Home
Geschichten
Reiseberichte
Mallorca
Russland
Ukraine
Westchina
Rund um den Ararat
 
   
 



Köln - die Crew1. Tag: So, 26.08.07. Der Flieger von Köln geht um 20:05 Uhr, es ist kurz vor Sechs. Unser Flug – mit Tyrolean Airways nach Wien – wurde am Lufthansa-schalter abgefertigt, die Koffer sind aufgegeben. Reichlich Zeit also, noch ein wenig zur Aussichtsterrasse des Flug­hafens hochzusteigen. Das stürmische Wetter macht Lust auf baldigen Abflug in den Süden.

Köln, FrachtterminalAm Fracht­terminal stehen die Maschinen in Reih und Glied, um beladen zu werden: DHL, Lufthansa Cargo, UPS, Maersk usw. Sonst ist ziemlich tote Hose. Ab und zu startet ein City-Hopper. Als unser Flug aufgerufen wird, haben wir bei Gosch-Sylt zwei Fischsnacks, ein Bier und eine Weinschorle in uns – etwa in dieser Reihenfolge. Gosch ist wie Nordsee, nur mit Weißwein. Und am pizzenpreis- und segafreddogenormten Airport Köln der preiswerteste Anbieter.

Die Tyroler heben ziemlich pünktlich zweistrahlig ab. Überraschung bei der Landung in Wien: am Flughafen Schwechat ist das Bier erheblich billiger als in Köln. Und schlechter. Doch das ist Ansichtssache. Um 22:30 Uhr geht es weiter nach Jerevan, besser bekannt als Eriwan, Radiostation und nebenbei Hauptstadt von Armenien. Das geht etwa so:

Frage an Radio Eriwan: "Kann man als guter Kommunist auch ein guter Christ sein?"

Antwort: "Im Prinzip ja, aber warum wollen Sie sich das Leben doppelt schwer machen?"

2. Tag: Mo, 27.08.07. Mit diesem Witz stimmt uns Nara über das Bordmikrofon ein, als Musul den kleinen Bus vom Flughafen Zvartnots durch das nächtliche Jerevan, vorbei an zahlreichen flackernden Spielhöllen für neureiche Russen, zum Hotel Regineh steuert. Nara wird während der nächsten sieben Tage unsere Reiseleiterin in Armenien sein, Musul Fahrer und Diskjockey am Kassettenteil des Autoradios. Er ist ein gutmütiger Bär, der Alles für Jeden tut. Auch Nara, um die Vierzig, ist so, anders als Musul jedoch in einem vom Lieben Gott sehr weiblich gestalteten Körper beheimatet, dem man gerne mit Blicken folgt.

Früharmenische Christensymbole im Kloster GeghardDer Witz also: er ist gar keiner. Die armenischen Christen berufen sich auf die frühe christliche Missionierung der Apostel Thaddäus und Bartholomäus im ersten Jahrhundert, weshalb sich die armenische Kirche auch apostolisch nennt. Sie gilt als die älteste Staats­kirche der Welt. Und kommunistisch? Ja, das war das kleine Land am Südhang des Kaukasus auch. Fast siebzig Jahre lang. Vielleicht mit der Einschränkung, daß es ein anderer Kommunismus war als der stalinistische, der es bis in die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit der Sowjetunion verband.  Seither hat das Land allerhand verkraften müssen, seien es das Erdbeben von 1988, der Krieg mit Aserbaidjan um Berg-Karabach Ende der 80er und zu Beginn der 90er Jahre wie auch Wirtschaftsblockade und politische Iso­lierung bis zur Mitte der 90er Jahre. Erst langsam kommen Wiederaufbau, Neuorientierung und tastende Versuche friedlicher Koexistenz zu seinen Nachbarstaaten in Gang. Mangelnde Energie­lieferungen, fehlende Arbeitsplätze und schlechte Versorgung lassen den ohnehin unter schwierigen Bedingungen lebenden Menschen wenig Hoffnung. Ein Schicksal, das es mit anderen Ländern in dieser ewigen Krisenregion, dem mittleren und nahen Osten, teilt.

Im Hotel stellen wir die Uhren drei Stunden vor und hauen uns erst mal aufs Ohr. Frühstück hatten wir im Flieger, was drängt sind Rasur und Toilette. Diesbezüglich ist das Hotel in Ordnung. Von der Terrasse vor dem Zimmer um 06:30 Uhr ein erster Blick auf die erwachende Stadt: das Wetter bedeckt, aus Smognebel tauchen einzelne Gebäude auf, noch hat man keinen stimmigen Eindruck von ihr. Es mag auch an der trüben Witterung liegen. Jenseits der Grenze, schon auf dem Boden der Türkei, zum ersten Mal ein vages Auftauchen des heiligen Berges der Armenier, nur ein verschwommener Eindruck. Oben auf dem Gipfel, der durch den Nebel sticht, ahnt man ein Sahnehäubchen ewigen Schnees. Dort war auch einmal Armenien.

Warum reizt uns dieser Berg, der sich - weltweit einzigartig - aus topfebener Landschaft zur vollen Höhe von 5.165 m reckt und deshalb mit einigem Recht als höchster Berg – im Vergleich zu seiner Umgebung - der Welt bezeichnet werden könnte? Im Ersten Buch Mose, der Genesis, heißt es im Vers 8,4: „Und im siebten Monat, am siebzehnten Tag des Monats, ließ sich die Arche auf dem Gebirge Ararat nieder.“ Glaubt man der Schrift, wurde die Menschheit hier, am Berge Ararat, ein zweites Mal geboren. Ein guter Grund, die Gegend zu bereisen, denke ich.

MonumentAm späten Vormittag holen uns Nara und Musul zur Stadtbesichtigung ab. Es gibt heroisch martialisches zu sehen: das in keinem Reiseführer aufgeführte Monument „50. Jahrestag sowjetisch Armeniens“, eine Betonnadel hoch über der Stadt, stechend aus einer schlüpfrig kalten Betonfläche, gemildert einzig durch die feiste Bronzegestalt eines römi­schen Kriegers, der nackt und behelmt davor irgend etwas Mächtiges darstellen soll, aber wie ein in Erz gegossenes Reifenmännchen der Firma Michelin wirkt. Das jedenfalls legen die glänzenden Muskelringe um seinen Körper nahe; diese Figur eines italienischen Künstlers ist neueren Datums als die Sowjet­anlage. Von hier schaut man direkt hinunter über die seit mehreren Jahren im Bau befindliche Kaskade auf die rundliche Oper der Stadt. Im weiten Maul eines Schachts unter der Kaskade glimmen Lichter. Dort wird an ihr weitergewerkelt, irgendwann wird sie wohl fertig werden.

matj rodinaNebenan der Haghtanag Park. Darin aus dem Nebel aufsteigend die übliche Figur der militanten „matj rodina“ aller ehemaligen Sowjetrepubliken: der „Mutter Heimat“, entweder aus schwerem, schwarzem Stein oder blankem Nirosta-Stahl, immer aber mindestens 50 Meter (und mehr) aufragend. Schwert, Kalaschnikow oder Panzer zu Füßen dieser Dame waren stets adäquate Mittel zur Illustration der friedliebenden Einstellung der betreffenden Völker. Okay, man mag sie nicht mehr, hier wie andernorts, aber sie sind solide errichtet, so daß sie vor den nächsten zweihundert Jahren kaum zerfallen werden. Es sei, man sprengte sie. Keine schlechte Idee, sagt Nara und hat hierfür meine Sympathie. Von hier oben macht die Stadt einen sozi­alistisch grauen, verschlossenen Eindruck. Kann aber sein, daß es nur das trübe Wetter ist, das mir aufs Gemüt drückt und sie deshalb so färbt.

 Wir fahren hinunter, in ihr Zentrum. Am Republikplatz, steigen wir aus. Er nimmt eine Fläche von 14.000 m² ein, seine Gestaltung begann 1926, Lenin selbst beobachtete auf dem damals nach ihm benannten Platz die Bautätigkeit. Heute sammeln sich hier in einem weiten Bogen die roten Tuffmauern des Hotels Armenia, im Südosten das Postamt, im Osten und Westen des Platzes Außenministerium und weitere Regierungsgebäude. Die Nordseite des Platzes nimmt das höchste Gebäude ein, welches das Historische Museum und die staatliche Gemäldegalerie beherbergt. Vorerst fahren wir daran vorbei, Musul kennt im Osten der Stadt eine besonders günstige Wechselstube, das Museum werden wir morgen besichtigen. Nach Geldwechsel und einigen Fotos geht es nach Geghard, zum Höhlenkloster, und weiter zum Sonnentempel in Garni. Die nicht sonderlich spektakuläre Landschaft auf dem Weg dorthin besteht aus baumlos bis zu den Kuppen mit dürrem Gras bewachsenen Berghängen, auf denen versprenkelt Vieh weidet.

Kloster GeghardDie Klosteranlage liegt am Ende einer Schlucht, die das Flüßchen Azat über Jahrmillionen hinweg in den Fels gebissen hat. Sie wurde vermutlich um das vierte Jh. unter dem Namen Ajrivankh, also Höhlenkloster, gegründet, der Legende nach vom heiligen Grigor selbst, dem Erleuchter. Von Weitem ist sie kaum vom ragenden Fels, der sie umgibt, zu unter­scheiden; natürlich, ihr Baumaterial stammt ja aus der Umgebung. Erst hier, in der Schlucht, wieder ein wenig Grün, zumeist Buschwerk, aber auch wuchernde Akazien.

Vor dem Tor der Anlage linkerhand eine Nische im Fels mit fünf rechteckig in den Stein gehauenen Höhlungen. Ein hochgeworfener Kiesel, der in einer dieser Höhlungen liegen bleibt, bringe – so heißt es – dem Werfer Glück. Meiner bleibt liegen. Allerdings erst beim siebten Kiesel. Gilt das noch? Nara äußert sich diplomatisch: Nun ja ...

Die Felskirchen im Kloster bekommen wenig Licht von außen, sie wirken düster und bedrückend. Auch flackernde Kerzen und ein hindurcheilender Geistlicher im vollen Ornat vermögen nicht viel daran zu ändern. Unter Ausnutzung natürlicher Höhlen sind sie in den Fels gehauen, sogar eine Quelle entspringt in einer dunklen Seitennische und macht den Boden rutschig. Licht in das dämmerige Dunkel bringen für kurze Augenblicke nur die Blitze digitalknipsender Touristen. Schön, man muß sagen, daß dies schon vor Grigori eine heidnische (Quellen-) Kultstätte war, und er sie nur wenig verändern durfte, um die zu Bekehrenden einerseits nicht zu verschrecken, andererseits aber vom Christentum zu über­zeugen. Nichts mag der Mensch weniger als zu raschen Umbruch seiner Gewohnheiten. Ich bin froh, als ich wieder draußen bin.

Beeindruckend die filigranen Zeichnungen im Portal der Hauptkirche und den Kreuz­steinen, die dahinter auf einer kleinen Felserhebung stehen. Diese Kunstwerke, armenisch Khatschkar genannt, sind steingewordene Gebete und eine Eigenheit des alten Armenien. Nara ermahnt uns, nicht – was naheliegend wäre – von Steinkreuzen sondern Kreuzsteinen zu sprechen. Diese, manchmal detailverliebt wie preziöse Gemmen geschnitzt, wurden immer dann ange­fertigt und aufgestellt, wenn es galt, die Erinnerung an einen Menschen oder ein wichtiges Ereignis wach zu halten. Wegen ihrer Inschriften, die oft Stifter, Steinmetze und Ereig­nisse nennen, sind sie steingewordene Dokumente der Geschichte des armenischen Volkes. Beschämend, daß in den umliegenden Ländern Georgien, Aserbaid­schan oder Türkei, bis wohin sich zu Zeiten das armenische Reich erstreckte, viele dieser Geschichts­zeugnisse un­wieder­bringlich zerstört wurden. Geleitet von Haß, den Menschen selbstverliebt ge­gen jedwedes Neue und Anders­ar­ti­ge hegen. Armenier einge­schlos­sen, das werden wir in Igdir, Anatolien, später noch sehen.

Musiker mit DudukAuf dem Weg zurück zum Bus zwei Musikanten im Schatten eines Wal­nuß­baumes: die Duduk, welche der eine spielt, bezieht ihre schnarrend näselnde Stimme aus dem Doppel­rohrblatt in ihrem Mundstück. In Verbindung mit einem zweiten Instrument, der Sam, die einen tiefen, lang­an­hal­tenden Bordunton spielt, löst sie oft Assoziationen von Melancholie, wenn nicht gar Trauer aus. Musul in seinem Bus holt all dies aus dem bordeigenen Casettengerät, das er vielleicht liebevoller bedient als die langweilige Gangschaltung sowie Kupplung und Bremse seines Gefährts, mit Hilfe deren er uns nach Garni bringt.

Sonnentempel in GarniHier steht auf einem dreieckigen Vorsprung der Hochebene der Sonnentempel, im ersten Jh.n.Chr. im griechisch-römischen Stil unter dem armenischen König Trdat I. errichtet. Sogar Tacitus erwähnt ihn in seinen Annalen. Auf mich wirkt er langweilig. Und zwar langweilig im Vergleich zur Landschaft ringsumher, in der er steht – hier schuf Gott sich selbst mit Hilfe von Witterung und Wassern des Azat nämlich einen Tempel, der keinen Vergleich mit Menschen­bau­ten scheuen muß! Steil wie Orgelpfeifen ragen die Basaltsäulen aus dem Flußbett des Azat empor, Pappeln umstehen seine Ufer, dahinter klobige Felstische und –bänke, die ein in heutigen Zeiten vor sich hin mäandernder Bach zu rauen Urzeiten hinterließ. Der Tempel? Nun ja, recht schön. Man hat sowas schon gesehen. Akropolis etc. Er wurde 1679 bei einem schweren Erdbeben zerstört und erst 300 Jahre später, Mitte der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wieder aufgebaut. Was man sieht, ist also höchstens 40 Jahre alt. Aber diese Landschaft!

Hier standen einst Palast und Festung der Asarkiden. Wir besichtigen auf dem Gelände noch ein antikes Badhaus mit Bodenmosaiken und einem vergessenen Blechschild vor der Tür, auf dem ich in kyrillischer Schrift die Wörter banja und  gaßudarstwennija ausmache – russisch etwa: staatliches Bad. Dagegen aber sollten nun alle Armenier, Georgier, Aserbaidschaner, Türken und Iraner protestieren: dieses Schild eines hier nicht mehr präsenten Usurpators muß man der Erde entreißen, es zerstampfen! So allein ereignet sich Geschich­te. Ehrlich. Andererseits: Armeniens Grenzen zum Iran werden immer noch von russischen Truppen geschützt, dort sind sie sehr präsent, doch man haßt sie.

Armenisches MittagsmahlDas verspätete Mittagessen nehmen wir in einer Gartenwirtschaft in Garni ein. Ein knappes Dutzend teetrinkender Männer am Eingang beobachtet unseren Einzug. Dieses Restaurant ist ein zauberhafter Ort, wo Schildkröten und Gänse sich durch Farn­dickichte quälen, Gäste an langen Tischen tafeln und junge Mädchen des Hauses, mit Köstlichkeiten beladen, diese an den Tischen absetzen. Das sind: gegrillte Hackfleisch­spieße, gebackene Auberginen, roh angerichtete Tomaten, Gurken und Zwiebeln, verschie­dene Kräuter wie Dill, Petersilie oder Minze, dazu geröstete Kartoffeln und Berge frisch gebackenen Fladenbrotes, Lavasch genannt. Es wird hier, an die Innenwände eines Erdofens (Tonir) geklebt, noch selbst gebacken, hält sich ewig und wird – wenn nicht frisch -  kurz vor dem Verzehr wie Bügelwäsche mit etwas Wasser besprenkelt. Ich will es so sagen: Das Essen war gut und reichlich, und man sollte, bevor man die Waffen streckt, von allem wenigstens probiert haben; doch irgendwann ist es genug, wir sind alle keine Zwanzig mehr, wo man noch unbekümmert reinhaut. Wir: das ist unser kleines Grüppchen, bestehend aus drei Ehepaaren und zwei Einzelreisenden. Dazu noch Nara und Musul. Und wir sind alle satt.

Ein hochprozentiger, doppelstöckiger Maulbeerschnaps jedoch, den das Haus aus nahe­liegendem Grund an unsere Reiseleiterin stiftete, und den sie uns überließ, war rasch noch vertilgt. Quasi als Medizin und Digestiv. Man kennt den Spruch: das bißchen, das ich noch eß, kann ich ebensogut trinken.

Masten - Radio Eriwan?Zurück in Jerevan mußten meine Zweitbeste und ich uns den Speck ablaufen. So sagt man wohl, wenn man zuviel gegessen hat. Oberhalb des Hotels führte ein Steig durch sandige Hohlwege, vorbei an riesigen Antennen, die von Gittermasten seltsame Gebilde ins All reckten. Radio Eriwan? Vielleicht. Wozu sind Antennen sonst schon gut. Dünne Rauchfäden zogen aus dem Rost, auf dem zwei bärtige Gestalten Schaschlik grillten. Sie luden uns ein, aber wir hatten ja bereits reichlich gespeist, lehnten daher dankend ab.

Die kleine Kapelle, darin einige verblichene Bilder, die Jungfrau Maria in falschem Gold, Spuren von gelbem Kerzenwachs, das in ganz Armenien allgegenwärtig ist – eine Notiz am Weg. Im Hotel, auf der Terrasse vor dem Zimmer, wieder Ausschau nach dem Ararat: ist er sichtbar? Mal sagen: Er scheint so durch. Nicht richtig sichtbar. Nein, nicht richtig. Auch heute nicht. Warten wir etwa auf ein Phantom?

Nachts, als wir längst im Bett liegen, geht draußen ein leiser Wind. Ein schwebender Ton streicht durch das Tal, zwischen uns und dem eisernen Fernsehturm auf der gegenüber­liegenden Anhöhe - wie zart angestri­chenes Katzengedärm einer Geigensaite, er läßt mich nicht zur Ruhe kommen. Heute mor­gen, nach zermür­bend verbrachter Nacht, sagt mir pure Logik: Es war das durchs Tal hängende Hoch­span­nungs­kabel der Energieversorgung, auf dessen Kupfer der Nachtwind pfiff und geigte. Oder?

Definitiv: Radio Eriwan3. Tag: Di, 28.08.07. Wir besuchen das Matenadaran, altarmenisches Wort für Biblio­thek. Das wuchtige Gebäude liegt nördlich des Zentrums am Ende des Maschtots-Bou­le­vards. Ein weiter Treppenaufgang führt zu ihm hinauf, auf deren mittlerer Ebene er selbst sitzt, in Stein gehauen: Mesrop Maschtots’ rechte Hand weist auf eine steinerne Tafel mit armenischen Lettern, die linke jedoch die Stufen hinauf zum Eingang der berühmten Aufbewahrungs­stätte armenischer Handschriften. Zu seinen Füßen ein Jünger, Koriun, denn Mesrop war Mönch, bevor er berufen wurde, eine armenische Schrift zu schaffen. Diese, eine phonetische Schrift, unterschied 37 Laute, d.h. 7 Vokale und 30 Konsonanten, daneben eine Reihe von Diphthongen, also Doppellauten. Allein schon vom Schriftbild fällt uns Westlern, die wir eher das sparsame Cowboyenglisch eines George W. Bush gewohnt sind, das Armenische schwer.

Oben im Museum liegen sie nun: kostbare Miniaturen und illuminierte Hand­schrif­ten, Hymnarien und Musikbücher; erstaunlich auch die interessanten naturwissenschaftlichen Manuskripte mit ihren Kalendarien oder die medizinischen mit präzisen Darstellungen von Heilpflanzen. All das so fulminant leuchtend, als hätten Mönche es erst gestern gepinselt.

Der Ausstellungssaal zeigt nur einen Bruchteil des Inventars, insgesamt rund 25.000 Manuskripte. Auch die größte armenische Handschrift, das sogenannte Muscher Homiliar aus den Jahren 1200-1202 ist zu besichtigen. Es wiegt 34 Kilo, sein Ledereinband soll sieben Kälbern das Fell gekostet haben. Wobei man die damals grassierende Korruption berück­sichtigen muß – nach meinem Dafürhalten reichten drei Kalbshäute für den Einband durchaus hin. Der Rest wird wohl wie üblich nebenbei versickert sein.Apropos nebenbei versickert: Nara, die in einer riesigen, rosamodischen Handtasche das Geld ihrer Agentur für Eintritte und Restaurants mit sich führt, sind soeben daraus 30.000 Dram gestohlen worden, etwa 65 Euro. Ein ganzer Monatsverdienst. Als sie sich nur mal eben mit einer der gesetzten Damen, die hier die Aufsicht führen, unterhielt. Sie kennen sich doch alle untereinander, warum sollte man da die Tasche nicht mal kurz abstellen?

Mesrop Maschtot vor dem MatenadaranNein, sollte man nicht. Für 65 Euro muß man einen ganzen Monat arbeiten. Oder nur mal eben bei Gelegenheit die Finger krumm machen. Von jetzt ab paßt Nara doppelt wachsam auf ihre Tasche auf. Doch weg ist weg, Verlorenes holt man nicht zurück.

Eine alte Frau klaubt Papier und Abfall von der Treppe des Matenadaran in einen Plastik­sack. Eine junge stöckelt dieselbe biegsam hinunter. Auch sie trägt so eine rosa Tasche. Von oben schauen ihr die Statuen sechs armenischer Gelehrter und Literaten nach: Thoros Roslin, der berühmteste aller Miniaturenmaler Armeniens, Grigor von Thatev, Autor berühmter theo­logischer Schriften, daneben Anania Schirakats’i, Verfasser einer Kosmographie und anderer naturwissenschaftlicher Werke. Ihm folgt rechts der Treppe und des Einganges der Chronist Movses Chorenat’si, auf den sich viele der neuzeitlichen armenischen Historiker berufen, weiter der Universalgelehrte des 12. Jahrhunderts, Mechithar Gosch, wir werden noch auf ihn zurück kommen, und letztlich Frik, kein Gelehrter sondern Poet und Liebes­dichter des 13. Jh. Auch das braucht ein Volk. Das vor allem.

Heute ist ein wunderbarer Tag. Morgensonne taucht die roten Tuffsteinhäuser der Stadt in unwirkliches Licht, läßt die alten Platanen entlang des Mesrop Maschtots Boule­vards den Staub von den glänzenden Blättern schütteln und zeigt, wie sehr eine Stadt allein durch andere Beleuchtung gewinnt. Plötzlich erscheint Jerevan nicht mehr grau und sozialistisch, im Gegenteil – fast schon ein wenig vertraut. Und die tschechischen Trolleybusse, gestern noch Verkehrs­hin­dernis und Relikt der Stalinzeit, verbreiten heute wehmutsvolle Nostalgie.

Genozid Mahnmal in TsitsernakaberdWir fahren hinauf nach Tsitsernakaberd, der Schwalbenfestung, auf einem Hügel im Westen über der Stadt gelegene Gedenkstätte des Völkermordes, begangen an eineinhalb Millio­nen Armeniern während der Jahre 1915 – 1918 durch Türken unter der Jungtürkischen Bewegung. Völkermord, auch Genozid genannt, ist die schwerwiegende Beschuldigung eines Staates, die sich die heutige Türkei nicht gefallen läßt. Und wie so oft, lassen sich wohl auch hier Ursache und Wirkung, je nach Standpunkt, beliebig vertauschen. Eine ähnliche Gedenkstätte gibt es nämlich auch auf türkischer Seite, in Igdir, ich komme noch dazu.

Also Schwalbenfestung. Die Gedenkstätte besteht aus einem unterirdischen Museum und dem eigentlichen Denkmal. Zum Museum geht es einige Stufen hinunter, und man findet sich in einem ein Halbrund beschreibenden langen Schlauch aus schwarzem Stein mit spärlichem Licht, der einem ein starkes Bunkergefühl vermittelt. An den Wänden Fotos über Fotos von Leichen. Darunter in Vitrinen Bücher und Dokumente, Gebrauchsutensilien und Notbehelfe, mit deren Hilfe Menschen hofften zu überleben. Diese Hoffnung drückt auch eine Anzahl von Gemälden aus, die sich im Mittelgang des Schlauchs aneinanderreihen. Ihr Maler heißt Jean Jansem, ein Franzose armenischer Herkunft, geboren in Seuleuze in der Nähe von Bursa, Türkei. Seine Bilder sind längst nicht mehr bezahlbar, und diese hier drücken genau das aus, was durch das Museum suggeriert werden soll: Ohnmacht, Angst, Scham - und letztlich Schuld. Wen auch immer diese betreffen.

Ich, Kriegskind 1942, schleppe noch immer die Last aller Deutschen mit mir herum und bin betroffen - in dem Sinne, daß es mich betrifft. Diese Bilder hat Jansem für mich gemalt, für niemanden sonst, und als mir das klar wird, kommen mir Tränen. Verstohlen benutze ich in der Toilette am Ausgang ein Papierhandtuch, bevor ich meiner Gruppe hoch ans Tageslicht und zum Denkmal folge.

Dieses besteht aus einem Obelisken, der sich neben zehn steinern symbolisierten Fingern zweier Hände aus dem Boden reckt, die aufgestellt und schützend ein Feuer in ihrer Mitte bergen, welches wiederum das armenische Leben und Volk symbolisiert. Im Inneren der beiden Hände klingt leise Musik – oh ja, das konnten die Sowjets schon immer, mit genau berechneten Gesten ans Gemüt der Besucher appellieren! Gut, daß ich das kenne: Petersburg, Siegesplatz (Pl. Pobedy), um den herum brausend der Verkehr fließt: inmitten der Anlage erhebt sich in einer künstlichen Senke das gewaltige „Denkmal der heldenhaften Verteidiger Leningrads“. Dort wird ähnliche Musik gespielt. Hier wie dort aber greift sie mir ans Herz.

Ist es schlimm, sich nicht für Gründe zu interessieren, sondern allein für Auswirkungen, die jeden treffen können, und diese zu verdammen? Ist es so schlimm, für die Menschheit einzutreten, wo sie sich doch selbst der schlimmste Feind ist? Letztendlich folgerte wohl daraus, daß man seine Feinde liebt. Ich weiß nicht, ich bin noch nicht soweit. Und da weiß ich mich in guter Gemeinschaft mit der ganzen Welt.

Jerevan, RepublikplatzNächste Station ist das Historische Museum am Republikplatz. Wir haben eine Führung, in deutsch. Mitten hinein platzt eine Besuchergruppe, die angeblich genau zu diesem Zeitpunkt eine deutsche Führung gebucht hat. Sie wird unangenehm laut. Ihr Häuptling ist ein ergrauter Architekt oder Historiker, so wie man sie in Kleinstädten von Krähwinkel bis Passau als Anführer von „Adabei-Cliquen“ (auch dabei) aus Gymnasial­lehrern und sonstiger Intelligenzija findet. Unsere bisherige Führerin, eine ältere, einfühlsame Frau mit großem Busen und breiten Hüften, mag nicht laut werden, versucht zu vermitteln, sagt: Wenn Sie möchten, können Sie an dieser Führung teilnehmen, ich bringe sie noch zu Ende, zehn Minuten, dann bin ich für Sie da!

Murren der Deutschen. Endlich schließen sie sich an. Immer wieder hält der Häuptling mit Fragen, die niemanden interessieren, die Führung auf; unsere kleine, dicke, gemütliche, armenische Historikerin versucht ihm nach bestem Wissen zu antworten. Und das ist nicht gering, eher professionell. Mir ist es peinlich, man ahnt, daß sie die deutschen Besserwisser insgeheim über hat. Aber sie läßt sich nichts anmerken. Nur am Ausgang, wo wir uns verabschieden und ihr ein kleines Trinkgeld in die Hand drücken, verzieht sie unmerklich die Brauen, als sie zu der Gruppe zurück muß, um die versprochene Führung, verfehlter Organisation geschuldet, nachzuholen. Ohne die Pause, die ihr eigentlich zustünde.

Mir hat am besten ein restaurierter Holzkarren aus der Zeit des 19. bis 14. Jh.v.Ch., der Bronzezeit, gefallen. Man bestattete Fürsten darauf und ließ sie von Stieren ins Sevaner Meer ziehen, ihre Räder waren unrund und wackelig, die Achsen ungeschmiert. Zutage kamen sie, als der Wasserspiegel des Sevansees durch die Sevan-Hrazdan-Kaskade (sechs Wasser­kraft­werke in Folge) im Laufe der Jahre um zwanzig Meter absank und eine Anzahl dieser Wagen zusammen mit Edelsteinschmuck und anderem Gerät aus der Bronzezeit freigab. Alles auf der Welt, und sei es noch so heillos, ist anscheinend noch zu etwas nütze ...

Fresken in den Ruinen von ErebuniNach der trockenen und staubigen Museumsluft tun Kaffee oder Tee gut, die wir Ecke Republikplatz – Abovjani Straße in einem Café einnehmen. Danach mit dem Bus hinaus zur Zitadelle nach Erebuni. Diese liegt im Südwesten der Stadt, auf einer Anhöhe, zu der eine geschotterte Straße führt. Das zugehörige Museum unten am Berg sei geschlossen, sagt Nara, warum auch immer.

Also direkt ein paar Kehren hinauf. Oben, am rostigen Schlagbaum, stellt Musul den Motor ab und unterhält sich mit dem Wärter, der erfreut aus seiner Hütte tritt, man kennt sich anscheinend. Es ist heiß. Erebuni ist heute ein Haufen Steine, dem man notdürftig ein Gesicht gegeben hat. Dabei ist sie die Vorläuferin der Hauptstadt: Erebuni – Jerewuni – Jerevan – nicht schwer nachzuvollziehen. Gegründet unter König Argischti I. 782 v.Chr. diente sie als Festung gegen den Ansturm der Skythen und wurde vermutlich erst im 6. Jh. als letzte im Ararattal von diesen zerstört.

Nara führt uns hinauf. Weit entfernt im Norden recken sich gesichtslos die Hochhäuser der Sowjet­siedlung Nor Norkh, Neu Norkh. Ein restaurierter – oder nachempfundener – Pavillon mit geflochtenem Strohdach und Dachbalken aus Zypressenholz, darunter Fresken an der Wand, läßt uns innehalten. Sein Schatten ist hier oben willkommen. Die Wand zeigt in langen Reihen Muster in den Farben Rot, Blau, Orange – die finden sich auch in der Nationalflagge wieder. Dabei wiederholen sich waagrecht verlaufende Schmuckbänder mit den traditionellen urartäischen Palmetten, Stufentürmen und stilisierten Granatäpfeln.  Heraus ragt auf einem Schmuckband die 60 cm große Haldi-Gottheit, die wie üblich auf einem Löwen stehend dargestellt ist. Ein urartäisches Keilschriftimitat, dessen Original in Petersburg bewahrt wird, vervollkommnet die Anlage für den Touristen. Es ist augenfällig, daß hier oben Besäuf­nisse von Punks und rechten Jugendbanden stattfinden, darauf lassen jedenfalls die zahlreich herumliegenden Flaschen schließen. Nara sagt, es sei traurig, daß so einfach die Kultur des armenischen Volkes zerstört werden könne. Man hat das Gelände schon eingezäunt, tagsüber sitzt ein Wächter mit Telefon am Eingang. Aber nachts gibt es nicht genügend Polizei, oder vielleicht drückt sie auch beide Augen zu. Was soll man machen.

Jerevan und der Ararat am AbendDas anschließende Abendessen findet in einem gemütlichen Lokal mit kleiner Gemälde­galerie in Jerevans Innenstadt statt. Als Hauptgericht gibt es gefüllte Auberginen. Die an den Wänden hängenden Gemälde sind verkäuflich, aber es leckert mich keins an.

Im Hotel die schon übliche Ausschau nach unserem Berg: sieht man ihn? Ja, doch grandiose Wolken ballen sich darüber zusammen. Im Westen geht die Sonne unter und hinterläßt flirrendes Gefunkel im Baum neben unserer Terrasse. Diese Nacht schlafe ich tief und fest wie ein abge­säg­ter Baum.
 
4. Tag: Mi, 29.08.07. Beim Aufstehen zeigt der Berg sich das erste Mal hüllenlos. Doch es ist noch zu dämmerig, um vernünftige Fotos zu schießen. Später, als wir gefrühstückt haben, und es hell genug ist, hat er bereits wieder Wolken um sich versammelt. Es ist wie verhext.

Heute ist eine Exkursion in das von Weinreben und Obstplantagen durchzogene Ararat­tal geplant. Es zieht sich entlang der Grenze zur Türkei in südöstlicher Richtung von Jerevan durch die breite vom Fluß Arax gehobelte Ebene bis an die Grenze zu Nachitschevan, einer Exklave Aserbaidschans, zu der dieses Land nur Zugang über den Iran hat.

Es würde Bände füllen, die Streitigkeiten zwischen Armenien und Aserbaidschan um diesen Zipfel und auch die Region Berg Karabach erklären zu wollen. Es ist wohl so, daß hier Ethnien am Werk sind, die aus uralten Stammes- und Clanzeiten noch Rechnungen offen haben. Außerdem geht es, wie üblich in solchen Fehden, um Öl und zugehörige Leitungs­rechte. Das ließe sich beliebig Richtung Osten über Turkmenistan, Usbekistan, Afghanistan, Pakistan etc. fortführen. Aber so weit wollen wir heute gar nicht.

Kloster Chor Virap vor dem AraratVorerst ist Chor Virap unser Ziel, nach etwa 40 Kilometern Busfahrt erreicht. Kein anderes Kloster Armeniens ist so sehr mit dem heiligen Grigor verbunden wie dieses. Und kaum ein anderes wird so oft fotografiert, gelegen auf einer Anhöhe und eingebettet zwischen Wein­gärten, im Hintergrund die Kegel vom kleinen und großen Ararat. Hier, an diesem schönen Fleckchen Erde, wurde der christliche Dickkopf Grigor, der spätere Erleuchter (siehe Höh­len­kloster Geghard), dreizehn Jahre gefangen gehalten. Nur sah er nichts davon, da er sie, im tiefsten Wortsinne eingelocht, auf Geheiß des heidnischen Königs Trdat III. in einer Felsgrube verbrachte, weil er nicht abschwören wollte. Dreihundert Jahre später ließ Katholikos Nerses III. über diesem Ort eine Kapelle errichten, der im 17.Jh. die übrigen Gebäude des heutigen Komplexes hinzugefügt wurden.

Übersetzt heißt Chor Virap „tiefes Verlies“. Und dies ist ein Angelpunkt armenischer Geschichte: Grigor (Luisavoritsch), obwohl gefoltert, befreite den König auf Bitten dessen Schwester Chosroviducht von einer bösartigen Krankheit. Daraufhin ließ sich Trdat III. im Jahre 301 taufen und verfügte, daß die Armenier als erstes Volk in der Geschichte das Christentum als Staatsreligion annahmen. Zusätzliches Gewicht bekommt dieser Ort für die Armenier durch die Tatsache, daß an dieser Stelle die alte armenische Hauptstadt Artaschat, heute eine unbedeutende Kleinstadt, durch Artasches I., den Begründer der Dynastie der Artaxiden, errichtet wurde.

Als Fußgänger erklimmt man den Klosterberg über einen steilen Treppenaufstieg, worauf an heißen Tagen wie diesem ein kurzes Verweilen im angenehm kühlen und schattigen Torbogenhaus angeraten ist, bevor man das Klosterareal betritt. Die gesamte Anlage wird von einer hohen Mauer mit Wehrtürmen umgeben. Die Grenze zur Türkei liegt in Sichtweite, kaum fünfhundert Meter entfernt, ihre grün-roten Wachttürme stechen aus den Flußauen des Arax. Der geharkte und unkrautfreie Streifen hinter dem Zaun auf türkischer Seite erinnert ein wenig an die ehemalige innerdeutsche Grenze, Gott hab sie unselig. Man traut einander nicht. Immer noch ist Armenien ein Mitglied der GUS-Staaten und steht damit in kompliziertem Verhältnis zum Nachbarland, das der NATO angehört. Hinzu kommt die Sache mit dem Genozid ...

Also das Kloster: das Zentrum des beinahe quadratischen Hofs ist der nicht sehr inter­essanten Muttergotteskirche vorbehalten. Der berühmte Kerker liegt an der Südwestecke der Umfassungsmauer unter der Kapelle, die sich durch ihre verdrehte Lage nicht in die Ost-West-Anordnung des übrigen Klosters einordnen will. Sie stand ja auch als erstes hier, alles andere kam erst mehr als ein gutes Jahrtausend danach. Man kann durch ein Loch im Boden ins Verlies des Erleuchters hinabklettern, wo es entgegen seinem Beinamen jedoch ziemlich schummerig zugeht. Auch versperren Versteck spielende Kinder momentan den Zugang, so daß ich darauf verzichte, mir auf der engen Hühnerleiter die Kleidung einzusauen.

Einen schönen Blick auf das alles von oben hat man vom anschließenden Hügel, der leicht zu besteigen ist. Von hier schaut man auch auf den überdachten Schlachtplatz für die Tieropfer im Süden außerhalb der Mauer. Fleischhaken, Trog und Wasseranschluß – alles wirkt ein wenig rostig und vergammelt. Hat man lange nicht mehr geopfert?

Klosterfriedhof Chor VirapDurch die Tür im nördlichen Tor blickt man auf einen weitläufigen Friedhof unten in der Ebene, auf dem Gräbergevierte durch niedrige Mäuerchen voneinander abgegrenzt sind. Mancher Grabstein darauf zeigt die eingravierten Bilder der Verblichenen, andere Grab­stel­len sind durch blecherne, kunstvoll mit Kirchennachbildungen verzierte Baldachine geschützt. Viel Gußeisen und eisernen Zierrat hat man auf den Schmuck der Grabstellen verwandt, die meisten sind eingezäunt, niedrig, aber bestimmt. In den Grabsteinen spiegelt sich die uralte Steinmetzkunst der Kreuzsteine wider.

Im Schatten des Aprikosenwäldchens am Fuß des Klosterhügels sitzen Nara und Musul gemeinsam mit Andenkenhändlern und erwarten uns. Niemand, weder wir noch einer der Händler, hat Lust auf ein Verkaufsgespräch, da es sich in praller Sonne abspielen müßte. Der Reiseführer behauptet, dies sei eine der heißesten Gegenden Armeniens. Wir können es nur bestätigen. Da hilft auch nicht die kleine Schneekappe des Großen Ararat, der zum Greifen nahe scheint.

Schlucht des Flüsschens AmaghuWeiter geht es – weg vom Arax und entlang seines Nebenflusses Vedi ins Gebirge – zum Kloster Noravankh. Die baumlosen Berge werden höher und ihre Gipfel schroffer. Hier treffen wir auf erste Laster aus dem Iran, die M2 ist die direkte Verbindung zwischen dem Meghri­paß an der Grenze zu Persien und Jerevan. Kurz hinter Areni biegt rechts von ihr die schmale Straße entlang des Bächleins Amaghu zum Kloster ab, wir sind hier etwa 120 km von der Hauptstadt entfernt. Der Nebenweg ist zuerst in einer engen Schlucht gefan­gen, bis diese sich zum Tal weitet und den Blick auf das den roten Felsen krönende Kloster Noravankh freigibt. Einen Teil des Weges legen wir zu Fuß zurück, machen im Felsschatten ein kleines Picknick - Nara hat heute morgen frischgebackenes Lavasch gekauft -, bis uns Musul wieder aufsammelt und aus dem Tal hinaus in die Berge zum Kloster fährt.

Kloster NoravankhNoravankh bedeutet soviel wie „Neues Kloster“ und steht im Zeichen des heiligen Täufers, Surb Karapet. Vom Eingang führt eine Treppe entlang eines verschwenderisch blühenden Blumenfeldes und vorbei an der kleinen Mausoleumskirche hinauf zur Täuferkirche. Diese besteht aus drei Teilen: der alten Täuferkirche, von der aber nur Reste der Grundmauern erhalten sind, der neuen Täufer- oder Stephanoskirche mit weiträumiger Vorhalle (Gavith) sowie der nördlich angebauten Grabkapelle des Stifters Orbeljan und seiner Verwandten, zu der die Vorhalle aber keinen Zutritt gewährt.Auf der Suche nach einem Eingang stoße ich auf ihrer schwer zugänglichen Nordseite hinter einer Mauer auf ein Geheimnis: hier entsor­gen die Mönche die Reste der gestifteten Opferkerzen. Ganze Berge abgebrannter Stümpfe der in Armeniens Kirchen üblichen blei­stift­dünnen, dottergelben Kerzen liegen hier, vermischt mit den Resten mitgebrachter weißer Haushaltskerzen, die wohl den Rucksäcken von Backpackern entstammen. Und da habe ich immer geglaubt, die brennen ab und werden gänzlich zu Ruß und Rauch und himmel­wärts steigenden Gebeten! Nein, es muß eine Regelung geben, daß abends, wenn die Klöster oder Kirchen schließen, jemand herumgeht, der alles an offenem Licht löscht und die Reste einsammelt, damit das Haus nicht unbeobachtet abbrennt – klar, hab mir nur noch nie Gedanken drüber gemacht.

Noravankh, MausoleumskircheDas schönste Gebäude Noravankhs ist meines Erachtens die Mausoleumskirche. Einzig­ar­tig die ihre Westfassade beiderseits des Tympanons erklimmende doppel­läufige Stiege, sie scheint wie angeklebt. Ohne Geländer oder sonstigen Halt führt sie auf kaum halbmeter­breiten, aus der Mauer ragenden Stufen fünf Meter hoch ins Obergeschoß, das von einer zwölf­säuligen Rotunde gekrönt wird. Ich möchte da nicht rauf. Obwohl – gerade erscheint oben ein hübsches Mädchen im Eingang und schickt sich an hinunterzusteigen, ich würde ihr auf halber Höhe begegnen, es gäbe auf der schmalen Treppe kein Ausweichen und ... nein, ich will nicht mal hinschauen, wie sie da unbekümmert die Stufen hinabtänzelt!

Der Bau­mei­ster der Kirche, Momik, hat es schon sehr weise eingerichtet, daß ihr nicht zu viele ins Oberstübchen steigen. Zudem nehmen wenige Touristen die lange Anreise auf sich, um dieses Kloster zu besichtigen. Aber das in lichtem Stein errichtete Kleinod ist es allemal wert. Und wenn nicht seiner geschnitzten Türen so doch wenigstens der Landschaft wegen, in die man es gestellt hat.

Höhlenrestaurant am AmaghuAuf dem Rückweg machen wir Pause bei einer seitlich der Straße gelegenen Höhle, die uns auf der Hinfahrt gar nicht aufgefallen war. Ein Knüppelsteg führt über den munter murmelnden Amaghu zu ihr hinein, im Inneren empfängt uns ein geräumiges Höhlen­restau­rant, in dem man ausgie­big tafeln kann, wie uns einige Gäste im Halbdunkel, an das sich das Auge erst gewöhnen muß, vormachen. Aber wir möchten nur eine kurze Erfrischung, dazu vielleicht ein wenig Schafskäse und Lavasch. Abends gibt es ja wieder warm. Das ist die Crux an Halbpension, daß man kaum augenblicklichen Eingebungen und Gelüsten nach­geben kann, ohne sein schlechtes Gewissen ob der unnützen Geldausgabe zu alarmieren. Sorgen, die man als junger Mensch sicherlich nicht hat. Da kann man auch fünfmal am Tag reinhauen, wenn es nur Spaß macht.

Wir Älteren hingegen neigen mehr den geistigen Genüssen zu und machen folgerichtig nach Höhlentee und –kaffee in Fortsetzung der Rückfahrt im Weinort Areni halt. Zu was? Na, Weinprobe natürlich! Tief hinab in einen kühlen Keller folgen wir einem Sohn der Familie, der auch gleich zur Sache kommt. Aus vorausschauend entkorkten Flaschen schenkt er kurzerhand ein in bereitgehaltene Probiergläser, etwa fünfmal so groß wie ein Fingerhut. Kost ja nix, also mal ran. Der Wein ist schwer. Südländisch eben, hier baut man haupt­sächlich Roten an. Aber auch einen Weißen, den man durchaus trinken kann.

Weinkeller in AreniSchade, daß man bei Proben immer mit den gehaltreichen, schweren und süßen beginnt und erst am Ende zu den trocke­nen und wirklich guten Weinen findet. Halb besoffen, kauft so die ani­mierte Probengesell­schaft den unvermeidlichen Ausschuß eines Weinguts auf, das nun – aller Absatzsorgen ledig – die wirklich guten Tropfen an feste Abnehmer liefert. Wir – meine Zweitbeste und ich - haben lange Jahre in Württemberg gelebt, in einer Kleinstadt. Wenn man da vom Angebot nicht überzeugt war, hieß es: Mir kaafet nix! Entsprechend verhalten wir uns hier. Es steckt in uns drin. Nein, wir kaufen nichts. Trotzdem hat das Weingut sein Geschäft gemacht; nicht alle Menschen sind eben Württemberger.

Das muß noch gesagt werden: Areni liegt eingebettet in eine gewaltige Berglandschaft. Die Dächer seiner Häuser, vorwiegend aus Blech, werfen die Sonne in den bleigrauen Him­mel zurück. Es gibt eine Kirche, weit vom Ort auf einer Anhöhe, und es gibt eine Tankstelle, direkt neben unserer Weintanke, gekennzeichnet durch eine marode Zapfsäule mit dunklen Ölflecken und –lachen drum herum im heißen Sand. Natürlich gibt es ausgedehnte Wein­gär­ten, warum wäre man sonst Weinort! Und es gibt Jugendliche, die auf uralten Motorrädern mit Beiwagen zu Fünft in die nahegelegene Provinzhauptstadt Jeghegnadzor brettern, die um keinen Deut besser und mindestens genauso langweilig ist wie ihr Weindorf. Nur die Häuser sind höher und manche Straßen besser beleuchtet. Und vielleicht gibt es dort eine Diskothek, wo man abhängen kann.

Obst- und Gemüsehandel an der Straße M2Kahle Höhen und schroffe Felswände auf der Rückfahrt. Ab und zu wie von leichter Hand hingewürfelt eine Herde Rindvieh, die sich am Bewuchs der kargen Hänge gütlich tut. Sonst nur Brachland, Leitungsmasten und einige Brückenbauten, die zum Ende des Winters wohl reißende Gebirgsbäche überqueren, jetzt aber trocken stehen. Die Provinz Ararat ist eine karge Region. Erst kurz vor der Hauptstadt wieder Gemüse- und Obsthändler an der Straße, die Bett und Fernseher unter schattigem Baum dabeihaben. Sie leben hier. Zumindest in der Zeit, wenn Touristen vorbeikommen.

Abendessen haben wir auf der Terrasse des Nachbarhotels, zwei Straßen weiter den Berg hinunter. Nara ist diesbezüglich sehr findig. Mag sein, daß der halbleere Krug Bier vor ihr sie dazu verleitet: zum ersten Mal redet sie über sich und ihr Leben, ihre Mutter, ihre Familie. Musul, der neben ihr sitzt, hat weniger Augen für seinen Teller als auf ihre rosa Tasche - wieder unbeobachtet. Und sie. Man möchte ihn zum Freund haben, aber da ist die Sprachbarriere. Mit Russisch könnte man ihm kommen, aber das beherrschen wir nicht genügend. Und so grinsen wir uns nur stumm an, als er mit Nara und dem Bus in den Feierabend entflieht, während wir den Berg hoch zum Hotel Regineh marschieren.

Es gibt noch einen Absacker, wozu sonst hätte man in Areni eingekauft? Bei Irmgard und Manfred sitzen wir zu acht im Vorzimmer am dunkelgebeizten Konferenztisch, den sie gratis zum Zimmer dazu bekamen, weil sie sich über den Lärm einer Sportlergruppe neben ihrem vorherigen Logis beschwerten, und nichts anderes als diese Busineß-Suite mehr frei war. Ich glaube, der Grund war, daß einer von beiden Geburtstag hatte. Und man kann den Wein aus Areni nur sehr empfehlen. Gott sei Dank hatte niemand den süßen gekauft.

Trotzdem gingen wir mit glühenden Ohren in unserem Zimmer unter den Hochspan­nungs­masten zu Bett. Die Leitung sang heute nicht. Wäre mir auch völlig egal gewesen.

Ruinen von Zvarthnots5. Tag: Do, 30.08.07. Etschmiadsin ist heute unser Ziel, nur 25 km westlich von Jerevan gelegen. Stadtauswärts, kurz hinter der 200 m langen Siegesbrücke über den Fluß Hradzan, passieren wir rechterhand die Brennerei Ararat, in welcher die hervorragenden armenischen Kognaks hergestellt und gelagert werden. Ihre roten Mauern erinnern an die einer Festung. Churchill, ein begnadeter Säufer, im Hauptberuf aber britischer Offizier und Staatsmann, war hier Stamm­kun­de. Ihr Ursprung lag vor der Brücke links, wo heute das Jerevaner Weinkombi­nat untergebracht ist. Die neue Kognakfabrik wurde in den 50er Jahren erbaut und vor wenigen Jahren von der französischen Firma Pernod übernommen. Dies alles hatte Nara uns schon auf der ersten Fahrt vom Flughafen Zvarthnots zu unserem Domizil im Hotel Regineh erzählt, aber wir waren wohl zu müde gewesen, es aufzunehmen. Unser erster Stop aber liegt genau hier, in Zvarthnots.

Unweit der Startbahn stehen nämlich noch die Relikte einer für damalige Verhältnisse ungewöhnlich großen Palastkirche, die sich Katholikos Nerses III. Mitte des 7.Jh. als Amtssitz errichten ließ, weil hier dem bereits mehrfach erwähnten Grigor – richtig, dem Erleuchter! – Engel im Traum erschienen sein sollen, und jener den Platz daher weihte. Auch Nerses III. ist uns seit gestern ja kein Unbekannter mehr.

Zerstört wurde die mächtige Palastkirche im Jahre 930 durch ein starkes Erdbeben und seither nie wieder aufgebaut. Aufgrund einer Rekonstruktion des Architekten Thoros Tora­man­jan zu Beginn des 20.Jh. schloß man auf eine dreischiffige Kirche mit geschätzter Höhe von 49 Metern. Zu damaliger Zeit ein gewaltiger Bau. Heute lassen nur noch das rekon­struierte Fundament und ein Kranz von Säulen und Kapitellen seine Ausmaße ahnen. Eine alte, gebückte Frau fegt mit ihrem Reisigbesen die Stufen, im Hintergrund die Kulisse des heiligen armenischen Berges, der jetzt Teil der Türkei ist: Ararat. Im Wappen der jungen Armenischen Republik ist auf ihm deutlich sichtbar die Arche Noahs gestrandet. Eine Boeing 737 überfliegt die Szene und setzt zur Landung auf dem Flughafen Zvarthnots an – sah so Grigor die Engel über dem Platz schweben, war das seine Erleuchtung?

Auf kargem Grund neben der Ruine sind weitere Bruchstücke kunstvoll behauener Bögen und Kapi­tel­le ausge­legt, zusammengefügt und numeriert, so wie sie wohl einst zusammen­gehör­ten. Jemand schneidet mit gleichmäßigem Sensenhieb das hohe Gras im anschließen­den Obstgarten. Ein Greis mit weißem Haar, Bart und Schirmmütze ruht sich auf einem Holzgestell im Baum­schatten aus, zwischen den knochigen Fingern seinen Gehstock. All dies ist in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen. Auch Edschmiatsin, mit ursprünglichem und heutigem Namen wieder Vagharschapat, wohin wir von hier aus weiterfahren. Es sind nur wenige Kilometer.

Der Ort enthält drei sehenswerte Sakralbauten: Surb Hriphsime (Heilige Hriphsime), Surb Gajane (Heilige Gajane) und die Kathedrale (heutiger Sitz des Katholikos), die wir in dieser Reihenfolge besichtigen. Noch eine weitere Kirche gehört dazu, die wir aber auslassen: sie trägt den schönen Namen „Lichtstrahl“ (Surb Schoghakath).

Um es vorweg zu sagen: der ganze Ort lebt vom heiligen Grigor, und das nicht schlecht. Vor der Hriphsime-Kirche ist kein Parkplatz zu bekommen, einfach weil keiner da ist. Aber vor Gajane und der Kathedrale steht entlang des Eingangs alles voll mit Bussen und Pkw.

Hriphsime-KircheHriphsime gilt als Prototyp aller armenischen Kirchen. Ihr Grundriß ist rechteckig. Die zahlreichen Nischen im Inneren schwächen die eigentliche Mauerstärke und sind vermutlich das früheste Beispiel dieses architektonischen Merkmals armenischer Gotteshäuser. Die Räume im Inneren verteilen sich rund um die Kuppel in der Mitte, die von einem großen, jedoch relativ niedrigen Tambour getragen wird. Man könnte statt Tambour auch Turm­stumpf sagen, aber es hört sich halt feiner an. Und ist von Experten auch weniger angreifbar, weil die darunter alle das gleiche verstehen: nämlich einen Turmstumpf, also das zylinderförmige Zwischenteil zwischen Unterbau und Kuppel. Die heilige Hriphsime liegt in einem Steinsarg in der – so will es die Legende – schon vom heiligen Grigor errichteten Krypta, zu der man das Genick einziehend hinuntergehen muß. Auch der Altarraum ist mit ihrem Bildnis sehr schön geschmückt, ein Blickfang in der sonst eher schlichten Kirche.

Was sonst? An der Kirchen­mauer wächst guter Wein, man hat einen guten Blick auf den Ararat und vor der Kirche versuchen mir zwei aufdringliche Jugendliche einen guten Rosen­kranz anzudrehen. Where you from? Ah, Dötsland – chier, ächt chandgesnitzen! Wollen kaufen? Nein, nicht wollen. Was Hriphsime aber so auszeichnet, daß sie hier verehrt wird, hab ich weder in der Kirche noch von Nara erfahren.

Salzopfer vor der Gajane-KircheNächste Station ist Gajane. Der Opferstein vor der Kirche wird auch heute noch benutzt. Gerade schüttet ein Priester ordinäres Tafelsalz aus einem Haushaltspäckchen über den Stein, hebt das Kreuz und segnet eine junge Familie mit zwei hübschen Kindern, eine wahr­schein­lich über­kom­mene Zeremonie. Warum er für den Opferstein kein Steinsalz nimmt? Was weiß denn ich, vermutlich haben die Gesegneten nicht genug gezahlt.

Gajane ist – so erfahre ich hier - die geistige Mutter und Äbtissin der Hriphsime. Aha. Hier werde ich endlich klüger. Die Nonne Hriphsime war zusammen mit anderen auf der Flucht vor dem römischen Tyrannen Diokletian nach Armenien gekommen. Ihre Schönheit fiel sogleich dem armenischen König Trdat (sic!) auf, der sich unsterblich in sie verliebte und sie begehrte. Doch die junge Nonne blieb standhaft und verweigerte sich dem König. Der, darob erzürnt, ließ sie, sowie die Äbtissin Gajane und 35 weitere Nonnen foltern und töten. Ach so.

Am Brunnen vor dem angeschlossenen Kloster werkeln zwei Nonnen in topfartigen Kopfbedeckungen gemeinsam mit zwei weltlichen Handwerkern an den Einzelteilen der zerlegten Brunnen­pumpe. Ein paar Meter weiter im Schatten eines kleinen Hains der Begräb­nis­platz des Klosters mit seltsam an Seemannskisten oder Schatztruhen erinnernden quaderförmigen, oben abgerundeten Grabsteinen. Dort soll es einen selten anzutreffenden zwei­sprachig armenisch-georgisch beschrifteten Stein geben. Da ich jedoch weder armeni­scher noch georgischer Schriftzeichen mächtig bin, finde ich ihn nicht unter den etwa dreißig zur Wahl stehenden heraus. Die Kirche selbst ist berührend in ihrer Schlichtheit und Ruhe. Wollte man etwas hervorheben, so wäre es das Fresko über dem Portal, das die Legende der heiligen Gajane darstellt.

Kathedrale EdschmiatsinNächste Station ist der Sitz des Katholikos mit der Kathedrale von Edschmiatsin, eine kleine Stadt in der Stadt. Der Titel Katholikos entspricht dem eines Generalvikars, jemandem also, der in der orthodoxen Kirche ähnlich wie dieser zu allen Amtsgeschäften ermächtigt ist.

Was über die Kathedrale zu sagen wäre, kann man viel besser einschlägiger Reiseliteratur entneh­men. Lieber möchte ich schildern, was mir persönlich auffiel. Wie zum Beispiel die Macht dieses Gevierts aus Gebäuden und Mauern, das die Kathedrale umschließt und birgt. Oder die vielfarbigen, primelgroßen Blümchen, die büschelweise in den Pflasterritzen neben uralten Bodenmosaiken wachsen. Oder die bärtiggraue Steinfigur des Grigor, die von liebe­vollen und sehnsüchtigen Berührungen schon eine ganz speckige Haut hat. Oder die Arbeit an der Turmspitze einer neuen Kirche auf dem Gelände, gleich hinter dem steinernen Abbild des riesigen Adlers, der mit heroischer Kraft die Stärke des armenischen Volkes symbolisiert. Oder der Kreuzstein an der Nordseite des Gevierts aus der Zeit der Raubzüge der mongoli­schen Heere, das mit asiatischen Gesichtszügen des Erlösers und seiner Jünger die Kirche vor Plünderung und Brandschatzung schützen sollte – es hat nicht geholfen, blieb selbst jedoch unzerstört.

Sitz des KatholikosDie Kathedrale selbst ist im Gegensatz zu ihrer eher schlichten Fassade im Inneren mit verschwenderischer Pracht ausgestaltet und gehört zu Recht als Kulturerbe der Welt unter den Schutz der UNESCO gestellt. In der Sakristei, die im ausgehenden 19. Jh. hinzugefügt wurde, befindet sich heute ein kleines Museum mit Kirchenschätzen Armeniens. Die wert­vollsten Exponate werden in den hinter dem Altar liegenden, nordöstlichen Räumlich­keiten ausgestellt. Darunter allerheiligste Reliquien, wie die Lanzenspitze des Höhlenklosters von Geghard, welche barmherzig das Leben des gequälten Jesus beendet haben soll, sowie eine Schiffsplanke von der gestrandeten Arche Noah.

Beeindruckend auch der über einer nach drei Seiten offenen Vorhalle angelegte Glocken­turm. Mit seinem prächtigen Dekor aus zartrötlichen Steinreliefs steht er in verspieltem Kontrast zum festlich ausgemalten und geschmückten Kircheninneren. In der Gewölbe­malerei besagter Vorhalle soll sich ein kleiner Skorpion in der noch frischen Farbe – al fresco – gefangen haben und noch heute zu sehen sein. Trotz allen Bemühens: ich habe ihn nicht entdeckt. Also kann ich hier auch nicht enthüllen, wo genau er zu finden ist. Schade.

Neben den sakralen Bauten natürlich auch viel Profanes, wie es für ein Kirchenzen­trum üblich ist. Dazu gehören Wohngebäude mit ehemaligen Klosterzellen, eine Druckerei, die Administration im nordöstlichen Teil sowie südlich der Kathedrale das Refektorium mit angeschlossener Küche. Im Eingang duftet es nach Fisch, morgen ist Freitag, man brät vor. Zum Osten hin der unvermeidbare Andenken- und Devotionalienladen, davor eine Tauf­ge­sell­schaft: das Baby, im rosa Taufkissen, wird von den feierlich gewandeten Eltern und Ver­wandten betüttelt. Gleichwohl brüllt es aus Leibeskräften – vielleicht wird es mal Politiker.

Trdat-TorNoch weiter zum Osten hin der Haupteingang mit dem sogenannten Trdat-Tor: eine stein­ge­schnitzte Allegorie der Kreuzübergabe durch den Erleuchter an den bekehrten König. Sie ist erkenn­bar neueren Datums, ich schätze mal, nach 1990, da vorher die kommunistischen Freunde aus den Weiten Rußlands so etwas bestimmt nicht gutgeheißen hätten. Religion war im System bekanntlich über zehn Zeitzonen hinweg Gift. Doch wer kennt nicht jenen tröstlichen Disput, der in den 80er Jahren an Schwarzen Brettern der Universitäten aushing:

Gott ist tot. Marx – Darunter in krakeliger Schrift:
Marx ist auch tot. Gott.

Dabei stammt dies Zitat vom toten Gott nur irrtümlich von Karl Marx, ersonnen hat es Friedrich Nietzsche, der Denker und späterere Wahnsinnige der Goethestadt Weimar.

Mit Sara (r.) in der BibliothekAm frühen Nachmittag bringen uns Nara und Musul im Bus zurück nach Jerevan, wo wir am Boulevard Mesrop Maschtots’ anderthalb Stunden zur freien Verfügung erhalten. Gleich gegenüber erhebt sich die Persische Moschee mit ihrer unvergleichlich in Blau, Weiß und Gold mosaikierten Kuppel. Drinnen treffen wir auf Sara, eine Armenierin, die in Wien studiert hat und dem islamischen Glauben anhängt. Mit uns sind Peter und Ingrid, die Österreicher, sogleich verfällt man in ein Wortgeplänkel über Wiener Schnitzel und andere Ösi-Befindlichkeiten, die Sara aus ihrer Studienzeit kennt. Wiener Schnitzel an sich sei kein Hemmnis für eine Muslimin, sagt sie, nur wenn es, wie bei uns nachlässig üblich, aus Schwein statt hauchdünn geschnittenem und paniertem Kalb, wie eigentlich im Rezept vorgesehen, bestehe, müsse sie passen. Ihrer Figur nach war Sara jedoch irdischen Genüssen kaum jemals abhold, sie ist auch schon weit über Fünfzig.Ein bezaubernder Garten, eingeschlossen von hohen weißen Mauern, dahinter die türkis­blaue Kuppel mit den seitlichen Gewölben – noch vor einem Jahrzehnt war sie eingefallen, der goldene Halbmond rostete im zerstörten Wasserbecken vor sich hin, ihre Türme bröckelten, und eigentlich war alles dem Niedergang preisgegeben. Bis sich die iranische Vertretung dieses Kleinods erinnerte und durch den versöhnlichen Geist nach Zerfall des sozialistischen Blocks sich wieder gutnachbarliche Beziehungen zwischen Armenien und Iran aufbauen konnten. Mit Geldern aus dem Iran wurde sie seither wunderschön restauriert und dient heute wieder als Begegnungsstätte, Versammlungsraum und Gotteshaus armeni­scher Muslime. Wir dürfen alle Räume besichtigen, und Sara zeigt uns sogar die Bibliothek, in der heute zwei Computer stehen, die das umfangreiche Wissen der vorhandenen Schriften durch Katalogisierung erst zugänglich machen. Natürlich geben wir eine kleine Spende, als wir uns von ihr verabschieden, und sie uns mit einem Inschallah bedenkt.

Zentralmarkt SchukaSchräg gegenüber der Schuka, zentraler Markt Jerevans. Ein riesiger, tempelähnlicher Bau mit filigran gegliedertem, lichtdurchlässigen Portal. Darin in einer Art Bahnhofshalle zahlreiche Verkaufsstände, an denen alles angeboten wird, was man zum Leben braucht und der Geldbeutel bezahlen kann. Freilich, er ist kein Billigheimer, hier kaufen nur Arrivierte ein. Doch das Angebot ist verlockend, und so kommen auch Ärmere, um einmal wieder kandierte Aprikosen, Granatäpfel oder sonstige Herrlichkeiten in kleinen Mengen für sauer verdientes Geld zu erstehen. Seine Vielfalt und Farbigkeit beeindruckt, wir machen Fotos, doch als Nara später im Bus gesteht: Ich kann mir da keine Einkäufe leisten, meine muß ich in den Vorstädten erledigen, wo es billiger ist, bekommt dieser schöne Schein einen Riß: Uns, den Touristen mit fester Währung erscheint alles spottbillig. Manchmal geben wir aber einen Monatsverdienst der hier Lebenden nur für ein mittleres Abendessen in einem  der angesagten Lokale aus. Es ist schwierig, Länder wie dieses zu bereisen ohne dabei überheb­lich zu wirken. Wir werden uns bemühen, Balance zu halten.

Kaffee - ganz frischEin Kaffee – türkisch -, den wir selbst bestellen, ohne unser eingefrorenes Englisch raus­zu­kramen, in einer der verwinkelten Seitenstraßen des Boulevard. Hier kann auch niemand Englisch, und so sind wir einigermaßen stolz auf uns. Das Getränk zu bezahlen hingegen macht Schwierigkeiten – als auch nach wiederholtem Winken niemand kommt, legen wir einfach einen Schein auf den Tisch und gehen. Die vereinbarte Zeit zur Busabfahrt drängt. Und wir erreichen ihn auch gerade noch so. Nara zählt durch, alle sind beisammen, Musul legt den Gang ein und fährt ab.

Heute abend essen wir in einem stilvollen Kellerlokal in der Innenstadt, Musul braucht nicht weit zu fahren. Man hat schon alles für uns hergerichtet. Wir besetzen einen langen Tisch in einer Nische, der Rest des Lokals ist gut gefüllt mit Einheimischen. Es kommen Wein, Musik, Stimmung. Auf der kleinen Bühne spielt ein armenisches Ensemble. Es spielt gut. Stößt einen korpulenten Sänger aus, mit schmelzender Stimme. Man schaut, man hört und nascht von den Vorspeisen. Da kommen die Suppe, der Hauptgang. Da kommt neuer Wein. Und immer spielen sie, in all dem Besteck- und Tellergeklapper: eine hervorragende Band. Endlich der Nachtisch: kandierter Granatapfel. Und die Band spielt immer noch, eine Sängerin hat den Tenor abgelöst. Für sündhafte 5000 DRAM kaufe ich der Kapelle in einer Pause diese CD ab, die ich zu Hause nie wieder auflegen werde – nur weil die hübsche Sängerin das Cover zierte und ich ziemlich viel Rotwein in mir hatte. Das sind elf Euro. Eine riesige Summe für dieses Land – aber ein kleiner Schritt für mich.

Musul ist da, Nara verabschiedet sich bis morgen. Wieder unter der allmählich bekannten Unterführung der Eisenbahn hindurch, in engen Kurven den Berg hinauf, vorbei am winzi­gen Supermarkt, wo wir täglich halten und unser Wasser kaufen, dann die letzten dreihun­dert Meter zum Hotel Regineh hinauf, wo wir die Hotelhalle betreten und uns – einer nach dem anderen – in zugehörigen Zimmern verlieren. Wie üblich haben nur wir beide, meine Zweitbeste und ich, einen Absacker in der Halle, wo ein Panoramabildschirm mit Fußball lautstark die Langeweile des Barkeepers bekämpft. Noch ein Bier, local, noch ein Wein – das muß sein. Danach fallen wir todmüde ins Bett.

Jerevan - die Kaskade6. Tag: Fr, 31.08.07. Die Koffer sind gepackt, um 08:30 Uhr ist Abfahrt. Jetzt, da wir Jerevan verlassen, das erste Mal klare Sicht auf den Ararat, ein wunderschöner Tagesbeginn. Vorbei an der Kaskade, halten wir noch einmal in der Stadt. Inge, die sich beim Einpacken mit ihren Schuhen vertan hat, braucht ein Paar billige Treter. Nara kennt einen „Türken­laden“; als beide wiederkommen, hat Inge den Neuerwerb schon an: Segeltuchschuhe, quietsch­barbie­puppen­rosa, aber billig und bequem. Es gab nichts anderes, der Laden war leergekauft. Kommenden Montag ist nämlich Schul­beginn des neuen Jahrgangs, da werden alle Kinder von ihren Eltern mit neuen Schuhen ausgestattet. Durch die tristen Neubau­viertel Adschaphnjak und Noraschen verlassen wir Richtung Nordwesten die Stadt.

Das Kirchlein KarmravorErste Station ist Aschtarak, Hauptort der Provinz Aragatsotn, ein freundlich grünes Städt­chen mit niedrigen Häusern am Ufer des Khasach. Nara will uns hier zwei Kirchen zeigen, jede auf ihre Art etwas Besonderes. Musul läßt uns vor etwas aussteigen, das wir für eine Kapelle halten. Aber nein, sagt Nara, die kleine Karmravor ist eine richtige Kirche! Und richtig, zwar hat sie die Abmessungen eines Spielzeugs, weist aber alles auf, was eine Kirche ausmacht, auf kreuzförmigem Grundriß sogar eine Kuppel. Im 7.Jh. ließ die ansässige Fürstenfamilie sie als Grabkirche errichten, seither hat sie alle Erdbeben durch ihre typische, ummantelte Bauweise überstanden. Dieses liebenswerte Kirchlein steht innerhalb der Um­fassungsmauer eines alten Friedhofes mit verstreut liegenden Grabsteinen in bekannt schwarzer Truhenform, einige davon so nah bei einem Bauernhaus, daß man zwischen ihnen den Misthaufen errichtet hat und getrocknete Kuhfladen und Reisig als Brennmaterial für den Winter lagert. Innen wie außen weist das Gotteshäuschen wenig Schmuck auf, einige Dachziegel müßten mal erneuert werden. Ersatz liegt unten schon bereit.

Passt!Die nächste Kirche ist eigentlich keine mehr, wir gehen zu ihr durch den Ort, vorbei an alten Häusern mit wunderbar geschnitzten Holzbalkonen. In einer Gasse, eingekeilt zwi­schen Hausmauern, steht ein uralter Kleinlaster. Links und rechts würde noch nicht mal eine geworfene Mütze an ihm vorbeipassen. Sein Aufbau steht bedenklich nahe eines Gas­anschlus­ses, die hier wegen der Erdbebengefahr meist oberirdisch und auf den Außenwänden der Häuser verlegt werden. Nicht auszudenken, was für ein wunderbares Feuerwerk das geworden wäre, hätte der Fahrer seinen Lkw nur ein klein wenig mehr nach rechts gesteuert!

Devotionaliennische in der Ruine TsiranavorGut, der Ort steht noch. Die Tsiranavor-Kirche hingegen, zu der uns Nara führt, ist nur noch eine Ruine. Durch den niedrigen Eingang, verwahrt mit rissigem Holz, gelangt man in ihren Innenraum. Die vier Seitenmauern stehen noch, einschließlich der gewölbten Apsis. Einst muß es der „aprikosenfarbene“ Tuffstein der Region gewesen sein, aus dem die Kirche erbaut war, der ihr den Namen gab. Nun ist nur noch wenig davon geblieben, das meiste geschwärzt durch Abgase und Smog der nahen Industriestadt Jerevan. Deutlich erkennbar jedoch die dreischiffige Form, die Seitenschiffe, durch starke t-förmige Pfeiler gestützt, einstmals überwölbt. Durch die schmalen, schieß­schar­tenähnlichen Bogenfenster wirkt sie eher wie eine Festung, und das war sie auch: im 17.Jh. verstärkte man ihre Nord- und Westfassade und nutzte ihre strategische Lage hoch über der Schlucht des Flüßchens Khasach. 1815 wurde sie zerstört, durch wen und weshalb weiß man heute nicht mehr. Allerdings haben sich die Bewohner des Ortes mit Devotionalien und Votivbildchen in einigen Nischen der Ruine Weihestätten eingerichtet, an denen heute noch gebetet wird. Davon zeugen frische Wachsspuren der gebräuchlichen gelben Kerzen.

Monument des Armenischen AlphabetsWeiter geht es nach Amberd, der alten Festung, malerisch am Fuß des Aragats gelegen, mit 4095m Armeniens höchster Berg. Auf dem Weg dorthin kommen wir durch die Ortschaft Ohanavan. Hier gibt es eine alte Klosteranlage, Hovhanavankh, doch die ist nicht unser Ziel. Vielmehr das auf dem Bergrücken dorfauswärts an der links nach Amberd abzweigenden neuen Straße gelegene „Monument des armenischen Alphabets“. In karge Wildnis gestellt, zeigt es aus rotem Stein scharf geschnitten als übermannshohe Einzelstelen die Lettern der Schrift, so wie sie Mesrop Maschtots dem armenischen Volk vor über 1600 Jahren gab – ein phänomenaler Anblick, zumal, wenn das Wetter die Sicht auf den in der Ferne dahinter ruhenden Aragats nicht verbirgt. Neben dem Denkmal Mesrops ist auch Mechithar Gosch hier als weiße Statue verewigt, jener Universalgelehrte, der den Armeniern neben vielen Fabeln und Geschichten eine erste Gesetzessammlung gab. Am Matenadaran in Jerevan erwähnte ich ihn als eine der sechs Figuren an der Fassade.

Nicht nur wir sondern ebenso armenische Gesellschaften aus dem Umland werden in uralten blauweißen Bussen mit Gastank auf dem Dach hierher gekarrt. Es ist noch neu und wenig bekannt, das Monument, man findet auch kaum etwas darüber im Internet. Aber das wird sich ändern. Den nationalbewußten Armeniern wird es bald ebensoviel bedeuten wie das Geno­zid-Denkmal in Jerevan. Die eigene Sprache stärkt gewaltig die Identität eines Volkes, das haben die christlichen Armenier, umgeben vom Kaukasusmassiv im Norden und moslemi­schen Völkern im Süden, Osten und Westen bitter nötig. Sie wissen es aus eigener, leid­vol­ler Erfahrung.

Hirten in der Provinz AragatsotnMusul winkt in den Bus. Es sind nicht gerade Nomaden, die hier oben auf der weiten Hochebene am Fuß des Aragat seßhaft geworden sind, obwohl ihre primitiven Behausungen so wirken. Früher waren sie es wohl einmal, heute züchten sie Bienen, lassen sie Honig von Blüten des Gebirgsenzians und der Silberdistel sammeln, heizen und kochen mit getrock­ne­ten Mistfladen ihrer Rinderherden, die in versteckten Tälern seitab spärliches Gras abwei­den, und sind relativ autark. Und das kaum 40 km von Jerevan, ihrer Hauptstadt mit über einer Million Einwohnern, entfernt. Gegen Wölfe, Luchse und Wildhunde haben sie sich und ihre Tiere mit Mauern geschützt, auf deren Kronen Kuhfladen in der Sonne trocknen. Die Männer sind mit den Herden unterwegs, nur Frauen sieht man in den Gevierten, wie sie unter Aluminiumkesseln rauchende Feuer unterhalten und die kleinen Gemüsebeete nahe der mit häßlichen blauen Plastik­pla­nen abgedeckten Wohncon­tainer umsorgen. Wären die Mauern nicht, hätte man den Eindruck, als könnte man diese immer noch fahrbaren Wagen jederzeit woandershin ziehen. Aber sie haben das Wandern aufgegeben.

Die Landschaft ist baumlos, karg und nur vereinzelt von Büschen bestanden. Fels­brocken liegen herum, eingeschnittene Senken verraten den Lauf nachwinterlicher Bäche, mühsam windet sich das Asphaltband unserer Straße hinauf und hinab in großen Kehren durch die unwirt­liche Region. Zeichen der Einsamkeit gleich hinter der pulsierenden Hauptstadt sind die fehlenden Masten einer Elektrifizierung oder Kommunikation.

Imker nahe AmberdMusul hält. Voraus das Camp zweier Imker. Sie, zwei ältere Männer, wohnen in einem weißen Zelt und einem umgebauten alten Mannschaftstransporter der russischen Armee. Nur dessen Fahrerhaus glänzt noch matt im originalen Olivgrün. Der hintere Aufbau mit der beidseitigen Aufschrift Texpomoschtsch, also etwa Pannenhilfe, ist in ebenso licht­blauer Aqua­rien­farbe gepinselt wie ihre Bienenstände. Es sind wohl an die dreißig. Hübsch ausgerichtet stehen sie in zwei Reihen vor dem Baumwollzelt, Ordnung muß sein. Geht man näher heran, krabbelt und summt es vor und in den hölzernen Kästen. Oben, auf der Kuppe des Hügels, weidet eine Herde Rinder.

Zu Gast bei den BergimkernDie zwei abenteuerlich gekleideten Männer laden uns zum Probieren ein, kramen allerlei Eßbares aus ihrem Mobil, stellen es mit einladenden Handbewegungen auf dem wackeli­gen Campingtisch davor ab: Käse, Honig, Hartwurst, Rauchfleisch und – wie dürfte es fehlen - Lavasch, das dünne Dauerbrot. Auch eine Flasche Wodka findet den Weg auf das Tischchen, allerdings gibt es nur zwei Trinkgefäße: ein ehemaliges Senfglas und ein zylindrisches Mokkatäßchen. Im Honig fährt man mit dem Brot um einige Bienen herum, die beim Naschen sofort hoffnungslos in ihrem eigenen Produkt steckengeblieben sind.

BienenzüchterDie beiden Männer sind wortkarg aber freundlich. Nara erklärt, natürlich würden sie sich über den Verkauf von etwas Honig freuen, aber wir seien eingeladen, und wenn wir ihnen Geld dafür geben wollten, so sei das für sie eine große Beleidigung. Und die Beiden nicken bedächtig dazu, als hätten sie Nara aufgetragen, uns genau dies mitzuteilen. Vielleicht haben sie ja auch den Wortlaut erkannt, denn Nara kommt hier jede Woche mit anderen Gästen vorbei und wird allen dasselbe erzählen.

Nein, ich glaube nicht, daß dieser Aufenthalt inszeniert ist. Obwohl, warum hat Musul ... ach, belassen wir es einfach bei der berühmten armeni­schen Gastfreundschaft! Es hat Spaß gemacht, zum Abschied winken wir den Zweien aus aufgeschobenen Busfenstern Lebewohl. Uns entgegen schnauft den Berg hinauf ein altersschwacher Linienbus. Er fährt am Platz der beiden Alten vorbei.

Festung AmberdWir nähern uns Amberd, die Landschaft wird karger und der Wind kälter. Musul hält für ein Foto, wir sind auf etwa 2000 m Seehöhe. Vor uns im Sonnenglast wie Zahnstümpfe eines Riesengebisses die Reste der Festung Amberd, uneinnehmbar auf einem Hügel gelegen und doch letztlich zerstört. Vorher diente die zum Teil bereits aus dem 7.Jh. stammende und im 12.Jh. ausgebaute zweigeschossige Anlage wohl mehr als Sommersitz denn als Schutz gegen Eindringlinge. Sie war mit allem (zu damaliger Zeit) erdenk­lichen Luxus ausgestattet wie z.B. einer überkuppelten Therme mit Caldarium (Warmraum) und Tepidarium (Kaltzelle). Es muß äußerst genußvoll gewesen sein, dort im Bottich mit heißem Wasser zu schwitzen, dabei vinum aus kristallenen Kelchen zu schlürfen und den Blick auf dem damals noch mit viel mehr Schnee bedeckten Gipfel des Ararat ruhen zu lassen.

Dem setzten durchreisende Seldschuken für mehrere Jahre ein Ende. Auch ihnen gefiel die hochherrschaftliche Sauna, es gibt immer Neider, also brachten sie sie in ihren Besitz. Im Jahr 1196 vom Fürsten Zakhar zurückerobert und wieder aufgebaut, konnte die Feste noch dem Ansturm der Mongolen im Jahre 1236 stand­halten, wurde jedoch 1408 endgültig zerstört. Niemand baute sie danach wieder auf, und so präsentiert sie sich uns heute: als impo­sante Ruine. Es erfordert gutes Schuhwerk, zwischen ihren Zinnen herumzukraxeln.

Amberd - Kathoghike KircheEin Stück weiter südlich und bergabwärts die kleine Kirche Kathoghike. Eine Inschrift auf der Innenseite des nördlichen Portals belegt ihren Bau im Jahr 1026 durch den Fürsten Vahram Vatsch’uthjan, also vor dem der Festung. Sie ist im Stil der ummantelten Kreuz­kuppel­kirchen errichtet, die typisch für Armenien sind. In den 70er Jahren wurde sie sehr schön restauriert, da auch an ihr der Zahn der Zeit unübersehbare Spuren hinterlassen hatte.

Kirche und Festung liegen auf einem Gebirgskamm mit beiderseits tiefen Schluchten. Von hier fällt der Blick weit in die sich wellende Hochebene von Aragatsotn. Am Ende des Grats, dort, wo das Kirchlein steht, fällt der Berg jäh in die Tiefe. Wasser stürzt den Hang hinab, ganz unten ein steiniges Bachbett, um diese Jahreszeit nur ein armseliges Rinn­sal.

Zwei weiße Bauwagen stehen herum, Arbeiter betonieren irgend etwas, rumorende Maschinen verbreiten Lärm und blauen Dieselqualm. Wenn es gut geht, ist das eine weitere Restau­ration. Schlimmsten­falls jedoch ein Park­platz mit Luftballon- und Pommesbuden. Das mag man sich hier gar nicht vorstellen.

AndachtAm Weg hinab zur Kirche Lebensbäume, das ist natürliches Buschwerk mit bunten, in die Zweige gewundenen Stoffetzen, die Glück und Schutz verheißen. Im dunklen Kircheninne­ren andächtig eine Gesellschaft in Begleitung zweier purpurgewandeter Priester und eines bärtigen Patriar­chen. Unter golddurchwirktem Umhang trägt er auf schwarzer Soutane ein schweres Kreuz um den Hals. Gebete werden gemurmelt, Hände gefaltet, und andächtige Augenpaare richten sich hinauf zur Kuppel. Durch die geöffnete, mit dem Kreuz versehene Tür fällt der Blick aus dem dunklen Raum in hellerleuchtete, ruhig daliegende Landschaft - das alles macht andächtig. Ergriffen wende ich mich ab, lasse die kleine Gesellschaft allein.

Chorovats'Ausgerechnet ein Esel muß mich draußen empfangen, er weidet das spärliche Gras vor dem stürzenden Hang ab und kehrt mir sein knochiges Hinterteil zu. Na gut, die Welt hat mich wieder. Von hier unten wirkt die Festung noch bedrohlicher. Ich gehe zurück. Alle Wege müssen wohl damals Teil der Festung gewesen sein, wehrhaft versperrt durch schmale Tore mit darauf ruhenden Türmen, von deren Zinnen Bogenschützen jedem Angriff ein blutiges Ende bereiten konnten. Jetzt reifen zwischen den Toren an kurzen Stauden blutrote Früchte, die an eine Kreuzung aus Brom- und Himbeeren erinnern, und die ich als nicht giftig einstufe. Als ich eine der Beeren in den Mund nehme und sie kurz anbeiße, speie ich sie sofort wieder aus: Pftui! Sauer und adstringent sämtliche Schleimhäute im Mund zusam­men­ziehend kann sie - trotz ihrer einladend karmesinroten Färbung - nur als abschreckende Medizin gelten: Medizin gegen die Landschaft hier am Fuß des Aragats, die in ihrer grünwelligen Weite und lichtblauen Unendlichkeit süchtig macht.

Es tut gut, hier allein zu sein. Hinter Kamm und Kirche blinken im Tal die weißen Dächer einer Siedlung, unter mir bis zum Fuß der Schlucht die Kegel einer bemoosten Feste aus Fels, die die Natur sich selbst geschaffen hat.Oben, über all dem, eine Hütte, in der es Getränke und Andenken gibt. Ein paar Tische, Stühle. Auf einem holzkohle­befeuerten Rost schmurgelt Chorovats’ leise vor sich hin. Das sind breite Metallspieße mit marinierten Stücken von Lamm- und Schweinefleisch, ein Nationalgericht. Leider sind sie für das österreichische Fernsehteam bestimmt, das hier zu Filmaufnahmen über die Festung weilt und bis zur Fertigstellung des Menüs träge in der Sonne liegt. Peter, unser Ösi, hat sich sofort an sie rangemacht, aber auch er kriegt nichts von ihrer Verpflegung ab. Wir bescheiden uns mit einem Tee aus richtigen Porzellantäßchen.

Nara auf PonyBis zur Abfahrt bleibt noch eine halbe Stunde, die ich ziellos umherstreife. Vor einem rostroten Zigeunerwagen oberhalb der Hütte steht ein gesatteltes Pony, ein glänzender Brauner. Irgendwann sitzt Nara auf dem Pferdchen, unschlüssig, wie sie die aus zwei ein­fachen Seilen bestehenden Zügel am besten halten soll. Der Ponybesitzer macht mit dem Handy ein Foto von ihr - ich auch. Mit Blick auf unseren Bus steigt Nara lachend ab. Gut, sie hat es versucht, doch der Bus ist allemal bequemer.

Idyll im Bergland von AragatsotnNoch weiter oben, ganz auf der Kuppe der Anhöhe, stehen wild umzäunte Blechhütten und ein ehemals bewegliches Fahrzeug, ähnlich einem Eisenbahnwaggon, offenbar Fourage­wagen der russischen Armee. Heute dient das alles als Wohnung, Stall und Aufbewahrung für allerlei rostiges Gerät. Vor den armseligen Bauten jedoch ein Platz, der die liebevoll gestaltende weibliche Hand verrät: eine niedere, mit verschossenen Stoffresten belegte Sitzbank, darum ein Kreis feurig blühender Gartenblumen, die man in dieser Höhe kaum vermutet. Seitlich des mit einem Stoffetzen verhangenen Eingangs zu dieser Behausung eine Koch­stelle aus verrußten Steinen, darauf ein geschwärzter Kessel mit blankgescheuertem Deckel; daneben eine rote Plastikschüssel zum Waschen von Händen und Gemüse. Schließlich ein Paar grüne Gummi­galoschen, in welche schlüpft, wer bei Regen, wenn der sandige Vorplatz sich in eine Schlamm­wüste verwandelt, diese betreten muß. Ein sehr bescheidenes Idyll, hinter dem sich bis zu den tiefhängenden Wolkengebirgen am Horizont in endlos scheinenden Wellen die fast vegetations­lose engere Heimat dieser genügsamen Menschen erstreckt.

Genügsam? Sie müssen mit dem auskommen, was sie vorfinden. Der abgetakelte blau­weiße Bus der Kirchengesellschaft parkt unterhalb der Kioskbude. Sein Fahrer steht vor der rückwärtig geöffneten Motorhaube, grübelnd ob all der Schläuche zu dem riesigen Ventila­tor, der dem Gasmotor Kühlung zufächeln soll. Seit den Zeiten, als alle Welt und besonders die Türkei Armenien mit wirtschaftlichen Blockaden und Abriegelung der Grenzen belegten, weil dieses kleine Land sich erfrecht hatte, in Berg-Karabach armenisches Territori­um zu reklamieren, und das mit Waffengewalt, rollen alle öffentlichen Busse mit roten Gasflaschen auf dem Dach. Es blieb nichts anderes, die öffentlichen Motoren anzu­trei­ben, da der Ölstrom aus Baku versiegt war. Dort war Aserbaidschan, auch Berg-Kara­bach war Aserbaidschan. Und Aserbaidschaner sind – im Gegensatz zu christlichen Armeniern – zu 90% ein Turkvolk. Das allein erklärt die Schließung der türkischen Grenzen zu Armenien. Auch heute noch.

JessidendorfWir fahren weiter. Über Khutschak und Aparan auf der M3 entlang des Flusses Khasach Richtung Norden. Linkerhand lassen wir den schemenhaft erkennbaren Aragats hinter uns. Beidseits der Straße türmt sich drama­tisches Bergland mit kahlen, blauen Hängen. Kurz vor dem Phamb-Paß hält Musul am Straßenrand in einem Dorf. Es heißt Rja Thaza, wir sehen gleich, daß es anders ist als jene, die sich bislang weitab der Straße in Täler mit kargen, steppenartigen Wiesengründen duckten.

Auf einem Anger zwischen Straße und Dorf verstreut breiten sich mit senfgelben Flechten bewachsene Findlinge. Dazwischen niedrige Monumente aus schwärzlichem Stein, die an grob­schlächtige Schaukelpferde auf Postamenten erinnern. Manche waren wohl einmal rot bemalt, anderen fehlt der Kopf. Schafe zupfen daneben mit weichem Maul Halme aus der Grasnarbe, und die gesattelten Pferde sind nur um Weniges höher als sie. Erst die bekann­ten, truhenförmigen Grabsteine verraten uns, daß dies ein alter Friedhof sein muß.

Jessidisches MädchenEs ist eine jessidische Siedlung, die hinter dem Anger und einem Wall aus getrocknetem Kuhmist eine Anzahl niedriger Katen und Häuser auf die ebene Sandfläche gewürfelt hat, die ockerfarben das Dorf umschließt. Haushoch angehäufte Strohballen und von langen Leinen flatternde Leibwäsche verteilt sich auf dem Gräberfeld. Ein Pulk Kinder löst sich aus dem Schatten der Häuser und rennt über die Wiese auf uns zu, umringt uns tanzend mit bettelnd gereckten Händen. Sie sind dunkelhäutiger als bislang gesehene Armenier, vom Typ fast ein wenig zigeunerhaft. Inge verteilt Süßigkeiten unter ihnen, die sie für solche Fälle stets in der Handtasche hat. Es ist nicht genug für alle, sie streiten um das Wenige und betteln nach mehr.

Nara sagt, Jessiden seien kurdischen Ursprungs. Sie lebten schon seit mehr als hundert Jahren hier, es gebe noch mehr solche Dörfer in dieser Region, und alle hätten unter dem großen Erdbeben am 7. Dezember 1988 gelitten. Viele Häuser seien zerstört worden, Men­schen und Tiere verschüttet. Seither habe man ihnen mit Hilfe der EU und Spenden neue Dörfer gebaut, Kleidung, Vieh, alles, was sie verloren hätten zumindest in Grundzügen ersetzt. Ein wenig bitter fügt sie hinzu: Und was machen diese Leute? Haben alles und halten ihre Kinder zum Betteln an - sie sollten sie lieber waschen und zur Schule schicken!

Sie hat sich ein wenig in Rage geredet. Als sie unsere in fragender Abwehr erstarrten Gesich­ter sieht, versucht sie ein Lächeln, zieht entschuldigend die Schultern hoch und deutet eine vage Handbewegung an, als wolle sie zu einer Erklärung ansetzen. Lange Pause, sie holt Luft. Dann bricht es aus ihr heraus, mit ausgestreckter Hand weist sie die Straße entlang nach Norden: Dort drüben liegt Spitak, eine Stadt mit ehemals 60.000 Einwohnern, idyllisch im Tal des Debed gelegen. Das Beben hat sie pulverisiert, nichts blieb, 25.000 Menschen starben in den Trümmern. Und? Die Hälfte der Überlebenden lebt heute noch in Pappkar­tons und Wellblech­hütten. Doch, es gab Hilfen. Die Schweiz hat ganze Siedlungen errichtet, schmucke Fertighäuser, aber was hilft das, wenn die Menschen keine Arbeit haben - auch die Fabriken sind zerstört, und die hat niemand aufgebaut, nachdem ein Jahr später das Sowjet­imperium zerfiel.

Bitter fügt sie hinzu: Aber wir sind ja keine Minderheit. Nur Armenier.

Später erfahre ich, daß die Jessiden für sich beanspruchen, eine eigene Nation mit jahr­hun­dertealter Tradition zu sein. Kurden seien Moslems, sie aber hingen einer Naturreligion an und bezeichneten sich selbst als „Sonnenanbeter“. Nun gut. Mögen sie sonnenanbetende Kurden sein. Daß sie, wie ein Reiseführer sinngemäß behauptet, „wie auch die anderen Minderheiten des Landes im friedlichen Ein­klang mit den Armeniern leben“, wage ich nach der heutigen Episode zu bezweifeln. Jedes Land hat seine Neger.

PhambpaßBald darauf erreichen wir auf 2152 Höhenmetern den Phamb-Paß. Eine Pause, Damen links, Herren rechts. Es bleibt Zeit, ein wenig den Hang zu erklettern und nordwärts des Passes ins Tal zu blicken. Hier beginnt die Region Lori. Peter, der Wiener, der nach mir den Berg hochstiefelt und nun neben mir sitzt, beginnt angesichts des wunderbar sich unter uns breitenden Bildes sofort alles zu vermarkten: Jo, des die des so broach liegn loassen!

Da gehörten Lifte her, das sei eine ideale Landschaft um Schi zu fahren (foan, sagt er), überhaupt: Würstlbuden - und der hier oben pfeifende Wind nimmt ihm fast das Wort aus dem Mund: Und des Wroack doahinten, des ghert a weg’greimt! Dabei deutet er auf ein auf Paßhöhe liegendes Autowrack, das uns seine rostzerfressene Bauchseite zeigt.

Und? antworte ich ihm. Wär dann die Landschaft noch so beseligt und beeindruckend, wie wir sie jetzt von hier betrachten: ganz ohne Strommasten, Lifttürme, Hotel­bunker – nur reine Natur? Hätten die Leute das alles schon errichtet – lohnte es dann überhaupt noch, hierher zu fahren?

Er schweigt eine Weile, beschaut sich die Landschaft durch den Monitor seiner Kamera und gibt schließlich zu: Naa, doa hoast recht. Des hamma aa. Kumm, gemma obi.

Reisende auf dem PhambpaßEin kinderkackegelber Bus hält auf der Paßhöhe, das treibende Gas in Flaschen auf dem Dach. Vier Frauen und ein Schulbub entsteigen ihm, schultern ihre Bündel und begeben sich auf den Heimweg. Die jüngste und hübscheste trägt hautenge Jeans zu schwarzem T-Shirt, an den Füßen spitznasige Treter mit Stilettoabsätzen. Das nächste Dorf in ihrer Richtung ist gut zwei Kilometer entfernt, Peter und ich haben es von oben gesehen. Und es geht bergauf. Ob das auch für dieses Land gilt, für das stellvertretend die junge Frau in den mörderischen Wanderschuhen stehen mag? Es wird schwierig, das ist mal sicher.

Eine Viertelstunde weiter durchfahren wir Spitak. Nur die Landschaft ist geblieben, es hätte zu vieler Mühe bedurft, auch noch die Berge einstürzen zu lassen. Doch alles andere liegt entweder noch in Trümmern oder wirkt heiter und neu. Als am 7. Dezember 1988 ein erstes Rumpeln die Katastrophe ankündigte, saßen die meisten Bewohner von Spitak zu Mittag, es war kurz vor Zwölf. Das nächste Grollen kam, bevor sich jemand retten konnte; wer zu diesem Zeitpunkt nicht außer Hauses war oder kam, war verloren: Dächer stürzten in die Suppenteller auf den Tischen und auf die Schädel der darum versammel­ten Familien.

Mahnmal für die Erdbebenopfer Wie ein Graben zog sich das Beben weiter in das etwa achtzig Kilometer westlich gelegene Leninakan, das nach dem Beben und der Lösung von der UdSSR diesen Namen nicht mehr führen mochte und sich seither Gjumri nennt. Auf dieser Linie etwa lag das Epizen­trum mit einem High-Score von 7,5 auf der Richterskala. Aber auch im übrigen Armenien gingen Scheiben zu Bruch, stürzten Fabrikschlote und -wände ein, und Ziegel prasselten auf Köpfe, die nicht immer einen Schutzhelm trugen. Die Gesamtzahl der Opfer dieser Katastrophe beziffert man vage auf 100.000, genauer weiß man es nicht. Ein Denkmal hat man errichtet, das in einer roten Steintafel symbolisch ein Zentrum zeigt, von dem aus vernichtend die Wellen der ruhelosen Erdkruste um sich greifen. Dieses Zentrum war hier.

Wir halten nicht, fahren durch bis Dzoraget, einem Gebirgsdorf kurz vor Alaverdi, wo der Fluß Debed zusammen mit Eisenbahn und Hauptstraße zur georgischen Hauptstadt Tbilisi sich durch eine grüne Schlucht mit steilen Hängen zwängt. Hier, am Flußufer, liegt unser Hotel für die Nacht, im Nachhinein das einzige auf der ganzen Tour, das seine vier Sterne wirklich verdient.

Dzoraget, Hotel TufenkianDas Hotel – es gibt insgesamt drei davon in Nordarmenien – gehört zur Tufenkian-Kette, einer Familie, die ihr Geld im Teppichhandel gemacht hat. Alle sind sie in landschaftlich exponier­ten Gebieten im alten armenischen Landhausstil errichtet und mit allem nur erdenk­lichen modernen Komfort ausgestattet. Nur die hochbeinig federnden Betten mit den schwe­ren Zudecken sind etwas gewöhnungsbedürftig. Es gibt jedoch ein komfortables Schwimm­bad, meine Zweitbeste dreht sogleich eine halbe Stunde lang ihre Runden, während ich mit der Kamera auf Erkundung gehe.

Wild schäumt der Debed durchs geröllige Tal, aus dem sich spitzbewaldet unzu­gäng­liche Fels­py­ra­mi­den erheben. Gleich hinter dem Hotelkomplex ragt drohend ein Berg­mas­siv. In der Hotelhalle aber geht es durch drei Etagen licht und gemütlich zu, was in erster Linie dem vielverwendeten Baustoff Holz zuzuschreiben ist. Draußen eine sowjetische Siedlung, die das ehemalige Dorf um ein paar Plattenbauten – wenigstens mit Balkons – erweitert hat.

DzoragetAber was hatten sie schon, bevor Tufenkian kam: Sägemühle, Bahnstation, das war’s. Jetzt steht an grüne Scheunentore mit Kalkfarbe gepinselt: Ice Cream, und die Zimmer­mädchen, Köche und Concierges stammen alle aus der Gegend. Das Hotelmanagement verwendet viele Mittel darauf, seine Umgebung zu verschönern, pflanzt Bäume und Blumen, errichtet Garten­häuser und schattige Spaliere. Langsam kommt alles zusammen: die zweistöckigen Miets­kaser­nen gegenüber mit ihren grünen Holzbalkonen, die Dorfgasse, wo im Schatten von Feldstein­mauern Hühner im sonnenwarmen Staub dösen, Gänse schnat­tern und quer über jene steil in die Berge führende Gasse von Haus zu Baum eine zwanzig Meter lange Leine an Rollen gespannt ist, von der fröhlich und in allen nur denkbaren Farben Kinder­wäsche mit langen Strumpfbeinen in der trägen Abendluft wimpelt – es tut sich was in dieser einstmals verlorenen Region nahe der Grenze zum Kaukasus und Georgien, und die Tufenkians mit ihrem Teppichvermögen haben nicht wenig Anteil daran.

Die Schlucht des DebedNach einer halben Stunde rufe ich meine Zweitbeste aus dem Wasser. Gemeinsam mit den anderen beiden Ehepaaren unternehmen wir noch einen kurzen Rundgang durch die nähere Umgebung. Wie flüssiges Messing drängt sich letztes Sonnenlicht in die Enge der Schlucht. Ein Angler tunkt seine Leine in über Felsblöcke brodelndes Wasser, die gekalkten Hausgiebel gegenüber zwischen Fluß und Eisenbahn sind in mächtiges Ocker getaucht, darüber im schwindenden Licht die Orgelpfeifen des Basaltgesteins, das in goldbeglänzten Zinnen und Schroffen zum allmählich ermattenden Abendhimmel strebt – haben wir jemals Schöneres erblickt?

Die ballspielenden Kinder auf dem Dorfplatz staunen nicht schlecht, als unser Manfred - mit ergrautem Haar in ihren Augen ein uralter Mann – nach der Pille hechtend den Volleyball weit über das Netz in den gegnerischen Raum schlägt. Es dauert eine Weile, ehe sie die Münder wieder zukriegen - und begeistert applaudieren! Das folgende Abendessen in der Hotelhalle ist den vier Sternen des Hotels angemessen. Hinterher sitzt man noch zusammen, auf einen – na gut, das muß jeder mit sich selber abmachen. Wir jedenfalls hatten trockenen Wein. Rot und Weiß, die so sauber waren, wie dieser Ort.

Die Dusche danach – eine Offenbarung! Wenn auch die popdesignten Armaturen anfangs viel Entdeckersinn verlangten. Die Betten waren da schon einfa­cher zu handhaben. Und von dem befürchteten Eisenbahnverkehr in der engen Schlucht war bis zum Morgen nichts zu spüren. Vielleicht hatten sie Streik, das kommt vor.

Alaverdi, Brücke über den Debed7. Tag: Sa, 01.09.07. Es ist sechs Uhr, das Leben gegenüber spielt sich auf den grünen Holzbalkonen ab. Dort werden Windeln gewaschen, Kleinkinder gefüttert und auf rostigen Kochplatten Tee und Suppe erwärmt. Auch das Hotel erwacht, rasselnd stampft ein erster Zug durch die Schlucht. Wir packen die Koffer, Musul hat den Bus schon aus irgendeinem Stall geholt und bereit gestellt.

Durch die morgendlich besonnte Schlucht des Debed geht es nach Alaverdi. Mitten in der Stadt überquert eine einbogige Steinbrücke mit ausgetretenem Pflaster seit acht Jahrhun­der­ten den Fluß und ist damit wohl das älteste profane Bauwerk Armeniens. Bis vor kurzem war sie die einzige Verbindung nach Sanahin, einem Dorf, in das wir seines Klosters wegen heute noch kommen werden. An ihrem Fuß, versunken auf einem Podest, sitzt ein bärtiger Mann, die Pfeife im Mund. Er ist aus verwittertem Stein, und selbst Nara weiß nicht, wen das Denkmal darstellen soll. „Vielleicht ein Geologe“, vermutet sie.

Zur Zarenzeit war Alaverdi ein Zentrum des russischen Kupferbergbaus. Ende des 19.Jh., als die Minen unergiebig wurden, übernahm die Schürfrechte jedoch die französische Firma Schneider & Co. Deren Mitarbeiter hatten nämlich die nützlichen Eigenschaften des bei der Kupferverhüttung als Abfallprodukt anfallenden Molybdäns als Legierungselement bei der Herstellung von Panzerplatten entdeckt. Was sie natürlich beim Kauf verschwiegen. Noch heute wird in der Region das Halbmetall Molybdän gewonnen, das in jüngerer Zeit vielfäl­tige Verwendung in Elektronik, Metallurgie und anderen Techniken findet. Bei der Auffahrt zum Kloster Haghbat passieren wir die offene Wunde eines entsprechenden Tagebaues.

UNESCO-Welterbe: Kloster HaghbatHaghbat war ein stiller Ort, bis 1996 das oberhalb des Dorfes gelegene Kloster in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde. Nun, so ganz hat die Ruhe den Ort nicht verlassen, noch immer gibt es einen Dorfplatz unterhalb der Klostermauern, aus dessen Mitte sich eine knorrige Akazie erhebt. An ihrem Fuß laden einfach gezimmerte Bänke zum Schwätzchen oder einfach nur Verweilen ein. Wir sind früh dran, als wir nach kurviger Serpentinenfahrt hier eintreffen, deshalb haben wir den Platz und das Kloster ganz für uns. Mal abgesehen von deren ständigen Bewohnern, die zu dieser Zeit im Dorfladen Brot kaufen und unser Trüppchen mit wachsamen Blicken verfolgen.

Auf einer Anhöhe zwischen buckeligen Wiesen gelegen, hinterläßt das vollständig von einer Wehr­mau­er umge­be­ne Kloster im ersten Anschein einen abweisenden Eindruck. Erst aus nächster Nähe, innerhalb des Mauerrings, offenbart es dem Besucher seine Größe. Mehrmals im Laufe seiner fast 800-jährigen Geschichte wurde es zerstört und verwüstet, längst war es verlassen, als es ab dem Jahr 1940 restauriert wurde.

Haghbat - AusblickIn seinem verwinkelten Inneren birgt es drei Kirchen und Kapellen, deren größte, Surb Nschan, man durch eine imposante Vorhalle betritt. Alle Böden sind mit großen Grabplatten ausgelegt, deren dunkles Gestein durch schlurfende Tritte der Mönche und Besucher glattge­schliffen und den einzig durch offene Türen fallenden Lichtschein widerzuspiegeln scheint. Von einem weiteren Bau, dem Hamazasp-Gebäude, benannt nach dem errichtenden Abt, einer riesigen Halle, die wohl profanen Zwecken diente, bietet sich vorbei an geschnörkelten Kreuzsteinen und einem Labyrinth verschachtelter Säulen und Bögen durch eine weite Lichtöffnung ein dramatischer Blick nach Osten in die das Kloster umgebende Bergwelt. Allein dieser Blick ist des Status eines Welterbes würdig. Begibt man sich von dort nach draußen, scheinen die ziegelroten Dächer der Anlage fast im grasbewachsenen Hang zu versinken, der hinter dem Kloster zur östlichen Mauer hin stark ansteigt. Mitten darin der alles überragende dreistöckige Glockenturm. Eine Bibliothek im Osten der Hauptkirche sowie Refektorium mit Küche und die Gruft der Stifter im Norden ergänzen die Anlage.

Ich bin froh, als ich nach diesem düsteren Steingebirge draußen einen Priester in schwar­zer Soutane mit Handy am Ohr zum Ausgang eilen sehe. Er ist der Zuständige, der morgens die schweren Ketten vor den Türen löst und sie abends dem Kloster wieder anlegt. Gelbe, blei­stift­stummel­dünne Kerzen braucht er nach Feierabend jedenfalls nicht zu löschen, es gibt hier keine Altäre. Die UNESCO-Regeln schreiben einen Zustand fest, der schwer zu erhalten wäre, ließe man hier noch Andacht und Gebet zu. Jeder mag sich darüber eigenen Gedanken hingeben. Papierschilder, mit Heftzwecken an die Trauerweiden oberhalb der reichverzier­ten Gruft gepinnt, verbieten jegliches Rauchen auf dem Gelände.

Das Dorf HaghbatIm Ort jedenfalls, der sich so viel davon versprochen haben mag, lassen wir wenig Geld. Zwei, drei Gläser Tee, eine Ansichtskarte, das war’s. Fettbäuchig rosige Schweine traben die Hauptstraße hinunter. Ein aus Sowjetzeiten verbliebener Spielplatz junger Pioniere vergam­melt am Hang, von dem aus man auf rußende Fabrikschornsteine von Alaverdi hinab­sieht. Das Kloster über dem Dorf macht jetzt einen gefrorenen, in sich zurück­gezoge­nen Eindruck, ganz wie bei der Ankunft. Die rostigen Wellblechdächer einiger Scheunen weisen Löcher auf. Eingemottete Autos, auf den Felgen hochgebockt und mit längst verschlissenem Musse­lin abgedeckt, überwuchert in den Gärten das geile Grün von Kletterpflanzen. Ein Beton­kopf, meterhoch, reckt sich neben dem Spielplatz, im Hintergrund steilragend die Wand der Debed-Schlucht.

Vielleicht der Dorf- oder Kreisobere, der diesem Ort das Welterbe einge­brockt hat, in dem man nicht mehr beten darf – ich bitte, meine Gedanken zu entschuldigen. Aber sie überfallen mich nun mal an solchen Orten, die eigentlich ohne das UNESCO-Siegel viel schöner und freier wären. Aber das ist meine ganz persönliche Ansicht, die niemand teilen muß.

Von Haghbat geht es die steilen Serpentinen wieder hinab nach Alaverdi und auf der neuen Straße hinauf nach Sanahin. Ein bäuerliches Dorf, in dem spielende Kinder der lastenden Stille und Hitze – es mag an die dreißig Grad haben - rufend und lachend Leben geben. Im Schatten hoher Bäume rund um das Kloster ist es angenehm, im kühlen Gemäuer erst recht.

Kloster Sanahin - GrabplattenUm es gleich zu sagen: Sanahin gefällt mir besser als Haghbat, und ich hätte trotz meiner Vorbehalte (siehe oben) wenn schon, dann viel lieber dieses Kleinod auf der UNESCO-Liste gesehen. Es erscheint lichter, freier, offener, die Bauten durch große Bogenöffnungen nach außen mehr dem Leben zugewandt, kurz: gegen dieses Kloster scheint Haghbat eine düstere Gruft. Würde mich nicht wundern, wenn es hier einen Weinkeller gegeben hat. Aber es ist ja nicht einmal ein Refektorium erhalten.

Auch hier sind alle Böden mit Grabplatten gepflastert, es tun sich nur wenige Lücken auf, wo die Mönche noch jemanden der Erde hätten anheim geben können. Fast möchte einen der gar nicht so absurde Gedanke beschleichen, daß, wenn der Boden einer Kirche vollends belegt war, die fromme Brüderschaft flugs eine neue errichtete. Platz wäre auf dem Gelände genug gewesen, zum Beispiel gleich hinter der größten, der Erlöserkirche, an deren Stelle Grigori der Erleuch­ter (uns mitt­ler­weile gut bekannt!) im 4.Jh. ein Kreuz aufgestellt haben soll. Dem folgte eine Kapelle, jener wiederum im 10.Jh. die Surb Amenaphrkitsch’, heute die Ruine der Erlöserkirche. Es gibt – o Wunder! –sogar brennende Kerzen, obwohl die hier gar nicht vonnöten wären; dank ihrer Bauweise lassen die Gotteshäuser nämlich genügend Licht herein.

Kloster SanahinAuf Dächern und in Mauerritzen der Klosterruinen wachsen Gras und allerlei Kräuter oder Unkräuter. Aus kaum auszumachenden Fugen schwitzt Kalk und läuft als bleicher Tränen­fluß die Wände herab. Ein Relief am Ostgiebel der Erlöserkirche zeigt die Söhne der Stifterin, Gurgen und Smbat, in Händen ein Modell der Kirche. Von diesen Mauern geht Sanftmut aus, Trauerweiden und am warmen Stein huschende unterarm­lange Echsen tun ein Übriges, den Ort als Urbild der Beschaulichkeit auszuweisen. Ein tausendfach blühender Bauerngarten an der Klostermauer vollendet das Gemälde friedvoller Harmonie. Vielleicht ist es auch nur das Spiel von Licht und Schatten, das diesen Ort so anziehend macht - bei Regen mag er trostlos wirken.

Alaverdi - KupferproduktionAus den Fabrikschloten Alaverdis lagert wie dichter Nebel Rauch im Tal. Auch hier ist durch das große Erdbeben viel zerstört worden. Sanahin hat – außer seiner dörflichen Ruhe – noch eine weitere Attraktion aufzubieten: es ist Geburtsort des Flugzeugkonstrukteurs Artem Mikojan, Erbauer der ersten legendären MIG-Jäger der sowjetischen Luftwaffe, der hier 1905 zur Welt kam. Sein zehn Jahre älterer Bruder, Anastas, war in der Ära Breschnew von 1964 bis 1965 Vor­sitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets und damit Staatsoberhaupt der Sowjetunion. Er unterzeichnete aber auch, neben Stalin, Molotow und deren Hen­kers­knecht Berija, den Befehl zur Exekution von „Nationalisten und konterrevolutionären Aktivisten” im besetzten Gebiet, dem 1940 als gesicherte Zahl 27.500 Polen zum Opfer fielen. Dies Ereignis ging als „Massaker von Katyn“ in die Geschichte des Zweiten Weltkrieges ein.

Gedenkstätte Artem MikojanObwohl auch Anastas, kurzzeitig Oberhaupt der Sowjetunion, hier geboren wurde, findet er weder am Ehrenplatz seines Bruders, dem man eine komplette, startbereite MIG-21, das meistgebaute Düsenflugzeug der Welt, unter einem Dach in den Garten gestellt hat, noch an anderer Stelle in Sanahin Erwähnung. Das Dorf tut gut daran. Es ist aber auch Beweis dafür, daß Historie immer selektiert, und man ihren „Wahrheiten“ nie glauben darf. Ein nüchternes Täfelchen mit dem Text Hier kam 1895 einer der Mörder von Katyn, Anastas Hovhannessi Mikojan zur Welt hätte ja genügt, der Geschichte zum Recht zu verhelfen - damit aber mag sich keine Gemeinde der Welt schmücken. Ruhig und gelassen schaut indes der Bronzeschädel des guten Dorfsohnes Artem von seiner roten Granitsäule ins Tal von Alaverdi. Das bleibt, vorerst. Doch irgendwann wird man, ähnlich angesichts des gebeugten Alten mit der Pfeife im Mund an der alten Steinbrücke nach Sanahin, fragen: Gott, wer war dieser Kerl?

TruckeraltarDie Entfernung zu Georgien beträgt hier nicht mehr als fünfzehn Kilometer Luftlinie. In vielen Windungen schlängelt sich die Straße zurück durch Alaverdi und die Debed­schlucht Richtung Süden. In Dzoraget, diesmal auf der anderen Flußseite gegenüber dem wunderba­ren Hotel der Tufenkians, machen wir Station an einem Truckstop. Pinkelpause, Wiederauf­füllen mit thej, Inspizieren des Grills, auf dem in wohlriechenden Rauchschwaden Chorovats’ vor sich hin schmurgeln, in all dem baufälligen und improvisierten Durcheinander gibt es sogar einen kleinen Altar mit gelben Kerzenstum­meln und papierenen Heiligenbildchen. Aber weiter, sonst kommen wir nie nach Sevan, an das große Binnenmeer Armeniens, das für heute abend unser Ziel ist.

SemjonovkaIn Vanadzor, der Provinzhauptstadt von Lori, wechseln wir auf die M8 nach Dilidschan, dem alten Bade- und Luftkurort im Gebirge. Kurz vor dem Sevan-Paß liegt in eine weite, alpenähnliche Talaue geschmiegt das schmucke Dorf Semjonovka, so ganz anders als die typischen armenischen Bauerndörfer. Russen haben es im 19.Jh. gegründet, Angehörige der Sekte der Molokaner, die zwar orthodoxe Christen sind, jegliche materielle Darstellung Gottes aber ableh­nen und daher weder Kreuze, Heiligenfiguren noch Kirchen kennen, ja, sich als Gegner des herkömmlichen Klerus bezeichnen. Ihr Name rührt daher, daß sie in bewußter Nichtachtung orthodoxer Fastenregeln sich stets von tierischen Produkten wie Fleisch und Milch (russ. moloko) ernährten. Das Dorf mit seinen sattelbedachten Holzhäusern und Ställen straft diesen Grundsatz Lügen: blaugrün um die Anwesen herum glänzen Kohlfelder in der späten Mittagssonne, Millionen von Köpfen müssen es sein, die der Ernte harren. Daneben verschmähen sie auch kaum Tomaten, Kartoffeln, Möhren oder Paprika, die auf großen Beeten in Haus­nähe gezogen werden.

Sagen wir es so: aus Protest hatten sie sich gegen die Dogmen des damaligen Klerus’ im Zarenreich gewandt und diesen mit all seinen Riten gleich mitverteufelt. Das ging in jenen Zeiten nicht, deshalb kamen sie hierher, an den äußersten Rand des Reiches, in dem es hieß: Der Zar ist weit. Zu carnevoren, also reinen Fleischfressern, wurden sie deshalb noch lange nicht. Gesunde Mischkost, die wollten sie sich auch in der Fastenzeit nicht verbieten lassen – Recht hatten sie!

Kohlernte bei den MolokanernJetzt stehen sie an der Straße über ihrem Dorf, halten Kohl und Karotten für Durch­reisende feil und verstecken sich hinter aufgespannten Regenschirmen, sobald jemand sie fotografieren will. Unerkannt bleiben – das ist drin, seit die damalige Gesellschaft sie als Revoluzzer gegen das Diktat der Staatskirche ausgespieen hat. Das hat nichts mit Religion zu tun, denn sie sind gläubig. Doch ohne Hausaltar und purpurne Bischofsmützen.

Kloster HaghartsinVon Dilidschan folgen wir der M4 Richtung Nord­osten. Drei Kilometer nach Ortsende biegt nach links ein asphaltierter Waldweg ab. Dem folgen wir bis zu einem Parkplatz, wo  Musul uns aussteigen läßt. In seinem Cockpit dudelt armenische Folklore, er macht es sich im Sitz bequem. Nara sagt, nur ein kurzer Fußmarsch, höchstens zehn Minuten. Linkerhand des Weges gluckert ein Bach, der Haghartsin. So heißt auch das Kloster, zu dem sie uns führen will. Es gibt Wildschweine hier, warnt sie, passen Sie auf. Der Weg durch den  Wald ist wunderschön. Kein Schwein stört die göttliche Ruhe. Dann, hinter einigen Eschen und ausufernden Holun­der­büschen die Lichtung mit dem Kloster – Whaoo!

Andacht im Kloster HaghartsinGut, dies ist das dritte am Tag, und eigentlich sollte es reichen. Aber seine Lage dort im Tal, zwischen aufsteigenden, bewaldeten Hängen, umgeben von Obst- und Walnußbäumen: das läßt selbst ein drittes Kloster am Tag noch etwas Besonderes sein. Gut, auch die Kreuzsteine am Eingang: das haben wir alles schon einmal gesehen. Doch kaum so prächtig, so meisterlich filigran in den Stein geschnitten, daß man meinen könnte, er hätte zu seiner Entstehungszeit aus Butter bestanden. Gut, ja gut, also das Refektorium – Himmel­herr­gott, solch einen Raum: haben wir das so schon einmal gesehen? Dieser Speisesaal ist beinahe größer als alle drei Kirchen des Klosters zusammen! Die Decke des Saals wird lediglich von zwei sich kreuzenden Gurtenpaaren mit zwei freistehenden Mittelpfeilern gestützt, eine statische Meisterleistung, dabei ist der Saal 20 Meter lang! Minas, der Baumeister, wissen Sie, hat seinen Namen und die Jahreszahl 1248 über dem Südeingang eingraben lassen. Gut, gut, gut, das alles – haben Sie auch die an einen Zwergenhaushalt erinnernden Holztische und Sessel aus gesägten Baumstämmen im Refektorium bemerkt? Sie sind nicht für profane Besucher bestimmt, wie Sie einer sind. Nur der Katholikos mit seiner Begleitung darf hier Platz nehmen, dieses Mobiliar ist allein für ihn bestimmt. Und haben Sie – - schon gut, es reicht. Außer Üblichem gibt es nichts zu beschreiben. Im Talgrund statte ich noch dem Popen­haus und seinem Bienenstand einen Besuch ab. Alles andere aber ist normal – oder?

Durch den Tunnel, der seit einiger Zeit die kurvige und besonders im Winter gefährliche Fahrt über den 2114 m hohen Sevan-Paß im Gebirge umgeht, fährt Musul mit uns in die Provinz Gegharkhunikh, schwierig auszuspre­chen. Hüben noch bis in Gipfel­höhen dunkel bewaldet, zeigen sich drüben nach Tunnelpassage baumlose Steppe und verkarstete Land­schaft. Krasser könnte der Gegensatz nicht sein, kaum zehn Kilometer auseinander, allein durch eine Paßhöhe getrennt - man wähnt sich unvermittelt in einer anderen Welt.

Was hat diese Gegend so baumlos gemacht? Am fehlenden Wasser kann es nicht liegen, direkt unter uns breitet sich glitzernd der Sevansee, tiefblau und von den kurvigen Gischt­spuren dröhnen­der Jet-Skis durchfurcht. Ein neues Vergnügen, nicht billig. Nara sagt, offen­bar gibt es wieder Leute, die sich neben Landhaus und schwarzem Humvee in der Garage auch diese Nervtöter leisten können. Es klingt nicht neidisch, eher resignativ. Vermutlich wird sie froh sein, am Ende der Tour mit uns wenigstens die in Jerevan verlore­nen 30.000 DRAM als Teil unseres Trinkgelds wieder in ihrer rosa Handtasche zu wissen.

Sevansee mit SevanklosterDer See: mit etwa 1.200 Quadratkilometern nimmt er ein Zwanzigstel der Landesfläche ein, und das auf 1.900 Metern Höhe. Längst gehört er indes wie andere Seen im ehemaligen Sowjetparadies (stellvertretend sei hier der Aralsee genannt) nicht mehr zu den Gesündesten. Zuviel Wasser hat ihm der zur Stalinära verwirklichte Sevan-Katarakt abverlangt, eine Kette von sechs Wasserkraftwerken, zu deren Funktion sein einziger Abfluß, der Hrazdan, massiv verbreitert wurde. Trotz mehr als zwanzig Zuflüssen verlandet er immer mehr, so daß die frühere Klosterinsel beim Ort Sevan längst zur Halbinsel geworden ist.

Um zwanzig Meter ist sein Spiegel gefallen und hat seitdem Erstaunliches freigegeben: man fand Reste von hochbeinigen Holzwagen, auf denen urzeitliche Bewohner ihre Toten bestattet und in den See gerollt haben mußten. Einer davon steht restauriert im Historischen Museum von Jerevan, wir haben ihn bestaunt. Dessen ungeachtet bildeten sich internatio­nale Exper­ten­teams, die an Strategien zur Rettung des Sees werkelten. Erste Maßnahme war die Verringerung des Wasserabflusses, was die Kraftwerke weitgehend lahmlegte und zum Bau eines Kernkraftwerkes bei Metsamor führte, am gleichnamigen Fluß etwa zwanzig Kilometer westlich Etschmiadsan gelegen. Armeniens einzigem, übrigens.

1980 in Betrieb genommen, ging es 1988 nach dem verheerenden Erdbeben vom Netz. Die zweite Inbetriebnahme erfolgte im November 1995 und war auf die akute Energiekrise im Land zurückzuführen: alle Armenier froren jämmerlich. Vielleicht daher auch der Holzein­schlag und die Baumlosigkeit der Region. Die Energiekrise indes war selbstverschuldet: der Krieg gegen Aser­baid­schan um die Region Berg Karabach verschlang alle Reserven des jungen Staates, der zudem von seinen Nachbarn boykottiert wurde. Dies alles, bis zur russischen GazProm und deren armeni­schem Ableger ArmRosGasprom (ARG), zu verfolgen, führt in diesem Rahmen zu weit. Wie stets, war es ein Spiel um Macht und viel Geld - es wird dabei Gewin­ner gegeben haben, vielleicht kurven die jetzt auf Jet-Skis über den See.

Tür zum SevanklosterZum Sevan-Kloster auf der Halbinsel führt eine steile Treppe hinauf. Herrlicher Ausblick von oben. Eine schwere, wundervoll geschnitzte Tür gibt nach leichtem Druck den Eingang frei. Im Inneren bewachen pickelige Jungen in kurzen Hosen den Altar und verkaufen Kerzen. Sie sind Angehörige der Klosterschule oder des Priesterseminars, welch beide sich zur Landseite hin unterhalb des Klosterbergs befinden. Im Inneren hat die Kirche nicht viel zu bieten. Außen jedoch wacht sie spitzgiebelig über das armenische Meer und die an dessen Nordostufer sich erhebenden vulkanisch schwarz gefalteten Gebirge, hinter denen Aserbaid­schan und noch weiter dahinter Kaspisches Meer und asiatische Weiten liegen müssen.

Es wird Zeit zu essen. Im Lokal unterhalb des Klosters, ist reserviert. Nach verschiedenen Mezzes, Vorspeisen, wie Salaten, Käse, luftgetrocknetem Fleisch, bekommen wir als Hauptge­richt gebratene Renke, eine Forellenart und Spezialität des Seegebietes. Dazu Bier, Wein, was immer man möchte. Das Lokal ist gut besucht, und Küche und Bedienung arbeiten flott. Um ein Cigarillo zu rauchen, setze ich mich zum qualmenden Musul, weit weg vom Tisch und studiere die Speisekarte: Mannomann, die haben aber hammerharte Preise! Was hier eine einfache Suppe kostet, dafür serviert man in Jerevans Restaurants ein komplettes Menü.

Auch sonst ist Sevan nicht unbedingt das, was wir als Einzelreisende gesucht hätten.  Das avisierte Viersternehotel etwas weiter draußen entpuppt sich als sozialistische Absteige mit fünf Etagen ohne Lift und Kofferträger. Na prima!

Meiner Zweitbesten ist von irgend etwas so hundeelend, daß wir Gott sei Dank die Bar gar nicht erst suchen müssen. Sie schläft auf der Stelle ein. Ich finde nach möglichst geräusch­losem Verlassen des mehr als spartanischen Zimmers durch Flure und Treppenhaus irrend in der Halle einen wortkargen Kerl, der mir aus dem dortigen Kühlschrank ein Bier verkauft. Es ist sogar kühl. Wieder im Zimmer, trinke ich es bei angelehnter Tür auf dem Balkon. Darunter, direkt am See, heult Diskomusik aus dem Autoradio eines Lada Niva, zu der eine Meute bei reichlich Stoff in einer der hoteleigenen Holzhütten ausgelassen tanzt. Um zehn Uhr, so nehme ich mir vor, werfe ich die geleerte Flasche hinunter auf die Szene. Es kommt nicht dazu. Um halb zehn ist mein Bier getrunken, resignierend nehme ich die Flasche mit hinein ins Zimmer, stelle sie irgendwo ab. Um Zehn schlafe ich ein, weil die Batterie des Lada ihren Geist aufgibt und der Lärm in Stimmengebrabbel versandet.

Vier Sterne, so hieß es - die sollte man besser auf dem Etikett der Flasche im Koffer haben, bevor man in diesem Hotel eincheckt. Zum Glück weiß ich bis heute nicht, wie es hieß, so daß ich es auch niemandem empfehlen kann. Nara war verzweifelt, gebucht war ein ganz anderes, wir jedenfalls haben uns nicht beschwert. Ich bin nicht so, und meiner Zweitbesten in ihrem Unwohlsein war eh alles egal.

Sevansee am Morgen 1 8. Tag: So, 02.09.07. Zarte Morgenschleier verhängen die Konturen der Berge am gegen­über­liegenden Ufer. Glatt und blau wie ein ausgebreitetes Seidentuch liegt der See im stei­gen­den Licht. So beginnt der Tag gut. Die bereits gepackten Koffer verstauen wir im Bus.

Sevansee am Morgen 2Weniger gut gestaltet sich das Frühstück. Es soll in einem anderen Gebäude eingenom­men werden, zu dem ein fünfminütiger Fußmarsch führt. Bißchen Frühsport schadet kaum - schlecht ist allerdings, daß wir das Speisehaus verschlossen finden. Auch Rütteln an der Tür und Klopfen an die Fensterscheiben ändert daran nichts. Nara telefoniert über ihr Handy. Nach zehn Minuten kurvt ein Lieferwagen um die Ecke, dem ein Mann entsteigt. Hastig entsperrt er die Tür und läßt uns ein. Nara erklärt: Das sei der Chef, ohne ihn dürfe das Bedienpersonal niemandem öffnen. Super, das erinnert an DDR: „Se wärdn plaziert“.

Die Zutaten des nach einer weiteren Viertelstunde kaum servierten, eher muffig abgela­de­nen Frühstücks sind mau: in der Mikrowelle aufgetautes, klammes Toastbrot, steinharte Eier, eben­solche Butter, mit der man das Brot lediglich zu Bröckchen zerreibt, sowie ein Becher Mager­joghurt für jeden. Wie in der Klinik für Magenkranke. Wenigstens das Wasser in den Thermos­kannen ist heiß, zu dem es auf einem Teller Teebeutel und Nescaféröhrchen zum Aussuchen gibt. Hier beginnt wohl jener Teil der Reise, für den sich der Veranstalter „ein wenig Flexibi­li­tät und Toleranz“ der Teilnehmer erwünscht hat.

Okay. Der Grund ist nicht Mangel, wir bringen ja gutes Geld. Es ist – mit Verlaub – sozialisti­scher Schlendrian, und das fast zwanzig Jahre nach dessen offiziellem Ende. Man wird sich in diesem durch seine Naturschönheit als sicher betrachteten Revier noch umgucken - wenn nämlich die Gäste ausbleiben. Zumal gar nicht sicher ist, ob nicht auch der See sich noch weiter zurückzieht. Uns fällt nicht schwer, diesen schönen Ort zu verlassen.

Viel haben wir nicht zu uns genommen; die Zimmer sind geräumt, Musul legt den Gang ein, ab geht’s. Entlang des etwas unaufgeräumt wirkenden Seeufers fahren wir auf der M10 nach Südosten. Allenthalben stehen begonnene Rohbauten herum, werden Häuser gebaut. Jahrzehnte später wird man es „blendende Lage am See“ nennen - Gründerzeiten.

Gräberfeld NoratusDas bekanntere Noratus liegt nördlich des Dörfchens gleichen Namens auf einer drei­eckigen Halbinsel an der hierdurch engsten Stelle des Sees. Im Südosten, kaum zwanzig Kilometer entfernt, ragt an der Provinzgrenze der 3597m hohe Azhdahak. Davor, eigentlich unbe­schreib­bar, der Stelenwald der Begräbnisstätte Noratus - ich will es dennoch versuchen.

Hier sammeln sich, auf riesig anmutender Fläche, Grabmale, Kreuzsteine und andere Monu­men­te, grünbleich oder rostrot mit Flechten bedeckt, einige ausgerichtet wie Sehrohre von U-Booten: ohne Ausnahme zeigen sie sämtlich nach Westen, so wie es seit jeher für Chatsch’khare üblich ist. Die Uhr zeigt kurz vor Neun, Sonne greift nach letztem Frühdunst, was dem Ort etwas Gespenstisches verleiht. Kahlen Skeletten gleich, stehen die Blöcke, manche auf wuchtigen Sockeln, andere schlank und übermannshoch und werfen breite oder lange Schatten. Hier haben sich Jahrhunderte an Gedenken versammelt, niemand kennt den Grund, weshalb an dieser Stelle. Es ist eben so, und immer noch kommen neue Steine dazu.

Noratus - SchäferinnenZuerst zeigen sich Schafe und Lämmer. Blökend und äsend kommen sie vom Tal herauf, knabbern zwischen den Blöcken die karge Grasnar­be bis auf die Wurzeln ab. Ihnen folgen alte Frauen. Manche am Stock, alle aber haben sie Plastiktüten bei sich, aus denen sie uns Selbstgestricktes anbieten: kratzende Schafwollstrümpfe, Handschuhe und Wollmützen (bei 25° im Schatten!) – Nara versucht, einige besondere Steine zu erklären, immer wieder laufen ihr Schafe, Lämmer oder alte Frauen dazwischen. Sie gibt auf. Läßt uns alleine umherstreifen und Eigenes entdecken. Um halb Zehn am Bus, ja?

Markt: Teppiche, Haustüren ...Ja. Zwischen einem Sevanzufluß linkerhand und ausufernden Maisfeldern rechter­hand entdecken wir am weiteren Weg einen ummauerter Marktplatz. Auf unsere Rufe hin läßt Nara Musul halten. Zehn Minuten für Fotos, okay?

Okay. Wir sind schon draußen und mittendrin. Da stehen Autos, Lkw und Omnibusse, für die man bei uns überall ein attraktives Museum angelegt hätte. Zahllose Taxis warten auf Kun­den. Kurz zuvor muß hier eine Regenwand niedergegangen sein, alles steht unter Wasser. Frauen, die hier einkaufen, sind meist korpulent mit breithüftigen Figuren wie die Spielsteine beim Mernsch-ärgere-dich-nicht. Auf flachen Schuhen watscheln sie durch den Dreck, begutachten hier ein Sofa, wiegen dort eine Melone in der Hand und wirken insgesamt sehr kritisch. Denen kann man nichts verkaufen, das sie nicht selber wollen. Wie zum Beispiel dieses geschnitzte Doppelbett, ohne Matratzen zwar, aber das davor schon eingespannte Motorrad bringt es mit seinem Hänger an jeden beliebigen Ort des Landes. Oder wenigstens der Provinz, alles nur eine Geldfrage.

... Polstermöbel und was man sonst noch braucht.Polstermöbel? Teppiche? Baumstämme? Eine neue Tür fürs Eigenheim? Strohballen als Viehfutter? Oder gar das Motorrad selbst vor dem Doppelbettgespann? Alles ist käuflich, Preis Verhandlungssache. Zur Aufmunterung senden Grillroste mit Chorovats belebende Düfte nebst dicken Rauchschwaden in ihre Umgebung. Nara winkt – also weiter.

DorflebenPause in einem kleinen namenlosen Ort. Wasser: nebst Paprika, Melone und armeni­schem Kognak kann man es in Halbliterflaschen kaufen, sogar gekühlt aus der Eisbox. Aller­dings nur bedingt ein Vorzug: im Bus wird es schneller warm, als man es trinken kann, wir haben 30°. Für September ist das viel. Meiner Zweitbesten reicht ob ihres noch kaum gebes­ser­ten Zustandes eine einzige Banane, für die ich dem Obsthändler ohne zu handeln 150 DRAM als Münzen in die Hand zähle, etwa 30 Cent. Seitdem verfolgt er mich mit den tollsten Angeboten, läßt nicht von mir ab, bis ich endlich zu Musul und unserer Mannschaft in den Bus entfliehe – vermutlich habe ich gerade eben einem armenischen Gemüsehändler ungewollt den Zipfel gezeigt, an dem man ziehen muß, um stinkreich zu werden. Ein Bus zieht hinter uns aus dem Staub, buckelig, auf dem Dach die obligatorischen Gasflaschen, beladen mit Gemüse­kisten, gackernden Hühnern und dicken, zufriedenen Frauen.

Linienbus, gasbetriebenWohin er fährt? Die Schriftzeichen des Mesrop Maschtots, an aufgestörte Schlan­gen­brut erinnernd, in welchen das Ziel hinter der Frontscheibe angegeben ist, werde ich nie lernen und zu deuten wissen. Ohne deren Kenntnis aber ist man in diesem Land verloren. Wie bin ich froh: Musul wird uns schon bringen, wohin wir sollen. Also Abfahrt.

Hauptstraße, AmpelkreuzungEs geht durch baumlos hügelige Ebenen, Graslandschaft, ab und zu ein Dorf. In dunstiger Ferne Viehherden. Manchmal die schneebedeckte Spitze des Ararat, auftauchend und verschwin­­dend hinter weichen Hügelkuppen. Ein klarer Tag. Dörfer, Disteln, auf weiten Grasflächen einsame Denkmale. Wir nähern uns dem Selimpaß, es wird gebirgiger. Musul hält an einer durch ein Portal gefaßten Quelle. Willkommen, um den schalen Inhalt unserer Flaschen zu ersetzen. Das Wasser ist köstlich frisch und umsonst. Musul füllt Kühlwasser auf, die Fahrt durch die Vardeniskette wird steil und kurvig, ihre Paßhöhe liegt auf 2410 m.

Alte KarawansereiRauh und karg ist die Landschaft. Auf der Südseite des Passes liegt nah beim Dorf Aghndschadzor eine ehemalige Karawanserei, bei der wir halten. Sie ist gut instand und auch zugänglich. Zu ihr führte einst die alte Straße, die bei Regen und im Winter kaum passierbar war, eine Steinbrücke steht noch. Halb abgerissen, führt sie über das Geröll eines trockenen Bachbettes, heute ersetzt durch eine neue Teerstraße mit Mittellinie und Verdolung des Baches. Das Portal der Karawanserei aus rotem Tuffstein zieren zwei Tierreliefs, links - vermutlich - ein geflügelter Greif, rechts ein Stier. Mindestens die Hälfte der 26 m langen Haupthalle verliert sich in der Düsternis ihrer Tiefe, damals wie heute gab es keine Fenster, winzige Lichtöffnungen nur sporadisch im Dach. Erkennen kann man zum Teil das Mittel­schiff, wo früher die Lasttiere lagerten und ihr Futter wiederkäuten. Die beiden Seitenschiffe rechts und links, wo Menschen und kostbare Waren ihren Platz fanden, sind so finster, daß sich niemand hineintraut – wer möchte schon mit hallendem Schrei in einer sich unver­sehens vor ihm auftuenden tiefen Grube landen; Taschenlampe hat keiner dabei.

Bei  JeghegnazdorBei Jeghegnazdor wechseln wir auf die M2, die in einem weiten Bogen erst nach Nordost, dann aber Richtung Süden zur persischen Grenze führt. Hier sind wir - allerdings auf der ande­ren Seite des Gebirges - nur wenige Kilometer von Noravankh entfernt, das wir am vier­ten Tag bereits von Jerevan aus besichtigten.

RastplatzFelsenöde, stahlblauer Himmel, Tanklastwagen, Schotter, Staub - das sind unsere Ein­drücke. Mehrmals legen wir Pausen ein. Einmal, im Schatten eines Walnußbaums an einem raschflie­ßen­den Bach, beobachten wir allesamt gespannt in der steilragenden Fels­wand gegen­über einen Adlerhorst. Nichts regt sich darin. Erst durchs Teleobjektiv wird klar, daß das meterbreite, aus dürren Ästen und allerlei Plastikabfall gefügte Nest verlassen ist. Adler, sagt der Große Brehm, seien keine Zugvögel sondern Nesthocker. Wird wohl der Lärm der Lkws gewesen sein, der sie vertrieben hat. Diese, erläutert Nara, fahren meist leer über die Grenze und zurück - der Sprit im Iran ist konkurrenzlos billig. 600 Liter seien erlaubt, eine normale Tankfüllung. Die Kontrollen sind scharf, trotzdem werde hemmungslos geschmug­gelt. Ein Schein genügt, die noch immer geltende Rationierung für Diesel an iranischen Tank­stellen zu umgehen. Soviel zum armenischen Adler, der wohl das Weite gesucht hat.

Der Steinkreis von ZorakharWo an der M2 rechts die schmale Schotterpiste nach Sisian abzweigt, halten wir und steigen aus. Weite, wellige Hochebene, stürmisch pfeift der Wind über verdorrtes Gras und schartige Felsbrocken. Einige mühsam gepflügte, steinbesäte Äcker; zum Großteil liegt das Land brach. Ringsum türmen sich kahle Berggipfel, die in der Ferne blaue Konturen anneh­men. Etwa einen Kilometer folgen wir einem Feldweg, wandern eine leichte Anhöhe hinauf, dann stehen wir vor Zorakhar, einer der ältesten und größten prähistorischen Stätten Armeni­ens: etwa einem Steinkreis, auch Kromlech, was eine kreisförmig mit teils mannshohen Stei­nen bestandene Kultstätte bezeichnet? Diese hat sogar einen Dolmen, eine tischartige Grab­stätte in ihrer Mitte. Die Wissenschaftler streiten sich: sind das Gebäudereste, eine stein­zeitliche Kultstätte oder etwa eine Grabanlage aus der Bronzezeit?

Fest steht, daß die Steine sich nicht zufällig hier versammelt haben. Alle besitzen am oberen Ende ein faustgroßes Loch, weisen die Keilform der Hinkelsteine des bekannten Galliers Obelix auf und stehen mit ihrer Breitseite fest im Boden. Auch die annähernd kreis­för­mige Anordnung stimmt. Ein magischer Ort? Die Steine schweigen, von silbergrauen und rostroten Flechten bekrochen. Wind pfeift durch ihre irgendwann in mühseliger Arbeit gebosselten Löcher wie der angehaltene Bordunton der zweiten Duduk, Dam genannt, im armenisch harmonisch näselnden Flötenspiel – und wir pfeifen auf die Historiker: es ist nicht wirklich wichtig, was dieser Ort einmal war. Aber er hat etwas. Wichtig ist, was er ist: ein noch immer magi­scher Ort. Schließlich sind die irgendwann hierher geschleppten Steine Millionen von Jahren alt, auch ohne Wissenschaft. Das zählt.

Bergland an der Grenze zu AserbaidschanEndlos setzen sich die blauen Berge mit darüber gehäuften Wolkengebirgen auf unserer Weiterreise fort. Nur ein Katzensprung ist es nach Aserbaidschan. Bei Lachim beginnt der armenische Korridor nach Berg-Karabach, jener von Armenien besetzten Enklave mitten im aser­baidschanischen Hochland am Osthang des Kleinen Kaukasus, um die von 1992-94 ein erbitterter Krieg geführt wurde. Dieser endete erst durch den von Rußland vermittelten Waffenstill­stand mit weiterführenden Verhandlungen unter Schirmherrschaft der OSZE. Der Status Berg-Karabachs ist derzeit „Autonome Republik“ unter armenischer Besetzung. Es existieren noch ähnliche Pfähle im Fleisch Aserbaidschans, wie zum Beispiel die Region um Artsvashen oder das umstrittene Gebiet Aghdam. Demgegenüber hat das südwestlich Arme­niens gelegen Nachitschewan, das als Autonome Republik Aserbaidschans gilt, keinen direkten Zugang zum Mutterland, außer über den Iran. All dies Folgen zaristischen Herr­schafts­den­kens und kaiserlich russischer oder osmanischer oder persischer Fürstenpolitik im Ausgang des 19.Jh. Das birgt noch für reichlich zwei Jahrhunderte Zündstoff, wenn nicht mehr.

Karsthöhlen von ChndzoreskNach Chndzoresk biegt man am Ortsausgang von Goris rechts von der M12 in südwestli­cher Rich­tung ab. Ein Feldweg, zugegeben, zudem mit achstiefen Löchern gesegnet, doch dies ist der einzige Weg in das Höhlental, das wie eine krustige Narbe aus dem Hochland der Grenze zu Aserbaidschan bricht. Eine wilde Landschaft mit steilen Felskegeln und karsti­gen Wohnhöhlen, wie man sie eher im türkischen Kappadokien vermutet. Musul fährt sanft und verhalten, kann aber kaum verhindern, daß es uns ab und an aus den Sitzen bis an die Decke schleudert. Ein Reiter überholt uns in gemäßigtem Trab, deutet als Antwort auf Musuls fra­gen­de Hand­bewegung nach vorn: nur immer weiter geradeaus!

Man hätte auch von Goris weiter fahren können und später abbiegen, doch dann wäre man im neuen Ort gelandet, der oben auf der Ebene liegt, nicht aber hier im alten, an den Hängen der Schlucht. Der Weg endet, und wo es nicht mehr weitergeht, steht ein Restaurant. Mit Aussichtsplattform, Münzfernstecher und einer atemraubenden Sicht auf das Tal. Im Lokal tagt eine Hochzeitsgesellschaft, freundlich winken wir einander zu. Nara besorgt einen Führer, der uns hinunter bringt. Ein ehemaliger Bauer, gut bei Kräften, der uns sogar talwärts ins Schwitzen bringt – kein Wunder bei 30°C und unserer Untrainiertheit.

Chndzoresk - das alte DorfAuf fußbreiten Saumpfaden folgen wir ihm. Durch schlammige Rinnsale und Dornen­gestrüpp windet sich der schmale Fußweg hinab ins Tal. Oft über Kuhscheiße, die Vie­cher finden überall ihren Trampelpfad. Auf halber Höhe eine karstige Höhle am Weg - unser Führer sagt, da hätte man mal eine Weinwirtschaft drin gehabt, hätte sich aber nicht rentiert. Es sei den Leuten einfach zu kalt gewesen. Oben, wo die Sonne noch den Pfad erreicht, wachsen an dessen Rand Brombeeren, deren blauschwarze, saftpralle Beeren groß wie Taubeneier sind. Endlich erreichen wir den Grund der Schlucht, durch die sich ein schmaler Bach seinen Weg durch Dornen und Gestrüpp sucht. Hier steht die alte Dorfkirche von Chndzoresk, die der heiligen Hriphsime geweiht war.

Äußerlich macht sie einen guterhaltenen Eindruck, innen jedoch spürt man den begin­nen­den Verfall. Moder und grauer Schimmel ziehen sich die Wände hoch, untrügliches Zeichen für Feuchteschäden. Ausgebesserte Stellen im Putz zeigen, daß man dem allmählichen Ruin Einhalt gebieten wollte, irgendwann jedoch Geld, Interesse, Lust oder alles zusammen verlor und weitere Bemühungen einstellte. Bald wird sie, von Salpeter zerfressen, in sich zusam­men­fallen, und spätere Archäologen, die dereinst ihre unter Brombeerranken verborgenen Quadern ausgraben, werden sich Gedanken machen über die Bedeutung der Graffiti, die Jugendliche des Dorfes Neu- Chndzoresk bei nächtlichen Feten hier so zahlreich hinterließen.

Das neue Dorf liegt oben, um den Rand der Schlucht herum, die wie ein im Schrei aufge­ris­sener Riesenmund wirkt. Fast alle Bewohner haben ihre ehemaligen, in den weichen Kalk und Sandstein der Hänge und Felsnadeln gehauenen Wohnhöhlen gegen gemauerte Häuser oben im neuen Dorf getauscht, nur wenige ganz Alte sind unten geblieben, weil sie mit dem neuen Leben nicht zurechtkamen. Mit ihnen wird das einstige Chndzoresk aussterben, über­wuchert von Robinien, Nußbäumen und Brombeergestrüpp. Der Friedhof, der gleich neben der schon halb im Erdreich versun­ke­nen Schule auf dem Talgrund angelegt war, wird sie aufnehmen. Im Vor­griff kommen manche – vielleicht täglich - und entzünden dort die üblichen kleinen gelben Opferkerzen. Bereits jetzt ist es ein verwunschener Ort.

Die Felder von ChndzoreskÜber den selben Feldweg zurück, vergoldet tiefstehende Sonne bereits die Stoppeln abgemäh­ter Weizenfelder der Hochebene. Von Goris aus nach Südosten nimmt die Urbar­machung ab. Wie krauses Negerhaar bewächst hier Buschwerk ansonsten kahle Berghänge.

Bergwelt um den 3210m hohen ChustupBäume sind nun ausnahmslos in Tälern zu beobachten, dort vornehmlich an den Rändern von Wasser­läufen. So, wie die Sonne tiefer sinkt, steigen Dunst und Nebel aus den gestaf­felten Gebirgsumrissen, tauchen sie in blaue und weiter hinten eisgraue Ungewißheit. Kapan, Provinzhauptstadt von Sjunikh und letzter größerer Ort vor der iranischen Grenze, erreichen wir erst in fortschreitender Dämmerung.

Unser Hotel liegt an der Durchgangsstraße des Ortes. Es macht einen schäbigen Eindruck, hat wohl auch nie bessere Zeiten gesehen, dazu ist es zu weltab. Ein altersschwacher Lift rüt­telt uns in den zweiten Stock, wo schon die umfängliche djeschurnaja, die Etagenfrau aus guter alter Sow­jet­zeit, mit dem Schlüssel auf uns wartet. Unsere Bleibe für die Nacht war vor einem halben Jahrhundert wohl pompöser Luxus: Wohn-, Schlaf- und großes Badezimmer in einem langen Schlauch mit Türen dazwischen aneinandergereiht, plüschig möbliert im Stil der Fünfziger Jahre, alle Fenster nach hinten – mit Blick auf einen Vergnügungspark. Dort dreht sich langsam ein verrostetes Riesenrad. Die Betten jedoch, das ergibt kurze Prüfung mit hineingestoßener Faust, sind gut. Man hat schon manch durchgelegeneres Lager nachts verflucht.Nach erstaunlich gutem Abendessen im Restaurant im ersten Stock macht es sich der harte Kern unseres Trüppchens noch auf dem Balkon davor in lauer Luft, geschwängert vom Dieselruß vorbeifahrender Laster, gemütlich – will heißen, bei einigen Gläschen Wein. Auf Vorrat versteht sich, denn ab morgen ist für die nächsten sechs Tage Ebbe: Iran ist absolut trockenes Land, was Alkohol betrifft. Sogar der in Kognakbohnen und Zahnpasta.

Um Zehn kommt der Kellner und will kassieren. Natürlich will er nicht vorrangig das, sondern nach Hause. Wir winken mit restlichen Geldscheinen, DRAM, die wir nirgends eintauschen können, und überreden ihn somit zu einer letzten Runde. Um halb Elf aber ist Schluß. Die Stühle, die er neben uns auf die anliegenden Tische stellt, deuten wir als unmiß­ver­ständli­ches Zeichen seines Unmuts. Es wird auch kühl, durch die Straßenschlucht unter dem Balkon fegt ein kalter Wind. Wer weiß, wohin der Kellner heute Nacht noch muß.

Wo wir hinmüssen, wissen wir: ins Zimmer 211, wo vor dem Fenster ein immerwähren­der Jahrmarkt plärrt. Ergeben sinken wir in breite unnachgiebige Betten, deren Bettwäsche mehrfach geflickt und von unterschiedlichem Stoff ist. Um Mitternacht endlich erstirbt das letzte Mädchenkreischen auf dem Riesenrad in sich entfernendem Mopedgeknatter.

Man muß wohl bedenken: heute war Sonntag, freier Tag der arbeitenden Jugend. Man muß aber auch bedenken: Reisende, selbst wenn sie für derlei Abenteuer bezahlt haben, sind froh über jede Stunde ungestörten Schlafs. Und so versinken wir, ein Auge mißtrauisch auf das auslau­fende Riesenrad vor dem Fenster gerichtet, in wohlverdientem Schlummer.

Kapan - das Riesenrad9. Tag: Mo, 03.09.07. Der erste Blick aus dem Fenster fällt auf das stehende Riesenrad. Anders als gestern,  ist das Frühstück immerhin pünktlich, reißt aber niemand vom Hocker: Tee, hartgekochtes Ei, Honig und altes Fladenbrot, das die Konsistenz feuch­ter Fußlappen aufweist und auch so schmeckt. Kein Kaffee, nicht einmal Nes. Das Cigarillo danach mit Musul auf dem windigen Balkon war noch das Beste daran. Gestern abend noch hat er CDs mit armenischer Musik in irgendwelchen Läden aufgetrieben, ver­teilt sie nach Aufrauchen seiner Zigarette nun spottbillig an die Besteller. Leider hab ich von der ganzen Aktion nichts mit­ge­kriegt, hätte auch Interesse daran gehabt, zum Beispiel Musik mit der Duduk, aber das ist irgendwie an mir vorbeigegangen. Jetzt ist es zu spät. Koffer eingeladen, satteln wir auf. Bis zur persischen Grenze sind es noch ungefähr 50 km.

Kapan am Morgen ist eine langweilige Wohn- und Verwaltungsstadt: mit Wäsche be­han­ge­ne Balkons, das stillose Reiterdenkmal in Stadtmitte, fernab im Südwesten der 3210 m hohe Chustup, an den sich dichte Wälder anschließen. Die alten Kirchen hat der kommu­ni­sti­sche Atheismus gefressen – so gut wie gar nichts lädt mehr ein, hier zu ver­wei­len. Außer vielleicht dem Profilaktoria, einem Erholungsheim für die Metallarbeiter des nahen Abbau­ge­bie­tes für Kupfer und Molybdän, Kadscharan. Auch Touristen können hier kuren – na, wer’s mag.

Meghri-Pass: Russen und RöhrenDie Bergwelt Richtung Süden ist grandios. Aus flachen Tälern ragen sie auf, die kahlen Zwei- und Dreitausender, ballen sich zu beängstigenden Steingebilden, in deren schroffen Hängen die Täler versinken. Hin und wieder nicht abgeholzte Hänge, ansonsten ist baum­lose Kahlheit die Regel – eine unwirtliche Gegend. Am Meghri-Paß schiebt sich die Baum­grenze höher. Hier ist das meiste noch bewaldet, die Paßhöhe liegt auf 2535 m. Außerdem liegen hier Stapel rostiger Metallröhren, bewacht anscheinend von unversehens auftauchen­den Uniformierten. Öl oder Gas – man weiß nicht zu was das rostende Metall vorgesehen ist. Die Uniformierten scheinen Russen zu sein, für Soldaten sind sie allerdings ziemlich leger kostümiert: Mütze, Jacke, Hemd in Tarnfarben, unten aber bequeme Jogginghosen. Man richtet sich ein auf solchen Außenposten. Die Hände tief in den Taschen, beobach­ten sie uns, als wir auf Paßhöhe unsere Beine ver­treten. Waffen tragen sie keine, jedenfalls nicht sichtbar, aber einen zottigen Hund haben sie dabei. Da Armenien Mitglied der GUS ist, nehmen russische Soldaten hoheitliche Aufgaben an der Grenze zum Iran wahr. Und die ist nicht weit. Also besser Vorsicht: Gang rein und ab. Ist das Beste.

Am Meghri-PassImmer öfter begegnen uns Lastwagen mit iranischen Kennzeichen. Einmal eine braune Kuh auf dem Mittelstreifen, die stur vor uns hertrottet. Ein uns in der Kurve entgegen kom­men­der Trucker vertreibt sie mit blökendem Hornstoß. Das verstehen diese Viecher. Kurz vor der Grenzstation Meghri beginnt linkerhand der Straße ein Grenzzaun, nicht sehr hoch aber doppelt gesichert durch engmaschig gespannten Stacheldraht mit dazwischen verlegten Starkstromleitungen. Die Landschaft dahinter ist geprägt von dunklen Gebirgstürmen mit schroff ragenden, zackigen Felsspitzen. Nicht allzu einladend. An den Straßenrändern Schutt­berge aus der Zeit ihres Baues.

Meghri, Grenzgebiet zwischen Armenien, Nachitschevan und Iran - sowie Christentum und Islam„Bitte jetzt nicht mehr fotografieren,“ sagt Nara, „wir sind im Grenz­gebiet, es ist verboten. Kann sein, daß man uns mit Feldstechern beobachtet.“ Argwöhnisch mustern wir die Hänge. Wer sich dort auf die Lauer legt, muß das Klettervermögen einer Ziege haben. Gehorsam verstauen wir die Kameras. Ein Gefühl wie damals am DDR-Grenzübergang Dreilinden zu Westberlin macht sich breit, ein unangenehmes Kribbeln im Bauch – übervoll mit böswilliger Propaganda, rechnet man mit dem Schlimmsten. Haben Schorsch Dabbelju und seine Leute nicht den Iran auf der Achse des Bösen angeordnet?


Ich halte mich daran, also gibt es von nun an für eine gewisse Durststrecke auch kein einziges. Hier ist nicht nur Grenzgebiet zwischen Armenien, Nachitschevan und Iran, sondern auch zwischen Christenheit und Islam - ein heikles Eckchen, in dem man als Tourist nicht unbedingt auftrumpfen muß. Ein Journalist sähe das vielleicht anders, aber ich bin keiner.

Meghri ist ruhiges Pflaster. Musul fährt an einer endlosen Kolonne Lkws vorbei, die auf Abfertigung warten. Touristen, so scheint es, haben Vorfahrt. Beim Aussteigen aus unserem klimatisierten Bus überfällt uns die Hitze wie ein mörderisches Raubtier. Ein Blick auf mein Tascheninstrument zeigt: Uhrzeit 09:50 Uhr, Höhe 530 m, Temperatur 38°C. Mit unseren Koffern betreten wir eine Halle, dort ist es kühler. Schilder, die das Rauchen verbieten, scheinen keinen der hier beschäftigten Zöllner oder Grenzer zu meinen. Allen hängt zwischen Zeige- und Mittelfinger die glimmende Fluppe. Während Nara die Paßformali­tä­ten übernimmt, trinken wir für letztes armenisches Münzgeld einen Tee.

Es geht recht schnell. Von Musul haben wir uns nur flüchtig beim Ausstieg verabschie­den können, bei Nara, als jeder wieder seinen Paß in Händen hält, fällt es schwerer. Sie war eine gefühlvolle Führerin, die uns ihr Land in der vergangenen Woche sehr nahe gebracht hat. Nun stehen alle da, ich kann nicht anders und nehme sie als Erster behutsam in den Arm, bedanke mich für ihre Fürsorge und wünsche ihr und ihrer Mutter alles Gute. Und gutes Auskommen mit den Schweizern, die sie ab kommender Woche betreuen wird.

Gerührt schaut sie uns nach und winkt durch die Glastür, als wir uns mit unseren Koffern zu Fuß auf den Weg nach Persien begeben. Die morgendliche Hitze macht ihn doppelt lang, dabei führt er nur über einen ausgedehnten Parkplatz zur etwa zweihundert Meter langen Brücke über den Grenzfluß Arax, doch all das über hitzeflimmernden, schwarzen Asphalt. Drüben, auf persischer Seite, weitere hundert Meter zur Paßkontrolle, einem schmalen Holzhüttchen. Darin zwei feixend Uniformierte, ich wette, sie tragen Kanonen.

Als ich dem Einen, der fordernd seinen Arm aus dem Fensterchen reckt, meinen Paß in die Hand drücke, ahne ich bereits, was abläuft. Er blättert darin herum. Nationality? fragt er.

Von diesem Arsch will ich mich nicht demütigen lassen. Look at the front page, knurre ich.

Ah, you german? fragt er, immer noch blätternd und tauscht Blicke mit seinem Kom­pa­g­non, beide sichtlich amüsiert.

Warte nur. Ah, you can read? revanchiere ich mich. Er hat es verstanden, wird sichtlich sauer und plötzlich förmlich, schüttet einen Schwall Farsi über mich und wedelt mit meinem Paß. Äh? mache ich. Da gibt er ihn mir wieder. Sein Kompagnon kneift mir ein Auge.

Zwei unserer Frauen sehe ich kommen, da bleibe ich stehen, wer weiß, welches Spielchen er sich mit denen ausdenkt. Und richtig: wieder dieser Schwall Farsi, dabei mit den Pässen gewedelt. Jetzt werde ich laut und befehlend: Mister – if you have anything important, will you please talk in English or send for an Interpreter, to translate!

Das hilft. Er gibt den Frauen die Pässe zurück, wirft mir sogar einen halbwegs anerken­nen­den Blick zu und grinst: wir dürfen passieren. Irgendwo hab ich gelesen, daß im Orient unter Männern nur die Größe der Eier zählt – es scheint zu stimmen.

Wieder eine Halle. Hier beginnt Nurduz, erster Ort nach der Grenze. Vom großfor­ma­tigen Plasmabildschirm an der Wand flimmern neuzeitliche Kriegs­szenen: Märtyrer in grünem Drillich werfen sich todesmutig in feindlich flackerndes Feuer. Aus den Laut­sprechern dröhnt dazu ohrenbetäubender Schlachtenlärm. Zwei Kleinkinder, von persisch verschlei­erten Müttern in rosa Wägelchen durch die Halle geschoben, pressen sich plärrend die Fäustchen auf die Ohren - wir sind im Iran.

Auf uns zu kommt eine Frau. „Sind sie von Deutschland“, fragt sie, und als wir bejahen: „Ich bin Molaei, Ihre Führerin, wollen Sie mir bitte Ihre Pässe geben?“ Sie sammelt sie ein, gibt sie bei der grauuniformierten jungen Frau im Glaskabuff vor dem Durchgang ab und heißt uns, bitte zu warten. Unsere Pässe werden genau geprüft. Sehr genau. Molaei ist um die Vierzig, näher läßt sich das kaum bestimmen, da das Tuch um ihren Kopf nur ihr herbes Gesicht freiläßt. Unter schwarzem Mantel verbirgt sie ihre etwas übergewichtige Figur, die Beine stecken in Blue Jeans. An den Füßen trägt sie Sandalen. Vor der automatischen Schie­be­tür nach draußen steht eine ebenso grau Uniformierte wie in dem Glaskabuff und erweckt den Eindruck, selbst der wilde Tamerlan, würde er noch einmal dieses Land heimsuchen, käme an ihr ohne Stempel im Paß nicht vorbei; dabei ist sie blutjung. So warten wir.

Dieser Raum macht nervös in all dem Grau der Wände und Uniformen, dem Kindergreinen und lautstarken Kriegsgeschehen von der metergroßen Flimmerkiste an der Wand. Einer von uns muß symbolisch seinen Koffer öffnen, damit der Zöllner seiner Pflicht Genüge getan hat. Flüchtig wendet er ein paar Socken hin und her und bedeutet mit einem Lächeln, daß wir passieren dürfen. Ich weiß in diesen Augenblicken nicht, wie unsere Frauen fühlen, deren Körper in vollkommen ungewohnter Kleidervorschrift gefangen sind: auch sie tragen jetzt das Kopftuch und weite, lange Mäntel, wie es die schiitischen Religionswächter im Iran für alle Frauen, auch Nicht-Muslime, vorschreiben. Nur Mädchen bis zu neun oder zehn Jahren sind davon ausgenommen. Was denkt sich nur dieses verklemmte Männerpack, das hier als Mullah, Muslimbruder oder Ayatollah über die eigenen Mütter, Frauen, Töchter oder sonstige Objekte ihrer schleimigen Begierde verfügt, als sei es Vieh ohne eigene Gedanken oder Regungen? Über die USA als Weltverderber könnte man reden, aber die Position der Frau in einer modernen Gesellschaft ist unverhandelbar!

Fazit: seit der angeblichen Revolution ist der Iran in tiefstes Mittelalter zurück versunken. Weiter: Araber (wie auch Juden) führen an ihren Knaben das Ritual der Beschneidung durch. Das kann man als hygienischen Akt akzeptieren. Leider sind die Perser keine Araber – sonst könnte man den Knaben bei dieser Prozedur das Messer ein wenig näher am Bauchfell ansetzen, was viele Probleme dieser verbohrten Männergesellschaft lösen würde. So meine Gedanken in dieser grauen Halle. Dabei fällt mir auf: die grauuniformierten Frauen an der Grenzabfertigung tragen ein graues Käppi und grauen Rock, der ihre meist jungen Hüften vorteilhaft zur Geltung kommen läßt. Zweierlei Maß? Ach ihr verfluchten alten Männer in aller Welt, die ihr immer noch in viel zu vielen Ländern das Sagen habt – wenn euch doch endlich allesamt und gründlich der sheitan (oder auf gut Deutsch: der Teufel) holen wollte!

Molaei teilt die Pässe aus. Mit Vornamen, Seddigheh, dürfen sie nur ihr Mann, Bruder, Schwager oder Vater rufen. Ich könnte sie „Schwester“ nennen, vorausgesetzt, ich wäre Muslim, dürfte ihr aber selbst dann nicht die Hand geben; als die Tür sich endlich für uns öffnet, atme ich tief durch - Grenzen haben etwas Erstickendes.

Molaei – bei diesem Namen wollen wir fortan bleiben – führt uns zu einem Bus, einem Volvo-Ungetüm mit 55 Sitzen, der für die kommenden sechs Tage unser Vehikel sein soll. Unsere Reisegesellschaft von acht Leutchen wirkt ein wenig verloren in dem mit dreihun­dert­sechzig PS motorisierten Monstrum, in dem zwei Schulklassen Platz fänden. Zwei Mann Besatzung an Bord, Rezah, der Kapitän und Assis, ein großer, starker Mann, als dessen Wurm­fortsatz. Er wird unser Mädchen für alles werden. Beide tragen Uniform und Schulter­klappen mit goldenen Streifen, die ihren Rang festhalten, auf Assis’ Schultern natürlich viel spärlicher als auf Rezahs. Wie war das noch mit den Eiern?

Okay – das Land hat es uns angetan. Lassen wir also von nun an das andere außen vor. Ich glaube, dann kommen wir ganz gut zurecht, denn unsere drei neuen Begleiter sind – entgegen Georgie’s Achse des Bösen - nicht unsym­pathisch. Die Klimaanlage im Bus orgelt auf vollen Touren, als alle Koffer verstaut sind und unser Schiff ablegt. So läßt sich die Hitze dieses staubigen Landstrichs im Dreieck Persien - Armenien - Nachitschewan ertragen.

Okay, doch ein Foto - heimlich geschossen im GrenzgebietEs heißt, Persiens Autofahrer seien sämtlich Selbstmordkandidaten, Kamikazefahrer oder, letztlich, Märtyrer – stimmt! Trifft aber auf Rezah, der den Vornamen des verjagten Schahs trägt, kaum zu. Umsichtig lenkt er sein Ungetüm von Bus um Kurven und Kehren ent­­lang des Grenzflusses Arax, von dessen anderem Ufer Metallzaun und Warttürme der aser­baid­schanischen Exklave Nachitschewan herüberdrohen, Stachel im christlichen armenischen Fleisch. Den Persern Brüder: auch hier, diesseits, ist Aserbaidschan. Nur unter iranischer Flagge. Die iranische Provinz, in der wir uns bewegen, heißt Ost-Azarbaidjan.

Molaei verteilt Landkarten des Iran. Ziemlich ausführlich, so daß wir unseren Weg darauf mitverfolgen können. Momentan geht es nach Jolfa, etwa sechzig Kilometer westlich und dem Grenzverlauf folgend gelegen. Zwischen schartige Gebirgstürme eingezwängt fließt hier der Arax, am nördlichen Ufer glänzt der Strang der Eisenbahn, die zwischen die­sen drei so unter­schiedlichen Ländern versucht, Brücken zu schlagen. Ob sie noch befahren ist oder längst zerbombt vor sich hin rottet, weiß ich natürlich nicht. Sichtbar ist nur ihr Schienen­strang. Der, auf Sichtweite, scheint intakt.

Aber Molaei verteilt nicht nur Karten mit dem Aufdruck des Reisebüros, für das sie tätig ist. Jeder von uns erhält außerdem ein Bündel speckig abgegriffener Geldscheine, penibel abgezählte 100.000 Rial, was etwa acht Euro entspricht. Damit komme man, sagt sie, fürs erste ziemlich weit. Auf unserer Reise, fügt sie hinzu, ergäben sich wenig Gelegenheiten, Geld auszugeben. Das Leben im Iran sei für Europäer extrem billig. Was zusätzlich anfalle, würde sie gerne auslegen. Hinterher, am Schluß der Reise, rechnete man dann ab. Für uns sehr bequem, für sie ein kleines Zubrot, denn der offizielle Kurs ist etwas günstiger. Iran, das muß man sehen, ist ein Land der Händler, tiefster Orient, in dem man einfach mal das erlernte Rechnen in Pfennigbruch­teilen beiseite schieben und sich dem Leben hingeben sollte. Oder auch dem Handel, wenn sich Gelegenheit dazu ergibt und er angebracht ist. Wir werden, denke ich, an ihrem Ausgabekurs nicht bankrott gehen, wichtiger scheint das gute Klima zwischen ihr, uns und unseren beiden Buspiloten.

Ab hier offiziell wieder Fotos!

Maskerade - Picknick mit Molaei am StepanosklosterHinter Jolfa rollt der Bus auf einem Geröllfeld aus, das sich per Schild als Parkplatz ausweist. Zum St. Stepanos-Kloster führt ein von Regengüssen ausgewaschener Hohlweg hinauf. Hier ist es kaum weniger heiß als am Grenzübergang, nur der Schatten spärlichen Baumwuchses macht die Glut etwas erträglicher. Da das Kloster noch geschlossen ist, breitet Molaei auf einer Bank davor das in einem Korb mitgebrachte Picknick aus: würziger Schafskäse, Tomaten, Gurken und frisches Fladenbrot, dazu Kaffee oder Tee. Als Nachtisch süßes Konfekt mit klebriger Feigenfüllung, gebirgskühles Wasser gibt es aus einem neben­dran sprudelnden Quellstein. Höflich greifen wir zu, niemand zeigt so recht Appetit. Grenze und Hitze drücken uns noch auf den Magen.

Kloster St. StepanosAm Kloster wird gebaut. Den ehemaligen Glockenturm, dessen Spitze unlängst einem der landläufigen Erdbeben zum Opfer fiel, umgibt ein häßlich gelb gepinseltes Gerüst; nichts zum Fotografieren. Als nach längerem Disput das Tor geöffnet wird, erweist sich die Kirche im Inneren des Klostergevierts als Schmuckstück mit den für die armenische Architektur so charakteristischen reich verzierten Ornamenten und kunstvoll ausgearbeiteten Reliefbildern in der Außenfassade. Shah Abbas I. wußte schon, was er tat, als er zu Beginn des 17.Jh. für seine Bauvorhaben in Isfahan armenische Handwerker aus Jolfa holte: sie waren für ihre baumeisterlichen Fähigkeiten berühmt.

Baustelle St. StepanosDer Klostertrakt selbst steht nicht zur Besichtigung, man genießt allerdings von seinen über steile Treppengänge zu erklimmenden Flachdächern einen wundervollen Ausblick auf die grandios ragende Gebirgslandschaft ringsum. Das Kircheninnere zeigt sich karg, vieles seiner einst­maligen Pracht läßt sich nur erahnen. Nach jedem Beben ist sie renoviert worden, beileibe nicht immer zu ihrem Besten. Aber sie wird genutzt. Opferkerzen flackern, im Chor bunte Mariendarstellungen, und vor der Schranke zum Altar betet eine alte Frau. Zwar in Mantel und Kopftuch, doch immerhin - sind wir nicht im Iran, diesem zutiefst fundamentalistischen, islamischen Land? Dem Bösen schlechthin? Ja, sind wir. Und es gibt zu denken.Draußen ergießt der Quellstein sein kühles Wasser in eine Rinne, in der sich fromme Muslime Hände und Füße waschen, bevor sie sich auf einer freien Bank zum Gebet nach Westen neigen. Alles könnte so friedlich sein, gäbe es nicht Politiker wie George W. Bush, Ehud Olmert oder Mahmut Ahmadinedschad. Womit die Reihe keineswegs vollständig ist.

Gespräche ...Vor der Abfahrt ergibt sich noch ein Gespräch mit einer iranischen Familie. Deren zwei Töchter sprechen Englisch, haben ihr Haar eher nachlässig bedeckt, tragen Jeans unter kurzen, körper­betonten Jacken, fotografieren uns reihum mit ihren Handys und löchern uns mit Fragen. Sie sprühen vor Wissensdurst. Klar, sie kommen aus Teheran, sind Touristen wie wir, doch selbst hier, in tiefster Provinz, geben sie sich wie zu Hause in der Millionenstadt. Da müssen die Ayatollahs aufpassen, daß sie all ihre Schäfchen fein unter Kontrolle behalten.

Molaei, deren beherrschte Züge unter dem schwarzen Kopftuch kaum zu deuten sind, ruft zur Abfahrt. Auch sie trägt Sandalen, aus denen nackte Zehen ragen – undenkbar nach fundamentalistischer Kleidervorschrift. Mein Tipp: ich gebe dem Revolutionsregime noch zehn Jahre, dann fault es auf dem Ideenfriedhof der Weltgeschichte neben den eingefallenen Gräbern von Sozialismus und Kommunismus vor sich hin. Der Mensch braucht Größeres: Freiheit! Ob auch die Menschheit damit zurechtkäme, bliebe zu erkunden. An dieses heiße Eisen jedoch hat sich noch kein –ismus gewagt. Aus gutem Grund: Freiheit und Führung widersprechen einander, es gibt nur eins oder das andere.

Azarbaidjan, im Tal des Aras (Arax)Nach Tabriz, Hauptstadt der Region Ost-Azarbaidjan und unsere nächste Etappe, sind es etwa 120 km. Zunächst durch wildromantisch karge Gebirgsland-schaft mit Karawansereien und aufgegebenen Sakralbauten, führt die gut ausge­bau­te Straße weiter durch rosa und gelb geäderte Sandsteinmassive, deren zarte Farben im späten Nachmittagslicht, nur flüchtig hingetupft, zu glühen scheinen. Kein Baum, kein Strauch, hier offenbart die Erde in aller Nudität ihre jungfräuliche Hülle und Schön­heit – ein überwältigendes Erlebnis, vom Tief­blau eines wolkenlosen Himmels noch verstärkt.

Azarbaidjan - von Jolfa nach TabrizVorbeihuschende Moscheen mit blauge­kachelten Minaretten und silbernen Kuppeln, dröhnende Laster und bis über den Kopf des Fahrers mit Teppichen überladene Mopeds, Ziegenherden abseits der Straße, Staub und Einsamkeit – bunter könnte man das Bild des modernen Orients nicht malen. Zudem: durch diese Landschaft führte einst einer der Stränge der antiken Seidenstraße über Turkmenistan, Afghanistan und Indien nach China. Pakistan, eine Erfindung der Briten, gab es damals noch nicht. Tabriz (Täbris) aber war schon zu jener Zeit berühmt für seine kunstvoll geknüpften Teppiche, auf denen sich auch chinesische Mandarine gerne niederließen. Bis einer die Idee hatte: Das können wir selbst, und zwar statt Wolle viel besser mit Seide. Und so gingen Seidenteppiche und auch –stoffe retour, Kamele hatten damals viel zu tragen. Heute erledi­gen das Frachtschiffe: aus China mehr als jemals aus dem Land, durch das wir fahren.

Verkehr in TabrizTabriz empfängt uns hektisch in spätem Licht. Im Eingang zur 1,5-Millionenstadt drängen sich auf vier Spuren Limousinen, Busse und Lkw. Dazwischen halsbrecherisch kurvend knat­tern­de Mopeds. Wohlgemerkt: auf vier Spuren, nicht etwa vierspurig. Zu solcher Diszi­plin scheint der Orientale nicht fähig, alles keilt sich wild durcheinander. Pfiffe inmitten des Chaos tapfer sich haltender Polizisten gellen schrill, doch meist unbeachtet. Ein Wunder, daß alles meist ohne größere Karambolage in seine jeweilige Richtung findet. Unsere ist das Gostaresh-Hotel, nach mehreren Kreiseln an einer der Hauptstraßen, der Av. Imam Khomeyni gelegen. Beim Aussteigen, umknattert uns stinkender Verkehr.

Unsere Koffer schaffen wir selbst in die Hotelhalle. Man hätte ja gern Trinkgeld gegeben, doch niemand streckt die Hand aus – weder nach Tip noch dem Gepäck. Eine hartgesottene Gesellschaft, Dienstleistungen erbringen meist Frauen, auch das zuvörderst in der eigenen Familie. Eine Lektion, die wir lernen müssen. Und so schaffen wir unsere Koffer selbst hin­auf. Gott sei Dank gibt es einen Lift, für zwei Tage wohnen wir in der neunten Etage.

Tabriz am AbendZimmer nicht übel, vom Balkon hat man einen grandiosen Blick auf Stadt und angren­zen­des Gebirge. Ich schieße ein paar Fotos, mitten in dunkle Nacht hinein, die sich inzwi­schen über alles gelegt hat. Auf der Av. Imam Khomeyni, tief unter mir, ein steter Strom glühen­der Front- und Rücklichter. Man vermutet gar nicht so viele Autos im fundamenta­listi­schen Iran. Irgendeine Macht muß wohl den Ayatollahs eingegeben haben, großkalibrige Geländewagen statt des Eselskarrens zu benutzen. Das färbt ab.

Die wie immer etwas herbe Molaei führt uns nach dem Frischmachen auf den Zimmern in ein nah gelegenes Restaurant zum Abendessen. Bei Neonlicht mit Plastikdecken auf den Tischen, an denen man bei auch jetzt noch 30°C mit den Unterarmen festklebt und bei deren Heben ständig irgend etwas in Reichweite umwirft, kommt kaum Gemütlichkeit auf. Es gibt zwei Gerichte zur Auswahl: Hühnerspieß oder Hackfleischrolle, beide mit Reis. Weil es so possier­lich klingt, wie Molaei sagt: Haacke-flaaische, nehme ich die Rolle. Sie schmeckt sogar. Dazu ein Joghurtgetränk, türkisch Ayran, auf persisch dugh: Joghurt mit Wasser 1:1 sowie etwas Salz und Zitronensaft verdünnt. Schmeckt hervorragend, Bier gibt’s ja nicht. Oder doch?

Zurück im Hotel gibt mir Peter, der Ösi, eins aus, weil ich ihm seine Kamera erklärt und eingestellt habe: ein halber Liter Dosenbier mit absolut 0,0 Prozent alc., als Absacker. Es zischt sogar beim Öffnen. Da fällt mir doch jener blöde Witz ein: zwei Blinde sitzen auf der Park­bank. Einer niest. Sagt der andere: Machst du mir auch ein Bier auf?

Na ja, vielleicht macht das lasche Gesöff wenigstens müde.

Nach dem Sündenfall, leider zu spät mit der Kamera10. Tag: Di, 04.09.07. Gut geschlafen. Die Millionenstadt brodelt, ich schaue vom Balkon hinab: eine Frau im hindernden schwarzen Tschador überklettert die einen Meter hohe Leitplanke zwi­schen den vier Fahr­spu­ren der Av. Imam Khomeyni, sie hat es eilig. Dabei offenbart sie mehr von ihrer Unter­wäsche, als ein Imam gestatten würde. Männer bleiben stehen, glotzen mit offenen Mäulern. Ich denke, vor Oswald Kolle war das auch bei uns so. Aber das ist ein halbes Jahrhundert her. Seither hat man sich satt- und übersehen an weiblichen Reizen. Ich denke weiterhin: Man müßte diese Männer, die so gern außerhalb der heiligen Ehe in den Puff gehen, mal ein halbes Jahr dort einsperren. Dann wüßten sie schon.

Alltag in KandovanUnser Bus wartet hundert Meter weiter um die Ecke, wo Rezah das Schlachtschiff parken darf. Es geht nach Kandovan, einem Höhlendorf in den karstigen Hängen eines Flußtales, dessen Wasser zur Zeit eher einem Rinnsal gleicht. Hinter einer Schranke am Dorfeingang haben sich dessen Bewohner recht komfortabel eingerichtet: wer hinein will, muß einen Obolus entrichten, er ist im Reisepreis enthalten. Ähnliches kennen wir aus China, doch auch an jeder Zookasse muß zahlen, wer die Affen studieren will. Warum nicht auch bei Dörfern.

Kandovan, Stiege zwischen den BehausungenWälder spitzkegelig ausgewaschener Steintürme erwarten uns am Ortseingang. Aus Löchern starren Türen, Fenster und Loggien, manchenorts verbinden Lehmmauern mehrere Felskegel zu einem großen Anwesen. Dazwischen erklimmen Leitern und kopfsteinge­pflasterte Karren­wege den Hang. Nur das sonnenseitige Flußufer ist so bebaut. Gegenüber, auf der Schatten­seite, mögen die Bewohner Keller und Vorratsräume angelegt haben, eine Reihe dichter Laubbäume verbirgt jeden Blick darauf.

Leben in Kandovan ...Es gibt Läden und Ställe in dem Felslabyrinth, Strom-, Wasser und Abwasserleitungen. Es gibt Sonnenterrassen und sogar Balkons, die am Fels kleben, als hätte jemand sie mit Knet­masse dorthin modelliert. Wo es zu steil wird, hat man Stufen ins Gestein geschlagen oder gemauert. Esel mit schweren Lasten klettern dort so selbstverständlich hinauf und hinab, als bewegten sie sich auf einem Tanzboden.

... Wohnen ...Eine grünverwitterte Tür öffnet sich mir. Ich darf in die Behausung schauen, die junge Hausfrau winkt mich in Erwartung eines Trink­geldes herein. Ein Tuch ist so um Kopf und Hals geschlungen, daß nur noch ihre Augen daraus hervorschauen. Ein einziges Fensterchen zum Fluß, mit schwarzem Schimmel überzogene und immer wieder gekalkte Wände. In der Ecke ein Fernseher, darüber das Foto eines bärtigen, turbanbekrönten Ayatollah, den Lehmboden bedecken Teppiche, billige gewebte Kelims. Dort, wo man sitzt, an der Wand Kissen und Ziegenfelle auf dem Boden. Die Küche eine Nische mit Spülschlauch, Töpfen und Ablauf im Fels, gekocht wird vor der Tür auf einem Dreibein über Dornsträuchern oder getrock­ne­tem Dung. Wo der Abort ist, kann ich nur vermuten. Habe und Proviant hängen in Plastikbeuteln an den Wänden. Und da zerreißen wir uns im reichen Westen das Maul über Mitbe­stimmung und Demokratie im Iran – haben wir nichts Besseres zu tun?

... und Arbeiten.Die Frau dankt mir für den kleinen Schein und leitet mich hinaus, bevor eine Ladung kamerabestückter Touristen – allesamt Perser und der Kleidung nach Städter – sich an mir vorbei durch die grüne Tür ins Zimmer drängt. Vermutlich sieht es hinter den übrigen Fenster­chen der ummauerten Kalktürme weiter oben ganz ähnlich aus. Als Molaei mit unseren Leuten kommt, bin ich schon wieder auf dem Weg abwärts.

Nur diese Tagediebe tun nichts!Dort, auf halber Höhe in einer schattigen Nische, hocken die Männer, junge wie alte: rauchend, Tee trinkend und palavernd Frauen und Esel auf den Stiegen beim Arbeiten zusehend. Erst ganz unten, wo man an der Straße ein Wohnhaus errichtet, sind wieder Männer zu sehen, die Mörtel anrühren und Kübel oder Steine schleppen. Doch auch hier: aus einem Haus, dem inwendig offenbar Wände eingerissen werden, kommen stets nur zwei Frauen heraus, wieder und wieder schwere Säcke mit Ziegelschutt auf dem Rücken, den sie in das ausgetrock­nete Flußbett kippen. Wenn Männer im Haus diese Steine stemmen, dann jedenfalls unsichtbar.

Aufräumen.Sichtbar sind Frauen, die an der Straße aus Pappkartons heraus handeln: Honig, Gewür­ze, Kräu­ter, Nüsse, kandierte Früchte und Datteln. Meist haben sie Kleinkinder dabei. Ein Laden hält als einzig erkennbare Westware Pril feil. Und Coca Cola, natürlich ungekühlt. Bei allem Amerikahaß: das können die Ayatollahs nicht verbieten, alle Perser lieben dieses süße Prickelzeug.

Backen.Ein schwitzender Bäcker hinter der Glasscheibe seines Betriebes lädt mit einer Kopfbewegung ein, die Backstube zu besichtigen. Ja, auch Fotos! Drinnen glüht die Luft, aus dem Ofen faucht Hitze, als er ihn mit einer Ladung flachgewalkter Teiglappen bestückt. Die Kacheln über dem Feuerloch sind rußgeschwärzt. Alles, was in dem Ofen verschwindet, ist handge­knetet. Man sieht dem Meister an, daß er stolz ist auf sein Handwerk. Ein Mann mit einem kleinen Jungen an der Hand verläßt fröhlich pfeifend den Laden, in der anderen Hand einen Packen dampfend knuspriger Brotfladen.

Lasten tragen.Oberhalb des Dorfes drohen Gebirgshänge, unten fegt eine junge Frau gebückt mit dem Hand­besen Kiesel von der gepflasterten Straße. Ein Junge treibt seinen mit Grünfutter und Reisig ausladend bepackten Esel mit dem Stock an, im trockenen Flußbett dösen zwei lang­haarige, schwarze Ziegen. Auch Wasserpfeifen kann man sehr günstig erstehen. Es ist stickig heiß, am besten bewegt man sich im Baumschatten am Flußufer an den dortigen Ständen vorbei, nach hundert Metern ist man durch und über die gemauerte Brücke zurück am Bus. Dessen Klimaanlage läuft auf vollen Touren. Bei offener Tür.

Hausbau.Durch baumlose Mondlandschaft geht es zurück nach Tabriz. In einer Straßenbaustelle reitet vor uns ein Mann auf seinem Esel. An dem Stiel der Schaufel, die er quer vor sich im Sattel hält, kommt Rezah quälende zweihundert enge und staubige Meter im Schritt nicht vorbei. Endlich, wieder freie Strecke, läßt Rezah dröhnend das Horn erklingen. Da bockt der eine Esel und wirft den anderen ab. Drohend reckt der uns die Schippe hinterher, nachdem er sich aufgerappelt hat. Aber da sind wir schon fast in Tabriz mit seinen heillos wie die Lemminge alle Straßen verstopfenden Kamikazefahrern.

Tabriz - Picknick in der Blauen MoscheeWir machen Halt an der Blauen Moschee, einst Gotteshaus, 1465 erbaut, heute Museum. Vorerst jedoch packen wir in einem der schattigen Gewölbegänge, die den Hauptbau um­schließen, unsere Picknickkörbe aus. Molaei hat wieder Brot, Schafskäse und Obst gekauft, Kaffee und Tee brauten Rezah und Assis noch vor Abfahrt in Kandovan an Bord. Niemand der Vor­über­gehenden nimmt Anstoß an unserem Picknick. Es scheint ganz normal und üblich. Nur ein kleines Mädchen an Hand der Großmutter zeigt mit dem Finger auf uns – es darf sich von dem süßen Konfekt nehmen, das Molaei für uns als Nachtisch gedacht hat. Lange noch winkt es uns von Ferne zu.

Blaue MoscheeAlles am Äußeren dieser Moschee scheint neu, und wir erfahren, daß 1779 ein schweres Erdbeben sie zusammen mit großen Teilen der Stadt in Trümmer legte. Allein Teile ihrer Hauptkuppel wider­standen der Naturgewalt. 180 Jahre ließ man sie als Ruine stehen, bevor man 1964 mit dem Wiederaufbau begann. Nur fragmentarisch sind heute Relikte der blauen Kacheln erhalten, mit denen ihr Inneres und Äußeres einst ausgekleidet war, und denen sie ihren Namen verdankt. Der Besucher ahnt jedoch den ehemaligen Glanz ihrer Schönheit, hier und da sind erhaltene Reste gekittet und sichtbar, besonders am hohen Eingangsportal. Man hat innen die Kuppel wieder geschlossen und absichtlich keinen neuen Schmuck hinzugefügt. Von außen wurde dann alles wetterfest mit roten Tonziegeln neu vermauert.

Der Dichter KhaqaniIm Vorhof steht das Alabasterdenkmal des Poeten Khaqani (1120-90), der hier in Tabriz starb und auf dem Dichterfriedhof Surkhab nahebei beerdigt ist. Berühmt war er u.a. für seine Oden, deren jeweils über 300 Zeilen sämtlich auf den gleichen Reim endeten. Ein Ästhet also - dem die öffentliche Anstalt auf dem Moscheegelände, zu deren Eintritt man in größter Hitze Schlange stehen mußte, ebenso gestunken hätte wie uns. Ein ausgemergelter Alter, ohne jede Hemmung gleichermaßen in Frauen- wie Männerabteilen herumturnend, hielt den mit verknif­fener Nase Enteilenden am Ausgang fordernd die Hand auf. Wischmop und Wasser­schlauch hingegen lagen ungenutzt in neu gekachelter Ecke. Hier stank die Revolution zum Himmel.

Ihr Gläubigen! Wenn ihr mit dem Gesandten etwas unter vier Augen zu besprechen habt, dann entrichtet vor eurem Gespräch im Voraus ein Almosen! Das ist besser für euch, und ihr haltet euch so am ehesten rein. (Der Heilige Koran, Sure 58, 12). Na ja. Von Reinheit jedenfalls schien der Alte, im Gegensatz zu Almosen, noch nie etwas gehört zu haben.

Im Basar von TabrizAls nächstes lieferte uns Molaei dem täbrischen Basar aus, einem verschlungen über­dach­ten Gewölbe auf mehreren Ebenen, aus dessen weitläufig geschweiften Gängen nur wieder herausfindet, wer entweder hier geboren ist oder sich einem Führer anheim gibt. Unsere Führerin ist Molaei, doch kommt sie aus Teheran. Mal sehen, wie sie sich hier zurechtfindet.

BasarhallenDer gedeckte Basar erstreckt sich über mindestens zwei Etagen: zu ebener Erde verlieren sich endlose Gänge in seinem Inneren, hin und wieder tunken steil gemauerte Treppen in seitliche Tiefen seiner Eingeweide hinab, wo sich Lager und Buchhaltungen der größe­ren Händler befinden. Auch sind hier manchmal Teestuben und einfache Eßlokale unterge­bracht, von wo Schwaden einnehmender Düfte sich mit den Gerüchen der Hallen mischen.

In den Gängen zwischen den Ladennischen geht es eng zu. Kundschaft und Neugierige drängen sich an den Auslagen vorbei, ab und zu drischt ein Irrer sein Moped durch die Menschenmenge, den Sozius beladen mit irgendwelchen Fisch– oder sonstig eiligen Kisten und Kartons. Man macht ihm Platz – man kennt das.

Teppichhandel im BasarHändler, die keine Kunden haben, bohren in der Nase. Wenn auch ohne erkennbares Gewicht, wird manches ergründet. Molaei, das merkt man, kennt sich hier im Basar von Täbris nicht aus. Immer wieder fragt sie, bekommt weitschweifig in den Raum gestikulierte Antworten, die dennoch nicht zum Ziel führen. Still, wie eine Schafherde, folgen wir ihr. Schauen hier, betasten da, nehmen dort eine Probe: Hmm, ja, gut! Nicken freundlich und gehen schafsmäßig weiter. Irgendwann der Ausblick durch einen Seitengang auf die gelben Mauern und Minarette der Freitagsmoschee – Gerettet! Gerettet aus den Abgründen und Laby­rinthen des täbrisch basarischen Irrgartens. Wären wir Muslime, würden wir dieses gnädige Entkommen in der Freitagsmoschee bebeten. Sind wir nicht. So besichtigen wir sie nur, nachdem wir uns am Eingang unserer Schuhe entledigt haben.

Abgesehen von massiven Kronleuchtern, die schwer im Raum hängen, ist die Moschee schlicht: ein gemauertes Gewölbe, wenig Licht durch hohe Glasfenster, an der Stirnwand ein Transparent, 8X10 Meter groß, mit Korankalligraphie. Alles wirkt unfertig, nichts erinnert daran, daß sie – immer wieder zerstört und ausgebessert - auf Grundmauern aus seldjuki­scher Zeit errichtet ist.

Draußen läuft uns ein Imam über den Weg, bärtig und mit weißem Turban, einer von der minderen Sorte. Die Ayatollahs, Nachkommen Mohammeds, tragen schwarze Turbane. Gute Gelegenheit. Wir halten ihn auf: Wo steht, fragt aufmüpfig eine unserer (bedeckten) Frauen, im Koran, daß wir uns bedecken sollen?

Ein Mullah gibt AntwortMolaei übersetzt, wie immer mit nicht zu ergründender Miene. Der Imam scheint kaum irritiert, es ist sein Beruf, darauf zu antworten: Und sprich – sagt er, von Molaei übersetzt - zu den gläubigen Frauen, daß sie ihre Blicke zu Boden schlagen und ihre Keuschheit wahren sollen und daß sie ihre Reize nicht zur Schau tragen sollen, bis auf das, was davon sichtbar sein muß, und daß sie ihre Tücher über ihre Busen ziehen sollen und ihre Reize vor niemandem enthüllen als vor ihren Gatten, oder ihren Vätern, oder den Vätern ihrer Gatten, oder ihren Söhnen, oder den Söhnen ihrer Gatten, oder ihren Brüdern, oder den Söhnen ihrer Brüder, oder den Söhnen ihrer Schwestern, oder ihren Frauen, oder denen, die ihre Rechte besitzt, oder solchen von ihren männlichen Dienern, die keinen Geschlechtstrieb haben, und den Kindern, die von der Blöße der Frauen nichts wissen. Und sie sollen ihre Füße nicht zusammenschlagen, so daß bekannt wird, was sie von ihrem Zierat verbergen-

Sure 24, Das Licht, sagt Molaei. Da steht es in Vers 31, sagt sie, so sage der heilige Mann.

Aha. Schade, daß man ihm nicht antworten kann. Das heißt, man könnte schon, aber er würde es nicht verstehen. Würde nicht verstehen, daß wir – einschließlich Frauen – anders denken über Reize und das Bedecken, als er und seine Ayatollahs. Aber was brächte es, Vernagelten die Welt zeigen zu wollen. In der sich seit Mohammed und 600 n.Chr. einiges geändert hat. Zugegeben, nicht immer zum Guten. Aber die Menschheit muß ausloten, was ihr zum Besten ist. Nur darum darf es gehen, in jeder Religion. Sonst verkommt sie zu Strafe und Dogmatismus – wenn man sie denn überhaupt für sich als Einzelwesen in Betracht zieht.

Und darüber darf niemand anderes bestimmen (wollen)! - Leider denkt manch anderer darüber ganz anders. Unser Mann mit dem spitzen Bart verzieht keine Miene. Bestimmt ist er sehr gelehrt, doch seine Vorfahren mögen noch gestern Kamele getrieben haben, ich gebe nichts auf sein Wort, das aus solch altbackener Lehre herrührt. Mit ein paar Floskeln, so scheint’s, beendet Molaei das Gespräch. Wie immer mit undurchdringlichem Gesicht. Und führt uns in eine Teestube, wo Frauen normalerweise nicht zugelassen sind.

In der TeestubeDort saugen Männer still an Wasserpfeifen und nehmen ab und zu einen Schluck Tee aus bauchigen Gläsern, die ihnen der diensteifrige Jüngling am heißen Ofen immer wieder bereitstellt. Berge von Zuckerstückchen vor ihren Gesichtern laden die Männer zum Genuß ein, die Tische, auf denen Wasserpfeifen und Teegläser stehen, sind aus schneeweiß glattem Marmor. Eine in sich geschlossene Gesellschaft. Jeder besitzt für seine Pfeife ein eigenes, spezielles Mundstück. Ich darf eine der Pfeifen probieren, mit einem frischen Mundstück aus Pappe, wie die der russischen Machorkas. Man muß ganz schön daran ziehen, um überhaupt etwas Qualmähnliches daraus hervorzulocken. Die um die Tische sitzenden Männer belächeln still meine Versuche und zaubern Apfelrauch aus ihren gluckernden Pfeifen. Vielleicht muß man dazu geboren sein, ein Cigarillo ist mir allemal lieber.

Archäologisches MuseumDas Archäologische Museum, das eigentlich für morgens vorgesehen war, öffnet erst um 16 Uhr, und so stehen wir eine ganze Weile wartend vor seinem verschlossenen Eingang, bis jemand kommt, der aufschließt. Mir gefallen besonders einige Halsketten aus geschliffenen Halbedel­steinen, Korallen und gehämmertem Goldblech. Sie entstammen der Zeit um 1000 v.Chr. und sind überraschend fein gearbeitet. Daneben die üblichen Artefakte und Exponate, die man schon tausendmal so oder ähnlich gesehen hat. So sind wir in einer halben Stunde durch.

TabrizZurück im Hotel ist der Blick vom Balkon grandios. Abendessen im gleichen Neonlokal - weil es uns so gut gefallen habe, sagt Molaei. Wer das sein soll, verschweigt sie. Es gibt – erraten. Ich nehme Haacke-flaaische und dugh. Heute mag ich kein Bier mehr, die Hitze tagsüber macht rechtschaffen müde. Mal sehen, ob es morgen wieder Hackfleisch­rolle gibt, das Zeug macht echt süchtig. Besonders, wenn nichts anderes im Angebot ist. Vor dem Schlafen aber noch mal komfortabel geduscht, schließlich logieren wir in einem echten Vier­sterne­hotel. Für die nächsten Tage sind nur noch Herbergen (Guesthouses) angesagt, da heißt es vorsorgen, daß man seinen Gruppen­mit­gliedern nicht zu sehr stinkt. Obwohl – ähnelt das nicht dem Genuß von Knoblauch? Wenn jeder gleich stinkt, macht’s keinem mehr was.

Assis besorgt Trockeneis 11. Tag: Mi, 05.09.07. Nach frugalem Frühstück, bei dem man um jede Tasse Kaffee mit dem trägen Personal feilschen muß, werden die Koffer gepackt. Unten, vor dem Hotel herrscht im Parkverbot ein schneidiger Polizist. Wer anhält und als Fahrer aussteigt, hat rasch einen halben Monatslohn verloren. Rezah mit unserem Volvo-Dampfer legt an: er darf, Be- oder Entladen ist erlaubt, doch rasch muß es gehen. Das wissen auch die Hotelboys, und so sind unsere Koffer anders als bei der Anreise in weniger als zwei Minuten im unteren Bus­deck verstaut; dann geht es los Richtung Takab, etwa 250 Straßenkilometer im Süden gelegen. Vergeblich warten die Kofferträger auf Trinkgeld. Das hätten sie sich früher überlegen müssen. Noch hat der Gast die Macht zu entscheiden, ob er gut bedient wurde - hier eher nicht.

36° Hitze - am Horizont das Salz des Urmiyeh-SeesAus verschiedenen Gründen, die sie nur vage anreißt, wirft Molaei seit gestern schon die Tagespläne um. So war für heute morgen Kandovan vorgesehen, das wir bereits am Vortag erkundeten. Dafür werden wir – als heute einzigem Programmpunkt – Takht-e-Suleiman besichtigen, das eigentlich erst morgen vorgesehen war. Na gut. An einer Tankstelle schafft Assis einen Riesenklotz Trockeneis in den Bus, und geraume Zeit hören wir ihn danach auf den hinteren Sitzen verbissen das Eis zerhacken, bis es in die bordeigene Kühlbox paßt. Eine Stunde später geht er im Bus rund und verteilt beschlagene Wasserflaschen. Dankbar nehmen wir sie entgegen; jetzt, um zehn Uhr, zeigt das Digitalthermometer im Bus für draußen bereits 36°C; über der in der Ferne als weiße Linie sich abzeichnenden Salzkruste der Ostseite des Urmiyeh-Sees flimmert brutale Hitze.

Flußbett des ZarrinehrudVorbei an Ajabshir, Bonab und Malekan nähern wir uns Takab. Eine Zeitlang folgen wir dem Fluß Zarrinehrud, dessen mäanderndes Bett in trägem Wasserblau die nun hügelige Land­schaft teilt. Bis auf Pappeln in der Ebene ist diese baumlos und von der Sonne verbrannt. Neue Häuser werden hier erdbebensicher mit Stahlpfeilern in den Wänden gebaut; später, wenn alles verputzt ist, sieht man diese nicht mehr. Das furchtbare Beben im Dezember 2003 mit hunderttausenden Toten in der Region Kerman ist noch in zu unguter Erinnerung.

DorfchefKleinstädte, durch die wir kommen, dösen in schläfriger Glut. An staubigen Kreuzungen zeigen Plakatwände die Konterfeis bärtiger Revolutionskämpfer und Märtyrer. Männer, jung wie alt, sitzen meist im Schatten der Häuser und beobachten das Straßengeschehen. Nur selten Frauen, und wenn, dann im schwarzen Tschador, der nur ihre Augen frei läßt. Ab und zu ein Dorf, von Strohmieten und Haufen getrockneter Kuhfladen gesäumt. Die Häuser aus Lehm haben flache Dächer, an denen Leitern lehnen. Manche Wände sind gekalkt und weisen bunt geschmierte Parolen und darüber angeheftete Satellitenschüsseln auf. Als wir halten, ein Fotostop, kommt gemessenen Schrittes der Dorfchef die abfallende Straße herunter, in weiten Pluderhosen, im Gesicht einen Stachelbart und auf dem Kopf ein grob gewebtes Käppi ohne Schirm.

Ab zwöf gelten sie als Frauen und müssen den Schleier tragenNein, bedeutet er, wir dürfen die Frauen, die neugierig ebenfalls herzugeeilt sind, nicht fotografieren. Fremde – ein Ereignis! Ihn selbst, mit all seinen Bartstoppeln wohl, auch die Kinder, die den Frauen gefolgt sind und sich nun wie für ein Familienfoto posierend nebeneinander brav aufstellen. Auch das Dorf – er zeigt mit dem Arm herum – aber nicht die Frauen! Dabei hat meine Linse sie längst in ihren farbigen Kleidern und Kopftüchern erwischt, als sie noch hundert Meter entfernt waren, Zoom sei Dank. Dennoch zeige ich sie hier nicht, weil er es nicht wollte.

DorfFarbig die mildwellige Landschaft, befleckt mit Schafen auf abgeernteten Getreidefeldern. Links und rechts Hügelketten, deren zartrosa Sandsteinreliefs in hitzeflimmernde Ebenen goldgelber Weizenäcker fließen. Dann die nur spärlich mit Buschwerk bewachsenen Hänge und ein letztes Dorf vor Takht-e-Suleiman: dem Thron des Salomon.

Takht-e-SuleimanEine wuchtige Mauer umgibt, wenn nicht die ganze Anlage, die vom Parkplatz kaum zu überblicken ist, so doch zumindest den Eingang, eine etwa fünf Meter hohe, eisen­vergitterte Pforte, links und rechts davon wie gewaltige Zuckerhüte gemauerte Tortürme, deren Spitzen längst zerfallen sind. Dazwischen und daneben die Quadern, die durch ihre Größe zeigen, daß diese Feste lange Zeit uneinnehmbar war.

Aber erst mal wird gegessen. Neben dem Parkplatz gibt es mit Sonnensegeln oder Buschwerk überdachte Picknickplätze, wo ganze Familien im Schneidersitz ohne Schuhe auf den Holzböden einer Art Veranda im Kreis um ihre aus offenstehenden Kofferräumen geholten Speisen hocken. Da wird Teewasser auf mitgebrachten Spiritusbrennern erwärmt, und selbst für die Wasserpfeife fand sich im Auto noch ein Plätzchen. Das Entzünden der Holzkohlestückchen, die für den Brand des Tabaks darin sorgen, erweist sich jedoch als nicht ganz einfach: bevor man am Mundstück ziehen kann, muß man heftig blasen. Auch eine Art Sport.

Picknick à la MolaeiWir haben es bescheidener, oder frugaler, wie man es vornehm ausdrückt. Molaei hat Fladenbrot, Schafskäse, Tomaten, Gurken und eine dicke Wassermelone gekauft, das alles ißt sich leicht aus der Faust. Dazu gibt es Tee und Kaffee aus Thermoskannen und Pappbechern, Assis hat die Getränke im Bus gebrüht. Hinterher reicht Molaei eine Schachtel mit süßen Datteln herum.

Bauer mit SonnensegelDie Gegend ist karg, und nur beim näheren Hinsehen entdeckt man, daß auch kahl erscheinende Berghänge landwirtschaftlich genutzt werden. So schneidet ein kurdischer Bau­er in Pluder­hose und Strohhut mit der Sichel auf seinem wohl mit dem Hakenpflug umge­­brochenen Acker etwas, das wie verdorrtes Gras aussieht, und bindet es zu kurz­stieligen Garben. Sein Esel tut sich derweil an stehengebliebenen Disteln gütlich. Als der Mann sieht, daß wir uns auf den Weg zu dem auf einer Anhöhe gelegenen Heiligtum begeben, schwingt er sich auf seinen Esel und postiert alsbald mit ihm vor dem Tor in Erwartung von Bakschisch für ein Foto. Aber wir haben schon genügend Esel in unserem Leben gesehen, außerdem gibt es andere Motive, wie zum Beispiel diese alte Frau im flatternden Tschador, die wie ein flügel­lahmer Rabe sich vor uns den Weg hinaufmüht. Enttäuscht zieht der Bauer seinen bockenden Esel hinter sich zum Acker zurück, wo er unter einem Sonnensegel Sichel und Sack wieder hervorklaubt.

KassenwärterTakht-e-Suleiman steht in der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO, und so liegt vor seinem Tor ein überdimensionales Buch, dessen aufgeschlagene Seiten unter Plexiglas seine Historie in Englisch und geschwungenem Dari, der geschriebenen Form des modernen Farsi oder Persisch zeigen. Im Schatten des Tores sitzt eine seltsame Gestalt mit Wollmütze, verspiegelter Sonnenbrille und dem faltigem Gesicht eines Urgroßvaters auf dem Boden. Als Molaei ihm ein Bündel Geldscheine hinhält, erhebt er sich mürrisch, verschwindet im Verschlag neben dem Tor und kommt mit einer Handvoll Billetts wieder hervor, die er ihr gegen das Geld aushändigt - der Aufseher. Pflichtgemäß folgt er uns zehn Meter, hinter dem Rücken endlos die Perlen seiner Gebetsschnur durch die Finger gleiten lassend, um bald wieder umzukehren und im Schatten des Tores hinter blauverspiegelten Sonnengläsern weiterdösend erneut Posten zu beziehen. Im Gegensatz zu dem Eselreiter hat er wohl ein gesichertes Auskommen.

Die Ruinen von Takht-e-SuleimanDas eigentliche Ruinengebiet war einst Sitz eines sassanidischen Feuerheiligtums, das auf den Lehren der Zoroastrer, der Anhänger Zarathustras, fußte. Es liegt in einem Hochtal mit einer Anzahl heißer mineralhaltiger Quellen auf einer Höhe von etwa 2000m. Hier, wo wir jetzt staunend stehen, hat sich in dem Kalksintergestein ein über 60m tiefer See gebildet, dessen Wasser durch seinen hohen Mineralgehalt weder für Mensch noch Tier genießbar ist, so daß er völlig ohne Leben ist. Unter den jetzigen Ruinen fand man Reste achämenidischer und noch älterer Besiedelung, so daß die gesamte Anlage wohl weit älter als 2500 Jahre ist. Was wir heute sehen, stammt aus dem 2. bis 6. Jh.n.Chr.

Am SeeTiefblau und unschuldig liegt das leicht gekräuselte Wasser des Sees südlich der Reste der sassanidischen Tempelbauten, alles umschlossen von einer weitläufigen doppelten Ring­mauer um das Hochplateau, der in regelmäßigen Abständen starke Bastionen eingefügt sind. Es sind mehr Arbeiter als Besucher zu sehen, erstere beschäftigen sich mit Grabungs- und Erhaltungsmaßnahmen. Eine Gruppe iranischer Frauen in schwarzen Tschadors spiegelt sich im See und gibt dem Bild einen mystischen Anhauch. Weit in der Ebene, hinter dem Grün von Pappelwäldern, erhebt sich der Zendan-e-Sulaiman, zu dem wir anschließend fahren.

Zendan-e-Sulaiman, Gefängnis des SalomonDas Gefängnis des Salomon, dies bedeutet der Name, steigt etwa 110m aus der Umgebung auf. Wenn man ihn erstiegen hat, blickt man über den Rand in einen 100 m tiefen Krater, eine Art Schlot mit fast senkrechten Wänden, dessen ebener Boden mit Grünzeug bewachsen ist. Es stinkt mächtig nach Schwefel aus ihm und nimmt einem den Atem. Dieser Kegel, so nimmt man an, besteht aus gesintertem Mineral, das eine Quelle immer höher um sich herum anhäufte, bis sie letztlich versiegte und jenes bizarre Gebilde hinterließ. Von oben ergibt sich ein wundervoller Blick über die Hochebene und die sie begrenzenden Gebirge. Von hier hat unser Bus Matchbox-Format.

Polis Hold-Up!Bei der Weiterfahrt nach Takab kommen wir noch an mehreren dieser Sinterkegel vorbei, deren Form an eine liegende Frauenbrust erinnert. In weiten Wellen schwingen sich reifgol­dene Getreidefelder bis auf mittlere Höhen der das Land durchziehenden Hügel. Kurz vor dem Ziel stoppt uns eine Straßenkontrolle. Molaei wehrt einen Polizisten ab, der mal eben einen Blick in den Bus (und auf unsere unverschleierten Frauen darin) werfen möchte. Er fügt sich, nachdem er einen Blick auf ihren Fremden­führer­ausweis geworfen hat. Dafür werden die Papiere, die Assis ihm präsentiert, um so genauer inspiziert. Takab selbst, nach zehn Kilometern erreicht, entpuppt sich als provinzlerische Kleinstadt mit etwa 40.000 Einwohnern, die von Landwirtschaft und Handel leben. Oder dem Ausnehmen von Touristen; unser Hotel ist lausig.

Hotelzimmer - Ölbild "Wand mit Laptop"Poor condition heißt es hinter dem einen Stern des Ranji Hotel in der Tourbeschreibung, selbst das noch ein Euphe­mis­mus. Von außen ganz passabel, werden, je höher man die Treppe darin erklimmt, das Licht sparsamer und der Teppich zerschlissener. Auf halber Höhe versucht eine verschleierte Frau mir den bis hier hochgeschleppten Koffer zu entwinden, nur mühsam kann ich sie abwehren; dabei sitzt unten vor der Hausfront eine ganze Riege unbeschäftigter, gebetsketten­schlenkern­der Männer – Heiliger Islam!

Hotelzimmer - einzig empfangbarer TV-Sender ...Das Zimmer ist schäbig, um es gelinde auszudrücken. Grüne Ölfarbe bekriecht bis in zwei Meter Höhe die Wände, das kleine Fenster ist vergittert, und aus dem Kanal des Stehklos stinkt ein ganzer Schweinestall. Es gibt zwei wackelige Betten mit klammen Bezügen, ein Stahlspind, einen Tisch und einen Stuhl. Das Geräusch in auf der Wand verlaufenden Installationsrohren bezeugt, daß irgendwer im Haus versucht zu duschen, wozu er sich vermutlich ins Klobecken stellen muß, denn die Brause befindet sich – jedenfalls bei uns - direkt darüber. Allen Platz auf dem Tisch nimmt ein leeres Minikühlfach voller Schimmel ein, darauf ein tragbarer Fernseher, dessen einzig einstell­barer Sender einen verrauschten Ayatollah mit weißem Turban zeigt, der in stummer Rede, doch großer Geste, den Mund bewegt. Einzig verläßlich in diesem Raum: mein Mini-Notebook, das selbst bei trüb flackern­der Deckenbeleuchtung auf Encarta zeigt, in welch abgeschiedener Gegend wir uns befinden.

Von unten erschallt näselnde Musik, und so verlasse ich gern das ungastliche Zimmer. Eine Hochzeit wird im Hotel gefeiert: Kurdenhochzeit. Nur Männer sieht man im Erdge­schoß; sie trinken Tee, tanzen leichtfüßig zum Gedüdel zweier Musikanten in der Saalecke und tragen schwarze Anzüge. Zusammen mit ihrem wird auch unser Essen im Raum nebendran aufgetragen. Es ist überraschend gut, vermutlich profitieren wir von der Feier. Zum ersten Mal kein Haacke-flaaische, sondern ein pikantes Linsengericht mit gebratenen Kartoffeln, Lammfleisch und Salat. Als ich dugh dazu bestelle, wird eine 1-Literflasche vor mich hingestellt, die beim Öffnen fast explodiert – das Zeug moussiert wie Champagner. Alt? Fragend sehe ich Molaei an. Das sei normal, alles gut, sagt sie. Mißtrauisch trinke ich aber erst, als Assis und Rezah bedenkenlos aus ihrer ebenfalls überschäumenden Flasche sich einschenken und trinken – Vorkoster, die es früher an jedem Hof gab. Ich muß mir ja nicht unbedingt die Ruhr holen.

Nach dem Essen sind unsere weiblichen Anhängsel auf Molaeis Vermittlung ins Haus der Braut eingela­den, die einige Straßenecken weiter mit den Frauen sich auf die Hochzeit vorbereitet. Auf einmal sind sie alle verschwunden. Was bleibt uns Männern – Bar gibt es nicht. Ich bin so ziemlich der einzige, der sich draußen zu den anzuggewandet verdauenden Kurden gesellt. Anfangs stehe ich nur unbeteiligt herum. Doch bald verwickelt mich einer in holperigem Englisch ins Gespräch. Where you from? Das Übliche. Seine Freunde, ziemlich finster und abweisend, wollen ihn vom Gespräch mit mir, einem Ungläubigen, abhalten, doch er besteht auf dem Austausch von E-mail-Adressen und geholperten Gedanken. Widerstrebend leiht ihm einer seiner Kumpels sogar einen Kugelschreiber.

Sein Englisch habe er sich in Chatkreisen angeeignet, am Computer, gesteht er mir verlegen und ist stolz, als ich ihm gute Kenntnisse bescheinige. Auch als der draußen auftau­chende Hotelchef mich diskret beim Arm nimmt, mit der leise gezischelten Warnung: These are Kurds, setze ich das Gespräch mit dem jungen Mann fort. So what, sage ich, there’s no problem. Mit hochgezogenen Brauen, als wolle er bedeuten: Na ja, mußt du selber wissen, verzieht er sich wieder in sein Hotel, das nichts von Kurden hält, aber ihre Feiern ausrichtet und daran verdient.

Takab bei Nacht ...Rasch wird es dunkel, wie in südlichen Ländern üblich. Eine Weile noch streife ich durch den Ort, mache Fotos von Straßenszenen und süßklebrigen Bäckereiauslagen unter Neonlicht und kehre endlich zurück in das unwirtlich grüne Zimmer. Der Ayatollah im Fernsehen verbrei­tet noch immer oder schon wieder irgendwelche tieferen Weisheiten, das grüne Licht des Kästchens an der Steckdose bedeutet mir, daß die Akkus meiner Kamera geladen sind. Na, wenigstens das. Beruhigt lege ich mich ins Bett, das leise nachwippt und muffig riecht. Draußen heulen und bellen seit zehn Minuten alle Hunde des Tals, in das Takab sich schmiegt. Irgendwo läuft mit hohem Ton eine Maschine an; meine hochzeits­geladene Ehefrau ist noch nicht zurück. Bin gespannt, was sie mir morgen früh erzählt. Und ebenso, ob ich jetzt einschlafen kann.

Irgendwann, zwischen Hundegekläff und Leitungsrauschen gelingt es mir.

... und Takab am Morgen12. Tag: Do, 06.09.07. Am folgenden Morgen sagt mir meine Zweitbeste, sie hätten die Braut gar nicht zu Gesicht bekommen. Es hätte endlos Kekse und Gebäck gegeben. Die Frauen hätten sich zwar sehr bemüht, letztlich sei aber alles an der Sprachbarriere geschei­tert. Wer spräche schon Persisch. Und welche persische Frau dürfe aus ihrem Käfig, um Englisch zu lernen. So sei man immer mehr verstummt. Und zuletzt abgefahren, ohne die Braut, die sich im Kämmerchen im Beisein erfahrener Frauen an ihrer Ausschmückung verkünstelte, je zu Gesicht bekommen zu haben. Soviel zur kurdischen Hochzeit.

Tropfsteinhöhle SaholanIm aufsteigenden Licht wirkt die Landschaft wie geputzt. Zwar sitzen die selben Männer schnurrbärtig vor den gleichen Geschäften, aber irgendwie scheint alles glatter. Bis auf unseren Bus. Dessen Hinterrad ist um mindestens zehn Zentimeter im Asphalt einge­sunken. Darunter scheint ein Hohlraum zu sein, den wir aber nicht weiter erkunden sondern zu neuen Zielen aufbrechen. Zunächst ist das die Tropfsteinhöhle bei Saholan, eine Kalkgrotte mit einem See, auf dem man unterirdisch Bötchen fahren kann. Den Bus stellen wir ab, die eigentliche Sehenswürdigkeit ist zu Fuß in etwa 600 Metern erreichbar. Wer das noch nicht in Porto Christo auf Mallorca viel weitläufiger erlebt hat, den mag das hier erfreuen. Das Übel ist: Vermarktung, und zwar nach niederstem Geschmack. So wird das stalagtitisch und stalagmitisch sich entgegen wachsende Gestein in grellsten Bonbonfarben beleuchtet, während die Wege dunkel bleiben, und man sich vorzüglich bei der Besichtigung den Hals brechen kann. Den Achselschweißgeruch des Ruderers im unterirdischen Boot hätte ich gern gegen einen oberirdischen eingetauscht. Hier unten nimmt er einem den Atem.

Parkplatz oberhalb SaholanZurück am Parkplatz, unser übliches Picknick. Ich mag keinen Schafskäse mehr sehen. Und nur mit Tomaten und Gurken schmeckt mir das Fladenbrot auch nicht. Überhaupt: Hab keinen Hunger. 32 Grad im Schatten – ich muß weg von der mittäglichen Routine Molaeis, so sehr sie sich auch bemüht und mich mit Worten und Gebärden einlädt.

Grab auf der Höhe über Saholan ...In der Ebene, kaum einen Gedankensprung über dem belebten Park- und Rastplatz, gibt es sandige Wege, die sich windend ins Bergland führen. Disteln und Ackerwinden säumen den Pfad, auch Begräbnisstellen, verunglückten Ackerbauern unter schattigen Baumgerip­pen im Nichts zugedacht. Goldgelb glühen die Stoppeln abgeernteter Weizenfelder. Es ist so still hier. Sogar die Vögel, hoch über mir, kreisen lautlos. Ein befreiender Gedanke, daß sie wie ich hier keine Steuern zahlen müssen. Alles ist frei - bis auf das Volk unter dem Regime geistlicher Revolutionäre. Der Begriff Revolution beruht auf dem spätlateinischen revolutio (Zurückwälzen, Umdrehung) und war ursprünglich als Fach­wort für die Umdrehung der Himmelskörper im Gebrauch; haben die Gestirne sich etwa abgewandt von diesem Land?

Was für Gedanken einen befallen, wenn man Muße hat und sich frei fühlt...

Kurde in traditioneller Sackhose - weit und bequemNach Beenden der Mittagsrast geht unsere Fahrt weiter Richtung Urmiyeh, für längere Zeit im Tal des Flusses Zarrinehrud. Dabei kommen wir durch Mahabad, und erst später im Internet erfahre ich, daß diese Stadt vom 22. Januar bis 16. Dezember 1946 die Hauptstadt der ersten (und seither einzigen) Kurdenrepublik der Neuzeit war: die Republik Mahabad, international nie anerkannt. Ausgerufen wurde sie von einem rasch gezimmerten Holz­podest auf dem Car-Cira (Vier-Lampen) –Platz, hier hängten elf Monate später die Iraner denn auch deren Anführer. Davon sagt Molaei – sie sitzt in der gleichen Reihe links von uns, und auf der Seite höre ich gut - nichts. Statt dessen führt sie halblaut endlose Selbstge­spräche; oder betet sie? Fünfmal am Tag schreibt ihr Glaube das ja vor. Aber wann erledigen das dann Rezah und Assis, unsere beiden Kapitäne? Schade, daß ich damals nicht gefragt habe.

Im Dorf Hasanlo, etwa sechs Kilometer nordöstlich von Naqadeh unweit der Südspitze des Urmiyeh-Sees gelegen, legen wir einen letzten Stopp vor Erreichen unseres heutigen Etappenziels ein. Rezah kurvt mehrmals durch die staubigen Gassen des Dorfs, nach dem die Ausgrabungen einer der ältesten Städte des Irans benannt ist, bevor er den richtigen Abzweig findet.

HasanloHasanlo – niemand weiß, wie es damals hieß – war einst eine mächtige Stadtfestung, gegründet von dem indoeuropäischen Reitervolk der Mannäer, die aus der südrussischen Steppe stammten. Etwa vom 12. bis zum 9. Jh.v.Chr. lebten sie hier, bis um 800 v.Chr. ihre Siedlung zerstört wurde, vermutlich von Assyrern oder Urartäern. Das Besondere an Hasanlo ist, daß die Bauten der ausgegrabenen Festung so gut erhalten (und durch Lehm­bewurf vermischt mit Häcksel konserviert) sind, daß man von der ursprünglichen Anlage ein sehr anschauliches Bild erhält. Ein Mann aus dem Dorf, das etwas unterhalb der Stätte liegt, berichtet uns in der Übersetzung von Molaei, daß die reichen Funde des Schatzhauses alle im Nationalmuseum von Teheran aufbewahrt würden. Dazu zählten ein Messergriff aus Gold, verschiedene Trinkgefäße aus den edelsten Materialien sowie eine Goldschale mit getriebenem Reliefschmuck. Im Dorf blieb nichts. Ein Blick über den Rand der Grabung hinunter bestätigt seine Worte: öde und wie ausgestorben liegt es da, eine Handvoll Lehmhäuser, Strohhaufen und eingesunkener Grabhügel. Nicht einmal Eintritt nimmt man hier. Das Dorf kann niemanden entbehren, der ihn kassiert.

Kriegsgräber - MärtyrerIn der Neuzeit muß hier eine Schlacht stattgefunden haben, denn etwas außerhalb gibt es ein Gräberfeld, viel zu groß für das Dorf, das seine Toten auch vornehmlich bei den Häusern bestattet hat. Zudem weht über dem Areal die grün-weiß-rote Revolutionsflagge; Assyrer, Urartäer, Ayatollahs - wo ist da der Unter­schied?

Es sind die Mächtigen, die bestimmten und bestimmen, was aufgebaut oder zerstört wird, wer kassiert und wer zahlt. Das Volk, die sprachlose, oft tumbe Mehrheit, finanziert mit seinen Abgaben nur wechselnde Oberschichten. Ich glaube, das ist das ganze Geheimnis des fundamentalistischen Islams, so wie es jahrhundertelang das der römischen Kurie mit Inquisition, Folter und Kreuzzügen war. Doch mit Anbrechen der Neuzeit wurde der Wider­stand größer, mußte die Oberschicht mit den erweiterten Kenntnissen der Wissenschaften Schritt halten und sich ständig aufs Neue legitimieren - und sie hat es geschafft. Heute läuft das Schröpfen eleganter: Konsum und vermeintliche Wohltaten, die jedoch stets entgolten werden müssen, haben den einstigen Zwang ersetzt. Hat Gott nicht in allen Sprachen gesagt: Macht euch die Erde untertan? Nur der Fundamentalismus des Islam hat nichts dazu gelernt. Etwa, weil seine Anhänger von Natur aus faul sind und jegliche Veränderung, die Arbeit machen könnte, seit dem Mittelalter der Gotteslästerung zeihen? Gar nicht so abwegig.

Urmiyeh-SeeDoch weiter im Text.Leider läßt Molaei Rezah auf der Weiterfahrt an den schönsten Uferlandschaften des Urmiyeh-Sees vorüberbrettern. Fotos der salzverkrusteten Uferlinie gelingen nicht aus dem fahrendem Bus, und seine Monotonie kann kaum eingefangen werden. Als ich mich aufraffe, Molaei zu fragen, wann wir denn endlich einen Fotostopp einlegen, sagt sie: Oh, das tue ihr leid. Am Schönsten seien wir jetzt aber vorbei, und bis Urmiyeh gäbe es kaum noch Halte­plätze. Mann, wie ich mich ärgere! Sie will nur ihren verdammten Markt und die Freitagsmoschee in Urmiyeh durchziehen, uns im Hotel abliefern und anschließend mit Haacke-flaaische und chiekän mundtot machen. Warum hat auch keiner der Anderen sich gerührt? Antwort: Es sind Knipser, keine Fotografen, und die meisten dösen bei der Hitze nur träge in ihren Sitzen. Das soll mir eine Lehre sein.

Finstere TypenUrmiyehs Markt ähnelt dem von Täbris und bietet kaum Neues. Nur daß dies eine Kurdenstadt ist, unterscheidet ihn. Eine Gruppe finsterer Gestalten drückt sich am Rand des Marktes herum und entsendet einen blutjungen Kurier mit Handy am Ohr und beringten Fingern, der mich fragt, was ich da fotografiert habe, als ich die Linse auf sie richtete. I don’t understand, bescheide ich ihn und beharre konstant darauf. Ich habe kein gutes Gefühl dabei, die Leute scheinen kriegerisch. Vielleicht ist auch alles nur Einbildung. Jedenfalls bin ich froh, als er von mir abläßt. Ist es ein Vorurteil, wenn ich sage: Kurden erkenne ich fortan an ihrer markanten Hakennase? Es ist wohl so.

Beim Einchecken im Hotel ziehen meine Frau und ich die Arschkarte: Zimmer nicht fertig, heißt es lapidar. Drei Clerks tun so, als ob wir nicht vorhanden seien, und unterhalten sich nur mit Molaei. Da laufe ich auf zu großer Form: Hear me, bedeute ich wütend den dreien und schlage mit der Faust auf den Tresen, one has to leave his room at twelve o´clock, that’s usual, now we are entering at nineteenhundred – didn´t your folks have had time enough to clean and prepare it? Ich will es gleich sagen: wir erhielten eine Suite im siebten Stock mit getrennten Betten und europäischem Bad. Alle anderen hatten kleine Zimmer und die hier übli­chen Stehklos. Molaei mischte sich am Tresen kaum ein – waren es nur wieder die größeren Eier? Ich sah, es war ihr peinlich, daß ich solchen Krach machte, und so berührte ich sie am Arm und sagte, es sei sonst nicht meine Art, Stunk zu machen, aber manchmal, wenn sich drei faule Säcke über den Tresen lehnten und einen völlig ignorierten, müsse man laut werden. Das sah sie wohl auch so, jedenfalls nickte sie.

Das Abendessen fand im Hotel statt. Es war mäßig: Chikän und Haake-flaaische. Bislang haben wir noch nichts von Persiens angeblich so guten Eintöpfen, den abgusht, geschmeckt; bis auf das Linsengericht in Takab vielleicht. Hinterher, im Hotelcafé, gibt es Bier vom Faß: lieblos gezapfte Brühe ohne Schaum in Literkrügen. Selbstredend auch ohne Alkohol. Das treibt uns ins Bett. Hoch oben über der Stadt vernimmt man kaum noch etwas von ihrem quirligen Lärm. Wir schlafen gut.

13. Tag: Fr, 07.09.07. Frühstück in der zweiten Etage, dadurch wird es nicht besser. Molaei erscheint und organisiert Kaffe: Nescafé, aus schmalen Tütchen in heißen Tee geschüttet. Kaffee, der Türkentrank, ist in Persien fast unbekannt und wenn, nur als fade Pulverbrühe erhält­lich. Nun, davon hängt unser Leben nicht ab, aber es hätte das Wohlbefinden erhöht.

Morgen über UrmiyehDas erste Foto des Tages, von einer Anhöhe geschossen, zeigt Urmiyeh im Morgendunst, daraus sich erhebend zwei Moscheen mit silbernen und goldenen Kuppeln. Von den Minaretten ruft der Muezzin über Lautsprecher zum zweiten Tagesgebet. Unter uns, auf einer Rasenfläche, kicken zwei fußballspielende Amateurmannschaften.

PolisMolaei möchte uns eine assyrische, also nestorianische Kirche zeigen. Drei Polizisten in Baretten und kriegerischen Uniformen mit Schnürstiefeln und schwerem Koppel bewachen sie. Oder uns? Bereitwillig posieren sie für ein Foto, stolz wie scharrende Gockel - auf dem Mist. Die Kirche ist schlicht und in den Felsen gebaut. Beim Eintritt durch das niedrige Eingangsloch muß man tief den Kopf einziehen; der Grund ist wohl nicht in der früher kleineren Körpergröße der Kirchgänger zu suchen sondern schlicht eine Zwangsverbeugung vor dem Allmächtigen, dem hier zelebriert wird. Frische Blumen am Altar bezeugen, daß es noch eine tätige Gemeinde gibt. Draußen, im Mauergeviert der Anlage, die bleiche Marmor­büste eines nestorianischen Märtyrers, ein noch junger Mann, er sieht leidend aus. Das soll er wohl auch, man ging dereinst nicht sonderlich zimperlich mit Andersdenkenden um, von denen man sich keinen Vorteil versprach. Also wird er gelitten haben, wie und wo auch immer.

Archäologisches Museum Urmiyeh - GoldkelchMittlerweile ist die Sonne gestiegen und hat das Tal vom Dunst befreit. Nur in die Hänge der umgebenden Berge krallt er sich noch und zieht Schleier vor deren Konturen - wie der Islam vor das Antlitz unserer und anderer Frauen. Zeit, einen stark gesüßten Tee im Café neben­an unter Bäumen zu genießen. Der Tag verspricht wieder heiß zu werden. Rezah kurvt die enge Straße hinunter in die Stadt, ab und an muß Assis aussteigen und ihn um enge Kurven lotsen. Wir besuchen das archäologische Museum in Urmiyeh; herausragendes Exponat ist ein Goldkelch mit geprägten Kampfszenen, in dessen korbförmigen Bauch mindestens drei Liter – sagen wir mal: Hefeweizen – passen. Ein anständiger Humpen und fein ziseliert. Er soll aus dem 6.Jh.v.Chr. stammen – die Leute hatten Geschmack.

Villa mit stilloser Barockfassade ...Mit dem Bus durchstreifen wir Urmiyeh auf der Suche nach einem Picknickplatz, es ist Mittag. Molaei schlägt die Stufen einer geschlossenen Apotheke am Segumbat, einem dreikuppeligen Grabturm, vor. Der Turm ist über und über mit braunen Ornamenten, kalligrafierten Koransuren und anderen orientalischen Motiven auf hellem Lehmuntergrund geschmückt. Direkt gegenüber eine Villa mit neureich stilloser Barockfassade. Schrecklich, sagt Molaei, aber in hundert Jahren werden Besucher diese Fassade als ganz außerge­wöhn­lich bewundern, wie wir jetzt den Grabturm. Die Apotheke sagt uns trotzdem nicht zu.

Picknick - Assis brüht uns TeeIm Schatten eines kleinen Parks, an dem wir vorbeigefahren wären, hätte ich nicht „Stopp!“ gerufen, machen wir Rast. Rezah und Assis haben einige Mühe, das Volvoschiff in der engen Gasse zu parken, doch endlich paßt alles. Stühlchen werden herausgestellt, Gurken, Tomaten, Käse und Datteln ausgepackt, und während Assis noch Tee und Kaffee brüht, zaubert Molaei aus dem Bus eine große Tüte frischer Baguettes hervor, die es am Montmartre in Paris kaum frischer und knuspriger geben könnte. Herzhaft langen wir zu, da schmeckt auch der strenge Schafskäse plötzlich wieder ganz anders. Den Daumen in das weiche Innere des Brotlaibs gedrückt und diese Höhlung mit weißem Käse gefüllt – es gibt, verdammt noch mal, nichts Besseres! Dazu eine saftige Tomate. Und alles runtergespült mit zuckersüßem, heißem Tee aus tailliert bauchigen Gläsern, die man nur mit zwei Fingern oben am kühleren Rand halten darf, sonst verbrennt man sich.

Huhn beim HanteltrainingUnsere beiden Volvo-Kapitäne laden die Reste des Picknicks wieder ein, und wir begeben uns auf einen Bummel durch die Hauptstraße der Stadt - zu Fuß und ziellos. Sie hat nicht sehr viel zu bieten. An einer Halle kommen wir vorbei, wo uns junge Leute Faltblätter in die Hände drücken: um 16:00 Uhr Konzert zugunsten des Roten Halbmonds, dem orientalischen Gegenstück unseres Roten Kreuzes. Bis dahin ist es noch eine gute Stunde. Wir landen in einem Teehaus, verborgen im schattigen Hinterhof alter Häuser, ein Huhn spaziert dort herum, den Fuß mit einer Kordel an eine leichte Hantel gefesselt, es kann nicht weit. Auch der Sperber, ebenfalls mit einem Bein an den Baum im Innenhof gefesselt, ist auf seinen Platz fixiert. An den Wänden hängen Bilder und Zupfinstrumente, auch uralte, geschnitzte Türen teilen den Innenhof in mehrere schattige Kabinette. Es ist schön hier, fast still, der Lärm der Straße dringt nur von fern an die Ohren. Geruhsam trinken wir unseren Tee, schauen versonnen in die Luft, bedenken den Tag und können mal so richtig abhängen. Mit leicht schnarrender Stimme weckt uns der Sperber: Okay Birdie, let it rock! Also gehen wir.

Komeiny - wer kann dabei rocken?Rockkonzert: am Eingang drängeln sich Gutmenschen, Anzug, Krawatte. Schließlich geht es um einen hehren Zweck – hab vergessen, was es war. Die Eingangshalle ist mit Postern und Plakaten vollgestellt und -gehängt. Komeiny, unter schwarzem Turban Stirn und dichte Büschel eben­solcher Brauen gerunzelt, schaut aus schmalem Rahmen und ebensolchen Augen unter Glas mannshoch auf den Pulk junger Mädchen in Kopftuch und hautengen Jeans, der sich am Einlaß knubbelt. Wer von denen weiß schon noch, wer der Ayatollah war. Sie sind siebzehn, achtzehn – inshallah, let’s take it easy!

Langsam füllt sich der Saal. Auf der Bühne zupft und stimmt man Gitarrenseiten, spannt die Haut von Bongos und transponiert die drei Keyboards der Band auf gleiche Tonlage. Dann beginnt es.

Rockkonzert - Schwulst unter Rotem HalbmondVon Anbeginn nicht unser Ding. Irgendwie schwülstig, bombastisch, aufgeblasen. Die Gitarren ertrinken im süßen Streichersound der Keyboards, das Schlagzeug hämmert entge­gen deren Takts, und jemand Wichtiges meint, mit Mikrofon auf der Bühne herumspringen zu müssen: „Tok, tok, tok – can you hear me?“ Dabei ist er nur Vorsitzender der Jugendab­teilung des hiesigen Roten Halbmonds. Ein Nichts. Auf der Bühne sind mindestens zwanzig junge Musiker versammelt – was hätten die alles anstellen können (und wohl auch wollen), ließe man sie ein wenig von der Leine! Man hätte es sich denken können, beim Anblick des finsteren Religionswächters in der Vorhalle. Unser Beifall in der Pause hält sich in Grenzen.

Rocklos verlassen wir den Saal, was sollen wir hier. Nicht jedoch, ohne den am Ausgang hergereichten Kuverts einen kleinen Schein anzuvertrauen. Schließlich ist es für einen guten Zweck – hab immer noch vergessen, was das war.

Unsere Kapitäne: Rezah (vorn) und AssisAm Abend landen wir wieder in einem Plastikrestaurant. Zumindest die Suppe ist gut, und Rezah und Assis sind mit von der Partie. Sonst essen sie meist abseits. „Okay?“ Sie nicken herüber, zeigen ein leichtes Lächeln. Was sollen sie auch sagen, wir bezahlen sie. Ihre Hemden mit den an wirkliche Kapitäne erinnernden goldgestreiften Schulterklappen sind wie immer blütenweiß. Was könnten sie uns über ihr Land erzählen, verstünden wir ihre Sprache! Oder sie Englisch. Vielleicht sprechen sie ein paar Brocken. Es ist jedoch gefährlich, das in einem Land zu zeigen, dessen Haßgegner die Vereinigten Staaten sind. Man bekommt so kaum Bezug zu diesem Land, und Molaei mit ihrer unergründlichen Miene ist als Fortsatz unserer Vorstellungen wenig hilfreich. Sie scheint nur Filter, der durchläßt, was akzeptiert ist, Widriges aber abperlen läßt wie ein Lotosblatt den Regen.

Diese Nacht schlafen wir sehr gut; vorher genießen wir ausgiebig Badezimmer und die wirklich heiße Dusche. Den Heiligen Koran, der - wie in Deutschland die Bibel - im Nacht­kasten liegt, können wir, in Unkenntnis arabischer Schrift, nicht lesen. Internet gibt mein Subnote mangels WLAN auch nicht her, so begnügen wir uns mit der Lektüre unseres Reise­führers, der allerdings die Konflikte hierzulande mehr oder weniger mit gestelzten Kultur­floskeln übergeht. Bleibt immer noch die Landschaft – da braucht es keinen Übersetzer, die kann man mit eigenen Augen sehen. Und die ist wunderschön!

Sandsteinhügel14. Tag: Sa, 08.09.07. Der morgendliche Blick aus dem Fenster unseres Zimmers geht auf zwei vierspurige Straßen, die Hauptverkehrsadern der Stadt. Hinten, wo sie sacht den Berg hinan kriecht, hält sie auf halber Höhe inne: nackt, kahl und rosafarben wölben sich dort die Hügel und Bergkuppen, hinter denen die Grenze zu Ostanatolien und der Türkei liegt.

Urmiyeh-SalzseeUrmiyeh war stets Kurdengebiet, und auch heute sieht man deren dunkle Pluderhosen mit den engen Fesseln überall in der Stadt. Wir fahren zum Ufer des Salzsees. Salzseen bilden sich, wenn sie zwar Zuflüsse aber keinen Abfluß haben. Dann sammeln sich die aus den umliegenden Bergen geschwemmten Mineralien in ihnen und machen sie salzig. Hier, wohin Rheza uns heute morgen fährt, glitzert der Strand weiß und knackt und bricht unter den Füßen, als wir aussteigen und tastend und behutsam das harsche Seeufer betreten. Wie Schnee zieht sich das angeschwemmte und abgelagerte Salz am Rand des Sees hin und hat bizarre Formen von Polstern und Stauden aus Salz geschaffen. Im Westen, nach Anatolien zu, recken sich vielfältig gezackte Felsentürme.

Laut Reisebeschreibung wäre jetzt eine Bootsfahrt vorgesehen. Wo wir sind, würden zwar Boote fahren, aber bis die zu Wasser gelassen sind und ... na ja, Molaei macht uns das richtig schmackhaft. Nämlich in dem Sinne, daß wir verzichten. Wir sollen abstimmen. Von ihr geht etwas Lähmendes aus, und so ist niemand dafür; keiner verspricht sich unter den – von Molaei – gegebenen Voraussetzungen etwas von einer etwaigen Bootstour auf dem Urmiyeh-Salzsee. So verbringen wir die veranschlagte Zeit mit Fahrt durch und Herum­streifen in einem kläglichen Kleintierzoo, anschließendem Toilettenbesuch sowie der Erkenntnis, daß wir im Iran nicht wirklich willkommen sind, sondern - wie Milchkühe - nur abgemolken werden. Gut, als wir endlich weiterfahren.

Sassanidisches FelsreliefBei Salmas halten wir in karger Felslandschaft. Staubtrockener Schotter führt uns zu einem Felsrelief der Sassaniden, das zwei gekrönte Reiter zeigt. Die übrigen Figuren auf dem Basrelief sind bereits bis zur Unkenntlichkeit verwittert, so daß man mehr rät als sieht, was es im ganzen darstellt. Die Landschaft hier ist karg, am besten krallen sich noch violett blühende Disteln in den rissigen, ausgeschwemmten Boden, die aus der Ebene aufragenden Felsmassive sind ohne jedes Grün. Allenfalls in den steilsten Hängen, wo der Mensch kaum Zugriff hat, behaupten sich niederes Buschwerk und windgezauste Koniferen.

Sonnenblumen und -kerneIn Richtung Khoy breiten sich weite Sonnenblumenfelder über die Ebene. Es ist Zeit der Ernte, am Straßenrand dörren die Kerne in schwärz­lichen Haufen auf Plastikplanen zum Trocknen. Immer wieder werden sie von Frauen umgeschaufelt, um letztlich in Säcken abgefüllt auf den Märkten der Umgebung feilgeboten zu werden. Eine sechsbögig gemauerte Brücke führt über das gänzlich trocken­liegende Schotterbett des Flusses Aq Chay. Auf der anderen Seite windet sich die Straße weiter durch das hitzeflimmernde Bergland West-Aserbaidschans Richtung Siyah Cheshmeh, wo wir an einer Truckerstation eine Pause einlegen: Pike-nike à la Molaei, Brot, Käse, Tomaten und Datteln. Dazu Kaffee oder Tee. Ich hasse Burger und Co., aber Mann - wenn’s hier irgendwo eine Bratwurstbude gäbe!

GeschäftsortVon mir aus auch ohne Schwein, das Muslimen verboten und daher igitt ist. Wer weiß denn genau, was bei uns alles in der Wurst ist. Ich bin nur langsam den Schafskäse leid. Der Abort ist sauber und wie immer ohne Papier. Dafür hängt ein Schlauch zur rückwärtigen Waschung in Reichweite. Ich hab ja nur geguckt und betrachte es als Segen, daß ich bislang unterwegs nicht darauf zurückgreifen mußte. Gottlob hat die Natur mich mit einem geregel­ten Stoffwechsel ausgestattet, der auch in fremden Landen nicht durcheinander kommt. Bisher jedenfalls – auf Holz klopfen geht nicht, die Region ist baumlos, und die Tischplatten der Pausenstation sind aus pflegeleichtem Aluminium.

Wer hier lebt, hat's nicht eiligWeiter geht’s. Am Ende der schnurgeraden Asphaltstraße, dort wo sie einen jähen Bogen nach rechts (oder auch links) macht, schimmern Berge in allen Farbschattierungen zwischen rosa und blauviolett. Wenn es Regen gibt, folgt die sehr gut ausgebaute Straße wohl einem Fluß, dessen zeitweiliges Vorhandensein aber nur das schmale Rinnsal von Grün in dieser Wüstenei andeutet. Die Hänge hoch ziehen sich Dörfer aus rötlichem Lehm, ab und zu blockiert eine Schafherde in staubig quirlender Wolke das Fortkommen.

Dorf aus LehmWo Grün ist, sind auch Häuser – oder umgekehrt. Wo Häuser sind, haben sie meist blau gestrichene Fenster und Türen, ein Heuhaufen neben jedem Anwesen. Grünflächen, Felder und Baumreihen laufen an den Dorfrändern wie ein umgekipptes Faß grüner Tinte aus, gehen über in steinig karges Land, dem jedes Hälmchen mühsam abgerungen werden muß. Wie soll man dessen Farbe nennen? Ich weiß es nicht. Vielleicht eine Aufgabe für die Modezaren der Haute Cou­ture, die da sehr findig sind.

NeugierDie Sonne steht schon tief, als wir Qareh Kelisa, die Schwarze Kirche, erreichen, bekannter unter dem Namen Thaddäuskirche. Im Näherkommen schält sich aus der Ebene die große, mehrfach ummau­erte Anlage, ein armenisches Kloster aus dem 14.Jh., noch heute Wall­fahrts­ort armenischer Christen. Im Dorf davor erwacht Leben, Kinder, Frauen und Männer kommen näher, um uns anzustarren, sogar eine Schafherde glotzt in unsere Richtung. Dabei kennen sie alle den Rummel, wenn jedes Jahr im Juli zu Ehren des Heiligen Thaddäus ein drei Tage währendes Fest stattfindet, zu dem Tausende Armenier aus aller Welt anreisen und vor den Mauern der Anlage in einer weitläufigen Zeltstadt nächtigen. Aber nun ist September, das große Ereignis zwei Monate her und die meiste Feldarbeit getan. Da ist man dankbar für jede Abwechslung.

Der alte MannIm Torbogen zum Eingang des Klosterhofs baumelt an faserigem Strick eine Glocke. Das erinnert an Sergio Leones Filmepos „Once Upon A Time In The West“, und man erwartet förmlich dahinter das nervenzehrende Gewimmer einer Harmonika und deren Lied vom Tod – doch da sitzt nur ein alter Mann mit sonnengefurchten Gesichtszügen und Wollmütze bei einem Glas Tee: die Aufsicht. Auf meine Bitte zu einem Foto setzt er sich zurecht und schaut mir ernst und prüfend in die Linse, die Zigarette in der Linken. Noch nicht einmal, als ich ihm sein Konterfei auf dem kleinen Bildschirm der Kamera zeige, streift ein Lächeln seine Lippen. Mich erstaunt stets aufs neue, daß Männer in den abgelegensten Gegenden des vorderen Orients zwar staubige, doch erkennbar ehemals dunkle Anzugjacken tragen. Dazu verbeulte Hosen aus dem gleichen Stoff, darunter zernarbte Schuhruinen und auf dem Kopf, was gerade darauf Platz findet. Das ist keine Kritik – ich wundere mich nur und finde diese Kleidung höchst unpraktisch für Länder solch bitterer Gegensätze in Klima, Umwelt und Kultur. Aber vielleicht erklärt mir das ja mal jemand, der sich damit auskennt.

Qareh Kelisa - die Schwarze Kirche (Thaddäuskirche)Im ersten Näherkommen macht die Klosteranlage einen hellen, beschwingten Eindruck, und mancher mag sich fragen, worauf der Name „Schwarze Kirche“ beruht. Das Rätsel löst sich, wenn er erfährt, daß das, was wir heute sehen, längst nicht mehr die ursprünglich im 10.Jh. zu Ehren des Heiligen Thaddäus erbaute Kirche ist. Diese fiel im Jahr 1319 einem Erdbeben zum Opfer, und man baute sie im folgenden Jahrzehnt wieder auf, vermutlich unter Einbeziehung noch verwendbaren Baumaterials. So entstand wohl auch der an eine Ringelsocke erinnernde, abwechselnd aus rosa und schwarzem Stein geschichtete Tambour über dem Hauptraum, welch letzterer ganz in schwarz gehalten ist. 1490 hat man Kirche und Klostergebäude erneuert und ausgebaut, jedoch erst zwischen 1810 und 1820 wurden jene Anbauten und Erweiterungen hinzugefügt, die ihre Größe fast verdoppelte und ihr das heutige, je nach Licht zwischen altrosa und hellem Ocker wechselnde Aussehen gaben.

Qareh Kelisa, älterer TeilDieser neuere Teil - so sagt der Dumont Kunstführer Iran -, der mit reich angelegten Friesen, Flechtbändern und Reliefs rundum überaus prächtig geschmückt ist, wurde durch einen qadjarischen Kronprinzen (d.h.: den Abkömmling eines persischen Stammesfürsten türkischer Herkunft) finanziert. So wundert mich kaum, daß in den Reliefs rund um das Gotteshaus auch zahlreiche Kampf-, Jagd- und Liebesszenen dargestellt sind. Innen zeigt die gemauerte Kuppel allerdings schon neue Risse, und es scheint nur eine Frage der Zeit, wann dieses Heiligtum der armenischen Kirche eines neuen Spenders bedarf. Warum nicht, z.B., das Windows-Logo von Microsoft in die hellen Außenfriese gegraben? Bekanntlich will der Gründer des Softwareriesen, Bill Gates, lange Zeit als reichster Mann der Welt gehandelt, seine Arbeit im Vorstand niederlegen und sich fortan nur noch seinen Stiftungen widmen. Mit dem ehemaligen Kloster neben der Kirche hätte er zudem nichts am Hut – das besteht seit längerem schon nur noch aus leeren Gewölben und Feldsteinmauern ohne Dach. Einzig ein paar Millionen zum Erhalt des Gotteshauses müßte er locker machen.

Im Schatten einer Mauer wartet Molaei – in fußlangem Mantel und Kopftuch. Im Angesicht des heiligen Ortes ergibt sich ein Gespräch: Ob wir religiös seien. Nein, eher nicht. Manfred, aufgewachsen in der materialistischen DDR, wo solcher Zierrat eher hinderlich war, bekennt, daß er sich nie darum gekümmert habe. Ich, gebe ich zu, sei aus der evangelischen Kirche ausgetreten, als uns der Pfarrer beim befohlenen Kirchgang als Soldat der Bundes­wehr mit einer Kneifzange gedroht habe, die er dem umgehenden Klingelbeutel zum Abschluß des Gottesdienstes beifügen wollte, damit wir unsere Pfennige noch durchkneifen könnten. Mein monatlicher Sold betrug damals – 1960-62 – fünfunddreißig Mark. Zu Hause hatte ich ein Kind und war verheiratet.

Auf dem Weg nach Maku, SchafhirtenHm, sagt Molaei. Ob wir Religion und Glauben generell verdammten. Das nicht, sagt Manfred, für arme Leute wie hier haben sie sicherlich ihre Berechtigung. Ich füge an: Das Heil wird ja erst nach dem Tod versprochen, in fast allen Religionen, auch Ihrer. Ist es nicht so, daß Religion das Volk ruhighalten soll mit Verweis auf die Freuden des Paradieses, die allerdings erst nach irdischem Hinscheiden genossen werden können? Ging nicht unsere Kirche immer Arm in Arm mit den jeweils Herrschenden? Und Ihr Islam: hat er sich nicht sogar selbst in Gestalt der Kalifen zu Herrschenden aufgeschwungen? Da versandet irgendwie das Gespräch. Molaei ruft zum Aufbruch. Mir macht sie nichts vor: sie selbst ist im Zweifel und will Bestätigung, trägt nach außen hin jedoch weiter die von den Ayatollahs geforderte Vermummung der Frau mit sich herum. Unten herum stecken ihre nackten Füße jedoch schon in den Riemchen von Sandalen, und das ist erst der Anfang. Jüngere in diesem Land tun sich weit leichter damit. Dabei steht in Sure 24, Vers 31 (und folgende) des Heiligen Korans nichts über das Kopftuch der Frauen im Islam. Da steht nur, daß „... sie ihre Blicke zu Boden schlagen und ihre Keuschheit wahren sollen und daß sie ihre Reize nicht zur Schau tragen sollen, bis auf das, was davon sichtbar sein muß ...“ Danach ist noch eine Menge von Vätern, Gatten, Söhnen und Brüdern im gleichen Vers die Rede – alles Männer. Man weiß schon, aus welcher Richtung der Braten duftet. „Was davon sichtbar sein muß“ bestimmen natürlich sie, die Männer.

Maku - hier wird nicht hoch gebautNa denn: So gesehen, um auf Ihre Frage zurückzukommen, Molaei, verdamme ich Glauben und Religion natürlich generell! Aber das hört sie im Aufbruch schon nicht mehr. Noch zwei Stunden fahren wir durch sinkende Sonne, dann sind wir in Maku. Hinter unserem Guesthouse ragt steil ein Felsmassiv, von dem man nicht möchte, daß es allzu spröde ist und nachts etwas daraus über einen hereinbricht. Weiterhin: Haus und Hockklo sind sauber, Bettlaken frisch. Vom Zimmer der übliche Blick aus dem Fenster über Flachdächer und die Gebläse von Klimaanlagen. Ich gehe noch ein wenig in den Ort, der so nah der Grenze zur Türkei liegt: ein Tal, eingeschlossen in steinerner Ewigkeit. Es gibt nur diese eine Straße hinein und hinaus, an der entlang sich die Menschen eingerichtet haben.

MakuDaß dies Erdbebengebiet ist, erkennt man an der Bauweise der Häuser: Ziegelgemäuer in einem Fachwerk aus rostigen Stahlstreben. Kaum eines der Gebäude hat mehr als zwei Stockwerke, unsere Unterkunft bildet mit dreien eine der raren Ausnahmen. Man treibt Handel und Gewerbe zu ebener Erde und wohnt im Obergeschoß. Auf der glatt asphaltier­ten Straße herrscht reger Verkehr. Links die Masten der Stromleitung, rechts der offene Kanal für das Abwasser, über den Stege zu den Häusern führen. Die Sonne steht schon tief, man fühlt sich an Kleinstädte im Wilden Westen erinnert.

Maku, SchuhmacherHandwerker und Händler säumen die Straße und engen die Passage der Fußgänger ein. Ein Schuster flickt auf seiner vorsintflutlichen, unter stetem Tritt jedoch geölt schnurrenden Nähmaschine eine Naht im Leder eines hochhackigen Damenschuhs – sieh an, was sich so alles unter der züchtigen Bodenlänge des Tschador verbirgt! Obst, Gemüse und Säfte werden auf wackeligen Tisch­kon­strukt­ionen feilgehalten. Beliebt als Transportmittel scheint die eiserne Plattform auf vier kleinen vollgummi­bereiften Rädern. Mühsam wuchtet damit ein Tagelöhner zehn volle Apfelkisten eine kurze aber steile Nebenstraße hinauf. Man scheint hier durchweg den gleichen Geschmack bezüglich Farbgestaltung zu teilen: alles aus Metall das vor Rost zu schützen ist, seien es Zäune, Gartentore oder Regenrohre, ist mit der gleichen stumpfen, blaßblauen Ölfarbe gestrichen. Hat etwa der Krämerladen des Ortes nur diese eine Farbe vorrätig gehabt? Oder wäre gar denkbar, daß die Auslegung des Heiligen Koran andere Farben als dieses ausgewaschene Blau nicht zuläßt?

Kein Taxi für KurdenIn den Geschäften schaltet man die Beleuchtung ein. Die Sonne ist hinter dem Bergkamm Richtung Westen, zur Türkei, verschwunden. Ein dürrer alter Mann steht am Straßen­rand, rechts einen Gehstock, links ein Bündel Geldscheine in Händen. Mit dem Stock winkt er den immer mal wieder vorbeihuschenden gelben Taxis, weist die Geldscheine vor, zeigt, daß er bezahlen kann – keines hält, selbst leere nicht. Sein Unglück ist die Hakennase, die ihm aus dem bärtigen Faltengewirr seines Gesichts unter der schmuddeligen Wollmütze sticht.

Er ist Kurde.

Das Abendessen im Guesthouse ist gut, mit echten Stoffdecken auf den Tischen. Später, in der Minibar, finden sich sogar zwei Dosen Bier. Zwar ohne alc aber sonst wie es sein soll: kühl und ohne Limonadengeschmack. Na ja, morgen ist die Durststrecke eh vorbei – Prost!

Der Berg, auf dem Noah strandete - Ararat15. Tag: So, 09.09.07. Heute geht es Richtung Türkei, Grenzstation Bazargan. Gleich hinter dem engen Tal von Maku läßt Molaei unsere Kapitäne halten: erhaben ragen dort die über fünftausend Höhenmeter des Ararat aus der Ebene. Sein Gipfel ist immer noch schneebe­deckt, die Sicht klar - dies ist wohl die schönste Ansicht, die er uns bisher bot. Ein Traktor mit feuerrotem Dach kurvt vor uns zwischen Heuhaufen umher, wirbelt Staub auf; wie ameisenhaft winzig wirkt er doch vor der Majestät dieses Berges!

Palast in Baghchedjuq - TreppenhausBevor Molaei uns in die Türkei entläßt, will sie uns im an der Strecke liegenden Dorf Baghchedjuq noch etwas typisch persisches zeigen: den Wohn­palast eines Gouver­neurs aus der Qadjarenzeit (wir hatten es bereits davon), erbaut Anfang des 20.Jh. Mitsamt Mobi­liar ist er heute als Museum zugänglich. Wohl, weil die Besitzer ihn Hals-Über-Kopf verlassen mußten, als 1925 die Pahlawis (Soraya!) mit Hilfe der Briten an die Macht gelangten – natürlich im Tausch gegen Öl, das die BP gegen eine 5-prozentige Beteiligung an den Staat Iran vermarkten durfte.

Howz Khaneh, die BrunnenhalleGanz wie man sich orientalische Pracht vorstellt, gibt sich der Palast verspielt, kitschig und farbenprächtig. Sein Hauptraum erhebt sich durch zwei Etagen über dem Howz Khaneh, der achteckigen Brunnenhalle, die trotz sichtbaren Verfalls noch allen früheren Glanz ihrer Majoliken, Spiegelmosaiken und marmornen Wasserbecken zeigt. Decken und Wände sind prächtig ausgemalt, Stufen unter wertvoll gedrechselten Geländern führen in Obergeschoß und Schlafgemächer. Durch bleiverglaste Oberlichter der (blauen!) Türen füllt farbiges Licht die Räume, sinnlich gedämpft durch wertvolle Brokat- und Seidenvorhänge. Die meisten Möbel allerdings sind unter schäbig neuzeitlicher Plastikbahn verborgen. Alles in allem: grausige Orgie in Glanz und Flitter, ein Alptraum, wenn man heute darin wohnen müßte. Man stelle sich vor: Irgendwie gelänge es dem Sonnenlicht in die schwüle Rötlichkeit eines plüschigen Puffs der Jahrhundertwende zu fingern – dann hat man ungefähr eine Vorstellung vom Inneren dieses Palasts.

PalasteingangVon außen allerdings zeigt er durchaus Charme: Stuckelemente, schattige Söller, Säulen und geschmiedete Gitter geben dem zweistöckig hellen Bau Kontur. Fenster, Türen und Läden allerdings wieder in dem Gartentorblau, das ich in Maku bereits beschrieben habe. Somit kann diese Farbvorliebe nicht in einem Engpaß des hiesigen Farbenhandels begründet sein, denn dieser Bau ist an die zwei Menschenalter alt. Also doch Koran – oder schlicht hundertjährige Tradition? Der Schwamm nistet in dem Gebäude, in zwanzig Jahren ist diese Frage gegenstandslos.

Bazargan, Stadt der StörcheBazargan ist die Stadt der Störche, zwei Plastikexemplare im Nest zieren den Mittelstreifen der vierspurigen Auffahrt zur Grenze. In dieser Region überwintern sie in den Sümpfen des Flusses Sary Su. Die Grenze gibt sich martialisch. „No Photo“ heißt es am Schild über dem Wachgebäude am Tor. Wir haben uns schon im Bus von Rezah und Assis, unseren Volvo-Kapitänen, verabschiedet, Molaei begleitet und führt uns noch durch Paß- und Zoll­kontrolle.

Grenze - No Photos!Zum Abschied findet jeder ein paar passende Worte an sie, verneigt sich, nur Peter, unser Ösi, will ihr die Hand schütteln - Frührentner, er war schon überall. Molaei sagt: Ich darf Ihnen nicht die Hand geben, mein Glaube, Sie wissen ... Vielleicht in Deutschland, wenn wir uns dort irgendwann wiedersehen sollten.

I bin Eestreicher, raunzt Peter und wendet sich grußlos ab. Ja, so macht man sich Freunde in der Welt, und daß er „Eestreicher“ ist, schützt uns Deutsche kaum vor Verallgemei­ne­rung. Peinlich berührt senkt seine Frau das immer noch bekopftuchte Haupt. Ihr darf Molaei die Hand geben, und sie tut es. Durch eine Glastür sind wir außer Landes und in der Türkei. Ich stelle die Uhr an meinem Handgelenk um eine und eine halbe Stunde zurück.

Ein junger Mann in Muskelshirt und Jeans erwartet uns: Baric. Führt uns Kofferrollende eilig zu einem weißen Kleinbus, in dessen drei Sitzreihen gequetscht höchstens sieben Personen passen. Hastig laden zwei Männer unser Gepäck auf und hinter eben diese Sitze, wie es grad kommt, dann sagt Baric: Bitte einsteigen.

Wohin? Ich höre schlecht und zögere, also drückt meine Zweitbeste mich noch irgendwie hinein auf einen Koffer, der mir nicht gehört. Es ist unerträglich heiß – schöner Anfang!

Gottlob müssen wir so beengt nicht lange fahren, nur von der iranischen Paßabfertigung auf türkisches Hoheitsgebiet. Dort steht unser komfortabler Bus, ein 12-Sitzer, in dem wir acht Reisende uns zwanglos verteilen können, während die beiden Männer unsere Koffer in das geräumige Gepäckabteil des Fahrzeugs umladen. Die beengte Kiste vorhin gehört einem iranischen Unternehmen, türkische Busse dürfen nicht ohne lang­wie­rige Formalitäten auf deren Gebiet, daher der Umstand.

Çukuru - der  MeteorkraterBaric, vorne auf dem Beifahrersitz neben Tayyip, unserem Chauffeur, dreht sich zu uns um und will ihn und sich vorstellen. Gekonnt wie ein Entertainer hält er das Mikrofon, die Anschlußschnur zu einer Schleife gewunden zwischen Ring- und kleinem Finger, aber es kracht nur bruchstückhafter Wortsalat aus den Lautsprechern über uns – Wako, Wackel­­kontakt nennt das der Entertainer. Der Bus wird ständig wechselnd von anderen Reiseleitern und Fahrern bespielt, nicht jeder geht so fürsorglich mit dem Mikrofonkabel um, wie Baric. Also brüllt er seine Vorstellung ohne Mikro in den Bus, und ich bin sicher daß man ihn auch an der iranischen Paßkontrolle noch verstanden hat. Danach fällt er frustriert und sichtlich genervt in seinen Sitz und brütet hinaus auf die Straße.

Erstes Ziel ist ein gewaltiges Loch in der Erde. Von der Grenze sind es nur wenige Kilometer dahin, der letzte Kilometer ist allerdings extrem holperige Piste. 1920 sei das gewesen, sagt Baric, als das Ding hier nachts mit lautem Krachen einschlug. Meteor Çukuru nenne man es nun, Meteorkrater.

Schön groß!Wo denn der Meteor geblieben sei, will ich wissen und starre in das mürbe umzäunte Loch, das wie ein überdimensionaler Brunnenschacht aussieht. „Tschik“ macht Baric und schnippt mit den Fingern: „Sie sind der Erste, der danach fragt. Haben wohl Leute als Souvenir geholt. Oder Wissenschaftler. Weiß ich nicht. Aber Loch schön groß, nicht?“ Unweit, hinter Stacheldraht, erhebt sich ein Wachtturm, massiv gebaut aus Beton und Stahl, daneben ein bulliger grüner Panzer - Kurdengebiet. „Ja, schön groß“ antworte ich.

Der Ararat, von türkischer Seite viel klarer zu sehenBei der Weiterfahrt haben wir den Ararat stets rechterhand vor Augen. Vor Dogubeyazit ist im Hotel Sim-Er ein Mittagessen für uns gerichtet. Für ein Bier ist es zu heiß, also Wasser. Da wir noch kein Geld getauscht haben, können wir in Euro zahlen. Das zweistöckige Hotel wirkt abgewohnt, die Bedienung lustlos; ein Padrone muß ihr Dampf machen. Aber die Umgebung ist grandios. Wir sind hier etwa 1950m hoch, die Hitze ist trocken und läßt sich gut aushalten.

Dogubeyazit selbst ist trostlos, wir fahren nur durch. Auf der Strecke nach Kars, unserem heutigen Ziel, liegt Igdir, auch nicht viel besser. Hier legen wir eine Teepause ein. Er hat was für sich, der heiße, stark gesüßte Tee in den bauchigen Gläsern löscht wunderbar den Durst. Baric kennt den behäbigen Wirt in dem dicken Wollpullover. Der Tee ist frei, vermutlich bucht Baric ihn auf das Konto Trinkgeld, das er am Ende der Reise von uns erhalten wird.

MilitärpostenDie 150km nach Kars reihen sich endlos. Immer wieder stoßen wir auf Kontrollposten des Militärs, gepanzerte Fahrzeuge, verborgen hinter Büschen, Bäumen und Barrieren gestapel­ter Sandsäcke. Aber wir werden nicht angehalten. Weit zieht sich die Ebene bis zum Fuß des Ararats, an deren staubiger Grasnarbe sich Schafherden gütlich tun. Hin und wieder ein Dorf mit ummauerten Höfen, von trockenem Gras bewachsenen Flachdächern, Satellitenschüsseln, Heuhaufen, Strommasten und –leitungen. Dahinter ein weitgehend trockenes Fluß­bett, in dem Rinder weiden, Nomadenfrauen Kühe melken und im wenig verbliebenen Wasser ihre Wäsche waschen. Man kann sich ausmalen, daß im späten Frühjahr, zur Zeit der Schneeschmelze, dieser Fluß ein reißendes Wildwasser sein wird. Noch sickert er nur als Rinnsal. Wenn es in den Dörfern größere Gebäude mit Blechdächern gibt, etwa Schulen, dann sind auch diese in dem verblichenen persischen Blau getüncht, von dem in Maku die Rede war. Man sieht wenig motorisierte Fahrzeuge, ab und zu zieht ein Traktor eine Staubfahne hinter sich über das Feld.

Herdentrieb - SchafeDie Straße ist durchweg asphaltiert und gut. Was aufhält, sind zahlreiche Schafherden, die sie immer wieder kreuzen. Es sind braunhäutige Tiere, zu dieser Zeit fett und gut in der Wolle, geleitet von Schäfern und in die Flanken gebissen von Hunden, die sie von der Mittellinie fernhalten und an den Randstreifen der Straße drängen. Aber Schaf bleibt Schaf: immer wieder bricht eins aus und blockiert unsere Weiterfahrt. Tayyip nimmt es gelassen.

Berghöhlen ...Die vorherrschende Farbe der Landschaft ist Rot. Wir kommen an Bergen vorbei, in deren Flanken sich Galerien mit gewaltigen Höhlenmäulern aufgetan haben. Dann wieder an sanftgewellten Gras­hängen, bedeckt mit schwarzem Lavaschutt, Auswurf der im Hinter­grund drohenden, seit Jahrhunderten untätigen Vulkankegel. Aber sie könnten jederzeit explo­die­ren und Feuer und Verderben speien, man sieht es ihnen nicht an.

... und BergtürkenGrausig die sporadisch am Weg liegenden Plattenbauten für die „Bergtürken“, wie man die Kurden offiziell von Regierungsseite nennt, um ihren Namen nicht Programm werden zu lassen - gespickt mit Satellitenschüsseln in noch nirgendwo sonst gesehenem Ausmaß führen diese Bauten zu wenigstens zwei Schlüssen: daß nämlich mindestens drei Familien mit jeweils eigenem Fernseher, Schüssel und Programm in dieselbe Wohnung der vierstöckigen Gebäude gepfercht sind, und daß deren Tagesablauf sich weitgehend nach den auf Dogu-Tv oder ähnlichem gezeigten Seifenopern richtet. Das Ziel ist klar, und man läßt es sich einiges kosten: man will die Kurden nicht als Schäfer in den unübersichtlichen Bergen haben - aber hier verkommen sie zu Abfall der türkischen Gesellschaft, Wohlfahrt hin oder her.

Dorf in OstanatolienDas Asphaltband windet sich. Sobald man hält, sind sofort wie aus dem Nichts Kinder und Jugendliche am Bus. Doch niemand hält aggressiv die Hand auf, wie wir das in Armenien bei den Jessiden erlebt haben. Statt dessen stellen sie sich grinsend für ein Foto auf, recken die mageren Schultern und markieren in ihren zerlöcherten Hosen den dicken Mann. Es genügt ihnen, daß man Interesse an ihnen zeigt. Mag sein, daß diese Wertung zu einfach gestrickt ist, aber wenn man Kurden nicht generell als separatistische Terroristen betrachtet, dann sind sie – abgesehen von Fanatikern der auch unter Kurden weitgehend ungeliebten PKK – in näherem Licht betrachtet zwar einfache aber liebenswerte Menschen, die gerne für ein Foto posieren.

Brücke  über den gleichnamigen Fluß in KarsEndlich erreichen wir aber doch Kars. Es ist nach 17:00 Uhr, als wir unsere Koffer auf die Zimmer schleifen. Welche sich im Sim-Er-Hotel befinden, einem Ableger der Kette, die wir bereits vom Mittagessen in Dogubeyazit kennen. Das Abendessen ist für 19:00 Uhr angesetzt, meine Zweitbeste hat sich erschöpft hingelegt, mir bleibt also mehr als eine Stunde, die Stadt zu erkunden.

Der anatolische Schäfer  - im typischen FilzmantelDas Hotel liegt etwas außerhalb, zur Innenstadt führt eine überdachte Fußgängerbrücke über das ausgetrocknete Flußbett des Kars, nach dem die Stadt benannt ist. Ein winziger Park über dem steilen Ufer, darin eine Handvoll Bronzedenkmäler: breitschultrig in die kantig übliche Filzdecke gehüllt ein Schäfer. Stock und Hut steht ihm gut, in Händen hält er ein Lämmchen. Weiter eine Gänsemagd mit vier schnatternden Exemplaren dieser Gattung. Sicher hat sie lokale Bedeutung und einen tieferen Grund, aber er erschließt sich mir nicht. Ich finde auch nichts in mir zugänglichen Reiseführern darüber. Also kommen wir zu dem anatolischen Zimmermann mit Axt, Schiebermütze und Sägebock auf dem Rücken, dem landlosen Ehepaar, das entwurzelt durch die lande zieht und schließlich zur Aphrodite, der griechischen Göttin der Liebe, Schönheit und sinnlicher Begierde. Dem folgt nur noch ein Sänger mit hochgereckt dreisaitiger Laute. Alles aus guter, grüner Bronze.

... und Aphrodite, die Göttin der LiebeIch gehe in die übersichtlich im Schachbrettmuster angelegten Straßen der Stadt, finde ein Bankhaus mit Geldautomat und ziehe daraus erste Zahlungsfähigkeit für die Türkei. Mir genügen fürs erste dreihundert türkische Pfund. Davon erstehe ich in einem Supermarkt noch eine hübsche Flasche Weißwein für meine im Hotel zurückgelassene Zweitbeste. Das Haus eines Dichters nehme ich auf dem Rückweg wahr, vor dem um einen Brunnen allegorisch vier steinerne Frauenzimmer tanzen. Eine Moschee noch, dann ist es zu dunkel für Fotos.

Das Abendessen im Hotel gleicht aufs Tüpfelchen dem bereits zu Mittag gehabten: bunt gewür­fel­ter Salat, ein Spieß Adana, Reis, Brot. Vermutlich haben sie in allen Sim-er-Hotels an allen Tagen die gleiche Speisenfolge. Auf einen Absacker lassen wir uns im Barbereich auf verschlissenen Ledersesseln nieder: endlich das erste richtige Bier! Kühl und mit müde machendem alc.

Beim Bezahlen gibt es Krach: auf der Gesamtrechnung steht weit mehr, als wir getrunken haben. Mühsam wird aufgedröselt, was jeder Einzelne gehabt hat. Baric, für den ab heute die Fastenregeln des Ramadan gelten, gesellt sich zu uns, lehnt sogar einen angebotenen Tee ab, versucht halbherzig zu vermitteln. Am Ende verläßt der Kellner mißmutig mit der Hälfte des geforderten Betrags die Runde, die sich bald darauf auflöst und in die Zimmer verkrümelt. Was war das – ein Versuch, uns übers Ohr zu hauen oder einfach ein Versehen in der Buchführung der Bar? Wir jedenfalls fühlen uns im Recht, und der bei den Bestellungen noch so redselige Kellner, der mit der Rechnung in der Hand plötzlich kein Englisch mehr verstand, bleibt verschwunden. Na gut.

Mandolinenspiel, nachts nicht so toll - hier BronzedenkmalNachts dann die Hunde der Umgebung. Es wird, trotz doppelter Decke, kalt im Bett, wir sind auf mehr als 1.700m Höhe. Und da sind von Ferne, aber lautstark: Frauengesang und begleitendes Hundegebell. Mandolinenspiel und Hunde­gebell. Männergesang, bis 24:00 Uhr hat das Militär noch Ausgang – da endlich schweigen die Köter ergriffen. Ab und zu stacheln Gewehrschüsse in die Luft sie wieder zu randalierender Meute auf. Wir sind in Ostana­to­lien, alles in allem verbringen wir fröstelnd eine unruhige Nacht.

Tor zur Ruinenstadt Ani16. Tag: Mo, 10.09.07. Gleich nach dem Frühstück steht Tayyip mit dem Bus bereit. Es geht nach Ani, der etwa 50km ostwärts von Kars gelegenen Ruinenstadt und UNESCO-Welterbe. Ani, im 9.Jh. am Ort einer bereits 900 Jahre zuvor von den Urartäern erbauten Festung gegründet und im folgen­den Jh. unter Aschot III. zur Hauptstadt des Armenier­reiches erhoben, wuchs rasch und füllte sich mit Menschen und Bauten. Hundert Jahre später sollen bereits 100.000 Bewohner die Stadt bevölkert haben, und man zählte, so heißt es, an die 1000 Kirchen mit immensen Schätzen. Das zog natürlich Begehrlichkeiten und Eroberer an, die die Stadt nacheinander überrannten und plünderten. Das waren: um 1025 die Georgier, zwanzig Jahre später, die Stadt hatte sich gerade erholt, die Byzantiner und wiederum zwanzig Jahre später die Seldschuken, die es vorher bereits schon einmal – erfolglos – versucht hatten. Im 12.Jh. gab es Kämpfe zwischen Kurden und Georgiern um die Stadt. Letztere, die die Stadt mehrmals besetzt hielten, sorgten für eine kurze Blüte des Kirchenbaus, bis alle zusammen 1250 von Mongolenhorden vertrieben oder massakriert wurden. Doch Ani hätte weiter existiert, hätte nicht ein verheerendes Erdbeben ihr 1319 den Rest gegeben und die Stadt unwiederbringbar vernichtet. Sie wurde nie wieder aufgebaut und verfiel. Erst zu Beginn des 20.Jh. erinnerte man sich ihrer und unternahm erste Ausgrabungen.

AniFür die 50km nach Ani benötigt Tayyip etwa eine Stunde. Dort endet die Fahrt an der alten Stadtmauer, die in gewaltigen Resten noch steht. Das historische Gelände liegt wie ein Keil mit der Spitze nach Süden zwischen der tiefen Schlucht des Grenzflusses nach Armenien Arpa Çayi im Osten und der nicht minder tiefen aber weniger steilen des Bächleins Alaca Suyu im Westen. Um das Gelände gegen feindliche Angriffe zu schützen, genügte also ein Mauerriegel im Norden. Neben dessen Resten mit mächtigen Bastionen bestehen von ursprünglich sieben Toren noch drei, durch deren mittleres man auch heute noch die Stadt betritt. Dort, über dem in rotem Sandstein gefaßten Torbogen, grüßt den Besucher an dessen Innenseite eine aus braunem Tuff gefügte Swastika, ein linksdrehendes Hakenkreuz. Das legt eine Herkunft der damaligen Stadtbewohner aus dem indogermanischen Raum nahe.

Die Schlucht des Arpa Cayi (Arax)Beschaut man sich von dort jedoch die verfügbare Fläche des Tortenkeils zwischen den beiden Flüssen, so muß man an der genannten Zahl von 100.000 Einwohnern zweifeln. Sie fänden auf dem Areal einfach keinen Platz. Da man damals noch nicht hoch baute, war Fläche nötig, die innerhalb des Keils begrenzt ist. Also wird das, was wir heute durch­streifen, eher der Kern mit Palast, Verwaltung, Steuerämtern und Betplätzen gewesen sein. Die einfache Volks­masse hauste wohl wie immer jenseits aller Mauern und schützender Schluchten auf der Hochebene und war für jeden Angreifer eine leichte Beute.

Ani - die KathedraleEs gibt in mehr oder weniger gut erhaltenem Zustand etwa zehn Kirchen, Moscheen und Klöster auf dem von kargen Gräsern und schwarzen Gesteinsbrocken modellierten Gelände. Hinzu kommt die ehemalige Zitadelle, die allerdings auf für Zivilisten verbotenem Boden liegt. Man zeigt die türkische Flagge und hört vermutlich von dort ins nur wenige hundert Meter entfernte Armenien hinein, wie das alle Armeen dieser Welt mit ihren Nachbarn tun.Stärksten Eindruck macht auf mich – wohl auch durch ihre schiere Größe – die Kathedrale. Da Tambour und Kuppel fehlen, feuert die Sonne Strahlenbündel in ihr Inneres, macht sie hell und licht und läßt die verschiedenfarbigen Steine, aus denen sie errichtet ist, reich zur Geltung kommen. Ihr Auftraggeber, Smbat II., erlebte ihre Fertigstellung nicht mehr, da der verantwortliche Architekt Tiridates zwischenzeitlich die durch ein Erdbeben beschädigte Hagia Sophia in Byzanz (Istanbul) zu reparieren hatte und die 989 begonnene Arbeit an der hiesigen Kathedrale daher erst zwölf Jahre später beenden konnte. Zu der Zeit aber regierte schon Gagik I. Mehr als sechzig Jahre später machten die Seldschuken eine Moschee aus  ihr, der jedoch keine Dauer beschieden war: die schlanken Minarette fallen stets als erstes, sei es durch menschliche Gewalt oder Erdbeben.

Höhlen über dem Rinnsal des Alaca SuyuEs wäre müßig, hier all die anderen Gotteshausrelikte herzuzählen, das erledigen dazu verfaßte Reiseführer viel besser. Nur noch soviel: wer nach Ani fährt, sollte über all den Ruinen nicht das Bestaunen der Landschaft vergessen. Sie ist es wert, und allein die Höhlen im Westufer des Alaca Suyu wären einer genaueren Untersuchung würdig. Was mich daran hindert sind die fehlende Zeit – und die herrschenden 35° Hitze. Dort gibt es keinen Schatten, um diese Zeit liegt alles in praller Sonne. Das will ich mir nicht antun.

StreifengangKurz nach Eintritt in die Stadt hatte ich mich ins Fotografieren vertieft und meine Gruppe verloren. Fortan ging ich eigene Wege. Nun bin ich auf dem Weg zurück zum Tor, vor allem in dessen Schatten. Meine Leute sehe ich weit unten am Hripsime Kloster herumsteigen, vor einer halben Stunde werden sie nicht zurück sein. Direkt hinter dem Tor, stadtauswärts, liegt Ocakli, das letzte Dorf vor der armenischen Grenze, eine Handvoll Häuser und zwei türkische Wachttürme. Ein Soldat in Tarnfarben geht Streife, das Gewehr schußbereit. Ich drücke mich im Schatten des Tors herum. Eine Tafel davor zeigt im Plan die Lage der einzelnen Sehenswürdigkeiten, darüber die rote Flagge mit türkischem Halbmond und Stern - Ani war bis zum letzten Atemzug im Erdbeben von 1319 nie türkisch. Durch das Tor staksen zwei magere Kühe, eine braune und eine weiße.

Hos geldiniz! Herzlich Willkommen!Ich trotte Richtung Dorf, will Authentisches sehen, fotografiere einen Mann auf seinem Pferd, der eine Herde von zehn, zwölf Rindern vor sich her treibt. Von ihrem Haus winkt eine Frau: ich soll näher kommen. Als ich vor ihr stehe, fragt sie durch Gesten, ob ich verheiratet sei. Evet, ja, sage ich und deute durch Umkringeln einen Ring auf meinem Finger an, obwohl ich keinen trage. Da lädt sie mich in ihr Haus ein, ledigen Männern wäre das verwehrt.

Der kleine Macho mit MutterZwei Jungen, etwa vier und sechs Jahre alt, springen ihr um die Füße herum. Als sie – mir zum Anblick – die Tür zum Schlafzimmer der Familie öffnet, stößt der Sechsjährige eben dieselbe heftig zu. Das gehört sich nicht, bedeutet mir sein Blick. Ah, Macho! Hier liegen Teppiche ausgebreitet auf dem Boden, die ich mit Schuhen nicht betrete. In der Küche hingegen steht die Frau auf nacktem Sandboden, als sie mir all ihre Habseligkeiten herzeigt: Gasherd, Tellerregal, eine Anzahl Plastikkörbe, -teller und –siebe. Kein Kühlschrank, weil es hier keinen Strom gibt. Und ihre beiden Söhne. Dem ältesten schenke ich, indem ich zu ihm niederknie, eine frischgeprägte, goldglänzende Pfundmünze. Draußen vor der Tür ihres Hauses darf ich die drei mit Einwilligung des Sechsjährigen fotografieren. Ergeben erträgt er die Hände der Mutter, die hinter ihm steht, auf seinen Schultern. Sie sind abgearbeitet. Dabei ist die Frau höchstens vierzig Jahre alt.

Das Dorf OcakliAls ich die drei Richtung Parkplatz verlasse, wo unser Bus steht, begleitet mich das Pro­test­geheul des Sechsjährigen und zerhackt die Stille des fortgeschrittenen Vormittags – vermutlich hat ihm seine Mutter die schönglänzende, nagelneue Pfundmünze abgenommen, die für sie einen anderen Wert hat, als für das protestierende Kind. Die rauchenden Fahrer allerlei Vehikel auf dem geschotterten Parkplatz sehen nicht einmal auf, als ich zu ihnen stoße und gelangweilt Steinchen aus dem Schotter kicke. Ich könnte eine rauchen, doch selbst dazu ist es zu heiß, und meine Wasserflasche liegt im verschlossenen Bus, zu dem nur Tayyip den Schlüssel besitzt. Aber unter den rauchenden Fahrern würde ich Tayyip gar nicht herauskennen, dafür sind wir zu kurz bekannt. Alle sehen gleich aus, die dort paffend beisammen stehen. Nach etwa zwanzig Minuten kommt mein Trüppchen, Tayyip (ich hätte mehr auf den Dritten von rechts getippt) schließt den Bus auf und läßt mich an meine Wasserflasche. Deren Inhalt siedet fast, ist aber in erster Linie naß und deshalb erquickend.

Moschee am WegAuf dem Rückweg nach Kars – ein Dorf mag für alle stehen: blaue (von der Farbe her) Moschee mit Blechdach und einem einzigen Minarett, daran Lautsprecher, an den Wänden der grasbewachsenen Flach­dach­häuser Satellitenschüsseln, dazwischen Misthaufen, Stroh­haufen und an rissigen Masten montierte Straßenlaternen, hoch über in tiefen Spuren ausgefahrenen Sandwegen. Abgeerntete Weizenfelder, Gülletanks, blaue Plastikplanen überall. Weiß oder blau gekalkte Wände. Kein Gebäude, außer der Moschee, das nach Schule aussieht. Unter anderem hier leben die Menschen, die Ankara als Bergtürken bezeichnet, um nicht den Begriff Kurde verwenden zu müssen.

Mit Tayyip auf der Piste ...Die Straße ist neu ausgebaut und vorerst nur mit einer Lage Split versehen. Jedes Fahr­zeug zieht eine Fahne aus Staub hinter sich her, der sich an der Scheibe vor Tayyip mit fest­ge­backenen Insekten mischt. Wenn jemand überholt, prasseln Steinchen auf Blech und Glas. Die Oberkante seines Armaturenbretts ist bis zur Windschutzscheibe mit flauschigem Plüsch beklebt, einer Art Flokati. Am Rückspiegel hängt schillernd eine CD und aus dem Radio schallt Kassettenmusik von Ibrahim Rojhilat. Denkbar, daß sein Wohnzimmer, falls er verhei­ratet ist, ähnlich aussieht. Baric liegt im Beifahrersitz und schweigt. Vermutlich hält ihn das kaputte Mikrofonkabel ab, etwas zur Landschaft zu sagen. Immerhin ist er in Kars geboren und aufgewachsen, lebt jetzt aber in Istanbul. Wenigstens die Klimaanlage funktioniert und atmet Kaltluft aus.

Russisches BürgerhausIn Kars gewährt Baric uns eine halbe Stunde Pause, bevor wir zur Zitadelle hinaufsteigen. Jeder mag sich in dieser Zeit mit Obst oder sonstig Eßbarem versorgen. In der Atatürk Caddesi sehen wir etwas von der Russen­kultur, die diese aus ihrer Besatzungszeit nach dem Krimkrieg hinterlassen haben: einstmals kleinbürgerliche Häuser mit Stuckelementen und schmiedeeisernen Balkonen, nun her­unter­gekommen, farblos, die eingeschlagenen Fenster leere Höhlen. Es wird erzählt, daß die Zimmer in diesen Häusern um drehbare Kachelöfen angeordnet waren, von wo aus man jeden Raum nach Bedarf heizen konnte. Ganz angenehm in einer Stadt, die es vom Sommer mit 35° im Schatten auf ebensolche Temperaturen im Winter, nur mit umgekehrtem Vor­zeichen, bringt. Der Roman „Schnee“ des genobelten Schriftstellers Orhan Pamuk spricht da eine beredte Sprache. Obwohl er selbst nur fünf Tage zur Recherche in Kars abgestiegen sein soll. Auch Vorurteile reichen hin, um daraus Romane zu flechten. Ich habe jedenfalls nichts aus Pamuks „Kar“ (Schnee) in Kars wiedergefunden. Außer den Kopftüchern. Die hier jedoch farbenfroher sind, als anderswo im Land - oder gar im Iran.

Die ZitalleDer Weg zur Zitadelle führt über Kopfsteinpflaster steil nach oben. Bei über dreißig Grad bewegt man sich entsprechend zögerlich, hält öfter inne, holt Luft und beschaut die Land­schaft hinter und unter sich. Schwarz geteert sperrt ein Holztor die Festung ab – oder schließt sie auf. Baric ist schon oben und schaut aus der Tür, die sich im Tor öffnet. Ein Junge ist neben ihm, der uns, als wir endlich oben sind, mit Handzeichen nach hier und dort lotst, und uns die schönsten Plätze und Aussichten zeigt.

Zitadelle - altes Geschütz, Zielrichtung: ArmenienDa wären: Über allem flattert im eigentlichen Fort der rote türkische Halbmond. Da ist kein Zutritt, immer noch Armee. Zwischen hier und der gegenüberliegenden Seite fließt in einer felsigen Schlucht ein Nebenfluß des Kars, der der Stadt ihren Namen gab. Gegenüber ist Militärgelände, Kars ist eine der größten Garnisonen der Türkei. Dort steht Kemal Atatürk, in unverkennbarer Pose: Schaftstiefel, Karakulmütze auf dem Kopf, den Rücken gebeugt, die Tabakspfeife zwischen den Zähnen. Mindestens zehn Meter hoch, aus Blechplatten zusam­men­genietet. Das Militär verehrt Mustapha Kemal, den sie Atatürk, Vater aller Türken, nennen. Von militärischer Tradition zeugt im Inneren der Bastion der liebevoll gepflegte Klumpen Rost, der einmal schweres Maschinengewehr war, dem man aber das Schloß mit einer plumpen Schweißnaht zugelötet hat. Tot zielt es von der Burgmauer auf die Innenstadt von Kars. Im Osten, den ganzen Hang hinunter, breitet sich der Friedhof der Stadt; von Ferne ein Anblick, als hätte sich dort ein Schwarm riesiger weißer Vögel niedergelassen. Dabei sind es Grabsteine, die den Berghang von oben bis unten besiedeln.

Kümbet Moschee (vorne, eingerüstet)Läßt man den Blick etwas nach Westen schweifen, erblickt man die Kümbet Moschee. Einst, zwischen 930 und 937 aus schwarz-grauem Tuffstein als armenische Apostelkirche errichtet, wurde sie während der osmanischen Herrschaft in eine Moschee umgewandelt, dann, unter den Russen des Zarenreiches jedoch wieder in eine Kirche überführt. Wie das so ist: als die Türken die Stadt zurückeroberten, befanden sie das Gebäude gut genug für eine Lagerhalle, später als Stadtmuseum. Heute soll man dort wieder zu Allah beten, obwohl die zwölf Apostel immer noch den Tambour zieren. Im Moment ist es eingerüstet, und ich würde kein türkisches Pfund darauf verwetten, was mal aus dem Gebäude wird. Gleich dahinter erhebt sich eine neugebaute Moschee mit etwa zwanzig Kuppeln und Kuppelchen und einem hohen Minarett, wo man Allah nahe sein kann. Ich glaube, man braucht die Apostelkirche gar nicht zum Beten. Wenn das Gerüst mal fällt, wird sie wieder Museum sein. Für die Stadt, die Armenier oder wen auch immer. Einzig nicht für das Christentum - dafür scheint Kars nicht die Stadt.

SchuhputzerHier beendet Baric die Führung. Wer möchte, kann in der Stadt bleiben, alle anderen bringt der Bus zurück zum Hotel. Wir bleiben. Eine alte Frau mit Knubbelnase, in Tracht und mit Haube steht wie zufällig auf dem Kopfsteinpflaster abwärts und strickt rosa Kinder­leibchen. Sehr malerisch. Trotzdem mache ich kein Foto. Warum? Weil sie da steht – für ein Foto. Und ein Bakschisch. Ich mag das nicht. Da fotografiere ich lieber den Zehnjährigen in Jeans und T-Shirt, der sich seine teuren italienischen Schuhe von einem über Fünfzigjährigen mit Bart, Brille und Schiebermütze putzen und polieren läßt. An einem Bus, der schwer­beladen auf dem Dach irgendwann über Land fährt, ist hinten an rauhem Strick ein Schaf angebunden. Soll es hinterherlaufen? Ich hoffe, jemand hat Mitleid mit ihm und nimmt es auf den Nebensitz. Oder schafft es aufs Dach, neben all das andere Gepäck.

Ein Schaf - Reiseproviant?Es ist gottverdammt heiß. Um das Ziegenfleisch im Metzgerschaufenster sirren grünschil­lernde Fliegen. Verschleierte Frauen mit Kindern auf dem Arm kommen uns entgegen. Moscheen, der kleine Markt. Spritzwagen der Gemeinde – Müdürlügü – waschen das Pflaster, befreien es von Obstbrei und Kohlblättern. Wir haben Durst und fragen in einem Kafé nach Bier und Wein. Kopfschütteln. Keine Lizenz, nur Kaffee oder Tee. Und wo? Ah, da zieht der Gefragte mich an der Schulter, bedeutet uns mitzukommen, verschwindet nebenan in einem Treppenhaus, zieht ein Scherengitter auf, eilt in den ersten Stock und klopft heftig an eine Tür – jemand öffnet halb, beäugt uns, Worte werden gewechselt, ich verstehe nur „birra“, dann schwingt sich die hohe Holztür ganz für uns auf, unser Lotse verabschiedet sich mit strahlendem Grinsen, und hinter der Tür steht der Chef.

Militärgelände mit Blech-AtatürkUnverkennbar die kurdische Hakennase, heißt er uns willkommen in seinem Lokal, das – leider, bedauert er – erst um 18:00 Uhr öffne. Aber zuvor, da sein Freund uns zu ihm gebracht habe, seien wir selbst-verständlich seine Gäste. Hinter uns, die wir nun an einer aus solidem Nußbaum gefertigten Theke auf Barhockern sitzen, breiten sich gedeckte Tische, funkelnde Gläser, steife Servietten und Besteckansammlungen. Wir sind in einem der vornehmsten Speiselokal von Kars gelandet. Und es hat extra für uns aufgemacht.

„One beer and a glass of wine?” Mit einem Augenwinken dirigiert der Chef sein Personal, zwei hakennasige junge Burschen, einer schmächtig mit Schlips und geblümter Weste, dem anderen würde ich – obschon in Schlips und weißem Hemd – nachts in Kars nicht gern über den Weg laufen. Er wirkt schnauzbärtig finster. Bald stehen Bier und Wein vor uns - ah!

Das Grabfeld von KarsDer Chef beginnt ein Gespräch. Sein Englisch ist holperig: You german? Und anderes. Irgendwann bedeutet er dem Schmächtigen mit der geblümten Weste das „Buch“ zu holen. Dieses entpuppt sich mit auf den Umschlag geklebten Landkarten als Atlas getarnte Anklage gegen den türkischen Staat. Reihenweise sind Fotos mit Folterungen zu sehen, den Text kann ich nicht lesen, er ist türkisch. Auf- und umblätternd weist der Chef auf einzelne Fotos, legt den Zeigefinger auf besonders schlimme Darstellungen, sieht mich dabei immer wieder an.

„Okay, I’m german.“ Was soll ich dazu schon sagen. Es wäre schrecklich, wär das alles wahr. Versuchsweise lasse ich einen Ballon steigen: „PKK?“ Das ist ein heißes Eisen. Er sieht mich nur an. Sagt nicht ja und nicht nein. Sein Blick brennt mir im Gesicht. Aus der Tasche holt er ein Handy, man kann heute Filme darauf zeigen – er zeigt einen: da wird ein Mann getreten, mit Knüppeln bearbeitet, sein Gesicht geschunden, die das tun, tragen Uniformen.

Ende einer kurdischen LehrstundeIch überrede die drei dann noch zu einem gemeinsamen Foto. Einen Arm um den Schmächtigen geschlungen, posiert der Chef. Links neben ihm der, dem ich im Dunklen von Kars’ Schachbrettstraßen nicht begegnen möchte. Der steht einfach da. Dunkel, drohend und mit Hakennase. Es gab noch Käsewürfel, und wir zahlten auch dafür. Das war es mir wert. Am Schluß verabschieden wir uns von Freunden. Trinken aus und finden ohne Lotsen wieder hinaus. Und auch heim.

An der Brücke über die Schlucht vor dem Hotel hockt auf seinem Kasten ein etwa zehn­jähriger Junge – Schuhputzer, der drauf und dran ist, einem alten Mann die ausgetretenen Slipper zu wienern. Als er uns kommen sieht, winkt er: „Shoeshine, mister?“

Ich weiß nicht, nicke probehalber; der alte Mann zieht seinen Fuß vom Bänkchen des Jungen, deutet auf mich und verlängert die Handbewegung zu einer Einladung meines Fußes auf das nun leere Podest. Er lächelt. Verlegen schaut der Junge von unten zu mir auf. Als ich den Fuß auf sein Bänkchen stelle, ist der Vertrag geschlossen: Vorputz mit Tuch zum Entfernen des Staubs, tiefporiges Balsamieren meines Schuhs mit satter, brauner Creme, Wichsen mit rasch geschwungener Bürste, zuletzt sanftes Polieren mit beidhändig rasch über Ferse und Spann gezogenem Wolltuch. Mein Schuh lächelt mich an. Dann bekommt er vom Jungen einen Klaps – runter vom Bänkchen -, ein Wink, und der andere ist dran. Ihm geht es ebenso. Ich wackle mit den Zehen, beschaue mir die Schuhspitzen: noch nie haben meine uralten Treter so gestrahlt, so voll Zuversicht geglänzt! Und sie werden – das verrate ich vorher – es auch die Woche, die wir noch in der Türkei zubringen, und sogar noch längere Zeit zu Hause tun.

"Mein" SchuhputzerjungeIch biete dem jungen Künstler ein halbes Pfund an: „Okay?“ Er nickt, läßt durch keine Regung erkennen, daß ich ihn weit überzahle. Üblich sind zwanzig Kuruş, ich weiß. Aber das ist es mir wert. Der alte Mann lächelt und stellt seinen schäbigen Slipper auf das Bänkchen. Der Junge lächelt und steckt die dargebotene Münze in seine Hosentasche. Meine Zweitbeste lächelt und erhebt sich von dem Mäuerchen, auf dem sie die ganze Zeit uns beobachtend gesessen hat. Ich lächle und bewundere meine eleganten, neuen Schuhe, bevor ich sie in Richtung Hotel ausprobiere. Über allem lächelt die Sonne und verbreitet mit immer noch mindestens 26°C angenehme Abendkühle. Ein schönes Erlebnis, das nur dem zuteil wird, der sich darauf einläßt.

Das Abendessen im Hotel dagegen ist kaum erwähnenswert, der Absacker diesmal ohne Streit oder Ärger. Obschon heute nacht das Fenster geschlossen bleibt – verdammt, trotzdem Hundegebell! Jenes von der hart­näcki­gen Sorte. O Jesus, ich wünschte, alle Scheißköter, die je auf dieser Welt den Mond anbellten und Nächte zerteilten, würden unverzüglich auf denselben geschossen und dort spurlos ins All verdampft!

Aber auf mich hört ja keiner.

Viehmarkt17. Tag: Di, 11.09.07. Nach frugalem Frühstück startet unser Bus mit Tayyip am Steuer Richtung Van am gleichnamigen See. Am Ortsausgang passieren wir einen Tiermarkt, auf dem um Schafe, Ziegen und Rinder geschachert wird. Schweine gibt’s nicht, die sind anti-islamisch. Auf unsere Bitte an Baric hält Tayyip.

Objekte der Begierde: zwei kapitale Böcke ...Man glaubt kaum, wie viele Menschen in dieser Gegend Vieh kaufen oder verkaufen wollen. Bestimmt sind es Tausende, die sich hier drängen. Sie reißen Mäuler auf, befummeln Ziegengebisse, schauen Schafen unter den Fettschwanz und betasten die Kruppen und Euter magerer Zebukühe.

... also, abgemacht!Wenn man sich einig glaubt, zückt man Geldbündel, reicht sie dem Verkäufer, der sie annimmt oder auch ablehnt. Ein Handschlag im positiven Verlauf besie­gelt den Handel. Immer jedoch baumelt der schwarze Rosenkranz zwischen den Fingern der Hände, die gestenreich miteinander verhandeln - nichts geht ohne Allah. Und wenn die kaukasische Schiebermütze den anatolisch gehäkelten Wollhut übertölpelt hat, reibt sie sich die Hände, freut sich über das Geschäft und läßt Allah in einem raschen Gebet und Weiter­trans­por­tieren der Perlen in der Hand einen guten Mann sein. So daß man zuletzt scheidet: einig und jeder mit Gewinn.

Heimkehr vom Markt ...Hier sind Aufkäufer aus dem ganzen vorderen Orient vertreten, die zwei gegenläufigen Pisten am Eingang von Kars sind beide halbseitig mit Transportern und LKWs zugestellt. Wir kommen nur mühsam voran, als wir weiterfahren. Ein paar Kilometer weiter jedoch ist kaum Verkehr. Nur ein Mann, aufrecht stehend im Panjewagen, gezogen von seinem Pferd, hat alle Ziegen verkauft und läßt sich von seinem Hund, der daneben auf Mittellinie und Asphalt trottet, nach Hause geleiten. Ein geruhsames Bild.

Zwischen Kars und IgdirDurch Hügel und sachte Berglandschaften windet sich die Straße, vorbei an rot-gelb-grün-getigerten Steinrücken die irgendwann in gelb-weiße Bodenwellen übergehen. Dies Rosarot: es liegt als Buckel hinter weißen Dörfern oder zerfließt wie Sirup vor kantigerem und wuchtigerem Gestein. Vor Igdir lassen wir das zu dieser Jahreszeit ziemlich trockene Flußbett des Aras Nehri, Grenzfluß zu Armenien, dort Arax genannt, links liegen. In Igdir machen wir kurze Rast. Wieder im Teehaus, das dem behäbigen Wirt im dicken Wollpull­over gehört, den wir bereits von der Hinfahrt kennen.

Igdir - ihm schmeckts!Ein wenig sehen wir uns um: da wird Cola abgeladen, auf hochlehnigen Stühlen Tee und Türkisch Mokka getrunken, da werden süße Küchlein gebacken und zum Verkauf abgewo­gen, Fahrräder repariert und am Rand des Basars von niederen Schemelchen Diskussionen über die irrsinnige Europapolitik der Türkei geführt. Als wir alle wieder am Bus sind, will uns Baric etwas zeigen. Es liegt ein paar Kilometer außerhalb und heißt „Denkmal des Genozids“ – jawohl, genau so. Armenien? Sonst fällt uns dazu im Moment nichts ein.

Igdir - Monument des Genozids Armeniens an den TürkenEin Mast sticht in azurnes Blau. Darunter zwölfstufiger Treppensockel, im Hintergrund der schneebedeckte Ararat. Imposant ragt dieses Monument aus auf Tafeln festgehaltenen Behauptungen durch ein luzides Glasdach in die Höhe. Die Tafeln im Untergrund des Monuments halten fest, daß Armenien Aggressor war und mit seiner Forderung nach Anerkennung eines „Genozids“ seitens der Türkei Zurückhaltung üben sollte, da man das von hier aus ganz anders sähe. Fotos in den Tiefen des Monuments verdeutlichen, worauf es der Gegenseite ankommt.

Rechtfertigung und Anklage ...Da sind, auf undeutlichen Fotos, die gekrümmten Leiber Ermordeter zu sehen, Massen­gräber (türkisch, armenisch?), gefolterte und gepeinigte Menschen, denen das Entsetzen ins Gesicht geschrieben steht – wer hat begonnen: Armenier, Osmanen? Später Jungtürken? Dieses Museum führt zu nichts, ebensowenig wie das in Jerevan auf der Schwalbenfestung, Tsitsernakaberd. Auf beiden Seiten ist es nicht eben zart besaitet zugegangen, und wer hat Schuld, wenn jeder auf jeden nach Kräften draufgehauen hat? Ach, laßt mich in Frieden, ihr starrsinnigen Völker! Jedes mag seine Schuld gegen die des Anderen aufrechnen, aber nehmt mich nicht zum Partei ergreifenden Zeugen eines Starrsinns, welcher der Welt noch nie gut getan hat!

Der Ararat - Armeniens Heiliger Berg in der TürkeiRichtung Süden nach Van wird’s bergiger. Schneebedeckt taucht die Kuppe des Ararat - oder Agri Dagi, wie er türkisch heißt – hinter jeder Windung der Straße auf. In Dogubeyazit biegen wir ab Richtung iranischer Grenze. Die Strecke kennen wir, sind sie am ersten Tag in Anadolu schon einmal gefahren. Aber nicht die Grenze zum Staat der Frauenverpacker ist unser Ziel, sondern der Palast des Ishak Pascha, zu dem es nochmals von der Hauptstraße abzweigt: auf 2.220m Höhe gelegen, erhielt die bereits seit dem 9.Jh. bestehende Burgan­lage der Urartäer ihre heutige Ausgestaltung.

Ishak Pascha PalastDurch wen? Na, Ishak Pascha, einen kurdischen Clan-Chef, Emir und Räuber, der mit der Erhebung von Wegezöllen reich wurde. In dieser Burg soll – bevor sie Palast wurde – Beyazit I. im Juli 1402 nach seiner Niederlage gegen Timur Lenk (kein anderer als der mongolische Tamerlan) gefan­gen gewesen und nur wenige Monate später verstorben sein. Nach ihm wurde die nur sechs Kilometer nordwestlich gelegene Stadt benannt: Ost-Beyazit (Dogubeyazit). Möglich, daß es auch ein West-Beyazit gab oder sogar noch gibt. Darüber wären vorteilhaft Ossis oder Wessis genannter Stadt zu befragen, in der wir aber nicht anhielten. Man sieht ihre Häuser jedoch von hier oben und dahinter, aus der Ebene ragend, ein schartig gezacktes Felsmassiv. Linkerhand am Weg hinauf aus der Stadt säumte hinter Stacheldraht Militär den Weg. Auf die Hügel hatten sie zwischen Munitionsbunkern und Wachttürmen in weißen Kieseln unter Halbmond und Stern den meterhohen Spruch ausgelegt: Ne Mutlu Türk ... Wie glücklich, Türk – den Rest, der in der gewellten Hügellandschaft nur frontal zu lesen wäre, konnte man nur ahnen: Wie glücklich, Türke zu sein?

Ishak Pascha Palast - im InnerenDen Palast betritt man durch ein seldschukisches Portal, dessen einst vergoldete Tore die Russen 1917 nach Petersburg „in Sicherheit brachten“. Alles andere konnten sie nicht mit­neh­men. Das waren: die Unterkünfte der Diener und Stallungen, den Selamlik (Gästetrakt), die Mahkeme (Gerichts­räume), die Moschee mit dem wie eine Ringelsocke gestreiften Minarett, das Türbe (Mausoleum von Ishak Pascha), die Bibliothek (Kütüphane), den Haremstrakt (Serail) sowie Dampfbad (Hamam), Küche und Stehtoilette. Außerdem gab es Zentralheizung und fließendes Wasser. Nicht zu vergessen den Kerker. Das alles ist passé. Es gibt nur noch Mauern, Steinernes, Ornamente – doch das in nie gesehener ockerfarbener Schönheit. Allem voran die Moschee mit ausgemalter Kuppel und prächtiger Säulenhalle. Die vielfältig den gesamten Palast schmückenden Bildhauerarbeiten sind Meisterwerke, und man mag den Blick gar nicht von ihnen wenden. Es heißt, dieser Palast sei das türkische Neuschwanstein – da ist was dran.

Die MoscheeOberhalb des Palastes zwängen wuchtige Befestigungsmauern mit Türmen den Berg ein, eine Moschee erhebt sich darunter. Der Bus bringt uns hinauf. Ein Brunnen ist dort, der geweihtes Wasser spenden soll. Kinder, Männer und Frauen trinken es aus der hohlen Hand, fangen es in Behältern auf oder füllen es in Flaschen ab. Hinter der Moschee gibt es einen verwilderten Friedhof, auf dem Nationalheilige begraben sind – hier ist Kurdistan. Man sieht nur Kopftücher. Unter der Moschee ein lichtdurchfluteter Raum, darin ein Sarkophag: hier befindet sich das Grab des kurdischen Dichters Ehmedê Xanî, der im 17. Jahrhundert das kur­dische Nationalepos „Mem û Zîn“ schrieb, die Geschichte der Liebenden Mem und Zîn, die nicht zusammen kamen. Für die Kurden symbolisiert Mem das kurdische Volk und Zîn das kurdische Land, die immer getrennt bleiben und nie Einheit werden können.

Dichterlesung - die Geschichte von Mem und ZinZahlreich sind die jungen Mädchen, die – das Haar in Tüchern verhüllt – hier in der Gruft des Poeten dessen nationale Mär aus großformatig geschnittenen Folianten oder auch aus Taschen­büchern in sich aufnehmen. Alle sind barfuß, vor Eintritt zieht man die Schuhe aus. Meine finde ich beim Rückweg unter hunderten anderer. Unterhalb des Palastes gibt es ein Café, wo man essen und trinken kann und einen herrlichen Ausblick ins Land hat. Darunter ein Wäldchen, in dem kurdische Familien auf Holzkohlefeuern Fleischspieße grillen, deren blauer Rauch durch die Bäume steigt. Ich habe keinen Hunger, aber von hier hat man den schönsten Blick ins Tal.

Blick auf DogubeyazitEin Junge fährt in einem Schubkarren Steine über das vergessene Plateau unterhalb Café und Grillplatz. Sein Vatershaus liegt dort, an steilem Hang aus groben Feldsteinen gefügt und geschichtet. Das Dach eine geschotterte Lehmschicht. Keine Fenster, nur Öffnungen, mit dieser elend blauen Folie vernagelt, die man auf Reisen in der ganzen Welt antrifft. Das Land darunter zerklüftet und von herber Schönheit. Gärten liegen dort, Terrassen, angelegt in jahrzehntelanger mühsamer Arbeit. Der Blick ins Tal: Dogubeyazit, ein Schwall hinge­gossener Häuser, in der Ebene versickert, darum sich erhebend die steil aufstrebenden Hänge, an deren einem Noah, der biblische Stammvater, seine Arche auf Land gesetzt und gesagt haben soll: Gott sei Dank, gelandet. Nee, was war mir übel! So stelle ich es mir jedenfalls vor, in der Bibel steht das nicht.

Der Junge, der mir eine Blume aus seinem Garten schenkteDer Junge. Mit seinem Karren kommt er auf mich zu, und als ich ihn fotografiere, schaut er mir ernst in die Augen. Er besitzt wirres, schwarzes Haar und trägt ein an den Nähten ausgefranstes T-Shirt, unter dem im Übergang vom gebräunten Hals zum übrigen Körper bleiche Haut zu ahnen ist. Er beherrscht ein einziges ausländisches Wort: money. Ich gebe ihm ein halbes Pfund, und er schenkt mir dafür eine Blume aus seinem kleinen Garten neben dem Haus aus Feldsteinen, den ein Hund bewacht. Ich darf alles zusammen fotografieren. Gehe zurück zum Café und besteige, nachdem unsere Leute fertig sind, den Bus. Abwärts rollt er Richtung Van; unterwegs picken wir noch einen jungen Backpacker auf, der geglaubt hatte, es fahre noch ein Bus hinab - ja, unserer. In Dogubeyazit setzen wir ihn ab.

Auf der Straße nach VanDie Straße ist staubig und zum Teil ungeteert. Manchmal stehen Leute am Rand und heben den Arm in der Annahme, wir seien ein dolmuş, eines der Sammeltaxis, die jeden mitnehmen, der winkt und bezahlen kann. Lange Zeit passieren wir keine Ortschaften, dafür wachsen überall zwischen weidenden Schafen schwarze Felshaufen und –trümmer aus dem Grasland, die auf frühere vulkanische Tätigkeiten der Berge hindeuten.

MilitärpostenAb und an ein Kontrollposten der Armee mit Panzer, MG-Stand unter Sonnendach und hinter Sandsäcken und mobilen Containern, in denen sich Kommunikationstechnik und Unterkunft befinden mögen. Wir werden durchgewunken, fotografieren ist nicht ratsam, ich tue es dennoch. Vor dem Örtchen Muradiye windet sich der Bach Bendimahi durch sein tief eingegrabenes steiniges Bett, in das er kurz zuvor, seinen Weg durch die Hochebene suchend, in etwa zehn Meter hohen Kaskaden gestürzt ist. Wir machen dort Halt.

Muradiye - der WasserfallZum anderen Ufer, von wo man Sicht auf die Fälle hat, führt eine schwankenden Hängebrücke mit rissigem Bretterboden, durch dessen Astlöcher man in die Tiefe blickt; nicht jedermanns Sache. Ein Stuhl im dorti­gen Kafe, wo es süßen Çay gibt, und der Blick auf die stürzenden Wasser entschädigen allemal. Es wird auch Bier ausgeschenkt, doch dafür ist es noch zu heiß, das heben wir uns für den Abend auf. Sonntags, wenn die Bewohner von Van hierher ausflügeln, wird es ziemlich gedrängt zugehen. Heute jedoch haben wir das Naturschauspiel ganz für uns allein - aus allererster Reihe.

Van-See - ein Paradies für VögelNoch etwa siebzig Kilometer sind es bis Van, die gut ausgebaute Straße führt zum Teil entlang des gleichnamigen Sees. Als blaues Auge liegt er inmitten einer Gebirgslandschaft mittlerer Höhe von 2.200m, Van selbst begnügt sich mit 1.727m. Das östliche Seeufer fassen teilweise sattgrüne, schilfbewachsene Lagunen ein, die ein Paradies für Wasservögel sind.

Tusba Hotel am See - keine Empfehlung!Das Hotel, das wir im späten Abendlicht erreichen, ist eine Enttäuschung – die mieseste Unterkunft bisher. Abgesehen vielleicht von Takab im Iran, doch da war wenigstens das Essen in Ordnung. Gut, es liegt am See, man könnte von den meisten Zimmern direkt ins Wasser spucken, aber rausgucken ist nicht. Die gesamte Seefassade ist von Spinnweben verhängt, wie zugewachsen. Unser Fenster liegt zur Seite hinaus, das Fenster läßt sich zwar kippen aber nicht öffnen, der dazu notwendige Riegel ist verrostet. Nach dem, was ich bei einer ersten Umrundung erkundete, muß sich dort ein Campingplatz befinden, Spinnen­netze und toter Insekten wegen ist jedoch hinter dem Glas nichts Genaues auszumachen.

... aber die Lage und der Sonnenuntergang!Und sowas besitzt drei Sterne. Als beim Abendessen schon zu Beginn reichlich Sand im Salat zwischen den Zähnen knirscht, werfe ich das Handtuch, sprich: die Serviette. Gehe nach draußen auf die Terrasse (wo mal wieder jemand Unkraut jäten könnte), zünde mir ein Cigarillo an und betäube damit den Hunger, denn auch heute mittag hatte ich nichts außer blauem Dunst und dem Duft gegrillter Köftespieße. Nebenan planschen die Kinder der Camping­leute im See, die sinkende Sonne taucht sie und alles übrige in goldenes Licht. Ein Erwachsener zieht schwimmend noch einige Kreise, bevor sie im Westen hinter den Bergen und seinem prustenden Kopf in grellem Farbenspiel versinkt. Da ist auch der Cigarillo zu Ende geraucht. Pah, was kümmert mich das Hotel - jetzt ein Bier!

Manfred hat Geburtstag und spendiert eine große Flasche Raki. Der Koch hat ihm dazu ein Arrange­ment aus dreiarmigem Kerzenleuchter und Obstetagere gerichtet und trägt es stolz wie Harry an den Tisch. Er wird heftigst mit Beifall bedacht, und Manfred ist ganz gerührt. Wir leuchten tief in die Flasche hinein, irgendwann erblicken wir auch deren Boden. Bevor Baric, der nach dem Essen ging, sich verabschiedete, versprach er noch das morgige Abend­essen nicht im Hotel sondern in einem Restaurant der Stadt einzunehmen. Na, da können wir ja beruhigt schlafen gehen.

Trucker-Parkplatz in Güzelsu, wie ich ihn mir kurz vor dem Einschlafen wünsche ... aber da sind wir erst morgen.Könnten. Weil das Hotel nämlich an der Durchgangsstraße liegt, auf der bis ein Uhr nachts schwerer Lkw-Verkehr herrscht. Die Grenzen zu Syrien und dem Irak liegen Luftlinie nur 175 km entfernt, was allerdings schlechter Straße und zahlreicher Kontrollen wegen auf etwa zehn Stunden Fahrtzeit über Hakkari oder – noch länger – Cicre hinausläuft. Als der Verkehr endlich zum Erliegen kommt und alle Trucker es sich auf irgendeinem Parkplatz im Hinter­stübchen ihrer Fahrerhäus­chen gemütlich gemacht zu haben scheinen, bricht unter den Cam­ping­platzkötern Streit aus. Was weiß denn ich, worüber. Ein Jammer, daß der sehr ehren­werte Beruf des Hundefängers ausgestorben ist – außer vielleicht im südlichen China, wo man alles ißt, was vier Beine hat und kein Tisch ist.

Stöhnend ziehe ich die Decke über den Kopf und wünschte, dieses verdammte Hotel wäre - neben uns - voller hungriger Chinesen.

Van, Hotelstrand18. Tag: Mi, 12.09.07. Der Tag beginnt einladend, die Köter schweigen. Vermutlich liegen sie eingerollt im warmen Sand des Camping nebenan und holen eine Menge Schlaf nach. Der Morgen ist licht und so klar, daß man sowohl die Kiesel an unserem Strand als auch die Kuppen der Berge und Hügel am gegenüberliegenden Seeufer zählen könnte.

Kaum Wasser im FlußtalUm acht steht unser Bus vor dem Hotel, allerdings ohne Tayyip. Heute wird uns jemand anderes fahren, seinen Namen habe ich entweder vergessen, oder Baric hat ihn gar nicht genannt. Wir fahren Richtung Osten aus der Stadt, hinein ins Gebirge und nach Hoşap Kalesi, etwa 70 km entfernt und halbwegs zwischen Van und iranischer Grenze an der Straße nach Hakkari. Knapp zwei Stunden geht es durch baumlose Gebirgslandschaft, in Flußtälern mit nur wenig Wasser kümmern ein paar Pappeln.

Burgruine Hosap KalesiEinige letzte Windungen steiler Serpentinen, dann sind wir in Güzelsu, Dorf, Truckstop und Polizeiposten im Kurdengebiet. Über uns, hochragend auf einem imposan­ten Felskegel die Burg. Hoşap Kalesi, mit 360 Räumen, zwei Moscheen, drei Hamams, einem Gefängnis sowie zahlreichen weiteren Gelassen und Kellern unter den zinnen­bewehrten Spitzen, wo sich hoch über allem der Harem befand, ist zweifellos eines der attraktivsten Fotomotive der Türkei. 1643 von einem Kurdenfürsten aus dem Mahmudiye-Stamm auf den Resten einer seldschukischen Festung errichtet, wurde sie nur acht Jahre später belagert und schwer beschädigt.

Das Dorf GüzelsuHeute ist sie eine Ruine, zu der irgend jemand im Dorf den Schlüssel besitzen soll: „Besichtigung tägl. von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang bzw. nach Lust und Laune des Aufsehers“ sagt der Müller-Reiseführer Türkei. Wir und zwei behelmte Radfahrer, die wir in den Serpentinen überholten, warten etwa 15 Minuten vor dem verschlossenen hohen Eingangstor. Im Dorf unterhalb, das nur aus Lehmbauten, Stein­mau­ern und gigantischen Strohhaufen zu bestehen scheint, regt sich außer einem rangierenden Traktor nichts. Wer immer den Schlüssel besitz: heute scheint niemand Lust oder Laune zu haben, uns zu öffnen.

Wachtposten oberhalb GüzelsusStill ragen die Mauern der Burg – ein trutziges Bild einstigen, kurzen Glanzes. Gegenüber ein sandsackbewehrter Betonunterstand von Miliz oder Militär, die Straße voll im Visier. Darunter Tankstelle und Funkmasten, noch weiter unten das mittagsstille Dorf. Ausge­schlach­tet auf dem Parkplatz vor der Tanke ein Lkw mit Anhänger. Alles von außen erreich­bare Zubehör ist abgebaut, die Türen sperrweit offen, davor im Sand die intakte Wind­schutz­scheibe samt Einpaßgummi. Es ist, als sei der Fahrer nur mal eben pinkeln gegangen.

Zermek-BarrajRückfahrt nach Çavuştepe. Das liegt auf halbem Weg zurück südöstlich von Van und ist die Grabungsstätte der urartäischen Königsburg Sardurihinili, die den Wasserkanal ins antike Tuschpa beschützen sollte, dem heutigen Van – ein vorväterlicher Kontrollposten, wie sie heute von Militär oder Miliz wieder in ganz Ostanatolien zu finden sind. Die Zeiten ändern sich nicht wirklich. Auf dem Weg liegt der Zernek-Barraj, ein Stausee, unwirklich in herrlich sich spiegelnde Hügel­land­schaft gebettet, dahinter die den Van-See umschließenden Berg­ketten.

Cavustepe, verschüttete VorratskammernÇavuştepe: Auf schmalem Pfad geht es steil und hoch hinauf, und unser Fahrer, dessen Namen ich noch immer nicht weiß, kann nur froh sein, daß ihm von dort niemand entgegenkommt. Zum Beispiel der große Reisebus, der oben parkt. Glück gehabt. Neben dem Bus ein dauerhafter Tisch aus Stein, darauf ausgebreitet alles, was man hier so an Andenkenkitsch hat und feilbietet.

Abtritt Jahrgang 750 v.Chr. - ähnlich auch heute noch in GebrauchDie alte Burg lagert sich hoch oben auf der Kuppe eines links und rechts steil abfallenden Bergkamms. Die Festung, etwa 750 v.Chr. unter Sandur II. erbaut, wurde nur ein halbes Jahrhundert später von den Skythen eingenommen und zerstört. Wer trittsicher ist, kann die großen Getreide- und Speicherkammern im Fels, die wie auch heute noch durch ein Loch im Boden gekennzeichneten Abtritte sowie in Kerbschrift erhaltene Inschriften erkun­den.

Der autodidaktische SchriftkundigeZu letzterem findet sich ein verhutzeltes Männchen mit weißer Baseballkappe, der uns - von Baric übersetzt - die Schrift erklärt. Er sei, sagt Baric, vollkommener Autodidakt, habe niemals studiert und doch die uralten Schriften entziffert, einer lebenslangen Leiden­schaft folgend. Die Hände deutend zusammengelegt, erläutert uns der Greis die Kerbschrift – sein Leben. Er ist international anerkannt, doch kaum geliebt. Man kennt das: Kollegenneid studierter Archäologen, die überall das geschliffene Wort führen, sonst aber nichts zustande gebracht haben. Muß ich deutlicher werden? So etwas ließe sich über sämtliche Berufe und Institutionen fortsetzen, wäre aber nicht wirklich konstruktiv – lassen wir es also.

Beobachtungsposten - einst wie jetztWeit hinten, wo der Berg fast wieder ins Tal abfällt, eine rote Fahne. Schlaff in der Nachmittagsglut dümpelnd, sind Halbmond und Stern kaum zu erkennen: ein Posten des Militärs, über den Weg gespannt eine Kette aus rot-weißem Plastik: bis hier und nicht weiter. Wie gesagt: Nichts ändert sich wirklich.

Aussicht von Cavustepe auf die HochebeneVon hier grandiose Aussicht in die Hochebene unter der Festung: eine Rinderherde strebt dem Wasserloch zu, alle gleich ausgerichtet, etwa fünfzig knochige Rücken, die von oben wie hastig hingestrichelte Ameisen aussehen.

Im Dunst hinten der Van-SeeEin wenig später, Richtung Van, hat man auch wieder Blick auf die blaue Fläche des Sees, davor Felder und Ackerflächen, verschwimmend im Dunst. Van liegt heute mit Fahnen und roten Wimpelketten geschmückt im Festkleid: Erdogan, Ministerpräsident und Vor­sitzen­der der Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP), war in der Stadt, sie hat sich von ihm noch nicht wieder ganz erholt. Abseits besichtigen wir eine Teppichweberei. Genauer: eine Familie von Teppichwebern, die sich und ihr Haus hinter hohen Mauern verbergen.

Die Kunst, Teppiche zu knüpfen ...Die ganze Familie – ich schätze sie auf annähernd zwanzig Personen – ist auf die Her­stellung von Teppichen eingestellt. Gleich neben dem Eingang lehnt ein Webrahmen mit mannshoch aufgespannten Kettfäden, davor im Schneidersitz eine alte Frau in Kopftuch und Schleier. Natürlich auf einem fertigen Teppich, man sitzt nicht gern auf bloßer Erde. Im Boden glüht ein Feuer, auf dem Brot gebacken wird.

... waschen und trocknen.Im Hinterhof, man mag es nicht Garten nennen, –zig Teppiche, die hier zusammen mit feuerroten Chilischoten über dem Zaun oder im Gras zum Trocknen in der Sonne hängen oder liegen. In einem Zementbecken spült ein Mann in harter Arbeit mit stetig geschöpfter Lauge Handschweiß und Staub aus den fertigen Teppichen, nur perfekt finden sie Käufer.

Etwa ein Fünftel der GroßfamilieWir dürfen auch ins Wohnhaus, wo die Großfamilie lebt: Teppiche, Sofas, Sessel, Spitzen­deckchen, Wasserpfeife. Anrichte, darauf Fotos in Rahmen, Porzellan, Kopftücher – ganz wie man es sich vorstellt. Vor der Anrichte posieren stehend die Jungen, vier an der Zahl, alle mit dem gleichen Silberblick, Mädchen nicht zugelassen, weggeschubst. Ich arrangiere dennoch eines zu Füßen der bockbeinigen Knaben, indem ich ihnen kurz die Faust zeige – ok. Macho, was soll’s. Die jungen Frauen in Kopftuch und langen Röcken stehen dabei seitwärts im Durchgang der Tür zu ihren Räumen. Sie bitte ich zu einem separaten Foto auf den knallroten Samt des  Sofas unter den hinter Gardinen versteckten Fenstern zum Hof: zu Fünft, allesamt mit bloßen Füßen und Zehen, wirken sie seltsam verschämt, aber ich darf sie fotografieren. Das wäre im Iran nicht möglich gewesen, selbst nicht bei Kurden wie hier.

Flaggenschmuck zu Ehren ErdogansDraußen gibt Baric uns vierzig Minuten in Van herumzustromern. Breitschultrige Polis in sanftblauen T‑Shirts und waffenbehangenen Koppeln mustern uns im Vorübergehen. Sie tragen Baseballkappen und Springerstiefel, wär nicht gut, sich mit ihnen anzulegen. Über allem die rote Fahne mit Halbmond und Stern, die seit Erdogan von allen Hauswän­den leuchtet.

Basar in VanVan – es ist nicht mehr das alte, „die Perle des Ostens“, das die Russen 1915 mit Hilfe von Armeniern einnahmen und 1917 bei ihrem Abzug so zerstörten, so daß es fünf Kilometer weiter landeinwärts neu errichtet werden mußte. Diese alte Stadt, 1300 v.Chr. am Ufer des Sees als Tusba gegründet, diente den Urartäern als Hauptstadt ihres vom Kaukasus bis Aleppo und im Westen bis Malatya reichenden Staates. Ende des 7.Jh. v.Chr. besorgten Skythen und Kimmerier allerdings den Untergang Urartus. Phrygische Stämme wanderten ein und mischten sich mit Resten der Urartäer, bildeten das Volk der Armenier. Fortan stürmten Makedonier unter Alexander dem Großen, die  Seleukiden, dann wechselnd Römer, Perser und Araber darüber hinweg – heute ist es eine gesichtslos betonierte Stadt mit geschätzt 400.000 Einwohnern, eine Verwaltungsstadt, der jeder Charme des alten Tusba abgeht. Einzig der Basar pulsiert und lebt noch wie ehedem.

Van Kalesi - Burgfelsen mit ZitadelleAm Mustafa Cohaz Meydani, dem Zentrum der Stadt, treffen wir zusammen, besteigen den Bus, der von irgend einem versteckten Parkplatz kommt. Der Van-Felsen mit Zitadelle (Van Kalesi) ist nun das Ziel. Der etwa 120 m hohe Felsen erhebt sich fünf Kilometer westlich der Stadt. Die Burg darauf aus mächtigen Steinquadern entstammt dem 9. Jh. v.Chr. Ihre hochstrebenden Lehmwände scheinen gespickt mit kurzen Holzpfählen, die in exakt waage­recht ausgerichteten Reihen dem Lehm entragen – wozu dienten sie? Baric weiß es nicht.

Wir sind spät dran. Versprochen ist ein Sonnenuntergang „von der westlichen Rampe des Burgfelsens aus“. Die Sonne sinkt bereits, und der Burgfelsen ist hoch. Eine steinerne Straße führt hinauf, die man nur zu Fuß bewältigt. Unser Ösi mault. Sonnenuntergang wär vasprochen, und nun wär’s schon fast nunter, die Sonnen, und ka Glegenhoit, sie zu fatagrafiern. A Schmarrn, und er werd sich beschwern beim Veranstolta. Ma müast nit oalles hinnehma.

Sonnenuntergang am BurgfelsenJawohl Peter, aber nun hör verdammt noch mal auf zu nölen und steig rauf, wo du oben den Sonnenuntergang noch erwischst! Er winkt ab: Na, i do net! Dös wär jo nur a Hatz! Ich bin der Einzige, der mit Baric durch das hohe Tor die gepflasterte Straße hinansteigt und Kehre um Kehre nimmt. Ich bin gute 65 Jahre alt, und Baric, der Junge, gibt mir ganz schön zu schnaufen. Er will vor Sonnen­untergang die Höhe gewinnen, das hat er sich nach den harschen Worten unseres Ösis vorgenommen, und das zieht er auch durch. Um uns versinkt das Land in Dämmerung. Unten breitet sich Pappelgrün. Schwarz die Sümpfe am Seeufer, ein rötlicher Lichtstreifen vor dem Horizont, blau davor die Berge: der versprochene Sonnenuntergang.

Van, Blick vom BurgfelsenIn der Ebene unter uns glimmen Lichter auf, es dämmert. Der Weg hinunter ist nicht mehr so gewiß wie hinauf. Man muß achtgeben, daß man nicht strauchelt und die fast tausend ungleich ausgetretenen Stufen in einem Rutsch hinunterpoltert.

Van, BürgerhausAm Grund besichtigen wir ein altes Bürgerhaus. Zwei Ebenen, viel Holz, Teppiche, bodennahe Sitzplätze, Messing- und Kupfergeschirr. Dazwischen, als wir den gereichten Tee schlürfen, eine weiße Katze, die uns mit krummem Buckel um die Beine streicht und maunzend hochblickt: ein Auge gelb, das andere blau – die berühmte Van-Katze. Ihr Besitzer, der Herr des Hauses, nimmt sie zärtlich in den Arm: für weniger als 250,- € sei so ein Tier nicht zu haben, sagt er.

Ein paar Schritte weiter, in einem Teehaus, nehmen wir – wie gestern versprochen - das Abendessen ein. Allerdings ist das Teehaus ein Zelt, drinnen ist es schon recht kühl, die Nachtfeuchte zieht durch den Bretterboden ein. Das servierte Essen ist bodenständig und vorzüglich, doch schlingen wir es mehr oder weniger hastig hinunter – fröstelnd, der als Abschluß gereichte heiße Tee ist hochwillkommen. Man vergißt leicht, daß wir uns auf 1.700 m Höhe befinden, und die der Tageshitze geschuldete leichte Kleidung sich nach Sonnen­untergang rasch als zu dünn erweist. Also Heizung an im Bus, zurück ins Hotel und dort einen Raki als Absacker. Das tut gut.

Van-Katze: ein Auge grün, das andere blau - vielleicht wird sie mit den nächtlichen Kötern fertig?PS: Die Chinesen haben noch immer nicht aufgeräumt. Nach den Lkws die Köter, wie gehabt. Was könnte man sonst noch mit Hunden anstellen? Ins Wasser schmeißen? Aber fast alle können schwimmen, ich selbst hab meine Schwimmer­laufbahn mit Hunde­paddeln begon­nen, das ist keine Lösung. Irgendwann dusele ich über hundemörderischen Gedan­ken ein. Im Bad tropft der Wasserhahn – auch das noch. Doch ich bin zu müde, aufzustehen und ihn zuzudrehen. Hab eh schon eine Nacht nachzuholen.

 19. Tag: Do, 13.09.07. Heute hat Ramadan begonnen, der islamische Fastenmonat. In ihm dürfen Muslime, solange die Sonne am Himmel steht, weder essen noch rauchen oder Sex haben. Alkohol sowieso nicht. Ab Sonnenuntergang aber gilt das nicht mehr, da wird alles nachgeholt. Wir merken es am Frühstück, es ist noch um einiges karger als das gestrige, das auch schon nicht zur Völlerei verlockte. Satt aber werden wir.

Noch eins: es ist nicht so, daß man zum Himmel guckt und sagt, okay, ist ja keine Sonne heute, also mal reinhauen, was geht – oh nein! Im Koran, Sure, 2, Vers 187 heißt es: „… und eßt und trinkt, bis ihr in der Morgendämmerung einen weißen von einem schwarzen Faden unterscheiden könnt!“ Das ist eine sehr vage Zeitangabe, und deshalb bestimmen die Koran­exe­geten und Gelehrten wann der Monat Ramadan (in der Türkei Ramazan genannt) beginnt und ob und wann die Sonne auf- oder untergeht; die entsprechenden Zeiten werden über Radio, TV und andere Medien bekannt gegeben. So viel zum Organisatorischen.

Der Van Gölü am frühen MorgenHeute fährt uns wieder Tayyip, begrüßt uns vor seinem Bus mit breitem Grinsen: Free day, sagt er, family! Baric kommt spät und zählt unsere Häupter durch. Er hat nicht gefrühstückt, rutscht in den Beifahrersitz und gibt Tayyip wortlos den Wink zu fahren. Wir wollen nach Gevaş, vierzig Kilometer südlich von Van. Von diesem grünen Städtchen fahren Boote nach Akdamar, einer Insel im See, zwar nur 2,5 km vom Ufer entfernt, jene Stelle ist aber nur für trittfeste Wanderer erreichbar. Besser, wir nehmen eines der Boote von Gevaş und sind eine halbe Stunde auf dem See unterwegs, bevor das Schiff anlegt.

Die armenische Heiligkreuzkirche auf der Insel AkdamarAkdamar, Rest einer Siedlung Königs Gagik I. des armenischen Königreichs von Vaspura­kan, etwa 920 n.Chr., die er für sich und seinen Hof erbaute, ist heute viel besuchtes Touris­ten­ziel. Nichts blieb von königlichem Palast und Garten, als eben diese Heilige Kreuz­kirche, die von außen mit wundervollen Reliefs und in Stein gehauenen Szenen der Bibel prunkt. Hoch ragt das Bauwerk über dem See und der trockenen Flora des Eilands. Von innen hat das Gotteshaus - außer einiger düsterer, fast unkenntlicher Fresken - nicht viel zu bieten. All seine Schönheit kehrt es nach außen, wo sich Adam und Eva, David und Goliath oder Jonas und der Wal in sandfarbenen Stein geschnitten wiederfinden.

Fresken im KircheninnerenAkdamar – das spricht sich: Ach, Tamar! Und so will die Legende, daß die schöne Königs­tochter der Insel namens Tamar sich einst in einen Jüngling vom Festland verliebte, der jeden Abend zu ihr schwamm, geleitet von einem Licht, das sie ins Fenster stellte. Ihr Vater bekam davon Wind und löschte, als der Jüngling just wieder zur Insel unterwegs und das Meer besonders bewegt war, das Licht. Seiner Orientierung beraubt, ertrank der arme Verliebte in den Wellen des Van-Sees, und seine letzten Worte sollen gewesen sein: Ach, Tamar!

Steinmalerei am BerghangEs gibt auf der staubtrockenen Insel neben der Kathe­drale nicht viel mehr als einen Kiosk mit Teeausschank. Aber ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte: Dies ist – in all seinem funkelnden Wellenglanz – eines der schönsten Fleckchen des Van-Sees, welcher aus dem All vom Satel­liten aus betrachtet wie ein großes goldenes Auge aus den umgebenden Gebirgen blickt. Oberhalb Gevaş, von der gegenüber­liegenden Seeseite, grüßt am Berghang mit weißen Kieseln gelegt der Spruch: Vatan Bölünmez, darunter Halbmond und Stern und als Signatur: Jandarma Komando. Übersetzt: Unteilbares Vaterland, Flagge, Kommando der Gendarmerie. Von der gewiß ist, daß sie kurz hinter Van Richtung Osten mit Panzern und allem Notwendigen kaserniert ist. Wir haben sie gestern auf der Fahrt nach Hoşap hinter hohen Zäunen entdeckt.

Teppichhändler MehmetZurück, am Kai von Gevaş, verhökern Fischer ihren kläglichen Fang. Die Waagen die sie benutzen, sind rostig und entstammen grauer Vorzeit, einschließlich sämtlicher Gewichte. Baric läßt uns durch Tayyip zurück nach Van karren, wo wir in einem Hotel mit Kellerlokal Mehmet kennenlernen. Mehmet, gesprochen Mechmet, betreibt im Keller einen Teppich­handel, sein Bruder das Hotel darüber. Gut scheint beides nicht zu gehen, weshalb wir hofiert und mit Tee bewirtet werden. Geduldig blättert Mehmet vor uns einen ganzen Teppichstapel durch, nennt Preise, und läßt, als niemand so recht Interesse zeigt, neuen Tee kommen. Dazu und zum Falten und Offenlegen der Teppiche hält er zwei flinke stille Burschen, beide mager und in weißes Hemd und schwarze Hose gekleidet. Alles blättert er wieder zurück: Niemand?

Schuhputzer (mit Filialen)Doch, die Ösis haben angebissen. Eine alte speckige Sattel­tasche, gewebt, und einen Kelim – das würde ihnen gefallen. Mehmet läßt neuen Tee kommen. Sie feilschen um den Preis. Ich gehe raus, eine rauchen. Fotografiere Schuhputzer, das Gebäude der Stadtverwaltung mit Goldfigur eines Politikers davor, die Moschee, und als ich zurückkomme, sind sie sich einig. Peter schleppt eine Plastiktüte mit Satteltasche und Teppich. Was er bezahlt hat, verrät er nicht. Oba, bedeutet er mir hinter vorgehaltener Hand, mir ham’s scho recht druckt!

Die Teegärten sind geschlossen - RamazanNiemand sonst hat etwas gekauft – niemand? Meine Zweitbeste hat einen Kelim erstan­den, der – so sagt sie beiläufig – wunderbar auf das abgetretene Stück Teppich vor dem Balkon­fenster passe. Mehmet kann sowas ganz klein zusammenfalten lassen, daß es kaum noch als Teppich erkennbar ist. Auch andere sehe ich nun mit verschämt hinter dem Rücken gehaltenen Tüten. Baric verabredet, daß wir uns noch eine gute Stunde in der Stadt umsehen können, dann sollten wir uns am Bus – hier vor Mehmets Teppichlager – wieder treffen.

In der BasarstraßeWir, meine Zweitbeste und ich, durchstreifen den Basar. Die engen Gassen werden von Kuppel und Minaretten der Küçük Camii (Kleine Moschee) dominiert. Händler mit Nüssen und getrockneten Früchten bieten ihre Waren aus Säcken an. Lederriemen, Gartengeräte, Metall­ketten, Schaufelstiele, Wäscheleinen und Bruchbänder sind im Angebot, daneben allerlei verzinktes Blechgerät, ich erkenne Melkeimer und Filtersiebe. Es gibt allerdings auch Dinge, deren Bestimmung wir nicht erkennen.

Bäcker bei der ArbeitIm Schaufenster einer Boutique mit Brautkleidern sind fast alle Puppen haarlos – man handelt mit Kleidern, nicht Perücken. So präsentiert sich die Modellschar glatzköpfig wie ein Trupp Neonazis. In eine Bäckerei winkt man mich freundlich herein, fordert mich auf, Fotos zu machen, wie sie weißbemehlt Teig kneten und Fladenbrot backen.

Mißbilligender Blick (weil ich rauche)Alte Männer sitzen in Grüppchen unter schattigen Stoffetzen beisammen, die Teegärten sind leer, man schenkt nichts aus – Ramazan. Selbst Rauchen ist Muslimen zur Fastenzeit verboten, und es ist nicht nur ein Gefühl, man sende mir scheele Blicke nach, als ich mir ein Cigarillo anzünde. Ein Mann mit roter Schürze und behaarten Unterarmen knetet in einer großen Blechwanne die Zutaten einer Fastenspeise. Es sieht aus wir Gehacktes, ist aber vermutlich Bulgur mit Chili und anderen Gewürzen. Er lacht, und hinter ihm klopft ihm einer auf die Schulter: Das sei der beste Teigkneter der Welt! Und immer wieder beisammen hockende Männer: leere Mägen und volle Köpfe - was soll da wohl herauskommen?

Burgfelsen mit Zitadelle in voller GrößeWir sind wieder bei Mehmet gelandet, warten auf unseren Bus. Diesmal ist es erheblich früher als gestern, und so werden wir den „Sonnenuntergang von der westlichen Rampe des Burgfelsens aus“ heute mit Sicherheit genießen und in der Digitalknipse einfangen können. An dessen Fuß steigen alle hoch, erklimmen die tausendstufige Treppe. Heute muß ich nicht mehr ganz hinauf, begnüge mich mit dem Plateau unterhalb der Burg. Ich war schon oben, sollen erst mal die anderen. Der Blick von hier aufs Wasser ist überwältigend. Noch steht die Sonne über dem Horizont.

Dort unten stand das alte TusbaHier, wo steil der Felsen abfällt, und dann geradenwegs bis hin zum Wasser: da lag einst die alte Stadt Tusba, später Van, das die Russen zu Ausgang des zweiten Weltkriegs mit der Macht all ihrer Kanonen und Granaten dem Erdboden gleich machten - es einebneten. Heute breiten sich dort nur Grasflächen, Felder und einige Pappel­haine. Sie haben ganze Arbeit geleistet, das alte, schöne Tusba ist dahin.

Absacker der SonneManfred, der sportliche Mediziner aus Thüringen, steht heute da, wo ich gestern mit Baric war, und winkt herunter, ich schieße ein Foto von ihm, Supertele. Aber dann der Sonnen­unter­gang: dies ist ja keine Meeresküste, obwohl die Weite des Wassers unendlich scheint; dort im Westen, wo die Sonne untergeht, erheben sich Berge und Gipfel, erst dahinter verglüht unser Tagesgestirn und wirft goldene Lichter auf den windgekräuselten Spiegel des Sees. Hinter einer Bergkuppe vergehend, wirft sie letzte Strahlen, wird rasch von der begin­nen­den Nacht verschluckt, das geht im Süden innerhalb von Minuten.

Unter dem Hotelpersonal ist ein Linkshänder - wer findet ihn?Im Hotel gibt es ein Abschiedsessen mit Fisch aus dem Van-See. Baric und Tayyip, die dabei sind, aber nicht mitessen, statten wir mit großzügigen Trinkgeldern aus. Die Erfurter tragen ein selbstverfaßtes Reiselied vor, das allgemein Anklang findet und selbst von den Kellnern im Hintergrund beklatscht wird. Ich überreiche Manfred auf einer Speicherkarte das auf dem Burgfelsen geschossene Foto, als nachträgliches Geburts­tags­geschenk; er ist sehr gerührt. Wir alle, bis auf Baric und Tayyip, die sich verabschieden, genehmigen uns noch einen Raki als Absacker, dann geht’s aufs Zimmer.

Pest und Aussatz! Der kleinere der beiden Köter fängt schon wieder vor dem Fenster an zu jaulen, dabei ist es noch nicht mal 22:00 Uhr – das kann ja heiter werden! Krame das aufgehobene Ohropax der Air France vom Mexikoflug aus Koffertiefen, stopfe es ins Ohr – ja, das geht. Das ist gut. Scheißköter, daß er einen dazu zwingt. Geht aber nicht anders. Die Chinesen, wenn nicht schon längst abgereist, scheinen mit anderem beschäftigt.

20. Tag: Fr, 14.09.07. Habe leider wegen des Stopfens im Ohr, der einen von aller Welt abkoppelt, verschlafen. Meine Zweitbeste mußte mich rütteln. Es lohnt kaum aufzustehen, das Frühstück ist unter aller Kanone: altbackenes Brot, keine Butter, Tee-Kaffee Fehlanzeige, niemand in der Küche, dem man Bescheid stoßen könnte – wo sind die Leute? Vermutlich im Keller, wo keine Sonne scheint, und schmieren sich die gute Hotelbutter zentimeterdick auf knuspriges Fladenbrot. Alles in allem ein guter Tag, abzureisen. Baric, der uns mit Tayyip abholt, hat gar nichts gegessen. Es geht zum Flugplatz. Der Flug Van – Istanbul startet mit nur einer halben Stunde Verspätung, für die 1.300 km brauchen wir mit Gepäckausgabe 2,5 Stunden. Die Ösis und wir verbringen auf eigene Faust noch zwei bzw. wir drei Tage in Istanbul, die anderen fliegen weiter über Wien nach Hause. Wir verabschie­den uns, Adressen werden getauscht, man verspricht, Kontakt zu halten.

Die Ösis – Ingeborg und Peter - haben einen Transfer zum gleichen Hotel Centrum im Stadtteil Sirkeci gebucht, in dem auch wir angemietet haben - wir dürfen zusteigen. Sirkeci ist ein Stadtteil auf der südlichen Halbinsel am Haliç (Goldenes Horn), von wo die größten Sehens­würdigkeiten Istanbuls bequem zu Fuß erreichbar sind: Topkapi, Hagia Sophia, die Blaue Moschee (Sultanahmet Camii), die Yerebatan Zisterne und so fort. Und das Hotel – das sagt sein Name – liegt mitten drin. Klein, überschaubar und mit angenehmen Zimmern, fühlt man sich gut aufgehoben.

Ayasofya Müzesi - Hagia SophiaWir haben uns mit den Ösis verabredet. Als erstes ist die Hagia Sophia, die „Heilige Weisheit“, dran. Lange Schlangen an den Kassen, Eintritt 10 YTL, etwa 6 €. Der heutige Bau wurde als christliche Kirche auf den Grundmauern des durch ein Erdbeben zerstörten Vor­gängers ab 532 innerhalb von nur sechs Jahren auf Geheiß des Kaisers Justinian errichtet. Mit dem Ausruf „Salomon, ich hab dich übertroffen!“ soll er als Erster den Raum unter der gewal­tigen, nach dem Petersdom zweitgrößten Kuppel der Welt betreten haben. In der Tat: sie ist gewaltig! Geheimnisvolles Halbdämmer wie im Kölner Dom. Als 1453 Sultan Mehmet II. (wir wissen nun, wie man diesen Namen ausspricht, nicht wahr?) nach der Eroberung Konstan­tinopels demonstrativ auf dem Pferderücken in die Kuppelhalle einritt, verfiel das christliche Bauwerk dem Islam, und die vier seitlichen Minarette wurden hinzugefügt. 1924 wurde das Kalifat in der Türkei abgeschafft, nun hätte die Hagia Sophia wieder christliches Gotteshaus werden können, doch Mustafa Kemal (Atatürk) erklärte sie 1934 kurzerhand zum Museum.

Die mächtige Kuppel, leider immer noch eingerüstetIch will mir eine detaillierte Beschreibung ersparen, die liest man viel besser in ein­schlägi­gen Reiseführern nach. Nur soviel: das Innere dieses Gotteshauses, nun Museum, nimmt jeden auf die eine oder andere Art gefangen, ob man will oder nicht. Und daß die alten christ­lichen Mosaiken in den Kuppeln und der Apsis auch nach fast 500 Jahren islamischen Gebrauchs frisch wie eh und je wirken und glänzen, spricht – meine ich - für die Toleranz des islamischen Glaubens. In etwa zwanzig Metern Höhe umkreist als zweite Ebene eine Empore die Hauptkuppel, von wo man immer wieder schöne Blicke auf Nischen, Mosaiken, Wandgemälde und dekorative Schilde mit islamischen Kalligraphien hat. Zu ihr führt - statt einer Treppe - eine mehrfach gewendelte schiefe Ebene empor, deren Steine von Millionen Füßen und Hufen durch die Jahr­hun­derte glatt geschliffen sind. Hufen? Ja. Kaiser, Sultane, Kalifen, Emire und Wesire ritten zum Dienst an Gott oder Allah, was dasselbe ist. Und sie waren stets über dem Volk - auf der Empore. Warum hätte man da eine Treppe bauen sollen?

Mosaiken auf der GalerieMan muß achtgeben, daß man auf den schlüpfrig glatten Steinen nicht ausrutscht, zumal das Gewölbe darüber nur äußerst stromsparend befunzelt ist. Trotzdem liebe ich diesen Weg nach oben. Viel zu kurz die Besichtigung, leider haben wir mit Ö. abgemacht, uns nach einer Stunde draußen vor dem Eingang wieder zu treffen. Eindeutig zu knapp, dies sakrale Wunder hätte weit mehr an Interesse und Zuwendung verdient. Aber die Ösis haben nur zwei Tage, es war wohl ein Fehler, sich mit ihnen zusammenzutun.

Yerebatan Sarnici - die ZisterneDie Blaue Moschee lassen wir links liegen, die kennt Ö. bereits von einem Besuch aus früheren Jahren, nächste Station ist die Yerebatan Sarnici, die Basilika Zisterne, ein 140x70 m messendes Wasserbecken von 80.000 m³ Inhalt unter der Erde, zu dem hinunter eine Steintreppe mit 52 Stufen führt. Eintritt wieder 10 YTL, wohl eine Norm der Staatlichen Museen. Das an die 11 m hohe gemauerte Gewölbe stützen 336 Säulen, darüber stehen Häuser, die aus Löchern im Boden Wasser und Fisch beziehen. Fisch? Jawohl, man sieht sie schwimmen, karpfen­ähn­liches Getier, wenn man über die aus Holz gefertigten Stege zwischen den Säulen geht. Nur Löcher in der gemauerten Decke zu den Häusern und Gassen darüber – die sieht man nicht. Alles nur Legende?

Eines der MedusenhäupterGleichwohl sollte man nicht versäumen, sich die ganz hinten, im südwestlichen Eck der Zisterne befindlichen Medusenhäupter anzusehen, die – feingemeißelt - die Unterteile zwei­er Säulen bilden. Niemand weiß, woher sie stammen. Eingebaut sind sie als reine Funda­mente, nicht als Zier: die eine quer, die zweite überkopf, beide halb im Wasser und beide voller Geheimnis.

Lok der Bagdadbahn am Bahnhof SirkeciOben, wieder am Tageslicht, locken Sultanahmet, Sirkeci und das Hotel. Ö. will sich frisch machen, ausspannen bis zum Abendessen, dazu wollen wir uns in der Halle wieder treffen. Okay, die beiden sind Lichtjahre älter. Wir drehen noch eine Runde durch Sirkeci, unsere Umgebung. Bestaunen am Bahnhof die schmächtige Lok der Bagdad-Bahn und das Speise­lokal am Bahnsteig des vornehmen Orient-Expreß.

Eminönü, das Goldene Horn Von Eminönü schauen wir über das Goldene Horn hinweg auf Beyoglu und den Galata-Turm und beobachten von der Galata-Brücke aus das Einschwärmen der Automobile von der fünfspurigen Sobacilar Caddesi auf die Fähren über den Bosporus nach Üsküdar, hinüber auf die asiatische Seite Istanbuls. Die Fähren sind voll, man könnte sagen: überladen. Ich glaube, so genau nimmt das hier niemand.

Rituelle Fußwaschung vor dem GebetRotgoldene Lichtflut strömt nun von Westen, wo die Sonne untergeht, strahlt über alle dortigen Hügel. Ex okzidente lux – kann das Erleuchten der Welt auch aus dem Westen kommen? Nehmen wir es einfach mal an ... An einer Moschee nimmt ein Gläubiger die rituelle Fußwaschung zum Abendgebet vor.

Gegen 18:00 Uhr treffen wir uns mit Ö. in der Hotelhalle. Wohin? Immer der Nase nach, erst mal aus der Tür. Fünfzig Meter weiter beginnt eine Freßjaß, in der Lokal neben Lokal und Tisch an Tisch die Straße säumen. Wir nehmen im erstbesten Platz. Was sollen wir lange suchen, eins scheint so gut wie das andere. Der Wirt, der eilig um uns herumwedelt und verhalten tuschelt, er habe lange in München gearbeitet, empfiehlt uns seine Karte. Was speziell? Na, alles gut. Dabei begleiten fliegende Blicke zu den Nachbarlokalen seine Rede. Mir wird klar, daß er sich diese Verhaltensweise nur zum Ramadan zugelegt hat, und daß man zu anderen Zeiten wohl ganz entspannt bei ihm essen und trinken kann.

Wir bestellen. Peter möchte Fisch, diese kleinen fritierten: A so kloa san’s, deutet er mit fünf Zentimeter auseinander gehaltenen Zeigefingerkuppen an. Der Wirt bedauert, die habe er ausgerechnet heute leider nicht. Aber morgen, für morgen könne er sie beschaffen. Ob man vorerst was anderes ... Einladend deutet er mit beiden Armen in das Souterrain seines Lokals. Dort kann man sich aus hinter Glas ausgestellten kalten oder blubbernd auf kleiner Flamme warmgehaltenen Speisen sein Mahl zusammenstellen. Jeder gibt seine Bestellung auf, auch Peter, insistiert jedoch: Aba moagn gibt’s die kloane Fisch, gell? Selbstverständlich, wieselt der Wirt. Und zu trinken? Drei Bier, ein trockener Weißwein – aha, ob wir nicht lieber oben Platz nehmen wollen? Warum nicht.

Sirkeci, Lokal an LokalOben befindet sich neben einer Handvoll Tische auch die Toilette. Es stinkt erbärmlich nach Urin und Klosteinen. Wir gehen wieder nach unten und setzen uns draußen an einen der Tische. Nicht zufrieden? scharwenzelt der Wirt und wedelt einige Krümel vom Tisch. Wir wollen ihn nicht beleidigen, flüchten uns in: Hier ist die Luft besser. Verstehe. Ob wir dann etwas dagegen hätten, daß die Getränke ... es sei Ramazan, und also, einem Wirt weiter die Straße runter hätten sie schon mal das Lokal auseinander genommen ... kein Problem, sagen wir. Er möge nur Sorge tragen, daß in welchen Gefäßen auch immer man die Getränke verberge, diese gut gefüllt seien. Ja ja, katzbuckelt er.

Der Wein kommt im halbgefüllten Colaglas, das Bier schäumt unsichtbar hinter irdenen Wänden dicker Kaffeemucks. Mag sein, daß sie 0,3 enthalten, ich hab noch nie einen Kaffee­muck mit Eichstrich gesehen – was soll’s, Wein und Bier sind kühl, und das Essen kommt auch schon. Gemeinsam lassen wir es uns gutgehen, alles prima. Die linde Nacht lädt ein zum Hockenbleiben; als wir gehen hatten wir zusammen acht Kaffeemucks, drei Colagläser und ein echtes klares Wasser: Ingeborg verträgt nicht soviel Kaffee am Abend.

Zu Bett, horche ich aus purer Gewohnheit auf Hundegebell – nichts, außer dem Stöhnen der Klimaanlage und von der Straße unten ein paar angeheiterte Gäste, die Lokale schließen vor Mitternacht. Kein Hund. Morgen früh wird es wohl eher der Hodscha oder Muezzin sein, der uns vom Minarett über Lautsprecher weckt.

Die Prinzeninsel Kinalida21. Tag: Sa, 15.09.07. Gut geschlafen, weder Hunde noch Hodschas. Ich glaube, in Istanbul gibt es gar keine Hunde, dafür um so mehr Katzen, an jeder Ecke stolpert man über sie. Frühstück gibt es vom gut gefüllten Buffet in der sechsten Etage direkt auf dem Dach mit Aussicht auf Hagia Sophia, Blaue Moschee und einen in frühem Sonnenglanz schwappenden Bosporus. Es verspricht ein herrlicher Tag zu werden, heute wollen wir zu den Prinzen­inseln (Kizil Adalar) draußen im Marmarameer. Anders als Touristenboote, sind die Fährschiffe dorthin konkurrenzlos billig, beide fahren während der Umbauphase statt in Eminönü von Kabataş auf der anderen Seite des Goldenen Horns ab, die Fähren hin und zurück für 2 YTL pro Person. Dafür bekommt man aber auch Kürbiskernschalen vom oberen Sonnendeck auf den Kopf geworfen, die jemand dort gedankenlos knackt und über Bord wirft, und die der Fahrtwind aufs untere Deck treibt, wo wir an der Reling sitzen. Zwei hastige Treppen hinauf stelle ich das klar. Fortan sind wir unten ohne Abfall.

Marinepolizist und Güvenlik (Security)Bis Kabataş fuhren wir von Eminönü mit der Tram. Nun genießen wir die Fahrt, passieren den Dolmabahçe Palast und Tophane mit seinen prächtigen Moscheen, legen kurz in Kadiköy auf der asiatischen Seite an und steuern aufs offene Meer hinaus. Nach zwei Inseln nehmen wir den Absprung auf der dritten, Heybeli Ada. Am Anleger stehen breitbeinig zwei uniformierte und bewaffnete Wachmänner der Güvenlik (Sicherheit) und ein Militärpolizist der Marine, welcher nur mit einem Funkgerät bewaffnet ist. Auf der Insel befindet sich, nur einige hundert Meter vom Anleger entfernt, eine nautische Schule der türkischen Marine. Wir beschließen, erst mal einen Rundgang zu machen, das dürfte in einer Stunde erledigt sein.

Fischerhafen von Heybeli AdaAls erstes erreichen wir einen Platz, wo Pferdedroschken auf Kundschaft warten. Das recht kompliziert wirkende Geschirr der Gäule beinhaltet auch eine blaue Plane, gespannt zwischen Hinterteil und Kutsche: es hält die Straßen rein. Potentielle Passagiere reisen in den Kutschen überdacht, der Kutscher nicht. Heute ist (noch) nichts los, die meisten Fuhrknechte dösen im überdachten Teil ihrer Vehikel. Manche der Tiere haben ihr Maul in einem Hafersack vergraben, die übrigen schauen neidisch zu – Futterneid ist eines der ältesten Motive für Kriege in aller Welt. Etwas weiter passieren wir den kleinen Fischerhafen der Insel, hier dominiert Blau - Wasser, Boote, Häuser, Himmel: alles blau. Das scheint Bezug zu haben zu den Feuerwehrleuten; die fahren auch am liebsten in roten Autos.

Eins der wunderschönen alten HolzhäuserDer eingeschlagene Weg führt uns anfangs steil, später leicht doch stetig bergan. Wunder­voll marode, wie alte Damen, denen das Geld für Schminke fehlt, die Villen und Holzhäuser aus Gründerjahren, als die reichen Kaufleute Konstantinopels hier ihre Sommer­häuser führten. Jawohl: Stadt des Konstantin - diesen Namen legte die Stadt erst nach tausendsechs­hundert Jahren am 28. März 1930 ab und nannte sich fortan Istanbul. Herrliche Treppen­aufgänge mit Stuck­säulen unter den Geländern, Häuser mit geschnitzten Türstöcken, Giebeln und Balkonen säumen unseren Weg. Hinter kunstvoll geschmiedeten Gartentoren wuchert üppiges Grün, eisernen Balkons fehlt der Boden. Einige der Häuser sind bewohnt und liebevoll renoviert, bei anderen blättert Farbe, sind Fensterscheiben zerschlagen, sie wären vermutlich noch zu retten. Die meisten jedoch verfallen ohne jede Zuwendung.

Mosaike im PflasterEs ist nur eine Vermutung, aber wie so oft wird wohl auch hier Bodenspekulation Wegbe­reiter des Verfalls sein: Immobilie spottbillig gekauft, nichts mehr investiert, warten auf Steigen der Preise, indem die alten Schätzchen mehr und mehr verfallen. Ganze Straßenzüge einst hochherrschaftlicher Häuser sind nun Heim armer und kinderreicher Familien, die Wäscheleinen über die Straße spannen und abwohnen, was sich nur noch mühsam aufrecht und am Leben hält.

Picknickgelände mit WegzollIn einem Pinienhain auf dem Hügel über der Stadt kommen wir an eine Schranke: man verlangt Eintritt. Wofür? Dies sei Picknickgelände, Değirmen Burnu, zu dem auch ein Strand gehöre. Alles sehr sauber, und das koste Geld. Wieviel? Ein Pfund für jeden, sagt verlegen der junge Mann, der uns aufhält. Aber wir wollen weder picknicken noch grillen noch den Strand genießen – nur ein Rundgang! Er bleibt hartnäckig, hält die Hand auf. Wir könnten jetzt höhnisch lachen und ihm den Rücken kehren – was wäre dadurch gewonnen? Zähneknirschend zähle ich ihm zwei blinkend neue Liramünzen in die Hand. Und bekomme dafür sogar zwei Eintrittskarten. Picknickplatz und Strand sind gepflegt aber gähnend leer. Einzige Gäste sind ein paar Tauben, die mit ruckendem Kopf unsichtbare Reste aufpicken.

Istanbuls asiatische SeiteBald sind wir wieder in bewohnter Umgebung. Ein Melonenhändler klingelt sich mit seinem Handkarren durchs Viertel. Knorrige Robinien und Nußbäume beschatten die Stra­ßen, der Zuweg einiger Häuser ist mit Mosaiken gepflastert. Bougainvilleen und mannshoher Oleander säumen unseren Weg. 1938 wurde hier das erste Sanatorium der Türkei eröffnet, es existiert heute noch, die guten heil­klima­tischen Verhältnisse haben sich nicht verändert. Manchmal erhascht man durch Baumwipfel Blicke auf die Hochhäuser von Kartal und Pendik, die südöstlichsten Ausläufer Istanbuls auf asiatischer Seite mit vielen Hochhäusern.

Restaurant in Toplage mit verdorbenem EssenIn einem Lokal am Wasser, gleich neben dem Anleger, essen wir. Ich eine gegrillte Meer­barbe, meine Zweitbeste Kalamarringe mit Pommes und irgendeiner Tunke. Dazu Bier und Wein, weiß, trocken. Wir haben es so recht gemütlich - bis wir auf der Fähre zurück sind. Bereits da wird meiner Zweitbesten blümerant. Ich tippe auf die Tunke, welche, offenbar aus tagealter Majonäse, mir gleich nicht koscher erschien. Aber man sagt ja nichts, will keinen Streit. Nun haben wir den ... nein, es ist etwas anderes als Salat.

TopkapiVon Kabataş, der Anlegestelle, steigen wir Treppen hinauf nach Taksim. Am Galataturm, wird es dann dringend. Jetzt sind nur noch Tuvalets (Toiletten) wichtig, in Lokalen, oder im Galataturm – im  Turm ist keine, nun denn. Wortreich öffne ich meiner Zweitbesten beim Besitzer die Toilette seines Lokals an dessen Fuß, bis zu dem wir notdürftig gelangt sind. Freundlich weist er uns die Richtung, die Dringlichkeit meiner Bitte erkennend. Lächelnd danke ich ihm, beginne ein Gespräch über Istanbul, das Essen und Kalamares mit Tunke im Besonderen, bis meine Zweitbeste wieder auftaucht – erleichtert, wie mir scheint. Mit einem freundlichen Kopfnicken verabschiedet uns der Wirt.

Sonnenuntergang vom Galata-TurmWir steigen dann doch noch auf den Turm (Galata Kulesi), ein 68 m hohes ehemaliges Befestigungswerk, von dem man einen herrlichen Blick auf das Goldene Horn (Haliç) und die dahinter liegende südliche Halbinsel mit all den historischen Bauten des alten Konstan­tinopels hat. Auf dem oberen Wehrgang drängen sich die Leute, man hört alle Sprachen der Welt, jeder möchte ein Foto des über den Minaretten der Moscheen glutrot vergehenden Sonnenballs schießen – ich auch. Alles erglüht im Licht: Moscheen, Galatabrücke, Topkapi­palast und die dahinter liegenden Berge, all die Gassen und roten Dächer unter uns, Beyoglu und in der Ferne die seilgespannte Hängebrücke über den Bosporus – Istanbul ist eine Stadt voller Wunder: eine wundervolle Stadt!

Karaköy, Blick auf Galata-Brücke und SultanahmetWir kommen noch hinunter nach Karaköy. Hier begehrt meine Zweitbeste den Einstieg in die Tram nach Sirkeci, weiterer Fußmarsch sei nicht mehr drin. Also löse ich am Bahnsteig zwei Chips, das System ist einfach: Münzen im Drehkreuz entsorgen und Warten auf die Tram. Alles nach der Schranke ist umzäunt, niemand ohne Münze betritt oder verläßt das Areal zwischen den Schienen.

Endlich im Hotel, ist der Tag für meine Zweitbeste gelaufen. Stöhnend pendelt sie zwischen Bett und Badezimmer. Die Ösis, mit denen wir uns heute abend zum Abschieds­essen verabredet hatten, muß ich solo übernehmen. Hoffentlich geht es meiner Angetrauten morgen besser!

An Restaurants herrscht kein Mangel ...Wir treffen uns im gleichen Lokal, dem von gestern. Klar, Peter möchte seine Fische. Der Wirt scharwenzelt heran: Ah, wieder da? Ich begrüße Sie in meinem Haus! Was – äh – möchten Sie speisen? – Die kloa Fisch, sagt Peter ohne die hergereichte Menükarte eines Blicks zu würdigen. Wir blättern darin, Ingeborg und ich. Ich hab sie zu Beginn über die Unpäß­lich­­keit meiner Frau unterrichtet. Wir bestellen Bier in Kaffeemucks und verschiedene Gerichte aus der Karte. Peter bekommt Fisch.

Als der kommt, ist es eine gegrillte Meeräsche oder sowas. Ich bin kein Angler, und mit Marmara-, Bosporus- oder Mittelmeerfischen kenne ich mich schon gar nicht aus. Na! Den mog i net! schiebt Peter den Teller von sich. I hoab die kloan bstellt – des ess iii net!

Ingeborg schaut, wie sie wohl schon in mancherlei Situationen geschaut hat: irgendwie so, als gehöre sie nicht dazu. Ratlos nimmt der Wirt den Teller hoch, hält ihn Peter entgegen: Keinen Fisch? Na, sagt der und steht auf: Den net! Kumm, laß uns gengn. Das in Richtung seiner Frau. Aber die stellt sich auf die Hinterfüße: Jetzt hamma hier scho bschtöllt – i bleib!

Die "kloa Fisch" im Eimer eines Anglers auf der Galata-BrückeNa dann, mir is gleich, zuckt Peter die Achseln und steht auf. Sagt Servas und entfernt sich Richtung Ende der Straße, wo er heute mittag die kleinen gebackenen Fische auf einem Teller gesehen hat. Servas, sagt Ingeborg und hebt mir ihren Kaffeemuck zu: Er is alleweil a weng seltsam, der Peter, sagt sie entschuldigend, spießt ein Fleischstück auf und steckt es in den Mund.

Das denke ich auch.

Nach seinen kloa Fisch kommt Peter zurück und hebt sogar noch einen Kaffeemuck mit uns. Der Wirt hält sich gekränkt abseits und läßt lieber einen seiner Angestellten kassieren. Die Chance auf Landesnähe haben wir verspielt. Gegen elf Uhr brechen wir auf, drücken uns in der Hotellobby zum Abschied die Hände: morgen reisen sie ab, und das ist mir Peters wegen gar nicht unlieb. Er schuldet mir der Einstellungen seiner Kamera wegen immer noch mindestens ein Bier – ach, Schwamm drüber.

Ausblick beim Frühstück ...22. Tag: So, 16.09.07. Meine Zweitbeste frühstückt ein hartgekochtes Ei nebst einer Tasse Kaffee, zu mehr ist sie nicht zu bewegen. Ich bediene mich reichlich bei Rührei, Schinken, Früchten und Brot. Man blickt auf Bosporus, Hausdächer und Moscheen, schlürft Kaffee und winkt Möwen zu, die herausfordernd breitbeinig wie Seeleute neben dem Frühstücksraum über geteerte Dächer stelzen, die Schnäbel ungeniert fast in unseren Tagesaufbruch steckend.

Tor zum Dolmabahçe PalastMit der Tram fahren wir bis Kabataş. Etwas weiter als der Fähranleger von gestern, bereits im Ortsteil Besiktaş, liegen Dolmabahçe-Moschee und –Palast. Letzterer wurde Mitte des 19.Jh. von zwei armenischen Architekten geplant und sollte als neuer Sultanssitz für Abdül Mecit I. dienen, dem der Topkapi-Palast nicht mehr in die neue Zeit paßte. Diese ging damit einher, daß dem Osmanischen Reich bereits Ägypten, Serbien, Griechenland und die Donau­fürsten­tümer Moldau und Walachei abtrünnig geworden waren, so daß der russische Zar Nikolaus I. das Wort vom „kranken Mann am Bosporus“ prägte. Vielleicht war der Palast­bau ein letzter Versuch, das Osmanische Reich als Großmacht zu präsentieren.

WachablösungAls wir kommen, ist gerade Wachablösung. In schicker Uniform mit weißen Gamaschen, Halstüchern, Helmen und vergoldetem Koppelschloß trampeln vier junge Männer theatra­lisch auf der Stelle, wozu ein Korporal markige Befehle brüllt. Solange, bis die Ablösung ihre Wachposition eingenommen hat und die Abgelösten, kommandiert von ihrem Unteroffizier, in irgendeinem Seiteneingang verschwunden sind.

Mabeyn-i-HümayunMan kann den Palast nur im Rahmen von Führungen besichtigen, zwei werden angebo­ten: „Selamlik“, die geht durch den Mabeyn-i-Hümayun, jenen Teil des Palastes, wo zeremoni­elle Empfänge stattfanden und Gesandte empfangen wurden, die zweite führt durch den Harem – wo auch Atatürk sein Schlafgemach hatte. Wir lösen Eintritt für beide, das kostet uns 40 YTL, zusätzlich 5 YTL für die Fotogeneh­migung. Der Unterschied zwischen diesem und dem Topkapi-Palast ist, daß hier noch alles voll eingerichtet und möbliert ist, als hätten ihn seine Bewohner gerade eben erst verlassen. Dagegen ist Topkapi ein steriles Museum.

MarmorbadIch will es gleich sagen: Der kranke Mann am Bosporus muß noch über jede Menge Geld verfügt haben, anders wären diese glanzvollen Räume mit ihren Kristallüstern, Teppichen, Säulen, Stuckdecken, böhmischen Kandelabern, Rokokomöblierungen, chinesischen Vasen, gläsernen Geländern, prachtvollen Kaminen, Sitzecken mit Plüsch- und Pompvorhängen, japanischen Lackmöbeln, aus Tausenden kunstvoll gefügter Holzteilchen bestehenden Par­kett­böden, Deckenmalereien, Marmorbäder und die herrlichen Gewölbedecken in allen Räumen nicht einmal annähernd gewürdigt – kurz: anders wären diese Herrlichkeiten nicht zu erklären. Und im „Harem“, wo wir uns nach über einstündiger Führung anstellen, wird es noch prachtvoller zugehen.

Im HaremWir müssen eine halbe Stunde warten, bevor man uns einläßt, draußen vor den schmie­de­eisernen Parkgittern funkelt kleinwellig der Bosporus. Als es soweit ist, geht es eine Treppe hinauf, oben begrüßt uns der Führer. Wir haben eine Tour in Englisch erwischt. „Please follow me and don’t touch anything“, sagt er, „otherwise the alarm will burst, and you will get arrested.” Dabei zwinkert er uns zu und winkt, ihm zu folgen. Wir betreten die Privat­gemächer. Die Räume sind intimer, wohnlicher, weniger prunkvoll als die offiziellen. Ab und zu hindern auch Absperrungen aus roten Kordeln die Besucher, einen intimen Bereich im Harem allzu­nah zu erkunden.

Atatürks Schlaf- und SterbezimmerDennoch sehen wir die marmornen Bäder und Bedürfnisklausen, die verwunschenen Ecken, wo eheliche Zwiesprache gehalten wurde, die Schlafstätten und Boudoirs der hohen Herrschaft und dringen sogar in das Gemach vor, in dem Mustafa Kemal fünfzehn Jahre nach Revolution und Gründung der Republik am 10. November 1938 starb. Das geschah um 9:05, man hielt damals die Uhr in seinem Zimmer an und zog sie niemals wieder auf. Auch heute noch zeigen ihre Zeiger diese Stunde, sie steht auf einem kleinen Rokoko­tisch am Fenster. Das Bett, in dem sein Tod diagnostiziert wurde, verhüllt eine riesige rote Fahne, eingestickt darin weißer Stern und Halbmond. Ansonsten ist der Raum karg möbliert und ohne jeden Pomp. Er zeigt Medizinschrank, Besucherecke, aber nirgendwo einen Aschen­becher. Obwohl man weiß, daß letztlich Zigaretten und Alkohol Mustafa Kemal Atatürk, den Vater aller Türken, umgebracht haben.

Innenhof des PalastesEine teppichbelegte Holztreppe führt hinab in die Wirklichkeit. An ihrem Fuß schreitet man sich selbst entgegen, dort ziert ein großer Spiegel die Wand. Draußen mittägliche Hitze, Blumenbeete, Springbrunnen, ein blauschillernder Pfau und schließlich die Katzen, ohne die Istanbul kaum vorstellbar wäre.

Sultanahmet Camii - die Blaue MoscheeMit der Bahn fahren wir zurück nach Sultanahmet, dem Herzen der historischen Altstadt. Dort wollen wir die Blaue Moschee (Sultan Ahmet Camii) erkunden, unverwechselbar durch ihre sechs Minarette. Diese sind der Order des Auftrag­gebers Sultan Ahmet I. nach vier goldenen (türkisch: altin) Minaretten geschuldet, die sein Baumeister Mehmet Ağa, in realistischer Einschätzung der verfügbaren Geldmittel (und auch um seinen Kopf auf dem Hals zu behalten), als sechs (türkisch: alti) verstand. Als alles mal stand, waren beide zufrieden. Allerdings mußte Ahmet I. sich religiösen Eiferern gegenüber kompatibel zeigen, die forderten, keine andere Moschee dürfe dem höchsten Heiligtum des Islam, der Harem-i-Şerif-Moschee in Mekka, gleichkommen, die ebenfalls sechs Minarette aufwies. Also spendierte er, um Ärger aus dem Weg zu gehen, dieser ein siebentes.

Minarett mit VögelnMan betritt den Innenhof der Moschee durch ein Tor, und sofort überfällt einen der Anblick der Minarette und zahlreicher Kuppeln. Ein Vogelschwarm steht in der Luft darüber – Mauersegler. Wir versuchen erstmal, die Moschee zu umrunden und treffen im Südwesten auf hübsche alte Holzhäuser. Viel weiter geht es nicht, ein Parkplatz mit Zaun verwehrt uns die komplette Umrundung. Also zurück.

Im Inneren der Blauen MoscheeDrinnen drangvolle Enge und vor allem: stechender Fußgeruch. Das sind nicht die Beten­den, die sich vor jedem Gebet der rituellen Fußwaschung unterziehen sollen. An Touristen in Käsesocken hatte Mohammed nicht gedacht, als er in Sure 9, 108 niederlegte, „Allah liebt die sich Reinigenden“. Niemand in Istanbul außer Fremdenführern und Touristen nennt die „Blaue Mosche“ so. Diesen Namen erhielt sie vermutlich aufgrund der zahllosen, mit blauen Mustern geschmückten Kacheln in ihrem Inneren. Es wird gepredigt. Gläubige sitzen auf dem alles bedeckenden Teppich vor einem Imam in weißem Turban, der seine erhöhte Kanzel nur über eine angelehnte Leiter erreicht. Die riesige Kuppel erinnert mit den herum­streu­nenden Besuchern an die unergründlichen Tiefen des Kölner Doms, nur daß sie nicht so finster ist – nein, eher hell und heiter.

Der Deutsche Brunnen, gestiftet vo Kaiser Wilhelm II.Draußen, in den langen Kollonadengängen im Vorhof, waschen sich Gläubige die Füße unter vergoldeten Hähnen, die aus der Wand ragen. Touristen werfen geliehene Schlappen zurück in die Kisten beim Eingang und ziehen ihre in Plastiktüten mit sich getragenen Stinkstiebel wieder an. Draußen, am Hippodromplatz, steht vor dem Alman Çeşmesi, dem achteckigen Deutschen Brunnen, von Kaiser Wilhelm II. 1900 anläßlich seines Besuchs als Freundschaftsgabe gestiftet, eine Frau in weißer Kleidung mit fettem Hintern, versunken in Andacht. Möchte wetten, das ist eine sinnsuchende Amerikanerin, und vielleicht vermutet sie darin das Grab Roxelanes, der Hauptfrau Süleymans des Prächtigen, mit der angeblich das „Sultanat der Frauen“ begonnen haben soll.

Türbe Süleymans und RoxelanesDa liegen sie, die amerikanische Esoterikerin, bzw. Roxelane, die orientalische Emanze, aber ganz falsch. Letztere ist zusammen mit ihrem Hauptmann in einer Türbe des Mausoleengartens der Süleymaniye Camii für immer untergebracht, bis dahin sind es immerhin etwa 2 km zu laufen. Oder fünf Minuten mit dem Taxi. Nebenbei: auch Koca Mimar Sinan, der altehrwürdige Baumeister Sinan, Schöpfer von über 470 herausragernden Bauwerken der islamischen Welt, hat sich hier sein letztes Plätz­chen gesichert – in einer schlichten, von ihm selbst entworfenen Türbe nahe der Moschee.

Alte Stadtmauer, Edirner Tor mit kläffendem KöterNach soviel Kultur zuerst aber mal was essen: Köfte, Hackfleischbällchen, mit Brot, in einer Seitenstraße des Viertels bestellt, verzehre ich mit Behagen. Meiner Zweitbesten genügt ein Glas Wasser, ihrem Magen geht es immer noch turbulent. Wir wollen nach Karagümrük, wo die Chora-Kirche (heute Karye Müzesi) sein soll. Da wir kein Taxi nehmen wollen und das Busnetz nicht kennen, fahren wir mit der Tram von Gülhane an der Hagia Sophia nach Topkapi zur Station Pazar Tekke, die sich dicht an der Stadtmauer des alten Konstantinopels befindet. An der entlang wandern wir vom Topkapi (Kanonentor) bis zum Edirnekapi (dem Edirner Tor). Es ist ein elend langer Weg durch Slumviertel. Dann endlich stehen wir davor: die Chora Kirche, erst Klosterkirche, dann Moschee, heute Museum. Eintritt 10 YTL.

Karye Müzesi - die alte Chora-KircheDer Name Chora bedeutet soviel wie „in den Feldern“, was diese Kirche bei ihrer Gründung im 5.Jh. wohl war. Der heutige Bau allerdings stammt aus dem 11.Jh und ist mittlerweile von Schnellstraßen sowie Industrie- und Schlafvierteln umringt. Dafür ist ihr Inneres um so prächtiger. Die Mosaiken und Fresken, die wir heute bestaunen, waren seit ihrer Umwandlung zur Moschee im Beginn des 16.Jh. unter Putz verborgen oder über­tüncht. Erst Mitte des 20.Jh. wurden sie wieder freigelegt. Atatürk mit seiner Trennung von Kirche und Staat, Säkularisierung oder Laizismus genannt, trugen viel dazu bei.

Mosaiken in der Chora-KircheEgal: keine Kirche ist mir bekannt (selbst nicht Hagia Sophia oder jene besichtigten Gottes­häuser im armenischen Etschmiadsin), die sich vergleichbar prächtiger Marmor­ver­täfel­ungen, Ausmal­ungen, Fres­ken und Mosaiken rühmen könnte. Sie ist einmalig.

Bayrampasa, Armenhaus IstanbulsZurück durch Bayrampaşa: hier breiten sich die schlechten Viertel, Istanbuls Armen­haus. Im erha­be­nen Bogen des Edirnetors in der alten Stadtmauer steht auf Kopfstein­pflaster ein dreckiger, verlauster Köter, der erste, den ich in dieser Stadt bewußt wahrnehme.

KinderkritzeleienDie Straßen hinunter nach Topkapi sind gesäumt von brüchigen Mauern, schartigen Dächern und Kritzeleien auf dem Kalkputz unter den Holzwänden der im ersten Stock einst vornehmen Häuser.

BayrampasaEin Gaul, abgehalftert mit Scheu-klappen, wartet am Straßenrand im Geschirr eines gummi-bereiften Platjewagens vor ocker und hellgrün gestrichenen Mauern mit Wäsche­leinen von Haus zu Haus. Im maroden Mauerwerk nistet Armut.

AksarayNur vier Tram­stationen weiter, in Aksaray, pocht das Herz der Stadt: laut und aufdringlich. An einem Obststand kaufe ich meiner Zweitbesten eine Banane. Die sollen ja stopfen. Von Aksaray weiter streben wir zu Fuß nach Sirkeci, wo unser Hotel Centrum steht.

Auf dem Weg von Aksaray nach SirkeciHeute abend wollen wir unsere letzten Lira auf den Kopf hauen. Das sieht ganz nach Besäufnis aus, trotz Ramazan, wie der Fastenmonat hier heißt. War aber nicht. Endlich ein gutes Steak, Suppe, Salat. Obst ging aufs Haus. Wir können direkt vom Eßtisch ins Bett fallen, unser Hotel Central liegt mitten im abendlichen Gewühl. Draußen klingelt altmodisch die Tram, irgendwo in einem Winkel fallen Istanbuler Katzen jetzt über die Reste unseres Menüs her. Ich meine auch den Muezzin noch einmal warnend die Stimme heben zu hören, die Blaue Moschee ist ja gleich nebenan: doch, wir hatten beide zum Abschluß noch einen Raki – soll er uns nur ins ewige Höllenfeuer schicken! Deren Vorstufe aber ist allemal das weiche Bett.

Zaungast beim Frühstück23. Tag: Mo, 17.09.07. Frühstück wie gehabt, Möwen beäugen uns, irgendwie kurzsichtig. Heute geht es zurück nach Deutschland, aber erst gegen 17:00 Uhr. Es bleibt also noch genügend Zeit. Wir schlendern aus unserem Viertel hinunter zur Galata-Brücke.

Angler auf der Galata-BrückeEin Tag in schierem Blau. In der Ferne reckt sich die Brücke über den Bosporus, griechisch für Rinder- oder Ochsenfurt. Vor der näheren Furt über Haliç oder Goldenes Horn, der Galata­brücke, von welcher wie Spinnenweben die Schnüre der Angler ins Wasser hängen, stößt eine vollbesetzte Fähre dicke Dieselschwaden aus und kurvt behäbig nach Anadolu Kavaği, letzte Station kurz vor dem Schwarzmeer auf asiatischer Seite. Wir blicken hinüber zur Rüstem Paşa Camii und weiter hinten zu der kaum 400m entfernt liegenden Süleymaniye Camii. Über die Brücke rauscht blaugrau und elegant die Tram. Überall Fahnen oder wenig­stens von Plakatwänden Halbmond und Stern auf türkischem Rot. Manche Angler besitzen ganze Schwärme silbrig in Eimern schwimmender Fischlein, die Peter, der nörgelige Ösi, partout frittiert in Öl auf seinem Teller sehen wollte. Nun ist er fort.

Auf dem FischmarktDrüben, auf der anderen Seite, drängen sich am Wasser die Schiffsausrüster. Händler bieten von einfachen Karren leckere Sesamkringel feil. Ein Stückchen weiter der Fischmarkt. Adrett, beinahe nach geometrischen Mustern angeordnet, die Fänge der Nacht, besonders schönen Exemplaren sind die roten Fransen der Kiemen dekorativ nach außen gestülpt – so hat man Fisch noch nie zuvor wahrgenommen. Auf zwei Holzkisten ein praller Thunfisch, gut einen Meter lang.

Mann und Katze lesen ZeitungZurück unter der Brücke, denn sie hat zwei Etagen: oben, wo Tram und Autos fahren, und unten, wo Lokale, Kafes und Diskos Einheimische und Fremde anlocken. Jetzt, am Morgen, sind sie noch ziemlich leer. Ein Mann liest Zeitung, vor ihm auf dem Tisch ein türkischer Mokka, der Blechlöffel steckt in der Tasse. Vermutlich ruhen auf deren Boden fünf Stücken Würfelzucker, nicht umgerührt. Auf seinem Bauch sitzt eine lohfarben geflammte Katze und tut, als schaue sie ebenfalls in die Zeitung. Die Schlagzeile beschreit in dicken Lettern irgendwas in Verbindung mit Cumhuriyet, was Republik bedeutet. Man sieht weder Katze noch Mann an, was sie bei der Lektüre denken. Im Haliç verankert ein Metallklotz, aus dem Wasser, von starken Pumpen getrieben, in meterhohen Fontänen in die Luft stiebt: das soll ihm Sauerstoff sowie den Anglern mehr Fische zuführen und insgesamt Wasser und Klein­klima in der trüben Bucht verbessern.

In der Rüstem Pasa CamiiIn der Rüstem Paşa Camii mit ihren wunderbaren blauen Fayencen an Außen- und Innen­wänden sind wir ziemlich allein. Niemand beachtet das Kopftuch meiner Zweitbesten und ihre baren Füße: es ist einfach nicht die Zeit zum Beten, der Muezzin hat noch nicht gerufen. Später, wenn der Kapali Çarşi, der Große Basar, erst richtig auf Touren ist, werden sich hier wieder Gläubige und Touristen gegenseitig auf die Zehen treten.

Internet Café im ehemaligen HamamEin Hamam, das wir neugierig betreten, entpuppt sich als umgebaut zum Café. Im Untergeschoß, wo einst die Massagekabinen waren, stehen auf Marmorkonsolen schnelle Rechner, auf denen Yuppies im Internet surfen und chatten und mailen.

AbgestelltDer Markt bietet Schreckliches neben Notwendigem: kitschbunte Plüschtierchen, vor denen die europäischen Verbraucher-verbände immer wieder warnen, neben Alltäglichem wie Rückenkratzern, Bastvorhängen und Bambusschälchen. Dabei haben wir den Großen Basar mit seinen Lebensmitteln, Früchten und Getränken, dem Goldschmuck, Teppichen und Kultgegenständen, Elektroapparaten, Klamottenläden und vielem anderen mehr noch gar nicht mal erreicht. Dafür langt heute auch kaum die Zeit.

Minbar in der Süleymaniye CamiiDafür schauen wir uns noch in den Türben neben der Süleyman Moschee um, suchen die Gräber der Emanze Roxelane und ihres Bestäubers Süleyman dem Prächtigen, finden sie und auch das schlichte Grab Sinans, des Baumeisters. Danach bleibt sogar noch Zeit zu kurzem Eintauchen in das Innere der Moschee – ein gewaltiger Bau, von außen wie von innen.

Gasse in BeyazitÜber schräge Gassen und steile Treppen bummeln wir zurück nach Sirkeci. Das hier ist das alte Konstantinopel mit seidenbehängten Modepuppen, goldglänzenden Erstaus­stattun­gen für Schuhputzer und Schaufenstern voller kandierter Früchte und schreiend buntem, süßzuckrigem Gelee aus Melonensaft, Ananas und anderen Dickmachern voller Honig und Zucker. Noch was essen: ja, aber nicht diesen Klebkram. Wir bestellen, warten lange, doch es lohnt sich: Aubergine, gefüllt mit Gehacktem und gebraten in Olivenöl, dazu Yoghurtsauce, Ekmek (Brot) und für den Durst Ayran, das moussierende Yoghurtgetränk. Auf süßen Nachtisch verzichten wir. Zuletzt landen wir wieder in unserem Viertel.

Es wird Zeit. Unsere Koffer befinden sich noch im Hotel, in einer Abstellkammer. Einen Kaffee noch, dann ein Taxi zum Flughafen. Wir setzen uns irgendwo, bestellen, reden noch darüber. Der Kaffee in zwei winzigen Mokkatäßchen kommt. Dazu die Frage: „Taxi? You’re looking for a taxi? We can help!”

Unser ChauffeurDer das sagt, ist ein junger Bursche in offenem Hemd, der bislang mit einem Kumpel ins Brettspiel Backgammon vertieft am Nebentisch hockte und nun die zwei Mokka serviert und mir fragend ins Gesicht sieht. „We need a hop to Havaliman, be there at sixteen o’clock“, sage ich. “Oh sure”, beteuert er und zeigt auf den anderen Müßiggänger am Tisch, seinen Spielkame­ra­den, der nun aufblickt: „He will drive you. Brandnew car, lot of experience, no fear!“

Hm. Die beiden, wie sie nun dastehen, machen einen guten Eindruck. „How much?“ frage ich.

„Thirtyfive?“

“Okay.” Ich weiß daß das zuviel ist, die normale Fahrt tagsüber kostet nicht mehr als 25 YTL, aber das Abenteuer ist es mir wert. Zudem brauche ich von nun an keine Hand mehr zu rühren: „Let’s get the baggage!“ Gehorsam macht sich der eine mit uns auf zum Hotel, während der andere das Auto holt: einen nigelnagelneuen Toyota. Gemeinsam laden sie unsere Koffer ins Gepäckabteil. Während sich der eine verabschiedet, setzt der andere sich hinter das Steuer. Weiß nicht, wo er das Fahrzeug hergeholt hat, im Inneren ist es kühl, es muß im Schatten oder irgendwo im Keller gestanden haben.

Vorstadt am MarmarameerWir setzen uns hinein, schnallen uns an. Mühsam findet unser Fahrer den Weg durch die Gäßchen Sultanahmets. Doch dann biegt er in Çatladikapi auf die Kennedy Caddesi ein und folgt fortan diesem vierspurigen Gleis entlang des Marmarameers zum Flughafen Atatürk. Irgendwann sind wir da. Er hält, dreht sich um und hält die Hand auf: unmißverständliches Zeichen. Ich gebe ihm meinen letzten Fünfziger, alles andere ist heute ausgegeben. Eine Zeit­lang wühlt er in den Hosentaschen, kehrt eine Handvoll Münzen nebst einer Gebetskette hervor und sagt endlich: „Sorry, can’t change!“

„O-o“, sagt meine Zweitbeste und nimmt dem Ratlosen meinen Fünfziger aus der Hand: „Ich wußte, daß es so endet!“ Das ist an mich gerichtet, da unser Fahrer kein Deutsch versteht. Damit steigt sie aus und entschwindet zu irgendeinem Shop in der gläsernen Halle des Flughafens. Nervös schaut unser Fahrer in Rück- und Seitenspiegel, nicht selten, daß die Polis hier Amateurtaxis abgreift. Er wendet sich zu mir um: „If the police...“ „Okay, no problem“, sage ich. Da kommt auch schon meine Zweitbeste mit dem getauschten Geld. Genau abgezählt bekommt er 35 YTL. Hebt unsere Koffer aus dem Gepäckabteil und sieht zu, daß er fortkommt, bevor ihn die Polis packt und ausquetscht: „Nice to meet you -  bye!“ Schon ist er weg. Er hat gut an uns verdient, ein Taxifahrer hätte weniger bekommen.

Fruchtgelee, hausgemachtEinchecken, Security - Warten in der mit Kindergebrüll gesättigten Lounge. Ich bin nicht kinderfeindlich, aber manchmal gehen mir ihre Unerzogenheiten ziemlich auf den Senkel. Ich schieb es mehr auf die Eltern, die Kleinen können kaum etwas dafür. Duty-Free: Turkish Delight? Da denke ich doch lieber an das Fruchtgelee in Sirkeci zurück, das war hausgemacht. 17:25 Uhr geht der Flieger, wieder Tyrolean, anderthalb Stunden nach Wien. Ein schales Bier in Schwechat und die Hoffnung, daß unsere Koffer umgeladen werden, eine gute Stunde später der Flug nach Köln, dort Ankunft gegen Viertel vor Zehn. Also Nachts.

Bus, Taxi: alles klappt. Bis wir jedoch endlich zu Hause sind, ist es 23:30. Eine gute Zeit, versehen mit einem kräftigen Absacker, das Bett aufzusuchen. Doch so ganz sind wir nach diesen dreieinhalb Wochen im Vorderen Orient noch nicht zu Hause.

Ein paar Tage wird es schon noch dauern, bis sich alles gesetzt hat, und wir wieder im Alltag angekommen sind. Kann es sein, wache ich in der ersten Nacht daheim auf, daß ich scharfe Gewürze schmecke, obwohl mein letztes Mahl ein gummiartiges Käsebrötchen in einer Beitz im Schwechater Flughafen war?

Und überhaupt: Warum bellen hier nachts keine Hunde?