiere an Bord wieder vom Newskikai ab, um ein Uhr nachts sind alle Brücken über die Newa hochgeklappt und die Stadtviertel durch die Nebenarme ohne Brücken getrennt, wir fuhren zurück in Richtung Kiel. Ich gab dem Zahlmeister zwanzig Rubel von der gewonnenen Summe als Trinkgeld - das hätte ich sowieso gemußt, weiß gar nicht, wieviel die wert sind, er hat sich jedenfalls gefreut - und ich legte mich ins Bett. Ich hatte etwas verpaßt, aber gar nicht anders gekonnt. So, nun weißt du es.

Ich glaube, ich muß jetzt gehen, der Krüllkuchen setzt auch mir arg zu, man könnte tatsächlich meinen, es läge am Anis. Dabei hab ich nur zwei genascht. Werner kann wieder vom Dachboden herunterkommen, ich weiß, warum er da oben ist - ich rede zu dumm und zuviel. Frische Luft täte ihm gut, er sollte noch einen Spaziergang machen, in letzter Zeit sieht er gar nicht gesund aus.

Ach ja - wüßtest du nicht jemand für einen Übergangsmantel, kaum getragen? Ich würde ihn verschenken. Er ist ja noch gut, erst einmal gewendet. Adieu, mein Kind, und grüß Werner von mir, falls er je wieder herunterkommt. Küßchen. Komm, hilf mir in den Mantel, bei dem Sauwetter werde ich ihn noch eine Weile brauchen, aber im Frühjahr - falls du jemand weißt - kann der ihn haben. Nein, nicht stützen, ich kann gut noch alleine gehen. Also: Leb wohl!«

Man kann über meine Tante Hella sagen, was man will - nun, wo sie aus der Tür ist, bin ich fast ein bißchen traurig. Aber sie kommt ja wieder. Hoffentlich mit Krüllkuchen -
»Werner!«

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Auf das Klingeln hin öffnete Hausmann die Tür zum Windfang. Da fauchte der heulende Sturm unter dem Ritz der Haustür hindurch und griff wie mit krallenbewehrter Tatze nach der Wärmeglocke, die ihn vom Lesesessel im Wohnzimmer her noch begleitete. Ihn fröstelte. Im Öffnen wirbelte trotz vorgelegter Kette trockenes Laub durch den Spalt zu ihm hinein, fuhr ihm raschelnd und kreiselnd um die Füße - sie steckten in Hausschuhen - und legte sich hinter dem Schirmständer ab, einer Messingkanne, als wäre dort sein ureigenstes Plätzchen, das es wie ein verspieltes Hündchen nur kurz zu einem jagenden Rennen durch die aufgebrachte Dämmerung verlassen hätte.

„Ja?“ fragte er in den ungewissen Schein vor dem Hauseingang. Seine Augen waren noch geblendet vom Licht der hellen Leselampe neben dem Sessel, nur undeutlich sah er eine schmächtige Gestalt dort stehen. Das Hellste an ihr war das Haar, von der Lampe des Bewegungsmelders über der Tür beschienen, kräftig und verwirbelt, braun glänzend wie poliertes Mahagoniholz. „Darf ich reinkommen?“ fragte ein Mund unter dem Mahagonischopf. „Es stürmt so - der Wind reißt einem fast das Wort von den Lippen!“

Allmählich gewöhnten sich Hausmanns Augen an das spärliche Licht. „Ja, ein schlimmes Wetter“, bestätigte er. „Eigentlich lasse ich um diese Zeit niemanden rein, man weiß ja nicht -“. Abschätzend, mit zusammengekniffenen Brauen glitt sein Blick über den Teil des Gegenübers, den ihm der Spalt zwischen Tür und Rahmen freigab. Was da stand, war einen halben Kopf kleiner als er und trug eine klobig schwarzgerandete Hornbrille. Entschlossen hakte er die Kette aus: „Gut, kommen Sie rein“, sagte er und zog die schwere Haustür auf: „Rasch! Na nun machen Sie doch! Bevor die Diele voller Laub ist!“ Die Gestalt mit der Hornbrille huschte neben ihn, und unversehens sammelte sich noch mehr Laub hinter dem Schirmständer, bevor er die Tür schloß. Morgen, dachte Hausmann, wenn der Sturm nachließe, würde er es entfernen. Machte jetzt überhaupt keinen Sinn, weil immer nur noch mehr nachkam, sobald man nur die Türe öffnete. Er drückte die Glastür zum Windfang ins Schloß.„Schön haben Sie es hier“, sagte eine helle Stimme neben ihm, als er sich zu seinem Besucher umwandte. Da stand eine junge Frau, trat von einem Bein aufs andere und rieb sich die Fäuste. Sie hauchte hinein: „Brr!“ machte sie und schauderte in den Schultern. Neugierig schaute sie auf die Bilder an den Wänden. „Sind die alle echt?“ Auf Beginn der Dreißig, mehr nicht, schätzte er, was sich jetzt - den Kopf wild schüttelnd - mit der Hand durchs Haar zinkte und gleich darauf die obersten zwei Mantelknöpfe öffnete.

Hausmann ging auf ihre Frage nicht ein. „Sollten Sie nicht erstmal erklären, was Sie um diese Zeit vor meine Tür treibt? Respektive, was Sie davor von mir wollten? Obwohl, wir kennen uns ja nicht, eigentlich können Sie gar nichts von mir wollen. Oder?“

Sie hob die schmächtigen Schultern, vergrub tief ihre Hände in den Taschen des Mantels, sah hinab auf ihre Schuhspitzen, bohrte den linken Absatz in den Boden der Diele, wo sie beide immer noch standen, schwenkte die Fußspitze unschlüssig hin und her: „Muß man sich kennen, um etwas voneinander zu wollen?“ fragte sie trotzig, ohne die Lider zu heben. Die Flurbeleuchtung malte durch das Glas der schwarzen Hornbrille hellovale Reflexe auf die Ansätze ihrer Wangen.

Hausmann lachte leise: „Natürlich nicht“, beruhigte er. „Ich hätte nur gern gewußt, weshalb Sie bei mir geklingelt haben. Ich meine: Ich kenne Sie nicht, und vielleicht sollten Sie mir wirklich erstmal sagen, was Sie -“

„Gut.“ Wie eine Papierschlange entrollte sie sich, hob den Kopf, schüttelte das mahagonifarben glänzende Haar zurecht, stemmte den rechten Fuß, welcher eben noch um den Hacken kreiste, fest in den Dielenboden und stieß fast zänkisch hervor: „Ich bin Zeitschriftenwerberin. Ja, genau das, was Sie von mir denken, und weswegen Sie an der Tür die Kette vorgelegt hatten. Wenn’s nicht so stürmte, hätte ich Ihnen den üblichen Spruch aufgesagt: Haben Sie was gegen Vorbestrafte? Im Rahmen einer Resozialisation versuche ich nämlich - und so weiter. Und Sie, vermutlich hätten Sie die Tür direkt wieder zugeschlagen. Klar, weil Sie das kennen. Kennt ja eh jeder. Nur bei den ganz Dummen, die nie von nichts und niemand was gehört haben, und die auch nichts hören wollen: bei denen greift unser Spruch. Das sind die Ärmsten der Armen, und die glauben, selbst uns noch was Gutes tun zu müssen, weil sie im Gegenzug erwarten, daß irgendwann auch ihnen jemand aus der Scheiße hilft. Mir graut, aber um leben zu können, muß ich sogar die Hilfe derer annehmen, die selbst kaum was haben. Wissen Sie, wenn man erst mal lange genug in der Mühle steckt, hat man kaum noch das Gefühl, jemanden zu berauben, wie zum Beispiel diese Leute. Anfangs hatte ich das noch.“

Hausmann beobachtete sie, während sie sprach. Interessiert, doch unaufdringlich. „Kommen Sie erstmal herein“, sagte er und öffnete die Tür zum Wohnzimmer, wo er eben im Licht der Halogenlampe gelesen hatte, bevor ihr Klingeln ihn aufstörte. Das Buch lag aufgeschlagen da, die Mulde im Sessel war sicherlich noch warm, erwärmt durch sein Gesäß, welches durch jahrelangen Besitz seinen Abdruck im Polster des nur unvollkommen nachgetischlerten Rokokomöbels hinterlassen hatte. Er wies auf das Sofa gegenüber, ein ebenfalls auf antik getrimmtes Stück, das man zu seiner besten Zeit noch als Chaiselongue zu bezeichnen pflegte.

„Wollen Sie sich nicht setzen? Ach, entschuldigen Sie - sicher möchten Sie erst ablegen. Warten Sie, ich helfe Ihnen.“ Über ihren Schultern hob er die Arme, willig überließ sie ihm den Mantel, der unter sparsamen Bewegungen von ihrem mageren Körper glitt. Darunter trug sie ein verwaschenes T-Shirt und graue Jeans. Durch die Tür schaute sie ihm vom Sofa her zu, wie er sich mühte, ihren Mantel faltenlos über den Bügel zu legen und an der Garderobe aufzuhängen. Sie mußte lächeln, er stellte sich so ungeschickt an. Auch noch, als er wiederkam: sie lächelte ihm zu, wortlos.

„So, das hätten wir“, sagte er, ließ sich hineinfallen und rückte sich in seinem Sessel zurecht. Knipste die Leselampe aus und nahm sein Gegenüber fest in Blick: „Zeitschriftenwerberin? Aber das ist doch nichts für Sie! Was machen Sie denn sonst?“

Sie druckste. „Schönes Sofa.“ Ihre Hand kniff in die Polsterung, strich über den Samt des Bezuges: „Schön weich.“ Ein rascher Blick traf ihn aus dem Schutz ihrer Hornbrille. Sicher nur Fensterglas. „Wetten, Sie haben kaum je darauf gesessen - haben Sie?“ Sie machte sich lang, legte sorgfältig ein Bein über das andere auf die geschwungene Seitenlehne, bemüht, sie nicht mit den Schuhen zu streifen und blickte ihn an. Unter den Jeans besaß sie straffe Schenkel.

Hausmann mußte sich innerlich tadeln: einen Fehler hatte er begangen. Den Fehler, daß er ihr die Tür öffnete. Er wollte nichts zu tun haben mit einer, die sich auf seiner Chaiselongue produzierte. Geschweige denn mit einer, die Zeitschriften im Abonnement verkaufen mußte, um überhaupt leben zu können. Und schon gar nicht mit einer, die ihm vorhielt, er habe noch nie auf seinem eigenen Sofa gesessen - natürlich hatte er das nicht, wozu besäße er wohl einen bequemen Sessel? Das Sofa hatte seine Frau gekauft - als sie noch lebte. Ein vollkommen unpraktisches Möbel. Aber nun stand es mal hier. Bis auch er starb, dann mochten seine Söhne es als Plunder hinauswerfen; vorher nicht.

Und nun liegt darauf eine - ts, ist nicht zu fassen: eine Zeitschriftenwerberin! Er wird sie hinauswerfen, jetzt gleich! Er wird ihr sagen, daß er -

„Ich weiß heute nicht, wohin“, sagte sie leise und starrte ihn unverwandt an. „Hab nicht genug gedrückt, nur zwei Abos. Sie werden mich aus der billigen Pension jagen, und einer muß Wache stehn, daß ich ja nicht wieder rein komme. Das wird Rainer sein, der drückt auch immer zu wenig. Letztes Jahr bekam ich draußen in der Kälte was weg, da war genau solch beschissenes Wetter wie heute. Zwei Monate lag ich im Krankenhaus - hatte mir ‘ne Lungenentzündung eingefangen. Nochmal stehe ich das nicht durch.“ Ihr Blick war unverrückt auf ihn gerichtet, bohrte sich in sein Gesicht. „Eigentlich, als ich bei Ihnen klingelte, hatte ich gedacht, daß Sie mir dreißig Abos abkauften. Auf einen Schlag. Oder daß sonst irgendein Wunder geschähe.“ Ein rasches Lächeln überflutete ihr Gesicht, das sofort wieder verschwand. Hochgezogen ins Nichts, wie ein leise schurrendes Rollo. „Verrückt, nicht wahr?“

Hm, ja. Total verrückt. Dreißig Abos - so ein Quatsch! Er hatte schon genug mit Stern und Spiegel zu tun, wenn er sie denn gründlich las. Und dann noch - er sah sie liegen, sich direkt gegenüber, und wußte noch nicht einmal ihren Namen. „Heißen Sie auch irgendwie?“ fragte er.

Sie nahm die Füße vom Seitenteil, setzte sie artig auf den Boden und lehnte sich vor: „Aber Sie dürfen nicht lachen!“ bedeutete sie ihm und legte verschwörerisch den Zeigefinger vor die Lippen.

„Warum sollte ich lachen - eines Namens wegen? Das ist nichts Lächerliches. Niemals. Also?“

„Julietta. Das schreibt sich Giulietta. Meiner Mutter fiel kein anderer ein. Sie hatte, kurz nachdem sie mich empfing, diesen italienischen Film mit der traurigen Trompeterin gesehen, La Strada. Da mußte sie mich einfach Giulietta nennen, nach der Hauptdarstellerin, als mein nie gekannter Vater sich verkrümelte. Wäre ich ein Junge geworden, hieße ich vermutlich Anthony. Der Film hat sie tief beeindruckt, ich bin mit dieser Geschichte aufgewachsen. Na, was sagen Sie?“

Er war überrascht. Bezwang aber das Lächeln, das sich heimlich in seine Züge stehlen wollte, er hatte es versprochen. Ach, Giulietta Masina - wen rührte nicht damals im Film deren Spiel an, - und Anthony Quinn, der große Zampano: war er etwa kein großartiges Miststück gewesen? Aber so einfach war das nicht. Nichts ist einfach ...

„Wenn Sie wollen, können Sie heute Nacht hier schlafen. Hier, auf der Couch. Aber nur heute.“ Er hörte es sich sagen und glaubte es nicht - er, der pensionierte Lehrer, der in seinem Leben stets Ordnung und Geradlinigkeit vertreten und jedem Ungewissen, Ungeläufigen nur Absagen erteilt hatte. Er, der immer noch eine Frau vergötterte, die bereits seit achtzehn Jahren tot war - er hörte sich sagen, und das zu einer Zeitschriftenverkäuferin: „Wir werden Bettwäsche für Sie herrichten. Vielleicht helfen Sie mir dabei, ich bin da etwas unbeholfen. Ich meine, was das Bettbeziehen betrifft. Waschen können Sie sich morgen früh in der Gästetoilette. Ach ja - Sie werden wohl keine Zahnbürste dabei haben, ich glaube, irgendwo muß da noch -“

Von ihrem Platz her sah sie ihn ganz merkwürdig an. Etwa, wie man ein seltenes Tier im Zoo bestaunt, in diesem Gemisch aus Furcht und Kitzel. Sie schluckte, räusperte sich. „Ich ... ich hab das nicht wirklich gemeint, das mit dem Wunder. Sind Sie sicher, daß Sie mich heute Nacht - ich meine, daß Sie mich im Haus haben wollen? Ich find schon was, da sollten Sie sich keinen Kopf ...“

„Wollen Sie nicht? Na gut, ich kanns Ihnen kaum verdenken. Hier riechts ja wohl bereits nach Alter und Abgestorbenem. Welch junger Mensch möchte das heute noch ertragen, und wäre es auch bloß für ein paar Stunden. Man lebt schon lange nicht mehr mit drei Generationen unter einem Dach, wo einem dieser ungelüftet verbrauchte Geruch des Alters vertraut wäre. Und man selber, der ihn verströmt, ist irgendwann unempfindlich dafür geworden. Wollen Sie einen guten Rat annehmen? Setzen Sie diese scheußliche Brille ab. Sie steht Ihnen überhaupt nicht.“

Gehorsam nahm sie sie ab. Klappte bedächtig ihre Bügel zusammen und legte sie und die Hände, die sie hielten, behutsam in den Schoß. Nachdenklich wand sie eine Weile die Finger um das schwarze Gestell. „Sie reden von drei Generationen, und ich kenne nicht mal meinen Vater!“ sagte sie schließlich gekränkt. Sie sah ihn verstört an, und die Augen glänzten mahagonibraun wie ihr Haar.

Hausmann war lange genug im Schuldienst gewesen, um nicht zu wissen, daß er nach Jahren wieder mal eine These an deren falschem Ende zu entwickeln begonnen hatte. Früher ließ er in solch einem Fall repetieren, bis die Stunde vorüber war. Zu Beginn der nächsten rollte er die Erklärung dann ganz neu auf. Das funktionierte aber nicht immer; zumindest nicht in diesem Falle. „Bitte, ich wollte nur ein Beispiel - es tut mir leid. Ich hab es nicht recht bedacht.“

Sie sah schräg zu ihm auf, von drüben, aus der hochlehnig getürmten Festung der Chaiselongue; lauernd wäre als Beschreibung eine Nuance zu groß gewählt. „Bedenken Sie alles, was Sie sagen?“

Hausmann schlug die Beine übereinander, nun anders herum. „Natürlich. Tun Sie das nicht?“ Diese Unterhaltung wurde ihm unbequem. Seit wann fragten die Schüler die Lehrer aus?

„Nein.“ Giulietta Wiehießsiedochgleich legte die Brille aus der Hand. „Ich mag Sie. Und ich mag jetzt nicht bedenken, warum. Also: halten Sie ihr Angebot aufrecht? Ich könnte Ihnen morgen früh Kaffee kochen. Sie trinken morgens doch Kaffee? Wenn nicht: Tee kann ich auch. Pro Tasse einen Beutel und zwei Minuten ziehen lassen.“ Sie seufzte. „Wissen Sie, ich hätte gern was Anständiges gelernt!“

„Und warum haben Sie nicht?“

Sie sah zu Boden. Hob plötzlich trotzig den Kopf: „Nu, ich gomm äbent ausm Osdn. Aus Middweida. Da gabs nach där Wende gäne Arbäd. Letzdes Jahr habch rübergemacht. Und gleich in die Driggergolonne, als wenn die uff mir gewordet hädde. Hamse wohl ooch. Rainer, der nurn bisgen über mir stäht, der is ooch von Saggsen. Und der ...“ Sie begann zu weinen. Leise und in sich zurückgezogen.

Hausmann wollte hinüberlangen, vom Sessel zur Chaiselongue, sein Arm war zu kurz. Da stand er auf, beugte sich über das Sofa, strich zart über mahagonifarbenes Haar auf der anderen Seite und sagte ein ums andere Mal: „Nun, nun. Wer wird denn - das kriegen wir doch alles - bitte, nicht weinen! Nun.“

Das war leicht gesagt.

Leicht gesagt, wenn einem zum Weinen ist. Da hört man kaum so einfach auf. Das kann man nicht. Das muß raus. Und wer diese Schleuse geöffnet hat, der muß sie auch wieder schließen. Das alles schoß Hausmann durch den angegrauten Kopf, als er beruhigend über mahagonifarben fremdes Haupt und Haar strich: „Wir werden“, sagte er leise in den Raum, „uns was einfallen lassen. Okay?“

Unter ihm nickte es. „M-mm!“ Und dann brach sich ein gewaltiger Schluchzer los, und es schnüffelte und schnob unter seinen Händen und wollte gar nicht mehr aufhören. „Nun, nun!“ wiederholte er hilflos und streichelte braunes Haar, bis sie seine Hand ergriff und fest an ihre Lippen drückte. Da verebbte auch ihr Schluchzen, und sie wurde ruhiger. „Na, geht doch“, sagte Hausmann zärtlich und behielt die Hand auf ihrer tränenfeuchten Wange.

Ginge es nach ihm, er nähme Giulietta Wiehießsiedochgleich jetzt in den Arm und wiegte sie darin wie ein Baby. Seine Ehe hatte kinderlos mit dem Tod der geliebten Frau geendet - Gebärmutterkrebs. Ihm waren nur die wenigstens dreißig Klassen geblieben, deren Schüler er glaubte halbwegs zumindest gegen das Leben gegürtet, gewappnet und gestählt in eben dieses entlassen zu haben. Eigener Nachwuchs blieb ihm versagt. Und auch jetzt ging nichts nach ihm: Julietta, Zeitschriftenverkäuferin, nahm Hausmanns Hand, legte die Wange hinein und wiegte ihren Kopf in dieser warmen Muschel - her und hin, hin und her. Rilkes Poem kam ihm in den Sinn, das von dem Panther, der rastlos vor den Eisenstäben seines Gefängnisses auf- und abwandert.

„Bitte - nicht!“ forderte er, und da wurden die Bewegungen langsamer, blieben endlich ganz aus. Eine Art Erschöpfung bemächtigte sich ihrer. „Es ist ja nur“, unterbrach Hausmann die Stille, „wegen der Lungenentzündung. Man spaßt nicht damit. Mein Vater ist daran gestorben. Ich hab nicht viel von ihm gehabt. Ich möchte nicht, daß Sie bei dem Wetter heute Nacht draußen rumstreunen müssen. Bitte, bleiben Sie hier - ich bitte Sie.“

Da nickte Julietta. Ernsthaft und gewiß. Als verspräche nicht er ihr, sondern sie ihm etwas.

„Gut,“ resümierte Hausmann, „das wäre also geregelt. Was werden Sie aber tun, wenn sich morgen kaum mehr Abos als heute verkaufen lassen?“

Mit beiden Händen den Kopf bedeckend, murmelte sie unter deren Baldachin hervor: „Weiß nicht. Ein Tag gibt den anderen. Ich wollte, ich hätte endlich was anderes und wäre nicht mehr dabei. Ein Scheißjob. Aber außer dem hab ich nichts gelernt. Und nicht mal das kann ich: Zeitschriften verkaufen!“

Hm. Sie unterhielten sich noch eine Weile über dieses Thema, traten es breit und kauten es durch. Irgendwann aber kroch die Zeit herauf, die sie beide schläfrig und müde werden ließ, da gähnten sie verstohlen in die hohle Hand und belauerten sich gegenseitig: wer würde zuerst abbrechen?

„Wenn ich darf, gehe ich jetzt zu Bett,“, bat sie endlich. Alles war hergerichtet, die Chaiselongue unter ihrer Hilfe bereits bezogen und der Rokokostuhl - mit Abdruck seines Gesäßes - als Ablage ihrer Kleidung bereit.

„Überhaupt keine Frage!“ stimmte Hausmann erleichtert zu. „Na dann“, sagte er und wollte sich ins Schlafzimmer zurückziehen. Auf halbem Weg in den ersten Stock jedoch machte er kehrt: „Nicht, daß ich näschig wäre“, begründete er seine Wendung. „Es ist - also der Kaffee morgen früh: ich fülle immer drei Tassen Wasser in den Behälter, und in den Filter kommen zwei gehäufte Löffel Kaffee. Wenn Sie auch Kaffee möchten, dann müssen Sie natürlich entsprechend mehr einfüllen. Ich sag’s nur, weil Sie’s angeboten haben.“

Sie wandte ihm, der halb auf der Treppe stand, den Kopf zu. „Natürlich“, sagte sie. „Entsprechend mehr. Klar. Wissen Sie: ich möchte jetzt gleich wieder weinen!“

„Verstehe ich nicht. Warum?“

„Wegen zweier gehäufter Löffel Kaffee. Niemand traut mir etwas zu. Auch Sie nicht. Ich glaube, man sollte sich einfach nur stumpf ins Kissen legen und über nichts in der Welt nachdenken.“

Hausmann auf der Treppe hob die Hand zu einer eher vagen Geste: „Tut mir leid“, sagte er. „Selbstverständlich wissen Sie viel besser, wie man Kaffee kocht. Ich - ich bitte nur zu berücksichtigen: seit achtzehn Jahren bin ich auf mich gestellt. Da wird man schrullig und pingelig. Bitte, ich wollte Sie nicht verletzen!“

Natürlich winkte sie lächelnd ab und verschwand im Wohnzimmer. Hausmann erklomm weiter die Treppe seines kleinen Reihenhauses ins Dachgeschoß.

Eingesunken, türmte sich oben im Doppelbett neben ihm noch immer das Federbett seiner verstorbenen Gattin, seit Jahren unberührt. Er lag in seinem Bett und hatte eigentlich nie realisiert, daß Schneegänse unbemerkt neben ihm gelandet waren und das Wesen seiner toten Frau an nördlich karge Strände getragen hatten, so wie er selbst seit ihrem Tode sich als unfruchtbar und unnütz für die Welt betrachtete.

Das schien seit heute anders. Da war jemand im Haus, der ihn forderte. Der Hilfe brauchte, eventuell sogar seine. Hausmann schüttelte über allem den Kopf und brauchte eine Weile, um einzuschlafen. Und da erst recht plagten ihn wirre Träume.

Wie dieser: im feurigen Aushauch des hitlerschen Krieges verschlug es Hausmann nebst Mutter unter stetem Vorrücken der Russen nach Sachsen. Sein Vater war im Winter 1942 vor Stalingrad gefallen. Zuletzt strandeten sie in Königshain, einem Nest in der Nähe von Mittweida, wo sie sich mehr schlecht als recht einrichteten. Ab 1960 besuchte er die ehrwürdige Ingenieursschule für Elektrotechnik in der Kreisstadt. Manchmal blieb er über Nacht in Mittweida, schlief bei Studienkollegen. Oder bei - aber das war keine Mitstudentin; eher, daß er sie studierte. Seine Liebschaften: sie waren kaum so zahlreich, als daß er sie in Gedanken nicht mehr zusammen brächte. Diese eine jedoch: klein und kompakt behielt er sie in Erinnerung. Braunes Haar umfloß ihr Gesicht, irgendwann schliefen sie miteinander, ihre Eltern waren an dem Abend nicht daheim - hieß sie nicht Kramer? Viola etwa? Als er kurz darauf im Juli 1961 in den Westen flüchtete, gerade noch rechtzeitig vor dem Bau des „antiimperialistischen Schutzwalls“ mit nach­fol­gen­der Abschottung der DDR, riß die Verbindung ab. Er hörte nie wieder von ihr.

Jetzt, im Traum, glaubte er dieses Gesicht erneut vor sich zu sehen: unten auf die Chaiselongue hingebettet - Giulietta, sie könnte seine Tochter sein, alles paßte: Zeit, Ort und Umstände ... könnte sie wirklich? Hausmann streifte die Decke ab und verließ sein warmes Bett. Der Radiowecker zeigte drei Uhr. Leise tappte er die Treppe hinab. Vor der Tür zum Wohnzimmer zögerte er - sachte klopfte er an. Und noch einmal.

„Ja?“ maunzte es nach einer Weile verschlafen hinter der Tür.

„Ob ich ... ich meine, darf ich reinkommen? Ich hab da Fragen, die tanzen mir auf einem Bein im Kopf herum und geben keine Ruhe. Kann sein, auch Sie sind betroffen - darf ich reinkommen und Ihren Schlaf stören?“

Ein Knurren: „Sie haben mich schon gestört! Bin nicht gerade begeistert; aber Sie sind der Hausherr.“ Hausmann hinter der Tür hörte Federung knarren, vermutlich wälzte sie sich herum, starrte in schemenhafte Finsternis rund um ihre provisorische Bettstatt und hob den Oberkörper aus den Kissen: „Na kommen Sie schon rein!“

Leise öffnete er die Tür.

„Ich mache kein Licht“, sagte er. „Ist Ihnen das recht?“

„Nu.“

Vor dem Sofa ließ Hausmann sich nieder. Saß wie ein Hund vor der zugedeckten Zeitschriften­verkäuferin. „Sie heißen nicht zufällig mit Nachnamen Kramer?“ pochte er ohne Umschweife an der Barriere zwischen ihnen. „Und Ihre Mutter Viola? Bitte, es ist sehr wichtig für mich!“

Sie richtete sich auf, jäh und abrupt, starrte ihn durch schwere Schleier aus Dunkelheit an, versuchte in seinem vage darin schwimmenden Gesicht eine Regung, einen Beweggrund auszumachen. „Ach!“ lachte sie plötzlich grell und warf ihm die Hand auf die Schulter, rüttelte jovial daran: „Da hätte ich Sie doch eben fast für einen Bullen gehalten! Dabei sind Sie nur ein pensionierter -“; sie griff sich an den Kopf, schüttelte ihn, ließ die Hand sinken, murmelte: „Verzeihung, ich bin noch gar nicht richtig wach. Was fragten Sie eben doch gleich?“

Hausmann fühlte, daß sie log, daß sie mit ihrer Gegenfrage Zeit gewinnen wollte. Er hatte sie ganz offensichtlich überrascht. Ihre erste, instinktive Abwehr jedoch zeigte: sie würde - sich wo es ging, bedeckt haltend - ihm kaum ohne Zwang die Wahrheit sagen. Es war sinnlos, sie nach sich selbst oder ihren Lebensumständen zu befragen. Ebenso sinnlos schien, ihr Hilfe anzubieten. Da war sie verhärtet. „Tja, was fragte ich eben gleich? - eigentlich frage ich mich, ob Lüge oder Ausflucht als Antwort gelten dürfen. Sie heißen also nicht Kramer. Und haben, das muß ich Ihnen ja wohl abnehmen, auch keine Mutter mit dem schönen Namen Viola. Schade. Daraus folgt, daß wir nicht miteinander verwandt sind. Und ich hatte es mir so hübsch ausgemalt. Sie hätten meine Tochter sein können, alles hätte gepaßt.“ Traurig machte er Anstalten, sich zu erheben.

„Warte“, sagte sie wie elektrisiert und drückte ihm erneut die Hand auf die Schulter, hielt ihn damit in Stellung: „Sagtest du Tochter?“

Hausmann versuchte sie neugierig zu machen: „Hab ich das? Na, wenn schon! Geht dich ja nichts an. Du heißt ja nicht Kramer.“ Er nahm ihre Hand von seiner Schulter: „Wer wollte dich schon.“ Das Herz tat ihm weh bei diesen Worten. Er stand auf, rieb sich die Knie, sagte: „Verdammt!“, verschwendete einen vagen Gedanken an die Frage, wann sich klammheimlich das Du zwischen ihm und ihr eingeschlichen hatte und meinte: „Also, dann gehe ich wieder. Schlaf gut. War ja nur ein Versuch.“

„He he!“ protestierte Julietta: „Das läßt sich doch nicht einfach so zwischen Tür und Angel ausmachen! Ja, ich hab da wohl ein paar Kramer in der Verwandtschaft - aber ob das die sind, die Du meinst? Und dann - ach Mensch!“

Sie starrte ihn betroffen an. Das war sogar im Dunkeln auszumachen. „Mensch, sag doch!“

Hausmann sank erneut ins Knie vor der Chaiselongue: „Was denn noch. Da war mal ein Mädchen mit braunem Haar. Wir - wir kannten uns furchtbar gut. Und schliefen miteinander. In Mittweida. Muß ja nichts draus geworden sein. Aber kann doch - nicht wahr?“ Fahrig wischte er sich mit der Hand über die Stirn und gewahrte den kühlen Film von Schweiß, der sich dort bildete. „Ich rede eigentlich nie mit jungen Frauen über - über mein Sexualleben. Wenn jetzt, dann nur, weil ich glaube, Grund dazu zu haben!“

Sie setzte sich ihm oberhalb zurecht. Thronte als gewichtiges Gewissen über ihm. Ihr Gesicht schaute schemenhaft zu Hausmann, der vor ihr kniete, herab. Erinnerte es ihn in seiner Wucht nicht an ein Gemälde von Franz von Stuck: die Dame in Rot? Nun sag, schien es zu fordern, streng: reiner Wein, keine Ausflüchte jetzt! „Grund?“ fragte sie.

Er wand sich. „Grund, ja“, sagte er. Sah zu ihr empor. Fühlte sich elend. Mühsam faßte er in Worte: „Wenn du mich strafen willst - ich hab es nicht anders verdient. Aber damals wurde mit einem Mal alles zu eng. Ich hab das Studium geschmissen und bin rüber, grad noch im letzten Augenblick, bevor Ulbrichts Schergen hinter uns verrammelten und verriegelten und seine Bautrupps alles, was damals nicht floh, einmauerten. Ich landete hier, im Rheinland, und begann ein neues Studium: Lehrer. Ich wollte nicht mehr forschen, von nun an nur noch unterrichten: aufklären und bewahren. Bis Mittweida ließ man meine Briefe nicht mehr vor, und so riß der Kontakt zu dem braunhaarigen Mädel dort übers Jahr ab.“

Hausmann sah über sich, versuchte zu erkennen, wie sein ehrlicher Bericht wirkte: die Dame in Rot zeigte kaum Regung. Plötzlich fuhr ihm etwas Heißes zwischen die spröden Lippen, über seine Schulter legte sich ein weicher Arm und im Ohr raunte es ihm: „Menschenskind, ich hab’s doch gewußt! Du bist auch nur so einer, der noch mal will! Fast wäre ich auf deine Story reingefallen. Aber nun verkleister mir nicht mehr die Ohren. Ich nehme zweihundert. Das ist meine Taxe. Ich mag dich, irgendwie - aber auch du kriegst es nicht billiger. Was ist?“

Zungenkuß. Das war das Heiße zwischen seinen Lippen. Achtzehn Jahre ohne - bevor sich irgend etwas an Lust in ihm regen konnte, schob Hausmann die junge Frau von sich: „Nichts ist. Ich gehe besser. Es war ein Fehler, herunter zu kommen. Mit Ihnen - wirklich: man glaubt, herunterzukommen!“

Im Aufstehen, Hinausgehen und Schließen der Tür hinter sich meinte er sie weinen zu hören. Ihm war nicht danach, sie zu trösten. Die Treppe hinauf und in sein Bett: nach einer halben Stunde schlief er tief und fest.

Jeder Morgen gebiert Neues. Hausmann wusch sich, kleidete sich an, ging hinunter in die Küche, frühstücken. Im Gästeklo brannte Licht, abwesend knipste er es aus. Gestern, fiel ihm ein; er klopfte an der Tür zum Wohnzimmer. Nichts. Nochmal: wieder nichts. Kann doch nicht sein, daß sie solange ... er öffnete die Tür: keiner da. Na gut, isse eben abgehaun. Vorm Frühstück. Erneut in der Küche, fehlte etwas seinem Blick: Brille, Magentabletten - alles da. Okay. Aber dann das Geld - das Portemonnaie, die blanke, dunkle abgeschabte Lederhaut: weg, mitsamt Ausweis, Adressen und Scheckkarte: Weg! Null! Nichts mehr. Er brauchte gar nicht zu suchen.

So leicht war er aber nicht unterzukriegen.

Nach dem Frühstück ging er zur Polizei. Erstattete Anzeige, ihm wäre da etwas abhanden gekommen: jawohl, Geldbeutel und Ausweise. Na klar würde er die wiedererkennen - die schon! In dem Geldbeutel seien ungefähr sechshundert Mark gewesen. Sie wollten sich umtun, die Beamten. Es sei ja nicht gesagt, daß besagte Person so blöd sei, ihnen direkt in die Arme zu laufen. Na klar, so blöd nicht. Aber vielleicht über Umwege.

Montag. Bei Hausmann läutete das Telefon. Er meldete sich.

„Hauptwache Kripo, zweites Kommissariat. Uns liegt hier eine Anzeige von Ihnen vor. Eventuell hätten wir jetzt eine Gegenüberstellung. Wir bitten Sie sehr, in dieser Angelegenheit direkt zu uns zu kommen und zu der verdächtigen Person Stellung zu beziehen. So bald als möglich. Ohne Haftbefehl dürfen wir leider niemand länger als vierundzwanzig Stunden festhalten.“

„Ist klar. Ich bemühe mich, in einer Stunde bei Ihnen zu sein. So, Sie haben die Person - was sagt sie denn?“

„Das wollen wir doch lieber hier besprechen, Herr - äh - ja, Herr Hausmann. Sie kommen also?“

„Natürlich. Bin ja selber dran interessiert. Hauptwache Kripo, ist das -“

„Karlstraße. Direkt neben der Landesklinik. So’n roter Backsteinbau.“

„Ach der. Müßte mit der Sieben Haltestelle Hermannstraße sein, richtig? Ich hab nämlich kein Auto mehr.“

„Genau. Sie kennen sich ja bestens aus. Also in etwa einer Stunde. Wiedersehen -“

„Momentchen noch: ich komme da so einfach rein?“

„Na klar. Ist doch eine Einrichtung für alle Bürger.“

„Ah ja. Bis gleich dann also.“

Um elf war er dort, fragte nach dem zweiten Kommissariat. Man verwies ihn an ein Zimmer in der ersten Etage. Er klopfte an dessen Tür und wurde mit barscher Stimme hereingebeten. „Hausmann“, stellte er sich vor. „Ich bekam einen Anruf -“

In der Zimmerecke erhob sich ein korpulenter Mensch und kam auf ihn zu. „Münchmeyer“, bellte er. „Wir haben vorhin miteinander telefoniert.“Er zog einen Stuhl vor seinen Schreibtisch und bat Hausmann, Platz zu nehmen.

„Tja -“ begann er und blätterte in durcheinander liegenden Papieren vor sich auf dem Tisch. Endlich schien er gefunden zu haben, wonach er suchte: „Ah ja, hier: Ihre Anzeige.“ Fleischig strich sein Zeigefinger über die Zeilen des herausgesuchten Schriftstücks, blieb an einem Satz hängen, wie angeklebt: „ ... hat ... und so weiter ... und wird demzufolge verdächtigt, die Börse des Anzeigenden sich widerrechtlich angeeignet zu haben.“ Der Beamte schaute auf: „Angeeignet zu haben“, echote er mit Betonung. „Ist das richtig?“

„Beweisen kann ich’s nicht“, sagte Hausmann. „Aber ist es in Anbetracht der geschilderten Verhältnisse nicht sehr wahrscheinlich?“

„Doch“, bestätigte der Beamte, blätterte erneut in der Akte und hob endlich den Kopf: „Ich will Ihnen was sagen: wir haben die betreffende Person quasi mit noch rauchenden Diebesfingern in der Wohnung eines älteren Herrn gepflückt. Er konnte genau beschreiben, was in der Börse war, die sie in der Handtasche bei sich trug. Es war nämlich seine. Er hat uns - von ihr unbemerkt - gerufen, als sie in seiner Wohnung auf der Toilette war.“ Müde strich sich der korpulente Polizist mit der Rechten übers Gesicht. „Und nun“, sagte er, „möchten wir gerne, daß auch Sie sie als diejenige wiedererkennen, die bei Ihnen war, bevor Ihre Börse abhanden kam.“

„Deshalb bin ich ja hier. Nur immer herein mit der Dame. Hat man ihren Namen feststellen können?“

Der Korpulente griff zum Telefon, wählte und instruierte halblaut irgend jemand auf der anderen Seite: „Bring sie mal rüber.“ Der Hörer klatschte auf die Gabel. Er griff wieder zu der Akte, blätterte und fischte ein Papier heraus: „Selbstverständlich. Laut Personalausweis heißt sie -“, er beugte sich tief über das Blatt, buchstabierte mit zusammen gekniffenen Augen: „Gi-u-li-et-ta Kramer. Verdammtes Italienisch. Hab mich noch nie mit Pizza und Mafia anfreunden können. Wenigstens der Nachname läßt sich aussprechen.“

Hinter ihnen wurde die Tür geöffnet. Hausmann wandte den Kopf. Eine Beamtin führte eine junge Frau herein. Sie war ihm völlig unbekannt. Und doch kam sie ihm auf merkwürdige Art vertraut vor ...

Der Korpulente rückte einen weiteren Stuhl zurecht, nötigte die Hereingeführte darin zum Sitzen. Die Beamtin blieb neben der Tür stehen. Hausmann blickte die Frau, die neben ihm wie unbeteiligt auf die Hände in ihrem Schoß starrte, von der Seite an.

„Erkennen Sie -“, kläffte aus weiter Ferne die Stimme des vernehmenden Beamten, „- diese Person neben sich als jene wieder, die Sie bei sich aufnahmen, bevor Ihnen die Börse abhanden kam?“

Hausmann schüttelte entschieden den Kopf. „Nein,“ sagte er. „Diese Person habe ich niemals zuvor gesehen. Ich kenne sie nicht. Das ist nicht - nein, ich hab sie noch nie gesehen.“

Der Polizist hatte nervös mit einem Kugelschreiber gespielt, jetzt griff er über den Tisch nach Hausmanns Ärmel: „Hören Sie!“ knurrte er. „Das Problem ist: auch der ältere Herr, der sie angezeigt hat, wollte, nachdem er seine Börse zurück bekam, nichts mehr von einer Anzeige wissen. Wenn auch Sie abspringen, müssen wir sie laufen lassen!“ Er blickte Hausmann eindringlich an: „Sie ist eine Diebin, wir wissen es, gar keine Frage. Offenbar ist jedoch niemand standfest genug, sie anzuzeigen. Wollen nicht Sie -?“

Hausmann verkniff sich einen raschen Blick auf die junge Frau im Stuhl nebenan. „Warum sollte ich?“ fragte er. „Ich sagte Ihnen bereits, ich kenne die Dame nicht. Wenn der andere Zeuge nicht will, so ist das für mich noch lange kein Grund, nun selbst den Blockwart zu spielen!“

Neben ihm scharrte der Stuhl, die Frau hatte sich erhoben. „Dann kann ich jetzt wohl gehen“, forderte sie kühl, und ihre Stimme erinnerte Hausmann an etwas, dessen er auf die Schnelle nicht habhaft wurde. Sie war bereits halb der Tür zugewandt, vor der die Beamtin stand.

Wütend warf der Korpulente den Kugelschreiber vor sich auf den Tisch: „Wir können Sie nicht aufhalten“, belferte er. Mißmutig bedeutete er der Polizistin mit den Augen, die Tür freizugeben. Er lächelte süßsauer: „Ich denke, wir sehen uns noch!“

„Ihren frommen Glauben möchte ich haben!“ entgegnete sie spitz und war aus der Tür, bevor der Dicke zu einer harschen Erwiderung ansetzen konnte. Mit scharfem Knack zerbrach der soeben von neuem aufgenommene Kugelschreiber unter seinen Händen.

„Tja“, meldete sich auch Hausmann zu Wort: „Dann werde ich wohl mal gehen. Tut mir leid, daß ich Ihnen nicht weiterhelfen konnte. Aber das war nicht die Frau -“

„Ja, schon recht“, murmelte der Beamte und machte eine gereizte Handbewegung: „Gehen Sie nur. Und vielen Dank für Ihre Hilfe.“ Düsteren Blicks warf er die Reste des Kugelschreibers in den Papierkorb und schlug die Akte auf seinem Schreibtisch zu.

Auf der Bank im Erdgeschoß wartete die junge Frau. Als Hausmann die Treppe herunter kam, erhob sie sich und ging ihm entgegen. „Wir kennen uns nicht“, sagte sie und reichte ihm die Hand. „Trotzdem möchte ich mich bedanken, daß Sie mich nicht weiter reingerissen haben. Vielmehr: uns nicht reingerissen haben!“

Hausmann ergriff die dargebotene Hand. „Oh doch,“ sagte er, „ich kenne Sie gut! Ich hab nur eine ganze Weile gebraucht, mich Ihres Gesichts und dieser Stimme zu erinnern - grad eben auf der Treppe, als ich Sie von oben auf der Bank sitzen sah, kam mir die Erinnerung: Sie sind - nein, du bist Viola Kramer! Aber da das ja gar nicht sein kann, mußt du Violas Tochter sein - meine Tochter!“

Sie ließ zu, daß Hausmann sie zärtlich in den Arm zog. Eine Weile standen sie ineinander versunken, während um sie herum der Vormittag im Amt summte und Besucher an ihnen vorbei die Treppe hinauf und herab hasteten. Endlich machte die junge Frau sich frei, hielt Hausmann auf Armeslänge von sich und sah ihm prüfend in die Augen, bevor sie zu sprechen begann.

„Es war ein Spiel“, sagte sie. „Alles war verabredet. Der dicke Kriminale ist mein Verlobter. Die Julietta, die du kennst, meine Freundin. Über Georg - also meinen Verlobten - hatte ich nach langer Suche endlich deine Adresse ausfindig gemacht. Aber konnte ich etwa bei dir klingeln und sagen: Hi, hier steht deine Tochter! Von nun an hast du dich gefälligst um mich zu kümmern - konnte ich das?“

Hausmann sah zu Boden. „Nein“, gab er zu: „Das konntest du nicht. Ihr wolltet also, wenn ich dich recht verstehe, mich ganz einfach prüfen - prüfen, ob ich als Vater passend und genehm wäre. Ist es nicht so?“

„Ziemlich korrekt. Ja, ist wohl so. Bist du böse?“

„Quatsch.“ Er nahm ihren Arm und zog sie mit sich, durch die große Tür hinaus. Draußen hielt er an. „Deine Mutter - geht es ihr gut?“

Sie legte die Fingerspitzen an die Schläfen. „Nicht so sehr“, sagte sie. „Mama ist tot. Schon seit dreizehn Jahren, Krebs; zuletzt arbeitete sie bei der Wismut. Das Radon macht alle hin - über kurz oder lang jeden. Sie hat es jedenfalls nicht durchge­halten. Laß uns jetzt nicht davon anfangen, Mama hat es hinter sich.“

Er strich ihr über die Wange, leicht, wie mit der Feder getupft. „Hm-m“, brummte er, nahm sie wieder in den Arm und wiegte sich mit ihr auf dem Platz vor der roten Klinkerfassade des Kripogebäudes. „Und die andere Giulitta,“ begann er nach einer Weile und hielt sie erneut auf Armeslänge von sich, „wer war das?“

Hausmanns Tochter lächelte. „Das war Katjuscha, meine Freundin. Sie läßt dich herzlich grüßen. Wenn du auf ihr Angebot hin nicht zu Bett gegangen wärest, hätte sie nicht weiter gewußt. Aber du hast ihr gefallen, sagt sie. Sie möchte dich gerne kennen­lernen, so richtig. Ein ander Mal, ganz ohne Zweck und Hintergrund. Ich denke, das läßt sich wohl einrichten - oder?“

„Doch, läßt sich machen. Und wir zwei Hübschen? Was unternehmen wir jetzt?“

„Vielleicht bißchen essen gehen. Ach ja: hier, dein Portemonnaie. Ich glaube, alles ist drin. Katjuscha hat es mir gegeben. Ehrlich, sie war froh, als sie es wieder los war!“ Hausmann ließ Julietta frei, nahm das Lederpaket entgegen und blätterte im Fach für Scheine: „- froh, daß sie es wieder los war? Kaum zu glauben!“

Er nahm einen Hunderter heraus, hielt ihn empor: „Weißt du, daß ich fast so weit war, zwei dieser Blauen einzusetzen: zweihundert wollte sie - Mensch, wie das prickelte! Aber dann dachte ich: wozu! Nur zwei Frauen reizten mich bisher im Leben: die eine seit langem tot, die andere bisher unter DDR- und Wendemüll verloren - laß uns nicht tiefgründig werden, Giulietta; hab ich deinen Namen jetzt richtig ausgesprochen?“

Hausmann legte den Arm um die Schulter seiner Tochter: „Egal, gehen wir lieber was essen.“

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Weder erinnere ich mich genau, wann es war, noch wann es sich zum ersten Mal einstellte. Als ich damals jedoch, eben zu diesem unnennbaren Zeitpunkt, aus der Tür trat, war es da: das Schwein – es kauerte wie ein Hund, ruhte auf umfänglichen Hinterbacken, saß einfach im Rinnstein und glotzte mich mit lieben, blondbewimpert blanken Äuglein an, als habe es seit Stunden nur auf mich gewartet. Allein auf mich.

Dabei kennt mich in dieser Stadt keine Sau. Ich bin erst kürzlich zugezogen: dies verdammte Beamtenkarussell im Verein mit dem Umzug einer kompletten Regierung einschließlich aller Botschaften und Landesvertretungen: ja, Berlin, ganz genau. Ich wohne in Lichtenberg, ehemals Ostberlin, das Schwein muß ein Ossie sein. Oder zumindest einer der im Brandenburgischen in der Regel oderwärts gelegenen ehemaligen LPGs entlaufen. Wenn ich also außer Haus trete, wuchtet es seine Schinkenmassen von schon durch kaiserliche Kutschräder polierten Kopfsteinen, schnüffelt mit der zweipoligen Nasensteckdose nach meiner Hand und folgt mir. Zutraulich, als kennte es nur mich auf dieser Welt. Oder zumindest in Ostberlin. Ehrlich, ich weiß nicht, wovon es lebt. Bislang jedenfalls habe ich es nicht gefüttert.

Auch wenn ich schwörte, ich habe keinerlei Beziehung zu diesem Schwein: niemand würde mir glauben, da doch jedermann sieht, es folgt mir, anhänglich wie das Hündlein dem Herrn. Wo ich bin, natürlich nur auf der Straße und außerhalb meiner Wohnung, da ist auch dieses Schwein. Morgens allerdings, wenn ich am Bahnhof Ostkreuz in die S-Bahn steige, bleibt es traurig zurück. Ich hab – das muß ich ehrlich sagen – auch noch nie ein Schwein die S-Bahn benutzen sehen. Allenfalls Radfahrer mit ihren sperrigen Vehikeln. Insofern verhält es sich wohl artgerecht. Kehre ich abends jedoch gepeinigt vom Frust im Ministerium zurück, so erwartet mich vorm gleichen Bahnhof, nur etwas verschämt seitlich der dort aufgebauten türkischen Gemüsehändler lagernd, mein Schwein. Ich habe es Boris getauft, allein für mich, weil es in jeder Beleuchtung hartnäckig rötlich und sommersprossig wirkt, selbst nachts im Schein der Straßenlaternen. Da ist auch mit Borsten färben nichts drin, es wird immer das oderländische Hausschwein bleiben, das es war und ist.

Schweine sind gemeinhin Glücksbringer. Zum Beispiel Silvester, beim Bleigießen. Oder Weihnachten, in der Marzipanausführung. Ein Schwein aber, das einem auf der Straße folgt, womöglich nur, weil man so säuisch appetitlich riecht – wohl kaum jemand hat bisher darauf Gedanken verschwendet. Sozusagen kein Schwein.

Meins kann grunzen oder quieken. Mit der Zeit lernte ich einige der Abstufungen kennen, lernte, Quiek- von Grunzlauten unterscheiden, geriet in Versuchung, es in den Arm zu nehmen und seine Borsten gegen den Strich zu streicheln. Schweine sind sehr intelligent. Menschen nur gelegentlich, das zu meiner Entschuldigung.

Lichtenberg ist eigentlich nicht das rechte Pflaster für ein Schwein, das wühlen muß und schnüffeln. Bis auf den winzigen Stadtpark und ein paar Friedhöfe ist nahezu all sein Grund versiegelt und versteinert. Ich frage mich, was Boris tagsüber macht, wenn er die angefaulten Karotten und Salatköpfe des türkischen Gemüsehändlers am Bahnhof Ostkreuz verdaut hat, das Gute und Frische soll ja verkauft werden. Dem Orientalen ist das Stadtschwein wohl so normal wie den Deutschen ihre grüne Tonne, er benutzt es auch so: Klappe auf, schmierigen Salat und angefaulte Tomaten rein in das Schwein, Klappe zu. Boris läßt es sich nur allzu gern gefallen - ich weiß nicht einmal, wo er scheißt. Das tut die Tonne nicht, wahrscheinlich unterscheidet allein dies ihn von jener. Die Tonne wiederum unterscheidet uns von den Türken. Oder korrekt: von den türkischen Mitbürgern. Denn die sind längst alteingesessen. So wie der ehemals polnische Herr Kaczmarek, zu Kaisers klirrenden Zeiten als Kumpel oder Eisenkocher in’s Ruhrgebiet geholt, seit Urzeiten eingedeutscht und längst nicht mehr als Pole zu erkennen. Es sei, der Papst besuchte das Ruhrgebiet und küßte beim Verlassen des Fliegers und Betreten des Rollfeldes den Boden: dann plötzlich ist alles wieder polnisch.

Mag sein, Boris trabt zum Entkoten in den Treptower Park. Dazu muß er ein Stück über die Kynaststraße und dann auf der Parkwegbrücke über die Spree. Da kann er wühlen und schnüffeln, wie es einst die Beschäftigten in der Normannenstraße taten. Dort war das MfS, abgekürzt für Ministerium für Staatssicherheit, im Volksmund jedoch nur Stasi oder auch Firma Horch und Guck genannt, untergebracht. Die Normannenstraße biegt rechts ab von der Möllendorffstraße, diese wiederum links von der Frankfurter Allee, alles vom alten und nun wieder neuen Zentrum am Alex aus gesehen: Berlin Alexanderplatz, Döblin. Was hätte der gute Alfred – neben dem, was er sich über die arme Sau Franze Bieberkopf ausdachte - zu diesem Schwein gesagt?

Ich überlege, was man einem Schwein zum Geburtstag schenkt. Morgen jährt sich nämlich der Tag, daß Boris mich auf dem schrundigen Kopfsteinpflaster vorm Hauseingang zu meiner Mietwohnung das erste Mal erwartete.

Natürlich hat sich in der Zwischenzeit in unserer Beziehung manches ereignet, hat sich anpassen müssen, manches wurde Routine geopfert: zwischen Ostkreuz und Spreebogen, Lehrter Bahnhof, Alexanderplatz und Bahnhof Friedrichsstraße pendelnd verfügt man über Massen anderweitig kaum zu nutzender Zeit zum Nachdenken. Kein Geheimnis verrate ich, wenn ich sage: Ich arbeite im Finanz­ministerium, einem dunklen Bau, Wilhelmstraße 97, ehemals Görings Reichsluftfahrtmi­ni­sterium, und ich bin Vegetarier, seitdem ich dieses Schwein kenne. Natürlich das bewußte meinige, Göring hätte sich mit mir Dreijährigem wohl kaum abgegeben, zudem brachte er sich etwa einen Monat nach meinem vierten Geburtstag selber um und kam so dem Vollzug seines Todesurteils zuvor. Wie also sollte ich ihn kennen?

Manchmal pendele ich noch zurück nach Bonn, dieser gemütlichen Großstadt, von vielen schmählich als Provinz verschrien, Hinterwäldlern, die etwas suchen, das es weder in ihren Heimatstädtchen noch in Bonn oder Berlin gibt, sondern nur in Büchern, die sie in verquaster Jugend einmal gelesen haben mögen: sie könnten nach Rio jetten, ohne es zu finden. Eher würden sie dort abgemurkst. Das jedoch kann einen ebensogut in Bonn oder Berlin ereilen, allerdings ist die Chance dazu hierzulande geringer. Manchmal also shuttele ich noch nach Bonn, in die Graurheindorfer Straße 108, wo übergangszeitlich eine sehr reduzierte Mannschaft noch im alten Ministerium werkelt.

Abends sitze ich dann, nur etwa tausend Meter entfernt, im Schänzchen, einem Biergarten unter alten Kastanien hoch über dem Rhein, laß meinen Blick auf seinem immerwährenden Fließen verweilen und den Kähnen, die er in später Sonne glitzernd flußauf wie abwärts trägt, trinke eine Schorle aus Ahrwein, so trocken, daß es einem die Zehennägel in den Schuhen aufrollt, und denke: Det wirste in Berlin nich ham. Dazu isses mittemang um Spree und Alex ville zu eng! Und dann muß ich doch wieder dorthin, Wilhelmstraße und nach Feierabend Lichtenberg. Was schenkt man also einem Schwein, das dort auf einen wartet?

Ich hab einen Besuch im Tierpark Friedrichsfelde erwogen, Boris und ich. Dort könnte ich ihm seine Vorfahren zeigen, die Wildsäue. Auch Eber natürlich. Aber die wären für Boris, der ja ein maskulines Schwein ist, kaum interessant, allenfalls als Vergleich. Ihm lägen wohl mehr die Bachen. Ich hab’s dann aber doch verworfen. Und bin auf etwas gekommen, das mir anfangs sehr kühn erschien, nach und nach aber immer mehr Sinn machte: ich wollte ihn in die Umgebung einführen, in der ich tagsüber arbeitete. Das hieß: wir mußten uns ein Taxi nehmen. In der S-Bahn war zwar die Mitnahme von struppigen Straßenkötern geregelt, nicht hingegen die eines ganz normalen Schweines.

Am Jahrestag stand ich also eine halbe Stunde früher auf. Wusch mich, frühstückte, sah aus dem Fenster: unten saß Boris und wartete auf mich. Ich rief das Taxi. Es war Freitag, ein blendender Tag im anbrechenden Mai: Kaiserwetter. Ein Mercedes rauschte heran, hupte. Ich sah, wie der Fahrer die Seitenscheibe herunterkurbelte, den Arm aus dem Fenster legte und wartete, auf dem Dach das schwarz-gelbe Taxischild. Wie sonst räumte ich das Geschirr in die Küche, zog das Jackett an, nahm die Aktenmappe unter den Arm, schloß die Wohnungstür hinter mir, sprang die Treppe hinab und öffnete die Haustür. Ach Boris! Er quiekte und grunzte vor Freude, scharwenzelte um meine Beine und schien ganz außer sich.

Ich tätschelte ihm die Stelle am Hals, kurz hinter den Ohren, wo er es so sehr mochte, und sprach in das Taxi hinein: Wir müssen ihn mitnehmen. Macht das Probleme?

Der Fahrer, ein junger Türke, nahm kurz durch das elektrisch herunterfahrende Fenster Maß, musterte Boris, wie der mich umkreiste, und meinte: Hab ich noch nie Schwein gehabt. Erst neu in Taxi. Kann man tun in Kofferraum?

Nix gut, sagte ich, kriegt nicht Luft. Besser, ich steig ein hinten. Schwein mit mir. Du vorne fahren, okay? - Mann, so ein mißtrauischer Blick! Als wenn ich eben im Begriff wäre, die zentnerschwere Bombe zum Sprengen der Brücke über den Bosporus in sein Taxi zu laden! Dabei will ich doch nur ein Schwein mitnehmen, so wie andere Leute Plastiktüten oder Rucksäcke.

Na gut, sagte er. Ich öffnete die Tür und gab Boris einen leichten Tritt, den dieser sofort verstand: er hopste in das Taxi, in den Raum zwischen Rück- und Vordersitz. Ist sauber? fragte der Taxifahrer. Ich meine: kackt nicht in Taxi?

Nein, gebe ich wahrheitsgemäß zur Antwort, hat es bisher noch nie gemacht. Und als der Taxifahrer beruhigt losfährt, habe ich ihm ja nur verschwiegen, daß Boris bislang noch nie im Taxi gefahren wurde und somit auch noch nicht darin gekackt haben konnte. Als ich ihn vor der Wilhelmstraße 97 aus dem Auto scheuche, da hat Boris sehr wohl gekackt, nämlich zwischen Vorderlehne und Rücksitz, gleich neben meinen Schuhen, und ich gebe dem Fahrer, der das sofort spannt, zehn Mark extra dafür. Schwein nix gut, sagt er und schaufelt Boris’ Hinterlassen­schaft mit der Frankfurter Allgemeinen, die ihm ein Fahrgast nachließ, aus dem Fond seines Taxis in den Rinnstein. Sagt schon Mohammed, nie nix Schwein. Ist sehr schmutzig! Ich gebe ihm noch zehn Mark. Und nehme mit Boris Kurs auf die Pförtnerloge.

Boris quiekt freudig auf: der Ausflug scheint ihm zu gefallen.

Halt! Wo wollen Sie hin? Der Pförtner in seiner Glaskiste hat nur Augen für Boris. Der kann ihm nicht in gewünschter Weise antworten und grunzt ihn an. So zeige stattdessen also ich ihm meinen Behördenausweis. Er kennt mich, legt sonst immer ein kurzes Schwätzchen ein, wenn ich hinein oder heraus zu eilen suche und von ihm aufgehalten werde. Heute nicht. Mißtrauisch und mit spitzen Fingern ergreift er meinen Ausweis, besieht ihn, wendet ihn, besieht die Rückseite, kneift die Brauen zusammen, sagt: Hier steht nichts von einem Schwein – oder?

Natürlich nicht, antworte ich geduldig. Der Ausweis gehört nur mir, für Schweine gibt es keine Ausweise.

Aha, dachte ich’s mir doch. Und Sie sind sicher, die Sau gehört zu Ihnen?

Wissen Sie, sage ich, und blicke ihm fest in die Augen - das haben die Burschen nicht so gerne -: Wissen Sie, das da – und dabei deutet mein Zeigefinger auf Boris, der am Eingang der Glaskiste schnüffelt, grunzt und mit der Pfote scharrt – ist sozusagen ein Behördenschwein. Ein Pfand. Ein Finanzpfand. Na, Sie wissen schon! Also, ich muß es unbedingt mit hinein nehmen. Na, nun öffnen Sie schon die Pforte.

Auf Ihre Verantwortung, Herr Doktor, sagt der Pförtner und drückt den Knopf, der summend die Glastür freigibt. Im Vorbeigehen nicke ich. Es steht zu vermuten, daß Boris noch nie über einen roten Sisalläufer getrottet ist. Am Fahrstuhl drücke ich den Knopf aufwärts, und beide warten wir. Der Pförtner schaut uns immer noch nach, kopfschüttelnd. Boris hat neben mir Platz genommen. Als ich zu ihm hinunter blicke, hebt er den Kopf, und mir scheint, als grinse er und blinzele mir zu. Er ist auch noch nie Fahrstuhl gefahren, fällt mir ein, jedenfalls nicht, seit ich ihn kenne.

Die Kabine schwebt herab, ihre Tür schiebt sich auf, in ihr die kurzbeinige Oschatz. Als sie Boris’ ansichtig wird, entfliegt ihrem Mund ein schrill schneidender Schrei, ein Schneidbrenner, der die Fahrstuhlzelle zersägt und zwischen ihr und uns einen klaffenden Riß schafft. Fest und mit weit aufgerissenen Augen drückt sie sich in die hinterste Ecke der Kabine, die Hände erschreckt vor den Mund geschlagen. Der tut nichts, beruhige ich sie, tätschele Boris den Schweinenacken und drücke den Knopf zur vierten Etage. Dort arbeite ich. Der Fahrstuhl ruckelt an, schwebt empor. Vielleicht hätte ich sie unten doch aussteigen lassen sollen, denke ich. Na, was muß sie so schreien. Hält ja kein Schwein aus. Hält aber der Lift. Die Tür schiebt sich auf, wir sind in der Vierten: hier ist koksfarbener Bodenbelag ausgelegt. Boris macht ein paar prüfende Schritte, schnüffelt an der Fußleiste. Wiedersehen, sage ich, ist mir sehr peinlich, Sie haben doch gewiß unten rausgewollt.

Ja, auch. Aber dann dieses – ist das ein normales Schwein, da neben Ihnen? Ich meine, eins, das die Metzgerei im Supermarkt in Einzelteilen verkauft?

Boris schupperte sich nachdrücklich an meinem Bein, grunzte abfällig. Einzelteile, sagte ich – so würde ich das in seiner Gegenwart nicht bezeichnen. Ganz ehrlich, Frau Oschatz: Boris scheint mir da ein wenig empfindlich. Und ich kann ihn in dieser Hinsicht sehr wohl verstehen: würden Sie Ihre zarte Hüfte und was darunter ist gerne als Lende bezeichnet und mit scharfem Messer zerlegt wissen? Sodann an Fleischerhaken geheftet, preisausgezeichnet und allgemein feilgeboten?

Vorsichtig streckte sie den Arm aus, drückte zitternd und sofort hastig zurückschnellend Erdgeschoß, als taste sie in einen Käfig voll giftiger Schlangen, schlug erneut die Hand vor den Mund, die andere vor den Leib und fieberte, daß sie nur rasch hinunterglitte und Boris und mich hier oben weit hinter sich ließe. Nein, antwortete sie, da war ihr Mund bereits in Höhe meiner Kniekehlen, das Wort durch die zugeschobene Tür unhörbar. Das Zucken ihrer Lippen und die Erleichterung, endlich auf dem Weg nach unten und uns los zu sein, war das letzte, was ich von ihr sah. Komm, mein Gutester, trieb ich Boris mit einem Klaps auf den Hinterschinken an.

Pöspel lief uns als erster in die Arme. Hallo, sagte er, geschäftig und wie stets in Eile. Hallo, sagte Boris, hob die Schnauze und grunzte. Auch ich sagte Hallo. Äh! – Pöspel kam zurück, beäugte das Vieh und sah mir verkniffen in die Augen: Ähm, ja – nun – also du, ehrlich: hast du in letzter Zeit den Eindruck, daß ich mich mit Säuen umgebe? Ich meine, mit richtigen Schweinen? Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, murmelte etwas von Urlaub und mal richtig ausspannen.

Ich klopfte Pöspel auf die Schulter: Du nicht, aber ich. Mal halblang: du siehst wirklich ein Schwein. Das hier ist Boris. Ich hab ihn mitgebracht. Boris, mußt du wissen, ist’n alter Kumpel von mir.

So? Irritiert schaute Pöspel Boris zu, wie der ihm die Schuhbänder abfraß. Er frißt, stellte er entrüstet fest, mir die Schuhbänder ab! Sag deinem Kumpel, er soll das lassen!

Ich gab Boris einen Klaps. Und sofort wandte der sich meinen Schuhbändern zu. Nein, nicht doch, wehrte ich ihm und bog seinen feisten Hals beiseite. Wer wird denn hier Schuhbänder aufknüppern? Gerade kam mein Chef, Staatssekretär Hurtig, aus seinem Zimmer: Hallo, Dr. Klapsmeier! Mit der flüchtigen Frage: In Bonn noch alles am Platz? hatte er vor, über mich hinwegzubrausen. Dann sah er Boris: Ähm, ich seh wohl nicht richtig! – rückte er die Brille zurecht. Änderte aber nichts an dem, was er zu sehen glaubte: ein Schwein - in seinem Finanzministerium! Grad so gut wie jeder wußte er, daß die Klientel zähneknirschend schon mal von den Schweinen im Finanzamt knurrte, eher hinter vorgehaltener Hand. Doch nun stand da wirklich ein Schwein und begann, ihm die Schuhbänder aufzubeißen: jetzt, hier und heute! Er war fassungslos. Tsissis! machte Hurtig und schüttelte an seinem Hosenbein, um die schmatzende Schnauze darunter zu vertreiben. Ist das Ihr’s? fistelte er und bedachte Boris mit einem Blick grauenvollsten Abscheus.

Nicht direkt, sagte ich und versuchte, meinen Altgenossen an den Schweinsohren von Hurtigs Schuhen fortzuzerren. Es ist mir zugelaufen. Ich sollte, dachte ich insgeheim, ihm ein stabiles Halsband kaufen. Der Bursche besaß ganz schön Kraft. Kein Wunder, wenn man Abfalleimer für einen türkischen Gemüsehändler ist.

Und, fragte der Staatssekretär, zitternd um Haltung bemüht, wie stellen Sie sich das weiter vor?

Nun -

Einer Antwort auf diese Frage wurden wir enthoben: fern, am Ende des Ganges erschien Frau Sassen in einem strohgelben Kleid. Frau Sassen ist vollschlank und dementsprechend füllig ihr Kleid. Sie hielt einige Schriftstücke in Händen, die sie wohl zu kopieren gedachte. Ein strohgelber Berg in Boris’ Augen mußte sie sein. Erinnerungen an die Misthaufen der vorpolnischen LPG mochten in seinem Gedächtnis aufblitzen, jedenfalls ließ er von Hurtigs Schuhen ab, wendete den massigen Leib und richtete einen hastigen Schweinsgalopp auf das misthaufengelbe Kleid der Frau Sassen. Die floh schreiend in entgegengesetzter Richtung. Wir verloren sie beide um die Gangecke aus den Augen. Da sehen Sie, keifte Hurtig, was Ihre Sau anrichtet!

Es ist nicht meine, entgegnete ich, ich sagte bereits: sie ist mir zugelaufen. Außerdem ist es ein Eber, keine Sau. Aber ich gehe trotzdem mal gucken.

Also ging ich gucken. Hastig den Gang entlang und an dessen Ende die Biegung nach links: Nichts. Weder von Boris noch von Frau Sassen das allerkleinste Fitzelchen, bar allen Lebens lag mir der Abschnitt bis zur nächsten Brandschutztür – mindestens dreißig Meter – vor Augen. In der kurzen Zeitspanne konnten sie unmöglich dahinter verschwunden sein.

Irgendwo grunzt es, dumpf und verhalten. Ich stehe neben der Damentoilette, und da fällt mir ein, ich hatte mal einen Kollegen, der betonte bei jeder Vorstellung, er heiße Schmidt: Schmidt mit De-Te wie Damentoilette. Sind Sie da drin? frage ich gepreßt und lege das Ohr an die Tür - ich klopfe.

Holen Sie mich hier raus! heult es von drinnen.

Na, stoße ich also die Tür auf, da steht Frau Sassen an die hinterste Wand gepreßt, vor ihr Boris, erregt grunzend die Nase unter ihrem Rock und in dem vermeintlichen Misthaufen schnüffelnd, und sie hat nur zwei Hände, wofür sie mindestens zwanzig benötigte, nämlich den Zudringling unter dem strohgelben Stoff abzuwehren. Der Einfachheit halber packe ich Boris beim Schwanz und ziehe ihn - mit einiger Mühe - unter dem sasseschen Rock hervor. Ruff! macht er und blickt sich zu mir um. Rotblond bewimpert und ein Grinsen unterhalb der Nasensteckdose. Schlingel! drohe ich ihm wortlos. Frau Sassen ordnet mit flatternden Fingern ihre Kleidung, dabei bekomme ich sehr viel Sassenhaftes zu sehen, mehr, als mir gut tut. Wir sind hier auf der Damentoilette, jederzeit kann eine Dame hereinplatzen. Boris beim Hals packend, dränge ich ihn aus der Tür. Er quiekt und will nicht, und ich muß ihn in den Hinterschinken treten, damit er tut, was ich von ihm verlange.

Ich hab Ihnen gar nicht gedankt, flötet mir die Sassen erleichtert zwischen Tür und Angel hinterher und streicht sich den Rock glatt, und ich wuchte Boris aus der Toilette und ächze: Das kann man nachholen. Kommen Sie mich doch mal besuchen. Und kriege aus den Augenwinkeln mit, wie sie freundlich zu meinem Vorschlag nickt.

Du Schwein, sage ich zu Boris, und der kommt mir um die Biegung des Ganges nach und stößt mir den Rüssel in die Kehrseite: Ebenfalls, grunzt er.

Selbstredend kann ich Boris unmöglich zu Mittag in die Kantine mitnehmen. Die Hygiene, die Oschatz und die Sassen: womöglich kriegten alle drei einen Anfall, falls sie seiner ansichtig würden. Also hab ich ihn mit einem zeitweilig zweckentfremdeten Druckerkabel an den Heizkörper gefesselt und in meinem Büro eingeschlossen. Natürlich bringe ich ihm zu Fressen mit, eingewickelt in eine Serviette: einen Germknödel, mit Mohn bestreut, rund, feist und butterglänzend süß. Dafür hab ich eine Essenmarke opfern müssen; behaglich schmatzend verschlingt er ihn. Schaut mich an, aus einer anderen Serviette reiche ich ihm den Salat. Er frißt, grunzt, schaut mich wieder an: Und die Suppe, keine Suppe?

Nein, keine Suppe, sage ich. Transportiere die mal in einer Serviette. Irgendwo hat der Spaß auch Grenzen. Bist du endlich satt?

Opp! Statt einer Antwort ein Rülpsen. Zwei Minuten später, wie vom Bolzenschuß gefällt, liegt Boris unter meinem Schreibtisch und schnarcht.

An eine Weiterarbeit am Entwurf des europäisch harmonisierten Abkommens bezüglich Vermeidung der Doppelbesteuerung von in grenzüberschreitend gastierenden Zirkussen auftretenden Halb- und Volliliputanern war nicht zu denken. Besonders der Personenkreis der Halbliliputaner schien mir noch nicht sauber und schlüssig genug definiert.

Dabei mußte das übermorgen raus.

Ich rief Gerda an, die Füße bequem auf Boris abgestellt, dessen Bauchdecke sich rasselnd hob und senkte. Das ist eine Marotte von mir: wenn ich nicht weiter weiß, rufe ich Gerda an. Sie arbeitet im Referat Zukunftssteuern, dort denkt man zum Beispiel über Namenssteuern nach. Doppelnamen der Art Leutheusser-Schnarrenberger – bitte, ich krieg die Krise, und mir wachsen Aknepickel, wenn ich sowas aussprechen muß! – sollen irgendwann nach Vorgabe des Referats doppelt besteuert werden. Ich finde das nur zu gerecht. Einfachen Namen wie Meier, Heß, Hitler sollen im Gegenzug Freibeträge zugebilligt werden. Aber so ganz ist das noch nicht aus der Hüfte heraus. Gerdas Referat feilt noch an der entsprechenden Verordnung, und das muß dann ja auch noch alles durch Gesetzesein­bringung, -vorlage, Abstimmung im Bundestag und Bundesrat. Bis Hitler einen Freibetrag bekommt, das kann dauern. Da ist der längst tot.

Gerda hat keinen Doppelnamen, sie heißt schlicht Halbmohn, ohne Bindestrich zwischen den beiden Silben. Wir mögen uns, vor ewigen Zeiten haben wir mal zusammen gearbeitet. Ich rief sie also an: Rate mal, wen ich hier hab!

Den Fi-Mi.

Quatsch. Der Fi-Mi, weiß jeder, ist der Finanzminister, und der läßt sich hier im Haus kaum sehen. Nein, sagte ich, nicht den Fi-Mi. Im Moment lege ich gerade die Füße auf ihm ab, und er schnarcht, so daß ich kaum zum Arbeiten komme – na?

Einer der Pförtner?

Wieder falsch. Nein, sie wird es nicht raten. Niemand, den ich jetzt danach befragte, würde raten, was derzeit unter meinem Schreibtisch schnarcht: dick, fett und vollgefressen – ein rosiges Stadtschwein. Du ahnst es nicht, sage ich zu Gerda: Unter meinem Schreibtisch liegt ein Schwein!

Etwa der – sie nennt einen Namen: Der? Du, das kann ich kaum glauben! Unter deinem -

Nein, korrigiere ich, ein richtiges!

Ach so. Ein richtiges. Also ein richtiges Schwein? Eines das grunzt und –

- das grunzt und schnarcht und in Taxis scheißt, jawohl, ganz genau so eins! vollende ich ihren begonnenen Satz.

Ah ja, sagt sie. Natürlich, ein Schwein. Hat ja heute fast jeder unterm Schreibtisch liegen, nicht. Ich? Nein, ich hab keins. Sag mal – ihre Stimme stürzt in einen hinterhältig lauernden, tiefen Abgrund -: Du hast nicht etwa heute morgen zu heiß geduscht? Oder bist gegen einen Ampelmast gelaufen? Nein? Ich meine ja nur.

Ich lege auf. Gerda ist mir diesmal keine Hilfe, sie begreift nichts. Ohnehin glaube ich, daß Frauen von Schweinen nicht allzuviel verstehen. Weder von denen, die täglich ihren Weg kreuzen, in Nadelstreifen und Krawatte, noch von denen, die satt unter Schreibtischen liegen und durch Flatulenzen schlechte Luft verbreiten. Ich öffne das Fenster: Boa ey - das geht einem echt an die Mandeln! Schweine verdauen wohl anders. Besonders Germknödel.

Ich versuche mich weiter am Entwurf des europäisch harmonisierten Abkommens bezüglich Vermeidung der Doppelbesteuerung von ... usw. et cetera pp., nicht wahr, und durch das geöffnete Fenster summt Geschmeiß herein, grünschillernd, landet auf Boris’ Hinterteil, um es genauester Inspektion zu unterziehen. Es ist vier, ohnehin fast Feierabend. Bis viertel nach mühe ich mich, Boris unter meinem Arbeitsplatz hervorzuziehen. Endlich steht er auf seinen vier Läufen, schüttelt sich, grunzt verächtlich über die Schulter und will aus dem Raum rennen. Das Druckerkabel an der Heizung holt ihn unsanft am feisten Hals zerrend zurück. Da siehste mal, sage ich und binde ihn los. Irgendwie ist das heute alles in die Hose gegangen, ich meine, mit dem Geburtstag feiern.

Komm, sage ich, schließe meine Bürotür ab, gehe die paar Schritte zum Fahrstuhl und drücke den Knopf, der die Kabine ruft. Ich glaube, rede ich zu ihm, ich hätt jetzt ganz gern noch 'n Bier. Kommst du mit? Natürlich nickt Boris nicht, ein Schwein, vom Menschen zu irgend etwas befragt, kann dazu gar nicht nicken. Später stellte ich fest, daß er obergäriges Hefeweizen bevorzugte, naturtrüb. Ohne Zitrone oder Reiskörner. So trinke auch ich mein Weizen am liebsten. Das war dann schon in, beziehungsweise neben einem der drei Gartenstühle auf dem wackeligen Trottoir der Pfarrstraße in Lichtenberg, ich im Stuhl und Boris daneben, nur wenige Schritte von meiner Haustür entfernt.

Die Kneipe hieß „Zum zerhackten Mann“, aber nicht der Mann hinter dem Zapfhahn, sondern das winzige Etablissement sah danach aus, und das Mädchen, das über drei Stufen herab aus dessen Erdgeschoß mir mein Weizen in einem sich nach oben hin wölbenden Glas, Boris hingegen sein Obergäriges in einer Schale aus Aluminiumblech auf die Straße lieferte, dieses Mädchen war schmal und seine interessanteste Region von einem weißen Schürzchen bedeckt, und auf der blassen Stirn blühte ihm kunstvoll geringelt eine schwarze Locke.

Freitag Abend, Mann, was hatte ich für einen Durst! Und so eine nette Bedienung. Ich hatte einen Kopierstift dabei, einen jener Stummel, die man mit der Zunge befeuchten muß, und wenn man damit schreibt, ist das je nach Untergrund unvergänglich, zumindest aber nicht so ganz einfach zu beseitigen. Für jedes Weizenbier, das kam, machte ich einen angefeuchteten Kopierstrich auf Boris’ linkem Ohr, indes der unterhalb meiner sein Bier in sich hinein schmatzte und schlürfte. Ich bin Finanzbeamter und kann nicht aus meiner Haut.

Der Taxifahrer, der mich die paar Meter nach Hause brachte, fluchte und ging dennoch behutsam mit mir um. Mich unterhenkelnd und in meiner Jackentasche fummelnd, suchte er dort nach dem Haustür­schlüssel. Ich werde ihm vorab mindestens zwanzig Mark Trinkgeld gegeben haben, sonst hätte er das nicht getan. Er schloß also die Tür mit dem gefundenen Schlüssel auf, klopfte mir auf die Schulter und meinte: Na, nu jehn se mal die Treppe rauf und lejen se sich jleich ze Bette, Meesta!

Und wo ist mein Schwein? begehrte ich zu wissen.

Det kann ich nich saren. Ick kenn Se nur ohne Schwein, Meesta. Müssen’se valorn ham.

Hab ich wohl. Ach Boris! Irgendwann, als ich zu betrunken wurde, hast du dich abgeseilt. Vielleicht warst du ja auch nur müde, als ich noch Runden schmiß und mit meiner Dschungelzulage aaste. Oder du warst mich und alles um mich herum einfach leid. So eine nette Bedienung. Ich wache auf, und mein Kopf schmerzt: ein geblähter Ballon, auf dessen gespannter Haut eine gefährliche Heftzwecke liegt, und die wartet nur darauf, daß über sie hinweg mit genagelten Schuhen die 79. Armee trampelt - ich fühle mich gräßlich.

Muß wohl ziemlich besoffen gewesen sein, gestern. Nachdem ich mich rasiert und der betroffenen Region meiner Haut mit zitternden Fingern zwei tiefe Schnitte beigebracht habe, öffne ich das Fenster. Es geht nach hinten raus, und wenn es auf ist, zeigt sich dahinter eine öde Backstein­landschaft, die Fassaden rauf wie runter einzig unterbrochen von morschen, weißblätternden Holzfenstern, die Höfe von Unkraut überwuchert, querdurch ein strohgelb niedergetretener Trampelpfad. Ich muß jetzt nach draußen, ganz schnell an die frische Luft. Marktstraße, Boxhagener - über mir rumpeln Wagen der S-Bahnlinie 8 nach Pankow, sanfter Wind umstreicht das Viertel; allmählich wird mir besser. In der Auslage einer Metzgerei mit Petersilie umkränzt ein toter Schweinekopf: der Rüssel scheint zu grinsen, das linke Ohr zeigt eine Menge gartenzaunartig aneinander gereihter schwarzblauer Striche. Ich zähle sie.

Armer Boris. Gestern hatten wir also vierzehn Hefeweizen; auf meine Buchführung mit dem angeleckten Kopierstift kann ich mich verlassen. Gott, ist mir schlecht! Da kneift der Schweins­kopf mir ein Auge und blinzelt mir durch die speckige Schaufensterscheibe verschwörerisch zu – voll Grausen wende ich mich ab und eile davon.

Nein, Berlin ist keine Stadt zum Leben. Eine unersättliche Macht, ein gieriger Moloch! Gleich morgen höre ich mit dem Trinken auf. Obwohl: morgen ist erst Sonntag, gar so großer Eile bedarf es nicht. Zwei Blöcke weiter eine Eckpinte, ich stürze in dämmeriges Halbdunkel und bestelle an der von unzähligen Ärmeln polierten Theke ein Hefeweizen, ohne alles.

Montag Morgen wird das Schwein wie immer im Rinnstein vor meiner Haustür in der Pfarrstraße sitzen und auf mich warten. Es muß ja nicht Boris sein. O Gott, wie ich diese Stadt hasse!

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»Stellen Sie sich doch einfach vor, Sie seien ein Fisch, Larissow! Im Grunde ist es simpel: was wir hier machten, war die Überlebensstrategie bestimmter Fischar­ten in arktischen Gewässern zu studieren. Fische leben in allen Breitengraden der Welt. An den Stränden Honululus fängt man sie ebenso wie vor der Küste Grönlands oder auch unterhalb der Felsenklippen Feuerlands. Wenn Sie sich nun die Einwirkung unseres mächtigsten Gestirns, der Sonne, auf die verschiedenen Gewässer vor Auge führen: in der Mitte der Welt, dort, wo sie sozusagen ihren Gürtel trägt, am Äquator also, dort sind alle Wasser am wärmsten. Man hat Fischarten im bis zu dreißig Grad warmen Wasser unterirdischer Felsgrotten nachgewiesen! In Richtung der Pole fällt die natürliche Temperatur des Wassers immer mehr ab, soweit es nicht durch Meeres­strömungen erwärmt wird. Selbst unter dem ewigen Eis der Polkappen entdeckte man bei Tauchfahrten mit atomgetriebenen Untersee­booten Fischschwärme.«

Dr. Antonow zog sich die Flügel der Pelzkappe tiefer über die Ohren. Seine Hände staken in Fäustlingen vom Winterfell eines Polarfuchses, neben dem plumpen Vierfingerbeutel war nur für den Daumen ein extra Futteral abgenäht, und so wirkte dieses Zupfen an den Klap­pen der Mütze unbe­holfen, es hatte etwas kindliches. Ein schneidender Ostwind zerrte mit störrischer Beharrlichkeit an den Schößen des schweren Mantels, der ihn eine schöne Stange Geldes gekostet haben mochte, klatschend schlugen sie dann und wann gegen die Waden des mageren Mannes. Scharf heulte der Wind dem milchigen Glanz der Sonne im Südwesten entgegen und fegte in der Jagd nach deren matten Strahlen über das schmutzige Schneefeld der Orts­straße von Schachtagorod hinweg, es gab nur die eine. Langgezogene Blöcke im Einheitsstil der überall im Osten aus schmucklos grauen Betonplatten zusammen­gekleisterten Wohnklötze lagerten sich rechterhand der Straße, Relikte des Technokratenzeitalters unter Stalin. Entlang der Straße reihten sich schiefgeweht die Holzmasten von Strom- und Telefon­leitungen, Stützpfeiler vor den Häusern trugen knapp einen Meter über dem gefrorenen Boden das dicke, grüngestrichene Rohr der Fernheizung, über den Hauseingängen schwang es sich wie zu Girlanden auf. Linker­hand erhob sich allein eine in den Fels gesprengte Böschung, dem dahinter sich kauernden Ort gewährte sie nur kümmerlichen Schutz vor den allzeit unberechenbaren Einfällen der Witterung. Orte wie den geschilderten gibt es überall in Sibirien, wo Bodenschätze gewonnen werden, und sie ähneln einander wie linker und rechter Stiefel.

Durch die fahle Sonne war es ein vergleichsweise angenehmer Tag, seit langem der erste im gerade beginnenden Frühjahr, das Ende Juni unvermittelt in einen flüchtigen Sommer mit aufgeweicht morastigen Wegen und der Plage von Milliarden an Mücken übergehen würde. Menschen außer ihnen waren kaum unterwegs, zwei dickvermummte Frauen beugten sich schweren Schrittes in einiger Entfernung gleich Larissow und Dr. Antonow gegen die Böen, die behandschuhten Linken vor Mund und Nase gepreßt, jede einen Plastikbeutel in der Rechten. Am Abend, wenn sich die Sonne kampflos dem ewigen Wind ergab und rasch hinter den flachen Dächern der Häuser erstarb, würden die Bewohner der Stadt in schwerfälligen Bussen mit über die Räder gezogenen Ketten herangekarrt: fröstelnd und müde von der harten Arbeit in den staatlichen Bauxit­gruben entstiegen sie dann den Fahrzeugen, ließen an deren blinden Scheiben ihren Atem zurück, strebten in graugrüne Wattejacken gehüllt rasch auseinander und verschwanden in den Eingängen der Häuserblöcke, die nur durch groß aufgepinselte kyrillische Lettern auseinanderzuhalten waren.

Arm in Arm stapften der promovierte Meeresbiologe und der Journalist durch den pulvrig getriebenen Schnee, unter dem die Sohlen die harte Eisschicht spürten. Eben hatten sie ein ausgiebiges Mahl in Dr. Antonows überheizter Wohnung genossen, das in die Länge gezogen haupt­sächlich aus mehreren Gläs­chen Wodka und - diesen begleitend - verschiedenerlei Sakuski bestand, den in Rußland beliebten Vorspeisen. Wind und bissige Kälte taten ihnen wohl. Larissow war von seiner Zeitung - der Moskwa Nowesti - nach Schachtagorod geschickt worden, er sollte über die Beding­ungen berichten, unter denen die Arbeiter lebten, die seit sechs Monaten keinen Lohn mehr gesehen hatten; der Staat: er war hier alleiniger Arbeitgeber. Ganz nebenher war er bei dieser Recherche auf eine Sache gestoßen, von der er noch nicht recht wußte, wie er sie einordnen sollte; in Anbetracht der nahenden Präsidentschaftswahlen schien sie Larissow jedoch ein heißes Eisen, und in Dr. Antonow, den er im schäbigen Palast der Völker bei einem Schachspiel kennenlernte, vermutete er die Schlüsselgestalt - übrigens verlor Larissow das Spiel, nachdem er mit seiner Dame den zweiten gegnerischen Springer schlug und durch seinen unbedachten Zug in die seit langem vorbereitete Turmfalle Antonows rannte. Behutsam - mit einer Flasche Wodka im Arm - suchte er sich diesem daraufhin zu nähern und hatte tatsächlich zu Ende des Abends dessen Vertrauen gewonnen: Antonow lud ihn ein, doch die Nacht in seiner Wohnung zu verbringen - bei einer weiteren Flasche. Dabei kam zu Tage, sein Institut, weil finanziell nicht mehr unterstützt, war gleichsam aufgelöst, niemand an verantwortlicher Stelle kümmerte es noch. Da Antonow bislang jedoch noch keine Kündigung erhielt (und nie erhalten würde, dachte Larissow, der die Riege in Moskau weit besser kannte, als jener), machte er auf eigene Faust weiter, immer noch glaubte er an die Sache des von führender Stelle längst begrabenen Kommunismus. Unterdessen hatten alle seine früheren Mitarbeiter das Institut und wohl auch Schachtagorod verlassen, denn wer mochte hier schon ohne triftigen Grund leben.

»Gut, Fische -« rief Larissow, und der Wind wehte seine Worte zu Dr. Antonow hinüber, »aber was ist so Besonderes daran zu erforschen? Ich denke, man zerlegt eine Reihe von ihnen, und dann weiß man alles über sie.«

»Nicht ganz -« Dr. Antonow schrie es fast, denn er mußte sich gegen den Wind verständlich machen: »Sie werden sich bisher wohl kaum den Kopf darüber zerbrochen haben: aber sahen Sie schon einmal einen Fisch mit Fell oder etwa im Pelz? Nein? Nun, sehen Sie, lieber Freund: genau das ist der Punkt! Das, und nichts anderes, war Ausgangspunkt all meiner Überlegungen. Ein Fisch - gleich, ob vor dem eisigen Grönland, etwa in einem munteren Bächlein, das in die Wolga fließt, oder aber im Kaspischen Meer -: er besitzt nur das schimmernde Schuppenkleid, um sich vor Temperaturwechseln zu schützen. Hätten Sie es darin warm? Sie schütteln den Kopf - nein, ganz gewiß nicht. Ich sage es Ihnen: es liegt darunter, unter den Schuppen, daß er im jeweiligen Gewässer überlebt! Und ich will Ihnen das Geheimnis gleich verraten, ist es doch ein alter Hut, der lange vor meiner Forschung gelüftet wurde: eine winzige Drüse sorgt für die Regulierung seiner Körpertemperatur.« Einigermaßen zufrieden sah Antonow hinab auf seine im heftig verwirbel­ten Schnee mechanisch der Straße folgenden Fußspitzen. Sie führte geradewegs zum zugefrorenen Hafen.

»Das scheint mir logisch«, pflichtete Larissow ihm nach kurzem Erwägen bei. »Sie sprachen es ja bereits aus: freilich habe ich darüber noch nicht nachgedacht. Wer zerbricht sich schon den Kopf über das Wohlbefinden eines Fisches, den er in einem Marktkorb oder einer Spankiste liegen sieht! Aber wo Sie es nun sagen -«

»Sehen Sie!« Erregt packte ihn der Forscher am Arm, riß ihn fast zu sich herum - abrupt blieben die beiden Gestalten auf dem verschneiten Gehsteig vor dem Palast der Völker stehen, sie merkten es nicht einmal: »Und nun, ah, hier kommt endlich meine Forschung ins Spiel: es tritt ein, worin sich Kramskoj, mein verehrter Professor an der Universität zu Petersburg stets wiederholte: Alles Leben kommt aus dem Wasser. Sei wie der Fisch, sagte er - dann überlebst du. Fast immer nahm er nach diesem Satz einen mächtigen Schluck aus der vor ihm auf dem Pult stehenden Karaffe - ich ahne nur, was darin war. Die rote Nase hatte er jedenfalls nicht vom Frost.« Antonow begann heftig zu gestikulieren: »Aber nun, meine Forschung, hundert- und tausendfach durch Messungen und Analysen belegt: so einfach, so klar schien mir plötzlich, wonach ich zu suchen hätte - und doch konnte ich es niemand begreiflich machen, kaum jemand dafür interessieren, alles hörte nur mit halbem Ohr hin. Im ganzen Durcheinander nach Zusammenbruch der Sowjetunion gingen meine Ergebnisse unter.« Hoch schwang er die Arme in die eisige Luft, schien von dort die Engelszungen herab­zuholen, mit denen er nun beschwörend auf Larissow einzureden begann:

»Lenin hat recht gehabt, jawohl, und dafür verehre ich ihn! Immer war er der Stern, der mich leitete. Deshalb fuhr ich auch in meiner Forschung fort, als ich längst schon nicht mehr von Moskau unterstützt wurde: wo man ihn und seine Lehren aufgab, setzte ich an. Er hatte sich nur das falsche Volk gewählt - ich setzte auf das richtige: das der Fische in Bächen, Flüssen und Meeren. Denn wo ein Wesen unter sonst lebensbedrohlichen Umständen überlebt, da ist es Herrscher über alles und jedes, über Gott und die Welt! Und hören Sie, mein lieber Larissow: nach langem Suchen fand ich es endlich - ein Enzym, der Schlüssel zu den Schaltstellen der Macht! Beliebig kann ich es destillieren und tausendfach herstellen, als Serum injizieren - ich! - ich, Borissowitsch Antonow, Doktor der Meeresbiologie, alleingelas­sen in Sibirien von den Herren, die immer noch glauben, sie seien es, die alle Macht besäßen - aber natürlich war das nicht das einzige, das ich suchte und entdeckte.«

Larissow fand, Dr. Antonow habe sich seit eben etwas verändert - kaum merklich, doch immerhin: die Augen schien ihm ein innerer Druck aus dem Kopf zu pressen, sie quollen nun leicht hervor; wenn er nicht gerade sprach, öffnete sich dennoch von Zeit zu Zeit sein Mund, und ganz eigentümlich ruderte er mit den Armen. Seltsam. Larissow fröstelte und trat stampfend von einem Fuß auf den anderen, dabei schlug er die Arme um den gut eingepackten Oberkörper:

»Was war es denn,« patsch, »lieber Doktor,« patsch, »das Sie herausfanden?«

Immer weiter hatten sie die Häuser hinter sich gelassen, ringsum breiteten sich nun rostiges Gerät, wind­schiefe Holzschuppen und allerlei verlassener Krempel, halb unter verwehtem Schnee bedeckt. Nicht des Weges geachtet, befanden sie sich bereits mitten im Hafengelände, das um diese Jahreszeit tot und verlassen dalag. Die zugefrorene See erlaubte den Schiffsverkehr erst wieder in etwa zwei Monaten. Larissow sorgte sich vage um die Rückkehr, nicht vordringlich, aber er dachte doch daran. Vom kriminellen Moskau her war er den stets leicht im Hinterkopf schweben­den Gedanken an mögliche Auswege und Fluchten gewohnt, hier wurde er ihm zwar nicht so bewußt, war aber da: leicht und schwebend. Er hatte Dr. Antonows Arm ergriffen und forschte in dessen Gesicht, in dem sich zu seinem Befremden nun auch noch die Lippen karpfenmaul­artig vor­wölbten und in trägen Stößen nach Luft zu schnappen schienen.

»Was ich herausfand? Deutete ich es nicht bereits an? Fisch sein, um zu überleben - das wäre das eine. Nun, wir Russen haben uns bisher noch in jede Lage gefunden, ein wenig Fischenzym im Körper wird uns nicht weiter schaden. Aber dann die anderen - bei meiner zweiten Entwicklung galt es, völlig unmögliche Lebensbedingungen für sie zu schaffen: Kälte und Eis! Daran wird im dekadenten Westen, im vollgefressenen und verweichlichten Kapitalismus mit seinen Fußbodenheizungen und dünnen Modefetzchen alles zugrunde gehen, was nicht mit meinem Enzymserum versorgt wird. Wissen Sie, wie man Eis macht, Herr Larissow? Ich sage es Ihnen: durch hochgradigen Wärmeentzug. Aber wie entzieht man Wärme? Blasen Sie nicht auch auf einen verbrannten Finger, um ihn zu kühlen? Sie nicken, mein Lieber - also Luft­zug, das ist es! Nur ein wenig mehr, als auf Ihren Finger, das Wetter macht es uns jeden Tag vor.«

Erregt riß sich Dr. Antonow die Fäustlinge von den Händen, achtlos ließ er sie in den Schnee fallen und breitete weit die Arme aus: »Luftzug - stellen Sie sich vor: in einem Halbkreis von zweihundert Metern habe ich fünf senkrechte Röhren bauen lassen, ein erster Versuch, jede zehn Meter im Durchmesser und zweihundert Meter hoch. Unten befinden sich Öffnungen, durch die Luft nachgerissen wird, falls etwas durch die Röhren strömt. Doch was? Nun, wir haben eine nahe der Mine vorbeiführende Leitung angezapft - es ist brennendes Erdgas, das zusammen mit erhitzter Luft senkrecht durch die Röhren in die Atmosphäre schießt, anstatt weiter in die verfaulenden Röhren nach Westen gezwängt zu werden - das ist der Luftzug. Bei diesem Versuch waren alle Grubenarbeiter auf meiner Seite, sie betrachteten das umgeleitete Gas gewissermaßen als Ausgleich für ihre monatelang nicht gezahlten Löhne. Man hört, im Westen habe man lange keinen so harten und ausdauernden Winter mehr gehabt - denken Sie vielleicht, das sei purer Zufall gewesen?«

Dr. Antonow lachte. Ein kaum hörbares, krächzendes Lachen. Die Ohren unter den Klappen der Mütze waren ihm zu Kiemen geworden, über dem rechten Auge glänzte ein leichter Ansatz von Fischschuppen: »Nein, mein Lieber, glauben Sie nicht, daß die russische Revolution erloschen ist! Sie lebt, und mit Hilfe der Kälte werden wir alle Völker der Erde auf unsere Seite ziehen, ihnen wird gar nichts anderes übrig bleiben. Ihr tägliches Leben würde gefrieren - dieser Winter war nur ein Vorgeschmack! Das russische Gebiet erstreckt sich über zehn Zeitzonen, fünf davon sind voll mit Erdgas, und ich weiß die von Moskau allein gelassenen Arbeiter der Region hinter mir: überall werden wir fortan diese Röhren errichten!«

Larissow meinte, wie mit plötzlicher Faust von Kälte überfallen zu sein: das war die Sache, deren Spur er suchte! Sie standen auf der unter Schnee und Eis verborgenen Mole, an der im Sommerhalbjahr die Frachter anlegten. Blau­schimmernd sich tür­mendes Packeis reichte beider­seits bis zu deren oberem Rand. Vor ihnen dehnte sich die Weite der zuge­frorenen See, übereinanderge­scho­bene Schollen bildeten bizarre Kathedralen aus Eis darauf, Larissow vermeinte sogar, ein dünnes Läuten zu vernehmen. Weit draußen, hinter dem diffus grauen Licht, das die spröde Glaslandschaft ohne erkennbaren Hori­zont in einen bleiernen Äther übergehen ließ, mußte die mühsam von Eis­brechern offen­gehal­tene Fahrrinne für die großen Tank­schiffe liegen.

»Kommen Sie, Doktor«, Larissow war plötzlich ent­schlossen: tastend setzte er einen ersten Fuß auf das Eis, das sich hier wie zu einer Treppe aufgeschichtet hatte, und zog den Doktor nach. »Sie müssen mir noch mehr über Ihre Arbeit erzählen. Unterdessen aber lassen Sie uns ein wenig auf dem Eis spazieren. Der Gedanke an das Meer, so tief darunter, hat etwas faszinierendes.«

Dr. Antonow, mit den Armen rudernd zwischen den einzelnen Sätzen immer wieder nach Luft schnappend, stolperte nun neben ihm und berichtete von seinen ersten Selbstversuchen mit dem Enzym. »Ist Ihnen auch so heiß?« fragte er unvermittelt, nahm seine Pelzkappe ab und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. Schuppige Fischhaut zog sich von dort bis in den hochgeschlagenen Kragen seines teuren Mantels. Dort, wo sich noch vor einer Stunde vom Hinter­kopf des Doktors ein kümmerlicher Haarrest bis weit in den Nacken gezogen hatte, glänzte etwas, das Larissow nun für den Ansatz einer glitschigen Rückenflosse hielt.

»Wir haben einen weiten Bogen geschlagen und befinden uns bereits auf dem Rückweg«, belog er den auf Rückkehr drängenden promovierten Fisch, einst Doktor der Meeresbiologie, dem nur noch die Beine mit dem früheren Antonow gemein schienen. Doch selbst diese schrumpften in zunehmendem Maß, so daß es immer mühsamer voranging, der teure Mantel­saum schleifte bereits auf dem Eis. Was mit des Halbwesens Hirn war, mochte Larissow sich nicht ausmalen. Nur dies: an der Fahr­rinne würde er Antonow in sein nun ureigenes Element stoßen müssen, bevor dieser die ganze Welt in einen Eisklotz verwandelte...

Als er der Fahrrinne den Rücken kehrte, überkam Larissow ein bitterer Gedanke, der allen Besitz von ihm nahm und ihn von nun an quälte: Sollte er Schachta­gorod nicht vor Einbruch der Nacht erreichen, war er in der Dunkelheit auf dem Eis verloren. Nie würde er diese großartige Story veröffent­lichen können - ein Jammer.

Wurde das Licht nicht bereits fahler?

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Der Magazinbeitrag des örtlichen Kabelsenders KTV6 schlug wie eine Bombe ein. Mehr als hunderttausend Zuschauer verfolgten die Sendung, und wer sie nicht gesehen hatte, bekam es am nächsten Tag brühwarm erzählt: Haben Sie schon gehört? Eine Ungeheuerlichkeit!

Langanhaltend wurde in Fluren und Büros der Ämter darüber diskutiert, was sich wohl an Folgen daraus ergäbe, mehr Anträge als sonst blieben an diesem Tag unbearbeitet. Ein Obersekretär entwarf sogleich ein vierseitiges Formular, das sich mit dem Gegenstand der Sendung befaßte, man konnte ja nie wissen. Zwischen Bissen von Eisbein und Sauerkraut erörterte man hitzig den Fall an den Mittagstischen der Werks­kantinen, die nur halbstündige Pause erlaubte leider keine endgültige Klärung. Auf Treppenabsätzen von Wohnblöcken hielten mit Schrub­bern und Wischeimern bewaffnete Frauen jeden auf, der mit Einkaufstüten beladen die Stufen hochächzte: Haben Sie schon gehört? Zwei Vorlesungen an der Hochschule der Stadt fielen aus, die Dozenten waren durch das Abfassen dringender interrogativer Schreiben an die Nachbaruniversitäten verhindert, und selbst der Konfirmandenunterricht im Haus der Gemeinde des Hlg. Sebastian wurde durch fachsimpelnde elfjährige Rotznasen so empfindlich gestört, daß der Pfarrer ganz ungewohnt mit der Faust auf die Platte seines Katheders schlug und brüllte: »Zum Donnerwetter, was ist denn heute mit euch los?!«

Wie sollte er auch wissen, was seit gestern abend die ganze Stadt beschäftigte - eigentlich guckte er selten Fernsehen, bestenfalls hin und wieder das trauliche Wort zum Sonntag, in dem er den Fernsehpfarrern die eine oder andere gelungene Pose abschaute; gelegentlich sah er sich auch den Tatort an, um an Stoff für die nächste Predigt zu gelangen, die solcherart vor dem Fernseher verbrachten Stunden betrachtete er als Arbeitszeit. Doch gestern war Dienstag, und da kamen weder das eine noch das andere. Lediglich - geschickt in Blöcke endloser Wiederholungen, Werbesendungen und langweiliger Comedy Shows verpackt und deshalb umso mehr aus dem Einheitsbrei hervorstechend - Die Ankläger, ein sensationsgeiles Magazin besagten Kabelsenders, weswegen er bisher aber sein Gerät noch nie in Gang gesetzt hatte.

Vielleicht hätte er es diesmal tun sollen.

Der Beitrag über ein wissenschaftliches Labor in Irland begann zunächst völlig harmlos: gekleidet wie immer in einen aufreizend rotgold geflammten Sakko - sein Markenzeichen - hielt der Moderator einem sommersprossigen Riesen mit blassem, schütterem Haar und ineinander verschränkten, nervös sich windenden Händen den gelben Schaumstoff­ball seines Mikrofons dicht vors Gesicht:

»Heute zu Gast bei uns im Studio i-i-i-i-ist-«, das besaß etwas vom anschwellenden Heulton einer Sirene, kurz ging er in die Knie, krümmte sich, als hätte er Probleme mit seiner Verdauung, kam dann mit einem triumphierenden Schwenken des Mikrofons wieder hoch und las von einem kleinen Zettel ab: »Mister An-drew Finne-gäään!«

Anhaltender Applaus gemischt mit Füßetrampeln und kurzen Pfiffen eines unsichtbaren Auditoriums belohnten diesen Auftakt. Bescheiden verwies der Rotgoldgeflammte mit dem Mikrofon auf den Genannten, der augenscheinlich mit seinen Händen nicht wußte, wohin, und verbeugte sich. »Danke, danke - danke, liebe Freunde!« wehrte der Moderator die stürmischen Ovationen des immer noch unsichtbaren Publikums ab. Irgendwann hatte der Toningenieur dann den Mischregler für den Beifallssturm unten: es konnte losgehen. Wie eine Eistüte streckte der Moderator dem nervösen Iren das Mikrofon vor die Nase und fragte in die eintretende Stille hinein: »Sie sind also Mister Andrew Finnegan?«

»Well, ich glaube - meine Deutsch ist sehr schlecht. Haben Sie gefragt, wie ist meine Name?«

»Ganz recht - wollen Sie antworten?«

»Why not. Meine Name ist Andrew Francis Lloyd George Irion Finnegan.«

»Ziemlich lang.«

»Meine Vater besaß vier Brüder. Nennen Sie mich Andy.«

Der Moderator tat vor Freude einen kleinen Hüpfer in die Luft und schrie, mit den Füßen wieder aufkommend, in sein unsichtbares Publikum: »Sehen Sie, liebe Freunde, Mister Finnegan wird uns nichts verheimlichen - aber wir wären nicht Die Ankläger, würden wir nicht unerbittlich nachstochern! Soviel verrate ich Ihnen: Es geht um eine Sensation, deren Auswirkungen jeden von uns betreffen, ja, betroffen machen müssen - bleiben Sie dran, gleich nach der Werbung bringen wir Licht in das unheimliche Dunkel!«

Ja, so begann das. Finnegan wurde als leitender Ingenieur eines opto­elektronischen Labors vorgestellt, dessen Spezialgebiet die Elektroluminiszenz war. Und als solcher hatte er herausgefunden…

»Nun sagen Sie uns, Andy: was war die ebenso sensationelle wie grauenvolle Entdeckung, die Sie dazu trieb, schonungslos und ohne Rücksicht auf sich selber an die breite Öffentlichkeit zu gehen, sich an Die Ankläger zu wenden?« Ganz schmale Augen bekam der Moderator bei dieser Frage. Hinter der Glaswand des Studios schob der Toninge­nieur den Publikumsregler wieder ganz nach unten und erzeugte atemloses Schweigen.

»Well - ich entdeckte, daß sie strahlen.« Finnegans Jeans, über die vorne ein gemütlicher Bauch heraushing, waren zu eng, um die Hände in die Taschen zu stecken, also legte er sie auf den Rücken. Kamera zwo schlich sich gebückt für eine Großaufnahme von hinten an: schwitzige Finger, nervös sich ineinan­der verknotend - signalisierte das nicht Schuld?

»Sie strahlen? Sie wollen sagen, etwas, dem jeder von uns täglich ausgesetzt ist - das sendet Strahlen aus? Unheimliche Strahlen - Strahlung?« Nun waren die Augen des Moderators geweitet, rollten in blankem Entsetzen. Das gelbe Eis am Stiel in seiner Hand zitterte, ganz nah nahm er es vor die Lippen und flüsterte leise und ergriffen, so daß der Tonin­genieur wieder mehr aufdrehen mußte:

»Meine Damen und Herren, liebe Freunde zu Hause an den Bildschirmen - schonungslos hat uns der Experte, hat uns Mister Finnegan soeben davon in Kenntnis gesetzt - und es gibt keinen Grund zum Zweifel an seiner Expertise -, daß diese in nahezu jedem elektrischen Gerät eingesetzten Objekte gefährliche Strahlung aussenden. Wovon wir reden, sind altvertraute Einrichtungen, mit denen wir Tag für Tag konfrontiert sind: L-E-D's, zu deutsch Leuchtdioden, jeder kennt sie als rote, grüne und gelbe Anzeigelämpchen. Andy, wollen Sie unseren Zuschauern nicht verraten, mit welch mörderischen Verirrungen moderner Technik wir es dabei zu tun haben?«

Großaufnahme. Auf der Stirn des Experten leichte Anzeichen von Schweiß. »Ah - LED ist abgekürzt für Light Emitting Diode. Etwas ausstrahlende Diode. Eine elektronische Bauteil, die -«

»- das zu Tausenden in modernen Geräten eingesetzt wird! Stereoanlagen, Fernseher, Kameras, Computer, ja selbst in Eierkocher und Geschirr­spül­maschinen sind sie bereits vorgedrungen, die elektronischen Anzeigen: von manchem vielleicht immer noch als bunt glühende Lämpchen verharmlost - dank unerbittlicher Recherchen der Ankläger wissen wir es endlich besser: sie senden Strahlung aus!«

Beim letzten Satz schien es, als wäre er nahe dem Ersticken - und das war er durch die gedrosselte, hohe Stimmlage beinahe auch, als er diese Anklage in das gelbe Mikrofon röchelte: Zeige- und Mittelfinger des Rotgoldgeflammten fuhren in das schwüle Dunkel zwischen Hals und Hemdkragen und rissen Kragen samt Krawattenknoten auf - ah! Endlich Luft. Das Publikum - vom Toningenieur gesteuert - heulte auf: so tapfer war er und wich und wich nicht!

»Danke, danke - danke, liebe Freunde! Nein, nicht doch! Wir tun nur das, was jeder von Ihnen in dieser Situation tun würde - besten Dank!« Und zu dem Experten hingewandt: »Sagen Sie uns bitte, Andy: in welchem Bereich bewegt sich die grausame und bisher von niemandem als solche erkannte Strahlung?«

Großaufnahme: nervöses Zupfen des Experten mit Zeigefinger und Daumen am Ohrläppchen, borstige Härchen wachsen aus dem Ohr. Darunter bewegt sich sein Lippenpaar.» Ah - ich sage mal: von die UV-Bereich bis in die IR-Bereich und alles, was dazwischen ist. Sichtbares und unsichtbares Licht. That's it.«

Der Moderator nickt mit dem Kopf, er wirkt müde: »Natürlich, wer hätte auch anderes erwartet - unsichtbares Licht. Etwas, das man nicht sieht, das uns unter der Tarnkappe des Nichts feige aus dem Dunkel heraus angreift! Meine Damen und Herren, wieder einmal ist es soweit: wir, Die Ankläger, haben unser Ziel erreicht, und das heißt: schonungslose Aufdeckung und Demaskierung von Mißständen, wo immer es sie gibt. Da blinkt mich zum Beispiel die rote LED von Kamera eins aus an, das heißt, sie ist auf Sendung - könnte der Kameramann nicht zu diesem Zweck ein rotes Tuch schwenken, anstatt mich zu bestrahlen? Denn just in diesem Moment ist die Kamera genau auf mich gerichtet! Kann die Zwei das mal eben zeigen? Regie, bitte Kamera zwei auf Kamera eins!«

Aus der Totalen geht die Zwei in einen Zoomangriff auf Kamera eins über, das winzige Blinken über deren Objektiv füllt plötzlich bedrohlich alle Bildschirme in den Wohnstuben, wird zum flammendrot flackernden Fanal, dem die Regie schlagartig das durch eine Fischaugenoptik verzerrte Moderatorengesicht überlagert: rotblinkend, mit riesigem Maul, wie eine der sprechenden Tomaten in der Werbung, wächst es aus den Schirmen, kreischt seine letzten Worte in die verkabelten Wohnungen: »Mit eigenen Augen sollen Sie Zeugen sein, wie wir jedes nur erdenkliche Risiko auf uns nehmen, wie wir keine Gefahr scheuen, um in Ihrem Interesse Mißstände anzuprangern, wo immer sie zu finden sind! Scheuen Sie sich nicht, aus dem aufgedeckten Skandal Ihre Konsequenzen zu ziehen!« Als Höhepunkt wird er langsam ausgeblendet, verschluckt von dem sekundenlang noch weiterzuckenden Rotlicht, in dem bei nervenzerfetzender Musik nun der Abspann schwimmt - die Szene blendet ab, heitere Glockentonmusik: Werbung.

Der Mehrzahl der Zuschauer gab wohl den Rest, daß es eine voll­auto­matische Kamera war, gespickt mit Leuchtdioden aller Art, die nun schnurrend, klickend und Blitze versprühend von allen Seiten vorgeführt wurde. Niemand, der sie bediente, nur eine sanfte Stimme, schwärmend von den technischen Daten dieses Wunderwerks. Im Hintergrund pumpte ein aufreizender Baß gegen die sanfte Stimme an, fast Herzrhythmus: Ta-dam, ta-dam, ta-dam...

Nein, so etwas wollte niemand mehr. Man wußte nun, wie gefährlich das war.

Und diese Sendung hatte der Pfarrer versäumt, wo er doch den Elfjährigen das Leben erklären sollte - einer den anderen übertönend, prahlten diese jetzt mit der Anzahl mörderischer Leuchtdioden in ihren Walkmännern, Starwarskämpfern und Computerspielen, jeder wollte der Tapferste sein.

»Schluß!« brüllte der Pfarrer und ging nach Hause. Nachdenklich betrachtete er seinen Fernseher, dann stellte er ihn vor das Haus an den Straßenrand. Und so wie er taten es viele. Binnen kurzer Zeit verfiel die Stadt in Lähmung: niemand getraute sich mehr, ein Gerät in Betrieb zu setzen, da dann unweigerlich eine rote oder grüne Lampe strahlte. LED, sagten die Leute, damit will man uns doch nur Sand in die Augen streuen, uns in Sicherheit wiegen; emittierend - aussendend, strahlend: warum nennen sie es nicht beim wirklichen Namen? Es hätte uns selber auffallen müssen! Etwas war dran an dem, was Die Ankläger aufdeckten. Jahrelang hat man uns der Strahlung ausgesetzt, nun ist Schluß damit!

Vorauszusehen war, daß die leidenschaftliche Anklage des Vorsitzenden der Sozialisten gegen die regierenden Christlichen kein Gehör fand: sie wurde nur im Fernsehen übertragen, dessen Empfänger mit LED's nur so gespickt waren. Dabei bewies sie haarklein die alleinige Schuld des politischen Gegners an dem Desaster, unter dessen Auswirkungen die ganze Welt draufgehen konnte. Nein, noch war nichts bewiesen - aber wenn es bewiesen wäre: alle Schuld läge ganz allein bei ihm!

Selbstverständlich gingen die Christlichen dagegen an. Auf Marktplätzen hielten sie improvisierte, keineswegs jedoch weniger flammende Reden, worin sie beteuerten, sie als Konservative hätten seit jeher der alt­bekannten Glühlampe als Anzeige den Vorzug gegeben - es seien doch die Radikalinskis gewesen, die sie in der Amtspe­riode unter der großen Koalition an der Durchsetzung ihrer - immer nur um das Volk besorgten - Ansichten gehindert und sie als hoffnungslos dem Fortschritt des Landes im Weg stehende Altvordere bezeichnet hätten! Aus der Menge vor dem Podium schrie einer zum Redner hinauf: »Und was ist das, was da an Ihrem Mikrofon glimmt? Sieht das nicht ganz nach einer strahlenden Diode aus?« Ordner griffen ein, natürlich ging es nicht ohne Schlägerei ab.

Auch die Grünen mischten mit. An von ungebleichter Leinwand umschirmten Ständen flatterten handgeschriebene Plakate im Wind, auf denen zu lesen stand: Haben wir nicht ständig vor den Geräten gewarnt, die stromfressend das Alibi für immer noch mehr Atomkraftwerke waren - und somit auch vor deren Leucht­anzeigen, die nun Leben und Gesundheit Tausender unschuldiger Menschen bedrohen? Hätte man zeitig genug auf uns gehört, stellte sich dieses Problem heute nicht!

Die Liberalen - nein, die gingen nicht auf die Markt­plätze. Sie hatten genug damit zu tun, zu beobachten, wer aus dem Parteigerangel als Sieger hervorgehen könnte. Dem - und da ginge man keinerlei Kompromisse ein, eventuell aber doch - könnte man dann unter Umständen die helfende Hand reichen, um bei der Beseitigung des Übels mit anzupacken. Vielleicht aber auch nicht, das wäre eine Sache, die der Vorstand zu gegebener Zeit beschlösse, und zwar unter reiflichem Abwägen sämtlicher relevanter Umstände. Schließlich sei man freiheitlich-demokratisch organisiert - oder etwa nicht?

Von rechter Seite fackelte man kurzerhand ein paar Elektrogeschäfte und Hi-Fi-Discounter ab. Die würden schon wissen warum. Vielleicht sammelten sich hierdurch ja ein paar mehr unter ihrem Banner, die gleich ihnen den echten, roten Feuerschein jedem anderen Leuchten vorzogen - Abfackeln, das war irre gut!

All dies ließ die Bewohner der Stadt kalt. Die gewohnte Gutgläubig­keit hatte sie verlassen, und zum Einträufeln von neuer fand niemand mehr Zugriff auf ihren Willen: sämtliche Kommunikationsmedien waren tot, da man andernfalls deren Dioden hätte emittieren lassen müssen. Im Untergrund regte sich etwas, das am besten mit Flüsterkom­mu­nikation zu beschreiben war. Stimmbänder, Zungen, Ohren und - im örtlichen Gefängnis - sogar Klopfzeichen beteiligten sich daran: Schmeißen wir doch das Zeug raus, alles, was auch nur leise irgendwie glimmt!

Raus, raus, raus! Raus, raus, raus! Raus…

Abgestellt auf Trottoirs und Bürgersteigen stapelten sich in den folgenden Tagen die Glanzlichter des Konsums: Fernseher, Stereoanlagen, Videokameras, Funktelefone, Computergeräte, Klimaanlagen, Autoradios und was es sonst noch alles an früher verehrten Götzen des Fortschritts gab: alles tot und mit blinden Augen - den blinden Augen der Leuchtdioden.

Tagelang fuhren Kolonnen von Lastkraftwagen die Sachen ab. Männer in orangeroter Kleidung, unkenntlich durch die sonst von Schweißern getragenen Schutzbrillen, luden auf und räumten eine Straße nach der anderen leer. Wie hantierten sie nicht vor- und umsichtig mit den gefährlichen Objekten! Immer wieder breiteten sie Lagen von Polstermaterial zwischen die Schichten der Geräte auf den Ladeflächen der Laster. Morgenzeitungen und Extrablätter konnten sich nicht genug tun, ihren selbstlosen Einsatz in aller Ausführ­lichkeit zu rühmen und sprachen den Rettern in riesigen Balkenlettern auf den Titelseiten Dank aus:

- Aufatmen! Das Schlimmste beseitigt! -

- Ivan D., ein LED-Mann: Nennt meinen Namen nicht! -

- Die Angst weicht: Endlich! -

- Dank! Dank! Dank! LED-Männer räumen auf! -

So oder ähnlich lauteten die Titelzeilen. In schmeichlerischem Ton überboten sich Chefredakteure in den Leitartikeln, denn die Auflagen ihrer Blätter hatten sich binnen zweier Tage fast verzehnfacht. Schließlich wollten die Bewohner der Stadt trotz Fernsehabstinenz über das, was vor sich ging, informiert sein, und ohne Zweifel fühlte man sich dieser Neugier verpflichtet. Steigerte sie sogar noch, indem Listen veröffentlicht wurden, in denen die Straßenzüge sortiert nach der Menge ihres abgesonderten Konsumschrotts aufgeführt waren. Solidarisch, hieß es, übten alle Bürger Verzicht.

Dankbar wurden die Kellen voller Lobes von den Lesern aufgenom­men. In der Folge landeten sogar Dreisternegefriertruhen und ganze Wagenladungen von elektronischen Blutdruck­messern in der Gosse. Nachts schlichen schwarz vermummte Trupps hastig rekrutierter Bürgerwehren durch die Straßen, welche die Ampeln absägten, denn man vermutete eine besonders große und gefährliche Art von Leuchtdioden darin.

Die Bewegung der Anti-LED-ler begann sich auszubreiten, sickerte durch radfahrende Boten in umliegende Städte und infizierte deren Bewohner, bereits drei Tage später horchte atemlos die ganze Welt auf Nachrichten aus dieser Stadt, in der alles seinen Ursprung nahm …

In dieser Stadt nun die Hallen einer Spedition. In einer davon der gläserne Verschlag des Pausenraumes, darin an Tischen hingelümmelt eine Versammlung orange­farbener Overalls. Vor ihnen stehend ein sommersprossiger Riese mit blassen, schütteren Haaren und nervösen Händen.

»Die Sache mit dem Interview halte ich auch heute noch für einen großartigen Einfall«, verteidigte er gerade seine Idee. Nicht die Spur eines Akzents schwang in seiner Stimme, außer vielleicht - für den, der genau hinhörte - einem etwas ostfählisch hinten im Rachen zerdrückten »r«.

»Alles lief genau nach Plan. Von einer Handvoll Dummer in jeder Straße ging ich aus; summiert über die ganze Stadt, hätte das soviel gebracht, daß jeder von uns ausgesorgt hätte. Aber, verdammt nochmal, wer konnte denn voraussehen, daß wirklich alle Menschen so verrückt sind! Tja Leute, hilft nichts; wir müssen nun sehen, wie wir uns den Krempel wieder vom Hals schaffen. Vom Nordkap bis nach Feuerland: jeder Hehler winkt ab. Niemand in der ganzen Welt will mehr sowas!« Rückwärts mit dem Daumen auf die von sauber gestapeltem Gerät überquellenden Regale der Halle weisend, fragte er unsicher: »Hat irgendwer einen Vorschlag?«

Nein, solch großartige Ideen wie Finnegan hatte keiner. Und er hieß auch gar nicht Finnegan, sondern Feingans.

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Die Tür öffnet sich von selbst. Ein sanfter Gong meldet den Eintretenden ins Hinterzimmer. Chromleisten, Neon. Rechts, an der Wand, Schilder mit geprägten Autokennzeichen, eines: SU-FF007 - es fällt auf. Linkerhand durch halbverhängte Glasfenster und mehrere Töpfe mit üppig wuchernden ficus benjaminus der Ausblick auf eine Halle voller Autos. Der Ficus, besser bekannt als Birkenfeige, ist aus Plastik und verstaubt. Jemand betritt aus einer nur angelehnten Tür im Hintergrund den Raum und kommt an den halbrunden Mahagoniklotz, der den Eintretenden nicht tiefer in den Raum dringen läßt. Von der anderen Seite legt er sanft die Hände auf den Mahagoniklotz, mustert freundlich den Eingetretenen, der ein Nummernschild gleich denen an der Wand in Händen hält, und fragt:

»Guten Tag. Sie haben Wünsche?«

»Äh - ja. Ich möchte eine Bestattung.«

»Eine Bestattung, aber ja. Und an was haben Sie da so gedacht? Ich meine -« eine der sanften Hände erhebt sich kurz vom Mahagoni und reibt Zeigefinger gegen Daumen, nur andeutungsweise, sinkt erwartungsvoll wieder herab, das Gesicht darüber freundlich bemüht.

»Nun -« der Eingetretene scheint etwas nervös, legt die Hände mit dem Schild auf den Rücken, kurz irrt sein Blick im Raum umher, kommt wieder zurück: »ich wollte mich zunächst nur beraten lassen. Es ist das erste Mal, wissen Sie -«

»Aber selbstverständlich, das verstehen wir doch. Da sind Sie hier genau am richtigen Platz. Wie alt, sagten Sie gleich, war der Gewesene?«

»Sechsundzwanzig Jahre. Es war eine mühevolle Zeit für ihn, besonders als es dem Ende zuging. Fünfundzwanzig Jahre haben wir ihn gepflegt, aber zuletzt ging es einfach nicht mehr. Er brach schlicht zusammen, verschied mit einemmal, mitten auf der Straße, siebzehn Uhr, Berufsverkehr. Gott, daß er überhaupt so lange durchhielt, grenzt an ein Wunder. Seit Jahren erwarteten wir seinen Exitus, gewissermaßen. Es wäre nichts mehr zu machen gewesen, verstehen Sie?«

»Ja, solche Fälle haben wir öfter, eigentlich sind sie die Regel. Gut, dann schauen wir doch einmal - tja, wo haben wir denn - ah, hier.« Das Gegenüber zog aus einem Fach des Mahagoniklotzes einen Ordner und schlug ihn auf. »Nun schauen Sie doch einfach einmal hier hinein. Über Preise wollen wir jetzt gar nicht reden, wer kann das schon, in solch einem Moment, wo einem das Herz schwer ist und voller Abschiedsgedanken - wer wüßte das nicht besser, als unser Haus. Unser allererstes Bestreben war und wird stets bleiben: den Kunden hinwegtrösten über den erlittenen, schweren Verlust - den auch wir nicht ungeschehen machen können - durch ein faires Angebot, wobei Sie, der Kunde, letztlich entscheiden über Art und Umfang der von uns durchzuführenden Maßnahmen. Doch das alles wollen wir jetzt gar nicht bedenken, schauen Sie einfach nur mal in das Buch, blättern Sie und suchen sich das Ihnen genehme heraus. Wir werden dann später darüber reden. Entscheidend ist doch Ihre Vorstellung von der Bestattung, wir richten sie dann nach Ihren Wünschen aus - ja, blättern Sie nur!«

Der Eingetretene blättert. Alles ganz schön, aber irgendwie nicht - halt, hier! »Das da,« dabei tippt der Finger auf eines der Fotos, »das würde mir gefallen.«

Schräg neigt sich der Kopf des Gegenübers, erkennt das Foto, pflichtet bei: »Sie beweisen viel Geschmack, das war eine unserer schönsten Bestattungen: ein Alfa, erst sechs Jahre alt, eigentlich noch viel zu jung, aber bereits der vierte Kolbenfresser, das geht an die Substanz. Schauen Sie, hier: der italienische Botschafter war zugegen, auf ausdrücklichen Wunsch des Hinterbliebenen. Natürlich war das nicht ganz billig - besaßen Sie je einen Alfa?«

Traurig schüttelt der Eingetretene den Kopf: »Nein, davon konnte ich stets nur träumen. Mein letzter kam aus Frankreich, statt der Schlange trug er einen Bären im Herkunftszeichen -« er blättert weiter, »-war eher was Bequemes. Hat aber auch länger ausgehalten. Wissen Sie, wenn man sich für etwas entscheidet, ist das ja leider gleichzeitig auch immer der Verzicht auf etwas anderes. Was ist denn das - sieht ja aus wie Wasser!« Wieder deutet der Finger auf eines der Fotos, wieder das Kopfneigen des Gegenübers, stolzes Nicken.

»Das, mein Herr, ist eine Seebestattung. Sehr exklusiv! Wir besitzen zu diesem Zweck eine eigene Sandbank, kurz vor Grönland, wird sehr gern genommen. Wahrscheinlich werden wir uns in nächster Zeit nach zusätzlichem Meeresboden außerhalb der Fünfzehnmeilenzone umsehen müssen, es wird schon reichlich eng dort.«

»Sowas machen Sie auch?« Der Eingetretene staunt.

»Nun ja, ich möchte nicht unbescheiden wirken, verehrter Herr, doch Seebestattung ist fast schon ein alter Hut. Die erhalten Sie mittlerweile bei nahezu der gesamten Konkurrenz. Ist stark überlaufen, das Gewerbe, da muß man sich als Spezialbestatter schon ständig um die Entwicklung weiterer Neuheiten bemühen. Wie wäre es zum Beispiel mit einer Feuerbestattung? Sie werden staunen, was sich unser Haus da hat einfallen lassen, einmal abgesehen von der üblichen Hochofenzeremonie -«

»Spannen Sie mich nicht auf die Folter - heraus damit!«

»Darauf sind wir ganz besonders stolz: Feuerbestattung im Vesuv mit anschließendem kleinen Ausbruch, einer Art natürlichem Feuerwerk! Selbstver­ständlich völlig harmlos und durch unsere Spezialisten stets unter Kontrolle gehalten. Nun, was sagen Sie dazu?«

»Nein - nun sehen Sie mich ehrlich verblüfft! Ein wirklich fulminanter Einfall, der Ihnen da gekommen ist, wahrhaftig grandios!« Unschlüssig dreht nun der Eingetretene das Nummernschild in Händen, er druckst etwas herum, dann kann er die Frage, ihm sichtlich auf der Zunge brennend, nicht länger zurückhalten: »Sehen Sie, ich glaube zwar, daß ich mir ein solches Zeremoniell kaum werde leisten können, aber - der Preis dafür würde mich doch sehr interessieren!«

»Ich sehe, Sie beweisen Sinn für das Außergewöhnliche! Momentchen, das werden wir gleich haben: Feuer, Feuer - Feuer Hochofen, Feuer Napalm, Feuer Scheiterhauf... ah, hier: Feuer Vesuv! Erschrecken Sie nicht, mein Herr, aber es ist wirklich eine äußerst beeindruckende Zeremonie, die wir Ihnen da anbieten können: nur Zweihundert­tausend, Mehrwertsteuer bereits eingeschlossen, versteht sich, nichts weiteres kommt auf Sie zu. Alle unsere Preise sind Endpreise.«

»Ach. Nichts weiter. Sieh mal an.« Traurig schaut der Eingetretene auf das Nummernschild in seinen Händen, legt es auf dem Mahagoniklotz ab und bricht unvermutet in Tränen aus. Mit einem rasch hervorgeholten Taschentuch fährt er sich verschämt über die Augen. »Ich wußte, es würde meine Mittel übersteigen, aber ich hätte ihm doch so gerne... der letzte Liebesdienst, den ich ihm erweisen kann - ach, er hätte es so sehr verdient! Schade, aber es geht nicht.« In kaum unterdrücktem Schmerz zucken die Schultern des Eingetretenen.

»Bitte, beruhigen Sie sich doch, mein Herr! Wir könnten - warten Sie - ohne Ausbruch könnten wir es um Fünfzigtausend verbilligt anbieten! Vielleicht kann auch der Herr Botschafter Italiens noch - «

»Der Botschafter Italiens?«

»Ganz recht, wir stehen in enger Beziehung zu ihm, über seine vielfältigen Verbindungen könnte man eventuell -«

Der Eingetretene schluchzt. »Gerade der Ausbruch lag mir doch so am Herzen! Nein, nein, ich sehe schon, ich werde mich bescheiden müssen.« Tapfer beseitigt er letzte Tränenspuren: »Nicht jedem ist letztlich die Erfüllung seines Traumes vergönnt, und sie darf es auch gar nicht sein: wie schnell würde sonst eine solche Zeremonie abgleiten ins Gewöhnliche, Mittelmäßige, ausarten in platte Routine!«

Bekümmert greift er nach dem Schild, will sich resigniert zum Gehen wenden, da hält ihn sein Gegenüber noch einmal auf:

»So warten Sie doch, verehrter Herr! Wenn es allein am Gelde liegen sollte: hier, schauen Sie!« Hastig blättert er das Foto eines vierkantigen Blechklotzes auf, geschmackvoll drapiert mit Chromzierleisten, einer Radioantenne obendrauf und dem künstlerischen Arrangement von vier Alufelgen in Form eines Kleeblattes, schräg an der Frontseite, unsichtbar daran abgestützt. Links und rechts neben der Antenne je eine mächtige, brennende Kerze: »Wäre das nicht etwas für Sie, mein Herr? Unser Standardangebot: inklusive Transport, Preßgebühren, Miete der Dekoration, Abmeldung, Vergoldung des Nummernschildes, zwei letzte Fotos aus dem Sichtwinkel Ihrer Wahl sowie anschließender Verbringung auf den - verzeihen Sie das profane Wort - Schrottplatz. Alles zusammen nur DM 9.999,99! Ein äußerst knapp kalkuliertes Angebot. Schauen Sie sich ruhig um bei der Konkurrenz, Sie werden auch dort nichts finden, das günstiger im Preis wäre. Sie sollten es sich überlegen, mein Herr!«

»Wir haben ihn aus zweiter Hand, er hat nur fünftausend gekostet, damals. Ich glaube, es würde ihm wehtun, wenn er uns nun als Dahingegangener mehr wert sein sollte, als zu seinen Lebzeiten, wo wir nie viel an Geld in ihn stecken mußten - Gott sei Dank. Ach, so treu und anspruchslos diente er uns, ich glaube nicht, daß wir ihm dies nun antun sollten; nein, lieber nicht.«

»Aber selbst die staatlich festgelegte Entsorgungsgebühr beträgt doch bereits sechstausend Mark!«

»Eben«, sagt der Eingetretene wehmütig, nimmt das Nummernschild vom Maha­goniklotz und wendet sich zur Tür, die sich auch aus dieser Richtung von selbst öffnet. Allerdings ohne sanften Gong. In der Tür dreht er sich noch einmal um: »Verzeihen Sie, daß ich Ihre überaus kostbare Zeit so lange beanspruchte. Doch eine Standardbestattung bringe ich einfach nicht übers Herz. Leben Sie wohl.« Den Hut ziehend, tritt er hinaus.

Die märchendunkle Nacht darauf verbirgt den Hinausgetretenen unter der hochgeklappten Haube eines Motors: dicht darüber gebeugt, feilt er seinem am Straßenrand abgestellten Autowrack sämtliche verräterischen Nummern aus den metallischen Organen, verstreut blühender Rost erleichtert ihm beträchtlich das Geschäft. Vorher hat er sich noch einmal vergewissert: unter den zahlreich gleichartig am Straßenrand zur letzten Ruhe abgestellten Rostlauben schien es gar nicht so einfach, die eigene mit letzter Sicherheit auszumachen. Der winzige Teddybär jedoch, bewegungslos am Rückspiegel hängend, die Knopfaugen auf ihn und die Feile in seiner Hand gerichtet: natürlich nimmt er auch den mit.Nichts mehr soll an sechsundzwanzig gemeinsam verbrachte Jahre erinnern - jedenfalls nicht die Polizei. In den nächsten Wochen wird ein Abschleppwagen kommen, und die Bestattung vollziehen. Seinen Anteil - glaubt er - hat er über sechsundzwanzigjährige Steuern bereits gebührend entrichtet. Und der Teddy baumelt längst an einem anderen Rückspiegel.

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Dem einen oder anderen Zeitgenossen wird mein Steckenpferd ein wenig ungewöhnlich erscheinen: ich teste Bücher. Nun, das tun Kritiker auch - aber nicht, wie ich, in der Mikrowelle.

Alles begann damit, daß ich Frank Wedekinds Tagebücher las, vom Verlag als hocherotisch im Klappentext gepriesen, dabei handelte es sich um eine Ausgabe als Taschenbuch, die für gewöhnlich keine Klappe besitzen. Die Rückseite des Einbandes mußte dafür herhalten. Auch wieder falsch: da ein Taschenbuch nicht gebunden sondern geklebt ist, weist es keinen Einband auf, das Wort Einkleb aber existiert nicht. Nehmen wir also an, der Klappentext, der keiner war, befand sich auf der Rückseite des Einbandes, der auch keiner war. Doch ich schweife ab.

Vor mir das Tischchen mit gedrechselter Standsäule, die in drei Löwentatzen ausläuft: italienisches Rokokoimitat, Nußbaum mit maschinell geschnittenen Intarsien, bisweilen kippelt er. Dafür war er spottbillig. Darauf ein Fläschchen Bier, Wedekinds Erotika trocknen entschieden den Hals aus. Vor Tisch und Bier nun ich im Sessel, etwa einen halben Meter entfernt. Eine Armeslänge, wie man so sagt.

Wedekind langweilt sich gerade wieder im Hofbräu, und ich bekomme Durst. Weil nämlich: wenn er im Hofbräu sitzt, spielt sich zumeist nichts ab, da er diese Einträge in seinem Tagebuch erfahrungsgemäß nur dazu nutzt, einigen Abstand zwischen seinen wirklichen erotischen Visionen zu schaffen. Wie zum Beispiel: dem Fräulein [...] endlich das lang herbeigesehnte Sonett zu schreiben - was er dann doch nicht tut. Mit den Ausreden diesbezüglich kommt er jedoch wieder über eine Strecke von mindestens fünf Tagen. Da er ziemlich oft im Hofbräu ist, quält mich angemessen oft der Durst. Nun:

Er hockt wieder dort. Mein Griff zum Fläschchen auf dem Tischchen mit den Augen noch im Buch mündet allerdings in die unerwünschte Situation, daß ich daneben greife und die halbvolle Flasche fast umwerfe. Fast, denn erst schwankt sie ein wenig und schäumt geschüttelt über den Wedekind, dann auch über das italienische Rokokoimitat, lehnt sich bedenklich weit über ihren gewöhnlichen Schwerpunkt hinaus, wäre aber wohl doch noch zurückgekehrt, hätte ich nicht so überhastet nachgegriffen - um nun allerdings, vollends dazu ermuntert, bis in die Tiefen des Bücherregals hinein zu spritzen: das hätte er in seinem Tagebuch beschreiben sollen!

Ich: Daumen drauf, eilen, Lappen holen, wischen, immer das Buch in Händen. Es hat einiges abbekommen und ist - nun ja - durchweicht. Von Seite achtund­neunzig bis zum Schluß. Und den habe ich noch nicht einmal gelesen, vielleicht wird es da ja endlich, wie im Klappentext beschrieben, spannend. Was tun?

Nun, ich tat folgendes: wischte mit dem Lappen über besonders betroffene Seiten des Buches, was kaum half, da er voller Bier war. Man müßte es trocknen, kam mir in den Sinn... und schon war die Idee geboren: von unsichtbarer Hand geleitet, tat ich es in die Mikrowelle (zweieinhalb Minuten bei 700 Watt) und wartete ab -

Anfangs quoll es ein wenig auf, dann, nach einer Minute fiel es abrupt in sich zusammen, während der Drehteller es unermüdlich kreisen ließ, und dazu die 700 Watt des Thyratrons anfeuernd brummten. Alles, was an Saft in diesem Buch war, wurde ausgekocht und gleichsam verdampft, und ich - ich sah gebannt zu, wie der sich zäh erotisierend gebärdende Wedekind langsam verbrutzelte. Bei zwei Minuten hatte das Buch einen Orgasmus, kurz bevor sich die Seiten jedoch bräunlich verfärben konnten, machte es: kling, und ich nahm es heraus. Ließ es jedoch augenblicklich fallen - so eine heiße Lektüre aber auch!

Der Einband (wir einigten uns auf Klebung) löste sich auf. Einzelne Seiten raschelten zu Boden, die Hofbräuszenen hingegen hafteten zäh aneinander. Vom Deckel löste sich der Kunstharzlack und gab den Rückseitenklappentext frei, dessen einzelne Lettern nun mit dem Fingernagel beliebig verschiebbar waren. Wie auch den Titel auf der Vorderseite: aus frank wedekind, die tagebücher wurde: frida keddbenk, wie nagetücher. So gefiel mir das Buch. Alles, was zuvor keinen Sinn ergab, fügte sich urplötzlich zu einem ungeheuer dichten Drama (die verklebten Hofbräuszenen!), das an den Urpfosten der Menschheit rüttelte: das Nagen des Individuums am Hungertuch der Seele, des Wissens und der kümmerlichen Vollendung seines masochistischen Wollens und Uneinsseins mit brutal tätiger Welt (Bier umkippen!) - eine grandiose Erfahrung!

Wissen Sie was? Nacheinander grillte ich Homer, Petrarkas und Hölderlin. Einzig Hölderlin fiel aus dem Rahmen, indem er nach zwölf Sekunden verglühte und lediglich ein Häuflein kohlender Asche hinterließ. Homer und Petrarkas lagen wie Steine auf dem Drehteller und veränderten sich nicht. Oder nur unwesentlich: sie schienen mir nach dem kling! ein wenig aufgebläht.

Nun hatte es mich gepackt, ich mag es nicht verhehlen: in der Folge versuchte ich es mit Charles Bukowski, Henry Jäger und Thomas Gottschalks Memoiren - und war enttäuscht. Bukowski ließ nach zweieinhalb Sekunden einen Rülpser los und rührte sich danach nicht mehr. Henry Jäger, ja: der hieß mich hoffen, indem sich das Papier anfangs brodelnd verdichtet zu einer Mauer aufschichtete. Die nach einer knappen Minute jedoch bröckelte und jäh in sich zusammenfiel. Gottschalk - ein Mißerfolg, ich mag gar nicht daran denken. Nach zweieinhalb Minuten und dem kling! hatte sich nichts verändert. So wahr es hier steht: Nichts. Alles glatt wie zuvor. Vielleicht hätte ich ihn zuvor ein bißchen anfeuchten sollen.

Ich versuchte es mit einem Sachbuch: Hilf dir selbst, sonst hilft dir niemand - kein Aufbäumen des Papiers, saftlos, Journalistenscheiße im Quadrat, es krümmte sich kaum. Der Autor - scheint's - hatte sich im Inhaltsverzeichnis bereits verausgabt. Bei Grass, Böll, Hesse, Dürrenmatt, einem Exemplar der G.C.Lichtenberg'schen Sudelbücher, Heine, Schopenhauer, Rosendorfer und Loest: ja, da tat sich was! Ernsthaft blieb das Papier zu Beginn liegen, dann blätterte es sich auf, entblätterte sich sozusagen, blieb die vollen zweieinhalb Minuten offen für alles, um beim kling! einen Seufzer loszulassen: ach, man hätte doch so gerne noch dies und das... aber, meine Herren: wissen Sie denn nicht, daß dafür kaum je ein Leben ausreicht?  (Schreibende Damen möchte ich keineswegs ausschließen, doch sind mir die zu geradeheraus: ich habe noch keine Dame gelesen, die zweifelte. Weder an sich noch der Welt. Deshalb kommt auch keine in die Mikrowelle. Jedenfalls nicht in meine. Bitte um Verzeihung.)

Knaurs Lexikon gebärdete sich bescheiden: es wurde nur lauwarm. Der Brockhaus (Band fünf bis acht, vom Flohmarkt) hingegen heiß. Die Bibel - würde ich ja gerne mal auf dem Altar der Mikrowelle testen, bräuchte für den Folianten aber mindestens zweitausend Watt: für jedes Jahr der Geschichte, an das die Kirche Hand gelegt hat, eines. Und zusätzlich noch einen Grill für Päpste, Petrus und Propheten – mit Oberhitze, ich kann Ihnen sagen: die würden schmoren!

In Ewigkeit, Amen.Hab mich bislang aber nicht getraut. Ich weiß nicht, wer mir das Ding hinterher wieder repariert.

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Das Prinzip scheint simpel: eine beliebige Person agiert vor einer blauen Wand und wird mitsamt dieser von einer Videokamera gefilmt. Später, in der Technik, wird alles Blau - der vormalige Hintergrund der aufgenommenen Person - auf elektronischem Wege aus dem Film herausgelöst und durch wilde, wunderbare oder auch nur unglaubliche Bilder ersetzt: die gefilmte Person, herausgestanzt aus dem Blau, umgibt als Ersatz für dieses eine neue, nie so erlebte Umgebung. Lebt, spricht, leidet oder jubelt in einer Sphäre, an die sie keine natürlichen Erinnerungen binden: es sind die eines Kamera­mannes, der die sie neuerdings umgebende Realität irgendwann einfing, vielleicht unter Gefahr für Leib und Leben - möglicherweise seines eigenen; das jedoch ohne sie: die Person, die nun in einer vollständig anderen Szenerie agiert, die niemals Teil ihres eigenen Erlebens war.

Oh doch, das ist technisch bereits seit langem möglich und wird oft im Fernsehen angewandt - viel öfter als man denkt. Neu ist es nur hier auf der lärmenden Herbstkirmes.

Karl Imhoff ist ein einfacher Mann: Schlosser, mit schweren Händen. Als er die Jahrmarktsbude betritt, geschieht es aus purer Neugierde. Draußen zeigt ein Großbildmonitor, wie drinnen kreischende Leute von Löwen und Tigern zerfetzt, von Dampfloks zerquetscht und von schwarzgekleideten Mafiosi mit Maschinen­pistolen durchsiebt und zerlöchert werden - und dennoch behalten sie ihr aufgeregt glückliches Jahrmarktsgesicht bei. Ein Erlebnis, das auch er jetzt haben muß: einmal im Mittelpunkt stehen, auf den Monitor nach draußen übertragen werden - zehn Mark. Das ist es ihm wert, allemal.

Wir wissen nicht, was sich drinnen abspielte, was er erlebte, in welche Szene er einkopiert oder aus welcher er herausgeschnitten wurde. Wir sehen ihn nur wieder herauskommen: das Gesicht verschlossen, die Brauen gefurcht. Tief eingegraben über der Nasenwurzel eine mißbilligende Furche, so tritt er zum hinteren Ausgang heraus aus der Leinwand des Zeltes, den Blick finster über das vielfältige Geschehen um sich herum schweifen lassend. An einem Hau-den-Lukas-Stand nahebei langt er nach dem langstieligen, schweren Hammer, wie beiläufig.

Oh ja, der Schlosser Karl Imhoff weiß gut mit diesem Werkzeug umzugehen. Hoch über die Schulter ausschwingend, holt er Schwung, blickt weder rechts noch links, läßt mit Macht den Hammer niedersausen, wie von selbst trifft dieser genau den kleinen Eichenklotz, der über ein Gelenk den Puck in die Höhe schnellen läßt: hast du nicht gesehen, prescht das Ding die Skala hinauf, läßt auf Zweidritteln seines Weges ein helles Glöcklein erklingen und zwingt das geschnitzte Purzel­männchen am oberen Ende des Lukasturmes zu dreimaligem Reckaufschwung. Eigentlich hätte er jetzt eine Papierrose gewonnen. Doch daran scheint ihm kaum gelegen; so wenig wie am aufklingen­den Applaus der Umstehenden.

Sacht legt er den Hammer zurück, fast zärtlich. Während um ihn her der Jahrmarkt blökt und karriolt, gräbt er sich durch die Menge, die gaffend den Lukas umstellt. Immer noch teilt diese steile Falte über der Nase seine Stirn: der Schlag mit dem Hammer scheint ihm kaum Erleichterung verschafft zu haben.

Im Bayernzelt nebenan bestellt er ein Bier. Weicht geschwind der Lache einer Maß aus, die eine schunkelnde Menschengirlande vom Tisch stößt, unter grellem Lachen, das die Trompeten der Blasmusik vorwegnimmt: er gehört nicht dazu. Nicht mit diesen finster zusammengezogenen Brauen, die sich nur kaum merklich enger stellen, als das Bier neben ihm auf die Holzbank tröpfelt. Mit der zerknüllten Serviette vom verlassenen Teller eines Schweins­haxen­essers putzt er es weg, notdürftig und offenbar gleichmütig, legt anschließend die Serviette wieder zurück auf den Teller zu dem abgenagten Knochen. Er trinkt sein Bier, wischt sich den Mund, schaut finster in die Runde und hockt auf der Bank. Hockt auf der Bank, bis er sein Bier getrunken, das Glas bis zum letzten Tropfen geleert hat, dann steht er auf und geht. Den Krug nimmt er mit.

Zu Hause erschlägt er damit sorgfältig erst seine schlafende Frau und dann das dreijährige Töchterchen im Kinderbett, von dem er denkt, daß er es alleine nicht wird durchbringen können. Nun erst glättet sich die Falte über seiner Nase, beginnen seine Hände zu zittern, wird ihm klar, daß er etwas Unwider­rufbares getan hat: die eiskalte blaue Tapete über dem Ehebett, von dieser Frau gegen sein Empfinden ausgesucht und durchgesetzt, dieses schändliche Blau von der zänkischen Stimme zu befreien, die nächtens darin Nester zu bauen suchte und ihm das Leben zur Hölle machte: Was bist du wert, Karl Imhoff, hatte sie gefragt, wenn du noch nicht einmal unter dem Blau des Himmels eine Frau zu beglücken imstande bist?

Oh ja, beglücken - der blaue Himmel, der echte, natürliche: da hatte sie immer gesagt: Nicht hier, nicht jetzt, jeder kann uns zuschauen. Was denkst du denn, wer du bist? - Ja, was dachte er wohl, wer er war? Jedenfalls nicht einer, der im düsteren Schlafzimmer unter diesem verflucht frostig blauen Tapeten­himmel einer sich stets zänkisch und nörgelig gebenden Frau Erfüllung zu schenken vermochte. Er, Karl Imhoff, war Schlosser und kannte sich aus mit metrischen Gewinden, Schweißnähten und Zangen und Hämmern, nicht jedoch mit unerfüllten oder unerfüllbaren Wünschen. Blaue Wölkchen über dem Ehebett, ihre Sehnsucht - er wollte eine Frau, die für ihn begreifbar war.

Nun färbte ihr Blut allmählich die weißen Laken. Ich werde die Polizei rufen müssen, dachte er. Rot - eine Farbe, die sie gar nicht mochte. Und daß er sie erschlagen hatte, begriff er noch immer nicht. Am meisten aber tat es ihm um seine Tochter leid, die er um alles geliebt hatte. Er gedachte ihrer wasserhellen Augen und begann zu weinen. Nichts war rückgängig zu machen, kein Tun so beliebig mehr wie vor der blauen Wand der Kirmesbude - Wirklichkeit, wie hatte er das nur verwechseln können!

Außerhalb des Jahrmarktes, gestand er sich ein, ist alles und jedes Wirklichkeit. Zu spät. Willig hielt er dem Polizisten die Arme hin, doch der war angesichts der Leiche auf dem Bett nur entsetzt, stammelte etwas zu seinem Kollegen; ja, es gibt Polizisten, welche - direkt aufdrängen mußte sich der Schlosser Karl Imhoff, bevor sie ihn von hier, der blauen Tapete über dem gräßlich roten Blutfleck im Schlafzimmer, der einmal seine Frau war, fortführten. Das Kinderzimmer hatte er ihnen noch gar nicht gezeigt. Elend fühlte er sich, als er sich eingestand, nichts könne diese kleine rosige Leiche entschuldigen.

»Hören Sie, ich muß Ihnen noch etwas zeigen«, begab er sich in das Entsetzliche, das er auch jetzt noch kaum begriff. Derweil lärmten weitab der Jahrmarkt und diese Bude, und auf deren Monitoren wurden weiter Personen aus Blau herausgestanzt und dieses Blau durch Leben ersetzt - fürchterliches Leben. Und der Schlosser Karl Imhoff ahnte leise, daß dieses fürchterliche Leben von nun an sein eigenes sein würde. Da verfluchte er diese Bude und seinen Wunsch, für einen lumpigen Zehner einmal selbst in deren Mittelpunkt zu stehen.

Wer denkt schon bei der Farbe Blau an Totschlag - geschweige denn an eine Verbindung zu seinem eigenen Leben - und letztendlich an Handschellen.Wer?

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