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Titelbild - NaxikulturGestern morgen zeigten die Spitzen der Pantoffeln vor dem Bett noch in entgegengesetzte Richtung, eine nach Süden, die andere gen Norden. Dabei sollte es in den Osten gehen, wieder mal China. Jetzt ruckt die Tempoanzeige an der Stirnseite des Abteils im Mag-Lev, wie man hierzulande den in Deutschland gebauten Schwebezug Transrapid nennt, von 430 auf 431 km/h – seine Höchstgeschwindigkeit, die er nach längerem Anlauf und gewagt geneigter Kurvenfahrt, doch ansonsten fast lautlos, auf der etwa 30 Kilometer langen Strecke zwischen Shanghais internationalem Flughafen und dem Geschäfts­viertel dieser Stadt, Pudong, erreicht. Eben gelandet, beginnt schon das erste Abenteuer. China macht Deutsch­land, wo der Transrapid nirgend sonst außer auf einer Teststrecke im abgelegenen Emsland verkehrt, vor, was Tempo ist. Halt – nirgend sonst? Ach, mir fällt ein: neben dem Deutschen Museum in der Bonner Ahrstraße, fast im Vor­garten eines Einfamilienhauses, gammelt das Kopfstück eines Versuchsmusters herum, sogar auf einem stelzigen Schienenstück von etwa zwanzig Metern Länge. Darunter wachsen Brennnesseln und Löwenzahn. Als Normalbürger gelangt man nicht ins Innere des Superzugs, dazu muß sich, wer das will, schon nach Shanghai bemühen.

Beim letzten Besuch vor drei Jahren war die Trasse des Mag-Lev noch im Bau. Doch diese Stadt brodelt und kocht in stetem Wandel, und so findet man selten etwas vor, wie es verlas­sen wurde. Das synkopisch geformte Hoch­haus dort drüben hinter dem Jin Mao Turm: das stand doch beim letzten Mal noch nicht, war noch nicht da - es muß neu sein. Und so geht es uns mit einer Vielzahl weiterer Hoch­häuser - was hat sich seitdem nicht alles verändert!

2.Tag, Samstag 24.09., Shanghai

Beim Anflug eben, aus tiefer Wolkendecke abtauchend, wirkten die vorstädtischen Häuser wie eine Versammlung rot behüteter Wichtelmänner, alle auf etwas Großes wartend: Fenster, Firste und Vorgärten sämtlich in die gleiche Richtung gereckt, vermutlich Süden, wo davor im Licht schon die Häuserreihe der Vorbewohner steht. Ob das der Traum zu Wohlstand gekommener Chinesen ist? Eher nicht, aber so steht es in die Pläne der Baulöwen getuscht, die das vor Jahresfrist billig erstandene ehemalige Acker­land möglichst rasch, platzsparend und ökonomisch mit Wohneinheiten bestücken und gewinnbringend verkaufen möchten. Shanghais Bürger­meister Han Zheng, sein Bauamt und die Banken spielen mit. Nirgendwo auf der Welt gibt es auch nur annähernd eine solche Ansammlung von Baukränen wie in Shanghai. Wer hier nicht innerhalb dreier Jahre seinen Einsatz mindestens verdoppelt, gehört zu den Versagern.

Gelandet sind wir um 11:30 Ortszeit, die Uhr geht hier im Vergleich zu Deutschland sechs Stunden vor. Bis unser Grüppchen die Paßkontrolle durchlaufen hatte, war es halb eins, Mittagessen fiele daher aus. Sagte unsere lokale Führerin, die auch sonst wenig flexibel und kaum einsatzfreudig schien. Nun gut, fast alle fühlten wir uns noch satt vom späten Frühstück im Flieger, der Verdauungsapparat zudem gelähmt von elf Stunden Flug, meist sitzend verbracht, so daß uns allen eher nach Bewegung war. Das Abendessen sollte dafür um so opulenter ausfallen.

Hier scheint es an der Zeit, unser Trüpplein kurz vorzustellen. Es setzte sich aus vier Ehepaaren, ebenso vielen Einzelreisenden sowie unserer guten Dagmar zusammen, letztere die deutsche Reisebegleitung des Veranstalters. Die Namen der Ehepaare (von Nord nach Süd): Elfe und Jakob aus Hannover, Erika und Paul aus Solingen, Denise und Manfred ebenfalls aus Solingen, jedoch südlicher, wie ich mich vergewissert habe, und schließlich wir selbst, Bärbel und Dirk aus Bonn. Daneben die Einzelreisenden (nicht unbedingt Singles): Hannelore und Volker, jeweils aus Berlin, Ingrid aus Halle und Gerlinde aus Unterschleiß­heim. Dagmar kam ebenfalls aus Berlin, so daß die „Ickes“, wenn man mich hinzunimmt, der ich ja in Berlin geboren bin, neben Solingen die größte Fraktion stellten. (H)annover, (H)alle (h)und (H)unterschleißheim waren völlig abgeschlagen. Doch warten wir mal ab. Ich komme im Einzelnen wohl noch darauf zurück.

Der Übergang zu Busbahnhof und betongefaßter Trasse des Mag-Lev führt über das Vor­feld des Terminals und stolperig rohe Betonstufen durch zugige und unfertige Treppenauf­gänge (mit Koffern!) in eine weitläufig lichte Halle, deren Decke auf opulenten, goldfarbenen Säulen ruht. Durch hohe Fenster fällt der Blick draußen auf neue Baugründe, in denen sich vor unseren Augen mindestens hundert Kräne tummeln. Zwischen Gerüsten kurven Laster mit Betonrührwerken umher, indessen drinnen vor den Fenstern Flughafenangestellte und sonstige Befugte, ausgewiesen durch kleine Namenskärtchen an der Brust, an blanken Resopal­tischen sich hastige Schnellmenüs einverleiben. Mit Stäbchen – das kommt ja nun auch auf uns zu.

Vom Ausgang der Kantine geht es rechterhand zu den Schaltern des Mag-Lev. Die lokale Führerin tut sich schwer; durch das Glas des Schalters verlangt man mit quäkender Laut­sprecherstimme unsere Tickets zu sehen, damit wir in den günstigeren Tarif für Flug­reisende fallen: 50 Yuan, etwa 6 Euro. Murrend fischen die ersten drei nach den irgendwo in ihren Rucksäcken vergrabenen Billetts; es dauert eine Weile, dann darf der Rest der Gruppe plötzlich ohne weiteren Augenschein durch die Sperre. Kaum jemand hat bereits Geld gewechselt, und so legt die örtliche Führerin erstmal für uns alle den Fahrpreis aus. Na, wenigstens das.

Am Bahnsteig macht der futuristische Schwebezug auf Schau: minuten­lang verhält er wie eine mächtige Raubkatze mit gleißend auf­ge­blendeten Lichtern draußen im Halb­dunkel der Kurve vor der Einfahrt zur Halle – ein Tiger auf dem Sprung. Ganz gewiß läßt dieser Anblick nicht nur die mit Mythen beladenen Herzen der Durchschnittschinesen höher schlagen; auch wir, als nüchterne Europäer, sind beeindruckt. Und ahnen, warum Shanghais Bürgermeister gerade diesem Transportmittel den Zuschlag gab.

Shanghai TransrapidAls die Silberschlange dann langsam, majestätisch einrauscht, nach Halt und einer winzigen Kunst­pause zischend die Türen öffnet und uns gnädig einläßt, ist es, als betrete man die Halle des Bergkönigs: blaue Polster, eisgraue Wände, und über allem ein sanftes Leuchten. Unsere Gruppe kennt sich noch kaum, verteilt sich daher weitläufig auf die vielen freien Sitze im Waggon, jeder noch Individualist an einem Fensterplatz, dazwischen verteilt eine Handvoll Chinesen.

Weich fährt er an. Und geht sofort auf Tempo. Draußen fliegen Landschaften vorbei, Sümpfe, Vorstadt, Baugelände, er legt sich in Kurven, fliegt über die Trasse, nimmt Fahrt auf und erreicht endlich die Höchstgeschwindigkeit von 431 km/h – whow! Nach wenig mehr als einer Viertelstunde ist alles vorüber. Die Endstation genauso futuristisch wie der Start­bahn­hof. Wir sind in Pudong, draußen wartet unser Bus, nimmt uns und das Gepäck auf. Wie kann er vor uns dort sein? Weil er nicht von einer beamteten Bürokratin nach tief in Urlauberrucksäcken verstauten Flugscheinen eines soeben abgehakten Fluges gefragt wurde. That’s it.

Den Huangpu querend, dessen Brücke von hochaufragenden Pylonen armdicke Tragseile zu beiden Ufern reckt, geht es dreispurig in die Innenstadt. Über ein Gewirr sich kreuzender und gegenseitig übersteigender Hochstraßen gelangen wir schließlich zum Hotel Shanghai, einem Viersterne-Turm im Zentrum. Vielleicht fünf Sätze hat sie dazu im Bus gesagt, unsere lokale Führerin für Shanghai - sie scheint eine Niete. Im Hotel, wo sie sich rasch bis zum Abendessen verabschiedet, beschließen wir, sie nur wenig zu belohnen. Hier wurde auch die Idee geboren, uns alle künftig gegenseitig beim Vor­namen zu nennen. Ich glaube, Hannelore regte das an. Sie ist Lehrerin, da versucht man es in einer neuen Klasse mit Namenskärtchen – wir machten es auf die harte Tour, aus dem Kopf; nach zwei Tagen waren wir miteinander bekannt, auch ohne ID-Tags (also Namenskärtchen).

Da vor dem Abendessen außer Ausruhen vom Flug nichts weiter auf dem Programm steht, beschließen wir, auf eigene Faust die U-Bahn zum Bund zu nehmen, es sind nur drei Stationen, die Beschaffung unserer Tickets bei der fülligen Schaffnerin in ihrem engen Häuschen gleichwohl ein Abenteuer. Der Bund – ein anglo-indisches Mischwort in der Bedeutung von Quai – beher­bergte seit dem 19. Jh. die internationalen Niederlassungen der Kolonialzeit; die meisten der historischen Gebäude stehen heute noch, wenn auch seit der Machtübernahme durch die Kommunistische Partei meist mit anderer Bestim­mung. Heute trägt der frühere Bund den Namen Zhong Shan Nan Lu, zu Ehren von Dr. Sun Yatsen, dem Gründervater des modernen China.

Vom Jing’an Tempel fahren wir drei Stationen bis zur He Nan Zhong Lu. Das Lösen des Tickets, das man vor Eingang in die Unterwelt für drei Yuan (etwa 0,38 €) bei einer unwirsch in einem Kassen­häuschen steckenden Frau erwirbt und in den dafür vorge­sehenen Schlitz der Sperrschranke stecken muß, stellt unsere Dagmar auf eine erste Probe, die sie souverän meistert. Dagmars Vater war Chinese und kam aus Kanton (Guangdong), so geht sie trotz deutscher Mutter fast überall als Einheimische durch und ist ein Glücksfall für uns, da sie in beiden Kulturen und Sprachen beheimatet ist.

Shanghai - Peace HotelTagesluft schnuppern wir wieder auf der Nanjing Dong Lu, der Einkaufsmeile Shanghais, in deren Verlauf der Blick nach Osten direkt über den Huangpu-Fluß auf Pudong mit seinen unzähligen Wolkenkratzern und dem 468 m hohen Oriental Pearl Tower, dem Fernsehturm der Stadt, fällt. Linkerhand passieren wir das ehrwürdige Peace Hotel, ehemals Cathay und Teil des Sassoon-House, in dem ab 20 Uhr die legendäre „Rentnerband“ Swing und Jazz aus den 1940er Jahren zum Besten gibt. Ein Muß für jeden Touristen, leider ist es erst später Nachmittag, und morgen sind wir bereits in Guiyang, so daß unser Grüppchen am Hotel vorbei in Richtung Wasser treibt.

Wer noch nicht hier war, ist erst einmal überwältigt von dem Blick, der sich ihm über den Fluß auf Pudong, das geschäftliche und geschäftig brausende Herz Shanghais dartut. Vor knapp fünfzehn Jahren noch ödes Ackerland und Sumpf, stehen hier soweit das Auge reicht nach täglich veraltender Schätzung zwischen 3000 und 4000 Hochhäuser – dazu rechnet in Shanghai alles, was über mehr als zehn Stockwerke in den Himmel strebt.

Nun der Bund: vorbei an der Hausnummer 13, dem im Tudor-Stil errichteten Zoll­ge­bäude mit (wieder) dem Glockenschlag des Big Ben, einst unter Mao ersetzt durch Laut­sprecher­batterien mit zu jeder vollen Stunde dröhnenden Parteiparolen, und vorbei auch an der Nummer 12, dieser ausladenden Kuppel, worunter ehedem die Hongkong & Shanghai Bank residierte, werden wir gewahr, daß sich die aufdringliche und am Ausgang der Nanjing Lu mehr als lästig erweisende Händlerszene merklich ausdünnt. Hier flanieren nicht mehr genügend potentielle Kunden, die man mit vors Gesicht gereckten Bildpost­karten, billigem Talmischmuck, chinesischen Glücks­bringern und dem bei Verfolgung erkennbarer Nicht­asia­ten wiederholten Ruf „Hello, cheaper, cheaper – how much?“ zu einem sich Freikaufen überreden kann. Die das Geld dazu besitzen, haben sich alle schon gegen­seitig im Gewühl von Touristen und Chinesen vor Pudongs Kulisse am Kopfende der Nanjing Road mittels Digitalkamera und blinzelndem Blick auf deren Monitore fotografiert und sind längst fort. Hier, wo es sich verläuft, ist nichts mehr zu holen. Und so trifft der vereinzelte Ruf „Hello, cheaper“ auf taube Ohren - unsere nämlich. Kaum einer hat schon Geld eingetauscht, doch das wird sich ändern. Schon zeigen einige Frauen unserer Gruppe unverhohlen Interesse an billigen Hals- und Armkettchen, von einem lokalen Stamm namens „Hongkong“ geschnitzt und bemalt. Wir müssen noch viel lernen auf dieser Reise.

In einem Lokal, bereits in der ehemaligen Französischen Konzession, unterhalb der Kai­mauer des Bund zum Fluß hin gelegen, schwappt dessen Wasser knöcheltief zwischen ver­lasse­nen Tischen und Stühlen: alljährliches Hochwasser, aber noch nicht verderblich. Hier kehren wir um. Noch eine Stunde bis zum Abendessen, knurrend macht sich Hunger bemerkbar. Um es gleich zu sagen: das Abend­essen in jenem Restaurant in der Nähe des Hotels fällt keineswegs opulent aus. War ja auch kaum anders zu erwarten, bei dieser guidesse. Weiß nicht, ob es das Wort gibt, aber es würde zu der faulen Person passen wie tristesse zu einer Regennacht in Bochums Straßen.

Im Hotel gibt es ein kitschiges Hochzeitszimmer, verziert mit rosa geschweiften Luft­ballon­girlanden, wo zum Eingang der Nacht noch ein Paar vor der Kamera für Fotos posiert, zum Festhalten des Beginns ihres jungen Versprochenseins. Die Braut in Weiß, obwohl diese Farbe in China traditionell der Trauer vorbehalten ist. Doch in diesem unermeßlichen Land schwimmt alles wie im Fluß, ist in stetem Wandel begriffen. Ein Absacker an der Hotelbar beschließt den langen Tag. Endlich - ausstrecken und nur noch schlafen!

 3.Tag, Sonntag 25.09., Guiyang

Früh erhebt sich eine milchig bleiche Sonne.

Hier, in Shanghai, sind wir weit im Osten. Früh eigens betont deshalb, weil in ganz China die selbe Zeit gilt, und die Sonne im fast zweitausend Kilometer entfern­ten Westen daher vergleichsweise spät aufgehen wird. Nun vergoldet ihr noch tiefstehend gebrochenes Licht Dunstschwaden am Himmel und die Weiten der Hochhaus­wüste vor dem Fenster unseres Zimmers im zehnten Stock. Das vorzügliche Frühstück unten im Restaurant betonen wir auf seinem ersten Namens­teil, und so erkunden wir, noch bevor diese Stadt zu vollem Leben erwacht, die Umgebung des Hotels.

Gleich gegenüber dem Eingang streicht ein blinder Mann in Plastiksandalen und ohne Strümpfe die Erhu, das klassische zweidärmige Saiteninstrument Chinas. Er sitzt auf einem Kinder­stühl­chen, so will es scheinen, aber es ist kein Kinderstühlchen, es läßt sich nur leicht mitnehmen, und so hocken überall in Chinas Städten Menschen auf diesen winzigen Stühl­chen aus quietschbuntem Plastik. Der Mann spielt grauslich, vielleicht weil er nichts sieht. Wahrscheinlicher aber ist, daß er das Spiel mit der Erhu nie wirklich erlernt hat; ich werde noch davon berichten, welch schillernde Vielfalt an Tönen man jenen zwei straff gespannten Katzen­därmen entlocken kann, wenn man es wirklich gelernt hat. Vorerst werfe ich einen Yuan in die vor ihm stehende Plastikschüssel. Das ist wohl viel Geld, aber von irgendwas muß der Mann ja leben, und kleiner hab ich’s noch nicht – doch dann sage ich mir: Alter, du bist kaum zwei Tage in diesem Land und willst dein Gewissen diesem sichtlich Armseli­gen gegenüber mithilfe eines einzigen Yuan leichter machen, für dich lediglich der Gegen­wert von zehn Cent; doch es werden mehr Tage ins Land gehen, und du wirst mehr Bettlern begegnen, vielen, vielen mehr, und irgendwann wird deine Großmut erschöpft und deine Tasche zumeist verschlossen bleiben, nur noch dem allergrößten Elend geöffnet. Sonst würde dein Reisegeld nicht lange vorhalten, da führest du besser gleich nach Haus zurück.

Auf der anderen Straßenseite zerlegen, inspizieren und putzen drei adrett gekleidete junge Frauen die städtischen Leuchten. Zwei auf der Leiter, eine hält Ersatz bereit, immer­hin schon den vom Energiespartyp. Hinter der Straßenbiegung türmt sich zwanzigstöckig Beton und blaues Glas. Davor rostendes Wellblech, zu jämmerlichen Hütten verbaut, mannshoch gestapelt Röhren aus Eisen, für uns unlesbare Parolen auf langen Bannern, schreiende Werbeplakate. Dahinter der Tempel Jing’an, jemand mit einem roten Eimer putzt dessen vergoldete Statuetten und Embleme an den Giebeln, er muß dazu über die Dächer klettern. Näher gekommen, verwehrt eine Wache den Blick hinein - wer beten will, muß zahlen.

Gegenüber der Eingang zu einem der zahlreichen Volksparks Shanghais. Gestern fuhren wir von hier mit der U-Bahn zum Bund. Bestimmt hat dieser einen eigenen Namen, den der Stadtplan aber nicht verrät. Neben dem Eingang in schwarzer Bronze die Skulpturen einer fetzigen Rockband. Interessant, daß die Sängerin das Spielbein nur leicht auf den Boden stützt – den Fuß gehalten in der Form des „Goldenen Lotus“, dem Ergebnis des seit Ende des Kaiser­reichs verbotenen Schnürens des weiblichen Fußes. Sie sind alle sehr mager, die Damen und Herren Musikanten aus Bronze.

Tai Jie - SchattenboxenIm Park Qui Gong und Tai Jie. Zumeist sind die Ausführenden ältere Leute. Qui Gong bezeichnet Körperübungen, die man tänzerisch mit je einem Fächer in Händen absolviert. Tai Jie, uns besser bekannt als Schattenboxen, ist meist eine Solovorführung. Dort, jener alte Herr im blauen Seidenanzug mit den altmodischen Paspelschlingen an der Brust zum Beispiel: blank hält er ein Schwert waagrecht über dem Kopf in der hoch erhobenen Rechten, während links Arm und Bein graziös sich biegen respektive vom Boden erheben. Dann: mit jähem Schwung verlagert er auf einmal Stand- und Spielbein, sirrend fährt sein Schwert durch die Luft, halbiert und schlachtet den unsichtbaren Gegner, bevor der Greis mit den blauen Paspelierungen auf der Brust sich in abgezirkelter Bewegung wieder in sich selbst zurückzieht. Wartend, spähend um und in sich hinein, als treffe ihn gleich erneut die geballte Herausforderung des Kosmos’ und seines vergangenen Kaisers.

Natürlich gibt es davon auch entspanntere Versionen. Hauptsächlich Frauen sieht man, die ohne Bewaffnung die alten rituellen Bewegungen vollziehen. Eine Grotte und indische Putten im Lotossitz locken uns. In diesem – wohl künstlich getürmten - Steingebilde vergißt man völlig, daß drum herum 16 Millionen Menschen wimmeln, leben und arbeiten. Für einen winzigen, leisen Moment ist man hier, zwischen glattpolierten Steinen, unter der Schwere des Hügels darüber und neben sickerndem Wasser, völlig allein mit sich selbst. Dann, entlas­sen aus dem Steingang, hängen Volieren und Vogelkäfige aus Bambus allerorten im Geäst der Bäume, und deren Bewoh­ner trillern und zwitschern, daß einem das Herz aufgeht. Diese gefiederten Sänger gehören meist alten Männern, die das Leben hinter und die Ewig­keit vor sich wähnen. Es gibt hier oben auf dem Hügel des Volksparks – wie hieß er doch gleich? – allenthalben im Geäst der Bäume aufgehängt hinter Bambusstäbe gesperrte Nachti­gallen, deren Gesang als besonders süß gilt. Ist es, weil sie voll Sehnsucht Tag für Tag nach Freiheit zerschmelzen?

Wird langsam Zeit. Um zehn Uhr soll unser Bus zum Flughafen gehen. Geht er aber nicht, weil Paul sich zur Besohlung seiner Schuhe am Straßenrand hat überreden lassen und mit reichlich zehn Minuten Verspätung eintrifft. Zweihundert Yuan prahlt er dennoch, schlappe zwanzig Euro für eine Schuhreparatur - wo kriegst du das noch? Paul ist gemütlich, ein kleiner, behäbiger Mann um die Sechzig mit weißem Stoppelbart, Schirmmütze und meist auf dem gewichtigen Bauch hän­gen­der Filmkamera. Lange Zeit war er in der Kommunal­politik tätig. Den trifft nichts unvorbereitet.

Erika, seine Frau, hingegen flattert. Und endlich am Flughafen noch viel mehr: die beiden haben nämlich eine Flasche Wodka im Rucksack. Das wäre an sich kaum schlimm, bestimm­te Mengen sind ja erlaubt. Aber die Flasche ist aus Glas - das man zerschlagen könnte und die Scherben als Stichwaffen gebrauchen. Also nicht erlaubt, punktum. Was tun? Umfüllen, bedeuten die Grenzer, Plastikflasche. Und wenn nicht zur Hand? Wir anderen, die aushelfen könnten, sind ja längst durch die Sperre. Dann austrinken. Hier weigert sich Paul, der die Flasche eher dem abendlichen Entspannen zugeeignet sehen will – dann hier bleiben, bedeuten ihm die Grenzer. Dagmar, die sich nicht erklären kann, wo die beiden abbleiben, hastet zurück, versucht zu vermitteln, immerhin ist sie der Landessprache mächtig. Ein freundlicher Chinese spendiert daraufhin seine leergetrunkene Wasserflasche, es wird umgefüllt, plötzlich geht alles.

Jenseits der Schranken des Sicherheitschecks dann die Duty-free-Shops: hier kann man – in Schranken der Zollbestimmungen - Schnaps erwerben. Nur in Glasflaschen. Welche man auch mit an Bord nehmen, eventuell zersplittern und als Waffe benützen kann – verrückt und inkonsequent, doch so ist das manchmal auf Reisen.

Quintessenz ist, daß ich vorschlage, künftig doch besser hinter der Sicherheitsschleuse entgegen aller individualistischen Tendenz zumindest solange zusammenzubleiben, bis wir alle hindurch sind. So erspare man sich und Dagmar viel unnütze Aufregung. Das trifft auf allgemeine Zustimmung, und so handhaben wir das fortan auch. Ich glaube, erst von nun an waren wir eine Gruppe, möglicherweise immer noch Individualisten - nach außen aber doch seitdem ziemlich geschlossen auftretend.

Der Flug: knapp anderthalb Stunden, kurz ist der Jangtse-Fluß zu sehen, bevor seine Windungen von den weißen Wattewolken der Troposphäre zugedeckt werden. Erst über Guiyang, im Niedergehen, taucht das Flugzeug wieder daraus auf. Nach Landung und Baggage-Claim haben wir einen neuen Aufenthalt: Gerlindes Koffer ist am Rahmen zerbrochen, die Schlös­ser können das Innere kaum noch bändigen, heraus quellen T-Shirts, Büstenhalter und leichte Pullover. Klassischer Fall von Transportschaden, meint Paul, der sicher auf Dienst­reisen Erfahrungen damit gesammelt hat. Das ersetzen die sofort, ohne Nachweis, behauptet er. Dagmar ist skeptischer, füllt Formulare aus, gibt Antrag ab. Wenn das Malör zu Haus, drei oder vier Monate später, durch die Versicherung geregelt wird, ist das schon viel. Gerlinde stopft derweil ihre Habe in die malade Hülle zurück, die sie notdürftig mit einem von irgendwo gereichten Gurt verschließt.

Guiyang ist die Hauptstadt von Guizhou, ehemals eine der ärmsten Provinzen Chinas über­haupt, und mehr wäre darüber eigentlich nicht zu sagen, wäre da nicht diese unglaubliche Landschaft: es geht das Wort, auf dem Boden Guizhous gebe es keine drei Zoll ebener Fläche. Und so türmen sich denn gleich versteinerten Blasen, aufsteigend aus einem großen Sprudel­bad, die Karsthügel bereits beim Anflug um das karge Rollfeld des Flughafens Long Dong Bao, bedeckt mit krausem Grün. Tatsächlich sind mehr als neun Zehntel der Provinz Guizhou Hügel- oder Bergland.

Das Wort mit den drei Zoll geht übrigens noch weiter: „... und in der Bevölkerung gibt es keinen Menschen, der drei Pfennige Geld in der Tasche hat“. Zugegeben, die Fahrt vom Flughafen nach Guiyang hinein führt durch Vorstädte mit ärmlichen Hütten und grauen drei- bis vierstöckigen Wohnblöcken, Platte, wie man sie überall im ehemaligen Machtblock des Sozialismus’ noch antrifft, und ich frage mich, wo Alan die drei Millionen Einwohner Guiyangs wohl unterbringt, von denen er gerade vorne im Bus durch das Mikrofon redet. Alan ist der uns vom CTS (China Travel Service) zugeteilte Guide für Guizhou. Mit dabei ist ein chinesischer Paul, kaum älter als Fünfundzwanzig, der heute und morgen seine Prüfung als Guide ablegt. Beide erklären in Englisch. Es ist zur Zeit Mode bei jungen Chinesen, sich ausländische Namen, möglichst englische, zuzulegen. Allein der Fahrer, sichtlich kein Intellektueller, klinkt sich da aus: man solle ihn nur Shi Fu Du nennen, sagt Alan, was soviel wie Meister Du bedeute. Meister Du hinter dem Steuer nickt dazu gemessen und scheucht mit der Hupe ein paar spielende Kinder und Hunde von der Straße. Aber mehr als drei Pfennige, das sieht man, hat hier jetzt fast jeder auf der Straße in der Tasche. Guizhou besitzt vielfältige Bodenschätze, und davon profitieren – in der einen oder anderen Form – alle Bewohner dieses früheren Armenhauses Chinas. Manche natürlich mehr als manche, aber es wird immer Gewinner und Verlierer geben, so wie es Interessierte und Uninteressierte gibt. Das ist längst Geschichte.

Es ist 16:00 Uhr. Um die Zeit optimal zu nutzen, schlägt Alan vor, zunächst den einige Kilometer süd­westlich Guiyangs gelegenen Hua Xi Park zu besichtigen und erst dann ins Hotel zu fahren. Hua Xi bedeutet Blumenbach, und der schlängelt sich durch den Park und schafft mit kleinen Seen, Katarakten und lauschigen Ufern eine idyllische Wasserlandschaft. Nahebei, im gleichnamigen Dorf der Buyi, haben sich mittlerweile vier Hochschulen ange­siedelt, wo die zukünftige Intelligenz der Provinz Guizhou ausgebildet wird. Die Dörfler sind erfinderisch, was den Gelderwerb betrifft: einer hat sein Fahrrad so umgebaut, daß es, wenn er die Pedale tritt, als Antrieb einer Trommel auf dem Gepäckträger dient, in der er Zuckerwatte bereitet. Andere bieten – auf primitiven Tischgrills über Holzkohle geröstet – lokale Leckereien an wie kleine Fische, Garnelenspieße, Wurst­stück­chen sowie briefmarken­große gebräunte Tofuplättchen.

Unter einem roten Sonnenschirm hervor preist man Trachten der lokalen Minderheiten von Miao, Buyi, Dong, Zhuang und Yao an. Hannelore, die Lehrerin, interessiert sich eine Sekunde zu lange für die ethnischen Kleider und wird prompt damit kostümiert. Nachdem alles – samt silbergetriebenem Halsschmuck und silberner Kopfhaube – an seinem Platz ist, wirkt sie ein wenig übertakelt, vornehm: overdressed. Solch wunderbare Stickereien und der filigrane Kopf- und Brustschmuck passen doch eher zu einem Mädchen der Miao, die hier die Mehrheit der Minderheiten stellen. Aber Hannelore lächelt; sie hat diese Tracht einmal getragen, und das muß, ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, ein wunderbares Gefühl sein. Niemand aus unserer Gruppe läßt ein Foto der so fremdartig Geschmückten aus.

Hua Xi Park - BadendeDer Park ist nicht überlaufen, und so sitzen allenthalben Angler herum, die Köpfe mit breitrandigen Strohhüten oder Baseballkappen vor einer Sonne geschützt, die sich zumeist am Himmel verbirgt. Liliengewächse an den Ufern blühen in spätsommerlicher Pracht, über die Platten einer verlassenen Go-Cart-Bahn breitet sich Unkraut aus, und es gibt sogar einige Baden­de. Insgesamt eine schöne Einstimmung auf das, was uns fortan im Südwesten Chinas erwartet.

Das Abendessen nehmen wir auf der Rückfahrt nach Guiyang in einem Restaurant ein, in dem kichernde Miao-Mädchen und schwitzende Jungmannen des gleichen Volkes in Fan­ta­sie­tracht bedienen, und wo es mit einem hochgerühmten lokalen Schnaps neben dem Essen mächtig zur Sache geht. Er wird in etwas wie porzellanene Fingerhüte geschenkt, Gott sei Dank. Auch an den Nebentischen schwappt die Stimmung hoch, dort schwenken hauptsäch­lich Chinesen die Tassen, oder vielmehr Fingerhüte. Der internationale Tourismus hat Guizhou noch kaum entdeckt.

Endlich im Hotel, verabreden wir uns, alle ziemlich aufgekratzt, noch zum Besuch des Nacht­marktes der Stadt, wenn erstmal das Nötigste aus den Koffern ist, und man sich wenig­stens einmal mit dem Waschlappen durchs Gesicht und unter die Achseln gefahren ist. Das Hotel nennt sich Miracle Guiyang, Viersterne, erstem Anschein nach ein Geschenk der fernen Zentral­regierung an die aufstrebende Provinz. Später dann werde ich feststellen, daß Miracle Hotels eine Kette in China ist, wie Sheraton oder Holiday Inn bei uns. Es gibt in der Halle einen Pavillon, der für Hochzeiten im Hotel wirbt: rosabunt, Luftballons, Seide, Plüsch, ein Tisch gedeckt für zwei, Wein – eben Stil; die unsäglichen Ballons eher ein Zugeständnis an die immanente Vorliebe der Chinesen für Buntes. Ich habe gelesen, daß es im kommu­nistisch regierten China wieder Familien gibt, die sich solch eine Hochzeitsfeier umgerechnet an die fünfzigtausend Euros kosten lassen. Guter Start für den, der’s hat.

Auf dem Weg zum Nachtmarkt tanzt an uns eine Gruppe junger Leute vorüber, in deren Mittelpunkt ein junger Mann steht: nackte Brust, quer darüber ein Bikinioberteil, die Hosenbeine aufgekrempelt, vom Gürtel baumeln an Bindfäden zwei leere Sprudelflaschen, auf dem Kopf sitzt dem Jüngling eine mittlere Bananenplantage aus Pappmaché, auch sonst ziert ihn so einiges, das ich auf die Schnelle gar nicht registriere. Abschied vom Junggesel­len­stand? Feier eines Diploms? Schon sind die jungen Leutchen vorbei, ausgelassen und fröhlich, wie es sich für dieses Alter gehört. Ich glaube, die Zeit der eisern auf Parteitagen mahlenden Kinnbacken ist auch in diesem Land vorbei. Aber es steht weiterhin in der Pflicht, 1,3 Milliarden Menschen zu ernähren, eine gewaltige Aufgabe, die man kaum an westlichen Maßstäben und schon gar nicht vom Grünen Tisch – oder Tisch der Grünen - aus messen kann. Wer mitreden und fordern will, muß für längere Zeit hier gewesen sein.

Guiyang - NachtmarktAuf dem Nachtmarkt, beiderseits einer der Hauptstraßen Guiyangs unter provisorischen Dächern aus Plastikplanen abgehalten, wird feilgeboten, was man sich nur vorstellen kann. Es gibt nichts, das es hier nicht gibt. Doch, eines: Luxuswaren sucht man vergebens. Alles ist billiger Plunder, kurzlebig: eben Konsumware. Daneben erschwingliche Dienstleistungen, Straßenimbisse, Kleiderbuden. Wo will man hier etwas anprobieren? Vorne Besucher­strom, hinter der Bude Lärm und Scheinwerfer der nächtlichen Hauptstraße. Aber vermutlich ist es so, daß Chinesen bis zu einem gewissen Alter alle die gleiche Konfektionsgröße haben, so daß allen alles paßt, was hier angeboten wird. Westler sollten sich da nicht einmischen und schon gar nicht hoffen, unter all den Fummeln etwas ihnen passendes zu finden. Das wäre illusorisch.

Wenn ich noch etwas Platz im Magen hätte, würde ich gerne von den glühenden Rosten der zahllosen Garküchen entlang des Weges probieren. Sie heizen mit zu Briketts gepreßtem Kohlengrus in Zylinderform, deren Inneres senkrechte Luftkanäle durchziehen. Rotglühend erinnern sie an den zehntorigen Eingang zur Unterwelt – um mal in Chinas Mythenhain zu wandeln. Fast jeder kann sich hier ein Mahl oder zumindest einen raschen Happen leisten.

 Fast. Im Rinnstein, gleich daneben, zwei, Wanderarbeiter, die augenscheinlich nur das besitzen, was sie auf der Haut tragen. Es hätte mal eine Wäsche nötig. Für diese ist selbst solch billiges Mahl kaum erschwinglich. Aber der Wohlstand brandet ja erst in zartesten Wellchen an die Gestade der Provinzhauptstadt, mag sein, daß sich auch hier alles im Zeitraffer bessert wie in den großen Städten des Ostens. China ist jedenfalls auf dem Weg.

4.Tag, Montag 26.09., Huangguoshu

Nach rasch vollzogenem Frühstück brechen wir zeitig auf. Mei­ster Du und sein Bus sollen uns ins 140 km weiter westlich gelegene Huangguoshu bringen, wo sich der gewaltigste Wasserfall Chinas befindet. Die Stadt hüllt sich in morgenrote Dunstschleier, ein einsames Auto hat die sechsspurige Hochstraße vor dem Hotel für sich. Darunter, auf zweiter Ebene, grüne Ampeln, doch kein Verkehr. Sechs-, zehn-, zwanzigstöckige Wohnhäuser mit nur wenigen erleuchteten Fensterhöhlen, vereinzelt stechen die Solitäre von Bürotürmen aus dem gequaderten Einerlei in rotblau geäderten Himmel – Guiyang reibt sich gerade erst den Schlaf aus den Augen. Dafür sind wir um so früher auf den Beinen, heute wird ein langer Tag, hat Alan gestern betont.

Schon bei Abfahrt fallen die runden und fußballartig gezeichneten – aber viel größeren – Gebilde auf den Dächern mancher Häuser auf. Alan erklärt, das Land der Provinz Guizhou bestünde größtenteils aus porösem Kalkgestein, deshalb fände sich Grund- und damit Trinkwasser erst in erheblicher Tiefe, so daß man Regenwasser auf den Dächern in Zisternen sammle. Das seien die Fußbälle, die wir sähen, eine clevere Geschäftsidee, mittlerweile mit Kultstatus in Guizhou; jeder, der es bezahlen könne, wolle so ein Ding auf dem Dach. „It is“, sagt er schmunzelnd, „like Mercedes in your home country.“ Irgend jemand verdiene sich damit eine goldene Nase, das Land sei im Aufschwung.

Als wir aus der Millionenstadt heraus sind, auf die erst kürzlich fertiggestellte Autobahn abbiegen, und das Land wieder bäuerlich neben deren ebenem Band herfliegt, kommt Alan auf die Minderheiten zu sprechen, die hier zu Hause sind. Es sind 13 verschieden Völker, die in meist abgelegenen, tiefen Bergtälern und -schluchten leben, fast noch wie vor hunderten von Jahren. Miao, Yi und Dong sind hier ebenso ansässig wie die muslimischen Hui, Bai und Zhuang. Um Guiyang herum sind die Buyi in der Mehrzahl. Han-Chinesen sind hier (noch) in der Minderheit, was sich erfahrungsgemäß mit zunehmendem Aufstreben der Region ändern wird. Aber die Zentralregierung hat Garantien gegeben hinsichtlich einer autonomen Selbstverwaltung und Unterrichtung der Kinder in den alten Sprachen und Dialekten. Alans familiäre Wurzeln liegen in einem Dorf der Dong, ganz im Süden an der Grenze zur Provinz Yunnan. Er hat es mit Schule, Studium und Berufsausbildung – wie man so sagt – geschafft, und ihm ist die Dankbarkeit und Loyalität der alles lenkenden Zentralregierung im fernen Peking gegenüber anzumerken. Aber wir werden ihn auch noch anders kennen lernen: als Angehörigen seines Volkes, das allein auf eigene Stärke baut.

Die brandneue Autobahn überwindet auf pfeilgeradem Weg Schluchten und Berg­hin­der­nisse über kühne Brücken­bauten und in den porösen Berg gesprengte Tunnel. Links und rechts Ackerbau, haupt­sächlich Reis, Hirse, Bohnen und Mais. Hier und dort erheben sich steil wie Kamelhöcker weißlich graue Karstkegel aus der hügeligen Landschaft, Hinterlas­senschaften eines vor Jahrmillionen brandenden Meeres und seiner Muscheltiere. Alle zehn Kilometer jemand – meist Frauen -, der mit einem Strauchbesen die Autobahn fegt und Papier, Plastikbehälter und sonstigen Müll auf dem Standstreifen zusammenkehrt. Es ist noch nicht soviel Verkehr, daß man nicht rasch zwischen zwei Autos eine aus deren Fenstern geworfene Fastfood-Ver­packung von der Fahrbahn lesen könnte. Ziemlich sinnlos, aber selbst solche Jobs bringen Pfennige in die Region. Und das summiert sich.

Die wenigen Häuser entlang der Straße rasch hingehauene und unverputzte Backstein­schachteln: Autowerk­stätten, Reifenlager und Imbisse, Vorläufer kommender Raststätten und chinesischer ADAC-Clone. Meister Du wird in seinem Kurs auf der Straße von einem Bildnis des Großen Vorsitzenden Mao (dem immer gleichen, wo man es auch sieht: dem des Großen Steuermanns) geleitet, das in einen Strahlenkranz gefaßt und mit Glöckchen verziert von seinem Rückspiegel hängt und bimmelt und die Sicht nach vorn behindert. Aber Meister Du kennt die Strecke sicher im Schlaf und weiß, wo sich Engpässe oder dunkle Tunnels vor seinem Gefährt auftun. Was ihn mehr zu betrüben scheint, ist, daß er etwa alle fünfzig Kilometer an Mautstellen aufgehalten wird. Das hätte Mao nie erlaubt. Aber er verdient einigermaßen, auch das hätte es unter Mao für seinesgleichen kaum gegeben. Wozu also noch den Großen Steuermann im Blick? Sagen wir mal, aus Tradition. Und weil man nie weiß, ob er nicht doch zurückkehrt. Der Kaiser ist zwar weit, aber er hat einen langen Arm.

Huangguoshu hat sich – wie es scheint – fast industriell auf die Ausbeutung seines Natur­schatzes eingerichtet. Die Autobahn ist hier nicht zu Ende, doch kaum jemand fährt weiter. Von jeder Kehre, in der die Abfahrt nach Huangguoshu sich zu Tal windet, sind die riesigen, an Seilen dümpelnden Ballons zu sehen, die den Parkplatz begrenzen: grellbunt nicht zu übersehen in einer grün und gelassen sich gebenden Natur. So mögen es die Chinesen. Auch die Fanfaren und das schrille Geschrei, mit der uns die videogesteuerte Werbetafel vor dem Eingang zum Naturpark empfängt: auf in die Moderne!

Am Rande der Moderne sitzen Frauen der Bouyi mit der charakteristisch gefältelten blauen Ballonmütze auf dem Kopf, betrachten skeptisch das Treiben um sich und bieten neben Obst auch buntes Plastikspielzeug feil. Beides geht gut. Das Obst kommt aus eigenem Anbau, das Spielzeug aus Hongkong. Wash it, peel it or forget it, diesen Spruch kennen und beherzigen alle ausländischen Touristen, die zudem selten Kinder mit sich führen, so daß fast alles, was die Bouyi-Frauen verkaufen, an chinesische Touristen geht. Dabei sind sie selber Chinesen, aber man sieht ihnen die Schwierigkeit an, das in den Kopf zu kriegen. Vermutlich kehren sie abends in die Höhen ihrer Dörfer am Lauf des dort noch recht stillen Flusses zurück und überschlagen den Tages­gewinn: Haben wieder ganz schön was gebracht, diese verrückten Fremden!

Bevor man sich dem Naturwunder nähert, passiert man einen Park voll hundertjähriger Bonsai­bäumchen, darunter das Urgehölz Gingko Biloba, welches der Gelehrte Go Dse Fu Zi (Meister Goethe) in so wunderbaren Ver­sen besang, mit typisch chinesi­schen Zutaten: einem rinnenden Gewässer, darüber hinweg führenden Marmorbrücken, den runden Öffnungen von Mondtoren sowie Stelen, die auf Erbauer des Parks und die Götter hinweisen, denen er gewidmet ist.

Wasserfall HuangguoshuEine steile Treppe mit tausend Stufen führt anschließend am Berghang hinunter, und mit jedem tastenden Schritt auf glitschig sprühnassen Felstritten wird die Luft feuchter und der Donner des zu Tal stürzenden Wassers dröhnender, bis endlich der Pfad von digital­knipsen­den Chinesen versperrt ist, und hinter wassertriefendem Urwaldgrün sich ein erster Blick auf den so mächtigen Fall dartut: mehr als 80 Meter breit und fast ebenso hoch stürzt er schäumend zu Tal, und man kann kaum glauben, daß es Zeiten geben soll, zu denen er so wenig Wasser führt, daß sogar der in den Fels gehauene Pfad hinter seinem Vorhang von hier aus zu sehen ist. Jetzt gibt es nur noch eins: sich gegen die Massen einander vor diesem Schauspiel ablichtender Chinesen zu behaupten und weiter zu Tal, ins Auge des grandiosen Falls zu drängen. Wer hier noch nicht bis auf die Knochen naß ist, wird es spätestens, wenn er die Stufen im Dämmerlicht hinter der Wasserwand emporklimmt, um auf gleicher Höhe mit dem stürzenden Element ans Tageslicht zu taumeln. Noch vor wenigen Jahren war unten, wo das Naß schäumend in sein neues Bett findet, endgültig Schluß, und man mußte umkehren. Heute läuft man gleichermaßen im Rundweg um und sogar durch den Fall hindurch und muß keinen Weg zweimal gehen.

Dort, wo die Touristen erschöpft und nahezu auf Augenhöhe mit dem feuchten Dämon zurück­blicken, haben sich – unvermeidlich - Händler gesammelt und bieten Trachten nebst Schmuck der Bouyi an – wunderschön, doch wer kann so etwas zu Hause schon tragen, es sei denn als etwas pittoresk ethnischen Bademantel? Man staune: der Absatz ist beträcht­lich, selbst an Besucher aus der westlichen Welt. So sie nur weiblich und an die Fünfzig sind. Man wird diese Trachten, so steht zu vermuten, mitsamt des Silberschmucks wohl in ein­schlägigen esoterischen Zirkeln und Selbst­findungs­gruppen wiedersehen. Sofern man sich dorthin begibt, was längst nicht Jedermanns Sache ist. Aber schön sind sie doch, hier wie dort.

Der Rückweg führt über eine schwankende Hängebrücke. Ein Wächter läßt nur jeweils eine gewisse Anzahl Besucher passieren, damit sich das etwa zweihundert Meter lange Takelwerk unter deren Schritten nicht aufschaukelt und aus der Verankerung reißt. Auch in China gibt es mittlerweile den gesetzlich verbrieften Regreßanspruch, obwohl solcherart Strandende nur in knapp anderthalb Meter tiefes Wasser fielen - allerdings aus zehn Metern Höhe und darunter Fels. Zurück zu Parkplatz, Markt und Restaurant gibt es zwei Wege: den über die glitschigen Stufen, die man eingangs herabgestiegen ist oder über eine hundert Meter lange Rolltreppe, deren Benutzung aufwärts zwanzig Yuan, also etwa zwei Euro kostet. Das ist es uns wert, denn gerade beginnt unser Äußeres zu trocknen und muß nicht unbedingt noch einmal in Gischt und Nebel der Treppenstufen gebadet werden. Abwärts, so lesen wir oben, kostet das stehend Gerolltwerden nur fünf Yuan, für Chinesen zwei, aber abwärts kam uns niemand entgegen, selbst Chinesen nicht. So ist dieser Teil der Roll­trep­pe scheinbar als Fehlinvestition anzusehen.

Die zweite „Goldene Woche“ um den ersten Oktober und Tag der Revolution (neben der ersten um den ersten Mai und Tag der Arbeit) kommt allerdings bald, und da wird sich die abwärts führende Rolltreppe schon füllen: dann haben alle offiziell angestellten Volksge­nos­sen dieses riesigen Landes nämlich gemeinsam Urlaub, und die passen kaum gemeinsam auf die glitschige Felstreppe hinab zum Fall. Übrigens: was „Goldene Woche“ bedeutet, werden wir selber sehen, am Emei Shan, einem der vier heiligsten buddhistischen Berge Chinas, der am 3. oder 4. Oktober auf unserem Routenplan steht (siehe dort).

Bis zum Parkplatz unseres Busses vermeintliche Idylle: blau gekleidete Groß­mütter der Bouyi mit Enkeln an der Hand; geschnitzte Holzfiguren, Hausgötter der hier Lebenden; immer wieder Kinder, die abseits der Verkaufsstände, nur ab und zu von einem Blick ihrer beschäftigten Mütter gestreift, in selbst­ver­gessenem Spiel aufgehen. Auf dem Busbahnhof Ankommende, Abfahrende, die Geschäfte wittern oder hinter sich haben. Kohlehaufen vor den Häusern der hier Bediensteten, Frauen, die auf winzigen Schemelchen hockend, in Plastikschüsseln zu ebener Erde die Wäsche ihrer Familien waschen; dieselbe, aufgehängt an Stangen vor offenen Fenstern; darunter Pflanzen­grün, inmitten schleichende Katzen auf Mäusejagd; und immer wieder an Hauswände oder über Mauern hinge­lehnt der traditionelle Wischmopp, stets andersfarbig und überall im Land zu finden: ich habe ihn „Pümpel“ getauft, eine, obwohl bereits anderwärtig vergebene, doch diesem Zweck angemessene und treffende Bezeichnung für ein Reinigungsgerät, das, tausendfach zu finden, ganz China rein­zu­halten scheint. Ich will nicht sagen, daß ich ein Pümpelfetischist bin, doch findet sich dieser Mopp auf vielen meiner Fotos, solo wie auch als Ansammlung, wenn auch meist mehr oder weniger versteckt. Ich habe, so scheint es, wohl eine gewisse Affinität zu diesem seltsamen Gegenstand entwickelt, seit ich China bereise.

Huangguoshu - TerrassenfelderIm Bus fragt Alan durchs Mikrofon, ob wir oben im Restaurant oder lieber im Dorf unten am Fluß in einem einfachen Imbiß essen wollen. Imbiß, schallt es unisono zurück. Dorthin geht es auf wenn auch gewundener, so doch zunächst genügend breiter Straße für Meister Du und seinen Bus. Im Dorf wird es schwieriger: da verstellen schon mal der eine oder andere Ochsenkarren oder auch eine Hausecke den Weg hinunter ans Wasser, wo sich besagter Imbiß auf engstem Raum etabliert hat. Um kein Risiko einzugehen, läßt Meister Du uns aussteigen, bevor er den Bus in einem haarsträubenden Manöver zwischen den Hütten wendet und in Gegenrichtung zur Abfahrt bereit endlich an eine lehmfarbene Häuserwand lehnt. Danach zündet er sich gelassen ein Zigarettchen an, indessen wir alle ihn beklatschen, schließlich aber doch Alan folgen, der uns den Weg zum „Imbiß“ weist.

Dieser zeigt sich als Freiterrasse mit Tischen und Stühlen direkt am rauschenden Auslauf des Wasserfalls, ein herrlicher Blick, aber wer keine geräuschfeste Blase besitzt, den zieht es zuerst aufs Klo, plumps. Hinter grüngemalten Bambusgittern hervor kann man im Hocken auf den Wasserfall schauen – whow!

Wie in China üblich, kommt das Essen rasch auf den Tisch, es ist einfach und schmackhaft. Nur an den hochgerühmten Tee, der es stets begleitet, mag ich mich nicht gewöhnen – er schmeckt wie Spülwasser. Vermutlich muß er das, denn ihm ist die Aufgabe zugedacht, die Zunge vor jedem Gang frei zu spülen und auf das kommende Geschmackserlebnis vorzubereiten. Traditionsgemäß werden ebenso viel Gänge serviert, wie Gäste am Tisch sitzen. Das kann bei dreizehn Personen (was den Chinesen keine Unglückszahl ist) leicht in Völlerei ausufern. Deshalb setzt man uns auch meist an zwei Tische. Die chinesischen Reiseleiter speisen übrigens nie mit uns gemeinsam, entweder hungern sie oder bekommen in der Küche ein Extrawürstchen. Um noch einmal darauf zurückzukommen: statt Tee befeuchte ich mein Inneres lieber mit dem durchweg vorzüglichen chinesischen Bier, dessen Vorbild das Reinheitsgebot der ehemals deutschen und kaiserlichen Brauerei in Tsintao ist. Statt Braugerste verwendet man allerdings zumeist Reis.

Ein anderes Kapitel ist trockener Wein (aus Trauben), den meine Zweitbeste bevorzugt. Zwar wird in China Wein angebaut und auch gekeltert, doch nur wenige Restaurants führen ihn, da sein Geschmack nichts für chinesische Gaumen ist: die mögen es möglichst süß. Mit viel Glück erhält man in Sterne-Hotels glasweise die Marken Great Wall und Dynasty, in Restaurants entweder gar nicht oder nur flaschenweise. Was sollen sie sich das Zeug auch angebrochen hinstellen, das niemand mag außer den Langnasen. Und so trinkt auch meine Zweitbeste immer öfter das ihr eigentlich verhaßte Bier zu den warmen Mahlzeiten. Zumal das erste Glas in jedem Restaurant während dieser Reise inklusive ist - ein schöner Brauch, den man auch bei uns im Westen einführen sollte.

Im Bus verspricht uns Alan als Ausgleich für das einfache Mahl noch den Besuch eines nahegelegenen Dorfes der Bouyi, einem der Thai-Stämme, bevor wir nach Guiyang zurück­kehren. Dieses scheint bis auf einige Kinder und alte Frauen wie ausgestorben, denn alles im Alter dazwischen holt derzeit die Reisernte auf den Feldern ein. Diese ziehen sich terrassen­förmig von den auslaufenden Hängen der Karstberge herab ins Tal und entlang der Ufer des Flusses, der in seinem Oberlauf den Wasserfall speist. Vom Dorf, das hoch über den Feldern liegt, bietet sich dem Auge ein bezaubernder Blick auf die mit ihren Rändern der Gelände­form in Grün und Gold folgenden Reisterrassen, die leider bereits trockengelegt sind. Bis vor kurzem, wo sie noch voll Wasser standen, muß deren sich spiegelnd um den Berg gewunde­ner Anblick einem Märchen gleich gewesen sein, den die meisten von uns nur aus Bildbän­den kennen.

Jetzt, da der Reis trockengelegt ist, wird er mit hakenförmigen Handsicheln geschnitten und in Bündeln zum Trocknen ausgebreitet. Wenn die Sonne die Rispen mürbe gemacht hat, schaffen die Bauern große, sargähnliche Holzkisten auf die Felder, über deren Ränder sie die Bündel ausschlagen und so die Frucht gewinnen. Das Stroh wird anschließend zu Garben gebunden und in etwa einen Meter hohen Hocken aufgestellt, die mit ihren kurzen Köpfen und weiten Röcken Figuren ähneln, wie wir sie vom Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spiel kennen. Sobald das aufgestellte Stroh die letzte Feuchtigkeit verloren hat, wird es mit Ochsenkarren als Wintervorrat in die niedrigen Scheuern gebracht. Jetzt aber tragen Männer den Reis in gelben Säcken ins Dorf hinauf, meist zwei auf einmal auf dem Rücken, eine schwere Last.

Das Dorf ist verschachtelt um einen in Stein gefaßten Bach herum angelegt, seine Häuser bestehen aus roh behauenem Kalkstein der Umgebung, die Dächer meist aus Schiefer. Kleine Brücken führen über den in Dorfmitte munter plätschernden Bach ins Innere der kühlen Häuser. Manche ihrer Fensterhöhlen sind vergittert, kaum eine ist verglast. Vielleicht stellt man im Winter, der in dieser Region nicht besonders hart ausfällt, einfach Holzläden davor, um den Wind abzuhalten. Irgend­wo in der Dorfmitte ein im Freien auf zernarbter Beton­fläche aufgestellter Billardtisch, über dessen zerstoßenen grünen Filz bei Bedarf eine Plane gezogen werden kann. Weitere Annehmlichkeiten für die Bewohner sind nicht auszu­machen, das glitzernde China der Städte ist seiner abgelegenen Dörflich­keit noch fern und fremd, und über die Hand voll Häuser wuchert ein regenwaldgrüner, feuchtheißer Urwald.

Ein alter Mann flicht auf den Stufen seines Hauses Schilfkörbe und bindet Reisigbesen. Die jungen Leute, die jetzt auf den Feldern sind, besitzen stinkende Motorräder, zwei- oder auch dreiräderig, letztere für Lasten, um den Reis auf den Sammelstellen abzuliefern. Aber auch, um Hühner, Enten und Schweine auf dem Markt der nächsten Stadt zu verkaufen, getreu dem Ausspruch Deng Xiaopings, der in Nachfolge des Großen Steuermanns sagte, es sei egal, ob die Katze weiß oder schwarz sei, Hauptsache, sie fange Mäuse. Und so kommt der Fortschritt langsam aber stetig auch bis in abgelegenste Täler – was nicht immer all seinen Bewohnern recht sein dürfte.

Meister Du hat auf der Straße vor dem Dorf mehrmals gehupt, und fast alle sind wir wieder im gefrosteten Innerem seines Busses versammelt, der mit laufendem Motor wartet: klar, sonst kühlt die Klimaanlage nicht. Einer jedoch fehlt: Volker. Fortan wird er, der Lehrer aus Berlin und nach eigener Aussage Grüner vom Scheitel bis zur Zehe unser besonderer Liebling werden. Denn nebenbei ist Volker auch ausgemachter Egoist, der sich einen Dreck um die Belange der Gruppe kümmert: Gruppenreisen seien sowas von ätzend, nie hätte er sich solch einem Gebilde angeschlossen, wenn nicht die Preise für Einzelreisen so exorbitant teuer wären – exorbitant, sagt er. Notgedrungen habe er deshalb, so gibt er uns bei Gelegenheit zu verstehen, die Gesellschaft unserer Gruppe in Kauf nehmen müssen, um seinen Chinatraum verwirklichen zu können – so einer ist Volker, der grüne Lehrer aus Berlin.

Jetzt sucht Alan in der beginnenden Hitze des Nachmittags im Dorf nach ihm, Meister Du betätigt mehrmals die Hupe, und ein paar von uns pfeifen außerhalb des Busses lautstark und gellend durch die Finger, nach dem vermeintlichen Mitglied unserer Gruppe, von dem wir bislang noch nicht ahnen, daß es das nicht sein möchte. Alles zieht sich hin, einem Auto entsteigen zwei Polizisten und bedeuten Meister Du mit Handzeichen, er dürfe hier nicht länger stehen, und warum er denn unentwegt die Hupe betätige, das sei doch untersagt, ob er denn das Zeichen am Ortseingang nicht bemerkt hätte?

Meister Du wiegelt ab, läßt den Bus im Leerlauf zwanzig Meter weiter in eine Parkbucht unterhalb des Berghanges rollen. Pfiffe gellen weiterhin über das Dorf hinweg, denn Pfiffe, nicht wahr, sind ja nicht am Ortseingang auf Schildern verboten; ein Trupp Frauen kommt an die offene Bustür, um Obst zu verkaufen, die Polizei fährt weiter - aber trotzdem ist alles nervös. Alan kommt sichtlich aufgelöst zurück und berichtet, er habe den Vermißten nirgend­wo im Dorf entdecken können. Da, wie aus dem Nichts, kommt der, vergnügt die Kamera schwenkend, die Straße herauf. Bei den Feldern unten am Fluß sei er gewesen, ein paar tolle Fotos habe er geschossen, ob wir die mal sehen ... nein? Na, vielleicht ein ander Mal. Von ihm aus könnten wir abfahren, läßt er seinen Rucksack in den Platz hinter dem verdutzten Meister Du plumpsen und fällt selbst schwergewichtig daneben. Niemand, selbst Alan nicht, traut sich etwas zu sagen. Der kleinste Lufthauch, so steht zu befürchten, würde eine fürchterliche Explosion auslösen, und das will denn doch niemand leichtfertig auf seine Kappe nehmen – noch nicht. Wir haben Volker, das Ekel, ja gerade erst von einer seiner besten Seiten kennen- und hassen gelernt, das will erst noch durchdacht werden, bevor man Konse­quen­zen daraus zieht.

ReisernteAlan gibt Meister Du den Wink, abzufahren und sinkt auf dem für ihn bestimmten Platz daneben wie eine fadenlose Marionette in sich zusammen. Das frischernannte Ekel schießt im Abfahren noch rasch ein paar Fotos durchs Fenster von nebenherrennenden Kindern, bevor es sich die Kapuze übers Gesicht zieht und pennt – der Bus ist starr: hat man sowas schon gesehen? Hannelore, um die Sechzig, selbst Lehrerin aus Berlin und offensichtlich mit dem Typen bekannt aber nicht verschwägert oder sonstwie versippt, wir kennen sie bereits, versucht tuschelnd abzuwiegeln: der Volker sei sonst ganz patent, nur manchmal ... wer’s glaubt, wird selig. Der und patent? Da lachen ja die Hühner. Während der Fahrt zurück festigt sich unsere Meinung über ihn, und die ist – zumindest hinter vorgehaltener Hand – nicht gerade freundlich. Aber man will ja nicht ... Das hingegen sehe ich ganz anders. Auf einen groben Klotz und so weiter. Egal ob er Lehrer ist oder sonstwas, ich hab’s nicht mit Sparten. Aber wie er die Gruppe in die Mangel nimmt und damit auch mich – dagegen hab ich was, absolut. Das laß ich ihm nicht durchgehen, falls er es nochmal versuchen sollte. Wo sind wir denn.

Vom Stereotyp Scheißlehrer, wie Paul, der gewesene Politiker es später am Abend unbe­wußt im Beisein der Lehrer Hannelore und Volker am Absackertisch im Hotel formu­lieren wird, bin ich meilenweit entfernt. Nicht jedoch von Scheißkerlen wie Volker. Der wird von mir bei Gelegenheit noch Zunder kriegen, das sehe ich kommen. 

Auf dem Rückweg läßt Alan nach etwa einer Stunde an einer Raststätte halten, angeblich, falls jemand austreten muß. Wie zufällig hält Meister Du direkt vor einem weiß gekachelten Ladengeschäft, in dem massenweise aus Zuckerrohr hergestellte Süßigkeiten angeboten werden: Fabrikverkauf eines staatlichen Betriebs, in dem sich auch die Toiletten befinden. Ein Junge reicht jedem von uns Aussteigenden eine weiße Plastiktüte, die vermutlich für die Einkäufe gedacht ist. Wir sind fast alle im Alter, daß wir Enkel haben könnten, und so kaufen auch einige besonders chinesisch wirkende Drachen- und Tigerfigürchen aus braunem Zucker als Mitbringsel für die Kleinen daheim. Ich verspüre keine Notdurft, habe weder Enkel noch mache ich mir etwas aus Süßem. Also zerknülle ich die weiße Plastiktüte in der Hosentasche und vertrete mir die Beine. Ein alter Mann der Bouyi untersucht die Mülltonnen nach Verwertbarem. Zum Schutz seiner recht angegrauten Jacke trägt er eine Schürze und Ärmelschoner, beide aus blauem Stoff. Ein weißgrauer Schäferhundmischling umkreist ihn zögerlich witternd, traut sich jedoch nicht näher an den mürrischen Greis heran. Brauchbares wirft dieser in einen rostigen, zweiräderigen Handkarren, Essenabfälle bekommt – nachdem der Alte daran geschnuppert hat - der Hund, der gierig danach schnappt und ausnahmslos alles würgend in sich hinein schlingt, ohne dabei den scheuen Abstand zu seinem Gönner zu verringern. Vermutlich entstammen beide dem selben Dorf, eine Haßliebe.

In Anshun, einer schmutzigen Kreisstadt an der Autobahn zurück nach Guiyang, läßt Alan erneut hinter einer Einfahrt in einem verkommenen Hinterhof halten. Hier stehen schon mehrere Busse – also wieder Pflichtbesuch eines staatlichen Betriebes, diesmal einer Teppichweberei. Mich belehrt man gleich nach Betreten des Ladens, daß Fotografieren nicht gestattet sei. Was soll ich dann hier, also mache ich kehrt und sehe mich lieber draußen um. Dieser Hinterhof ist sehr lebendig.

HinterhofwerkstattIn einer Art Garagenwerkstatt schweißt jemand an einem Bus herum. Überall rostiges Eisen, Getriebeteile, Farbreste und Lachen ölschillernden Wassers. Trotzdem lacht man mir freundlich zu, als ich das alles fotografiere. Nebenan stehen Backsteine bereit, eine Frau mischt mit der Schaufel am Boden Zement, Wasser und Sand zu Mörtel. Daneben ein Mann mit Arbeitshandschuhen, der ihr zusieht und geruhsam sein Zigarettchen pafft: vermutlich der Maurer, der hinter der mit rotgoldenen Glückssprüchen umrandeten Tür zu irgend etwas Ladenähnlichem eine Mauer hochziehen soll. Die Stirn der Frau glänzt von Schweiß. Ein Mann in schmierestarrendem Arbeitsanzug kommt auf dem Fahrrad, steigt ab, gesellt sich zu den Leuten in der Garage. Dem Aussehen nach eher Schornsteinfeger, könnte es der mobile Pannendienst der Werkstatt sein, einiges Werkzeug samt der aus einer geschwärzten Holzkiste auf dem Gepäckträger des Rades ragende Fettpresse legen dies nahe. Ab wann ist im Westen eigentlich die Fettpresse zum Abschmieren von Bolzen und Kugellagern der selbstschmierenden Mechanik gewichen – so in den Siebzigern mit Erfindung synthetischer Öle und Sinterlagern? Eher noch früher.

Von weiter vorne, gleich hinter der Durchfahrt, kommt in Intervallen höllischer Lärm. Eine hydraulische Presse stanzt dort, von einem Arbeiter im Blaumann gefüttert, winzige Teilchen aus Aluminiumblechen, die der Mann der Maschine von Hand zuführt. Nichts ist gesichert, die Elektrik des schweren Stempels liegt frei, und käme der Mann mit der Hand in die Maschine, hämmerte die wohl unbeirrt weiter. Mit einem Paar neuer Arbeitshandschuhe wäre es für den Armen dann kaum getan. Dahinter, im Halbdämmer der kellerähnlich anschließenden Halle, werden unhandliche Gußkörper von Graten befreit, gereinigt und zum Transport gestapelt. Noch viel tiefer hinein kann man nicht sehen, doch in stetem, metallischen Schlag dröhnt es aus der nur spärlich erleuchteten Gruft. Das ganze ähnelt einer Eisen­gießerei und erinnert an Menzels Gemälde „Das Eisenwalzwerk“, entstanden 1875. Über all diesem Lärm, Dreck und Gestank stapeln sich auf zehn Etagen noch Wohnungen. Auch dies ein scharfer Kontrast zu den klinisch sauberen Vorzeigebetrieben der Städte im Osten Chinas. Man muß beides gesehen haben, um sich ein Urteil zu bilden. Bald wird auch wieder zur Weiterfahrt gerufen, niemand hat einen Teppich gekauft.

Auf der neuen Autobahn kaum Verkehr. Die Leitplanken und Verkehrsschilder sind in Lindgrün gehalten, und so erinnert das Drumherum an das Aseptische eines Operations­saales. Die Siedlungen und Dörfer entlang der Piste hingegen sprechen eine andere Sprache: sie versinken in Qualm und Grus der minderwertigen Kohle, die hier gefördert wird. Oft­mals unter primitivsten Bedingun­gen, ab und an steht in den Zeitungen davon zu lesen. Da in der Region Quecksilber, Aluminium, Blei, Zink und andere Metalle gefördert werden, blühen Bergbau und Metallur­gie, beide benötigen also Kohle als Energieträger. Und so ist der illegale Kohleabbau ein einträgli­ches Geschäft mit wenig Risiko, sofern man sie, wie vor hundert Jahren, auf den Rücken unterbezahlter Kulis zu Tage fördert.

Am Abend, wieder in Guiyang, Essen in einem Restaurant, wo ein Koch mit öligen Fingern aus Nudelteig hauchdünne Fladenlappen zieht, die ein anderer zu gefüllten Teig­taschen verarbeitet und in siedendem Fett ausbäckt. Anschließend im Hotel beim Absacker dann Pauls schon weiter oben beschriebener Fauxpas, die Lehrer betreffend. Nachdem Hanne­lore sich in einem scheuen Satz als Lehrerin outet, relativiert Paul seine Aussage: er meine nicht alle Lehrer sondern nur bestimmte. Typisch Kommunal­poli­tiker, die Kernaus­sage bewußt schwammig zu halten. Aber, setzt er wieder an, und hebt bedeutungsvoll sein Glas zu Hannelore: es gibt diese Schleim­scheißer! Was er sogleich anhand von Beispielen aus seiner Praxis als Vater belegt. Was soll Hannelore machen – auch sie erhebt ihr Glas auf die Schleim­scheißer, die es wohl überall gibt.

Volker, der arrogant grinsend im Hintergrund sein Glas zum Munde führt, kennen wir bislang nur als Querulanten. Daß auch er Lehrer ist, sagt er aus gutem Grund nicht, denn Paul führt ein scharfes Mundwerk. Wir werden es später von der beamtet pensionierten Hanne­lore unter der Hand erfahren. Das macht es nicht besser.

5.Tag, Dienstag 27.09., Guiyang - Chengdu

Heute ist um acht Uhr Abfahrt, denn bevor der Flieger nach Chengdu aufsteigt, haben wir noch allerhand vor. Ersten Halt machen wir am Qianling Park. Auf dem weitläufigen Gelände betreibt allerlei Volk das Schattenboxen (Taiji) oder Qigong. Ersteres ist eine Art gymnastischer Tanz und wird häufig mit einem oder zwei bunten Fächern in Händen ausgeführt. Qigong bezeichnet eine alte Kampfkunst, deren Übungen mit oder ohne Waffen, meistens Säbeln oder anderem Tranchiergerät, aus­geführt werden. Beides soll die Einheit von Körper und Geist stärken. Ein anderer beliebter Sport ist das Treiben von speziellen Kreiseln aus Metall mit Hilfe einer Peitsche. Das zylinderförmige Gehäuse weist Luftschlitze auf, die dem Kreisel je nach Geschwindigkeit ein sirenenartiges Geheul entlocken, während er seine Bahn zieht. Etwas Ähnliches kannten wir als Kinder unter dem Namen Brumm­kreisel, hier wird dieser Sport meist von gestandenen Männern und Frauen betrieben, Kinder schauen neidisch zu.

Outdoor-Kalligraphen, so will ich sie für mich nennen, tuschen mit dickborstigen Pinseln an langen Stielen Schriftzeichen aus Seifenlauge aufs Pflaster, die dem Kundigen uralte Gedichte oder daoistische Weisheiten offenbaren. Sie sind die chinesischen Pflastermaler, nur Ignoranten trampeln auf ihren Kunstwerken herum. Da es in Guiyang kaum Ausländer gibt, sind die meisten Ignoranten eilige junge Chinesen mit Handy am Gürtel, von denen es mittlerweile auch hier, in einer der ehedem ärmsten Provinzen Chinas, reichlich gibt.

Über 382 Stufen führt der „Neun-Biegungen-Pfad“ den Qianling-Berg hinauf, wo sich am dicht bewaldeten Berghang das „Kloster des Großen Glücks“ (Hong Fu Si) befindet. In Wirk­lich­keit schlägt die Treppe von unten nach oben nur acht Haken, mag sein, ihr ist einer bei der Einrichtung des Parks zu ihren Füßen abhanden gekommen. Dort hängen an manchen Bäumen Holzkäfige mit Amseln und Chinesischen Nachtigallen, der wie Augäpfel gehütete Besitz alter Männer, die hier ihren gefangenen Lieblingen frische Waldluft und den Gesang in Freiheit lebender Vögel zukom­men lassen. Weiter oben tummeln sich Makaken. Man sagt, es seien über 500 der possierlichen Äffchen auf dem Berg, sie erbetteln von Passanten Obst und andere Snacks. Auch Chips verschmähen sie nicht, nur die pappigen Reste von Burger­brötchen finden sie nicht so oberaffengeil.

GranatäpfelVon der zweiten Biegung der Treppe genießt man einen herrlichen Ausblick auf den malerischen See, der sich durch den Park zieht. Den Weg hinauf säumen weißmarmorne Statuen buddhistischer Heiligkeiten, deren Gliedmaßen rote Seidenbändchen zieren. Auch Büsche oder Bäume in ihrer Umgebung sind solcherart geschmückt. An mancher Weg­bieg­ung ein Pavillon mit Schrein und heiligem Schriftzeichen, vor dem andachtsvolle Menschen Räucher­stäbchen entzünden und in ein Aschebecken gesteckt ausglühen lassen. Mönche in brauner Kutte auf wackeligen Stühlen richten wachsame Augen auf das Geschehen. Einer popelt auch verstohlen an den Knöpfen seines cell phones (Handy) herum, wahrscheinlich vertreibt er sich die Langeweile bei einer Partie Tetris oder minesweeper.

Das Kloster empfängt mit prachtvoll verzierten Pagodendächern, die sich dichtem, grü­nem Laubdachhimmel entgegenrecken. Gleich hinter der letzten Treppenstufe die Kloster­ebene, darauf als erstes eine bemalte Wand, auf der sieben Drachen aus ihren Mäulern Wasser in den Fluß des Lebens speien. In der Flußmitte ein Buddha, das ganze eingezäunt. Außen am Zaun, direkt vor dem Buddha, eine Metalltafel mit verwischtem rotem Schrift­zeichen. Alan erläutert uns: Man müsse sich auf den fünfzehn Meter davor befindlichen, ausgetretenen Stein stellen, das Gesicht Buddha und Schriftzeichen zuwenden und ganz fest die Augen schließen. Sodann Schritt um Schritt mit vorgestreckten Händen auf das Zeichen zugehen. Wer es berühre, dem winke ewiges Glück und ein langes Leben. Wie es aussieht, segnen wir alle über kurz oder lang das Zeitliche, denn fast jeder, der es versucht, landet mehr oder weniger weit entfernt vom verheißenden Schriftzeichen mit den Fingern auf den metallenen Stäben des Zauns. Nur einem Kleinkind mit windelgewickeltem Po winkt das ewige Glück: von der Mutter angestoßen, watschelt es torkelnd und tolpatschig vielerlei Haken schlagend mit vor die Augen gezogenem Mützchen dem Zaun entgegen – erst im letzten Moment seine Wendung zum Glückszeichen, fröhlich krähend patscht das kleine Händchen darauf, das andere zieht die Mütze von den Augen. Da sehen wir Alten alt aus. Glück und Zufriedenheit dem jungen Erdenkind, möge es hundert Jahre alt werden!

Das Kloster besteht aus mehreren eng ineinander verschachtelten Gebäuden, innen wie außen von außer­ordentlich farbenprächtigen Schmuckelementen geziert. Ihr Anblick verlei­tet zu Andächtigkeit und Stille. Hier, wenigstens für die kurze Dauer seines Aufenthalts auf diesem heiligen Berg, kann der Mensch nur gut sein, geht mir durch den Sinn. Und nicht nur mir, stelle ich nach kurzem Blick in die Gesichter rings um mich fest. Wer hier herauf kommt, sucht. Und findet - jeder anderes, jeder seins.

Kloster Hong Fu SiHeiligenfiguren schauen aus kunstvollen Schreinen freundlich durch Fensterglas auf den Besucher. Nur die blauhäutigen, grimmig wirkenden Dämonen und Geister hängen frei und unverglast seitlich an den Tempelwänden. Vom Innenhof fächelt milder Wind den grauen Rauch der Kerzen und Räucherstäbchen aus den glimmenden Kohlebecken um Schreine und davor Betende. Nebenan erhebt sich überlebensgroß aus einem algengrünen Wasser­becken die vergoldete Statue des nach Shakyamuni kommenden neuen Buddhas Maitreya, das Becken säumt der überdachte Gang zu einer kleinen Stelensammlung, die dem Gedenken verstorbener Äbte und Mönche des 1672 gegründeten Klosters gewidmet ist.

Alle Bäume innerhalb der Klostermauern sind mit vielfältig um die Äste geschlungenen Schleifen aus roter Seide geschmückt. Sie enthalten aufgedruckte Bitten und Gebete an die Götter. Sogar einem geknoteten Taschentuch hat jemand geheime Wünsche anvertraut – vermutlich eine Frau, chinesische Männer nämlich sind Weltmeister im geräuschvollen Hochziehen und Ausspucken von Körpersekreten aus dem Rachenraum. Ihr Argument, das sie angewi­der­ten Europäern entgegenhalten: So wie ihr es macht, alles in ein Tuch zu schneuzen und diesen Auswurf dann tagelang in der Hosentasche mit euch herumzutragen – findet ihr das appetitlicher?

Zumindest überdenken sollte man es, bevor man wieder mal die Langnase rümpft über solch als typisch chinesisch eingestuftes Verhalten. Meine Zweitbeste zum Beispiel saß im Flieger von Frankfurt nach Shanghai zehn Stunden neben einem jungen, sehr redseligen und freundlichen Chinesen, der Gesprächspausen dazu nutzte, verstohlen hochzuziehen und das Ergebnis seiner inneren Reinigung in die jedem Sitz eigene Spucktüte zu entsorgen. Ich hatte nicht sonderlich auf ihren Nachbarn geachtet, wunderte mich jedoch, als sie plötzlich den ebenfalls zur Sitzausrüstung gehörenden Kopfhörer aus der Verpackung polkte, in die vorgesehen Buchse stöpselte, sich dessen Bügel demonstrativ über die Ohren zog und anschließend im Bordfunk nach einem möglichst lauten Klassikprogramm suchte. Musik über Kopfhörer ist sonst nicht ihre große Leidenschaft. „Ich kann es nicht mehr hören!“ tuschelte sie in mein fragendes Gesicht. Auch eine Lösung.

Junge Frauen der Buyi, ihre schlafenden Kinder in farbenprächtig bestickten Tüchern auf dem Rücken, besuchen das Kloster. Freundlich weisen braun gewandete Mönche ihnen den Weg zu Tempeln und Schreinen, deren Götter ihrem Anliegen behilflich sein könnten. Auch Greisin­nen sind mit den Müttern gekommen, um Schutz für die Nachkommen zu erflehen. Gleich neben dem Eingang sitzt unter einem Schirm ein junger Mann, der einem skurrilen Beruf nachgeht: mit haarfeinen Pinseln malt er die Namen seiner Kunden oder jeden ande­ren beliebigen kurzen Wunsch in chinesischen Schriftzeichen auf Reiskörner, versenkt diese in einem kaum bleistiftdicken, flüssigkeitsgefüllten Glasgefäß, das er mit Kleber verschließt. Ein roter Faden ist dabei, an dem man den Talisman um den Hals tragen kann.

Auf dem Weg bergab wieder der Tetris spielende Mönch. Man sollte das einmal so sehen: vor Mao und auch jetzt wieder war und ist es üblich, daß zumindest ein Kind jeder Familie Mönch wurde. Damals, vor der Kulturrevolution, waren die Klöster voll, und auch jetzt füllen sie sich nach erlaubtem Aufbau wieder zunehmend mit Anwärtern auf das geachtete Amt des Mönchs. Nicht jeder jedoch, der aufgenommen wird, glänzt durch unwiderleglich bewiesenen Glauben - es werden auch einige Opportunisten darunter sein. Das aber ist, so denke ich, in jedem Kirchenverein der großen Weltreligionen gang und gäbe. Keine führt in ihren Reihen nur Heilige. Und vielleicht dient dies Spiel am Handy, welch letzteres mittler­weile fast weltweit die Gebetsperlenkette ersetzt, ja der Sinnesschärfung – zum Beispiel zur Abwehr von unerwünschten, grausamen Dämonen. Dann hätte es seinen Zweck erfüllt.

Qi GongUnten, im Park am Qianling-See, wird noch getanzt, werden Fächer geschwungen und heulende Kreisel über das Pflaster gepeitscht. Alan, der uns am Fuß der „Neun Biegungen“ erwartet, scheint erleichtert, alle seine Schäfchen beisammen zu haben, denn einige hatten den geraden Weg abwärts, ohne jede allegorische Schleife und Kehre, genommen und waren bereits am Bus, als wir anderen oben noch Namen auf Reiskörner malen ließen.

Nach kurzer Fahrt durch die Nordstadt stoppt Meister Du seinen Bus am Fahrbahnrand, läßt uns aussteigen und fährt weiter zu irgendeinem Parkplatz in der Nähe. Wir stehen am Kai des Flusses Nan Ming im Osten der Stadt, von wo durch ein dreiflügeliges Tor die weiße Marmorbrücke zum berühm­ten „Pavillon des Ersten Gelehrten“ (Jia Xiu Lou) führt. Dieser, dessen Vorgänger eine Feuersbrunst vernichtete, wurde 1689 wieder errichtet und ragt nun zwanzig Meter über dem Fluß auf. Es gibt dort ein Teehaus, versteckt liegende Schreine, und auch Mao fristet auf einer Schriftrolle in einem der Andachtsräume noch ein bescheidenes, verstaubtes Leben. Alan, zum heutigen Zweck des Pavillons befragt, erklärt, daß Schulklas­sen hierher Ausflüge machten, er sei eine Art Begegnungsstätte, auch für ältere Leute. Dabei sieht er uns nicht an. Zudem, sagt er, sei dies ein beliebter Touristenort, zumindest für Chi­ne­sen. Ausländer wie uns gäbe es ja noch nicht so viele, doch das werde sich bald ändern, in der Provinzregierung arbeite man daran. Hier, er könne uns was zeigen: jenes wasser­gefüll­te Messinggefäß dort, auf dessen gewölbten Rand zwei kupferne Bügel gelötet seien – ob sich jemand fände, der allein durch Reiben der Bügel das Wasser im Gefäß in Wallung versetzen könne?

Klar. Jeder versucht es, meist ohne Erfolg, höchstens kräuselt sich die Wasserfläche. Bis Paule kommt. Der reibt die Dinger mit den ausgebreiteten Handflächen. Zuerst kräuselt sich das Wasser am Rand der Schüssel, dann in ihrem Inneren, schließlich tanzen zentimeterhohe Fontänen an bestimmten Stellen aus dem Wasser, und Paul läßt befriedigt und von allen beklatscht ab von seinem Tun. Als Kommunalpolitiker hat er gelernt, die Volksseele durch Reden zum Kochen zu bringen. Weshalb sollte nicht auch hier, im symbolischen Wasser­glas, der Sturm durch simples Handauflegen (und etwas die Reaktion beschleunigendes Reiben) funk­tio­nie­ren? Na also, geht doch. Immer noch. 

TeehausEigenartig mutet der Kontrast an, in dem der Gelehrtenpavillon von einst zu seinem nun groß­städtisch geprägten Umfeld steht: rundum belagert durch moderne Architektur, die beliebig unter allen Metropolen Chinas austauschbar scheint, im Getöse einer Drei­millionen­stadt, behauptet er doch so etwas wie Kontinuität und Ruhe und lädt zu innerer Einkehr ein. Solange man dies, denke ich, nicht vergißt oder verdrängt, werden die Bewohner des asiati­schen Raums westlichem Streben nach wirtschaftlicher Weltmacht immer eine Länge voraus sein. Der Westen, entblößt aller Ideale und nur noch Idolen anhängig, wird sich erschöpfen in seinem Kampf, während sie lachend im Teehaus oder Tempel Atem holen für die wirklich großen Geschäfte – die künftig weltentscheidenden. Asien besitzt die dafür nötige Kraft, die dem Westen der Welt, und damit uns, weitgehend verlorengegangen ist. Schier unglaubliche Lasten in Packen und Bündeln verschnürt schultern zwei stämmige Frauen, die zufällig des Weges kommen. Wir Westler sehen und fotografieren sie als Kuriosität, für die Betroffenen ist es Alltag. Wir werden uns noch wundern.

Beim anschließenden Mittagsmahl ist Alan nicht dabei, wird endlich abseits von Küche und Essen, brütend durch die Gardine des Restaurants auf die Straße darunter, entdeckt. Durch Dagmar erfahren wir: vom gleichen Flughafen, aber getrennt von uns, fliegt er heute nach Nanning, etwa 500 km südlich von Guiyang, von wo aus ihn der Bus in seine Heimat, ein Dorf der Miao, bringt. Es ist der erste Flug seines Lebens. Alan, der Redegewandte mit seinem der Princeton University zwischen New York und Philadelphia als zugehörig identi­fi­zierten amerikanischen Dialekt, war noch nie aus diesem Land, China also, heraus, alles was er weiß, hat er hier gelernt. In seinem Dorf hat ein Feuer gewütet, das es zur Hälfte zerstörte, er bringt gesammelte Kleidung und andere Notwendigkeiten in verbeulten Papp­kar­tons dorthin, manch einer von uns drückt ihm beim Abschied mitfühlend einen Geldschein in die Hand. Wir, angehörig dem wilden Westen, lechzen nach guter Tat. So unglaubhaft es klingt: dies ist heute Alans erster Flug. Wir wünschen ihm alles Gute.

Im Flughafen von Guiyang bleibt nach Passie­ren der einschlägigen Kontrollen genügend Zeit, dies und bisher Erlebtes dem Tagebuch anzuvertrauen. Oder auch nur dem Gedächtnis, doch irgendwann wird man aufschreiben müssen, was man des Aufbewahrens wert erach­tet.

Der Flug nach Chengdu dauert eine Stunde und findet bei guter Sicht statt, falls man von der allgegenwärtigen Smogglocke über China absieht. Relativ also. Noch relativer ist, daß wir auf all unseren Flügen bislang nicht einen erlebten, auf dem die Sicht nach unten nicht durch eine Tragfläche oder zumindest Turbine gemindert wäre. Ich bin versucht zu glauben, daß Flugzeuge nach Aufnahme der Passagiere auf geheimnisvolle Weise ihr Erscheinungs­bild ändern, solcherart nämlich, daß sie unter sämtlichen Fenstern Tragflächen ausfahren und an ihnen Turbinen knospen lassen, ohne welche kein Abheben möglich scheint. Ich muß zugeben, daß diese Theorie sich kaum beweisen läßt, denn von außen besitzen alle größeren Maschinen nur zwei große Flügel, sie ist daher mehr empirischer Art. Schaue ich aber aus einem der schätzungsweise zweihundert Bullaugen, so erhebt sich jedes Flugzeug auf schätzungsweise annähernd der gleichen Anzahl Tragflächen in die Luft. Denn unter meinem Fenster ist garantiert eine, welche das Anfertigen blaustichiger Fotos unserer guten Mutter Erde in höchstem Maße einschränkt. Es sollte jemand eine Dissertation des Inhalts erarbei­ten, wieviele Tragflächen ein Flugzeug zum Stehen auf dem Rollfeld im Gegensatz zu dessen Fliegen in der Luft benötigt. Darauf wäre ich wirklich gespannt.

Gegen 16:15 Uhr Landung auf dem Rollfeld von Chengdu, Hauptstadt einer Provinz, die sich rühmt, die meisten Faulpelze zu besitzen: Sichuan. Man spricht dies „Sezuan“, was Bert Brecht in dem Stück „Der gute Mensch von Sezuan“ lautschriftlich bereits vor einem halben Jahrhundert seinem Publikum nahebrachte. Dies endet übrigens mit der sehr interessanten Sentenz eines scheinbar ratlosen Regisseurs vor herabgelassenem Vorhang an die Zuschauer: Wir stehen selbst betrübt und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen. Typisch Brecht? Zum Ende der Reise werden wir, so ist zu hoffen, mehr darüber wissen.

Sichuan kann beschrieben werden als die etwa 500 m hohe Ebene des fruchtbaren „Roten Beckens“ im Osten der Provinz, so benannt vom deutschen Geografen Freiherr von Richt­hofen wegen seiner charak­teristischen, vom hohen Eisengehalt rotgefärbten Erde, durch die sich vier Flüsse ziehen: Jianling Jiang, Fu Jiang, Tuo Jiang und Min Jiang, weshalb es auch Vierstromland genannt wird. Die genannten Flüsse speisen allesamt den Jinsha Jiang, im späteren Verlauf Chang Jiang genannt oder – populärer durch das umstrittene Staudamm­projekt bei der Stadt Yichang – Jangtse, durch dessen Schluchten die Touristik drei- bis fünftägige Flussfahrten zwischen den Millionenstädten Chongqing und Wuhan unternimmt. Im Westen wird dieses Becken begrenzt durch die steil aufragenden und auch heute noch kaum zugänglichen Gebirgszüge des ehemaligen Osttibet, der Region Kham, welche noch weiter westlich in das tibetische Hochland und den Himalaya übergeht. Stellt man sich eine ostwärts gehaltene Kohlenschaufel mit hohem Rand vor, so hat man eine anschauliche Vorstellung der Provinz Sichuan.

In der Vorhalle des Flughafens ragt ein Hüne aus der Masse jener Chinesen, die dort auf Ankünfte Angehöriger oder avisierter Geschäftsleute warten. Es ist Hu Wei, unser örtlicher Reiseleiter des CTS, nicht unbedingt eine vertrauenerweckende Gestalt. Daß er als erstes im Bus unsere Pässe einfordert, stimmt bedenklich. Ein europäischer Pass werde hier mit etwa fünftausend Yuan gehandelt, erklärt er lächelnd, umgerechnet sind das sechshundert Euro. Andererseits ermun­tert er uns genauso lächelnd, nachdem er sich und den Fahrer, Herrn Wang, einen ebenso korpulent wie selbstsicher in sich ruhenden Menschen, vorgestellt hat, ihn doch Uwe zu nennen; das entspräche am ehesten der Aussprache seines Namens. Auch auf der Fahrt ins Stadtinnere von Chengdu wird uns dieser Typ nicht durchsichtiger; er relativiert seine Witze und Spötteleien nicht – sind sie also gemeint wie gesagt?

Auch Dagmar dringt nicht zu ihm durch, fühlt sich durch seine Spötteleien angefeindet, kehrt irgendwann frostig die angegriffene Frau heraus, die sich zähnezeigend behaupten muß. Kein guter Anfang für die kommenden sechs Tage, die wir und Uwe noch zusammen­bleiben. Im Hotel, das haben wir gelernt, gibt man die Pässe ab, wird registriert, bekommt sein Zimmer zugewiesen und erhält den Pass zurück. Nicht bei Uwe. Zimmer ja, Pass nein. Ich habe sie verkauft, erklärt er grinsend auf Nachfrage von Ingrid, der immer schwitzenden ehemaligen Apothekersfrau aus Halle und hebt, als sich leichter Protest aufbauen will, begütigend wedelnd die Arme: Ist alles in Ordnung. Gehen wir erstmal essen!

Das Essen ist gut und scharf – wie versprochen Sichuanküche mit rotem Pfeffer, einer Landesspezialität. Auch ohne Pass begebe ich mich anschließend vom Hotel auf die Straße, in der Suche nach einigen Flaschen möglichst kühlen Bieres und dem urbanen Leben von Chengdu. Beides kommt mich an, und ob ich einen gültigen Pass besitze, ist mir anschlie­ßend ziemlich scheißegal, als ich – kaum eine halbe Stunde lang – mich in dieser zumindest nachts glitzernden Provinz­metro­pole treiben lasse, in deren Zentrum immer noch Tausende von Menschen auf Fahrrädern, Motorrollern und in hupenden Autos unterwegs sind. Die vor Ampeln wartenden Fußgän­ger­pulks, zu denen ich zähle, gar nicht mal gerechnet.

Ich überlege, was wäre, setzte ich mich jetzt zu jenen stumpf apathischen Gestalten, ver­mut­lich Wanderarbeiter, etwas abseits in den Rinnstein und teilte meine soeben erstandenen zwei Flaschen Bier mit einigen von ihnen – nein, das kann man nicht. Ich besitze Geld, Kreditkarte und Anrecht auf einen Schlafplatz im nahen Viersterne-Hotel Min Shan, sie nur die Hoffnung auf morgen, auf Arbeit für ein paar Yuan. Davor bißchen Ausruhen in der Gosse, die allmorgendlich von städtischen Sprengwagen gespült wird, was sie hochtreibt. Sie würden nichts verstehen, außer der Geste hingereichten Biers, und ich nichts von ihrem Elend, das sie vermutlich in einer nicht mal den Han-Chinesen dieser glitzernden Metropole, geschweige denn mir geläufigen Minderheitensprache an mein Ohr tragen wollten. Nein, daraus wird nichts.

Gehe ich lieber ins Hotel, leere die zwei Flaschen auf das Wohl meiner bereits leise schnarchenden Zweit­besten, und erwarte den kommenden Morgen in Beruhigung gesicher­ter bürgerlicher Existenz. Erst dann kommt wohl manchem – so auch mir -, wie gut er doch mit seinem Leben dran ist.

6.Tag, Mittwoch 28.09., Chengdu - Jiuzhaigou

Fünf Uhr am Morgen - unangenehmes Wecken über’s Telefon: Hi, this is your wakeup call... Ein Computer, wer sonst wäre um diese Zeit schon wach! Hätte schlimmer kommen können, wenn unsere Gruppe gestern nachmittag nicht noch den Plänen Herrn Wangs, unseres dickli­chen Fahrers, widersprochen hätte: zwölf Stunden bräuchte man bis Jiuzhaigou, ließ er durch Uwe verlautbaren. Da sei man am besten um Drei aus den Federn, um Fünf ginge es mit gepack­ten Koffern los. Nach Adam Riese wäre unsere Ankunft am Ziel dann gegen siebzehn Uhr, eingeschlossen kein Frühstück und eine miserabel durchwachte Nacht, in der kaum jemand ein Auge zukriegte: wir protestierten. Mit Dagmars beharrlicher Hilfe einigten wir uns schließlich trotz Murrens Herrn Wangs auf zwei Stunden später; so ging es erst um sieben nach ausgiebigem Frühstück los. Ich glaube, daß der Mensch ohne Frühstück zu fast allem fähig wäre – nicht jedoch, sich auf eine zwölf­stündige Reise in die hintersten Bergwelten des Riesenreichs der Mitte zu begeben, ohne zumindest Spiegeleier mit Speck als wärmendes Tagespolster im Magen zu verspüren. Nebst Kaffee, selbstredend, auch wenn er schlecht ist, wie in China üblich. Das bißchen europäische Kultur will man doch beibe­halten, selbst in diesem fremden Land. Es kommen, so verspricht der organisierte Reiseablauf, auch schlechtere Zeiten, denen man jetzt wohl kaum vorgreifen müßte.

Der kleine dicke Herr Wang neben dem Bus inhaliert einen tiefen letzten Zug aus seiner Zigarette, tritt sie aus und steigt hinter’s Steuer. Uwe, mit Einmeterneunzig unübersehbar, winkt Nachzügler aus dem leerem Hotelfoyer in den Bus, und los geht’s. In den Straßen brennen noch die Lichter, China umfaßt vier Zeitzonen, per Parteibeschluß gilt jedoch im ganzen Land die Beijing-Zeit. Dies bedeutet, daß es hier im westlichen Landesteil noch stockfinster ist, wenn über der Hauptstadt bereits das Taggestirn aufsteigt.

Erst mal lassen wir die Stadt hinter uns, dann geht es stetig nach Norden: 450 km, entlang des Min Flus­ses durch Schluchten, nebelverhangene Gebirgsmassive und über kurvige Straßenabenteuer, von denen wir gottlob noch nichts ahnen. Hinter beschlagenen Scheiben huscht Dschungel­grün vorüber, während unser Bus sich rappelnd aus der fruchtbaren Ebene des Sichuaner Roten Beckens auf die tausend Meter der Ausläufer des Qionglai Gebirges emporquält. Tief unten das silbrig gezackte Band des Min Jiang; drüben, am anderem Ufer, schraubt sich eine Straße ähnlich unserer den Berg hinauf, feucht glänzend im Morgendunst.

Wir passieren unübersichtliche Baustellen und windschiefe Wellblechhütten, in deren Schutz Straßenbauarbeiter im Stehen ihren Reis mit Stäbchen aus irdenen Schalen essen oder andere mit eingezogenen Schultern rauchen und miteinander palavern. Immer wieder langsame Lastwagen vor uns, die Herr Wang in waghalsigen Manövern überholt. Wichtiger als Brems- oder Gaspedal scheint dabei die Hupe, jedenfalls bedient er sich ihrer ausgiebig und gern. Überwiegend sind diese Lkws blau und transportieren schwarze Kohle, oft als Grus, weniger in Brocken, in Kehren und an den Rändern der Kurven häuft sich verlorene Ladung schwarz­blau auf dem Asphalt.

Tief unten quert eine zerbrechliche Hängebrücke den Min Jiang, darüber stürmt in fast sechs­facher Höhe der Beton einer neuen Fahrbahn, getragen von Pfeilern, nach genauester Berechnung in die Flanken der Berge gesenkt. Den notwendigen Kies hat man dem Flußbett entnommen, das die neue Brücke überspannt, so hoch, daß es ihn sich sogar bei schlimmster Überflutung nicht zurückholen kann. Wund und von Reifenspuren durchfurcht liegt das ausgebeutete Kiesbett in einer Kehre des reißenden Flusses, dessen nächstes Frühjahrshoch­wasser den Rest der Steine mit sich forttragen und die hinterlassenen Narben einebnen wird.

Kleine Ortschaften säumen auf Anhöhen geschützt die Flussufer. Strommasten tragen dessen Energie über die Bergkämme bis in fernste Seitentäler. Es heißt, das Wort der Partei sei selbst im abgelegensten Dorf via Satellit und TV zu empfangen, und dazu braucht man eben Strom. Vielleicht auch für die eine oder andere Maschine und Licht in Wohn- und Schulhäusern.

Erster Halt an einer obskuren Betonruine ohne Seitenwände, jedoch mit einer Handvoll abgewetz­ter Ledersessel bestückt, die sich Raststätte nennt. Zwei Frauen betreiben das Etablissement, wohl hauptsächlich auf durchkommende Lkw-Fahrer ausge­richtet. Einen unschätzbaren Vorteil hat dieses Unternehmen jedoch auch für uns: es bietet auf lange Sicht das letzte Wasser-Closett an dieser Strecke. Fortan wird es in deren Verlauf nur noch in den Boden gehackte Löcher ohne Spülung zum Verrichten der Notdurft geben. Ihren bestialischen Gestank darf man sich freimütig ausmalen. Erst im Hotel am Ziel werden wir wieder den Komfort westlichen Standards genießen. Hier verlangen die Unternehmerin­nen einen halben Yuan (5 Jiao) für die Benutzung. Es gibt zwar Münzen und sogar Scheine dieses Werts, doch niemand hat so etwas parat, 5 Jiao entsprechen 5 Cents. Also ersteht, wer ihn nicht als Trinkgeld geben mag, für den Rest ein hartgekochtes, braunes tausendjähriges Ei aus der Schüssel auf dem kleinen Ofen oder etwa auch ein bekannt grünes Päckchen Wrigley’s Spearmint Kau­gum­mi mit Angabe der Inhaltsstoffe in chinesischen Schriftzeichen.

Uwe winkt in den Bus, Herr Wang legt den Gang ein und steuert wieder auf die Piste. Es geht stetig bergauf. Paul besitzt eine Armbanduhr mit integriertem Höhenmesser, nach einer Stunde zeigt sie 1500 m an. Die Luft wird merklich klarer, der Nebel verliert sich in engen Seitentälern. Eine von jagenden Wolken angefeindete Sonne läßt hin und wieder matte Strahlen über die Landschaft huschen, bis sie letztlich die Oberhand gewinnen; es klart auf.

An einer Tankstelle mit rotem Pagodendach in einem Straßendorf ist nächste Rast. Frauen bieten Obst feil und hüten im Arm ihre Kleinkinder. Man kann austreten, doch Luxus wie letztes Mal stellt sich hier nicht mehr ein. Die Zapfsäule geborgen unter Pfeilern aus rotem Marmor und Pagodendach, das Klo jedoch ein stinkendes Loch im Boden ohne Spülung; alle Fahrer der hier längs der Straße parkenden Lkws tragen neueste Klapphandys von Samsung oder LG am Gürtel, leisten sich in der Cafeteria zum Frühstück Muffin oder Big Mac aus der Mikrowelle – zum Kacken hocken sie sich wie vor tausend Jahren über das Loch. Das soll mir mal einer erklären.

Uwe versucht es in einem weiten Anlauf. Dabei erfahren wir, daß er nach seiner Kindheit als Mönch ins Kloster ging, irgendwo nordöstlich von Beijing. Seiner Mutter zuliebe trat er aus dem Orden wieder aus und versuchte sich in einem anständigen Beruf, sprich, einem der Geld bringt; das kam damals, als Mao schon eine Weile tot war, in Mode. So verfiel er auf die Touristik, studierte in Beijing und erklärt uns nun durchs Bordmikrofon, weshalb sich Chi­ne­sen vor solchem Abort nicht ekeln: sie kennen schlicht nichts anderes, jedenfalls nicht auf dem platten Land. Und sie halten uns Europäer, weil wir uns bei diesem Geschäft auf Stühle setzen, die womöglich noch warm vom Hintern des Vorgängers sind, für die eigentlichen Barbaren. Und überhaupt: Wasser ist knapp, auch gibt es, außer in großen Städten, kaum Abwassersysteme; wenn, dann wird es noch mindestens ein halbes Jahrhundert erfordern, bis westlicher Standard im ganzen Land erreicht ist. Ihr, die Europäer, sagt Uwe, habt genau so lange dafür gebraucht. Wenn der Chinese mit weißem Sanitärporzellan Geld verdienen kann, wird er das auch tun. Nur lasse man ihm Zeit dafür. Noch ist er nicht soweit.

Als wir dazu  schweigen, übernimmt Dagmar das Mikrofon und erzählt uns einfühlsam von Mao und seinen Frauen, und daß er ein absoluter Machtmensch war, ein neuer Kaiser, nur eben in der Uniform der Blauen Ameisen, der nichts neben sich und seinen Ansichten duldete. So verschloß sich China im vergangenen Jahrhundert unter seinem Regime erneut dem Westen, brach sogar mit dem Großen Bruder UdSSR und ging eigene Wege, gipfelnd in den Schrecken der Kulturrevolution und deren Mordbrennerei und Zerstörungswut. Erst langsam erwacht das Reich der Mitte wie aus Trance und besinnt sich von neuem auf seine Kraft. Egal, sagte Deng Xiaoping, Maos Nachfolger, ob die Katze schwarz oder weiß ist – Hauptsache, sie fängt Mäuse. Nun aber, da es sich öffne, explodiere China, erinnert Dagmar, und wisse vor lauter Katzen kaum wohin – ja, man müsse ihm wohl Zeit lassen, diesem nach Rußland, den USA und Kanada viertgrößtem Land der Erde. Es werde seinen Weg schon finden, auch ohne unsere Ratschläge. Derweil sie das sagt, weiten sich vor unseren Augen Flußtal und Bergwelt, und die blauen Gipfel im Hintergrund wachsen zu mächtig angehäuf­tem Fels. Pauls Uhr zeigt zweitausend Meter Höhe, immer noch folgen wir dem Lauf des hier breit und wild schäumend sich zu Tal zwängenden Min Jiang. 

In Songpan, einer mittleren Kleinstadt an der gewundenen und vielbefahrenen Strecke nach Lanzhou, machen wir Mittagsrast, in einem Hotel. Der Ort schlängelt sich entlang des Min Jiang, Kradtransporter, beladen mit Gemüse und Lkws mit Kohlengrus und Erdaushub zerteilen den Ort in zwei unruhige Hälften, von deren einer es schwierig ist, in die andere zu gelangen. Anwesende Polizei kümmert sich nicht um den Verkehr, fordert lieber den Gewer­be­schein armseliger Bauern aus den Bergen, die aus der Kiepe auf gebeugtem Rücken Äpfel oder anderes Obst verkaufen möchten. Die Leute hier benutzen eine einfache Stabwaage, an deren einem Ende in einer Schale das zu wiegende Gut hängt, während man am mit einer Skala versehenen anderen Ende ein Gewicht verschiebt. Diese Anordnung dürfte kaum zu eichen sein; wenn man den Faden, mit dem das nach dem Hebelprinzip arbeitende Gerät vom Mittelfinger des Bedieners herabhängt, nur um Millimeter auf dem Stab verschiebt, stellen sich erstaunliche Ergebnisse ein. Offensichtlich können fingerfertige Verkäufer ihre Kunden hervor­ragend damit bescheißen.

Radfahrer am Rand dieser Straße sind in beiden Richtungen Legion. Ein stahlhelmähnlich behüteter Motorradfahrer mit verbissenem Gesicht in Anzugjacke und mit Stulpenhand­schuhen nietet mich fast um, als ich mich zu einem hautnahen Foto auf der Mittellinie der Straße postiere. Im Vorbeiknattern grinst er: schade, daß ich im letzten Moment zur Seite sprang, scheint sein Blick zu sagen. Vor dem ihm nachfolgenden Lkw räume ich lieber das Feld, ohne die Züge dessen Fahrers hinter der schmutzigen Scheibe erkun­den zu wollen.

MittagspauseDie Bedienungen im Restaurant: alle gleich gekleidet in rote Leibchen und Röcke, dazu weiße, bestickte Blusen, das schwarze Haar streng gescheitelt und mit weißgrauer Schleife im Nacken gebunden – Individualität schleicht sich erst durch rotbraune Strähnchen im Haar hier und dort in ihre uniformierten Reihen. Songpan hat vielleicht einige Zehntausend Bewoh­ner, die zum Großteil von Handel und Verkehr mit den rückständigen Leuten in den Bergen leben mögen. Modisch stechen sie naturgemäß nicht besonders hervor. Nur diese entlang Vorder- und Rückseite der Ober- und Unterschenkel grau verwaschenen Jeans, eine häßliche Mode aus den Staaten, die sind auch hier, eben erst kreiert, schon zu Haus. Nur eine Frage der Zeit, wann sie auch die Berge erobern, lange vor den sanitären Einrichtungen westlicher Bauart. Es mag ihnen selbst noch nicht aufgegangen sein, doch Westen und Osten haben die Chinesen längst als Konsumenten entdeckt, und die sind willig auf deren Zug gesprungen. Fraglich, wie lange sich die Partei noch hält. Sie wird es schwer haben.

Die Frauen unserer kleinen Reisegesellschaft scharen sich nach dem Essen vorzugsweise um Stände mit bunten Halskettchen und sonstigem Indianertand. Auf einem Foto fällt mir auf, daß sie ausnahmslos die linke Schulter zum Aufhängen ihrer Hand- oder sonstigen Taschen bevor­zugen, in denen sie neben Pi-Groschen (Jiaos) klebrige Hustenbonbons, Tage- und Adress­bücher, Kopf­schmerz­tabletten, das Portemonnaie und was sonst eine Frauen­seele in diesem feindlichen Klima zum Überleben benötigt, aufbewahren. So bleibt die rechte Hand frei zum Prüfen und Feilschen. Chinesen können nämlich die Ziffern 1 bis 9 mit einer Hand darstellen, nur für die 10 verwenden sie zwei gekreuzte Zeigefinger.

Uwe ruft, und da tröpfeln sie, eine um die andere, wie es der Verkehr auf der den Ort zerschneidenden Straße gerade zuläßt, zum wartenden Bus. Indessen habe ich Herrn Wang daneben mit einem angebotenen Cigarillo versucht zu bestechen, mir den freien Klappsitz ganz vorne am Einstieg zu überlassen. Zum Fotografieren. Nach prüfendem Blick auf die offerierte Blechschachtel bedient er sich, nimmt sogar zwei kleine Zigärrchen, steckt sie ein und gibt ein paar unwillige Grunzlaute von sich. Uwe übersetzt: Der Platz ganz vorne sei Reiseleitern vorbehalten, bei Kontrollen könne es Schwierigkeiten wegen der Sicherheitsvor­schriften geben. Ich solle mich lieber auf meinen angestammten Platz hinten zurückbegeben. Das ist höfliche Umschreibung; Herr Wang will einfach niemand neben sich haben.

Okay, fahren wir also. Ein bißchen trauere ich noch meinen beiden für nichts hingegebe­nen Rauchartikeln nach, aber so ist das eben. Diskutieren und Argumente hätten außer beiderseitigem Gesichtsverlust kaum etwas gebracht. Der Sitz neben Herrn Wang bleibt auch ­künftig leer. Sogar Uwe richtet sich in der Reihe dahinter ein. Erst dann kommen wir, die Touristen und Geldgeber der Tour. Vorne war, ist und bleibt der kleine dickliche Herr Wang König. Kurz kam mir in den Sinn, ob er wohl auch Trauungen und Nottaufen vornehmen darf, wie Kapitäne auf ihren Schiffen. Aber das war wohl nur wegen der zwei Cigarillos.

Nach Songpan weitet sich das Tal. Links und rechts streben mächtige Felswände empor, die Höhen von über 5000 Metern erreichen und sich in blauschimmernd gezackten Fernen der Ausläufer des tibetischen Hochlandes verlieren. Hier war einst Kham, Heimat eines hochgewachsenen, stolzen und räuberischen Bergvolkes, das zu Osttibet gehörte, bevor die Volksrepublik China um 1950 dieses Gebiet – neben anderen im damaligen tibetischen Grenzverlauf - annektierte und der Provinz Sichuan einverleibte. Zum Teil wurden damals auch die Straßen – just zum Zwecke der Okkupation, um dem nachrückenden Militär Wege zu ebnen – in den Fels gehauen, auf denen wir heute fahren. Doch, es gibt noch Kham­leute, aber die überall nachrückenden Han-Chinesen haben sie gründlich durchmischt, und nur einige wenige Dörfer sind ihren ursprünglichen Bewohnern geblieben und zählen heute zu den autonomen Gebieten ethnischer Minderheiten mit Sonderrechten. Wenigstens das.

Bergsee am Min ShanDen nächsten Stop legen wir hoch über einem klaren Bergsee ein, hier sind wir den blauschwarzen Gipfeln sehr nahe. Auf dem geteerten Parkplatz und Aussichtspunkt herrscht reges Treiben. Händler heften sich wie Kletten an kamerabehängte Touristen, andere warten an Garküchen und Ständen voller getrockneter Pilze und Früchte auf Kund­schaft. Braunhäutige Frauen in vielfarbiger Tracht rösten in speziellen Öfen zwischen schwarzer Schlacke Kastanien. Kamele stehen hochmütig da und buntgeschmückte weiße Yaks, auf denen man reiten kann. Ihre Führer tragen über fusseligen Kinnbärten Sombreros aus wie handgeknüpft wirkendem  Gewebe, Teppich­stoff, aber natürlich ist es billige bunte Industrieware, extra hergestellt für die Ethnien der Berge. Von Schnüren hängen verblaßte Gebetsfahnen und Kinder­wäsche. Die gezackten Gipfel umkreisen Greifvögel, über allem strahlt selten erlebtes azurenes Himmels­blau. Unser Bus wird eben von zwei Halbwüchsigen aus dem Schlauch gewaschen, gelegentlich bespritzen sie einander lachend. An Wasser herrscht hier in den Bergen kein Mangel. Der tut sich erst in der Ebene auf, besonders in den Riesenstädten des Ostens. Auch hier wieder: Frauen (und nicht nur unsere) vor den Ständen mit Talmischmuck.

GerstenstrohWeiter geht es. Stetig windet sich der Min Jiang im Tal unter uns durchs enge Flußbett. Wo es sich weitet, meist ein Dorf. An meterhohen Holzgerüsten hängen Gerste und Bohnen­stroh zum Trocknen. Die Spitzen der Grasberge werden gekrönt von Türmen und Toren, erstere traditionelle Wehr- und Wachttürme, letztere verrammelbarer Eingang zu den Siedlungen der Kham. Einst, im Norden Tibets, bevor sie daraus vertrieben wurden, waren sie als räuberisch, stolz und herrisch raues Volk bekannt. Nun, von Maos Truppen und nachfolgenden Han-Chinesen in die südlichen Bergregionen abgedrängt, sind sie nur noch mißtrauisch allem Fremden gegen­über. Wozu sie offenbar Han-Chinesen und die Hui, eine weitere, muslimische Minderheit im Norden Sichuans zählen, nicht aber Touristen. Die bringen Geld und bescheidenen Wohlstand, dem sich das eine oder andere Dorf entlang der Straße bereits öffnet. Doch längst nicht alle. Nur eine Handvoll hat sich auf über vierhundert Flußkilometern den Reisenden erschlossen.

Mitten auf der Straße ein dösender, gelber Hund, an deren Rand rosafarben blühende Malvenhecken, beide Indiz für die Anzahl passierender Fahrzeuge. Die Häuser meist zweistöckig aus verwittertem Holz mit ausladenden Dächern aus bemoostem Wellblech. An den braunen Wänden nebengelagerter Schober immer wieder ein Zeichen, das dem Hakenkreuz ähnelt: in jeden seiner vier Flügel ist ein Kreis gezeichnet – ein swastika (sanskrit: das, was heilvoll ist), uraltes Symbol für Glück und Segen, die dem Haus gewährt sein mögen. Es wird sowohl links-, wie auch rechtsdrehend verwendet. Hier haben Hitlers Okkulte und Ideologen wie Heinrich Himmler das Symbol ihres Tausendjährigen Reiches entdeckt, allen voran der deutsche Rittmeister Wilhelm-Karl Herrmann mit seinem Machwerk "Ein Ritt für Deutschland" (1937/38). Auf der Suche nach geheimen Bibliotheken in tibetischen Fels­höhlen, welche zur Untermauerung der These vom bevorrechtigten Ariertum dienen sollte, nahmen sich die Nazis im Forschen nach dessen Wiege das Recht, selbst gegen den Willen der Mönche - erfolglos - in derartige Klosterbibliotheken, die es in der Tat gab, einzudringen. Herrmann hißte dabei täglich auf seinem Zelt die Hakenkreuz-Fahne, die "Gebetsflagge" des mächtigen Volkes der Deutschen, fern im Westen, wie er den Tibetern weismachen ließ.

Auch andere, wie der polnische Professor Ferdinand Ossendowski in seinem Abenteuer­roman "Beasts, Men and Gods", zu deutsch "Tiere, Menschen und Götter", huldigten diesem Wahn. Ossendowski war nach der Oktoberrevolution von Sibirien über Tibet und die Mongolei nach Europa geflohen und beschrieb das sagenhafte unterirdische Königreich Agartha (Shambhala) als erster plastisch und im Detail. Himmler hat das Buch sicherlich mit großem Interesse gelesen. Spätestens durch den Roman "Irgendwo in Tibet" bzw. "Der verlorene Horizont" des Engländers James Hilton sowie zwei Verfilmungen wurde der Mythos Shambhala unsterblich bzw. zu einem "Haushaltswort", wie es so treffend auf Englisch heißt: "Shangri-La" war geboren, Synonym für Paradies und Quelle der ewigen Jugend, heute tausendfach von der Tourismusindustrie vermarktet. Auch uns wurde es versprochen, und hier sind wir nun – ich sage es gleich vorweg: Niemand wird es finden, auch wir nicht, deshalb sind wir auch gar nicht hier. Doch Heerscharen esoterischer Weltfremdlinge fallen immer wieder auf der Suche danach in diese Landstriche ein – und letztlich rein. Man muß sich nicht wundern, wenn einem die Bewohner dieses – zugegeben, überaus schönen und bezaubernden - Landstriches am Rande des Sitzes der Götter touristisch das Fell über die Ohren zu ziehen versuchen. Das machen die Bewohner von Rothenburg ob der Tauber mit Amerikanern und Japanern ebenso.

Min ShanEs ist Erntezeit, auf den steilen Äckern mühen sich Männer, Frauen und Kinder mithilfe ihrer Yaks Gerste, Mais und Bohnen einzubringen. Diese Yaks sind tief­schwarz, ihre weißen Artgenossen oben auf dem Touristenparkplatz waren seltene Ausnahmen. Strommasten und Leitungen durchziehen das Tal, immer wieder muß sich der Min Jiang durch Engen, vorbei an Staumauern und Turbinenschaufeln quälen, die ihm viel von seiner wilden und offenbar unerschöpfl­ichen Kraft abzapfen. In einem Städtchen, dessen Häuser sich um eine Tankstelle von Petrochina scharen, kommen Kinder mit schweren Ranzen und Rucksäcken von der Schule, Erwachsene mit unverkauftem Gemüse vom Markt in der Kreisstadt und Bauern mit dem immer gleichen roten Mini-Traktor vom Feld. Alle miteinander wirken sie rechtschaffen müde und erschöpft.

Auch wir sind es. Für die dreihundert Kilometer bis hierher haben wir acht Stunden gebraucht, Stops und Pausen nicht eingerechnet. Eine weitere Rast scheint fällig, zumindest, um sich ein wenig die Beine zu vertreten oder etwas abseits hinter den Busch zu gehen. Die Hänge längs des Talgrundes werden sanfter, weicher, welliger, baumlos, grasbewachsen, schrauben sich nicht mehr so in die Höhe, ihre Flanken bekriechen Felderflicken. Paul ganz hinten im Bus teilt auf Anfrage mit, sein Höhenmesser zeige 3000 m. Über dem Tal droht ein unwirk­licher Wetterbrei, der es mit hellen und dunklen Flecken besprenkelt. Aus den tiefen Wolkenzügen strömt Licht, das nicht von dieser Welt scheint. Shangri-La? So könnte man es sich vorstellen.

Wir halten einige Kilometer außerhalb einer Siedlung vor einem sichtlich neu erbauten Kloster, das anscheinend auch Gäste beherbergt. Schilder am Eingang des ummauerten Areals deuten darauf hin. Da sich alle in umliegendes Gebüsch verteilen, kommt Uwe nicht zu einer Erklärung, wo wir sind. Hinterher, bei der Weiterfahrt, wird er darauf nicht mehr zurückkommen. Also nehmen wir nur geleerte Blasen, rasche Eindrücke und hastig geschossene Fotos mit. Diese zeigen später einen Wald voller Gebetsfahnen am mit Fichten und Zedern bewachsenen Bergrücken oberhalb der bunt mit allegorischen Figuren bemalten Klostergebäude, einige neugierige, mit Teleobjektiv eingefangene Gesichter, sowie eine Hand­voll Satellitenschüsseln auf den pagodenförmigen Hausdächern. Das Ganze umrahmt von grandios schroffer Bergwelt. Und natürlich Stromleitungen, sie ziehen sich durchs ganze Tal.

KlosterherbergeAm Eingang zu dem zweifellos erst nach Kulturrevolution und Mao wieder errichteten Kloster lehnt eine Frau an dessen rot-weiß gestreiftem Schlagbaum, gestützt auf rissig verwittertes Holz. Sie trägt einen Überrock aus grobem braunem Wollstoff, es ist kalt hier oben. Auf dem Kopf ein rotes, gefaltetes Tuch, das man auch zum Tragen von Kindern, Lasten oder Reisig verwenden könnte. Darunter ein Gesicht, das in dunkelhäutiger Verwittert­heit so alt scheint wie die Welt – und doch nicht, die Frau ist höchstens vierzig Jahre alt. Wenigstens, denke ich, haben die Chinesen im fernen Beijing ihr, der Tibeterin, den Frieden ihres von Glauben, harter Arbeit und Entbehrung gezeichneten Gesichtes darin zurückgegeben. Es erscheint, trotz all seiner Falten und Fältchen, glatt und mit sich selbst und der Landschaft auf wunderbare Weise einig. Der Wunsch, zu werden wie sie, drängt sich prompt in mein Herz.

Okay - wer mich jetzt für einen dieser esoterischen Suppenkasper hält, dem kann ich nur entgegnen: Und was wäre daran falsch, solange man es nicht zur Lebensmaxime erhebt? Eine Augenblickslaune, zugegeben – aber ich empfand es gerade in der Spanne eines weiten Herzschlages so. Und sah mich im Nachhinein durch Fotos bestätigt - basta.

Min ShanSpäter erheben sich im Osten als martialisch gezackte Kalktürme die Fünftausender des Min Shan, darunter, dem Straßenverlauf folgend, die unvermeidlichen Strommasten und ‑leitungen. Je nach Lichteinfall wechselt das Gebirge – nichts anderes nämlich bedeutet der Begriff shan – seine Färbung von schwarzgrau über tiefblau bis zu violettem Weiß und sogar Rosa. Wir sind knapp unterhalb der Baumgrenze, was die erhabene Weite und Unwirk­lich­keit des in der Ferne schimmern­den Bergmassivs nur noch unterstreicht. Manche Hänge neben der Straße sind ihrer Kruste beraubt und liegen bloß, nackt und sandgelb im warmen Spätlicht der tiefstehenden Sonne. Zum Straßenbau benötigte man Steine und Schotter, und den holte man sich aus der Nachbarschaft. Nun sind die kahlen Halden Wind, Frost und Regen preisgegeben, und bei Unwettern stürzen die steilsten schon mal in Geröllfluten hinab und verschütten Strommasten wie Straße. Ein Fehler der Ingenieure, die der Berghaut nicht ähnliche Funktion und Berechtigung wie ihrer eigenen Haut zumaßen. Das rächt sich, immer wieder sind diese und andere Gebirgsstraßen in China wegen Erdrutschen tagelang gesperrt.

Die chinesische Lösung: kurz, bevor die Straße sich in abenteuerlich steilen Kehren hinab ins Tal des Weltkulturerbes Jiuzhaigou windet, schimmern auf einem Plateau in der Ferne die stählernen Masten von Funk- und Radarantennen in spätem Sonnenlicht. Dort hat man der Region, die außer in dem erschlossenen Naturpark weitgehend unzugänglich ist, einen Flugplatz in den Berg gefräst. Für die Touristen. Kohle und Industriegüter befahren in Last­kraft­wagen weiterhin die Straße. Oder auch tagelang nicht. Erst neuerdings versucht man, solche Wunden am Berg mit Erdlagen und neuer Bepflanzung zu heilen. Doch das ist teuer und vorerst die Ausnahme. Lange Zeit zählte in diesem riesigen Land allein der rasche Erfolg, den die Provinz- an die Zentralregierung, und damit die allmächtige Partei, melden konnte. Über Folgen zerbrechen sich erst in jüngerer Zeit entsprechende Stellen den Kopf. Aber es kommt. Auch in China wächst das Bewußtsein für eine saubere und intakte Umwelt, und das nicht nur in den urbanen Regionen des Ostens, wo es sich kaum noch atmen läßt.

Wir hätten also die strapaziöse zwölfstündige Rüttelei im Bus gar nicht auf uns laden müssen. Von Chengdu bis Jiuzhaigou benötigt ein Zweistrahler der Western Air­lines einschließ­lich Ein- und Auschecken sowie Bustransfer zum Hotel schlappe zwei Stunden. Aber mal ehrlich: hätte ich dazu in diese abgelegene Gegend reisen müssen? Solch einen Flug hätte ich von Köln nach Hamburg einfacher gehabt. Aber da wäre nicht Westchina gewesen, nicht diese großartige Landschaft – eben: Shangri-La.

Zwölf Kehren nach JiuzhaigouDie unter Chinesen berühmten (und im Winter berüchtigten) „Zwölf-Kehren“ schrauben sich den Windungen einer Achterbahn ähnlich in wahnwitzigem Gefälle hinab ins Tal von Jiuzhai­gou. In Wirklichkeit sind es dem oben stehenden Schild zum Trotz nur zehn Kehren, ich hab mitgezählt. Aber Zwölf scheint eine den Chinesen angenehmere weil Glückszahl, so wie die Sechs und die Acht. Zehn? Nicht daß ich wüßte. 

Der Ort auf dem dunklen Grund dieses Kessels, in den bei Ankunft kein Sonnenlicht mehr reicht, zieht sich elend beiderseits entlang eines wildrasenden Bergbaches, der sich anfangs noch austobt, bevor er mühsam in die Mühen der Ebene findet. Die zwei langen Reihen Hotels, Läden und einiger Wohnsilos für die Beschäftigten und Angestellten müssen sich das schmale Tal außer mit dem wilden Wasser noch mit der Durchgangsstraße teilen. Seitenstraßen gibt es nicht, Stichgassen führen über schmale, doch busgerechte Brücken zu Hotelburgen. Jiuzhaigou ist ein synthetischer Ort wie etwa Helgoland, das nach zweitem Weltkrieg und alles zermalmendem Beschuß der Briten auch nur seiner kargen Insel­schön­heit und des abenteuerlichen Ausbootens wegen neu errichtet wurde. Leute, die so etwas besichtigen, müssen untergebracht und beköstigt werden. Und so entstehen solch häßliche Orte gleich in der Nachbarschaft grandioser Naturschönheiten.

Nach Einchecken, Inaugenscheinnahme und Belegung des langweilig korrekten Hotel­zim­mers bleibt nur noch eines: dem Ort ein wenig die Jalousien von den Fensteraugen zu ziehen und wenn möglich noch die gemütliche Budike zu finden, in die sich Uwe und Herr Wang nach Erledigung sämtlicher Formalitäten zurückgezogen haben. Eine letzte Empfehlung Uwes, nachdem er allen die Zimmerschlüssel ausgehändigt hatte. Pässe mußten wir nicht vor­zeigen, seit Chengdu hat er sie in fester Verwahrung und gibt sie nicht heraus. Möglicherweise hat er sie tatsächlich bereits in Chengdu auf dem Markt für solche Sachen verscherbelt, wie er schlitzäugig am Counter des Hotels andeutet. Man sieht, daß dabei in Dagmar, deren Einwände er nicht zur Kenntnis nimmt, eine nur mühsam verhaltene Wut hochkocht, die auf Entladung drängt. Aber hier hält der örtliche Reiseführer, also Uwe, das Szepter in der Hand. Man kann ihm glauben, daß er nur Scherz mit uns treibt, muß es aber nicht.

Als ich auf dem Weg zum Lift beiläufig mitkriege, daß Dagmars Brauen sich zu einem finsteren Vorhang über ihre so hübschen eurasischen Augenbögen gezogen haben, rühre ich sie im Lift sacht an der Schulter und murmele: wird schon! Dankbar schenkt sie mir einen Seiten­blick. Man kann einer Frau, die zuständig ist, im Westen studiert hat, dort lebt und verheiratet ist, nicht mit asiatischem Machogehabe kommen. Da muß der früher aufstehen. Auch das sagt dieser Blick. Ich nicke ihr nochmals beruhigend und verstehend zu und nehme die Hand von ihrer Schulter: Wird schon! wiederhole ich und schleife den Koffer in entgegengesetzte Richtung den Gang hinunter, wo unser Zimmer sein muß.

Also Budike: zu sechst waren wir anschließend noch auf der Suche, tappten im Dunklen der Straße nach, immer wieder von hupend vorbeirasenden Autos fast in den Straßengraben gedrängt, der hier ein schäumender Wildbach war. Jenseits des Wassers verunreinigten bunt erleuchtete Karaoke-Schuppen die Nacht mit spitzem Lärm, und irgendwo brodelten unter einem Zeltdach in einem anscheinend riesigen, erhitzten Wok Pekingoper und Karaoke zugleich, unterbrochen lediglich vom grell peitschenden Gequäke einer unsichtbaren Ansa­gerin. Es heißt, Mandarin oder Putong Hua, wie das amtlich chinesische Idiom offiziell genannt wird, muß überlaut gesprochen werden, damit man die bedeutungsentscheidenden vier Hebungen und Senkungen dieser Sprache erfaßt. Okay, Frauen tun sich dabei besonders hervor. Aber doch nicht über Mikrofon verstärkt. Dann lieber gleich krachendes Feuerwerk mit chinesischen Böllern, die sind ähnlich laut und grell, jedoch ungleich berechenbarer.

Es wurde also nichts mit der Suche nach der gemütlichen Budike. Nachdem wir – Erika, Paul, Dagmar, Gerlinde und ich nebst meiner Zweitbesten (alle anderen gingen zu Bett) wenigstens zwei Kilometer in diesem chinesischen Disneyland erfolglos zurückgelegt hatten, machten wir kehrt. Nun blieb nur noch in einem der Läden am Straßenrand die Suche nach einer Flasche Wein, weiß, falls möglich, trocken. Dynasty oder Great Wall wären keine schlechte Wahl. Doch, doch, China produziert gute Weine, es ist nur so, daß seine Bewohner sie nicht trinken. Bier, das sie neuerdings dem Reisschnaps vorziehen, gibt es allerorten, meist in recht guter Qualität. Aber Wein? Der war teuren Viersternehotels und Touristen­nepp­lokalen in Peking, Shanghai und Hongkong (das jetzt Xiang Giang heißt) vorbehalten. Das übrige China ist, was Weingenuß anbelangt, erfahrungs­gemäß finsterste Diaspora. Deshalb und weil meine Zweit­beste nicht mit gleichem Genuß Bier trank, wie die übrigen Mitglieder unserer Reise­gesellschaft, also die Suche nach grünen, bauchigen Flaschen mit dem hinlänglich bekannten Etikett von Dynasty oder Great Wall.

Paul machte mich auf die verstaubten Flaschenbäuche im Neonlicht eines höchstens zehn Quadrat­meter umfassenden Supermärktchens aufmerksam. Das da, verborgen unter der grauen Patina langjährig wiederkehrender Sandstürme - könnte das nicht ...? Es war. Neben zwei Pullen Dynasty sackte ich noch zwei annähernd halbe Liter guten chinesischen Biers ein. Der Ladenbesitzer und meine Zweitbeste waren sichtlich erfreut über dieses Geschäft. Ersterer, weil er die Ladenhüter endlich vom Hals hatte, Letztere, weil sich diese Kostbar­keiten jetzt in ihrem Besitz befanden. Dem een sien Uhl is dem annern sien Nachtigall, sagt Volkesmund und hat Recht. Sie maulte zwar, das müsse man nun die nächsten Tage mit sich rumtragen, ließ mich aber doch ohne großen Widerstand eins der Beutestücke entkorken. Mit meinem Schweizer Offiziersmesser, das auf interkontinentalen Reisen eigentlich so verboten ist wie Nagelfeile oder gläserne Schnapsflaschen. So wurde es doch noch ein ganz ebener Abend.

Das Messer übrigens transportiere ich im Rucksack in einem der für handelsübliche MP3-Player vorgesehenen Futterale. Genau, die von der Sorte, die mit ihren halbovalen Rundun­gen einem zusammengeklapptem Schweizer Offiziersmesser ähneln. Hab noch nie Probleme damit gehabt.

Zwölf Kehren am Morgen 7.Tag, Donnerstag 29.09., Jiuzhaigou

Der folgende Morgen beginnt kühl und lichtlos. Vom Frühstück ist nur der Kaffee erwäh­nens­wert. Okay, wer Nudeln, faden Reisschleim und in irgend einer Tunke schwimmendes graues Gemüse zum Frühstück mag, der ist wohl ordentlich bedient. Aber wir sind ja nicht zum Schlem­men hier, das kommt später, in Yunnan. So lange kann ich gut noch warten.

Herr Wang steht bereits neben der offenen Tür seines Busses und schmaucht ein Zigarettchen. Erinnert, als er mich sieht, sich der geschenkten Cigarillos, fingert die Packung aus der Brusttasche seines wärmenden Flanellhemdes und bietet wortlos an. Ich kann ihm nicht gut sagen, daß ich eigentlich seit acht Jahren Nichtraucher bin, und mir nur im Urlaub gelegentlich ein wenig blauen Dunst gönne, auf gar keinen Fall aber den einer Zigarette. Erstens, weil ich seiner Landessprache soweit nicht mächtig bin, zweitens, weil er bei abgelehnter Zigarette das Gesicht verlieren würde. Also greife ich zu, laß mir sogar von ihm Feuer geben, tue so, als ob ich mit Genuß ziehe und nicke ihm freundlich zu. Als Uwe kommt und ihn etwas fragt, entsorge ich das angerauchte Stäbchen diskret hinter dem Bus unter meiner Schuhsohle - wir sind quitt.

Paul, nach der Höhe befragt, zieht den Anorakärmel von seiner Superuhr und brummt nach langem Herumdrücken an diversen Knöpfen: „Schätze, so um die 2000.“

„Wieso schätze, das ist doch digital, geht das Ding nicht genau?“

„Ist solarbefeuert. Hat ja kein Licht hier.“ Das stimmt. Wobei unter seinem Ärmel noch viel weniger Licht sein dürfte, als unter freiem Himmel. Aber sonst, so hatte er anfangs geschwärmt, zeige das Gerät auf zehn Meter plusminus genau an. Bis 9.999 Meter. Ich hoffe nicht, daß wir heute so hoch kommen. Da kann er es beruhigt unter dem Ärmel lassen.

Als wir losfahren, entsteigen die Nebel eben ihren Lagern in den umliegend die Hänge erklimmenden Schwarzkiefern­wäldern. Grau und trübe zieht der Dunst aus den dunklen Wipfeln. Erstaunlich darüber der ferne, lichtblaue Himmel, ein Eindruck, der einem Frosch aus seiner Brunnenröhre heraus geläufig sein dürfte. Es ist ein sehr enges Tal, aus dessen Tiefe sich unser Hyunday-Bus nur mühsam wieder bergan quält, erneut die zwölf Kehren, die nur zehn sind, passierend. Schon Li-Bai, der berühmte Tang-Poet, verfaßte für einen in die Verbannung in diese Gegend ziehenden Freund den Vers:

Die Straße nach Shu: Ein Felspfad soll es sein,

 Nicht leicht zu gehen, wie dir die Leute sagen,

Gebirge vor dem Antlitz des Wanderers ragen,

Wolken hüllen den Kopf des Pferdes ein.

Wohl wahr. Nur daß das heutige Pferd eine Maschine koreanischer Abstammung ist.

UNESCO Weltkulturerbe JiuzhaigouNaturpark und Weltkulturerbe Jiuzhaigou, den wir bald darauf erreichen, erstreckt sich über 620 Quadratkilometer auf einer Höhe von 2500 Metern. Die mit Bussen vollgestellten Parkplätze lassen Schlimmes ahnen, zudem beginnt es leise zu nieseln. Im Empfangs- und Kassengebäude erklärt Uwe anhand eines Dioramas, was wir heute sehen und erwandern werden. Das Neun-Dörfer-Tal, so die Übersetzung Jiuzhaigou, schließt zwei Bergflüsse ein, die sich etwa in der Mitte des Gebiets Y-förmig vereinigen und in ihrem Verlauf eine Kette von 108 kristallklaren Seen bilden, die sich - wie das Collier um den Hals einer schönen Frau – um die alpine Bergwelt legen und mit smaragdgrünen Wäldern, schroffen Gipfeln und welt­abgeschiedenen Dörfern, eben jenen neun, Besucher in ihren Bann ziehen. Oder zogen?

Teils teils. 1978 erschloß man das Tal durch den Bau von Straßen, Toiletten, Rastplätzen und Holzstegen dem Massentourismus. Buslinien befahren nun das „Y“ und bringen jede Menge Volk (renmin) in jeden nur denkbaren Winkel dieser wundersamen Landschaft. Aber es verläuft sich. Allerdings spielen seine ursprünglichen Bewohner nur noch eine Statisten­rolle. Manche achten als sogenannte „Ranger“ – kenntlich durch eine regenbogenfarbige Weste – darauf, daß niemand Kippen oder Abfall in die Gegend wirft. Die übrigen haben ihre vormals stillen Dörfer zu Filmkulissen hergerichtet, in denen die Touristen nach Her­zens­lust Videos aufnehmen und Fotos sammeln dürfen. Gegen entsprechenden Obolus, versteht sich. Also ein Zirkus, das ganze? Jein. Alles ist zwar gut bewacht und geregelt. Doch wer will, findet immer noch stille Seitentäler, wo ihm stundenlang kein Mensch begegnet.

Sehr romantisch ist die tibetische Legende der Entstehung dieser Landschaft: Einst sollen tief in den Schneebergen der Unsterbliche Dage und die Fee Wunuosemo gelebt haben. Und wie es oftmals so geht, verliebten sich die beiden ineinander. Dage schenkte seiner Fee eines Tages einen kostbaren Spiegel, den er mit Wind und Wolken glänzend poliert hatte. Doch oh weh! Ihr fiel der Spiegel aus der Hand und zerbrach in 108 Stücke. Und die glänzen nun als die Seen dieser wunderbaren Landschaft, in der die Wasserfälle, deren rauschende, oft steile Verläufe die einzelnen Gewässer untereinander verbinden, fast zu schön wirken, um echt zu sein. Doch sie sind echt. Und Herbst, zu dessen Zeit wir reisen, zaubert ein unvergleichliches Farbspiel in die Laubwälder, die in flammendem Rot und kostbarem Gold erglühen. Lyrisch betrachtet gräßlicher Kitsch, nicht wahr? Aber so sieht die Landschaft nun mal aus.

JiuzhaigouZwar ist die Anzahl der Seen zu bezweifeln, denn 108 ist den Tibetern eine heilige Zahl, weshalb auch viele Frauen ihr Haar in genau 108 dünne Zöpfchen geflochten tragen. Jedoch ist ohne Zweifel eine Menge Wasser in diesem Tal. Das rieselt, sprudelt und gleitet und schießt von Felsnasen und Steinwällen, und es sprüht in der Luft und tropft von Zweigen, die mit lichtgrünen, meterlangen Fäden aus Moos behangen sind, und wenn es Gelegenheit hat, sich zu sammeln, donnert es in haushohen Kaskaden hinab in glücklich glucksende Teiche und samtene Seen. Glasklar und von Bergpanoramen, die man aus Bildbänden über Kanada zu kennen meint, umkrönt.

Wir haben Rucksäcke und Regenjacken dabei, und so trägt der leichte Nieselregen nur zur Gesamtstimmung bei, Unbehagen ist uns fremd. Herbst ist auch Erntezeit, den Pfad über glatte Planken zieren Blüten und Früchte des Waldes. Selbst einfaches Farn und Moos zeigt hunderterlei Abstufungen in Form und Farbe. An den Gewässerrändern Birken, auf deren sich schälender weißbrauner Rinde man ganze Romane notieren könnte. Darunter, im Naß, Schwärme kleinerer Fische, hin und wider flutend, mit schlammgrauen Rücken oder in lichtblauem Schuppenkostüm, je nach Lichteinfall. Und in der Tat, jetzt kommt die Sonne durch!

Alle Seen sind getauft, tragen Namen, ich hab sie mir gar nicht erst gemerkt. Tut auch nichts zur Sache. Man muß da differenzieren. Wir Europäer betrachten eher nüchtern, was ein Chinese als langarmiger Drache, der Jade trinkt sieht und bezeichnet. Bei wessen Anblick uns höchstens ein „Saufelsen, was?“ entführe. Sinnlos, daß Chinesen dächten, wir dächten wie sie, und umgekehrt genauso. Kluge Leute, oder auch nur die, welche sich hier­für halten, nennen solch differentielles Empfinden Kulturschock. Vielleicht haben sie Recht. Vielleicht auch nicht. Ist mir wurscht. Muß ich über Schönheit diskutieren, wenn ich sie vor mir sehe? Nein, ich genieße sie mit allen Sinnen.

Dazu gehören die schönen Mädchen. In die jeweilige Tracht ihrer Minderheit gekleidet stehen sie allenthalben herum, jung und schlank wie biegsamer Bambus und allzeit bereit zu gewinnendem Lächeln. Allerdings sollte der glückliche Fotograf sein Objektiv mehr auf Gesicht und Busenpartie dieser lieblichen Mägdelein richten. Im Weitwinkel mit kleid­samem Rock und turnbeschuht zarten Füßchen käme irgendwo dazwischen auch die fordern­de Hand ins Bild: One Dollar! Das ist der Tarif. Natur, trösten wir uns, ist immer noch umsonst. Und halten, wenn möglich, aus der Ferne mit dem Teleobjektiv auf diese jungen Gesichter, und erwischen sie noch ein letztes Mal kostenlos, bevor sie auf dem Zug dessen, was wir als Kultur bezeichnen, samt all ihrem Schmuck entschwinden.

Den Lauf der Welt hält niemand auf, eine Binse, über die man nicht diskutieren muß.

JiuzhaigouAn besonders engen Stellen, wo links und rechts das Wasser gluckst und jeder hindurch muß, ballen sich die Verkäuferinnen von Sonnenhüten, einer Art neun-dörfer-tälernem Poncho und billigem Schmuck. Es gibt tatsächlich Leute, die feilschen dort um den Preis, hauptsäch­lich Chinesen. Ich könnte das Angebotene höchstens im Karneval nutzen, also halte ich mich fern und sehe zu, wie ich rasch die Knäuel durchrudere.

An anderen Orten sind sie hartnäckiger, zum Beispiel in dem Haus, in das uns Uwe zum Essen führt. Eine schmale Treppe führt nach oben, wo man in langer Schlange am heißen Buffet ansteht, nur Gedränge, niemand fragt nach Berechtigung. Nachschlag, wenn man denn irgendwann drankommt, so viel man will. Jeder kann sich hier den Teller voll laden. Uwe, wo ist da der Gewinn?

Wer fertig gegessen hat, sieht satt von oben in ein Kaufland hinab, zu dem eine weitere, hier jedoch erheblich breitere Treppe führt. Da reihen sich die Stände mit Silberschmuck, bestick­ter Kleidung, Yakhörnern, beschnitzt oder pur, CDs mit schmelzenden Liebesliedern, und den allseits beliebten Sombreros: hier ist Chinas Wilder Westen. Wo, wenn nicht hier, wenn in den Sommermonaten die Sonne vom Himmel glüht und sich deren Hitze in den Spiegeln der 108 Seen vervielfacht, könnte man in China solche Hüte tragen?

Eben.

Der Rückweg – in Fortsetzung unserer Wanderung – führt vorbei an Hütten und Gebets­mühlen. In deren Innerem rotieren handbeschriftete Zettel, deren Gebete sich mit jeder Umdrehung vervielfachen. Man geht daran vorbei, dreht die in ihren Lagern rumpelnden Trommeln, und ist gewiß, etwas für sein Seelenheil getan zu haben. Es gibt am Weg sogar mittels eines Schaufelrades vom allseits sprudelnden Wasser betrieben Mühlen, die ein einmal eingeworfenes Gebet in alle Ewigkeit wiederholt – bis der zuständige Mönch die Trommel leert und für neue Bitten und Gebete freimacht.

Auf einem der Seen fischen zwei Männer im Schlauchboot mit spezieller Netzvorrichtung an dessen Bug nach Laub und Plastikflaschen im Wasser. Es scheint hier wie allerorten: alles wäre so einfach, die Welt ein Paradies – könnte man nur den Menschen von ihr fernhalten. Ein bitterer Gedanke, nicht wahr?

Zuletzt, bevor uns der öffentliche Bus wieder zum Parkplatz bringt, wo der kleine dickliche Herr Wang warten soll, besichtigen wir eines der neun Dörfer. Uwe kennt hier eine Familie (was nichts anderes heißt, als daß er dort an Umsatz wie Trinkgeld beteiligt wird), und fragt, ob wir deren Haus besichtigen möchten. Man soll sich nichts Authentisches entgehen lassen, klar möchten wir.

Durch ein schindelgedecktes Holztor betreten wir den Ort. Dahinter eine Straße, die einzige, sie führt den Berg hinauf. Links und rechts gesäumt von Holzhäusern, in denen ebenerdig sich ein Souvenirladen an den anderen reiht. Omas Haus, sagt Uwe und kitzelt damit eine bestimmte rustikale Erwartungshaltung in uns wach, befinde sich gleich links hinter dem Tor. Und Oma erwarte uns bereits. Offensichtlich hat Uwe sie per Handy, das er am Gürtel trägt, von unserer Ankunft informiert. Es geht eine steile Außentreppe hinauf, und Oma geht voran, eine Handgebetsmühle in rasselnde Umdrehungen versetzt. 

Bei "Oma"Sie trägt einen langen, blauen Seidenkaftan mit aufgestickten, in sich verschlungenen Rankenmustern. Darüber, um die Hüften gewunden und im Rücken kunstvoll verknotet, mehrere farbige Tücher. Auf dem Kopf sitzt ihr über dem faltigen Gesicht eine lammfellbe­setzte Kappe mit purpurnem Dach, das schwarze Haar hängt im Nacken zu langen Zopfschnüren in der Dicke von Binsenhalmen geflochten herunter bis – ja, bis wo? Zur Taille, würde man bei jungen Mädchen sagen, aber Oma ist kein junges Mädchen mehr. Doch genau dort enden die in sich noch mehrmals verflochtenen Zöpfchen. Nein, ich habe nicht nachgezählt, aber es müssen genau 108 sein. Mühsam hangelt die alte Dame sich am Geländer die Treppe empor, versetzt dabei mechanisch einige auf dem oberen Absatz angebrachte Gebets­mühlen in Drehung und betritt durch eine rauchdunkle, rissige Holztür ihre Behausung. Uwe, der sich respektvoll hinter ihr hält, wechselt ein paar Worte mit ihr durch die Türöffnung und winkt uns hinein. Unsicher betreten wir nacheinander die Wohnung. Als alle drin sind, zieht Oma einen schweren Vorhang, der alles Straßengeräusch ausschließt, vor die Tür. Uwe bittet, uns zu setzen.

HausaltarNur langsam gewöhnen sich unsere Augen an das spärlich beleuchtete Innere des Raums. Wie es scheint, Küche und Wohnraum zugleich. In der Mitte die Feuerstelle, drum herum mit Kissen belegte Bänke. Ein erster Rundblick auf die Wände, alles besteht aus patinadunklem Holz. Mit der Zeit nimmt das Auge auch Einzelheiten wahr: über der kupfernen Herdmulde voll glühender Asche das Gestell aus rußgeschwärztem Eisen, auf dem beim Zubereiten der Mahlzeiten die Pfannen und Kessel über den Flammen ruhen. In der Asche ein rußiger Tee­kessel, daneben sitzt wohlig schnurrend die weißbraune Hauskatze. Rund um die Sitzecke in Kopfhöhe geschnitzte Kästen und Laden, drunter an die Wand gespannt grob handgewebte Teppiche, zum Anlehnen und Entspannen des Rückens. Der Laden in der Ecke just der Tür gegenüber birgt den geschmückten Hausaltar der Familie mit ewig brennender Yakbutter­lampe und Buddha­figur, Räuchergefäßen, verschiedenen Heiligenbildern und –statuetten, weißen und gelben Seiden­tü­chern (Khatags), Kelchen und anderem Inventar, dessen Zweck uns verborgen bleibt.

Der Schwiegersohn von Oma, wie Uwe ihn vorstellt, hat von draußen kommend den Vorhang zerteilt und bietet nun Buttertee an. Etwas, vor dem jeder erfahrene Tibetreisende warnt. Also, das ist: heißer grüner Tee, vermischt mit Yakbutter und Klümpchen von Tsampo, dem gerösteten und mit Yakbutter verkneteten Gerstenmehl, das man in Tibet wie Brot ißt. Außer Gerlinde entschließen sich alle zur Probe. Gerlinde ist erfahrene Tibetreisen­de, sie hat sogar schon den heiligen Berg Kailash umrundet, doch das schreckt uns nicht. Allerdings führen wir die gleich darauf verteilten Porzellanschälchen alle ein wenig zögernd und beklommen zu den Lippen; darin schillert ölglänzend eine Flüssig­keit, die entfernt an Hühnerbrühe erinnert – und, verdammt noch mal, sogar so ähnlich schmeckt: Fleischbrühe, nur ohne den aufdring­lichen Geschmack von zuviel Glutamat. Gut, ich müßte das nicht jeden Tag zum Frühstück haben, doch als unappetitlich empfinde ich es nicht. Da gibt es Schlimmeres, wie zum Beispiel Pizzen und Big Macs. Gerlinde schüttelt es, als sie sieht, wie wir willig die Schälchen leeren. Vielleicht ist ihr ja ranzige Yakbutter untergekommen, da wäre ihr Ekel allerdings verständlich. Nähen die Tibeter doch Butter zur Aufbewahrung in Yakmägen ein, wo sie bei zu langer Lagerung wohl einen deftigen Hautgout annehmen wird.

GebetsmühlenNochmals teilt sich der Vorhang, nun kommt die Tochter des Hauses, ein getreues Abbild von Oma, nur jünger. Ihr Mann geht wieder. Sie trägt Jeans, T-Shirt, darüber ein schwarzes Samtjäckchen, mit Blumenmustern bestickt. An den Handgelenken klingeln ihr Silberreifen. Eigentlich sei sie Fremdenführerin, unten im Dorf, und deshalb nur mal eben auf einen Sprung hier – ob wir ein Gerstenbier – Chang - probieren mögen? Hier sagt sogar Gerlinde ja.  Das Getränk kommt in irdenen Schälchen, die wir einander wortlos und bedeutungsvoll zuheben (Volker, der nicht dabei ist und gottlob wieder Einzelwege geht, hätte vermutlich, da es umsonst ist, gan bei gerufen, was „trocken Glas“ heißt und „Prost!“ bedeutet).

Wir nippen und sehen uns an. Das soll Bier sein? Alkohol? Etwas, das süßlich nach lauwarmem und zehnmal verdünn­tem Messwein schmeckt? Niemand läßt sich das innerliche Puuhh anmerken. Die Haustochter registriert stolz, daß jeder austrinkt. More? fragt sie. M-mh, winken wir ab, und denken an die abendliche Bar im Jiuzhaigou-Hotel, wo man den laschen Geschmack auf der eingeschlafenen Zunge mit einem 60-prozentigen Gläschen Mao Tai wieder wecken kann. Mag sein, daß ein Eimer voll diesen Getränks einen ganz lustigen Nachmittag ergeben hätte, dankend lehnen wir jedoch eine weitere Füllung unserer Trinkgefäße ab.

Beim Hinausgehen müssen wir das Haupt unter den verwaschenen Gebetsfahnen neigen, die neben Rauchfleisch und einer nackten Energiesparlampe vom rußigen Deckengebälk hängen. Vorher tuschelt Uwe noch, der plötzlich wieder im Raum ist, etwa zehn Yuan Trinkgeld pro Person seien angemessen und keineswegs unüblich für die gebotene Gastfreundschaft. Ja, das ist sie uns wert. Jeder gibt sein Scherflein, und erst draußen, auf der Holztreppe hinunter spüren wir das Chang im Magen – direkt über dem Yakbuttertee, gleichsam schwebend wie ein zimtbraunes Wölkchen über einem Bergsee.

Mönche im Tibetischen DorfDer Ort hat noch viel zu bieten. Zehn weiße Stupas reihen sich abseits zu einer Stätte von Andacht und Gebet. Gläubige umrunden sie in murmelndem Singsang und legen Äpfel, Bonbons und andere Opfergaben auf die Sockel. Sogar Gummibärchen von Haribo hat ein Kind geopfert – davon trennt es sich schwer. Zwei Mönche in purpurnen Kutten verkaufen Räucherstäbchen und auf rosa Seidenpapier geschriebene Wahr­sage­briefe. Ich glaube, sie sind nicht ganz ernst zu nehmen und nur für die Chinesen hier postiert. Als Reliquie. Mich stört das Sweatshirt, das sie unter dem violetten Umhang gegen die Kälte tragen. Obwohl es farbmäßig gut gewählt ist, fällt kaum auf. Warum nur mir? Vielleicht, weil ich mir ihre Fotos später in aller Ruhe anschauen und beurteilen werde. Da entgeht so leicht kein Detail. Wie zum Beispiel dieser kniehohe Stein, bedeckt mit gerunde­ten Schriftzeichen, die jedenfalls nicht chinesisch sind. Jemand hat einen weißen Khatag darum geschlungen und verknotet, so wie man einem alten Mann fürsorglich im Winter einen warmen Schal umbindet.

Herr Wang wartet nicht am Parkplatz auf uns, Uwe muß ihn erst per Handy mit seinem Bus aus irgendeiner Garküche lotsen. Solange vertreiben wir uns die Zeit mit aufs Klo gehen, Ansichtskarten aussuchen (obwohl es weder hier noch vermutlich irgend sonst in China passende Briefmarken nach Europa gibt) und dem Kauf von Talmikettchen. Geschätzt hat jeder durchschnittlich fünf Euro in dieser Zeit hier gelassen, die eine mehr, der andere weniger. Als er bei Regen auf dem Parkplatz einfährt, meine ich Herrn Wangs zufriedenem Gesichtsausdruck anzusehen, auch er sei in irgendeiner Form an diesem Umsatz beteiligt.

Von weitem bietet das Dorf, als wir es verlassen, den Anblick einer behäbigen, inmitten grünen Waldes versteckten Ansammlung schweizerischer Chalets. Einzig die bunt flattern­den Gebets­fahnen deuten auf Exotisches. Wie auch die farblos bleichen Nebel, die bereits wieder auf die Baum­wipfel herabsinken, und die es so wohl kchaum i d’r Schwyz chat.

8.Tag, Freitag 30.09., Huang Long

Eigentlich hätten wir noch einen Tag im Naturpark Jiuzhaigou zubringen sollen. Aber vereint können wir Uwe überreden, stattdessen mit uns die Kalkterrassen von Huang Long, dem Gelben Drachen, die am Weg zurück nach Chengdu liegen, zu besichtigen. Sie sind so etwas wie das Pamukkale Chinas, nur viel prächtiger und ausgedehnter. Der Weg dorthin führt über einen mehr als 4100 m hohen Paß und zweigt auf Zweidrittel der Strecke von Jiuzhai­gou nach Songpan ab in die östlich des Flusses Min Jiang gelegenen Ausläufer des von Nordwest nach Südost verlaufenden Gebirges Min Shan.

Bei der Auffahrt aus dem Tal von Jiuzhaigou steht noch Nebel über den Wäldern, und ihre Färbung flammt bereits ins Herbstliche. Vereinzelt weiden Yaks an den Hängen und rupfen träge die zwischen Büschen und Unterholz wachsenden Gräser in ihre weichen Mäuler. Meist sind sie schwarz, doch es gibt auch weiße Yaks, allgemein Grunzochsen genannt.

Neben einem Dorf an der Straße machen wir Rast. Die Tankstelle, wo Herr Wang Diesel nach­füllt, besitzt ein einfaches, doch immer wieder notwendiges Klo. Es ist kaum strittige Tatsache, daß Frauen kleinere Blasen besitzen als Männer. Doch so kommen auch letztere zu etwas Gutem, indem sie nämlich auf die sogleich herbei eilende Schar tibetischer Frauen mit Schals, Schmuck und handlichen Gebetsmühlen in Händen, von denen sie möglichst viel verkaufen möchten, in Blitzlichtgewittern ihre Kameras und Filmapparate richten.

TibeterinManche der Frauen tragen buntgefärbte, zusammengelegte Tücher aus Yakwolle auf dem Kopf, weniger zum Verkauf als eher rasch greifbaren Schutz vor Wind und Wetterunbilden. Hier oben ist es recht kühl, und so tragen sie von der Taille abwärts dunkle, weite, knöchel­lange Wollröcke, um die Hüften geschlungen weitere Tücher und bunte Schärpen. Meist fällt von der Leibesmitte noch eine gemusterte Baumwollschürze bis kurz über die Knöchel.

Seitlich der Ohren glänzen runde durchbohrte Bernsteinplatten, die mit Lederriemchen und Korallenzweigen verbunden und in 108 Strähnchen tiefschwarz geflochtenen Haares zusammen­gehalten werden. Um den Hals Amulette, Knochenketten und gehäm­mer­tes Silber. Sie haben sich nicht extra fein gemacht. Das ist, so scheint es, die herkömmliche Tracht, die den Frauen der Berge – ob jung, ob alt – eine gewisse Anmut und Würde verleiht. Es sind schöne Frauen mit weißen Zähnen, die sie gerne in einem Lächeln zeigen. Jedenfalls scheinen sie erfreut über uns als mögliche Käufer ihrer gebirglerischen Heimarbeiten, ganz anders als Händler der östlichen Ebenen, für die vieles inzwischen nur noch großes Geschäft scheint, in dem sogar das Lächeln bereits seinen Preis hat.

Als wir weiterfahren, ziehen sich weit hinter dem Dorf über Felsspitzen und schrundigen Gipfeln die allgegenwärtigen Nebelfetzen und Wolkenfelder zusammen. An der Straße wachsen dreistöckig lange Flachbauten in die Höhe, Platte nannte man das in der DDR. Nur daß die Gerüste hier aus Bambus sind. Was ehedem Tibet war, wird nun von Han-Chinesen besiedelt, angelockt mit großartigen Vergünstigungen der Zentralregierung in Beijing. Und die müssen irgend­wo­hin. Strom und Fernwärme ersetzen mittlerweile Butterlampe und Herdfeuer aus getrocknetem Yakmist. Obwohl die Tibeter auf dem Papier sich auf ihre Autonomie berufen könnten, werden sie längst in der Wirklichkeit vom chinese way of life unterhöhlt und ausgebrannt. Wie wir in Europa vom amerikanischen. Dies geschieht schleichend, hüben wie drüben in Ausweitung bestehender und kommender Weltmächte, nur, daß sechs Millionen Tibeter ungleich schlechtere Voraussetzungen besitzen, als das alte Europa, das es als neue EU immerhin auf 456 Millionen Einwohner bringt und damit an dritte Stelle in der Weltbevölkerung nach China und Indien, was ein gewisses Gewicht hat. Europa weiß noch nichts von seiner Größe, von Tibet aber will niemand wissen. Es ist wie eh und je: Geschäft regiert die Welt. In der chinesischen Geschichte gab es die Zeit der streitenden Reiche. Warten wir mal ab, welche das in der zukünftigen Geschichte der Welt sein werden.

Höher den Pass hinauf werden die Dörfer seltener und die Landschaften unwirtlicher. Manchmal werden noch Gerste und Bohnen angebaut, dann stehen neben den einstöckigen Häusern Gestelle aus Holz zum Trocknen von Getreidegarben und Bohnenbüschen. Diese sind etwa vier Meter hoch und ein Vielfaches von vier Metern breit. In diesem Abstand stehen in die Erde eingegrabene Balken, in denen sich mit halbmetrigen Zwischenräumen Öffnungen befinden, durch welche horizontale Holzstangen passender Länge geführt und gehalten werden. Daran aufgehangen unterscheiden sich hell die Getreide- von dunklen Bohnenbüscheln, jeweils mit der Frucht nach unten. Das Ganze erinnert ein wenig an uns aus Turnhallen bekannte Kletter­gerüste. Schräg in den Boden gesteckte Holzstangen stützen sie gegen ständig wehende Winde und Stürme ab. Manchmal ziehen die Dörfler im Schutz dieser Barrieren Kartoffeln, Kohl, Rettich und andere Feldfrüchte. In die südlichen Bergflan­ken über den Dörfern gegrabene Terrassenfelder künden von mühsamem Ackerbau. Die im Frühjahr intensive Einstrahlung der dann steilstehenden Sonne ermöglicht auch unter sonst kargen und rauen Bedingungen mindestens eine Getreideernte im Jahr, oft sogar zwei, dann jedoch überwiegend Mais und Hackfrüchte.

Wo man auch steht und fährt, werden Wege und Straßen begleitet von Strommasten und –leitungen. Kein Tal so abgeschieden, daß nicht wenigstens zwei Drähte hineinführten. Was nicht heißen soll, daß an deren Endpunkten auch wirklich Elektrizität entnommen werden kann. Jedenfalls nicht immer. China ist ein hungriges Land, hungrig und nimmersatt nach Energie, das meiste davon wird jedoch in die pulsierenden Städte des Ostens geleitet. Mag sein, daß in der Abgeschiedenheit hiesiger Täler zu Beginn der Tagesnachrichten einmal das ferne Beijing im TV aufflackert, bevor das Bild bläulich zitternd in sich zusammenbricht, weil kein Strom ist. Aber potentiell ist die Möglichkeit vorhanden.

Die Straße, die wir hinauffahren, ist grob in den Berg gehauen. Man hat (noch?) nicht versucht, die Gewalt der dazu notwendigen schotterbrechenden Maschinenungetüme zu bemänteln. Nackt und roh schaut kalkig lehmig bloßgelegtes Gestein aus den freige­sprengten Innereien des Gebirges beiderseits der schwarzen Asphaltpiste, vermutlich Ziel eines Fünfjahres­planes zur Erschließung dieser ärmsten aller armen Regionen Chinas. Anderer­seits, gäbe es nicht diese Straße, gäbe es auch nicht uns in dem kleinen koreanischen Bus auf dieser Straße. Man kann alles so oder so sehen, jedes Ding hat bekanntlich wenig­stens zwei Seiten.

Immer höher türmen sich Grate und Gipfel, immer tiefere Ausblicke in steil abfallende Täler lassen uns schaudern, durch alles zieht sich wie der gewundene Leib eines Drachens das glatte Band der Straße – eines Drachens mit wunden Flanken. Umweltschutz ist zwar auch im neuen Reich der Mitte ein Thema, doch nicht hier, wo kaum jemand protestiert. Na und, wird man in der Provinzregierung sagen, vorher war hier nichts außer Ziegenkötteln. Jetzt aber haben wir hier gleich zwei von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannte Park­landschaften erschaffen – ist das etwa nichts?

Doch, das ist was, sogar eine großartige Leistung. Aber die Landschaft gab es schon vorher, und seit hunderten von Jahren hat sie ihre Bewohner ernährt, sonst wären die wohl längst ausgestorben. Aber bald werden es nicht nur Straßen sondern Autobahnen sein, die sich entlang der Flanken der Gebirge drängeln, die Reichen aus dem Osten werden sich Sommerhäuser und Alterssitze in diesem Paradies errichten und – aber das ist uns ja alles aus Europa und der westlichen Welt, als dort allerorten Wohlstand einzog, allzu geläufig. Augenscheinlich lernt die Mensch­heit nichts hinzu und muß und wird die gleichen Fehler stets aufs Neue begehen. Worin ich mich und meine Mitreisenden einschließe, denn sonst wären wir kaum hier.

Doch, es gibt – und man sieht sie durchs regenfeuchte Busfenster - ein paar verwachsene Saumpfade, die ebenfalls dorthin führen, wo wir in zwei Stunden sein werden. Die aber erforderten wenigstens zwei Tagesreisen und Führer nebst Lasttier, denn es kann hier sehr unwirt­lich werden, besonders nachts, wenn sich wilde Tiere aus ihren Bauten heraustrauen und auf Beutefang gehen. Oder gibt es die auch schon nicht mehr?

Der Schneeleopard, heißt es, sei in den Schluchten westlich des Min-Tals, also seiner Heimat, so gut wie ausgestorben. Nur vereinzelt tauche sein seidiges Fell noch auf illegalen Märkten entlang der Seidenstraße auf. Gesetzlich ist er, wie auch viele andere bedrohte Arten, schon seit langem geschützt. Aber wer achtet Gesetze, deren Einhaltung in der Abgeschiedenheit der Ausläufer des Himalaya, einem der urzeitlich jüngsten Gebirgszüge der Welt, niemand verfolgen kann. Hier herrschen die Gesetze von Lebens- und Über­lebenskampf. Auch die Menschheit scheint hier eine bedrohte Art – zumindest jene, deren auskömm­liche Heimat diese Landschaften seit Urzeiten waren.

Huang Long zeigt sich zuallererst als riesiger Parkplatz, auf dem Uniformierte mit Triller­pfeifen im Mund in die wenigen Lücken einwinken. Privatwagen zuerst, Busse ganz zuletzt, damit es ihre Besatzungen – Touristen mit Geld – nicht allzu weit haben. Von Beginn bis Ende mißt der Parkplatz mindestens einen Kilometer. Breit ist er nicht, an seinem Eingang ist das Tal schmal, eng und düster, was seine Ausdehnung auf natürliche Weise beschränkt.

Steif mühen wir uns aus dem klimatisierten Bus und ziehen uns sogleich die Jacken um die Schultern: brr, ungemütlich! Kaum zehn Grad. Manche Chinesen laufen mit Wollschal und Mundschutz herum, zugegeben, ein wenig übertrieben. Aber wir befinden uns auf etwa 3000 Metern Höhe, und da ist Anderes angesagt: im hölzernen Kassenbau werden auf Verlangen unentgeltlich Haarsprayflaschen ähnliche Sauerstoffdosen ausgehändigt, nur das Mundstück muß man für drei Yuan kaufen. Geht weg wie warme Semmeln. Ich brauch’s nicht, bin schon seit sieben Jahren Nichtraucher. Doch all die spuckenden, hustenden und rotzenden Chinesen, denen Kohleheizung und Abgase landesweit die Atemwege verklebt haben, die greifen gerne und fröhlich schnatternd zu. Alle paar Meter stehen sie seitwärts des bergan führenden Weges und entnehmen Dosen mit weißen Mundstücken Sauerstoff­duschen: Pfff! –pfff! 

Man kann sich allerdings auch tragen lassen. Hierzu stehen rohrgeflochtene Sessel mit Lehnen in Drachenform und zwei seitlich angebrachten Tragebalken zur Verfügung, vorne und hinten je ein Träger. Je nach Gewicht der Beförderten biegen sich die Bambusstangen auf den Schultern der Träger mehr oder weniger durch, bei Westlern manchmal ganz erheblich – Folgen von Pommes, Mayo und Big Mac, schätze ich. Amis mit Baseballmützen und schreiend bunten Flanellhemden über den Jeans sitzen am tiefsten. Aber das müssen gar nicht alles US-Bürger sein, sie haben ihre Moden ja bereits über die ganze Welt verstreut, einschließlich Eßgewohnheiten. Gleich neben der Kasse befindet sich denn auch eine Mini-Burger-Braterei, die Schlange davor besteht in der Hauptsache aus Chinesen.

Wir essen erstmal eine heiße Nudelsuppe mit (allerdings nur Spuren) Yakfleisch, schließ­lich haben wir hinauf bis zum Huanglong Kloster und den terrassenförmig angeordneten, kristallklaren Seen, die das gesamte von mächtigen Bergen geformte Tal überziehen, gut fünf Kilometer oder zwei lange Stunden bergauf vor uns. Die wollen in dieser Höhe besonnen und mit einer guten Unterlage im Magen angegangen werden. Uwe hatte gefragt: Menü im Restaurant oder Nudelsuppe?

Einstimmig votierten wir für das frugalere Essen, abends gab es ja wieder warm und volle Platte, da konnte man sich schadlos halten. Volker wurde nicht gefragt, zumal sich der gleich nach Ankunft in den Berg verabschiedete. Uwe freute es sichtlich, da unser Entschluß sein Budget spürbar entlastete. Bestimmt würde er sich eine passende Quittung für die Abrech­nung mit dem staatlichen Reisedienst CTS, dem er diente, ausstellen lassen. Uns Uwe – nicht nur Schlitzauge sondern auch –ohr.

Niemand mißgönnte ihm den kleinen Nebenverdienst, war er doch auch mit der Besichti­gung dieses Naturwunders abseits festgelegter Planung auf unsere Wünsche eingegangen. Flexibilität: das wird dieses Riesenland voranbringen. Und da braucht es Leute wie Hu Wei, Uwe also.

Der Weg hinauf erweist sich als nicht allzu steil. Immer wieder keuchen Träger vorbei, manchmal drei, vier Sänf­ten hintereinander. Ganze Familien, vom Großvater bis zu den Enkeln, lassen sich so zum Scheitelpunkt des Rundweges befördern. Namen und Fotos der im Park zugelassenen Träger sind am Eingang auf einem großen Holzschild plakatiert.

UNESCO Weltkulturerbe Huang LongLinkerhand des Weges steigt sanft der Berg an, rechts rieselt, sprudelt, gluckst und fällt in hunderten Metern Breite Wasser. Auf seinem Weg von den Gletschern der in ferner Bläue aufsteigenden Gipfel hat es eine Unzahl Mineralien aus dem Gestein gelöst und trägt sie mit sich, in der Hauptsache Kalk, Schwefel und Karbonate. Die damit gesättigten Schmelzwasser arbeiteten sich über die Jahrtausende durch Risse und Spalten des Untergrunds und hinter­ließen ein fantastisches Muster aus niedrigen, von Grün über Gelb ins Weiße schimmernden und in den Karstboden geschnittenen Ablagerungen und Dämmen, die das Wasser stauten und glasklare Seen formten. Ihr Anblick erinnert an die ähnlich, jedoch von Menschen­hand angelegten Reisterrassen im Süden des Landes.

Der Aufstieg endet am Huanglong-Tempel und dem nahen Fünf-Farben-Pool (Wucai Chi), der mit seiner aus vierhundert Einzelteichen bestehenden Anordnung die sicher spektaku­lärste Formation des Tals darstellt. Seine volle Farbenpracht, die durch das stark mineral­haltige Wasser hervorgerufen wird, soll dieser Landschaftsteil allerdings nur bei klarem Wetter entwickeln. Wir waren eher froh, daß der Himmel bedeckt war und schwitzten auch ohne Sonne genügend, so daß sich auch aus unserer Gruppe einige im zweiten Abschnitt bis oben tragen ließen. Von dem mingzeitlichen, ursprünglich drei Klosterkomplexe umfassen­den Anwesen existiert allerdings nur noch der sogenannte Hintere Tempel. Doch die Ausblicke auf zauberhafte Landschaften sind den Aufstieg allemal wert.

Ach ja: ich hab mich weder tragen lassen noch extra Sauerstoff benötigt. Nur ganz gewöhnlich gekeucht. Fit also für die Hochebene von Tibet mit 4000 Metern Grundhöhe und einigen 5000-Meter-Pässen? Ich hab’s mir jedenfalls vorgenommen, im nächsten Jahr. Diese Reise ist nur eine Vorübung.

Das Laub der das Tal säumenden Wälder flimmert bereits herbstlich bunt. Diese, im Verein mit den lichtblinkenden Teichen und kristallklaren Seen am Talgrund, schaffen eine unwirk­liche, märchenhafte Stimmung. Niemand wäre vermutlich erstaunt, träte plötzlich Schneewittchen aus dem Wald und ließe sich von sieben rotmützigen Zwergen in einer Sänfte zu Tal tragen. In Erstaunen versetzt uns allerdings, was Kulis auf dem Rückweg an uns vorbei alles auf dem Rücken nach oben schleppen: das reicht von meterhoch auf hölzer­nen Rückentragen gestapelten Getränkekartons über Körbe voller Souvenirs, Kitschartikel und Kinderspiel­zeug bis hin zu armierten Betonträgern, Format 15x20, drei Meter lang; dann freilich trägt man zu Viert daran. Die Einzelträger haben meist ein T-förmiges, mit Schweiß vollgesogenes Holz­ge­stell dabei, auf dem sie ab und an die Last im Rücken wie auf einem dritten Bein abstützen und Verschnaufpausen einlegen. Einen Mann habe ich gesehen, der eine Greisin auf dem Rücken hinauftrug und auch sie von Zeit zu Zeit auf diesen Tragstock unter ihrem knöchernen Hintern absetzte, um sich die Stirn zu wischen.

Das alles ist vorgegeben, es gibt weder Seilbahn noch Straße im Park, der ebenfalls zum Weltkul­tur­erbe der UNESCO gehört. Alles, was sich nicht von selbst hinaufbewegt, muß getragen werden. Ein hartes Los? Die Träger scherzen sogar im Aufstieg noch miteinander, sie sind den Berg seit Urzeiten gewohnt, er fordert ihnen kaum mehr an Atem und Schweiß ab als das Flachland manchem Radfahrer. Zudem bringt die Arbeit kalkulierbare Einkünfte, auf die längst nicht jeder Chinese hoffen kann. Schon gar nicht in diesem abgeschiedenen Landesteil, wo sich nachts Berglöwe, Schneeleopard und Großer Panda gegenseitig die Pratzen zur Guten Nacht reichen könnten - wenn es denn noch genügend von ihnen gäbe. Ein älteres Ehepaar, Typ Rentner wie die meisten von uns, kauft Maiskolben an einem der zahlreich den Weg säumenden Stände. Offensichtlich in Abwehr zu erwartender Körper­gerüche der schmutzstarrenden Händler trägt es Atemschutzmasken – oder wozu sonst? Haben uns etwa SARS oder Vogelgrippe wieder eingeholt? Seit Tagen wissen wir nichts von der Welt. Hier, im äußersten Westen Chinas, kann man sich wirklich daraus verlieren.

Nacheinander trudeln wir sämtlich zur verabredeten Zeit am Bus ein. Höhe und Tempe­ra­tur machen zu schaffen, und so sind wir froh, als Herr Wang endlich den Gang einlegt und Gas gibt. Es geht Richtung Songpan, und wir müssen noch einmal einen 4300-Meter-Pass über­win­den, bevor unser Bus zurück ins Tal des Min-Flusses findet. Oben auf der Paßhöhe hält Herr Wang. Man hat ihn gebeten, einen Fotostop einzulegen, er selbst läßt sich vor dem Bus ein kurzes Zigarettchen zukommen. Außer den unerschütterlichen Fotografen, zwei, drei, steigt niemand aus. Hier oben heult der Wind, und Nebel verhüllt fast völlig den aus Steinen errichteten Chörten, von dessen pyramidenähnlicher Spitze an dünnen Bändern zerfetzte Gebets­fahnen herabflattern, in den fünf immer gleichen Farben Rot, Grün, Gelb, Blau und Weiß, welche im tibetischen Buddhismus für die Elemente Feuer, Wasser, Erde, Luft und Raum stehen. Enttäuscht von unserer wenig unternehmenslustigen Minderzahl zieht ein in Daunenjacke gekleideter Kham sein gesatteltes Yak hinter sich her zurück in den Bretterverschlag, wo gleich nebenan in einer neuen Holzbaracke Fernfahrer heißen Tee und in der Mikrowelle gegrilltes Junkfood zu sich nehmen können. Ja, die Stromkabel führen auch hierhin, auf den Pass.

Zugige Passhöhe (4000 m)Vor dem Einsteigen in den Bus zerrt mich jemand am Ärmel und brüllt mir durch den Sturm etwas zu. Unwillig mache ich mich los und frage Dagmar, die direkt am Eingang sitzt: „Hey, was will der Kerl?“

„Er sagt, du hast fotografiert. Dafür will er einen Yuan. Das ist hier oben Tarif.“

„So? Demnächst stelle ich mich auch irgendwohin und kassiere für jedes Foto. Guter Job, ernährt seinen Mann, ohne daß er etwas dafür tun müßte.“ Als ich aber Dagmars Gesicht sehe, gebe ich dem Mann ohne weitere Diskussion die verlangte Münze, worauf er meinen Ärmel freigibt und befriedigt abzieht. Hier gelten andere als westliche Maßstäbe, ein Yuan sind nur zehn Cent – was rege ich mich auf? Vielleicht hätte er mich nicht festhalten dürfen, das mag ich nicht. Und vielleicht hätte ich nicht fotografieren dürfen – kann sein, die hier oben mögen das nicht. Aber letztlich haben wir uns ja doch irgendwie geeinigt. Dank Dagmar, die soviel an philosophischer Ruhe ausstrahlt und uns vermittelt.

Die Serpentinen hinab bieten sich atemberaubende Ausblicke auf Gebirgsstöcke und in abgrundtiefe Täler. Wo, wenn nicht hier, in den Ausläufern des Himalaya, wäre die Wiege aller Wolken? In langgefächerten Schwaden, manchmal wie Atompilze über frostigen Höhen getürmt, ziehen sie majestätisch über von Wettern geschwärzte Gesteinskuppen hinweg und sorgen im Nieder­gang in die westlichen Ebenen Chinas für den Wasserreichtum asiati­scher Ströme wie Huang He (Gelber Fluß), Jinsha Jiang (Jangtse) und Tsangpo Jiang (Bramaputra). Hier, so scheint es, liegt der Ursprung sämtlichen Wassers der Erde, und man täte wohl gut daran, es möglichst frei seinen Weg über Land und ins Meer finden zu lassen. Aber da sind die Dürren, die Hochwasser und Überflutungen, kurz: die Unwägbarkeiten der Elemente, so daß der Mensch doch stets aufs Neue eingreift in die Natur – nicht immer zu seinem Besten. Es gab und gibt wenig kluge Leute wie den Provinzgouverneur Li Bing, der vor mehr als 2000 Jahren im Einverneh­men mit der Natur im Roten Becken von Sichuan die Bewässerungsanlage von Dijiang Yan bauen ließ, die auch heute noch ohne größere Pflege ihren Dienst verrichtet. Darauf komme ich im Folgenden noch zurück, wir werden sie morgen mit Uwe besichtigen.

Unten, im Tal des Min Jiang, liegt Songpan, eine alte Kreisstadt auf dem Rückweg nach Chengdu, wo Tibetaner, Qiang und Hui-Minderheiten friedlich mit Han-Chinesen vermischt leben. In den Stadtkern, den noch eine alte Mauer umgibt, gelangt man durch zwei Tore, zwischen denen gelb-grüne Fahrradrikschas pendeln, denn die Innenstadt ist für größere Fahrzeuge gesperrt. Auch unser Bus hält vor dem nördlichen Tor, wo das Denkmal eines siegreichen Stammesfürsten mit seiner Braut im Arm vor den Ruinen einer Festung die Touristen empfängt. Die Rikschas sind für die Chinesen unter ihnen, die sich bekannt­lich nur dann zu Fuß fortbewegen, wenn es wirklich nichts an Fahrbarem gibt.

SongpanDie Straße zwischen den beiden Stadttoren bemißt sich vielleicht auf einen Kilometer und ist beiderseits zu ebener Erde gerahmt von Kleider-, Schuh- und Spielwa­ren­geschäften, Souvenirständen, Obsthallen, Restaurants und Garküchen, dunklen Läden mit Gebraucht­waren wie mechanischen Nähmaschinen und rostigen Werkzeugen, dazwischen Frauen in den Trachten umliegender Dörfer, die Limonen, Hühner und Eier von Lastenfahrrädern herab oder aus mitgebrachten Tragekörben verkaufen. Manche haben ihr Kleinkind dabei, das brav in einem der Körbe hockt.

Unter dem Dach des südlichen Tores kniet ein Bettler, dessen schmächtige Arme und Beine dermaßen verkrüppelt sind, daß ich meinen Augen nicht traue. Er kniet, die Unterschenkel hinter sich, daran zwei Klumpfüße, deren einer nach oben, der andere nach unten zeigt – das heißt, wenn er stünde, wüßte man nicht, ob er vor- oder rückwärts gehen wollte. Das gleiche spiegelt sich in seinen Händen. Vor sich hat er einen leeren Ölkanister, worin er Almosen sammelt. Im Vorbeigehen lasse ich einen kleinen Schein hineinsegeln und nicke ihm zu, da legt er dankend die Klumphand an den Schirm seines Strohhutes und läßt mir seinen Blick folgen. Als ich mich nach ein paar Metern umdrehe und zögernd die Kamera hebe, winkt er mir zu, lächelt, versucht seinen Kindskörper zu straffen – und wirft sich tatsächlich einladend in Positur! Eine Abnormität, doch schien er durchaus zufrieden mit seinem Schicksal, das ihm verläßli­chere Einkünfte besche­ren mochte, als vielen Wander­arbeitern mit Vierzehnstundentag rund um die Woche in den großen Städten, wie Chengdu.

Uwe sammelt sein Trüppchen um sich und stellt die Gretchenfrage, die wir bei ihm schon kennen: Wollen Sie im Hotel essen? Aber das Essen ist schlecht dort, nicht gut und schlechter Service. Er wüßte was Besseres, klein und gemütlich, wie zu Hause. Ob wir dahin ...?

Wieder Nudelsuppe, fragen wir. Nein, ist sehr gut, richtiges Menü, viele Platten - und sauber. Na gut, lassen wir uns überreden. Und er hat wieder mal Recht: das anschließende Essen in einem Etablissement mit niedriger Decke und blankgescheuerten Tischen ist mindestens so gut, wie die bedienenden Mädchen aufmerksam und hübsch sind. Ein paar Flaschen Bier dazu: Herz, was begehrst du mehr! Der Weg zum Klo führt an der Küche mit bullerndem Herdfeuer, zwei schwitzenden alten Frauen und lecker die Luft durchziehenden Düften vorbei. Das Klo ist mit einem Hakenschloß versehen und gleichermaßen für Frauen wie Männer bestimmt. Die Spülung hakt etwas, und wer kein technisches Geschick besitzt, hinterläßt dem Nächsten einen sprudelnden Geysir, eine Brille fehlt, Armaturen und Rohre sind rostig, das Porzellan gelb von Urinstein, aber was macht das – non olet, es stinkt kaum. Nein, wirklich eine gute Empfehlung. Als Uwe listig nachschiebt, auch das Bier im Hotel sei teuer, recken sich nochmal einige Arme und ordern Nachschub.

Songpan, AbendessenAls wir etwas ungerade und in lockerer Formation das Lokal verlassen, ist es noch nicht sehr spät, doch die Dunkelheit hat Songpan bereits umfangen. Heiter und gelöst und nicht unbedingt geradesten Wegs zielt unsere Gesellschaft wenigstens in grober Richtung auf das Hotel zu. Uwe, der mit Mühe versucht, die vor Auslagen und Schaufenstern versprengten Grüppchen zusammenzuhalten, weist immer wieder den Weg. Wie ein freigelassener Sack Flöhe – so müssen wir ihm erscheinen. Und er behält wieder Recht.

Vorbei an Nachtbaustellen, wo im Lichtkegel greller Scheinwerfer die eingefallene Stadt­mauer restauriert wird, endlich im Hotel, erweist sich dessen Service als barsch und unfreundlich. Die Koffer, die der kleine dicke Herr Wang aus dem Unterboden unseres Busses zieht, tragen wir selbst in die Halle und auch – nach Erhalt der Schlüssel – auf die Zimmer. Dienstbares Personal ist außer Sicht, drückt sich, falls vorhanden, in Nischen und hinter Palmenkübeln herum. Niemand hat mehr Verlangen nach der Bar mit dem angeblich teuren Bier. Es war ein anstrengender Tag mit Wanderung auf drei- und Pässen von über viertausend Metern. Da zieht einem die Müdigkeit die Schlafmütze über beide Ohren. Nur duschen, das möchte ich noch. Und dann ins Bett. Meine Zweitbeste, im Nebenabteil, schlummert bereits fest unter ihren üblichen Nachtgeräuschen.

 9. Tag, Samstag, 01.10., Songpan – Chengdu

Nach chinesischem Frühstück, das niemand so richtig wach macht, sammelt Uwe sein Trüppchen vor dem Bus. Alle sind wir unausgeschlafen und gerädert.

Songpan liegt auf dreitausend Höhenmetern, nachts ist es bereits empfindlich kalt; etliche Hunde der Nachbarschaft schienen sich vergangene Nacht hindurch nur mit andauerndem Bellen warmgehalten zu haben. Im Bus legt fast jeder noch ein Schläfchen ein, bevor sich die müden Augenlieder der vorbeiziehenden Land­schaft wieder öffnen.

Entlang der recht guten Straße dann die üblichen Szenen: Traktoren des immer gleichen Typs von zwölfeinhalb PS mit Leuten auf dem Weg zur Feldarbeit, halbwüchsige Jungen beim Viehtrieb, neugierige Kleinkinder, von der Mutterhand in Hauseingängen festgehalten, daß sie uns nur ja nicht unter die Räder geraten. Neben, vor und hinter uns der Min Jiang, dessen schäumendes Wasser uns steter Begleiter ist. Hin und wieder eine Hängebrücke von abenteuerlicher Konstruktion, die das gegenüber liegende Dorf an die von uns befahrene Straße bindet. Mal weitet sich sein Bett, dann strömt der Fluß träge und von flachen Sandbänken durchzogen neben uns her. Gleich darauf zwängt er sich wieder durch Schlünde und stürzt schäumend über glatte Felsen hinweg zu Tal. An besonders engen Stellen füllt sein Gischten die Luft und macht die Scheiben unseres Busses blind. Außer Mais, Bäumen und Buschwerk scheint hier nichts zu wachsen. Manchmal liegen Kähne und Boote am Ufer, die auf Fischfang schließen lassen. Oft sind die schroffen Gipfel beiderseits seines Laufs hinter dichten Wolken verborgen.

Rastplatz im Min ShanDieselbe Raststätte wie schon bei der Hinfahrt, nur diesmal in trübem Wetter. Der See, vor Tagen so glitzernd und gleißend, heute metallisch glatt und matt. Auch die dunkel­häutigen Kastanien­rösterinnen sind da, doch tragen sie jetzt dicke Pullover oder schwarze Umhänge aus Yakwolle, die bis zum Boden reichen. Wir halten uns nicht lange auf.

In engen Serpentinen windet sich die Straße durch das Gebirge, mal links, mal rechts des Flusses, wo gerade Platz ist. Auf manchen Gipfeln gemauerte Beobachtungstürme, von quadratischem Grundriß und, sich nach oben verjüngend, wohl an die zwanzig Meter hoch. Dies ist Khamgebiet, und seit einigen Jahren dürfen sie wieder ihren Sitten und Gebräuchen nachgehen. Als erstes bauten sie die während der Kulturrevolution zerstörten Türme wieder auf, die aber nun, angesichts raschen Fortkommens auf dem asphaltierten Straßenband, nur mehr musealen Charakter besitzen. Sie schrecken nicht mehr und halten niemanden auf, der im Panzer die darunterliegende Straße hinaufgedonnert käme. 

Wo das Flußtal sich weitet, haben die Bewohner auf mühsam in die Bergflanken gegra­benen Terrassen Felder angelegt, wo sie Mais, Gerste und Hackfrüchte anbauen. Je mehr wir uns der Provinzhauptstadt Chengdu nähern, desto stabiler scheinen die Hängebrücken über den Min Jiang. Doch auch hier gibt es Ausreißer, wo die Drahtseile, von Rost zernagt, kaum noch die morschen Bodenbretter halten können. Hier darf man getrost wetten, daß das entsprechende Dorf entvölkert ist, und seine männlichen Bewohner sich als Wanderarbeiter in die östlichen Küstenstädte aufgemacht haben.

Gegen Mittag erreichen wir Mao Xian, eine Kleinstadt, noch etwa 180 km von Chengdu entfernt. Ziemlich durchgerüttelt steigen wir aus und folgen Uwe, der auch hier ein billiges Restaurant weiß, wo Oma gute Süppchen kocht. Daraus, wie man uns aus allen Richtungen neugierig anstarrt, ersehen wir, daß hier nicht eben häufig Touristen vor Anker gehen. Geschweige denn stranden, wie wir. Jedenfalls keine Europäer. Zwei Häuser weiter kulminiert gerade eine Hochzeit. Auf dem Gehsteig vor dem Lokal platzen aus Wolken roten Wachspapiers Kracher und dicke Böllerschüsse, Pfeifer steigen heulend in die von Pulverdampf geschwängerte Luft, auf dem Pflaster springen Knallfrösche, während bengali­sche Feuer grelles Licht und atembeklemmend stinkende Dämpfe verbreiten. Dazwischen im Nebel ausgelassen tanzende Erwachsene und eine jubelnde Kinderschar, die sich an dem krachend grellen Spektakel erfeuen. Es muß eine chinesische, keine tibetische Hochzeit sein, die da abgeht. Zurück bleibt eine mit Sprenghülsen und rotem Papier übersäte Straße, als sich die Gesellschaft zur großen Speisenfolge, dem Festmahl, in das Lokal zurückzieht. Unseres ist vergleichsweise frugal: Nudelsuppe mit Yakfleisch und Bier. Wir wollten es so.

Bald hat uns der Min Jiang wieder. Kochend ergießen sich aus enggemauerten Schächten Bergbäche in sein Bett, sprudeln zwischen niedrigen Ziegelhäusern hervor.

KhampadorfWir besichtigen ein Wehrdorf der Kham. Eines jener Dörfer, die sich Touristen geöffnet haben. Entlang der Straße parkende Autos mit auswärtigen Kennzeichen. Kein Raum für einen Sammelparkplatz im engen Flußtal. Dieses Dorf scheint wohlhabend, zumindest besitzt es eine solide Beton­brücke über den Fluß, die zu ihm führt, geschwun­gen und leicht.

Ich glaube kaum, daß sich das Dorf immer so aufgeräumt und sauber zeigt, doch morgen beginnt in ganz China die zweite „Goldene Woche“ des Jahres, wir würden das Urlaub nennen, die erste liegt um den 1.Mai. Mehr freie Tage (außer zu traditionellen Festen, wie Neujahrs- oder Mondfest) gibt es in der chinesischen Arbeitswelt (noch) nicht. Da ist natürlich alles unterwegs, und das Land gleicht einem Ameisenhaufen, in dem jemand mit einem Stock herumstochert.

Es ist ein Bergdorf, und zahllose Stufen neben mehr oder weniger steilen Pfaden führen hindurch. In seinen engen Gassen drängen sich neben Besuchern die Lastenräder von Lieferan­ten, die rasch noch die aufgebauten Stände und Auslagen mit bunten Trachten, Web- und Korb­waren, bestickten Schuhen, getriebenem Silberschmuck, Gewürzen und allerlei als Medizin angebotenem getrocknetem Getier auffüllen. Die an fast jedem Fenster­stock trocknenden, auf Band gefädelten Dolden roter Chilischoten geben dem Ort eine farbenprächtige Note. Mais, ebenfalls zu Büscheln gebunden, fügt einen Goldhauch dazu. Dazwischen Topfpflanzen und in kargen Beeten ausgesäte Blumen. Gut möglich, daß man am Ende eines Gäßchens durch einen Torgang in einer Wohnung landet und plötzlich deren lächelnden Besitzern gegenübersteht. Die chinesische Entsprechung für Entschuldigung lautet dui buzi - mit stark gelispeltem z. Ich konnte es mehrfach ausprobieren.

Unter den Häusern und Gassen erstreckt sich ein Gewirr dunkler Höhlen, die über noch dunklere Gänge und niedrige Stollen miteinander in Verbindung stehen – eben, ein Wehr­dorf. Uwe wagt mit einigen Entschlossenen ein kurzes Abtauchen in dieses Labyrinth, bläst aber nach wenigen Metern mangels Taschenlampe und somit Sicht zum Rückzug aus den finster-feucht-kalten Kavernen ans Licht. Am Abend, nach gehabtem Mahl und einigen Schnäpsen Mao-Tai, wird die Handvoll Helden davon mit glühenden Wangen berichten und diskutieren, warum niemand einen Faden zum Abhaspeln und notfalls daran zurückfinden dabei hatte. Notfalls hätte es, und das ist unter aufplatzendem Gelächter wieder einen Mao-Tai wert, ja sogar der rötliche, selbstgestrickte Pulli von Denise getan, den man aber auch zu gerne aufgerebbelt hätte. Der klassische Rote Faden. Aber Denise war nicht dabei, feilschte lieber überirdisch um Armreifen und Halskettchen.

Khampadorf, PfeifenraucherinÜberhaupt: das Ganze scheint ein großes Geschäft zu sein. Man sieht viele Alte, wenig Junge, zumeist Frauen. Einige davon, die in dünne, lange Pfeifen gestopfte krumme Zigarren rauchen. Tabak wird, soweit es der Boden zuläßt, in jedem Dorf angebaut. Ein Nichtraucher hier in Chinas Westen wäre etwa so auffallend wie ein schwarzer Eisbär. Alles raucht. Nur die Kleinkinder noch nicht – ein entzückendes Exemplar kommt gerade meinem Blick und dem Objektiv meiner Kamera entgegen: winzig, vollkommen in gestickte Stammestracht gekleidet, aber doch schon stolz und gemessen. Würdig nicken wir, nachdem ich mein Foto im Kasten habe, einander zu. Naomi Campbell hätte das nicht anmutiger und souveräner hinter sich bringen können.

KhampadorfHöher hinauf und aus dem Dorf hinaus beginnen die leeren Häuser. Einst Heimat großer Familien, stehen sie im Begriff zu verfallen. Geschnitzte Türstöcke künden von einstigem Wohlstand. Darunter Treppenstufen, in sich zusammengefallen, Jahrhunderte altes Gebälk, die Schindeln darauf von Winterstürmen hinweggeblasen und kaum noch erneuert. Diese Wohnstätten rotten vor sich hin. Niemand scheint zuständig, seit die Jungen weggegangen und die Alten weggestorben sind. Tourismus bleibt die letzte Chance dieses Dorfes, das sich eng in seine Gebirgsnische drückt, die ihm neben der landesweiten Partei­dok­trin von Aussaat, Viehzucht und Fünfjahresplänen bleibt. Das alles hat sich zwar geändert, doch auf Provinz- und Bezirksebene noch längst nicht verbreitet. Wie zu Kaisers Zeiten regieren hier lokaler Parteiadel und, damit inhandgehend, Inkompetenz und Korruption. Um das mal gründlich zu durchforsten, sind Zentralregierung und Partei im fernen Osten einfach zu weit weg – etwa drei Zeitzonen. Das reicht, daß jeder Provinzfürst hier immer noch sein eigenes Spielchen spielen kann. Ein Korb liegt im Eingang, in der Eile vergessen. Ein Schloß vor dem Fenstergitter, nutzlos ohne Schlüssel. Beiderseits der leeren Türöffnung des Hauses immer noch die rot-goldenen Spruchbänder, die vor bösen Geistern und Dämonen schützen sollen – sie, als einzige, scheinen dauerhaft. Doch vor dem Verfall schützen auch sie nicht.

Sinnend sitzt ein alter Mann auf der Treppe eines dieser Häuser. Im Blick einen vierjähri­gen Steppke, welcher mit baumelnden Beinchen auf dem gummibereiften Anhänger eines Traktors sitzt, das Milchgesicht skeptisch rückwärts, der Vergangenheit zugewandt. Dieses Bild – bald schon wird ihn der Traktor vorwärts, in die Zukunft ziehen, sonst säße er nicht so da: mit zugekniffenen Brauen und ineinander verschränkten Händen, auf deren Knöchel­chen sich rund noch Babyspeck wölbt. Ich denke, die nächste Generation wird auch in diesem entlegenen Landesteil der Partei einheizen. Dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann auch hier mitbestimmt wird in sowohl zentralen wie auch entlegeneren Fragen des Landes. Ich bin überzeugt, das Weltgeschehen mißt sich kaum noch am Fortkommen kaiser­licher Reiterstafetten aus der Ming-Zeit, wie das einige Landlords der Partei noch sehen wollen, als vielmehr am zuckenden Puls des Internets. Google und Konsorten haben zwar  in China auf Druck der Partei Filter für bestimmte Inhalte installieren müssen, das mag sich jedoch kurzfristig ändern. Alles in dieser Richtung scheint im Fluß.

KhampafrauenÜber ihren farbenprächtigen Trachten tragen die zumeist älteren Dorfbewohnerinnen schwarze oder dunkelviolett um den Kopf gewundene Turbane. Manchmal ein silberner Ring oder sonstiger Schmuck im Ohr. Unter weiten Umhängen und blauen Schürzen schwarze Hosen, die Waden zumeist mit weißen oder farbigen Bandagen umwickelt. Man sieht Greisinnen mit bloßem, steingrau gescheiteltem Haar, die lange Pfeife zwischen gelben Zahnstummeln, über blauen Samt­jäckchen Ärmelschoner tragend, vom Ellenbogen abwärts. Krumm und gebeugt schlurfen sie die Gäßchen entlang. Kaum junge Männer oder Frauen. Wenn letztere, dann in chinesischen Fantasiekostümen, nicht den alten Trachten: Umsatz, Disneyland – Tourismus. Männer machen sich rar. Vielleicht, daß in dem Häusergewinkel einer Ziegenteile auf rußiger Feuerstelle brät, während das entfleischte Gerippe samt fell­über­­zogenem Kopf mit Hörnern an einem Haken über ihm baumelt; allgemein jedoch scheinen Männer dem Dorf abhanden gekommen zu sein. Halbwüchsige sieht man beim Kartenspiel. In den Häusern drücken sich die Leute wie in Museen herum – sind sie denn Anderes?

Bekümmernswert, aber wohl unvermeidlich: China wiederholt in seinem Streben zur kommenden Weltmacht sämtliche Fehler, die der Westen zwar gemacht, als falschen und irrigen Weg aber längst erkannt und abgehakt hat. Wer sollte auch je aus Erfahrun­gen von Protago­nisten lernen. Jeder, so scheint es, muß seine Umgebung selber durchleben wie -leiden. Worte Anderer, schon gar nicht deren Erfahrungen, zählen kaum. Eine traurige Wahrheit.

In eines der Häuser führt gleich hinter dem Eingangstor eine Steinstiege hinauf in die Wohnräume, daneben liegen Wassermelonen. Auf der Schwelle sitzt ein alter Mann, Han-Chinese mit Ballonmütze – vielleicht auf Maos Langem Marsch hier hängengeblieben. Über ihm seitlich an die Türstöcke geklebt Segenssprüche und Beschwörungsformeln gegen böse Geister, Überbleibsel vom letzten Neujahrsfest, ganz wie bei uns die Kreideschrift C+M+B von Dreikönigssingern an den Türen. Entlarvend aber die hochkant gestellte Fichtenbohle hinter seinem Rücken: jeder, der ins Haus geht, muß darüber hinwegsteigen - und dabei die Knie beugen. Geister und Dämonen aber können das nicht, ihnen fehlt nach chinesischem Glauben das dazu notwendige Gelenk. Daher ist in traditionellen chinesischen Gebäuden solch hochgezogene Schwelle fest und massiv eingebaut, hier nur, mehr oder weniger provisorisch, davorgenagelt. Was soll daran Entlarvendes sein? Nun, Tibeter kennen diesen Glauben nicht, es muß also ein von Tibetern erbautes Haus sein, das offensichtlich jetzt von Chinesen bewohnt wird. Bald wird kaum noch etwas in diesem Landstrich, der bis 1950 zu Tibet gehörte, an dessen ursprügliche Bewohner erinnern – außer zahnlosen, pfeife­rauchen­den Greisinnen. Wenn sie gestorben sind, wird es das einst stolze Bergvolk der Kham nicht mehr geben. Ein Gedanke, der meinen Entschluß festigt, im nächsten Jahr das tibetische Hochland zu bereisen, bevor auch dort das ursprüngliche Tibet untergegangen und von chinesischem Leben wie Seepocken an morschem Holz unter der Wasserlinie überwuchert sein wird. Ich liebe China und sein Volk – aber in China, nicht in Tibet.

Wir fahren weiter, Richtung Chengdu. Überall ziehen sich mächtige Schneisen in die Berge, von Maschinenmonstern und tausenden unermüdlich schaufelnder Arme gegrabene Trassen für neue Straßen. Brückenpfeiler stelzen durch den Fluß, immer höher, immer kühner. Das wund und baumlos zurückgelassene Land wird mit Gittermatten aus Beton bedeckt, damit die Fluten der nächsten Regenzeit es nicht mit sich reißen. Im dampfenden und wolkenverhangenen Nichts des Gebirges kauert das Skelett einer zukünftigen Autobahn und verharrt als monströse Zunge eines urweltlichen Tieres kirchturmhoch über dem Tal – bereit, sich auf die noch unerschlossenen Weiten Chinas Westens zu stürzen.

Diese Straße entlang dem Tal des Min Jiang ist die wichtigste Verkehrsader zwischen den Provinzhaupt­städten Sichuans, Chengdu, und der des nördlich daran anschließenden Gansu, Lanzhou, einer stinkenden, luftverpesteten aber wichtigen Industriemetropole in Chinas Norden, kurz, d.h. etwa 800 km, vor  Wüste Gobi und Mongolei. Zäher Lkw-Verkehr schleppt sich darüber hin, immer wieder von schlammigen Baustellen und im Dieselqualm fluchenden und hustenden Arbeitern ausgebremst.

Es wird später Nachmittag, als wir Dujiang Yan erreichen, etwa 60 km nordwestlich Chengdus. Hier steht die berühmte Bewässerungsanlage gleichen Namens auf unserem Plan, welche bereits seit der Zeit der Streitenden Reiche, also rund 2250 Jahren, ihren Dienst versieht. Ein ausgeklügeltes System aus Deich, der das Wasser scheiden soll, Schleuse und Überlaufkanal reguliert den stürmischen Fluß des Min Jiang, der so bei Hochwasser unge­hin­dert abfließen kann, zu normalen Zeiten aber ein Gewirr von Kanälen und Bewässerungs­gräben speist, die heute 6,6 Millionen ha Ackerland im Roten Becken Sichuans versorgen, und es zu einem der fruchtbarsten Landstriche Chinas werden ließ. Diese Anordnung weniger, aber genial aufeinander abgestimmter Bauwerke entstand in den Jahren 306 bis 251 v.Chr. unter Regie des Provinzpräfekten Li Bing sowie dessen Sohn Li Erbang, der das Werk fort­führte und vollendete. Beiden zu Ehren ist hoch über dem Bauwerk auf einem Berghang die Tempelanlage der Zwei Könige, Erwang Miao, errichtet, vor der unser Bus jetzt ausrollt.

Es nieselt, und gerade wird die Kasse am Eingang geschlossen. In Beijing ist jetzt wohl schon finstere Nacht. Mit Engelszungen redend, gelingt es Uwe, uns doch noch Einlaß zu verschaffen, unter der Bedingung, daß wir vor Einlaß sorfältig unsere nassen Sohlen auf der Matte am Eingang säubern. Die Putzmannschaft hat schon alles für den nächsten Tag gereinigt, argwöhnisch wird jeder unserer Schritte von auf Besen gestützten Männern und Frauen mit Wischmops beäugt.

Von der Bewässerungsanlage ist nicht viel zu erkennen, Regen, dichte, triefende Vegeta­tion und fortschreitende Dämmerung verhindern dies. Endlose Steinstufen führen hinab. Einmal, nur kurz, erlaubt das tropfende Blätterdach einen Blick auf die Anlage. Man muß es sich als umgekehrtes V mit einem waagerechten Balken über dem Schnittpunkt seiner beiden Schenkel vorstellen: das sind die beiden Schleusen. Das V selber als Deich und sein Inneres bildet die Scheide, welche den Fluß in Links und Rechts teilt. Immer nur eine der beiden Schleusenhälften läßt das Wasser passieren – genial einfach. Mehr als 2000 Jahre später hat man das gleiche System als Weiche bei Erschließung der Welt mit stählernen Dampfrössern wiederentdeckt. Oder noch moderner, in der Elektronik mit dem Flip-Flop, ohne den Computer undenkbar wären. Zu Recht hat man den Erbauern dieses Wunderwerks einen Tempel gewidmet.

Bewässerungsanlage Dujiang YanÜber das „V“ hinweg, und damit beide Arme des gebändigten Min Jiang querend, führt eine Hängebrücke, die es, immer wieder erneuert, bereits seit Entstehen der Anlage gab. Auf glitschigen, regenfeuchten Bodenbrettern hangelt man sich von Stützpunkt zu Stützpunkt der Konstruktion, auf der gesamten Breite gibt es deren sieben. Dazwischen schaukelt und zittert der Boden von jedem Windhauch unter den Füßen, doch wenn irgendein Witzbold das Ganze durch betontes, rhythmisch wiederholtes Fußaufstampfen noch in Schwingungen versetzt, kann einem Angst und Bange werden, nicht nur Frauen halten sich dann an den dicken Tragseilen beiderseits der Bohlen und zehn Meter über dem gurgelnden Wasser­spiegel fest. Volker ist so ein Witzbold, was nicht unbedingt zu seiner Beliebtheit beiträgt.

Wie fast alle, stolpere auch ich hinüber. Tatsächlich: der eine Flußzweig ist bis auf Halden weißer und brauner Kiesel zwischen verbliebenen Tümpeln leer, in dem anderen strömt und gischtet der betrogene und gebändigte Wasserlauf. Es hat aufgehört zu nieseln. Ringsum ziehen die Berge sich Nebelmützen auf die Scheitel. Eine unwirkliche Stimmung senkt sich über das Tal – vor meinen Augen nimmt die Landschaft eine blaue Färbung an, die rasch in den Purpur der Nacht übergeht. So haben Meister der Tuschemalerei seit Tausenden Jahren ihr wundersames Land gesehen und auf handgeschöpften Papieren verewigt – und so darf ich es heute noch erleben. Im Anblick dessen möchte man gläubig werden. Bloß zu wem?

Hu Wei ruft uns, die wir uns an unterschiedlichsten Plätzen der Andacht hingeben, vom jenseitigen Ufer zurück. Oben, nachdem wir die Stufen hinauf und zurück zum Tempel erklommen haben, brennen die roten Kerzen und Räucherstäbe in den eisernen Aschebecken ab, die letzten löscht hinter uns das müde Personal, das nun endlich nach Hause darf. Die Böden glänzen vor Nässe, und wir haben wirklich versucht, kaum Spuren darauf zu hinterlassen. Zufrieden nickt der Beschließer dem Letzten nach, bevor er einen riesigen Schlüssel ins Schloß steckt und hinter uns absperrt.

Der kleine dicke Herr Wang erwartet uns schon vorm Bus, zwischen den Lippen die unvermeidliche Zigarette. Nach Chengdu ist es noch eine gute Stunde Fahrt, dann hat er Feierabend. Vorher kehren wir aber noch in einem Restaurant ein, wo man uns das fürstliche Abendessen mit weißen Handschuhen serviert. Wieder muß er draußen warten und sich zigarettenrauchend die Beine vertreten. Gegen 22 Uhr sind wir endlich im Quartier, wieder das Min Shan Hotel, wie gehabt. Niemand hat mehr Lust auf einen Absacker, und als die Schlüssel verteilt sind, strebt jeder so rasch als möglich dem Zimmer zu.

Anstrengend, ja. Aber die vergangenen vier Tage haben uns so wundervolle Landschaften erschlossen, deren Existenz der gängige Chinareisende nicht einmal ahnt. Wir hingegen sind sehr zufrieden, legen uns gemächlich in weichen Kissen zurück und beschließen, alles noch einmal zu träumen. So endete der Tag - jedenfalls was mich betrifft. 

10. Tag, Sonntag, 02.10., Chengdu und Umgebung

 Sämtliches im Hotel Min Shan atmet gediegene Eleganz, sogar die Standaschenbecher aus poliertem Messing, die auf jeder Etage neben dem Lift postiert sind. Jetzt, am Morgen, hat das Personal sie geleert und erneut mit feinem, weißen Sand befüllt, in dessen Mitte ein Ornament aus feuerroter Nelke und vier in Form einer Windrose darum arrangierter Rosen­blätter blüht. Ein Banause hat seine Kippe hineingesteckt; Lippenstiftspuren verraten, daß es eine Banausin war.

Um neun Uhr steht der kleine dicke Herr Wang mit dem Bus bereit, tritt seine Zigarette aus, und los geht’s. Das Wetter ist trübe. Die Landschaft, als wir aus der Stadt heraus sind, scheint in Wolken aus Magermilch gehüllt, nicht weiter als dreihundert Meter reicht das Auge. Kein Sonnenstrahl gibt mit Licht oder Schatten Hilfe zur Orientierung, so daß ich nicht weiß, in welcher Richtung das Dorf San Xingdui (3-Sterne-Hügel) liegt, zu dem wir fahren. Ich vermute es etwa fünfzig Kilometer nördlich Chengdus.

Hier fand man auf einem Areal von etwa 12 km²  die bislang größte Ruinenstätte der Shu-Dynastie, datiert im Zeitraum von 1000 – 3000 Jahren vor Beginn unserer Zeitrechnung. Alles begann im Frühjahr 1929, als man unter dem Hof des Anwesens der Familie Yan über 400 Artefakte aus Stein und Jade ausgrub. Im Laufe der folgenden 60 Jahre legte man immer mehr Gegenstände aus Bronze, Gold und Jade frei, die diesen Ort als eine Kapitale der Shu in der Zeit der Xia-Shang-Zhou-Dynastien nahelegte. Heute steht hier ein Museum.

Museum San XingduiDer Eingang ist unterirdisch angelegt, und so betritt man es wie eine geheimnisvolle Höhle. Durch Säle und Räume ohne Tageslicht erreicht man schließlich eine Kuppelhalle, in deren Mitte eine weite Glasröhre emporstrebt, darin kunstvoll geformt ein mehrere Meter hoher Geldbaum aus patinierter Bronze. Von hier, worüber sich ehedem blühende Raps- und Reisfelder breiteten, gelangt man auf einer sich um die Röhre windenden Treppe wieder ans Tageslicht. Sehr eindrucksvoll gemacht.

Den zweiten Teil des Museums, erreichbar nach zweihundert Metern Fußweg, beherbergt ein riesiger, oberirdischer Kegel, von dessen Fuß, ihn umrundend, eine steile Rampe nach oben zur Spitze führt, einem Prisma aus blauem Glas. Einlaß jedoch ist unten, vorbei an zwei uniformierten, reizenden jungen Damen, welche die Karten kontrollieren und abreißen. Das tun sie sehr vorsichtig, denn vielerorts in China hängen an den Billetts, durch Perforation getrennt, mit Aufdruck bereits gültig frankierte Ansichtskarten der jeweiligen Einrichtung. Viel Raum für persönliche Grüße bieten diese Karten jedoch nicht, wenn’s hoch kommt, reicht es für ein „Hi, war hier. Kung Fu-Tse.” Oder so.

Museum, BronzefigurenWas mich sofort im Museum fesselt, sind die ausgestellten Plastiken und Skulpturen aus Bronze. In Form und Aussehen erinnern sie stark an aztekische Götterbilder und Stein­monu­mente der Maya, die mir von Mexiko bekannt sind. Sollte hier etwa der Ursprung der Hochkulturen Mittelamerikas liegen? Dagmar, die meinen Weg im Halbdunkel vor einer der Vitrinen kreuzt, teile ich aufgeregt meine eben gewonnene Eingebung mit, untermauere sie sogleich mit Details: sowohl hier als auch bei den Mayas war die Sonne Symbol einer hohen Gottheit, hier wie dort das Sonnenrad, ein Halo mit fünf Speichen, heilig. Hier, diese Weihe- und Opferstätte, mehrstufig sich steinern nach oben hin verjüngend, in der Mitte eine Treppe steil nach oben führend zum Allerheiligsten, dem hochragenden Abbild der Götter, auf jeder Ebene bronzene Figuren, Priester mit hartschnäbeligen Vogelgesichtern und unverkennbar asiatischen Zügen: habe ich das nicht schon in Palenque, Chichen Itza und Teotihuacán gesehen? Sowohl Mayas als auch Tibeter ächteten den Gebrauch des Rades. Letztere bis zum Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts, obwohl beide Völker das Rad und seine kräfte­schonenden Dienste nachweislich kannten. Sowohl hier, in den Ausläufern des früheren Tibet, wie auch dort, in Mexiko und Guatemala, tragen die Frauen immer noch zusammen­gefaltete, grobgewebte Tücher auf dem hier wie dort schwarz gescheitelten Haar - als Tragetücher, Wetterschutz und sogar Kinderwiege bei der Feldarbeit ...

Ich brenne in dem Gedanken, und Dagmar nimmt ihn nachdenklich auf: Man müßte, sagt sie versonnen, wohl mehr disziplinenübergreifend forschen. Ich bin Sinologin, aber darüber, was du eben sagst, hab ich noch nie nachgedacht.

Okay – ich bis eben auch nicht. Aber einen Gedanken, von berufener Seite Parallelen zu finden, wäre es wohl wert. Zumal mich die Materie stark beschäftigt und ich bislang in der Literatur keinerlei diesbezügliche Hinweise gefunden habe.

Überhaupt nichts? fragt sie. Ich werde das mal in einem unserer nächsten Kolloquien anschneiden. Möglich, daß sich schon jemand anderes den Kopf darüber zerbrochen hat – ja, das werde ich, bekräftigt sie und nickt. Sie ist eine gute Fügung für unsere Reise, Besseres als Dagmar hätten wir uns gar nicht wünschen können.

Noch allerhand an goldenen, jadenen und bronzenen Kult- und Gebrauchsgegenständen ist ausgestellt und wirkungsvoll in Szene gesetzt, manchesmal ein wenig trivial und kitschig. Aber so lieben es die Chinesen, und schließlich sind wir hier Gäste und nicht Hausherren. Alles in allem also ein sehr gut gemachtes Museum und Ausstellung einer Fundstätte von hohem wissenschaftlichen Rang, die der Terrakottaarmee von Xi’an in nichts nachsteht. Nur ist sie bislang kaum bekannt, wozu ihre Abgelegenheit in Chinas Westen sicherlich beiträgt.

Wir essen im Café des Museums. Drei Tische sind für uns reserviert, es hat aufgeklart, die Sonne sticht. Aus kühlem Schatten eines zweiseits offenen Raumes voll dunklen, geschnitzten Holzes schauen wir auf eine wunderbar angelegte Garten­landschaft, durch deren Grün Lanzen flammenden Lichts stechen. Fisch, den siebten Gang, wählt man aus einem der drei von Luftschläuchen durchsprudelten Klarwasserbecken, zeigt ihn dem Koch, der das Gewünschte mit einem grünen Kescher herausangelt. Wohl selten bisher haben wir so gut gespeist. Die Bezeichnung Café für diese Oase ist pures Understatement, denken wir im Aufbruch. Uwe, der am Ausgang auf uns wartet, grient. Na also, mal so, mal so, scheint er zu denken.

Draußen, im vollen Sonnenlicht, sitzt Volker. Er war weder im Museum noch beim Essen im Café. Die Beine gespreizt, hockt er auf einer Rasenkante, zwischen den Knien ausgebreitet wie kostbare Schätze, was er derweil auf Andenkenmärkten ringsum erworben hat: geschnitzte chinesische Poststempel aus dem vorigen Jahrhundert. Hier, sagt er, und hebt etwas aus dem Geknüll des Einpackpapiers alter Zeitungen zwischen seinen Beinen ans Licht: ein Originalstempel der Eselspost zwischen Nanjing und Chongqing, den Haupt­städten von Kuomintang und KPCh, 1934, kurz bevor Mao auf den Langen Marsch ging!

Der Stempel ist aus rissigem Holz und zeigt erhaben das Positiv eines chinesischen Schrift­zei­chens, darüber einen fünfzackigen Stern. Alt, ja, das ist er, sein balliger Griff poliert von unzähligen fettigen Fingern. Doch weder Datum noch Jahreszahl.

Und woher weißt du, daß er von 1934 ist? frage ich.

Da, zieht er ein zerknittertes Papier aus der Hemdtasche und hält es mir als Beweis vors Gesicht: Lies! Eine Expertise zur Echtheit.

Ich kneife die Augen zusammen, versuche zu entziffern: Aber das sind ja nur chinesische Schriftzeichen!

Eben, sagt er und steckt das Papier zufrieden zurück in die Hemdtasche. Sonst wär’s ja nicht echt, oder?

Hm. War das Kong-Fu-Tse, der gesagt hat, jeden Morgen stehen genügend Dumme auf, man muß sie nur finden? Weiß nicht. Kann auch Bill Gates gewesen sein. Volker allerdings ist Lehrer, unterrichtet Kinder – ist das alles, was er ihnen von der weiten Welt heimzu­bringen weiß? Man sollte wohl ein wenig skeptischer sein und als Vorbild solches auch vermitteln, kommt mir in den Kopf.

Strohhütte des Dichters Du FuMit dem Bus geht es zurück nach Chengdu. Dort, im Westen, an einem Nebenlauf des Jin Jiang und bereits außerhalb der ehemaligen Stadtmauer, liegt die „Strohhütte“ des Dichters Du Fu. Der berühmte Tang-Dichter (712 – 770) stammte aus der Provinz Henan im Südosten und führte ein unstetes Wanderleben. 759 kam Du Fu nach Chengdu und soll hier während seines dreijährigen Aufenthaltes über 200 Gedichte verfaßt haben. Hütte ist stark untertrieben, bereits zur Song-Zeit wurde ihm zu Ehren ein Schrein errichtet, nach 1949 wurde die Anlage zu einem öffentlichen Park umgestaltet.

Mager und asketisch empfängt er als Bronze­skulptur die Besucher im Durchgang zum anschließenden Museum zu Leben und Werk des allseits Verehrten. Von hoher Beliebtheit zeugen die abgegriffenen blanken Hände der Figur, die fast jeder Besucher im Vorübergehen streicheln muß. In seiner eigentlichen Hütte geht es eher karg zu: Tisch, Stuhl, ein Regal, Tuschegefäß, Reibstein und Pinsel. Genächtigt hat er wohl auf dem Boden. Draußen, unter einem Strohdach, vier Granitblöcke als Sitze um einen fünften als Tisch. Hat er hier gedichtet, träumerisch den Blick ins Grün des dichten Bambuswäldchens auf der Wasser­insel gegen­über versenkt?

Ein alter Mann steht vor einer Wand mit Tafeln, darauf in den kalligrafischen Schrift­zeichen der Kaiserzeit, vor deren Reform unter Mao, einige Gedichte des Meisters Du. Versonnen fährt er mit dem Finger die verschnörkelten und ineinander verwobenen Linien nach, murmelnd wiederholen seine Lippen das Gelesene. Endlich nickt er, steckt sich eine Zigarette in den zahnlosen Mund und beginnt befriedigt zu paffen. Diese alten, geschwun­ge­nen Schriftzeichen sind vergleichbar dem Sütterlin im deutschen Sprachraum. Nur wenige der Jungen können sie noch lesen.

Am Ausgang des Parks die übliche Händlerschaft mit Handpuppen für die Kinder und Gedichtbänden für Erwachsene. Am Wegesrand, ausgebreitet zum Trocknen auf einem aufgespannten Sonnenschirm im Gras, eine vollgepißte Kinderhose. Ab und an sollte man sich wohl alter Traditionen erinnern – wie z.B. unten herum offener Schnellschußhosen.

Leider ist es mittlerweile fast überall auf der Welt gebräuchlich, Touristen in Fabrikations­stätten von Kunstgewerbe und Luxuswaren zu verfrachten, um ihnen auch dort das Geld aus den Taschen zu ziehen. Chinesen sind hier sehr erfinderisch: gerne wird die als Reisebestandteil gebuchte Mittagsverpflegung in Betriebskantinen gereicht, meist in einem den höheren Kadern vorbehaltenen Bereich. Anschließend kann das fröhliche Shoppen beginnen.

BrokatwebereiEssen hatten wir bereits, Einkaufen noch nicht. Diesmal ist es eine am Weg liegende Weberei für Brokatstoffe. Dieses Handwerk blickt auf lange Tradition zurück. Bereits in der Östlichen Han-Dynastie (25 – 220 n.Chr.) war der Ort für Seidenraupenzucht und Brokatweberei berühmt und hieß deshalb Jin Cheng (Brokatstadt). Da sich zeigte, daß die Stoffe glänzender wurden, wenn man sie im nahegelegenen Fluß wusch, erhielt dieser den Namen Jin Jiang (Brokatfluß). Wer sich sich nun merken sollte, daß die Silbe Jin „Brokat“ bedeutet, liegt falsch, denn sie kann mit fünf unterschiedlichen Betonungen ausgesprochen werden, und nur eine davon benennt diesen kostbar glänzenden, schweren Seidenstoff, der hier auf turmhohen Handwebstühlen gefertigt wird. Jede dieser komplizierten Web­ma­schinen wird von zwei Personen bedient, meist Mann und Frau. Ersterer handhabt auf traditionelle Art Schiffchen und Schuß, während die Frau, da sie leichter ist, zwei Meter über ihm auf einem Brett inmitten des Web-stuhls sitzt und wie eine Marionettenspielerin nach unerfindlichen Regeln an Schnurbündeln die Fäden zieht – Kettfäden nämlich. Die Gestelle dieser Webstühle sind aus Holz und Bambus­rohr und über vier Meter hoch. Wer dem verworrenen Fadenverlauf im Gestell mit den Augen zu folgen versucht, wird nie glauben, daß aus deren allgemeinem Zusammenspiel einmal Stoffe mit Mustern entstehen, die kaiserlicher Gewänder würdig sind. Ich habe gefragt: der Stoff für einen schlichten Morgenrock etwa wäre ab 10.000 Euro erhältlich, Grenze nach oben hin offen. Plus 30 Euro für’s Zuschneiden und Nähen. Aber sowas hält ja für’s Leben.

Man kann auch mit Weniger einsteigen. Ab 400 Euro gibt es schon ganz passable Seiden­bilder, hauchdünn und durchscheinend in wunderbar gedrechselte Holzrahmen gespannt, kleine Kostbarkeiten, wie geschaffen als Paravent vor dem häuslichen Kamin. Darf nur kein Funke herausspringen. Daher wüßte ich auch niemanden unserer kleinen Gruppe, der sich solch Schnäppchen hätte einpacken lassen. In Deutschland sieht man sie manchmal als Abtrennung zwischen Sitznischen in Chinarestaurants, allerdings in viel gröberer Machart. Doch, die Sachen sind wunderhübsch, für uns leider unerschwinglich. Es soll aber zu Wohl­stand gekommene Auslandschinesen geben, die, statt wie andere Leute in Gold, ihren Reichtum in Seidenstoffen anlegen. Die wären hier gut bedient. Unsere Frauen halten sich lieber an – richtig, Halskettchen und Armbänder. Die trägt das Budget.

Uwe sagt, noch zwanzig Minuten, Treffpunkt da und dort. Also gehe ich hinaus, noch ein wenig die Gegend zu erkunden. Um die Ecke, gleich über ein Abbruchgrundstück am Brokatfluß hinweg, findet sich ein kleiner Vogelmarkt. Alte Männer streifen durch die Buden­gasse, lauschen dem Gesang von Nachtigallen, führen Zwiegespräche mit Beos und prüfen hier und da sachkundig die Qualität leise im Luftstrom unter den Zeltdächern schaukelnder Bambuskäfige. Die Verkäufer scheinen träger als ihre feilgehaltenen Vögel, in einer Ecke wird gezockt. Natürlich um Geld, obwohl das, streng genommen, verboten ist. Doch keine Polizisten sind sichtbar, die es streng nehmen könnten. Vermutlich hocken die selber gerade in ihrer Wache auf winzigen, quietschbunten Plastikstühlchen beim Karten­spiel und nehmen sich gegenseitig die Strafgelder ab, die sie allzu aufdringlich herum­sitzenden Zockern für’s öffentliche Glücksspiel abkassiert haben. Geld, so eine alte Regel, muß im Umlauf bleiben, sonst kann es seine segensreiche Wirkung nicht entfalten.

Etwas, das auch verboten ist, sind Fahrradrikschas. Ihr Betrieb unterstütze bourgeoise Gewohnheiten und stelle Kuliarbeit dar, die es in der Kommunistischen Volksrepublik nicht mehr geben dürfe. Und so steht eine Anzahl dieser Gefährte im Schutz einer Mauer am Rand des Abbruchgeländes und wartet auf bessere Zeiten. Oder vielmehr einen Richtungswechsel in der Partei, den es ja hin und wieder gibt, gerade in jüngerer Zeit. Währenddessen haben drei kleine Mädchen sich solch eine Kutsche ausgeliehen: zwei lassen sich fahren, das dritte strampelt im Stehen fröhlich in die Pedale, da es diese und Sitz nicht gleichzeitig erreicht, und kurvt mit seiner kreischenden Fracht ausgelassen über die spärliche Grasnarbe des Geländes, worauf sich eben von der Brokatweberei her holpernd unser Bus mit dem kleinen dicken Herrn Wang am Steuer nähert. Paul und Erika, die auch geflüchtet sind, steigen mit mir zu. Drinnen gehen Perlenkettchen und Armbänder von Hand zu Hand, fachmännisch werden die Neuerwerbungen begutachtet. Oder besser: fachfräulich.

Schrein des Grafen WuNächster Halt ist am Schrein des Grafen Wu. Dieser, in einer Parkanlage im Südwesten der Stadt gelegen, wurde zum Gedenken an den großen Staatsmann und Strategen Zhuge Liang (181 – 234) errichtet, welcher später posthum mit dem Titel eines Grafen von Wu geehrt wurde. Während der Zeit der Drei Reiche (220 – 265) diente er als Premier­minister des Staates Shu unter dem Herrscher Liu Bei. Dessen Grab befindet sich ebenfalls in diesem Park, er ist uns bereits als Erbauer der Bewässerungsanlage von Dujiang Yan bekannt. Die erste große Halle enthält sein Standbild aus vergoldetem Ton. Übergroß und im Halb­dämmer seines Standortes unwirklich beleuchtet, schaut er gütig auf die Besucher aus einer anderen Zeit herab. Statuen in den seitlichen Galerien, nicht minder prächtig, stellen hohe Beamte und Generäle seiner Regierung dar.

In der Zhuge Liang-Halle sieht man die vergoldete Statue des legendären Staatsmannes und drei kupferne Trommeln, deren größte aus dem 6.Jh.v.Chr. stammen soll. Mit Musik hatte es der Graf zeitlebens, eine der ihn umrankenden Legenden geht so: Als er sich einmal in einer Stadt des Reiches Shu aufhielt, erschien völlig unerwartet eine Armee seines Rivalen Cao Cao. Da keine Soldaten zur Verteidigung der Stadt anwesend waren, befahl er, unver­züglich das Stadttor zu öffnen. Er selbst begab sich mit einem Diener auf die Mauer. Als die feindlichen Truppen Zhuge Liang friedlich dort oben die Zither spielen sahen, vermuteten sie eine Falle und zogen sich zurück. Vielleicht haben die Trommeln eine ähnliche Geschichte; Zeit, danach zu fragen, blieb kaum, und so weiß ich sie nicht.

Die ganze Anlage atmet einen Hauch der Ehrwürdigkeit, und schaut man in die Gesichter ihrer Besucher, so spiegelt sich genau das darin wider. Heitere Dachskulpturen und wunderbare Schnitzereien an den Säulen der Gedenkschreine tun das ihre. Dankbar für Augenblicke der Meditation und des inneren Friedens entzünden viele Besucher Kerzen und meterlange Räucherstäbe in den dafür bereitstehenden und mit Sand gefüllten Eisenbecken. Obwohl die Anlage kein Tempel im eigentlichen Sinne ist, durchströmt sie der Duft von Weihe und Weihrauch. Selten hat mich etwas ergriffen, wie dieser Ort. 

Sein Ursprung datiert in der Tang-Zeit, restauriert und erheblich bis zum heutigen Umfang erweitert wurde er aber unter dem Qing-Kaiser Kangxi im Jahr 1672. Und so ergeben sich auf dem Anwesen neben den Hauptgebäuden noch mannigfaltig Blicke auf geschwungene Dächer, Wächter- und Dämonenskulpturen und wunderbar harmonisch und ästhetisch gestaltete Garten­anlagen. Schade, daß alles mal ein Ende hat.

Treppenhauskunst: KalligraphiepinselGegen 17:00 Uhr sind wir im Hotel, legen einen kleinen Schnarch ein oder bereiten uns aufs Abendessen vor, das in einem Restaurant in der Altstadt von Chengdu eingenommen wird. Herr Wang fährt uns hin. Das Essen, als Spezialitäten Sichuans in der Reisebe­schrei­bung gepriesen, haut keinen vom Hocker. Viel mehr beeindruckt das Lokal selber, seine Architektur: einen ins Riesenhafte vergrößerten Tuschepinsel über einer Kalligrafie am Boden stellt die aufrecht stehende Säule dar, welche das Dach über dem weiten Treppenauf­gang stützt. Eine formidable Idee des Erbauers und zweihundert Prozent chinesisch. Aber auf so vornehme Art (= Kunst), daß sie selbst uns kulturgeschockte Zugereiste auf Anhieb anspricht und jedem ein anerkennendes Staunen ins Gesicht schreibt.

Danach ist fakultative Gelegenheit zum Besuch eines Theaters, das sich nur wenige Schritte entfernt befindet. Ohne Volker, der sich lieber in den regenbeglänzten Gassen der Altstadt herumtreibt, auf der Suche nach Motiven für seine neue Digitalkamera, die er eigens für diese Reise erstanden hat. Er kennt sich noch nicht sehr gut damit aus, genauer gesagt, ist er ein kompletter Idiot auf dem Gebiet der Fotografie. Dabei ist es ein gutes Gerät, das er in Händen hält, doch wie jeder Neuling in der digitalen Fotokunst betrachtet und sucht er seine Motive mit weit abgewinkelten Armen, als hielte er einen schußbereiten Colt im Anschlag, auf dem kleinen Mäusekino an der Rückseite der Kamera. Dieses frißt enorm Batteriestrom, zumal das gute Stück einen elektronischen Sucher besitzt, auf dem er sehr viel genaueren und umfassenderen Überblick bei weit weniger Stromver­brauch hätte. Nur müßte er das Ding ans Auge halten. Volker hoch drei sind nur noch Japaner, die das dreißig Meter entfernte Denkmal Beethovens anblitzen, weil es die Gegenlichtautomatik ihrer Tamagotchis so will. Zu Hause wundern sie sich, daß der große Komponist ein Schwarzer war, allein, weil ihr Miniblitz im Vertrauen auf seine Leuchtkraft im Verein mit der Belichtungsautomatik die Szene in Hoffnung auf Erhellendes abgedunkelt hat, aber selbst allerhöchstens drei Meter weit reicht.

Das erkläre mal einem, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat. Wir lassen Volker laufen, jeder fängt mal an. Nur hat man dann kaum so große Sprüche wie „Fotosafari abseits eingeschliffener Pfade“ und „Pirsch ins Eingemachte dieser Stadt“ drauf. Nennen wir es doch beim Namen: Volker geht Knipsen.

Ich habe fertig gegessen. Eine Weile treibe ich mich noch in Blickweite des Restaurants auf der Dongchenggen Jie herum, entlang derer sich die angebliche Altstadt wie ein chinesisches Abziehbild von Las Vegas hinzieht. Es ist Nacht, doch dahinter ahnt man die Hochhaus­türme der Geschäftsviertel. Viele Lämpchen erhellen die Hausfassaden, tauchen die Straße in das Licht einarmig flimmernder und flackernder Banditen. Im grell beleuchteten Schau­fenster einer Apotheke führt ein weißbeschürztes Model die rituelle Einnahme eines im Mörser zerstampften und aus getrockneten Tierteilen bestehenden Potenzmittels vor, ansammelnde Passanten winden sich selbstvergessen und darin spiegelnd im Gleichtakt vor der Scheibe. Schwarze Limousinen rauschen fontänenspritzend heran, speien Passagiere aus, die stöckelnd und stelzend im Licht hinter Glastüren verschwinden. Auf dem Mittelstreifen der Straße tanzt ein bronzenes Roß, das einen zweiräderigen Streitwagen zieht. Nur eines seiner Hufe berührt die Erde, und man überlegt, wie sich dieses tonnenschwere Gußstück darauf hält. Man? Ich überlege. Es gibt das berühmte Pferd, das auf einer mit größter Geschwindigkeit fliegenden Schwalbe galoppiert. Auch da berührt nur ein Huf den Rücken des Vogels, überholt ihn dennoch. Doch dieses Pferd ist viel kleiner, nur 35 Zentimeter hoch, befindet sich in Lanzhou im Museum der Provinz Gansu und ist über tausend Jahre alt.

Genau, und dies ist seine exakte Kopie. Nur viel schwerer. Aber da es auf demselben Huf steht wie die Miniatur, muß schon das kleine Original so exakt ausbalanciert gewesen sein, daß es auch heute mit Tonnengewicht noch immer in der gleichen Haltung, stehend auf diesem einen Huf, verharrt.

Da kommt Uwe. Durch einen Seitengang der Straße führt er uns zu einem etwas proviso­risch wirkenden Gebäude, mehr einem großen Zeltbau. Innen ist es jedoch recht anheimelnd und nicht so kühl, wie ich bei diesem Rheumawetter befürchtete. Vor den Rohrsesseln der Besucher befinden sich kniehohe Tischchen aus ebensolchem Material, auf denen Teetassen mit Deckel aus weiß-blauem Porzellan und Körbchen mit ganzen Erdnüssen bereit stehen. Solange die Vorstellung noch nicht läuft, zwängen sich schlanke junge Mädchen mit Kannen durch die Reihen und schenken Tee in die Tassen.

Währenddessen wird das Licht etwas dunkler, und unter den Scheinwerfern der Bühne erscheint ein junger Mann, der ein etwas absonderliches Gerät mit sich führt, das einer Gießkanne ähnelt. Nur ist der Schnabel der Kanne mindestens einen Meter lang. Den legt er sich jetzt diagonal über den Rücken und entläßt daraus ein Strählchen Tee in auf einem Lacktischchen bereit stehende Täßchen. Nichts geht daneben. Offenbar eine in dieser Gegend beliebte Art, das belebende Getränk an den Mann oder die Frau zu bringen, denn nun hüpft er auch durch die vorderen Stuhlreihen der Gäste und hinterläßt auf gleiche Weise hie und da einen Spritzer Tee in deren Tassen – sofern sie nicht den Deckel drauf haben. Dann hebt das übliche Gejuche der Begossenen an. Ich hoffe, der Artist kommt nicht mehr bis in unsere Reihe, denn ich bin schon ein wenig knapp mit sauberen Hosen.

Zu Beginn der Vorstellung erscheint eine in helle Seide gewandete Kapelle, die einige Mühe in das Verfertigen grauslicher Geräusche legt, worin das helle Scheppern eines kleinen aber gemeinen Gongs dominiert, das uns Europäern gewaltig auf die Nerven geht. Vielleicht soll diese Musik erst mal Synapsen und neuronale Zellen rund um die Hypophyse geschmeidig machen, einstimmen auf das, was noch kommt. Der Effekt ist da, doch anders als beabsichtigt: alles in uns zieht sich erstmal geschmeidig zusammen, um dem ungewohnten Schallereignis so wenig Angriffsfläche wie nur möglich zu bieten. Zum Glück bin ich auf einer Seite so gut wie taub und flehe zu Buddha, ob sich in diesem Sinne nicht auch auf der anderen Seite etwas machen ... Buddha sei Dank verebbt die Musik vor Vollendung dieses lästerlichen Wunsches, und so bleibe ich vorerst von weiterem Hörschaden verschont. Den Chinesen rings um uns scheint es zu gefallen, sie applaudieren.

Chengdu, AbendshowAls Nächstes kommen traditionelle Masken- und Kostümtänze. Es scheint sich da mehr oder weniger um Kaiser und ihre Konkubinen zu drehen. Da die Kapelle die gleiche bleibt, hält sich unsere Begeisterung zurück, die der Chinesen lebt auf. Danach inszenieren kindgroße Stockpuppen ein Drama. Die Spieler führen ihre prächtig gekleideten Puppen mit der linken Hand unter dem Kleid im Rumpf, während ihre Rechte über zwei lange Stäbe Hände und Arme bedient. Das ist schon besser.

Ein Feuerschlucker kündigt an, wofür dieses Theater berühmt ist: die fliegenden Masken. Da erscheinen kostümierte Schauspieler auf der Bühne (zu eben jener unsäglichen Musik der immer noch ausharrenden Kapelle), deren Gesichtsausdruck und Maske bei einem schrillen Beckenschlag von grün-grauslicher Dämonenfratze nach rascher Körperdrehung zu halb lebensfarbiger, halb schwarzer, längs das Antlitz durchschneidender Sonnen-und-Mond-Larve wechseln. Auf den ersten Blick verblüfft und überrascht das. Alles geht jedoch erklärlich zu: die Tänzer tragen bis zu zehn und mehr Masken übereinander und ziehen sie sich - eine nach der anderen - an verborgenen Schnüren in die weiten Ärmel ihrer Kostüme. Hier klatschen wir Touristen, Chinesen halten sich zurück. Vermutlich ist ihnen lange schon jede Wendung dieser Masken aus dem lokalen TV bekannt. Dies beleuchtet sehr schön, wie Gewohnheit sich abnützt.

Es folgt ein wirklich sehr guter Schattenspieler. Doch dann der Knaller: die Kapelle (s.o.) zieht ab. Auf der Bühne verbleibt lediglich ein Mann mittleren Alters, auf dem Knie eine erhu, die zweisaitige Geige Chinas. Vom Moment, da er den Bogen ansetzt, bis dorthin, als er ihn ruhig wieder sinken läßt, vergeht eine klangliche Ewigkeit. Nichts an Süße, Schwermut, Frohsinn, Heiterkeit – und Liebe zur Musik -, das er diesem einfachen Instrument nicht zu entlocken wüßte, der unauffällige grauhaarige Herr im offenen Hemd, der dort stocksteif auf der Bühne sitzt. Nicht er, aber seine Musik lebt, die er aus zwei Katzendärmen über einer gespannten Tierhaut lockt – das ist Zauberei!

Was weiter auf der Bühne abläuft, ist für uns nicht mehr von Belang. Eine Dummer-August-Show, die ich schon besser im Kölner Karneval erlebt habe. Nur aus Höflichkeit und weil niemand weiß, was noch kommt, bleiben wir sitzen. Aber es kommt nichts mehr. Gegen 22:00 Uhr sind wir nach langem Tag im Hotel, wo ein großes Bier in der Bar-Lounge reicht, uns aus den Puschen und schleunigst ins Bett zu werfen.

 11. Tag, Montag, 03.10., Leshan, der Große Buddha

 Sieben Uhr Wecken, um acht Abfahrt. Auf dem Weg nach Leshan läßt Uwe auf hart­näckigen Wunsch meiner Zweitbesten den kleinen dicken Herrn Wang einen Abstecher nach Wolong ins Pandaauf­zucht­gebiet östlich Chengdus fahren. Er hat sich breitschlagen lassen, nach langem Gerede betreffs Nudelsuppe und eingesparter Reisekosten, obwohl unser Reiseveranstalter die Pandas weder angeboten noch gebucht hat. 100 Yuan soll der fakulta­tive Umweg pro Person kosten. Sicherlich finden Uwe und Herr Wang einen Weg, diese zusätzliche Einnahme am CTS vorbeizuschmuggeln.

Die Nacht über hat es geregnet. Entsprechend feucht sind Wege und das tröpfelnde Dach überhängender Bambusriesen, unter dem wir bergan gehen. Nach zweihundert Metern erblicken wir den ersten Panda. Mit großen Ohren sitzt er uns abgewandt an einem herbstbunten Hang und kaut verdrossen Bambussprossen. Gleich daneben ein zweiter. Kameras klicken. Ah’s und Oh’s weiblicher Besucher verstopfen die Tonkanäle der auf die Bären gerichteten Camcorder. Ein verbotenerweise eingeschmuggelter Köter verbellt die unbekannten Tiere, die so viel größer als er selbst sind. Aber Hunde müssen alles verbellen, vom Hausboot bis zur Schnecke, das ist ihr Beruf. Hält sich der Große Panda die Tatzen über die Ohren? Man sieht es nicht genau, er trollt sich lieber ins Gebüsch. Das treibt den lärmenden Besucherstrom aufwärts.

Großer PandaUnd da, endlich, nach drei-, vierhundert Metern, laufen und liegen sie scharenweise herum, die putzig possierlichen Kerlchen, die ausgewachsen gut Mannshöhe und einige hundert Pfund Lebendgewicht erreichen. Großer Panda, auch Riesenpanda oder Bambusbär genannt, ist ebenso wie der rostrote, Kleine Panda oder Katzenbär nur ein weitläufiger Verwandter der Bärengesellschaft. Mit der charakteristischen Fellzeichnung tragen sie zu ihrer Verniedlichung als Kuscheltiere bei, dabei sind sie in der Regel recht mürrische und einzel­gängerische Gesellen, die sich sogar bei der Paarung schwer tun. Weshalb die vorhandene Population akut vom Aussterben bedroht ist. Den Deutschen, hört man in den Nachrichten, soll es übrigens bald ebenso gehen.

Mit einer kaum ausrottbaren Fehlinformation gehört jedoch aufgeräumt: nämlich, daß sowohl Großer als auch Kleiner Panda Bewohner von Bambuswäldern sind, deren Sprossen zu ihrer Leibspeise zählen – Bambus rechnet trotz seiner Größe zu den Gräsern, deshalb sind Bambusdickichte keine Wälder und Pandas also auch keine Waldbewohner. Haarspaltereien, mag sein. Doch den Naturschutzorganisationen gelingt es eher, zum Schutz von Wäldern aufzurufen, als dem von Graslandschaften. Die sind kaum bedroht, Gras wächst überall. Doch die Pandas sind bedroht, ihr Gras ist ein spezielles, und so macht man ihr Weiterexi­stieren eher am Fortbestand von Wäldern fest als dem von Gräsern. Das verstünde niemand.

Oben, an der Station, soll ein Zögling eine Spritze bekommen. Vielleicht gegen Hyper­tonie infolge massenhaften Auftretens von Männchen einer fremden Art, die er nicht auf bärige Art zu kalkulieren weiß – Besucher also. Jedenfalls ist es ganz schön schwierig, einen Vertreter dieser Art auf das vorbereitete Lager in einem liegenden, ausgehöhlten Baum zu zwingen. Fünf Personen zum Halten sind notwendig, bevor ihm die Ärztin die notwendige Spritze verpassen kann. Andere, die nicht betroffen sind, hangeln draußen in Kletterbäumen herum, balgen sich und geben sich so recht tollpatschig. Übrigens: neugeborene Riesenpan­das haben die Größe von – na, sagen wir mal – Ratten. Sie sind nackt, doch bereits schwarz-weiß in der Färbung, und ihre Mütter geben sich unendliche Mühe mit ihnen.

Fast noch possierlicher sind die in Rudeln hausenden Kleinen Pandas mit den gestreiften Schwänzen, welche sich für Puschel an Davy-Crocket-Bärenfellmützen oder ganz einfach als Wimpel, gepinnt an Autoantennen, eignen. Jeder mag sich Anderes ausdenken, zu dem Menschen fähig sind – es wird nie alles umfassen, zu dem die Menschheit wirklich fähig ist. Tatsache ist, das auch dieser kleinere Verwandte des Großen Pandas auf der Roten Liste aussterbender Tierarten steht.

Vor dem Park, wo die Busse warten, hofft auf dem feuchtglänzenden Asphalt auch ein Panda aus Plüsch auf Käufer. Er trägt eine rote Fliege um den Hals und schwarz-weiße Schuhe. Nun ja, bei solcher Witterung zieht sich auch ein Halbbär gerne etwas wärmer an.

Danach durchfahren wir fruchtbares Land. Reis wird angebaut und in knietiefen Teichen Lotos, deren sehr schmackhafte Wurzeln an mit Rettich gekreuzte Landbirnen erinnern. Wo Südhänge sind, breiten sich Terrassen voller Teebüsche. Weiterhin gedeihen hier Kartoffeln, Mais, ja, und natürlich Hopfen, unentbehrliche Würze für das chinesische Bier, erstaunlich gut und bekömmlich, obwohl man zum Mälzen Reis statt Gerste und Weizen verwendet. Noch erstaunlicher: es gibt kein chinesisches Reinheitsgebot, das auf alleinige Verwendung von Wasser, Hopfen und Getreide pocht. Aber ist Reis etwa kein Getreide? Die kaiserlich wilhelmi­ni­schen Kolonialisten in Tsingtao haben es ja vorge­macht, indem sie ihr Bier in Ermangelung von Gerste und Weizen eben aus Reis brauten. Ihre um die Jahrhundertwende gegründete Brauerei gibt es heute noch, ganz im Gegensatz zu ihnen selbst. Tsingtao Bier besitzt unter den chinesischen Bieren etwa den Stellenwert von Budvar, auch Budweiser genannt, in Tschechien.

Wir halten an einer Raststätte im hügeligen Teeland des Roten Beckens. Da ich eben etwas weiter über Bier ausgeholt habe, möchte ich dem Tee die gleiche Referenz erweisen. Hierzu zitiere ich den Großen Brockhaus: Unter Tee im allgemeinen Sinne versteht man Getränke, die durch Abkochen bestimmter Pflanzenteile hergestellt werden. Tee im engeren Sinne ist der Aufguss von Blättern der Teepflanze (Camellia sinensis). Diese Pflanze stammt ursprünglich aus der indischen Provinz Assam und aus Südchina (Yunnan)[...]Die Teeblätter, die das anregend wirkende Alkaloid Koffein enthalten, werden vor Ort zum fertigen Endprodukt - grüner und schwarzer Tee - verarbeitet. Die erste schriftliche Erwähnung des Getränks stammt aus dem China des dritten Jahrtausends v. Chr. In China und Japan war und ist der Tee nicht nur Getränk, sondern auch kultisches Objekt (Teehäuser, Teezeremonie).

So weit, so gut. Wenn Bier das Getränk sinnenfroher Suffköppe ist, dann regt Tee die Gedanken durchgeistigter Ätheriker zu Höhenflügen an. Nichtsdestotrotz haben die Suff­köppe die längere Tradition: die ältesten Beschreibungen des Bierbrauens stammen von den Sumerern aus dem 4. Jahrtausend v. Chr. Man sieht schon, wo meine Sympathie liegt. Doch bleiben wir beim Tee und der Raststätte: auf offener Straße und durch Zeltleinen vor der Witterung geschützt, bietet man ihn hier in vielerlei Arten und Formen an. Besonders beliebt sind sogenannte Teeziegel, das ist zu Backsteinformat gepreßter Tee, von dem man nach Belieben Stücke abbricht, über der Tasse zerkrümelt und mehrmals mit heißem (niemals kochendem!) Wasser aufgießt. Gleichwohl sind an den Ständen von allen Sorten kochend­heiße Proben in winzigen Plastikbecherchen erhältlich; für Genießer, denen sich ein Trank erst über seinen Duft erschließt, ein Sakrileg. Moderne Zeiten, Herrschaften. Und es wird noch schlimmer kommen. Das Ende aller Geschmacklosigkeiten ist erst in Sicht, wenn auch das Blut Christi beim hlg. Abendmahl aus hygienischen Plastebechern gereicht wird. Ich bin mir nicht sicher, ob Gott seine Geschöpfe dann noch weitermachen läßt, wie bisher. Eine (nach der Sintflut) zweite Revision der ursprünglichen göttlichen Idee ist längst überfällig.

Mir persönlich gefallen die unter Verwendung von Teeextrakt und geraspelten Erdnüssen hergestellten mund­gerechten Cracker am besten. Ach ja, auch arachis hypogaea werden in diesem gesegneten Landstrich angebaut. Wem das nichts sagt: peanuts. Und wem das immer noch nichts sagt, weil er nun mal kein Banker ist: Erdnüsse, diese verwurstelte Doppel­nuß mit krachender Schale, welch letztere, weil biologisch abbaubar, man glaubt, überall hin­schmeißen zu dürfen. 

Nachdem alle auf der Toilette waren und Uwe die Frauen vom Stand mit Halsketten aus gepreßtem Tee losgeeist hat, fahren wir weiter, obwohl es hier in Meishan laut Reiseführer einen Su Schrein geben soll. Unser Ziel ist Leshan, was Berg der Freude bedeutet. Doch nicht dem 1300-jährigen Ort mit seinen verwinkelten Altstadtgassen und Teehäusern gilt unser Interesse, sondern seiner im wahrsten Wortsinn größten Sehenswürdigkeit: dem Großen Buddha (Da Fo), der mit 71 m Höhe und 28 m Breite gigantischsten sitzenden Buddhastatue der Welt. Er wurde zwischen 713 und 803 n.Chr. von Mönchen aus dem roten Sandstein des steil zum Min Jiang abfallenden Ling-Yun-Bergs herausgearbeitet. Allein der Kopf ist 15 m hoch, die Augen 3,30 m breit und ... Bla. Alles nur Zahlen aus dem Reiseführer.

Zuerst einmal nach Ankunft in Leshan, die sich als graue Industriestadt erweist, heißt es, sich zur Besichtigung dieses Giganten anzustellen. Uwe besorgt Karten, schaufelt uns einen Platz in der Menge vor den Schiffsanlegern frei und drängt uns schließlich nach nur viertel­stün­diger Wartezeit die Gangway hinunter auf das mit Transparenten und Plakaten voll­ge­hängte Vordeck eines Ausflugsdampfers, der die nach uns hinten sich sammelnden Massen von Chinesen in Wolken blauen Dieselqualms zu ersticken droht. Erinnern wir uns: wir reisen just in einer der beiden Goldenen Wochen Chinas, jenen wenigen freien Tagen, in denen das ganze Riesenreich der Mitte ausschwärmt, seine heiligen Stätten zu besichtigen. Hunderte Meter lange Schlangen bildend, warten sie geduldig auf Einlaß.

Das Schiff legt ab, und sofort beginnt der Bordlautsprecher krächzend die Fahrt zu kommentieren. Was wir vorher im Reiseführer lasen, wird der Landesbevölkerung an Bord mit schriller Frauenstimme eingehämmert, zum Beispiel daß ... und so weiter.

Was wir lasen: Die Legende berichtet, daß ein Mönch des auf der Bergkuppe ruhenden Ling-Yun-Klosters wegen der vielen Bootshavarien an diesem Zusammentreffen dreier Flüsse besorgt war und die Skulptur zur Besänftigung ihrer Fluten in Auftrag gab. Eine für damalige Verhältnisse technische Meister­leistung: ein Netz kleiner Röhren durchzieht das Innere der Figur, so daß sie stets trocken bleibt und aller Verwitterung widersteht. 90 Jahre hat man daran gebosselt, der in das Flußbett fallende Steinmetzabfall trug sogar zu dessen Regulierung bei, so daß tatsächlich die Schifffahrt sicherer wurde.

Leshan, Großer BuddhaWas wir sehen: zuerst ein gewaltiges, bemoostes Knie, darauf eine fünffingerige Hand mit quadratmetergroßen Nägeln. Seitlich davon eine in den Fels gehauene Treppe, auf der man dem Buddha zu Kopfe steigen kann. Dann sind wir um die Flußbiegung herum und erleben ihn in voller Größe – ein Anblick, der einen erschauern läßt. Breit und mächtig, wie für alle Ewig­keiten geschaffen, sitzt der Riese ruhig vor uns, in der schaukelnden Nußschale nur durch zwei Bootslängen Wasser und plärrende Lautsprecher von dem Koloss getrennt. Über seinem majestätischen Haupt wächst Urwald wie Haar, und ich bin sicher, in seinen sieben Meter langen Ohren fängt sich alles von Radio Peking über das Quäken der Schiffslaut­sprecher bis hin zu Internet und Google. Man sagt, auf einem seiner Füße fänden bis zu hundert Personen Platz. Das finde ich nun doch ein wenig übertrieben. Sagen wir achtzig, das mag angehen, dann stehen sie locker wie die Menschen in der Warteschlange zu diesem gewaltigen Anblick, für den allein diese beschwerliche Reise sich für mich allemal lohnt. Klar, daß ich dem Hünen zu Kopf steige.

Großer BuddhaVon oben wirkt er durch die verkürzte Perspektive noch gewaltiger. Niemand darf sich seit seiner Restauration mehr auf den Zehennägeln breit machen, und so wirkt die Menschen­masse um seine Füße herum wie Ameisengewimmel. Aus den Ohren wächst ihm aus der Nähe besehen Gebüsch, die Nase ist bemoost, und so ist es das Kleid von der Brust bis zu den Knien. Doch seine Augen blicken klar wie eh und je in alle Zukunft. Er hat etwas Stoisches, und das gefällt mir. Nun weiß ich, warum ich ihn sehen wollte, sein Anblick weckt in mir tiefe Befriedigung. Weit draußen in der Vereinigung der Flüsse sehe ich Menschen auf einer Sandbank ein rituelles Fußbad nehmen.

Über steile Treppen gehen wir an vor dem Kloster Lingyun auf Einlaß wartenden Menschen­schlangen weiter hinauf zum nicht so bevölkerten Wuyou-Tempel. Dieser, der Tang-Zeit entstammend, erhebt sich noch sehr gut erhalten auf dem gleichnamigen Berg. In ihm sind - unter anderem – die aus Holz gefertigten und vergoldeten Buddhas Sakyamuni, Manjusri und Samantabhadra zu besichtigen. Neben einer fünf Meter hohen Eisenglocke ohne jedes Fleckchen Rostansatz steht hier mein Lieblingsbuddha: der sogenannte Lachende, auf dessen voluminösem Bauch Scharen von Kindern herumturnen. Ein meterhohes Modell zeigt die in den Berg gebaute Pagode, unter deren zwölf Schutzdächern die Mönche 90 Jahre lang am Berg hämmerten und schliffen, um den Großen Buddha zu schaffen. Viele dieser Mönche und Äbte sind in Seitengalerien als Skulpturen verewigt.

An einer rosarot getünchten Halle dann dieses Schild in deutscher (!) Sprache, dessen Inschrift ich hier unverändert im Wortlaut wiedergebe:

Mönch Haitong-Halle

Anfang der Kaiyuan-Regierungszeit der Tang-Dynastie wohnte ein Mönchyun namens Haitong aus Guizhou in dem Ling-Tempel. Als ihm es in seine Augen fiel, wie die drei Flüße stürmisch zusammentrafen, und deshalb Schiff unfälle folgten, hatte er Anliegen zum Bauen eines Buddhas, um Hilfe und Gnade vom Gott zu bitten. Nicht fertiggestellt, kam er zu Tod. Nach ihm trieben Zhangchou und jianqiong, beide Gouverneure der Xichuan-Provinz waren, die Sache weiter voran, aber auch unfertig, bis WeiGao Anfang der Zhengyuan-Regierungszeit Xichuan verwaltete und den untersten Strich gezogen hatte. Eigens war die Haitong-Halle zum Andenken gebaut worden.

Schild und Schrift sind alt, das „ß“ aus Flüße wirkt von weit hergeholt und rutscht unter die ordentlich eingehaltene Linie der anderen Buchstaben, wie das zweigestrichene C in der Notenschrift. Nirgendwo sonst auf diesem heiligen Berg begegnen uns weitere deutsche Inschriften – ein Rätsel, das weder Uwe noch Dagmar zu klären wissen.

Damit sich Jeder nach Belieben umsehen kann, hat Uwe uns die Zeit vorgegeben, zu der wir uns am Parkplatz treffen wollen: 16:45 Uhr. Nachdem an den vielen Verkaufsständen unsere Suche nach Briefmarken ohne Ergebnis bleibt, steigen auch meine Zweitbeste und ich die endlose Treppe hinab, die durch dichtes Dschungelgrün zurück zur Flußebene führt. Hinter und vor uns, inmitten schnatternder Chinesen, unsere Reisegenossen. Bergab ist schwieriger als bergauf, die Stufen erfordern volle Konzentration, da sie oft ungleich hoch sind. Denise holt mich ein, weil ich stehenbleibe und ein Foto schießen will.

„Guck mal, was ich da habe“, sagt sie und reicht mir eine kleine schwarze Tasche. „Eine Chinesin hat sie mir gegeben, es sei eine von uns heruntergefallen, und ich soll es bewahren für die Verlierer.“ Denise ist Engländerin, und der Verlierer bin ich. Irgendwann hat sich die Lasche gelöst, und die Fototasche muß mir unbemerkt vom Gürtel vor die Füße und auf die Steinstufen gefallen sein. „Das ist meine“, sage ich, nehme die kleine Kamera behutsam aus der Tasche und beäuge sie von allen Seiten. Selbst das Objektiv schnurrt wie sonst unter dem aufgeschobenen Deckel hervor. „Scheint heil zu sein“, gebe ich meine Erleichterung kund.

Denise schaut meinen Verrichtungen etwas ungläubig zu. „Das ist wirklich deine?“

„Na, wenn ich’s doch sage. Meine! Hier, am Gürtel hab ich sie gehabt; sieh mal, der Druckknopf ist noch offen! Von wem hast du sie?“

Indem sie den Kopf dreht und ihr Blick suchend über die abwärtsstrebenden Menschen­knäuel gleitet, sagt sie: „So eine Junge mit Schlitzaugen und schwarze Haare. Aber ich sehe sie nicht mehr.“ Kein Wunder, ALLE auf der Treppe abwärts besitzen geschlitzte Augen und schwarzes Haar. In Ermangelung der Finderin, bei der ich mich bedanken könnte, ziehe ich Denise kurz an mich und gebe ihr unbeholfen ein feuchtes Küßchen auf die Wange: „Dann wenigstens ein Dankeschön an dich!“

Denise lächelt, wendet mir das Gesicht zu und wehrt ab: „Hab diese Dings ja nur weiterge­geben. Hast du sonst noch etwas verloren?“

„Nein“, sage ich. „Leider nicht. Vielleicht morgen.“ Da lächelt sie wieder, geht still weiter, und ich bleibe stehen, weil ich ja eigentlich fotografieren wollte, was ich nicht hätte können, wären nicht Denise und eine unbekannte mandeläugige, schwarzhaarige Chinesin gewesen. Beide, das nehme ich mir vor, werde ich in mein Nachtgebet einschließen. Vorher allerdings hält dieser Tag noch einiges für uns bereit.

LeshanGegen halb Sechs sind wir im Hotel Jiazhou. Vom Fenster unseres Zimmers reicht der Blick weit über den Zusammenfluß der drei Ströme und in das Ahnen der Felsen des Großen Buddhas. In dunstiger Ferne krabbeln noch immer Menschen auf der Sandbank. Während ich die tagsüber geschossenen Fotos auf meinem kleinen mitge­brach­ten Laptop sortiere, besteigen meine Zweitbeste und Uwe zusammen eine Rikscha, um irgendwo Briefmarken für unsere kleine Gesellschaft aufzutreiben. Viele Postkarten sind geschrieben, können aber nur nach Erfolg dieser Expedition dem Postkasten anvertraut werden. Die Leute an der Rezeption, darauf angesprochen, hoben nur bedauernd die Schultern. Als meine Zweitbeste erfolgreich nach einer Stunde eintrifft, döse ich angezogen auf dem Bett und träume von dem Lachenden Buddha mit den vielen Kindern auf dem Bauch. Gemeinsam belecken wir einige der Marken und kleben sie befriedigt auf Nachrichten aus dem Reich der Mitte, die ohne solch Pioniertat kaum überliefert worden wären. Kurz vor Sieben machen wir uns auf den Weg ins Foyer, wo die Anderen schon warten.

Das Restaurant, in dem wir unsere Sichuan-Tour und die temporäre Gemeinschaft mit Hu Wei und dem kleinen dicken Herrn Wang mit einem Festessen beschließen wollen, liegt nur wenige Schritte über die Straße dem Hotel gegenüber. Seine Spezialität heißt Feuer­topf, den ich im Folgenden kurz beschreiben möchte.

Seine Ursprünge liegen wohl in den Weiten der Mongolei begründet, doch im Lauf der Jahre hat er sich verselbständigt, ist sozusagen emigriert: Touristen fanden Gefallen daran und verbreiteten Rezepte und Konzept im ganzen Land. Letzteres ist nicht neu, erinnert an schweizerisches Fondue und dessen Variante, in brodelnder Fleischbrühe alles Mögliche au-point zu garen. Was neu ist, ist die Technik.

FeuertopfEingelassen in jeden Restauranttisch sind zwei vertiefte stählerne Gasbrenner, die für notwendige Hitze sorgen. Darauf eine Schale, in deren Mitte eine weitere angebracht ist. Beide werden zu Beginn der Zeremonie vom Personal mit Brühe befüllt, die äußere aller­dings zusätzlich mit einer Reihe Gewürzingredienzen, darunter in einer der beiden die feurigen Sichuaner roten Chilis (daher Feuertopf), in der anderen begnügt man sich mit gewöhn­li­chem schwarzen Pfeffer, Koriander und allerhand anderen weichen Drogen. Wenn alles, außen wie innen, hübsch brodelt, und die Gäste mit Bier und Schnaps aus zierlichen Kännchen versorgt sind, kommt in weißen Schälchen das Gargut auf den Tisch: das reicht durch Flora und Fauna und alles, was Fluß- und Meerestiefen zu bieten haben. Erwähnte ich Zikaden? Doch, auch die, vielleicht nicht für jeden gleich erkennbar.

Das alles wird im äußeren Kessel gesotten, mehr oder weniger scharf, und dann mittels kleiner Drahtsiebe an Stielen in den inneren zum Garköcheln umgeschichtet. Von dort holt man es sich mit Stäbchen heraus und führt es zum Mund – Köstlichkeiten, welche durch zeit­wei­liges Gluck aus Schnaps-, bzw. Gluck-Gluck aus dem Bierglas nur noch Steigerungen erfahren. Besonders die Teile aus dem roten Chili-Topf bedürfen öfter mal der galanten Dusche eines Gluck-Gluck, um Brände auf der Zunge und weiter unten im Verdauungstrakt zu löschen. Schnaps, aus den zierlichen Porzellan­kännchen nachgeschenkt, taugt hierfür kaum. Er brennt selber. Man sagt uns, sein Name sei Mao Tai. Ein flammendes Fanal, das von nun an zwischen uns und sämtlichen China-Restaurants in Deutschland steht, wo immer noch billiger Boonekamp zur Versiegelung gehabter Mahlzeiten gereicht wird. So, wie ich bisher Bratkartoffeln statt Pommes zum Gradmesser für die Güte einer deutschen Wirtschaft erhebe, werde ich künftig den Ausschank von Mao Tai ausschlaggebend für die Güte chinesischer Lokale machen. Unter uns gesagt: Gott sei Dank, daß sie das Zeug noch nicht als Brandbeschleuniger entdeckt haben. Dann wäre es glatt verboten.

Ich mag jetzt nichts über Volker sagen, obwohl sich in der Brühe unsere Stäbchen immer wieder ins Gehege kamen. Meist so, daß er mir das mühsam Geangelte vom Haken nahm. Es ging nicht gegen mich. Auch anderen nahm er die besten Brocken ab, die haarigen Unterarme über das siedende Becken gebeugt. Das Gute ist, daß man von dem wenigen Picken an exquisiten Sachen, wie das beim Fondue der Fall ist, recht früh einen Punkt der Sättigung erreicht. Erst recht gilt das für einen Feuertopf und dessen Umsitzende. Außer Volker. Der grub immer noch im äußeren wie inneren Ring nach untergegangenen Pilzen und winzigen Schweinsfetzen, oder was man dafür halten könnte. Aber wirklich: ich mag jetzt nichts über Volker sagen.

Uwe lädt uns noch zu einem Absacker ein. Irgendwo draußen, was Kleines, am Flußufer – wer Lust hat, ist eingeladen. Das muß bei Uwe mißtrauisch stimmen. Dennoch gehen Dagmar, Denise und Manfred, Erika und Paul sowie meine Z. und ich auf das Angebot ein. Platz ist nicht, wohin Uwe uns führt, doch rasch kommen zwei Tische von irgendwoher, werden aneinandergestellt, eine Menge dieser chinesischen Ministühlchen taucht plötzlich auf, und einer nach dem anderen quetschen wir uns hinein. Bequem ist das nicht, aber umsonst. Uwe muß etwas im Schilde führen, und davon wollen wir wissen.

Er rückt auch gleich damit hinaus, nachdem alle ein Bier und damit angestoßen haben. Dagmar, die immer noch Verletzte, spitzt besonders die Ohren.

„Also, ich muß es einmal sagen“, sagt er und sagt es, ohne weitere Umschweife: „Die Deutschen sind nicht sehr beliebt unter uns chinesischen Reiseführern -“  „und Busfahrern?“, wirft Dagmar ein. „- und Busfahrern!“ bestätigt Uwe mit undeutbarem Blick zu ihr.

„Heißt das -“ Uwe läßt sie nicht ausreden: „Wir, die Reiseführer von CTS, wehren uns mit Händen und Füßen gegen deutsche Reisegruppen. Amerikaner ja. Franzosen, Belgier, was Sie wollen – nur keine Deutschen. Da winkt jeder ab. Sie geben zu wenig Trinkgeld.“ Um Letzterem die Spitze zu nehmen, hebt er seine Flasche in die Runde, nickt jedem freundlich zu, ein wenig frostig auch Dagmar. Ein Fehler, das wird sie sich merken. Zu all ihrem Kummer kommt, daß sie die Trinkgelder einsammelt und verteilt. Kein kluger Zug Uwes. Höflich leeren wir sein Bier und lassen ihn nach einigem belanglosem Palaver mit dem Wirt, der Rechnung und seinem Problem allein. Eben hat er sein Gesicht verloren, nicht wir. Und der will früher Mönch gewesen sein, bevor ihn seine Mutter da rausholte?

Warum nicht. Als Mönch wollte er ebenso versorgt sein, wie jetzt als Reiseführer. Und daß er dafür in die Offensive geht – wenn das nun alle Chinesen täten? Irgendwann werden es alle tun, da bin ich mir sicher. Ich werde Dagmar nicht vorgreifen, glaube aber doch, Hu Wei und der kleine dicke Herr Wang, der mich nicht vorne sitzen ließ, haben sich ein Extratrinkgeld verdient. Weil sie so unchinesisch waren. Wie meiner Meinung nach auch alle übrigen Chinesen sich über kurz oder lang unchinesisch verhalten werden. Jedenfalls nach heutigem Maßstab, der nicht das Urmeter alleinseligmachender Weltanschauung sein muß.

Leshan, Ende einer DiskussionsrundeIm Hotelzimmer lösche ich als Letzter das Licht. Und denke im Hinüberdäm­mern an eine schlitzäugige Chinesin mit schwarzem Haar, die meine Kamera aufhob und Denise, die sie mir zurückgab – Amen.

12. Tag, Dienstag, 04.10., Der Heilige Berg Emei
 
Wecken und Abfahrt wie gestern. Es ist trüb aber trocken. Die Koffer werden eingeladen und bleiben im Bus, bis wir sie heute Abend in den Zug nach Panzhihua wuchten. Es geht in das dreißig Kilometer entfernte Städtchen Emeishan, das am Fuß des gleichnamigen 3099 m hohen Berges (shan) Emei liegt. Dieser ist einer der vier heiligen buddhistischen Berge Chinas. In Emeishan bringt uns der kleine dicke Herr Wang noch zum Baoguo Si, einem Tempel mit vier hintereinander liegenden Hallen, welcher das Eingangstor zum Heiligen Berg bildet. Von hier verkehrt ein Shuttle­bus auf schmaler und vielfach gewundener Straße zur Seilbahnstation Wannian. Dort steigen wir aus und reihen uns in die Schlangen der Wartenden auf freie Kabinenplätze hinauf zum Tempel der Zehntausend Jahre (Wannian Si) ein. Zehntausend Jahre steht hier für den Begriff der Ewigkeit, den Chinesen nicht kennen.

Wegen der Goldenen Woche hat Uwe einiges umdisponiert. Eigentlich sollten wir ja die gestrige Nacht statt in Leshan schon in Emeishan verbringen, doch das Hotel war von chinesischen Pilgern ausgebucht. Uwe malt den Teufel an die Wand: heute stiegen die alle zum Gipfel auf. Dort sei ab Mittag kein Bein mehr an die Erde zu bringen, und schlimmer als die schnatternden Touristenhorden seien eigentlich nur noch die Scharen von Affen, die, wenn sie aggressiv würden, schon mal mit Rucksäcken und Kameras der Besucher in den Urwald stiften gingen. Ob wir das wollten? 

Wir sind ein wenig uneins, auf den versprochenen Blick ganz oben vom Gipfel der Zehntausend Buddhas (Wan Fo Ding) so ohne weiteres zu verzichten, der bei guter Sicht atemberaubend schön sein soll. Aber es herrscht Nebel, und die Sicht dort oben reicht sicher kaum für mehr als die Hand vor Augen. Also stimmen wir Uwes Vorschlag zu, uns vorerst auf den Wannian Tempel zu beschränken, dann durch wunderschöne Landschaft bergab zu wandern und später noch am Fuß des Emei das Kloster des lauernden Tigers (Fuhu Si) zu besichtigen. Das fülle allemal diesen Tag aus.

An der Seilbahnstation reiht sich Laden an Laden, davor ganze Batterien fahrbarer Kühltruhen voller eisgekühlter Getränke. Da viele Kranke und Gebrechliche sich Heilung und Linderung vom Besuch des Heiligen Berges versprechen, fehlen natürlich auch mit Kräutermedizin und exotischen Tierpräparaten reichlich versehene Apotheken nicht. Wir warten kaum zwanzig Minuten, dann schaufelt Uwe, der in der Menge kleinwüchsiger Chinesen wie ein Leuchtturm wirkt, uns auf bewährte Art einen Stellplatz dicht vor der Schranke frei. Keine fünf Minuten darauf schweben wir aufwärts, hoch über dem dunstigen Grün des Waldes. Wie vorausgesehen, hüllen sich die vier Gipfel des Emei Shan in wabernde Nebel. Aus dem Fenster der Blick auf einen versprengten Affen, der hier auf halber Höhe eigentlich nichts zu suchen hat. Vielleicht ein Ausgestoßener, verlassen sucht er im eigenen Fell nach Flöhen.

Emeishan, Kloster Wannian SiDichtes Gedränge am Wannian Si. Aus den Opferfässern lodern hohe Flammen, glim­men­de Weihrauchstäbe verbreiten schwüle Lüfte. Um die Eisenwannen mit roten Kerzen scharen sich Pilger und Touristen, die den Göttern des Berges ihre Bitten nahebringen. Hoch in Baumwipfeln die Pagodendächer des Tempels. Vergoldete Gottheiten spenden lächelnd Segen, im Lotossitz harrende Buddhas weisen durch uralte, rituelle Stellung von Händen und Fingern den Weg zu Heil und Erlösung. Gold und Blau sind vorherrschende Farben.

Das Kloster soll bereits zur Jin-Zeit (265 – 420) gegründet worden sein, brannte aber 1946 bis auf ein Steingebäude aus der Ming-Dynastie vollständig ab und wurde 1953 wieder aufgebaut. Sein gelbes Hauptgebäude, ein quadratischer Bau mit einer Kuppel aus Ziegel­stein, wölbt sich über einer 9 m hohen, im Jahr 980 aus Bronze gegossenen und vergoldeten Skulptur des Bodhisattvas Samantabhadra (Pu Xian), der in einer Lotosblume auf einem weißen Elefanten mit sechs Stoßzähnen reitet. Diese Statue soll 62 Tonnen wiegen und trägt einen prächtigen Kopfschmuck aus Gold. In der Wölbung der Kuppel, die ihn umgibt, sind an der Wand aufgereiht tausende kleiner goldener Buddhastatuen gruppiert. Von den Stoßzähnen des schnee­weißen Elefanten hängen Perlenketten und farbige Schmucktücher aus glänzendem Brokat. Blumen und Opfergaben liegen ihm zu Füßen. Der Legende nach soll Pu Xian, so der chinesische Name des Bodhisattvas, auf einem weißen Reitelefanten den Berg erstiegen haben.

In der engen Halle herrscht fürchterliches Gedränge. Nur vor dem Monument, wo ein zweites, kleineres, aber immer noch mannshohes Abbild des Elefantenreiters steht, bleibt etwas Luft. Hier fallen Pilger in die Knie, legen vor der Stirn als steiles Dach die Handflächen zusammen und beten. Ein erdbraun gewandeter Mönch wacht, daß niemand aus der groben Holzkiste mit Spendengeld sich etwa regelwidrig bedient. Auch hier, vor dem kleineren Reiter, Obst, Unmengen farbenfroher Blumen und andere Opfergaben. Um die in Andacht Versunkenen wallt nicht enden wollend der Strom der Besucher, schwenken Guides bunte Fähnchen, um ihre Schäfchen beisammen zu halten, rattern andere ihr Wissen über den Tempel in schrillem Singsang ab, und erst draußen kommt dem hindurchgeschobenen Besucher, daß er eigentlich das Wichtigste versäumt hat: auf einem der vier roten Kissen vor den Skulpturen in die Knie zu sinken und in all dem Lärm und Getriebe seine Gedanken auf nichts als sich und die wie auch immer beschaffene Verbindung zu seinem persönlichen Gott zu richten. Ich lasse mich noch zweimal hindurchtreiben, mache Fotos, beim dritten Mal ist ein Kissen frei.

Wannian Si, SwastikaIn einer weiteren Halle entdecke ich wieder das Swastikazeichen auf einer goldfarbenen Buddhabrust - das verkehrte Hakenkreuz. Also muß der Tempel auch tibetische Ursprünge haben. Viele kleine Porzellanfiguren indischer Herkunft deuten in eine weitere Richtung, das Ganze scheint ein Sammelsurium ethnischer Gläubigkeit.

Vor dem Tempel Händler mit Spinnengeweben, getrockneten Lurchen, merkwürdigen Baumpilzen, Schlangenhäuten und anderen Medizinen. Schon Christus hatte solche Leute aus den Tempeln Jerusalems verjagt. Wie man sieht, ohne nachhaltigen Erfolg.

Von nun an geht es nur noch Treppen bergab. DIN-Normen gab es zur Zeit deren Baues noch nicht, und so wechseln sie ganz nach Belieben die Stufenhöhe. Das wirkt auf Dauer ermüdend, zumal, wenn man auf diese Weise Kilometer bergab zurücklegt, da muß man sich sehr in Acht nehmen, wohin man tritt. Morgen werden wir allesamt einen hübschen Muskelkater haben. Außer Volker vielleicht, der sich tragen läßt. Das kann man hier gegen geringes Entgelt. Man sitzt dem Träger auf einer Art hölzernem Hochsitz Huckepack. In diesem Zusammenhang fällt mir ein: Kuli kommt von ko=traurig und li=Kraft, die ersten Kohlenstoker und Heizer auf den Shanghaier Schiffen nannte man so, und shanghaien, also das Pressen von armen Teufeln im Suff in die Kohlenbunker und Maschinen­räume aufkommender Dampfer stammt ebenfalls aus dieser Zeit - nur Volker stammt nicht aus dieser Zeit, nennt sich selbst einen Grünen und – ach, da fehlen mir einfach die Worte.

Manchmal gabeln sich die Treppenwege oder führen an seitlich gelegenen Dorfdächern vorbei. Dann stehen Dutzende Garküchen mit rasch in Schalen ausgekelltem Reisschleim am Weg, vor denen sich der Besucherstrom knäuelt. Die Verkäuferinnen tragen an dünnen Bändern schmutzige Schürzen um den Hals, auf dem Bauch wie Kängurus eine Tasche für das Wechselgeld. Die Unterarme mit aufgeschobenen, vor dreißig Jahren vielleicht einmal weiß gewesenen Ärmelschonern verhüllt, tunken sie Kellen in schwadende Bottiche glasiger Reisbrühe und teilen erst nach entsprechendem Empfang von Münzen oder Scheinen aus. Einwände immer mal in olivfarbenen Fantasieuniformen vorbeischauender Kontrolleure des staatlichen Gesundheitsdienstes beschwichtigt man durch einen Griff in den Kängurubeutel. Anhand eines Fotos kann ich es bezeugen.

Zwei Alte begleiten unseren Weg. Sie wie er gleichermaßen zahnlos, aber fröhlich. Ihre Gesichter sind ausgemergelt, wie Schrumpfköpfe faltig und doch glatt: faszinierend. Bis zum Pavillon des reinen Klanges (qingyin ge), einer felsigen Insel inmitten eines sich herum teilenden und hastig zu Tal rauschenden Bergbachs, begegnen sie uns immer wieder. Dort jedoch teilt sich auch der Weg, möglicherweise haben sie den längeren nach Westen gewählt. Jedenfalls bleiben sie fortan verschwunden, vielleicht haben sie auch nur eine Rast eingelegt, ihrer gichtigen Beine wegen.

EmeishanDer Pavillon, mitten im strudelnden Wasser auf gewaltigem Fels gelegen, bildet eine Oase der Ruhe zwischen zwei sich hier treffenden und von da ab gemeinsam zu Tal strömenden Springbächen. Ausgehend von dieser Insel, führen je eine steinern geschwungene Bogen­brücke zu den äußeren Ufern des sich teilenden Gewässers, von wo beidseits die Treppen­stufen zu Tal sich fortsetzen. Unterhalb ein steinerner Trog, der Boden kieselbedeckt, in dem erschöpfte Wanderer sich die Hosenbeine hochkrempeln und ein Fußbad nehmen. Selten zuvor ist mir solch Harmonie von Landschaft und Menschenbauten begegnet. Eine Weile stehe ich still verzückt, und genieße offenen Herzens diesen vollkommenen Anblick, den kein Künstler wunderbarer hätte ersinnen können.

Bald kommen wir an das ausgetrocknete Kiesbett eines breiten Baches, der nur wenig Wasser führt. Eine Hängebrücke geht hinüber, drüben steht Volker, die Kamera in der Hand, uns zu fotografieren. Ich weiß nicht, warum ich ihm nicht begegnen möchte. Zögere also meinen Gang über die Brücke, deren Zu- und Abgang je zwei gußeiserne, schartige Köpfe am Ende ihrer Tragseile zieren, hinaus, bis Volker sich der Vorhut unserer Gruppe ange­schlos­sen hat und von der Bildfläche verschwunden ist. Erst dann betrete ich die schwanken­de Brücke, hinter der mich ein tiefgrüner Waldsee empfängt. Bambusflöße liegen am Ufer, sicherlich gibt es hier reichlich Fische, Körbe auf den Flößen lassen darauf schließen. Weitere, kürzere Hängebrücken überqueren Seitenarme des Gewässers, die sich zu ausladenden Seen dehnen. Seitab eine malerische Schlucht, über die sich der gemauerte Bogen einer schmalen Brücke wölbt und ein Ziegelweg hinweggeht.

Hier, in den Falten des Emei Shan, kommt mir zu Bewußtsein, leben Menschen, die sich Wege zueinander geschaffen haben, und deren gewöhnliches Dasein weitab von den geglätteten Pfaden des Tourismus mit seinen Andenkenbuden, Toilettenhäuschen und Gar­küchen sich vollzieht. Es gibt auch nur zwei Wege hinauf zum göttlichen Gipfel. Alles andere teilen sich die, welche immer schon hier waren und in langem Kampf ihre eigene Welt schufen – nun, durch Seilbahnen und Gebirgsstraßen erschlossen, wird sie fragil, jederzeit zerbrechlich. Niemand kann sagen, ob es Segen ist oder Fluch, was die neue Zeit bringt. Von den ursprünglich 151 Klöstern gibt es noch 20, alles andere zerfiel oder wurde in den Tobsuchten der Kulturrevolution geschleift und zerstört. Sie haben im Berg ihre eigenen Götter, an verschwiegenen Orten, wo sie (noch) unter ihresgleichen sind. Emei Shan, kommt mir in den Sinn, ist heute eine gewaltige Tourismusmaschinerie. Vielleicht denke ich das auch nur, weil mir durch die Goldene Woche sein Gipfelblick verwehrt blieb.

Nach schier endlos anmutender Kletterei und einem gerollten, mit Gemüse und allerlei Anderem gefüllten Teigfladen, unterwegs aus der Faust gegessen und von Uwe anstatt eines Mittagessens spendiert (sic!), erreichen wir den Fuß des heiligen Berges. An einer Haltestelle warten wir auf den öffentlichen Bus (sic sic! Uwe scheint zu sparen, wo es nur geht). Zwei lassen wir vorüberfahren, sie sind so gestopft voll, daß noch nicht mal ein Wort von Uwe zum Fahrer darin Platz gefunden hätte. Erst beim dritten haben wir Glück, zwängen uns hinein und tauchen sogleich in eine Wolke von Gerüchen ein, von denen Knoblauchdunst noch der gelindeste ist.

Ich habe einen Fensterplatz, das heißt, selbst wenn ich vom Fenster weg wollte, ich könnte es nicht. Da ich die Kamera beim Einstieg in der Hand hielt, brauche ich sie nicht hervorzu­holen, was auch einigermaßen schwierig wäre. Über viel schwarzes Haar hinweg mache ich ein Foto von Uwe, der es bis zum Fahrer geschafft und sogar halbwegs einen Sitzplatz hat. Ein zweites Foto gelingt mir, als wir auf der überdachten Huyu Brücke im Schritt über ein nahezu trockenes Flußbett fahren, auf dessen Grund inmitten von Kieseln und Rinnsalen Leute an grünen Tischen beim Mahjonggspiel sitzen. Megageile Location würde manch einer bei uns das nennen.

Als der Bus vor dem Tempel des lauernden Tigers (Fuhu Si) hält, quetschen wir uns raus. Der Tempel gehört zum nahebei gelegenen Nonnenkloster Luofeng, zu welchem Touristen nur Zutritt haben, um dort zu übernachten. Es bietet 400 Besuchern Herberge, nach land­läufiger Rechnung also etwa zwei Busladungen. Beschränken wir uns auf den Tempel.

Dort herrscht striktes Fotografierverbot, die Nonnen wissen schon, warum. Weil er nämlich wunderschön ist, und sein Inneres von malerischen Motiven nur so strotzt, bei deren Anblick jedem Fotografen der Auslösefinger juckt. Seltsamerweise wird die Beachtung des Verbots nicht von Nonnen sondern jungen Männern überwacht. Zudem sind es nur zwei, die nicht überall sein können. Sobald einer um die Ecke ist, fotografiere ich. Allerdings ohne Blitzlicht, das riefe einen der Aufpasser sofort zum Schauplatz des Frevels. Und sie sind schnell, die jungen Burschen, das kann ich feststellen, als Ingrid, unsere etwas unbeholfene Endfünfzigerin mit dem schwarz gefärbten, gegelten Strubbelhaar ein digitales Blitzlichtgewitter von Vorblitz, Rote-Augen-Blitz bis hin zum Hauptblitz entfesselt. Sichtlich verlegen und geröteten Hauptes knüllt sie zerknirscht einen Zehner in die Spendenschatulle des Aufpassers. Das gibt Uwe Gelegenheit, mißbilligend noch einmal auf das Fotografier­verbot hinzuweisen. Ich benutze in solchen Fällen immer eine kleine unauffällige Taschenkamera, die ich aus der Hüfte oder auch unter der Jacke hervor auslösen kann. Man muß sich Regeln setzen.

Emeishan, Nonnenkloster LuofengDie Tempelanlage atmet eine Ruhe und in sich Geschlossenheit, die ich bisher nirgend­wo so stark empfunden habe. Die Haupthalle, errichtet in Form eines Mandalas, beherbergt in umlaufenden Gängen hinter Balustraden aus Glas Hunderte lebensgroßer und lebensecht bemalter Abbilder von Mönchen, Priestern und Lamas mit besonderen Verdien­sten um die heilige Stätte. Oberlichter in der wohl zwölf Meter hohen Holzkonstruktion der Halle geben der Tageshelle Raum, die sich geheimnisvoll im dunklen Gebälk bricht und Glanzlichter auf die vergoldeten Gewänder der Figuren in den Schreinen wirft. Glanzstück ist zweifellos die in Hallenmitte auf rundem Sockel sich sieben Meter hoch erhebende Gruppe zwölf Rücken an Rücken im Kreis sich reihender Bodhisattvas. Ganz in Gold, mit nur wenigen Farb­akzenten in lichtem Glockenblumenblau, fordert dieses Monument Auge und Seele zum Credo, zum Glaubensbekenntnis. Ich wüßte mir keine wahrhaftigere Farbe als dieses lichte Blau, das in so unendliche Harmonie zu den edlen Goldtönen der Gesichter und Gewänder dieser Heiligengruppe treten könnte. Ihr Anblick überwältigt.

Ich glaube nicht, daß außer mir jemand unserer Gruppe ein Foto von ihr besitzt - aus purer Ehrfurcht vor dem erhabenen Bild. Doch grenzte es an gelinde Selbstquälerei, es nur im Herzen zu tragen. Man muß, sollte die Rede darauf kommen, es auch herzeigen können.

Emeishan, Nonnenkloster LuofengIm Hof des Tempelgevierts brennen Weihrauchstäbe ab. Rauch zieht in die Hallen. Bedienstete in knöchellangen, blauen Schürzen kehren herabgetropftes Wachs aus den wassergefüllten Schalen der eisernen Lichterkränze in rote Plastikeimer. Nur wenig der gespendeten Lichter geht in stillem Glanz und Einkehr verloren, das meiste wird zum Guß neuer  Kerzen wieder­verwendet. Nicht überraschen kann die Sauberkeit der Anlage, steht sie doch unter weib­licher Regie: Böden glänzen, Altare sind abgestaubt, Gebetsfahnen und Baldachine gewaschen. Alles in allem ein klarer, ruhiger Ort, den ich lange in Erinnerung behalten werde. Es war ein guter Rat Uwes, hierher zu gehen. Selbst ein Blick vom obersten Punkt über die grünbemoosten, geschweiften Dächer entspannt. Wem das nicht ausreicht, dem sei die links in der Haupthalle ragende 7 Meter hohe Bronzepagode aus dem 16. Jh. ans Herz gelegt, auf deren Umfang 4700 Buddha­bildnisse und das gesamte Avatamsaka-Sutra (Hua Yan) wiedergegeben sind. Keines der zentimeterhohen Figürchen gleicht dem anderen, besondere Lieblinge der Gläubigen erkennt man am abgegriffenen, durch Tausende von Fingerberührungen blankpolierten Goldton inmitten wuchernden Grünspans. Kunstvoll geschnitzte Tore, bemooste Stufen und unter verborgenem Licht dämmernde Durchgänge gewähren Einblick in stille Winkel. Es fällt schwer, sich loszureißen, doch die von Uwe genannte Zeit zum Aufbruch ist da.

Hinunter nach Baoguo Si winkt Uwe nacheinander zwei elektrisch betriebene Karren mit jeweils sieben Sitzen heran, die uns zum Parkplatz bringen, wo der kleine dicke Herr Wang mit seinem Bus wartet. Einige von uns aus dem ersten Gefährt haben bereits darin Platz genommen, als draußen ein handtellergroßer Falter schwer vom Himmel auf dem kalten Asphalt daneben landet und sich mit zitternden Flügeln in torkelndem Kreiseln um sich selbst bewegt. Wir alle sehen es, nur Volker springt hinaus und sucht ihn in den Schalen seiner hohlen Hände einzufangen. Immer wieder entgleitet das paradiesbunt flatternde Tier seinen Bemühungen, bis ich es nicht mehr ertrage und zur Tür eile.

„Weißt du, was du da tust?“, rufe ich erregt hinaus. „Du wischst ihm den Staub von den Flügeln, und wenn du ihn nicht jetzt schon zerquetschst, wird er unter dem allernächsten Regen­tropfen, der ihn trifft, gnadenlos abstürzen, weil du das, was sie abperlen läßt, just in diesem Moment zerstörst!“

Einen winzigen Moment scheint Volker irritiert, reißt sich die Baseballkappe vom Kopf und versucht, den Falter nun darin zu fangen. „Ich will ihn doch nur von der Straße holen!“ erwidert er mit schiefem Blick auf mich in der Bustür.

„Bis dir das gelingt, ist er tot. Mann, und du willst ein Grüner sein!“ Kopfschüttelnd wende ich mich ab, gehe zu meinem Platz zurück, beobachte weiter durch das Fenster, wie er das Tier mit seiner Mütze bedrängt. Als Uwe mit dem Rest der Mannschaft kommt und Volker als Letzten in den Bus winkt, liegt das Insekt still mit gefalteten Flügeln auf der Seite. Hin und wieder jagt ein zuckendes Flimmern durch die großen Flügel, als wolle es sich doch noch aufschwingen. Als wir fahren, liegt es immer noch dort.

Beim Hereinkommen und seinem Gang durch die Reihen zu einem freien Sitz hinter mir hat Volker mich mit eisigem Blick bedacht. Wir sind nun wohl Feinde. Ehrlich, es macht mir nichts. Meine Feinde suche ich mir selbst aus. Und ob ich von nun an zu Volkers Feinden rechne, ist mir wurscht. 

Als der Bus fährt, greift Dagmar nach dem Bordmikrofon, hält eine kleine Rede. Auf Uwe und Herrn Wang, wie sehr sie uns doch in den vergangenen Tagen ans Herz gewachsen seien, schließlich habe man eine Woche China gemeinsam verbracht, das verbinde. Und als Dank ... bla, bla. Gestern haben wir zusammengelegt, und für chinesische Verhältnisse ist es ein hübsches Sümmchen, das Dagmar Uwe nun in einem Briefumschlag überreicht. Herrn Wangs Anteil ist auch darin enthalten. Beide deuten lächelnde Verbeugungen an. Der kleine Aufruhr Hu Weis von gestern scheint vergessen. Mag auch sein, er überspielt seine Enttäuschung, falls sie existiert. Die Scheine im Umschlag zählt er jetzt nicht, sonst verlöre er wahrscheinlich sein Gesicht.

Die beiden bringen uns und unser Gepäck zur Bahnstation von Emeishan. Am Eingang stehen Wachen, jeder wird kontrolliert. Erst als Uwe unseren Beförderungsschein vorweist, öffnet sich das Gitter zur Bahnhofshalle. Dort erst händigt er uns die Fahrausweise zusam­men mit unseren so sorgsam gehüteten Pässen aus. Später, auf dem Bahnsteig, ist es zugig. Uwe, der ragende Leuchtturm, bleibt, bis wir alle eingestiegen sind und unser Gepäck in den Abteilen verstaut haben. Er winkt, als der Zug anruckt und sich in Bewegung setzt.

Mag er hinter uns auch drei Kreuze schlagen, Uwe war nicht der Schlechteste.

ZugabteilMit Erika und Paul teilen wir uns ein Abteil. Ich fühle mich schlapp, im Hals kratzt es, vermutlich habe ich auch Fieber. In Kopf und Körper tauchen Schwalle rotglühender Hitze in langen Wellen auf und unter, am Besten, ich gehe gleich zu Bett. Die mir zugewiesene der vier Kojen unseres Abteils befindet es sich gleich links oben, vom Eingang gesehen. Pauls angebotenen Schnaps vor dem Schlafengehen muß ich ausschlagen. Fühl mich einfach zu mies dafür, zieh, weil es noch nicht dunkel ist, die Decke über den Kopf schließe die Augen. Wir haben softsleeper gebucht, die Betten sind sauber und was den Komfort anbetrifft, ganz ordentlich. Der Zug rüttelt und poltert über Weichen, und jeder Knochen tut mir weh. Es liegt nicht am Wagen, man empfindet das einfach so, wenn sich eine Grippe meldet.

Die Strecke bis Dukou, dem Ziel unserer Bahnreise, beträgt etwa 700 km. Das bedeutet zehn Stunden Nachtfahrt auf einer der spektakulärsten Eisenbahnstrecken dieser Welt, zu deren Bau zahlreiche Tunnel in den Fels gesprengt werden mußten. Nahezu durchgängig folgt sie den Schlenkern eines wilden Flußtales, an dessen Hängen sie sich mühsam entlang windet. Schade, daß man in der Dunkelheit kaum etwas von der ungebändigten Landschaft erkennt, hin und wieder huschen trübe Lichtreflexe einsamer Bahnstationen über die Decke unseres Abteils, an der kurz darauf wieder allein die bläuliche Notbeleuchtung glimmt. Das Eintauchen in Tunnel mit schlagartig anschwellenden Fahrgeräuschen schreckt mich immer wieder aus Fieberträumen auf, außerhalb, auf freier Strecke, schlingert der Zug in eintöni­gem Rauschen dahin, vom gelegentlichen Hämmern der Weichen auf Drehgestelle und Räder unter den Abteilen übertönt. In meinem heißen Kopf nistet der Schwarm der Nacht­geräusche. Gegen Morgen kriecht die Kühle des Luhan Shan mit Dreitausenderriesen ins Abteil, und ich kämpfe mit meiner zu dünnen Decke, die zudem oben wie unten zu kurz ist. Eine gräßliche Nacht!

13. Tag, Mittwoch, 05.10., Fahrt nach Lijiang

Wenig erfrischt, reißt uns Erikas Wecker aus dem Schlaf; meine Armbanduhr zeigt halb Sechs. Noch eine Stunde Zeit bis zur Ankunft in Dukou. Ich bin wie gerädert, drehe mich noch einmal zur Seite, überdenke die Nacht. Um Sechs ziehe ich mir die Hose an, greife das Waschzeug und torkele von Zug hin- und hergeworfen durch den Gang zu dem engen Kabinett an dessen Ende, das überraschenderweise frei ist. Drinnen das Klo, ein winziges Waschbecken, darüber ein blinder Spiegel, alles aus rostfreiem, grauem Stahlblech. Aus den Schlieren des Metallspiegels glotzt mich jemand an, mit dicker Backe und tiefen Ringen unter den Augen – ich. Aha, deswegen das Fieber in der Nacht.

Vor der Reise war ich noch einmal bei meinem Zahnarzt, um ihn eines Backenzahns wegen um Rat zu fragen, der vor drei Jahren zu ähnlichem Schmerz führte, sich seitdem aber nicht wieder gemeldet hatte, außer daß er wackelte, wenn ich mit der Zunge daran stieß. Man kennt die Folter­werk­zeuge der Zahnärzte. Mit einer Art Reißnadel hakte er sich an bewußtem Beißer ein und rüttelte kräftig daran, bis ich dessen Wurzel in tiefsten Tiefen des Kiefers spürte. Bedenklich runzelte er die Stirn. Das ist eine Zeitbombe, mein Lieber, sagte er. Der muß raus. Ich sagte, ich wolle es mir noch überlegen.

Nun habe ich den Salat. Hätte er, denke ich mit verschwollenem Gesicht, nicht so daran geruckelt, wäre ich wohl immer noch beschwerdefrei. Und nun? Ich spritze mir ein wenig Wasser ins Gesicht, zu mehr Hygiene verspüre ich keine Lust. Rasieren über die dicke Backe bedeutet Pein, und so verlasse ich mit je einer rasierten wie unrasierten Gesichtshälfte das Kabinett, ordne im Abteil meine Sachen, kleide mich vollends an, beiße die linke Hälfte meines Gebisses zusammen und quetsche meiner Zweitbesten mürrisch leidend ins fragende Gesicht: Ha’n dick’n Zan. Um 6:35 Uhr hält der Zug zischend in Dukou.

Leute mit Käfigen voller Hühner verlassen mit uns die Abteile, sie müssen nachts zuge­stie­gen sein. Andere schleppen Berge von Pappkoffern und Kisten die Treppe hinunter zum Ausgang, wieder andere hasten einfach an uns vorbei. Dagmar hält Ausschau nach unserem neuen Führer, man sieht ihr an, daß sie ebenfalls schlecht geschlafen hat. Als der Zug längst den Bahnsteig verlassen und sich alles verlaufen hat, bleiben nur wir übrig, übernächtigt und fröstelnd, in der riesigen Halle des Bahnhofs von Dukou. Da fällt es dem örtlichen Guide leicht, die Gruppe zu erkennen, die er die nächsten fünf Tage in Obhut hat. Er stellt sich unter dem Namen Jack vor und spricht Englisch. Dagmar übersetzt. Irgendwann nuschelt auch der Fahrer, ein vierschrötiger, erdverwachsener Kerl mit breiten Pratzen seinen Namen in das von Jack gehaltene Mikrofon, das aber einen Wackelkontakt hat, so daß ihn sowieso niemand versteht; fortan heißt er bei uns einfach Fahrer.

Fahrer kennt direkt dem Bahnhofsgebäude gegenüber, nur über ein paar Schutthügel auf dem großen Platz davor hinweg, ein Lokal, das um diese Zeit schon geöffnet hat und prima Reis­schleim­suppe serviert und harte Eier. Sagt Jack, der selber nicht von hier stammt, vielmehr heute Nacht mit Fahrer vom 200 km entfernten Lijiang gekommen ist, um uns abzuholen. Er bietet kaum einen besseren Anblick als wir, vermutlich sind sie gegen Mitternacht losgefahren. Eine noch frostige Sonne beginnt die Szene auf dem Bahnhofs­vorplatz golden zu überhauchen.

Nö! protestiert Dagmar. No, no, no! We have a contract, and we don’t want ... Okay, beschwichtigt Jack, der wie ein schmalbrüstiger Halbwüchsiger wirkt, sicher aber bereits Ende Dreißig ist, hebt die Arme vor sich in Brusthöhe und senkt sie langsam in sacht pumpenden Bewegungen: Please calm it down ...

Er will uns zum Frühstück in ein Hotel in Panzhihua auf der anderen Seite des Jinsha Jiang führen, wo er schon mal gewesen ist. Dort wird es für uns besser sein. Okay?

Okay. Alle miteinander besteigen wir den klapperigen Bus, dessen Türen Fahrer mit einem riesigen Schlüsselbund öffnet. Die Scheiben sind noch beschlagen, in dicken Tropfen rinnt kondensierter Atem seiner Nachtfahrt daran herunter, als wir die Schiebefen­ster öffnen und der Morgensonne Zugang zum Inneren des klammen Vehikels verschaffen. In einer stinkenden Wolke Dieselqualms verlassen wir den Vorplatz.

Ich überlege derweil, wie ich eine der talergroßen, sprudelnden Schmerztabletten, die meine Zweitbeste Gott sei Dank dabei hat, durch die Öffnung einer Wasserflasche bekomme. Man könnte sie zerbrechen. Das aber hieße, da die Flasche voll ist, daß ich diese in einem Zug leeren müßte, um diese eine Tablette zu mir zu nehmen. Niemand hat einen Becher oder Ähnliches dabei. So nehme ich den Tablettentaler in den Mund, gieße etwas Wasser aus der Flasche hinterher und warte was sich tut - das Ding sprudelt auf und reißt mir fast die Kiefer auseinander. So rasch, wie sich Kohlensäure in meiner Mundhöhle bläht, kann ich gar nicht Wasser aus dem engen Hals der Flasche nachschütten, und ich schlucke verzweifelt, doch das Gas quillt mir aus Nase, Mund und Augen heraus und will gar nicht aufhören, sich auszudehnen. Nach einem ausgedehnten und geräuschvollen Rülpser, bei dem sich außer Fahrer der ganze Bus zu mir umdreht, habe ich die Krise einigermaßen im Griff. Nach­folgende kleinere Eruptionen kann ich hinter vorgehaltener Hand diskret verbergen. Lang­sam wird mir besser, auch im Zahn. Doch rate ich ausdrücklich jedem von der beschriebenen Rosskur ab!

Dukou – oder Panzhihua, wie es früher einmal hieß – entstand 1966 in den Wirren der Kulturrevolution aus den Hütten von sieben Familien bei einer gottverlassenen Fährstelle an der Mündung des Yalong Flusses in den Goldsand Fluß (Jinsha Jiang), im weiteren Verlauf Chang Jiang genannt, besser bekannt unter dem Namen Yangtse. Jawohl, der mit dem Jahrhundertdamm, vor welchem sich nun von Chongqing nach Osten zu ein 600 km langer See staut.

Ein frühes Joint Venture - als es diese Bezeichnung noch gar nicht gab - aus Japanern und Chinesen ließ neben der Fährstelle ein Stahl- und Walzwerk errichten, in dessen Folge Tausende Familien aus dem Umland hier siedelten und Arbeit fanden. Neben der Fähre stand damals ein alter Kapokbaum, auf chinesisch panzhihua, daher der Name. Schon bald aber erreichte die Einwohnerzahl die ersten Hunderttausend, da konnte man sich nicht mehr gut ländlich idyllisch „Kapokbaum“ nennen. Aus dem Bauerndorf war die Großstadt Dukou mit heute über 450.000 Einwohnern geworden. Ihr Anblick ist trist und trotz idyllischer Lage am Zusammentreffen zweier Flüsse wenig einladend.

Fahrer, so scheint es, will uns die ganze Stadt in ihrer Trostlosigkeit vorführen. Erst nach einer knappen Stunde und endlosen, staubigen Häuserzeilen läßt er seinen Bus vor einem etwas höheren Bauwerk ausrollen: da sind wir, am von Jack versprochenen Hotel. In der Halle gibt es einen Schuhputzautomaten, er funktioniert sogar ohne Geldeinwurf. Das Personal, mit der Bitte um Frühstück konfrontiert, reagiert hilflos, da hilft auch Jacks Ausweis des CTS wenig. Schließlich schafft man schlaffes, süßes Gebäck herbei, einem Burgerbrötchen ähnlich, dazu eine Schale voll hartgekochter brauner Eier sowie heißes Wasser in Thermoskannen. Nescafétütchen mit Verfalldatum vom Vorjahr vervollständigen das Buffet. Gut, nichts Umwerfendes, aber wenigstens kein Reisschleim. Bevor wir uns jedoch darüber hermachen -

Denise hat heute Geburtstag, wird Sechzig. Dagmar zieht eine Glückwunschkarte aus ihrem Rucksack, jemand anderes eine rote Kerze in Form einer Lotosblüte, ein dritter hat Streichhölzer parat, entzündet den Docht, und da beleuchtet das flackernde Flämmchen die kleine Szene am Tisch vor Denise und spiegelt sich in ihren Augen wider, worin mit einem Mal ein besonderer Glanz steht, als wenn ihr Rauch hinein gekommen wäre. Fehlt noch der Tusch, aber wir singen ihr das altbekannte Happy Birthday, das tut es auch. Danach greifen alle beherzt zu süßen Wattebrötchen und hartgekochten Eiern ohne Salz, deren Inneres blaugrün schillert, und feiern Denises Aufbruch in ein neues Jahrzehnt.

Man ist schnell satt, blaugrüne Eier stopfen. Es heißt, der Vorgang der Verdauung eines hartgekochten Eies verbrenne mehr an Kalorien, als es selbst enthält. Darauf beruhen sogar Diäten. Um Viertel vor Neun fahren wir. Nach Lijiang, wohin es, wie wir bereits wissen, 200 km sind, etwa sechs Stunden Fahrt, einschließlich Mittagspause, bedeutet uns Jack.

Bei blauem, fast wolkenlosem Himmel leitet uns anfangs ein Flußtal nach Westen. Unter uns verstreut liegen behäbige Höfe inmitten weiter Terrassenfelder. Die typische Form der Anwesen besteht aus rechteckig um einen geschlossenen Innenhof angeordneten Wohn-, Wirtschafts- und Vorratsgebäuden nebst Stallungen für Kleinvieh, Schweine, Esel und Wasser­büffel. Reis und Getreide ist abgeerntet, Strohgarben stehen wie helle Spitzzelte zum Trocknen in den Feldern, auf dem hitzeflimmernden Zement der Innenhöfe dörren Mais­kolben. Bauern kommen vom Feld und lehnen sich zum Nachbarplausch auf die Feld­hacken, während ihre Esel seitab mit weichen Mäulern Blätter aus den Büschen rupfen - Idylle in idyllischer Landschaft.

Die Scheibenbremsen des Busses werden wassergekühlt, von Zeit zu Zeit muß Fahrer Wasser in einen Tank nachfüllen, das gibt reichlich Gelegenheit zu Pinkelpausen. Gegen zwölf Uhr setzt er uns in einem Dorf ab und fährt alleine weiter. Jack sagt, Fahrer müsse tanken, wir werden hier in einer kleinen Garküche derweil zu Mittag essen. Bis dahin sei noch eine halbe Stunde, man müsse vorbereiten, kochen, garen, dünsten, Sitzplätze her­richten.

Hundeleben im MaisDas Städtchen zieht sich am diesseitigen Hang eines grünen Tals hin, jenseits erheben sich blauschwarz im Dunst die Falten eines Gebirgszuges. Auch hier sind die bei den Häusern gelegenen Felder abgeerntet, die neue Saat keimt schon in hellem Grün. Auf manchen stehen auch großblättrige Tabakpflanzen in voller, weißvioletter Blüte. Sengende Hitze lähmt das Leben, die einzige, lang hingezogene Straße lärmt ab und zu einer der gebräuchlichen Minitraktoren hinauf. Vor einer Haustür trocknen Maiskör­ner, ausgebreitet auf einem Fladen Wellpappe. Darauf sonnt sich träge ein flauschiger, gelber Welpe. Die zu ebener Erde liegenden weißgekalkten Wohnräume der meisten Häuser besitzen über die gesamte Vorderfront Jalousietüren, welche jetzt ganz aufgeschoben sind. Manchmal sind sie zu Gar­kü­chen umfunktioniert und auf die Besuche gelegentlicher Lastwagenkutscher und tram­pen­der backpacker, Rucksackreisender, eingerichtet. Gekühltes Bier und heißer Tee jeden­falls sind in jedem zweiten Haus erhältlich, wer von Dukou nach Lijiang will, muß hier durch.

Open House - WohnraumNach einem kleinen Rundgang treffe ich bei „Jack’s Bar“, wie ich das Etablissement getauft habe, wieder auf unsere Gruppe. Einige sitzen schon beim Bier, auch ich bestelle eins. Pi-djiu heißt das, falls jemand, der dies liest, mal nach China kommen sollte; bei Pi muß man den Ton heben, sonst wird es nichts mit der kühlen Erfrischung. Gleich darauf wird in vielen Schüsseln das Essen aufgetragen, durch meinen schmerzenden Zahn hab ich wenig Appetit, bestelle lieber noch Pi-djiu.

Jack hat das Handy am Ohr und telefoniert mit jemandem. Klappt es zusammen und tuschelt mit Dagmar, die uns übersetzt: Fahrer hat sich auf dem Rückweg vom Tanken einen platten Reifen geholt, in der Werkstatt sind alle zu Mittag, es kann dauern. Gut, daß ich mein Bier habe und in kleinen Schlucken den wehen Zahn im Mund kühlen kann. Als das Bier treibt, suche ich das Örtchen und finde es, nach Hinweis von Elfe, die just von dort kommt, drei steile und rutschige Stufen abwärts gleich neben dem stinkenden Schweine­koben, aus welchem mich eine Sau mit schönen langen Wimpern und einer Marke im Ohr durch ihre Nasensteckdose beschnüffelt. Direkt daneben der Abtritt, gegen den das Schwein ein Parfümflakon ist: ein Loch im Boden, durch das man abwärts ins lieblich grüne Tal blickt, sonst nichts. Das ist, wie man so sagt, purer Minimalismus. Minimaler geht’s nur noch im Tabakfeld mit Tabakblättern. Ach ja, Blätter: nicht das kleinste Fitzelchen Papier. Unter diesem Aspekt jedoch ist der erfahrene Reisende in Asien spätestens seit Marco Polo Selbst­versorger. Papier hat er immer bei sich. Von einer Amerikanerin gibt es übrigens ein Buch, des Inhalts, daß Marco Polo China gar nicht erreicht haben könne - ich bin versucht, ihr zu glauben, zu Polos Zeiten muß es weitaus schlimmer gewesen sein.

Auf dem Rückweg an der Hauswand ein Becken mit kristallklarem Bergwasser, das aus einem Schlauch ständig nachläuft, und einem Schwarm blauglänzender Fische. Zwei davon haben wir vermutlich eben gegessen. Der Ablauf, das sehe ich erst jetzt, spült die Treppe zum Abort und letztlich diesen selbst, deswegen die rutschigen Stufen. Sehr praktisch. Ich wasche meine Hände im Becken, verschreckt zuckt der Schwarm in dessen äußerste Ecke. Schnappmäulig und augenglupschend belauern sie meine Hände. Bis man die nächsten zum Menü einlädt und rausholt, werde ich längst weg sein.

GemüsehändlerinIn unserem Aufbruch hat sich auf dem Vorplatz des Lokals eine schrumpeldürre alte Frau niedergelassen und hält Mandarinen feil. Jedes Fältchen ihres Gesichts strahlt, als wir Interesse für ihre Balkenwaage zeigen; ich beschrieb solch Gerät bereits weiter oben. Eigentlich gleicht sie in ihrer Fröhlichkeit mehr dem jungen Mädchen, das sie einmal war, als der Greisin, die sie ist. Bis Fahrer von unten her kommt, wendet und breitspurig im Rinn­stein anlegt, hat sie drei Portionen goldschalig glänzender Früchte verkauft. Nicht schlecht, mag sie denken, manches Mal wird sie kaum eine los. Indem Fahrer den Gang einlegt und Hühner aufscheuchend die Straße hinunter­brettert, winken wir ihr aus den auf­schieb­baren Fenstern, mit jeder Falte lächelnd winkt sie zurück. Da spielt es keine Rolle, daß sie nicht einen Zahn im Mund hat.

Stau - ErdrutschWir fahren wieder entlang eines Flußtales. Irgendwann fällt mir auf, daß uns kaum noch Lastwagen entgegen kommen. Wenn doch, dann sind sie blau und haben Kohle geladen. Allerdings überholt Fahrer eine Menge dieser an Steigungen recht schwerfälligen Vehikel. Nach einer Kehre geht auch das nicht mehr: Stau. Bis zur nächsten Kehre ist die Straße verstopft mit Lkws, Tankwagen und kleineren Lieferfahrzeugen, was dahinter ist und wie lang die Schlange blauer Lastwagen wirklich ist, wissen wir nicht. Fahrer fährt rechts ran, öffnet die Tür und stellt den Motor ab.

Jack steigt aus und versucht von den Führern der Lkws vor uns Informationen über die Ursache des Stops zu erhalten, die meisten zucken mit den Schultern. Als Jack wieder­kommt, hat er zumindest soviel erfahren, daß heute morgen bei einem Gewitter eine Schlammlawine den Berg heruntergekommen sei und die Straße auf hundert Metern Länge verschüttet und teilweise mit sich gerissen habe. Genaueres und wann die Strecke wieder befahrbar sei, wisse niemand.

Jack, Fahrer und Dagmar beraten, was man tun kann. Ich schaue auf die Uhr, es ist drei Uhr nachmittags. Dagmar wendet sich an uns und erklärt, was los ist. Jack, sagt sie, will zu Fuß nach vorne gehen und sich ein Bild machen, ob und wie wir eventuell durchkommen. Andernfalls gebe es zwei Möglichkeiten: zurück nach Dukou unter Fortfall des Programm­punktes Lijiang, denn es gibt nur diese eine Straße dorthin. Die zweite klingt kaum vielver­sprechender: Fahrer hat einen Vetter in der nächsten Stadt Yongsheng, der besitzt einen kleinen Lieferwagen, womit er uns in zwei Gruppen, die zu Fuß hinübergingen, vom sozusagen jenseitigen Ufer des beschädigten Straßenstücks in diese Stadt bringen könnte. Dort müsse man dann versuchen, einen Bus nach Lijiang aufzutreiben.

FlußlandschaftBeides nicht sehr reizvolle Aussichten. Soll Jack erstmal gehen, Volker, Paul und Erika wollen ihn begleiten. Wir anderen richten es uns mehr oder weniger gemütlich ein. Ich steige aus und erkunde die nähere Umgebung. Wir halten in einer weiten Biegung des Flußtales. Zwischen uns und dem Fluß schimmern goldene Stoppeln abgeernteter Reisterrassen. Hinter uns die zwei Händevoll Häuser eines in träger Nachmittagsglut ruhenden Dorfes. Auf den leeren Feldern sammeln Bauern Steine und tragen sie auf Haufen am Rand zusammen. Ein junges Paar mit Kleinkind, das abseits mit Kieseln spielt, versucht, dem Flußbett etwas der herangetragenen roten Gebirgserde abzuringen und damit ihr steiniges Ackerstück zu verbessern. Die Frau trägt in einer Kiepe dorthin, was ihr Mann mühsam mit der Hacke am Fluß lockert und ihr auflädt. Andere Bauern tragen Strohgarben zusammen. Paul hatte, bevor er ging, über die Schulter geworfen, wir seien etwa 2000 Meter hoch. Die Sonne brüllt vom Himmel.

Bäuerin mit TochterAlle halbe Stunde geht es ein paar Meter weiter, von oben kommt kaum ein Fahrzeug herunter. Schließlich stockt es völlig. Wir haben ein recht hübsches Plätzchen erwischt. Rechterhand, vor die schroffe Bergwand, ducken sich einige Bauernhäuser. Auf dem flachen Dach eines gemauerten Schuppens worfelt eine Frau Getreide. Aus ihrer Strohschütte läßt sie es über den Kopf zu Boden rieseln, sachter Wind trägt die leichtere Spreu mit sich und trennt sie so vom Weizen. Hinter den grauen Ziegeldächern des Dörfchens tost als schaum­weißer Faden ein Wasserfall vierzig, fünfzig Meter den steilen Felshang herab und verliert sich als klarer, glitzernder Strudel im lehmbraunen Wasser des Flusses. Erde, wo sie auf Äckern und Felsabstürzen zutage tritt, ist von gleicher Färbung. Wir haben Muße, auf den Terrassen verbliebene Reispflanzen genauer zu betrachten. Wann bekommt man ihn schon mal ohne umhüllende Schachtel von Onkel Ben’s Reis zu Gesicht. Die Straße herauf kommen eine Frau in verblichen blauer Ballonmütze und ihre Tochter mit riesigen Strohbündeln auf dem Rücken; sie werden von aus ihren Fenstern lehnenden Lkw-Fahrern mit reichlichen Sprüchen begleitet. Den Zornfalten der beiden ist zu entnehmen, daß es billige Zoten sind, mit denen die müßigen Machos sie bedenken.

Dagmar macht auf dem abgeernteten Stoppelfeld neben dem Bus einige Figuren des Qi Gong vor. Es sind sanfte, fließende Bewegungen, die aber durchaus Beherrschung des eigenen Körpers verlangen. Ihre Übungen, die als Teil der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) gelten, finden rasch Zuschauer und Nachahmer, sogar unter den chinesischen Insassen der nächststehenden Autos. Dabei stellt sich heraus, daß der kleine Toyotabus drei Fahrzeuge weiter unsere Koffer vom Bahnhof Dukou nach Lijiang befördern soll. Sie wurden uns auf dem Bahnhofsvorplatz von hilfreichen Händen abg­enommen, und hier sind sie nun – ein echt chinesisches Verfahren, das dem Touristen alle Mühen abnimmt. Auch die Begleiterin des ausgemergelten Fahrers, eine rotbäckige junge Frau mit einem Mund wie eine Kirschblüte, ahmt lachend Dagmars Bewegungen nach. Derweil senkt sich kaum merklich die Sonne und taucht die Bergwelt, deren Schatten voll scharfer Kontraste hervortreten, in flammendes Licht. Nun stehen wir drei Stunden hier, ohne daß sich etwas merklich bewegte.

Abendliche Bergwelt im Min ShanJack und Paul kommen zurück. Gemeinsam stützen sie Erika, die sich irgendwo in der Straßenböschung den Fuß verstaucht hat. Mit schmerzverzerrtem Gesicht humpelt sie zwischen den beiden Kundschaftern einher und wird gleich auf dem Tritt der Eingangstür zum Bus niedergesetzt. Von irgendwo her kommt eine Wasserflasche, und Jack läßt das Naß schluckweise über Erikas geschwollenen Knöchel rinnen, aber es läuft gleich ab, ohne rechte Wirkung. Ich erinnere mich des Waschlappens, mit dem ich heute morgen die beschlagenen Busfenster für erste Fotos freigewischt habe, hole ihn aus der Treibhausluft des Businneren. Damit geht es gleich viel besser. Auf den wehen Knöchel gelegt, tut die im Lappen durch Verdunstung erzeugte Kühle Erika sichtlich wohl. Einer der im Schatten ihrer Lastwagen vor uns lungernden Fahrer kommt sogar mit einer halbvollen Flasche Schnaps und erbietet sich, auch daraus ein paar gute Schlückchen auf Erikas Knöchel zu träufeln, ein altes Hausmittel. Doch Paul wehrt ab und versucht, erst auf Englisch, dann in Zeichen­sprache zu erklären, man solle ihn lieber trinken, inwendig appliziert heile das Tröpfchen vermutlich gründlicher als außen. Da lachen alle, nur Erika nicht. Doch als der fremde Fahrer ihr mit tätowiertem Arm wirklich die Flasche reicht, lächelt auch sie, nickt dem Mann dankbar zu, wischt pro forma über die Flaschenöffnung und entnimmt ihr einen herzhaften Schluck. Man merkt ihr an, wie gut das tut, und wir anderen, ohne dicke Knöchel, sind ein wenig neidisch.

Erika liegt im Bus auf der Rückbank, den Fuß hoch. Endlich berichten Jack und Paul wenig Gutes vom ursächlichen Ort unseres Aufenthaltes. Eine Mure ist abgegangen, etwa zwei Kilometer vor uns, und hat die halbe Straße mitgenommen. Im Moment habe man sie so weit wieder mit schwerem Gerät zurechtgeschoben, daß einzelne Fahrer ihre Fahrzeuge auf eigenes Risiko im Schritttempo hinüberlenken dürften. Nur wenige trauen sich, einer liege bereits mit den Rädern nach oben in den Geröllmassen. Im Moment sei Warten angesagt, man ließe nur jeweils ein Fahrzeug zur Zeit hinüber, wenn es stecken bliebe, wäre es aus. Dann müßten wir wohl im Bus nächtigen.

Unter seinem Sitz holt Jack einen Karton mit rotwangigen Äpfeln hervor, die er jetzt verteilt. Niemand verspürt in der Hitze Hunger, aber die Lust auf ein wenig Abwechslung läßt fast alle zugreifen. Wenige denken an den Spruch der Tropen: Wash it, peel it or forget it – wasch es, schäl es oder vergiß es. Jack hat versichert, jeder Apfel sei einzeln von ihm persönlich in klarem Quellwasser gewaschen. Wir glauben ihm und beißen herzhaft hinein.

Endlich geschieht etwas. Vorne in die Kolonne kommt Bewegung. Scheinwerfer brennen auf, die ersten Fahrzeuge verschwinden langsam hinter der Kurve, andere rücken nach, wie in Zeitlupe. Nach einer Viertelstunde hat die Bewegung auch uns erfaßt. Fahrer, der die letzten zwei Stunden im Plausch mit Kollegen zubrachte, kommt zurück, läßt den Motor an und fährt im Schritt der Lücke nach, die sich vor uns aufgetan hat. Erst, als er die Beleuchtung über den Sitzen einschaltet, geht uns auf, daß draußen unbemerkt die Dämmerung über das Tal gesunken ist. Nur ganz oben glühen noch die Gipfel, einzelne Bäume auf schartigen Gratreihen darunter zeichnen sich nun als scharfe Scherenschnitte in den verblassen­den Himmel. Meter um Meter geht es endlich voran.

Als wir um die Kehre sind, ziehen sich die Lichter der Schlange vor uns noch etwa einen Kilometer in den Berg. Dort muß die Lawine abgegangen sein. Quälend langsam bewegen sich dort Scheinwerfer, verschwinden im Berg, wahrscheinlich hinter einer weiteren Kehre. Meine Uhr zeigt 21:30, als wir endlich die Stelle passieren. Fahrer hält, blendet auf und leuchtet so den Weg aus für den Kohlelaster, der vor uns gerade gefährlich wankend und schüttelnd seine Passage sucht. Von wegen Weg. Das da vorne ist eine Piste aus dunkel­glänzen­den Schlammlöchern, meterhohen Felsbrocken und entasteten Föhrenstämmen, die man zur Stabilisierung des Untergrundes einfach hineingepflügt zu haben scheint. Im Licht der Scheinwerfer sehen wir auch den kopfüber ins Geröll gestürzten Laster, Fahrerkabine und Hänger seltsam in sich verwunden. Gott sei Dank liegt er am Berg, auf der anderen Seite geht es brüsk in ein Meer von Finsternis, dessen Tiefe die Scheinwerfer nicht ausloten. Der Fahrer des Kohlelasters entlockt seiner Hupe einen Truimphschrei, als er glücklich drüben ist, und seine Rücklichter hinter der Kehre verschwinden.

Fahrer atmet tief aus, befingert flüchtig das Amulett mit Maos feist lächelndem Konterfei, das vom Rückspiegel baumelt, legt entschlossen den zweiten Gang ein und fährt mit schleifender Kupplung an. Ein paar Meter geht es noch auf ebener Fahrbahn, wenngleich schlammig. Dann fallen wir in das erste Loch, und es scheint bis in die Hölle zu reichen. Ächzend hebt sich der Bus auf der linken Seite, um gleich darauf in einen noch viel tieferen Krater gegenüber zu torkeln. Rohe Kräfte heben uns aus den Sitzen, schleudern uns umher, dem Nachbarn auf den Schoß und wenn man Glück hat, auch wieder zurück. Vor den Fenstern springen häßlich grinsende Schlammlöcher und Felsdämonen vorbei, und jeder weiß: wenn Fahrer jetzt den Motor abwürgt oder der Bus sonstwie in seinem halbmeter­hohen Holpern und Schwanken steckenbleibt, dann bekommen wir nicht nur dreckige Schuhe son­dern auch ein gewaltiges Problem. Erstaunlich, keine der Frauen kreischt auf in Hysterie, eher herrscht eine Art fiebriger Angespanntheit, die jeden verstummen läßt. Das Licht der Scheinwerfer erfaßt einen Mann mit nacktem Oberkörper, der direkt vor uns die Piste quert. Unvermindert hält Fahrer darauf zu, im letzten Augenblick springt der Kerl zur Seite und verschwindet als Schatten in der seitlichen Finsternis. Endlos reihen sich Krater und Brocken, einmal setzt der Bus dröhnend auf - dann ist es vorbei.

Aufatmend bricht unser Applaus los, feiert frenetisch Fahrers Können und Mut. Der dreht sich nicht einmal um. Es ist sein Job – oder? Doch sein Gesicht glänzt in Schweiß und Stolz. Das Leuchtzifferblatt meiner Uhr zeigt zwanzig vor Zehn.

Nur eine halbe Stunde später halten wir vor einem ziemlich düsteren Hotel in Yongsheng, der nächsten Kreisstadt und nur noch achtzig Kilometer von unserem Ziel, Lijiang, entfernt. Hier will Jack das entgangene Abendessen nachholen, auch Fahrer brauche dringend eine Mahlzeit, wenn er uns die letzten Kilometer sicher kutschieren soll. Alle lehnen wir ab, sind müde, niemand verspürt Hunger. Doch, Fahrer hat seine Pause verdient, wir warten gerne auf ihn, bis er sich gestärkt hat, nehmen derweil mit einem oder zwei Bier vorlieb. Vielleicht auch einem Schnäpschen, steuert Erika zaghaft bei und verweist entschuldigend auf ihren geschwollenen Knöchel, auf dem immer noch im Söckchen mein Waschlappen kühlt.

Alle lehnen ab? Nicht Volker. Der dreht jetzt richtig auf: Nicht nur, daß wir sechs Stunden vor diesem Geröllhaufen mit Nichtstun verbracht haben, jetzt soll, auf allgemeinen Wunsch auch noch das Abendessen ausfallen? Nicht mit ihm! Er habe bezahlt und verlange die bestellte Leistung, und was eine Mehrheit beschließe, sei für ihn noch lange nicht die Maßgabe, seinen sauer verdienten Urlaub zu verbringen, wo seien wir denn, und ...

Alle sehen ihm verblüfft und entrüstet ins Gesicht. Dagmar holt in einem stillen Seufzer tief Luft. Jack, der nichts verstanden hat, schaut sie fragend an. Wenn er nichts versteht, wirkt er immer sehr verletzlich, er macht diesen Job erst seit einigen Wochen. Gemeinsam begeben sie sich abseits, die Sache zu besprechen.

Die Sache ist die: wie üblich hat Volker, der ein wenig zur Korpulenz neigt, das Mittag­essen, das uns anderen den Magen noch reichlich wärmt, sausen lassen, um statt­dessen ohne die lästige Gruppe, also uns, auf „Fotopirsch“ zu gehen - Knipsen (ganz ernsthaft ging er mich noch gestern um Rat an, wo man denn in den Tiefen des Menus seiner Digicam die Helligkeit des Monitors verändern könnte). Am Abend­essen gedachte er sich schadlos zu halten. So weit, so gut. Doch Letzteres fiel nun aus, abgewählt durch eine Mehrheit. Demokratischer konnte ein Verfahren nicht sein – wenn man nicht gerade Volker hieß, der ewig aus der Reihe tanzte. Nun wollte er sein eigenes Versäum­nis sogar noch als Böswilligkeit der Gruppe ihm gegenüber umdeuteln. Da platzte einigen der Kragen. Als Volker, der die Lawine am Biertisch, um den wir alle beisammen saßen, losgetreten hatte, nach Pauls Flasche griff und sich nachschenken wollte, entwand der sie ihm und verwies ihn kühl an die Mädchen, die im Hintergrund auf Bestellungen warteten. Mir dagegen, der ich neben ihm saß, schenkte Paul demonstrativ das leere Glas übervoll, obwohl vor mir die eigene, noch halbvolle Flasche stand. Da stand Volker auf und ging hinaus. Ob er auch begriff, scheint eher zweifelhaft.

Man muß sich dann geeinigt haben und ihm zusammen mit Fahrer in der Küche eine Mahlzeit gerichtet haben. Bis alle den Bus bestiegen, sahen wir ihn jedenfalls nicht wieder. Im Gegenteil warteten wir zuletzt sogar noch auf ihn, weil er sein Bier auspissen mußte, nicht wußte wo, und in der Dunkelheit vor dem Hotel an jeder Tür rüttelte und klapperte, bis er die richtige fand. Wir hätten sie ihm zeigen können, doch niemand hatte Bock darauf. Im Gegenteil betteten wir uns so angenehm und bequem wie möglich in die Sitze, um in den letzten anderthalb Stunden dieses ereignisreichen Tages den Schlaf schon ein wenig vorzukosten.

Gegen ein Uhr dreißig stiegen wir in Lijiang mit völlig lahmen Knochen aus dem Bus und wankten schlaftrunken in die Helle der Halle des Hotels Grand Lijiang. Unsere Koffer waren bereits auf den Zimmern. Da hatte uns der kleine Toyota doch tatsächlich überholt, als wir mit Volker in Yongsheng so einen Terz hatten.

Mein letzter Gedanke vor dem Entschlummern war, morgen oder übermorgen mit Volker zu reden, so richtig von Mann zu Mann - Mann! Er, als Lehrer, wird doch wohl rationellen Argumenten und Erwägungen zugänglich sein! Selbst wenn er Gruppenreisen ablehnend gegenübersteht, darf er nicht mutwillig Klotz am Bein sein – das werde ich ihm sagen.

Lijiang14. Tag, Donnerstag, 06.10., Lijiang

Verschlafen schweift mein Blick aus dem Fenster bei strahlend erwachter Sonne über die Dächer der Altstadt und fällt auf die Gipfel des Jadedrachen Schneebergs. Ein Anblick, der meist hinter Wolken und Nebel verborgen ist. Im Nu bin ich wach, gewaschen und bereit zum Frühstück. Es ist, im Vergleich zu den letzten Tagen, fürstlich, und ich greife ordentlich zu. Hier versteht man sich auf saftiges Rührei mit krossem Speck, nur der Toast ist pappig, wie überall in China. Von Brot ganz zu schweigen. Obst und Früchte in der gebotenen Vielfalt entschädigen. Man kann nicht alles haben – selbst zu Hause in den meisten Fällen nicht. Also warum sich’s verdrießen lassen. Hier und heute beginnt einer der schönsten Abschnitte unserer Reise.

Nguluku - DorflebenNach dem Frühstück besichtigen wir als erstes Nguluku, ein Dorf der Naxi-Minderheit, in dem der amerikanische Forschungsreisende Joseph F. Rock siebenundzwanzig Jahre lang lebte. Rock, 1884 in Wien geboren, kam 1922 nach China und verbrachte dort die fruchtbarsten Jahre seines Lebens. Er erforschte die Bergregionen des westlichen China, sammelte Pflanzen und Vogelbälger, schoss Fotos, filmte und schrieb Artikel für angesehene amerikanische Institutionen, wie die National Geographic Society. Keines dieser Gebiete hatte er zuvor studiert, war auf allen Autodidakt. Er machte sich auf, die lange geschlossenen tibetischen Grenzprovinzen zu erkunden und wagte sich ins nordöstliche Tibet vor - allesamt Regionen, die der westlichen Welt bis dahin fast gänzlich unbekannt waren.

Nun stehen wir in seinem Wohnhaus, das heute ein kleines Museum ist, und betrachten die vielen sepiafarbenen, verblichenen Fotografien an den Wänden, die ihn als Forscher auf Reisen zeigen. Rock war ein komplizierter Mann, stolz, self-made, außergewöhnlich, dabei ungeheuer verletzlich: ein einsamer Mensch. In China frönte er seinem Kindheits­traum. Er reiste wie ein König in Begleitung seines persönlichen Kochs, welcher ihm österreichische Küche servierte. In seinem Gepäck befanden sich Zelte, ein Klappbett, Tisch und Stühle, Tischdecken und Porzellan und sogar eine tragbare Badewanne aus Gummi. Er reiste in Karawanen mit - zum Beispiel - 17 Männern und 26 Eseln, die zum Schutz vor Räubern von 190 bewaffneten Soldaten eskortiert wurde. Rock selbst führte auf dem Rücken eines Pferdes die Karawanen an, wurde jedoch in einer Sänfte getragen, wenn er unterwegs einen Orts­potenta­ten aufsuchte. Der Sänfte entstieg dann eine Gestalt in weißem Hemd, Krawatte und Jackett, die den vielen erstaunten Bauern wie ein Prinz aus fernen Landen vorkam. „Wenn man in dieser Wildnis leben will, muss man die Leute glauben machen, dass man eine wichtige Person ist“, hat er einmal gesagt. 

Nguluku - Wohnhaus Joseph RockRock war eine ruhelose Seele, stets auf der Suche nach seinem persönlichen Shangri-La. Doch wohin er auch ging, überall blieb er Außenseiter. Unbeholfen im Umgang mit mensch­lichen Beziehungen, war er zur Einsamkeit verdammt. Seine letzten Wochen in Lijiang verbrachte er unter kommunistischem Regime. Niemand legte Hand an ihn oder sein Eigentum, doch es wurde deutlich, wie unerwünscht er war; ohnehin war seine Arbeit zum Stillstand gekommen. Die Naxi-Priester, deren Bilderschrift, das Dongba, er studierte, über­setzte und als eine Art Enzyklopädie ins Englische übertragen wollte, flohen über Nacht vor den Kommu­nisten. Wider­strebend reiste Rock im August 1949 ab. 1962 starb er auf Hawaii an einem Herzinfarkt, nur einen Monat vor Veröffentlichung seiner Naxi-Enzyklopädie.

Das alles lernen wir in seinem Haus, das bis auf den großen Repräsentationsraum im Untergeschoß spartanisch karg möbliert ist. Rock trägt das Verdienst, wesentlich zur Bewahrung der Naxikultur über die Wirren der chinesischen Kulturrevolution hinweg in die heutige Zeit beigetragen zu haben. Hoch über seinem Haus erhebt sich das Jadedrachen-Schneegebirge (Yulong Xueshan), dessen mit 5596 m höchster seiner dreizehn Gipfel mit Namen „Fächergipfel“ sich wie zumeist hinter treibenden Wolken verbirgt. Noch nie hat ein Mensch seine Spitze betreten.

Nguluku - DorfschamaneDas Naxi-Dorf mitsamt seiner Bewohner scheint in alter Zeit zu verharren. Gelassen gehen die Dörfler ihren Tätigkeiten nach und scheinen den Touristen keinerlei Beachtung zu schenken. Freilich gibt es Andenkenläden, doch längst nicht so aufdringlich wie im übrigen China. Es finden sich stille Höfe, ein altes Paar posiert lächelnd für Fotos und ist dankbar für ein kleines Geldgeschenk, ein Naxi-Priester in traditioneller Kopfhaube, die an die bunte Laub­säge­arbeit eines kopfstehenden Lampenschirms erinnert, beobachtet aus dem Haus­schatten heraus das Treiben davor auf der staubigen Dorfstraße, er scheint nicht überrascht, uns zu sehen. Schweine und Pferde tun sich friedlich zusammen in Höfen an Futter gütlich, in anderen liegt Mais zum Trocknen aus oder hängt Wäsche an der Leine. Männer mit tibetischen Zügen fachsimpeln beim Anblick eines stämmigen, kleinen tibetischen Ponys mit zu Boden hängenden Zügeln, dessen Schweif unablässig nach Fliegen schlägt, ob es auch gut beschlagen sei, heben lachend einen seiner Hufe hoch – kurz, das Dorf atmet Ruhe und Gelassenheit jahrhundertelangen Zusammenlebens.

Jufeng SiNächste Station ist das Jade-Wasser-Dorf, eine Parkanlage, in der sich auch das Naxi-Museum befindet. Stelen, Statuen und Wasserspiele sind zu besichtigen. Nach dem Mittagessen fahren wir auf den Berg Shangri Mopo, den Tibeter als heilig betrachten. Dort befindet sich der Jadegipfel-Tempel (Jufeng Si), der immer noch von Pilgern aufgesucht wird. Zum Tempeleingang geht es eine kurze Strecke sacht bergan. Dort hat sich eine Art Ladenstraße etabliert mit Kiosken, Andenkenständen und sogar einer vorne in Gänze offenen Hütte, aus der ein Quintett älterer Herren klassische Naxi-Musik darbietet.

Naxi-MusikerIn den letzten Jahren zunehmender Liberalisierung der nationalen Minderheiten lebte diese Musik - ein altes Vermächtnis, welches das Volk der Naxi seit der Invasion Kublai Khans im 13. Jahrhundert aufrecht erhielt - wieder zunehmend auf. Damals halfen die Naxis Kublai Khans Mannen, den Yangtse Fluss auf Booten zu überqueren. Der Khan hinterließ neben Mitgliedern seines Militärorchesters auch Dutzende von Notenblättern, von denen 22 Kompositionen erhalten blieben. Die Rentnerband in der Hütte scheint die historische Musik mit einem Hauch von Naxi-eigenen Improvisationen und Variationen zu bereichern. Wer selbst kein Naxi ist, kann sich das genau genommen nur im Vorübergehen anhören.

Jufeng Si - MönchZum eigentlichen Tempelbereich führt eine lange Treppe, deren oberste Stufe in eine Halle mit Gebetsmühlen leitet. Von dort und einem Innenhof führen weitere Stufen in die angrenzenden Tempelbereiche. Die Wege sind mit wunderbaren, in Mörtel gedrückten Kieselmosaiken belegt. An den Treppen­aufgängen, die zu prächtig geschmückten Hallen führen, halten kleine steinerne Löwen Wacht. Die etwa 350 buddhistisch inspirierten Wand- und Kassettenmalereien in den Hallen sind zwischen 14. und 17.Jh. entstanden. Mönche in roten Roben verkaufen neben Glücksbriefen mit Weissagungen auch Räucherstäbe und Kerzen. Seitab wäscht ein junger Mann in einem Kessel mit heißem Wasser Talg aus Butter­lampen, von den Dächern flattern wie Wimpel auf Schnüre gereiht vom Wetter verwaschene Gebetsflaggen in den fünf traditionellen tibetischen Farben.

Jufeng Si - KamelienbaumInmitten eines wunderschönen Hofgevierts mit geschnitzten und bemalten Kassetten­wänden steht ein Kamelienbaum, von dem es heißt, er sei über 800 Jahre alt. Sein vielfach in sich verschlungener, verworrener und patriarchalischer Wuchs im Verein mit steingrauen Flechten auf Ästen und Zweigen legen dies nahe, und so mag er in jungen Jahren vielleicht sogar Kublai Khan geschaut haben. Ein Mönch wacht darüber, daß niemand ihn berührt. Wer weiß schon, daß vor allem Yunnan eine Urheimat der Kamelie ist, welche die Chinesen Tee-Blume nennen. Ihren europäischen Namen jedoch erhielt sie von dem Jesuitenpater G. J. Kamel, der sich auf den Philippinen wissenschaftlich mit ihr befaßte.

Im Schatten der Wege streicht ein blaugrauer Kater mit minzgrünen Augen herum. Er gehört augenscheinlich zum Inventar; wie auch die junge Chinesin, die – mit einer Decke um die Schultern auf einer Bank im Schatten der übermächtigen Schreckensfigur eines blau­gesichtigen Dämonenschrecks sitzend – geruhsam ihrem Mittagsschlaf nachgeht. Sozusagen in des bösen Geisterjägers Schoß. Ihrem ebenmäßigen Gesicht sieht man süßeste Gedanken an.

Dongba-Schrift: links satt, rechts HungerWir fahren weiter nach Baisha. Hier lag einst die Kapitale des Naxi-Volkes, bevor die Mongolen unter Kublai Khan Yunnan ihrem Reich einverleibten und der Vorherrschaft der Naxi in diesem Gebiet ein Ende setzten. Nahe des sehenswerten Dorfs steht der Dabaoji-Tempel aus der Ming-Zeit hinter kaisergelb ihn umhüllender Mauer, bemalt mit den sprechenden Piktogrammen der Naxi-Schrift, dem Dongba. Eine seiner Hallen ist tibetisch inspiriert, leider sind die darin gezeigten tantrischen Fresken nicht mehr gut erhalten und wirken wie abgewaschen. Der Rest aber ist durchaus sehenswert.

Vom Tempel, in dessen Ausgang man das Haupt vor einem schräg über den Weg sich krümmend gewachsenen uralten Baum beugen muß, wandern wir durch das Dorf Baisha. Naxi waren seit jeher eine eher matriarchalisch bestimmte Volksgruppe, und so empfängt uns die übliche Volkstanzgruppe – ohne Männer. Die machen Musik, üben sich in Nichtstun und werden eigentlich nur zum Zeugen des Nachwuchses gebraucht. Meistens jedoch sitzen sie im Schatten der Hauseingänge, rauchen, betrachten die Welt um sich herum und diskutieren miteinander die ferne Politik in Beijing. Neuerdings auch über Fußball, von dem sie aber noch wenig verstehen.

Naxi-MannFrauen sind es, die Mörtel anrühren, Steine schleppen, sie vermauern und Häuser bauen. Nur Frauen besitzen darin eigene Räume, in denen sie ihre Liebhaber empfangen. Männer wohnen zeitlebens bei ihren Eltern. Frauen bekommen Kinder, säugen sie und ziehen sie auf. Sie bestellen Felder, füttern die Ochsen, fegen das Haus – und tanzen vor Touristen. Wie jetzt vor uns, sie tragen Festtracht. Im Alltag üblich ist eher das wattierte, flügelähnliche Leibchen, das sie auf dem Rücken als Polster für große Lasten tragen, und das durch charak­teristisch kreuzweise vor der Brust verschnürte blaue Bänder gehalten wird.

Wir schlendern noch ein wenig durch das Dorf, Jack hat uns eine halbe Stunde gegeben. Auf dem Spiegel eines stillen Wasserbeckens treibt eine wunderbare Blüte. Aus dem wasser­gefüllten Kelch genau zehn zartrosafarbener Blütenblätter breiten sich strahlenförmig, wie die Speichen eines Rades, fünf scharf abgegrenzte purpurne Linien zu ihrem Rand hin. Nur jedes zweite Blatt weist diese Färbung auf, ein kleines Wunder. Wie kostbare Perlen liegen Wassertropfen auf den samtigen Blättern und fangen in sich die Sonne. Am Boden des Teiches bilden grünschimmernde Algen den wirkungsvollen Hintergrund dieses kleinen Kunstwerkes – kein Tuschekünstler hätte es wirkungsvoller aquarellieren können.

Ein Mann mit schmutzigen Nägeln ritzt helle Ornamente in schwarzbemalte Teller, vor allem das Symbol der Gegensätze Yin und Yang scheint äußerst gefragt. Auch der Große Steuermann Mao, gemeinsam mit dem beim Volk beliebten ersten Premier der Republik, Zhou En Lai, erscheinen noch heute auf billigen Porzellantellern für die Wand. In besonnten Hinterhöfen trocknen an verwirrend kreuz und quer gespannten Leinen fein­gemusterte Batiken jeglicher Farbe, bevorzugt allerdings im tiefen Blau der Naxi, das die geheimnisvoll ragenden Schatten in den Klüften der Jadedrachen-Schneeberge hinter ihren Häusern widerspiegelt. Mannshohe Holzzuber im Schatten der Dächer enthalten die notwendigen Farbsude. Eine Frau, im Weidenkorb auf ihrem Rücken kernschwere Scheiben riesiger, ausgereifter Sonnenblumen, legt kurze Rast auf einem Steinmäuerchen ein, zwischen Korb und Rücken das schon erwähnte Flügelleibchen. Im Tabakladen des Dorfes hocken über einer grünen Filzmatte Männer und Frauen beim Mahjongg-Spiel, dessen Mauerbau, der ein Hofgeviert symbolisiert, nahezu jeden Spielertyp fasziniert, Strategen genauso wie Taktiker, den Denker wie den Hasardeur - eben ein typisch chinesisches und dabei uraltes Vergnügen.

Baisha, BauernhofEinige Schritte weiter geborgen auf hohen Tennen unter geschweiften Dächern gold­gelbes Gerstenstroh, darunter im Hof der allerorten in der Region verwendete Klein­traktor. Es lohnt, einen näheren Blick darauf zu werfen, da er uns immer wieder im Verlauf der Reise begegnen wird. Im Prinzip besteht das Ding aus einem – seitlich gesehen – wuchtigen Motorblock, der von vorne aber eher schmalbrüstig wirkt und unfrisiert über fünf PS kaum hinauskommen wird. Meist gibt er sich unverkleidet, obwohl die Fabrik ihm sicher eine Blechhülle mit auf den holperigen Weg gegeben hat. So jedoch gelangt der fluchende Besitzer besser an dessen Eingeweide, was oft von Nöten scheint. An dem ölverkrusteten Klumpen fällt vorn die Chromhülse eines viereckigen Scheinwerfers auf, nicht unähnlich den winzigen Monitoren in Zahlstellen der chinesischen Autobahnen. Dahinter folgt ein die Quadratur fortsetzendes länglich rotes Gehäuse, in dem der Kühler werkelt, welcher seine Luft durch den Scheinwerfer bezieht. Vermutlich, weil dieser sowieso undicht ist. Manchmal sitzt darauf noch eine rote Hutze, aus der bei schneller Fahrt Dampf entweicht. Auch die haben viele Eigner entfernt, so daß in dem zurückgebliebenen Loch das Wasser kocht und – bei ebenfalls schneller Fahrt – übersprudelt und seitlich am Motor herunterläuft. Selbst das trägt zu dessen Kühlung bei. Hinter dem Kühler schließen sich Ventilkammer und Vergaser an, womit es in dieser Richtung sein Bewenden hat. Darunter allerdings liegt der eigentliche Motorblock mit Kurbelwellengehäuse und seitlichem Schwung­rad, das gleichzeitig als abgestufte Transmission für Wasserpumpe und Lichtmaschine dient, jedes gleichmäßig von Rost zernarbt, da aus gutem volkseigenem Grauguß. Dies alles ist auf vielfältigste Weise mittels Schläuchen, Hebeln und Kabelzügen vernabelt und verbunden, so daß alles in allem sich letztendlich ein funktio­nierender Antrieb ergibt. Meistens jedenfalls. Dieser Block hockt über einer Traverse direkt auf den vorderen Rädern und treibt sie auch an. So kann man hinten alles mögliche ankuppeln. Meist ist dies ein Kleinlastwagen aus Fahrerkabine, Pick-up-Ladefläche und einem zweiten Räderpaar hinten, die Fantasie setzt diesbezüglich kaum Grenzen. Lediglich Lenkgetriebe, Auspuff und einige Kabel benötigen Verbindung von hinten nach vorn. Oder umgekehrt, ja nach Standpunkt. Zur Not fährt das Vorderteil auch ohne hintere Begleitung. Heute begegnet man diesen Fahrzeugen ähnlich oft wie weiland den Mopeds Marke Ostwind oder Schwarzer Drache. Woran insgesamt der Grad des chinesischen Aufschwungs ablesbar ist.

Baisha, DorfstraßeHabe ich schon etwas über die Dorfstraße gesagt? Zielgerichtet scheint sie sich staubig unter beiderseitigem Gewirr schiefer Strommasten geradewegs in die blaue Ferne des Yu Long Xue Shan, des Jadedrachen-Schneegebirges zu winden – blau wie die Arbeitsschürzen und Ballonkappen der alten Frauen bei Mahjonggspiel und Färbebädern. Blau auch wie ihre Flügelleibchen. Die jungen tragen Jeans mit Handytaschen am Gürtel. Muß ja nicht verkehrt sein. Vielleicht kommen sogar irgendwann auch Männer bei den Naxi wieder zu Wort. Jedenfalls endet die Dorfstraße in staubigem Nichts. Den Hauptgipfel da vorne, der sich just wieder die Wolkenkappe übers Haupt zieht, den hat noch niemand bestiegen. Ach – sagte ich bereits? Okay, die halbe Stunde ist um, Jack am Bus wird schon warten. Dabei will ich gar nicht weg von hier.

Zurück im Hotel, haben wir bis zum Abendessen frei. Diese zweieinhalb Stunden mögen wir nicht verschlafen, wie einige unserer kleinen Reisegesellschaft, deshalb beschließen meine Zweitbeste und ich einen Gang durch Lijiangs Altstadt. Diese, auch Dayan genannt, ist von engen Kopfsteinpflastergassen und einem Netz schmaler, dunkler Kanäle durch­zo­gen. Der Name rührt daher, daß ihr Abbild aus der Ferne wie ein großer Tuschestein, dayan, wirken soll. Das mag früher für den Teil, der sich mit niedrigen Dächern unter einen bewaldeten Bergrücken duckt, gegolten haben. Heute ist Lijiang eine moderne Stadt von 140.000 Einwohnern, deren meiste in den vom übrigen China bekannten Wohnburgen aus Beton mit Dreck, Staub und rostigen Abfällen vor der Tür leben. Ein Glück für das alte Lijiang, daß die billigste Methode, eine notwendige zentrale Verkehrsader durch die Stadt zu schlagen, in halbmondförmiger Umrundung dieses Relikts bestand. Folgerichtig wurde es 1997 in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.

Lange Zeit war Lijiang das Gelobte Land junger Rucksackreisender, die hier auf der Suche nach James Hiltons sagenhaftem Shangri La Station machten – und teilweise hängenblieben. Nirgendwo, außer in den Metropolen der Ostküste, gibt es in China ein vergleichbares Angebot von Internet-Cafés, preiswerten Bars und Szenelokalen. Die Naxi, welche mit 20% in der zur Hälfte von Minderheiten bewohnten Stadt immer noch deren Mehrheit stellen, haben rasch gelernt, sich dem modernen Bedürfnis nach Wiederfinden längst verloren Geglaubten zu erschließen. Und so ruht Dayan wie ein chinesisches Rothenburg o.T. in sich selbst und läßt die täglichen Besucherscharen, zu denen längst gutbetuchte Gäste wie wir oder Auslandschinesen zählen, gelassen über sich ergehen und in den Hofgevierten hinter dicken Mauern vor allzu Privatem von sich abperlen.

Die Häuser der Naxi sind in der Regel um einen Innenhof errichtet und üppig mit mythologischen Figuren und Fischen verziert. Meist ruhen sie auf einem Fundament aus Stein und besitzen Mauern aus weiß getünchten Lehmziegeln mit Türen, Balkonen und Fensterläden aus rotem Holz, darüber gebreitet die typisch geschwungenen, grauen Ziegeldächer. Für den Erhalt der Häuser wird viel Geld ausgegeben, da sie für die Familien der Naxi von großer Wichtigkeit sind. Zentrum der Stadt ist Sifang, der Marktplatz. Hier wurden früher Güter aus Tibet und dem südlichen Yunnan umge­schlagen. Heute erstehen an diesem Ort Touristen Kunstgewerbe-Gegenstände und Souvenirs. Südlich des Sifang gibt es die traditionsreichsten Viertel und Märkte, während die Ecken nördlich desselben mit großem Aufwand für Touristen hergerichtet wurden. Wir logieren in solch einer Ecke, neben einem breiten Kanal bebaut mit dem Great Lijiang Hotel, das seinen Gästen Dreisterne­komfort bietet. Doch vorerst sind wir in der Altstadt unterwegs.

Lijiang, SchreinerIn seiner engen und zur Straße hin offenen Werkstatt fertigt ein Schreiner kunstvoll geschnitzte Fensterläden aus hellem Holz, alles ein und die gleiche Größe, die sich in der Ecke liegend stapeln. Doch jeder Laden trägt in sich durchbrochen sein individuelles Muster, keiner gleicht dem anderen. Versunken in sein Werk, schaut der Künstler, irritiert durch meinen Fotoblitz, als ich ihn in seinem schummerigen Gewölbe ablichte, nur kurz auf, ein wenig Asche fällt dabei von der glimmenden Zigarette in seinem Mundwinkel in das Gewölle von Schnitz- und Hobelspänen zu seinen Füßen, das den Boden handbreithoch bedeckt. Gleich wendet er sich wieder seiner Arbeit zu, wo unter seinen Händen gerade ein Kranich von einem Lotosblatt sich aufschwingt.

Die rasch und klar fließenden Kanäle, die manche der Straßen des Tuschesteins in einer Breite von zwei bis drei Metern begleiten, werden gespeist vom Jinsha Jiang, dem Quellfluß des späteren Jangtse Jiang, wir wissen schon. Über das Wasser führen hölzerne Stege und Brücken aus Stein in die Häuser jenseits Straße und Kanal, manche dieser Brücken sind jahrhunderte­alt und haben Kriege und Erdbeben überstanden. Das letzte wütete 1996 und zerstörte ein Drittel der Stadt. Während viele traditionelle Häuser das Beben überlebten, stürzten zahlreiche moderne Betonbauten ein. Danach, mit der Entwicklung des Tourismus im Hinterkopf, wurde das Stadtzentrum behutsam und geschmackvoll in traditionellem Stil wieder aufgebaut. Das Beben schien den Stadtvätern eine Lehre.

Lijiang, KanäleMauern und Fundamente an den Kanälen bestehen meist aus grobem Feldgestein, aus dessen Ritzen sich Weidenbüsche winden, und an denen Brunnenkresse sich zu rotlackierten Fensterhöhlen emporzieht. Zwischen Kopfsteinpflaster und Wasser streben aus viereckigen Erdlöchern Bäume, die den Straßen Schatten spenden. Es gibt Gassen, da sind sämtliche Hausfronten mit den typischen roten Lampions behängt, die auch bei uns chinesische Speisehäuser kennzeichnen. Hier reiht sich eins ans andere. Drinnen wird, wenn die Nacht vom Yu Long Xue Gebirge herunterfällt, den Gästen bei stimmungsvollem Kerzenschein die Schärfe Sichuans, gepaart mit den Gaumenkitzeln bodenständiger Bauernküche Yunnans, in Porzellanschälchen und –schüsseln serviert. Wir werden es heute abend erleben, dann wird der Spiegel der Kanäle, gespeist vom Licht der Lampions, glühenden Lavaströmen gleichen, in denen es an manchen Stellen von silberglänzenden Fischrücken wimmelt. Aber ich will nicht vorgreifen. 

Ein, weil ganz in Schwarz gekleidet, intellektuell wirkender junger Mann brennt mit der heißen Spitze eines Lötkolbens Straßenszenen und Ansichten Lijiangs in helle Holztäfelchen, die er gerahmt verkauft. Zum Schutz der führenden Hand trägt er einen Asbesthandschuh, die andere jedoch liegt blank und rosig unter dem Kolbengriff. Vermutlich hat er sich noch nicht so oft verbrannt, als daß er auch diese unter ähnlicher Hülle schützte.

In Geschäften, die sich Natural Art oder Tibetian Arts nennen, gibt es von grob gehauenen Holzköpfen über fein ziselierte Kupfertreibkunst bis zu zartesten Emaillearbeiten alles zu kaufen, was Touristenherzen begehren. An der zuweilen schrillen Farbigkeit mancher Objekte ist ablesbar, daß Ausländer, jedenfalls westliche, längst nicht mehr den Löwen­anteil der Besucher stellen. Leise und von vielen unbemerkt hat sie das zahlungskräftige China des In-und Auslandes überholt, was sich darin äußert, daß Gekauftes möglichst knallbunt und laut sein muß, um Absatz zu finden. Wer weiß, daß Feuerwerke eine über tausend Jahre alte chinesische Erfindung sind, dem braucht man Näheres nicht zu erläutern. Bonbonfarben Krachendes blickt im Reich der Mitte auf lange Tradition zurück.

Lijiang, AltstadtgasseAber es gibt auch Leises. So zum Beispiel die Stille der Höfe abseits von Besucherströmen. Wo Marmor, grüne Pflanzen und Sitzmöbel aus gewundenem Wurzelholz unter rotlackier­tem Dachgebälk Oasen der Ruhe für die darin lebenden Bewohner bilden. Oder die verlassene Gasse, in deren blauem Spätlicht gelangweilt an die Wand gelehnt ein rotge­kleidetes Mädchen mit gesenktem Kopf auf Spielkameraden wartet, indessen sein Großvater, auf der Mauerbrüstung daneben nach Art der Asiaten in den Fersen kauernd, Gemüse putzt, und der Rauch seiner Zigarette aufsteigt und unter dem weitausladendem Dach über seinem weißen Haar verfliegt. Oder die Runde alter Frauen, zu dritt am Rand der Gasse auf diesen winzigen Stühlchen hockend, typisch für China, kaum höher als ein Pappkarton jedoch mit Lehne versehen, die jedem Europäer sofort das Kreuz bräche, lehnte er sich darin auch nur einmal genußvoll zurück. Sie haben allerdings den Vorteil, daß sie sich überall hin leicht mitnehmen lassen, weshalb die Chinesen auch überall darauf sitzen. Diese hier, in naxiblaue Gewänder gehüllt, rebbeln Blaugestricktes zu blauen Knäueln auf, aus denen sie erneut Blaues stricken; und der Boden aus jahrhundertelang blankgetretenem Stein unter ihnen ist blau, die Luft ist blau zu dieser blauen Stunde, und mich würde gar nicht wundern, wenn auch die Sonne, die gerade ihr letztes Gold über das polierte Steinpflaster der Gasse ergießt, danach blau anlaufen und schlicht untergehen würde. Von Elvis Presley ist Blue Moon bekannt, Blue Sun hat meines Wissens bislang niemand besungen. Na, dann wird’s aber Zeit!

Lijiang, WohnhofAbseits des Hauptstromes der Touristen schauen wir in viele liebevoll gepflegte Höfe und erleben sogar den Aufbau eines traditionellen Hauses, dessen hölzerne Giebelfront eine einzige meisterliche Schnitzarbeit ist. Auch hier rührt eine Frau den Mörtel an und trägt den Mörtelkasten in das halbfertige Haus. Wenigstens ihre Hände schützt sie durch weiße Handschuhe.

Was an dieser Stadt so faszinierend ist? Man braucht seine Schritte nur ein wenig von den lebhaften Budengängen fortzulenken, um sich in stillen Winkeln und Gassen zu finden, auf die ohne Ausnahme der Begriff malerisch zutrifft. Das Leben hat hier eine eigene Qualität, die sich ihren Rahmen schafft, und nichts daran ist falsch oder überflüssig. Jede Pflanze, jede Tonscherbe, jedes Möbel besetzt hier seinen ureigensten Platz; rückte man sie nur einen halben Meter zur Seite, wäre die Harmonie gestört. Und doch ist Dayan kein Museum, sondern eine Stadt, von Menschen bewohnt, und man fühlt, wie gerne sie hier leben und ihrem Alltagsgeschäft nachgehen. Ein Sakrileg wären hier McDonald’s, KFC und wie deren Konsorten sonst alle heißen mögen. Vielleicht gibt es sie in den modernen Vierteln außerhalb der Altstadt, hier jedenfalls habe ich keinen der bunten Müllfraßtempel gesehen. Noch nicht...

Lijiang, Festmahl mit der FamilieAm Abend treffen wir uns in der Hotelhalle. Das gemeinsame Abendessen soll in der Altstadt eingenommen werden. Jack führt uns zu einem netten Lokal, auf dessen Dach­terrasse man für unsere kleine Gesellschaft rasch einige Tische und Bänke zusammenrückt. Nahe der Treppe klampft ein junger Chinese mit hochgefönter Künstlermähne einige Akkorde auf seiner elektrisch verstärkten Gitarre, und ein barbypuppenhaft aufgerüschtes Mädchen von etwa sechs Jahren beginnt dazu einen chinesischen Popsong zu krähen. Er muß von Kinderliebe und Elternehren oder seit Kofuzius ähnlich Brisantem handeln, denn die Gesichter der chinesischen Gäste am Nebentisch zerfließen in Wehmut und Glück. Als Gitarrist und Barbymädchen enden, regnet es von dort kleine Scheine und Münzen, und das Kind sammelt alles ein. Zu uns kommt es nicht. Es wird gespürt haben, daß wir seinen Auftritt insgeheim als Kinderarbeit einordnen, schließlich ist es bereits Nacht und das Gör kaum sechs.

Mit Volker gibt es noch ein bißchen Stress. Da wir an dem langgestreckten Tisch nicht wie in üblicher Runde um ein gläsernes Drehgestell sitzen können, äußert er Befürchtungen, manche der Speisenschüsseln könnten ihn nicht oder nur halb geleert erreichen. Außerdem mault er, daß nur das erste Bier frei sei. Es müsse doch so etwas wie Wiedergutmachung für den Aufenthalt im Erdrutsch geben – oder? Beim Bier stimmt Paul ihm zu, doch sonst findet sein Lamento keine Anhänger. Dagmar hat sichtlich zu tun, dem nur Englisch sprechenden und unglücklich von einem zum anderen schauenden Jack die Situation zu erklären. Dieser ringt sich daraufhin ein zusätzliches Bier für jeden ab, doch das hilft nicht viel, denn in diesem sündhaft teuren Laden geben sie nur 0,2 l Fläschchen aus, dafür aber aus Spanien importiert. Vermutlich zahlt Jack, der direkt neben Volker sitzt, diese Runde aus eigener Kasse. Für ihn, den Neuling in der Branche, muß diese haarige Gruppe – also wir - Lehrgeld sein.

Spät, als jeder – außer Volker – satt und zufrieden scheint, bummeln wir entspannt zum Hotel zurück. Auch jetzt spielen noch Kinder auf der Straße, der Strom nächtlicher Passanten aber ist merklich dünner. Vor dem Hotel parkt ein großes, teures Auto unter einer sogenann­ten Laternengarage: einer silberglänzenden Persenning, die seinen Lack vor Wetterunbilden schützt. Okay, das kennt man. Aber weiß man auch, daß es das als Sonderanfertigung für genau diesen Autotyp mit zwei sauber ausgearbei­teten Taschen für die Rückspiegel gibt, die nun wie zwei Eselsohren von dem bulligen Gefährt abstehen?

Immer wieder bin ich erstaunt, wofür es Märkte gibt. Im Grübeln darüber schlafe ich ein.

15. Tag, Freitag, 07.10., Lijiang und Tigersprungschlucht

Wecken um sieben Uhr, 8:30 Abfahrt zur Tigersprungschlucht, etwa 100 km nordwestlich Lijiangs auf der anderen Seite des Yulong Shan (Jadedrachen-Gebirge) gelegen. Hier windet sich der Jinsha-Jiang (Goldsand-Fluß) als Oberlauf des späteren Chang Jiang (Jangtse) durch eine atembe­rau­bend steile Schlucht, die an ihrer engsten Stelle nur 30 m mißt, so daß, wie die Legende erzählt, einem von Jägern gehetzten Tiger über einen dort im Fluß liegenden Felsblock der Sprung über das kochende Wasser ans rettende Ufer gelang.

Bis Qiaotou treibt der Strom zwischen sorgsam bebauten Flußterrassen und von Palmen und Mandelbäumen gesäumten Ufern breit und behäbig dahin. Dann werden die Wasser­massen zwischen imposante Bergwände eingezwängt und pressen sich durch die zwanzig Kilometer lange Schlucht. Das wollen wir uns ansehen.

Wir verlassen Lijiang auf einer Straße, über die sich wie ein Baldachin üppig das Laub von Alleebäumen spannt. Eine Weile fahren wir wie durch einen Tunnel, bevor die Straße merklich ansteigt und rechterhand den Blick auf Talgründe mit Dörfern und Feldern freigibt. Wo die Hänge es zulassen, sind sie terrassiert, um mehr Ackerfläche zu gewinnen. Ein wenig fremd in den hingeduckten Dörfern wirken nur die stählernen Funktürme von China Unicom oder China Telecom, die silbern blinkend bis zu fünfzig Meter hoch in den Himmel ragen. Die darüber liegenden Bergzüge sind nur spärlich bewaldet und erreichen teilweise Höhen bis über 5000 m.

Yulong ShanIn einer Kehre auf einem kahlen Pass läßt Fahrer den Bus in einem Schotterbett ausrollen und hält – Pinkelpause und Beinevertreten. Nach Begutachtung seines Handgelenks meint Paul, wir seien etwa auf 2.900 Meter. Von hier oben tut sich der Blick bereits weit in die Landschaft oberhalb des im Tal sich schlängelnden Jinsha Jiang auf. Träge Wolkenkissen segeln über die Bergkämme und lassen deren Gipfel nur ahnen. Hier und da bricht milchiges Sonnenlicht durch und wirft scharfe Schattenlichter in Schründe und Abgründe des Yulong Shan. Je weiter entfernt, desto blauer fallen die Gebirgszüge in das von lehmgelbem Wasser durchströmte Flußtal und verlieren sich hinter einer undeutlichen Biegung im dunstigen Grau der Unendlichkeit.

Auf dem Paß, PilgerstationJenseits des Schotterplatzes ein paar grüngestrichene Blechbuden, davor der übliche rostige Kleintraktor. Offenbar Stützpunkt des Straßendienstes. Diesseits unter provisorisch wirkendem Unterstand ein in seiner Dürftigkeit anrührend wirkender Altar mit Blumen, Schalen voller kunstfertig gestapelter Früchte nebst Bündeln von Räucherkerzen; inmitten eine Gottheit, deren etwa einen Meter hohe Gestalt aus lichtem Porzellan in den Konturen fein mit Gold nachgezogen und mit bunten Blumenornamenten geschmückt ist. Sitzend in einem blaßroten Lotoskelch, hebt sie segnend in überaus sanfter Gebärde die rechte Hand und schaut zu Boden – oder vielmehr auf den vor ihr knienden Gläubigen, wenn da einer wäre.

Unseres ist allerdings das einzige Fahrzeug auf dem Parkplatz, und so erhofft sich der neben dem Altar die Geschäfte führende Mönch kaum große Einnahmen. Als Denise und Elfe jedoch in einem geräumigen Keramikgefäß vor ihm auf dem Tisch Mani-Steine - das sind mit rotgemaltem Segens­spruch versehene wohlgeformte, schwarze Kiesel - entdecken, bekommt er doch noch zu tun. Alle wollen nun einen dieser wunderbar glatt in der Hosen- oder sonstigen Tasche ruhenden Steine, die bei jeder Berührung das uralte om mani padme hum zu murmeln scheinen: O du Juwel im Lotos, Körper, Rede und Geist des Buddha – ich rufe dich an!

Das bedeuten in einigermaßen sinngemäßer Übersetzung die sechs Silben dieses ewiggültigen Mantras. Ich will dem nichts hinzufügen, da ich selber aus bestimmtem Grund seit einiger Zeit recht empfänglich für solche Botschaften bin. Gekauft aber habe ich keinen der Steine. Ich hebe sie lieber im Flußbett auf, wie sie die Natur geschliffen und bemalt hat. Zu Mönchen und Priestern pflege ich seit Kindesbeinen ein eher distanziertes Verhältnis, getönt mit verhaltenem Respekt. Diesen Zwiespalt löst mir kein bemalter Kiesel auf.

Vom Pass herunter führt die Straße nach hundert Metern in ein Dorf, uns bleibt noch etwas Zeit. Die Siedlung duckt sich hinter eine Böschung, so daß wenig mehr als eine Zahl geschwungener Dächer und lehmbrauner Mauern von ihm sichtbar sind. Dahinter breiten sich grün die Matten eines Höhenzuges aus, die bis zum Kamm bewaldet sind. Frauen in Naxitracht mit blauen Schürzen, Ballonmützen und den wohlbekannten Tragflügeln auf dem Rücken bieten unter ausladenden Schirmen auf grob gezimmerte Tische hingebreitet kleine Tomaten, Erdnüsse, Gurken und Dolden von Sonnenblumen feil. Die geflochtenen Tragkörbe, in denen sie die Ware transportiert haben, stehen hinter ihnen im Grün, das mit versäten Tabakpflanzen, Maisstengeln und drüber leuchtenden Sonnenblumen durchmischt ist. Volker, der Grüne, hätte seine Freude daran. Doch der hökert noch mit dem Mönch am Pass um eine Hand voll bemalter Kiesel - für Freunde daheim, wie er später im Bus erklärt, als er sie stolz herumzeigt. Mit Mengenrabatt! Was ich von bemalten Kieseln halte, sagte ich bereits. Zu Volker fällt mir nichts ein.

Als Jack, der zarte Typ mit dem Kindergesicht, seine Zigarette aufgeraucht hat, geht es weiter. Fortan folgt die Straße bergab bis Qiatou den Biegungen des Goldsand-Flusses, bis wir endlich auf seiner Höhe sind, und Fahrer unseren Bus in eine Lücke auf dem großen zementierten Platz am Grund der beginnenden Schlucht zwischen zwei andere bugsiert. Wir sind am Ausgangspunkt unserer Exkursion.

Rechterhand schraubt sich in nordöstlicher Richtung das Yulong Xue Gebirge mit bewaltetem Steilhang in die Höhe, kurz dahinter schroffe Abgründe, in denen sich kein Baum mehr hält. Oberhalb, etwa 1000 m über unserem Standort und dem noch breiten, doch schon eilig strömenden Fluß, muß es einen Wanderweg mit herrlichen Ausblicken geben, doch der ist nicht unser Ziel. Wir wählen den bequemeren und direkteren Weg, den uns die Tourismusbehörde direkt unten, nur wenige Meter über dem Fluß, in den Fels hat sprengen lassen. Einige hundert Meter steigt er mäßig an, von da an bleibt er auf gleichem Niveau.

Bambus, Schilfrohr und Banyanbäume säumen den gut drei Meter breiten Weg, der mit Natursteinplatten belegt und auf seiner zum Wasser abfallenden Seite durch ein massives Geländer gesichert ist. Hier schon streben die beiden Schluchtwände merklich zueinander, und es wird enger und die Felshöhe über einem beklemmender und dunkler. An Vegetation gibt es hier und da noch Büsche, sonst Moose und jadegrün den Fels bekriechende Flechten. Hinter der Absperrung zum Fluß hin nur noch steil abfallendes Gestein; zwischen den Hochwassern kann sich hier kaum ein Same oder Pflänzchen einnisten und festkrallen, alles wird, bevor es keimen und wurzeln kann, gnadenlos fortgerissen. Noch treibt der Strom glatt dahin, nur wenige Wirbel kräuseln seine Oberfläche. Bald hört jede Vegetation auf, und der Berg beginnt sich wie ein kragendes Dach über den in ihn hineingetriebenen Weg zu neigen. Ein mulmiges Gefühl, das einen unter den tonnenschweren, nirgendwo abgestützten Lasten oberhalb des eigenen zerbrechlichen Scheitels beschleicht.

Einmal noch weitet sich der Pfad zu einer Lichtung, wo Rikschakulis sich lachend und rauchend hinter einer mannshohen Mauer die Zeit vertreiben und auf Fahrgäste warten. Vermutlich pinkeln sie dahinter auch in irgendeine Rinne, die sich den Blicken entzieht. Am Weg reihen sich die mit rotem und gelbem Stoff verhängten Kabinen ihrer Fahrzeuge, die man gegen geringes Entgelt mieten kann. Fast ausnahmslos tragen die Männer über Freizeit­hemden und Turnschuhen grobgesprenkelte Tarnanzüge der Armee. Denkbar, daß es sich um ehemalige Soldaten handelt, die bei diesem Projekt der Tourismusbehörde vorrangig als Dienstpersonal Verwendung fanden. Da trägt man dann eben die alten Klamotten auf. Das ist so abwegig nicht, wir sahen auch Bauern schon in Uniform hinter Wasserbüffeln waten und Reisfelder umpflügen.

Einen halben Kilometer hinter dieser Nische beginnt der Fluß zu kochen, und der Weg zieht sich furchtsam in den Berg zurück, verläuft jetzt ein kurzes Stück in einem Tunnel, bis er wieder ans Tageslicht kommt, wo die beiden mit Schuttbrocken und Geröll übersäten Steilufer sich kaum fünfzig Meter gegenüberstehen. Auch hier rasend aber noch glatt, strömt das lehmige Wasser kaum drei Meter unterhalb des Steigs auf die Engstelle zu, wo es auf kurzer Strecke zehn Meter abwärts geht und ein riesiger Felsblock die Passage versperrt. Dumpfes Grollen füllt die Luft, noch fern doch vielfältig von steil ragenden Wänden zurück­ge­worfen, die sich bis in den Himmel türmen, unwirklich, wie wenn Sturm durch Takelagen und Segel orgelt; unwillkürlich steift man das Genick, lenkt den Blick halbwegs nach oben zum ausgehauenen Felsdach über sich und zieht schaudernd den Hals in den Kragen – na, Gute Nacht, wenn das jetzt herunterbricht!

Doch am Wegrand bietet sich noch einmal Erlösung, bevor die Welt ganz in sich zusam­men­stürzt: in eine kurze Flußkehre idyllisch ins Kiesbett neben dem jagenden Lehmgelb wie eine Schachtel hingeworfen das geschwungene Pagodendach einer Bedürfnisanstalt, mit gutem Recht WC geheißen, wie es auf dem Schild steht; eine Treppe mit zweimal fünf Stufen führt hinab. Ich glaube, wir hatten das schon mit den größeren und kleineren Blasen der Menschheit – wer würfe den ersten Stein auf jene Damen, die hier letzte Einkehr vor der allmächtigen Herausforderung einer akustisch wie visuell tobenden Wasserflut suchend die Treppe hinab wie hinauf wandern. Doch von hier ab gibt es kein Pardon mehr.

Gleich darauf, nur eine Kehre weiter beginnt der Fluß zu wüten und das Wasser um die in seinem Bett liegende Findlinge zu brodeln und zu kochen. Tobende Gischten schäumen meter­­hoch auf, zerstäuben auf nacktem Fels, von dem es rinnt und sickert und sich erneut im Flußbett sammelt, wo kreiselnde Strudel es zum Grund ziehen und gleich wieder empor­schleudern, wie feurige Eruptionen eines glühenden Vulkans. Und dann dieser Fels: massig und sichtlich hunderte von Tonnen Gewichts liegt er mitten im Fluß, zwingt den Rasenden neben sich und über sich hinweg, und durch die Enge bricht sich der Jinsha Jiang mit unbändiger Kraft Bahn, gurgelt mal drei Meter über das Gestein hinweg, es gleich darauf als blankgeschliffenen Solitär aus dem Tosen um ihn herum heraushebend - bei höherem Wasserstand muss hier die Hölle los sein! 

TigersprungschluchtOberhalb dieser Naturorgie gibt es ein gemauertes und zementiertes Podest mit Geländer, Abfallkörben und Wachen in ebenfalls grüngesprenkelten Tarnanzügen, die ein Auge darauf haben, daß sich niemand zu weit über die Brüstungen hinauslehnt und möglicherweise von einer gischtenden Woge erfaßt und fortgerissen wird. Wenn nötig, bellen sie Befehle durch kleine Handmegaphone, die sie bei sich tragen. Hier soll also der berühmte Tiger seinen Jägern in kühnem Sprung entkommen sein?

Mag sein. Der tausendäugigen Aufsicht, die sich lässig kaugummikauend ans Geländer lehnt, entkommt jedenfalls niemand, der sich nicht an die Regeln hält und den Kopf auch nur um ein Weniges zu weit über das Metallgitter in die darunter wütende Welt tibetischer Gebirgsgötter beugt – vor diesen ist erst mal der Wächter dran, dem die Uniform Macht und sein Megaphon quäkende Stimmgewalt verleiht. Wenn ich mich recht entsinne, in nur einer der vier Tonhebungen, und die ging immer steil hinauf - wie die Wände der Schlucht.

TigersprungschluchtGegenüber und einige hundert Meter weiter im Flußverlauf, wohin man vom Ort Qiatou und einem Parkplatz hoch oben im Gebirge über eine tausendstufige Stiege gelangt, stehen verloren ameisenkleine Menschen auf einem Podest, betoniert gleich dem unseren. Dort brandet das schäumende Spektakel am höchsten. Dahinter, in der nächsten Biegung, verliert sich der Goldsandfluß wieder in träumerischem Dahintreiben, so, als sei nichts gewesen. Aber es war etwas: sie sind tausend Stufen hinabgeklettert und haben diese nun hinauf zu ihren Bussen wieder vor sich. Das unterscheidet sie von uns, die wir uns auf der gleichen ebenen Bahn wieder zurückbegeben können, wenn auch der ausgebohrte Fels erneut einiges an Respekt abnötigt.

Durch den Tunnel, an der Karawanserei der Rikschamänner und jenem Wacht­posten vorbei, der sich angelegentlich in der Nase bohrt, als wir ihn passieren, sind wir nach knapp drei Kilometern zurück am Ausgangsort. Dort gibt es ein Lokal, und als alle beisammen sind, nehmen wir auf dessen Terrasse nach Jacks Wink Platz zum Mittagessen. Bißchen zugig ist es hier, und trotz der zwei hübschen Mädchen, die uns bedienen, ziehen wir die Jacken fester um die Schultern. Ein heißes Süppchen wäre jetzt gut. Das prompt kommt.

HühnerkopfsuppeAls wir den Deckel der irdenen Schüssel heben, schaut uns unter großflächigen Fettaugen hervor ein schwimmender Hahnenkopf an, mit Bärtchen unter dem Schnabel und gezacktem Kamm obendrauf, nur eines fehlt: der Körper. Ich bin nicht pingelig, schöpfe mir Brühe aus der irdenen Schüssel auf den Teller und beginne zu löffeln. Von den Frauen am Tisch ein kollektiver Aufschrei: Iiiigitt! Mir macht das nichts. Ich bin nach dem Krieg mit schlechteren Sachen groß geworden. Und diese Brühe ist nach der Kälte der Schlucht sehr belebend.

Jack muß vermitteln: Uns sei eine große Ehre zuteil geworden. Der Kopf eines Hahns gilt den Bergvölkern der Region, die zu Beginn des Jahrhunderts noch zu Tibet gehörte, als Ehrengabe an verehrte Gäste, nur der Chef eines Stammes dürfe ihn, der im Glauben der Tibeter eine auserlesene Delikatesse sei, für sich beanspruchen. Es sei, er gebe sie weiter. Er selber, sagt Jack, äße sehr gerne Hahnenköpfe. Auch deren Füße. Doch käme er wenig daran, weil er in der Hierarchie seiner Leute noch nicht hoch genug stehe. Jeder Hahn besitze zwar viel Fleisch, doch nur einen Kopf und zwei Füße. Deshalb seien die etwas Besonderes.

Beifallheischend schaut er sich um, kann aber außer mir, der ich die Hahnensuppe nun wärmend in mir fühle, niemanden sonst für seine Vorlieben begeistern. Andere Speisen werden von den zwei lächelnden Mädchen aufgetragen, jeder bedient sich. Ingrid, die geschiedene Apothekersgattin, sagt: „Nä!“ und deckt die Terrine angeekelt zu. Damit ist das Thema erledigt. Jack schaut etwas unglücklich, und ich nicke ihm beschwichtigend zu, lüfte wieder den Deckel und hebe ihm den Hahnenkopf auf dem Schöpflöffel zu: da wehrt er ab. Sagt, er sei noch nicht weit genug, das annehmen zu dürfen. Doch nichts zwänge uns. Selbst Kaiser hätten nur wenig von dem angerührt, was ihnen aufgetischt worden sei. So baut er mir eine Brücke, daß weder er noch ich das Gesicht verlieren müssen. Da lege auch ich den Deckel wieder über Suppe und umstrittenen Hahnenkopf. Wir verstehen uns.

Auf der Rückfahrt nach Lijiang gibt es noch einen kleinen Halt, wo Händler auf halber Höhe über dem Fluß Souvenirs, Früchte und sonstigen Krimskrams feilbieten. Eine Toilette gibt es auch, natürlich. Böen treiben über den Hang, einem Krämer drohen Schirm und Stand wegzu­wehen, ich helfe ihm, alles festzuhalten und in einer Flaute wieder zu errichten. Doch untrüglich sind Anzeichen für aufkommendes Schlechtwetter in der Luft. Von hier hat man einen großartigen Blick über den nun breit dahin treibenden Goldsandfluß mit Inseln und bewaldeten Auen. Eine davon steht großflächig unter Wasser, kurz bevor sich darüber auf sanfter Anhöhe grüne Terrassenfelder den Hang hinaufziehen. Vom Ufer gegenüber steigt Rauch auf, in den Wolken darüber verliert sich das Gebirge als immer mehr in tiefer Bläue abnehmende Kulisse, an deren Ende bereits der nahende Gewittersturm seine Schleier über das Flußtal zieht. Rasch sind wir wieder im Bus, und Fahrer gibt Gas, dem Wetter zu entkommen.

In Lijiang regnet es Bindfäden. Fahrer hält an einer Parkanlage, vor der übergroß ein grausteinerner Mao mit rotem Stern an der Ballonmütze und dem bekannten Mal am Kinn grüßend die Hand in das feuchte Grau über sich und uns hebt. Wir spannen die Schirme auf, er kann es nicht. Will es vielleicht auch nicht, mit 80 durchschwamm der Große Vorsitzende immer­hin noch geschichtlich belegt den Jangtse.

Heilongtan-BrückeDer Park, an dessen Eingang vier steinerne Löwen uns grollend anfauchen, ist berühmt für seinen Teich des schwarzen Drachen (Heilongtan). Darüber hinweg zum anderen Ufer führt eine wunderbar aus weißem Marmor gestaltete fünftorige Bogenbrücke, durch eine im Wasser liegende Rampe begehbar. Von dort soll man eine unvergeßliche Sicht auf den Jadedrachen-Schneeberg genießen können. Unter dem Schirm hervor konstatieren wir, daß es heute damit wohl nichts wird. Wir kennen ihn nun auch bereits von beiden Seiten. Weit interessanter scheint da der Pavillon der Fünf Phönixe (Wufenglou), in dem etliche Kultur­gegenstände der Naxi ausgestellt sind. Ihm angegliedert ist das kleine Institut zur Erforschung der Naxi-Kultur.

Hinter dem Tor mit den vier Löwen ein etwa fünfzig Quadratmeter großes Kiesmosaik in Form eines Mandalas (Kreis im Quadrat) am Boden, das Symbol für Langes Leben zeigend. Ich betrachte es lange und nachdenklich und richte meine Gedanken auf jemand, der mir sehr nahe steht und in diesem Augenblick daheim vielleicht mit dem Tode ringt. Etwas unprosaisch stehen dahinter abgestellt Fahrräder, und es gibt auch nichts, keinen Stand, an dem ich für eine Spende Räucherstäbchen erstehen und anzünden könnte – für zwei lange Minuten komme ich mir zusammen mit besagter Person im Regen an Westchinas Grenze sehr einsam und verlassen vor.

Mehrere Pavillons laden bei Sonnenschein gewiß zu deren Betreten ein. Aus einem am anderen Ufer strecken vier in Minderheitenkostüme gewandete Mädchen mürrisch prüfend unter dessen Dach die Hände hervor, nur um zu sehen wie lange es noch regnen und das Geschäft vermasseln wird. Derweil liegt der See gelassen da, sein Spiegel von den winzigen Springwällen und Kratern einschlagender Tropfen betupft. Drei Boote, unter einer Weide angekettet, füllen sich langsam mit Wasser. Ein wunderbares Motiv für Tuschemaler. Von hier führt ein Tor unter geschwunge­nem Dach über die eben erwähnte, nun im Regen schwarzglänzende Rampe mit Blumentöpfen links und rechts zur Marmorbrücke und dahinter in bleigraues Vergessen. Es ist gut, ich hab mich wieder. Aber der Regen wird so bald nicht aufhören.

Unter dem schützenden Dach des Kulturinstituts kann ich den Schirm zusammenklappen und die Kapuze vom Kopf ziehen. Hier werden Handschriften der Naxi-Priester übersetzt, um sie der Nachwelt zu erhalten. In einem separaten Raum sind Kalligraphien und Gemälde lokaler Künstler ausgestellt.  Spontan verliebe ich mich in zwei Gemälde auf Leinwand und rufe jemand herbei, der mir servil deren Preis zuraunt: ein ungeheurer Betrag, wovon ein ganzes Dorf wohl einen Monat leben könnte. Ich nicke. Nach westlichem Standard ist es nicht mehr, als ein gut gerahmter Druck kosten würde. Sofort will mein Begleiter mir mehr aufschwatzen: Hier, diese wundervolle Rolle, echtes Reispapier, oder dort, daran hat der Künstler zwanzig Jahre lang gemalt, und sehen Sie mal hier, das zeigt die ...

Bitte, sage ich, meine Gruppe drängt. Hier ist meine Kreditkarte. Wollen Sie so gut sein, den Betrag abzubuchen und mir die Gemälde einpacken zu lassen? Ohne Spannrahmen, lösen Sie sie bitte vorsichtig heraus. Ich hab’s eilig. Sehen Sie dort? Das ist meine Gruppe, sie verläßt gerade die Ausstellung. Etc ... Ich werde mir noch den Mund fusselig reden.

Naxi-Orchester im RegenEndlich halte ich zwei mit Tapetenmuster beklebte längliche Schachteln mit den Lein­wänden und auch meine Kreditkarte, um die es am bisher offenbar nicht allzuoft bedienten Lesegerät größten Auflauf gab, in Händen und eile der Gruppe nach, meinen verständnis­losen Leib­ver­käufer situationsbedingt grußlos stehenlassend. Verblüfft sah er mir nach in den Regen, wo ich unter Schirm und Jacke meine sperrigen Kostbarkeiten zu schützen suchte. Drüben, am anderen Ende eines Rasenstücks, spielte in einem vorne offenen Zelt hinter heftigem Guß verhangen eines dieser Naxi-Orchester - Katzenmusik, wenn man mich fragt. Insgesamt gaben sich acht Mann und eine Frau redliche Mühe, Volker ganz vornean im spärlichen Publikum unter einem großen rosa Regenschirm. Ich weiß im Augenblick zwar wo, aber noch immer nicht, wofür der Mann eigentlich steht.

Der Rest des Tages ist rasch erzählt. Sein Abend gehört fakultativ einer Schau, in der alle ethnischen Minderheiten der Region vorgestellt werden. Freilich nicht im harten Alltag, sondern allein in farbenprächtigsten Festtagsgewändern. Begleitet wird das Spektakel von einer aufwendigen Lightshow, deren Einrichtung – so erzählt uns Jack – allein 700.000 Yuan gekostet hätte. Paul leckt sich in genießerischer Vorfreude die Lippen und überschlägt, indem er Erika und sich anmeldet (Handzeichen), wieviel leere Minikassetten für seinen Camcorder er noch hat. Im Theater wird sein Gesicht lang, als er im Handzettel liest, daß Videos und Fotografieren erlaubt, Filmen jedoch untersagt sei. Wütend macht er Jack eine Szene, hält ihm die Karten unter die asiatisch kurze Nase und verlangt knapp und bündig sein Geld zurück: vorher sei von Filmverbot keine Rede gewesen. Er hört kaum zu, als ich ihm den Unterschied zwischen Film und Video zu erklären suche: Daß mit Film professio­nelle 16mm-Kameras gemeint seien, die überall bei Auftritten verboten seien, und daß Camcorder, wie er einen besitzt, zu den erlaubten Videogeräten zählen – blas mal die Esse eines Schmiedefeuers mit gespitztem Maul aus! Paul wollte nicht hören, drückte dem unglücklichen Jack die Karten in die Hand, machte kehrt und zog Erika hinter sich aus dem Foyer des Theaters. In seiner Heimatstadt war Paul Kommunalpolitiker, vielleicht daher sein Hang zu übertriebener Dramatik. Mag auch sein, daß nur Erika die Schau sehen wollte, ihm das ganze aber ziemlich wurscht war, und er nur in Ruhe in der Altstadt sein Bier genießen wollte. Was auch immer: er hatte es erreicht.

Lijiang, Ethno-ShowWir lassen uns nicht beirren. Als der Vorhang sich hebt, ist die Show bunt, knallig und kitschig. Das lieben Chinesen. Die Kostüme allerdings sind ein Rausch in Form, Farbe und Fantasie (analog den berühmten 4 F des deutschen turnerischen Übervaters: frisch, fromm, fröhlich, frei - aber fehlt da nicht eins? Richtig:) und Festlichkeit. Durch jugendliche Anmut und Grazie der kostümierten Darstellergruppen wird uns dieser Abend zum Genuß. Viel zu rasch geht die Vorstellung zu Ende.

Nach einem Absacker in der Lounge des Hotels, wo wir wieder auf Paul und Erika treffen, versickern wir nacheinander in unseren Zimmern. Auch jetzt ist er meinem Wort, er hätte doch filmen können, bis die Cam glüht, nicht zugänglich. Ach laß nur, sagt er im Gehen. War auch nicht schlecht - so.

16. Tag, Samstag, 08.10., Dali und die Höhlen im Steinglockenberg

Heute werden unsere chinesischen Reiseführer ausgetauscht. Jack, der etwas unglückliche Spezialist für Lijiang, wird verabschiedet. Statt seiner nimmt Herr Li auf dem vordersten Sitz Platz. Auch er spricht Englisch. Der kleine Bus und sein stoischer Steuermann Fahrer bleiben uns erhalten. An dessen manchmal etwas riskante Überholmanöver haben wir uns längst gewöhnt, seit Bezwingung des Bergrutschgebietes wissen wir alle, daß er sein Gefährt meisterlich beherrscht. Höchstens Volker mault zuweilen, wenn es ihm beim Fotografieren aus dem Fenster zu sehr holpert und wackelt.

Aus Lijiang hinaus durchfahren wir wieder den bereits beschriebenen Alleentunnel. Auf den ersten Kilometern geht es in dieselbe Richtung, bis wir die 214 erreichen. Dort biegen wir im Unterschied zu gestern nicht nach rechts zum Jinsha Jiang sondern nach links Richtung Dali ab. Anfangs begleiten uns noch Felderflicken mit Tabak, Mais, Hackfrüchten und Süßkartoffeln; wo es höher wird, und dem Boden sonst nichts abzuringen ist, gedeihen immer noch Chili und Sonnenblumen. Nur ganz vereinzelt, wo ein in der Nähe fließender Bach dessen Bewässerung zuläßt, auch Reis, der hier im Süden immer in Wasserkultur angebaut wird. Nur selten sieht man Terrassenfelder an den Hängen. Meist sind sie mit Kiefernwäldchen bestanden, ein Ergebnis des beginnenden Wiederaufforstungsprogramms.

Die 214 windet sich durch Talböden und an Hängen entlang, es gibt kaum spektakuläre Steigungen, obwohl links und rechts Gebirgszüge in etlichen Viertausendern gipfeln. Oft sind sie in fliegendem Dunst und Nebel verborgen. Bei der ersten Rast wächst Reis im wassergefüllten Straßengraben. Wie immer halte ich mich ein wenig abseits der aus dem Bus quellenden Blase meiner Reisegenossen, um möglichst unauffällig fotografieren zu können, getreu der Devise: Nur der frühe Vogel fängt den Wurm. Wenn erst der Pulk nachtrabt, werden Stille und Übereinkunft zertrampelt, und für alles und jedes öffnen sich fordernd Hände: One Dollar!

BauerAus dem Tor eines bäuerlichen Anwesens schauen neugierig eine Frau, ein kleiner Junge und ein Hund, begaffen mich. Als ich fragend auf die Kamera in meiner Hand deute und mit dem Finger von mir zu ihnen zeige, winkt mich die Frau herein. Über meine unbeholfene Verbeugung mit vor der Brust gekreuzten Händen, zwei Meter vor ihr, lächelt sie und sagt etwas, das ich als Willkommen deute. Ein lichter Innenhof, etwa zehn Meter im Quadrat, nimmt mich auf, ringsum von niedrigen, dunkelbraun verwitterten Holzgebäuden umgeben. Wäsche­leinen mit ausgebeulten Hosen und Jacken spannen sich zwischen den Häusern, auf deren flachen Schindeldächern trocknen Mais­kolben, von eisernen Haken an Wänden und Stützbalken hängen Gegenstände des täglichen Gebrauchs wie Strohhüte, Regenschirme, Umhängetaschen aus grobem Stoff, geflochtene Körbe und Siebe aus Reisstroh. Neben einer Tür, vermutlich jener zum Wohnraum, die Waschgelegenheit der Familie: ein Drahtgestell mit zwei angestoßenen Emailleschüsseln, Seifenbehälter, blindem Handspiegel, einem giftgrünen Plastik­kamm sowie einem zerknäulten Hand­tuch. Kleine, etwa einen halben Meter durchmessende Mahlsteine liegen neben der Tür, inmitten all dieses das übliche niedere Stühlchen, diesmal nicht aus Plastik sondern getischlertem und von vielen Hosenböden und Rockfalten blankgescheuertem Holz: einladender Ort der Ruhe.

BauernjungeAus einem Verschlag, in dem aus dem Dunkel heraus an den Wänden aufgereiht geöltes, schwarzes Werkzeug schim­mert, lächelt mir freundlich ein alter Mann zu, der drei Joppen übereinander trägt, dazu auf dem kantigen Bauernschädel eine abenteuerlich gestrickte grüne Wollmütze mit inwendig angebrachtem Pappschirm. Er scheint nichts dabei zu finden, daß ich hier bin, eingedrungen, um zu fotografieren. Willig stellt er sich zu einem Porträt in die Fensterluke des Schuppens. Neben ihm, im offenen Eingang zu dem Werkzeuggelass, der kleine Junge, vermutlich sein Enkel. Ohne Scheu, wie Kinder es tun, windet er seinen kurzen Leib um den Türbalken vor und zurück, wartet auf den Moment, wo ich den Knopf an meinem Apparat betätige, und scheint größtes Vergnügen an meinem Hiersein zu empfinden. Als das Foto im Kasten ist, zeige ich es ihm auf dessen winzigem Bildschirm: ein Schlitzohr, mit stumpfer Nase, klaren, dunklen Augen und schmunzelnd verzogenem Mund – Lausebengel hieße er bei uns, bevor man ihn in den Arm schlösse.

Unter dem Dach eines weiteren Anbaues wird aufbewahrt, was man auf dem Land so braucht: Holzstangen zum Bau der Trockengerüste für Bohnenstroh und Gerste. Brennholz, sauber gesägt und geschichtet als Vorrat für den Winter. Feuerrote Chilis hängen in Trauben aufgefädelt über grob entrindeten Baumstämmen, die bei Bedarf als Baumaterial dienen, ebenso, wie seitlich davon geschichtete gelbe Lehmziegel. Vor dem Holz mit der Sichel geschnittenes Gras als Ziegenfutter. Am Holzstapel, mit einem Drahtbügel aufgehangen, die vierte Joppe des Großvaters als verwaschener grüngrauer Fetzen. Ein erhöhter Rundweg, mit Feldsteinen abgestützt, führt rings um den Hof in etwa zwei Fuß Höhe an sämtlichen Gebäuden vorbei. Gerstenstroh lugt aus den Dachdreiecken, darunter hängen rostige Feldhacken an ihren Klingen mit faustblanken Stielen vom Türbalken. Am Boden ein Haufen Dolden reifer Sonnenblumen. Und immer wieder Stapel von Maiskolben, daneben Spankiepen, in denen die Frauen sie vom Feld ins Dorf tragen. Noch ein alter Mann taucht aus einem der Hauseingänge auf, mit Ballonmütze und gebogener, kurzstummeliger Pfeife im Mund, in der er den Rest eines krummen Cigarillos aus selbstangebautem Tabak in vagen Dunst aufgehen läßt. Auch er freundlich zum sehr nahen Porträt bereit. 

Rückwärts ziehe ich mich mit einer Geste zurück, die hier, so der Reiseführer, zu den guten Sitten zählt: mit vor der Brust gekreuzten Händen verbeuge ich mich (nicht zu tief) vor den Besuchten und ihrem Heim und erweise ihnen damit meine Ehrerbietung. Sie nehmen es gelassen. Belächeln freundlich meinen Abgang, winken und schließen das hölzerne Tor hinter mir – und vor meiner lärmenden Mischpoke aus dem Bus, die nun das kleine Dorf erkundet und in ihrer Lautheit dessen Andenkenverkäufer hervorlockt: One Dollar! Das cheaper, cheaper! der großen Städte der Ostküste kennen sie noch nicht.

MarkttagWieder nimmt der Bus uns auf. Etwas weiter und tiefer hinab in die Ebene erleben wir vor den Fenstern den Zug der Käufer und Verkäufer eines Markttages in Jianchuan, einem Flecken, der sich die Straße entlang zieht. Fast alles wird in Flechtkiepen auf dem Rücken transportiert, nur wenige Bauern besitzen motorisierte Dreiräder oder den so praktischen, weiter oben beschriebenen universellen Minitraktor. Sämtliche Frauen tragen Hosen, auch jene, welche durch farbige Trachten und bestickte Kopfhauben sich als Angehörige einer der zahlreich hier lebenden Minderheiten erweisen; bei ihnen fälteln sich über dem Beinkleid Rock und Schürze. Meist trägt man die Kiepen wie Rucksäcke an Riemen. Manche Männer jedoch schleppen weitaus größere und schwerere Körbe auf dem Rücken nach alter Sitte gebeugt und nur von einem breiten Band um die Stirn gehalten mit ihren Nackenmuskeln. Daß die Trachten alltägliche Kleidung sind und auch bei der Arbeit getragen werden, belegen die meist blauen Ärmelschoner, mit denen man deren Ärmel vor zu raschem Verschmutzen schützt.

Daß wir auf dem richtigen Weg nach Dali sind, ist an den zahllosen Steinmetzbetrieben entlang der Straße abzulesen, wo Grabmale, Stelen, steinerne Löwen und Fensterlaibungen aus weißem Marmor gefertigt und ausgestellt werden. Denn nichts anderes bedeutet der Name Dali: Weißer Marmor. Doch noch sind wir mehr als hundert Kilometer davon entfernt.

Die mit Eukalyptusbäumen gesäumte Straße führt durch eine fruchtbare Talebene, wo Reis, Mais, Tabak und Getreide angebaut werden. Schweine transportiert man hier auf genial einfache, sichere und ökonomische Art: ein rechteckiger Pferch ohne Boden aus zusam­men­ge­schweißten Baustahlmatten wird von drei Männern über den Asphalt gezogen. Darin an die acht bis zehn schwarze Borstentiere, die nicht anders können als quiekend mitrennen. Daß dies nicht etwa nur obskurer Einfall eines verschrobenen Schweinehirten war, belegen zwei Fotos, die ich im Vorüberfahren an dieser Straße einmal mit einem Käfig voll schwarzer Säue, das andere Mal hingegen mit rosigen Ferkeln schoß.

Besonders gut als Kohledeponien scheinen sich diese Straßenränder zu eignen, an denen blaue Dong Feng Laster auf ausgedehnten Halden abkippen, was Männer an minder­wertigem, schwefelhaltigem Grus wieder auf die Ladeflächen ebenso blauer Laster zurück­schaufeln, je nachdem, wie Lieferanten und örtliche Abnehmer gerade disponiert haben. Das erinnert an Just-in-Time, ein logistisches System, das ganze Läger an Bord von Lkws auf europäischen Auto­bahnen in stetig rollender Bewegung hält.

In einem kleinen Ort halten wir zur Mittagsrast. Das Lokal ist einfach, wir sitzen im Freien an mit Wachstüchern bedeckten Tischen. Wer zur Toilette will, muß durch die offene Küche, wo der geflieste Boden naß glänzt, weil er – immerhin – alle halbe Stunde mit dem Schlauch durchgespült und von Gemüseabfällen und lehmigen Fußspuren befreit wird. Die drei Frauen darin arbeiten flink und konzentriert am Wok, was sie daraus in angeschlagenen Schüsseln auf den Tisch bringen, ist frisch und schmeckt hervorragend.

Ich erinnere mich, daß wir bei Einfahrt ins Dorf mehrere rauchende Brennöfen passierten. Die halbe Stunde, die uns Herr Li nach dem Essen zum gemütlichen Leeren der Bierflasche oder gar einer neuen zubilligt, nutze ich im Eilmarsch dorthin.

Bearbeitung von TonEs ist ein Bauerndorf, umgeben von Reisfeldern, über deren wogende Fläche hinweg aus der Ferne ein Flußlauf blinkt. Etwas außerhalb, direkt an der Straße, inmitten der Felder, die Meiler der Tonbrenner. Was man herstellt, sind überwiegend Dachschindeln aller Varianten. Der braune Tonbrei, den ein nicht gefesselt in stoischer Ergebenheit im Kreis darin herumstapfender Wasserbüffel mit den Füßen zu geschmeidiger Konsistenz tritt, nimmt, nachdem er stunden­lang unter Luftabschluß in schwelenden Erdmeilern gebrannt ist, eine helle, blaugraue Farbe an. Heraus kommen neben kantigen Mauerziegeln ähnlich eines längs aufge­schnittenen Rohres gewölbte Dachschindeln, die man als Berg und Tal zu wunderbar harmonischen Dächern verwebt; als Krönung jedoch die als Traufabschlüsse verwandten Formziegel, an der Stirnseite mit uralten Symbolen und Mustern versehen.

BrennofenDie Öfen, ursprünglich über einer gestampften Erdhöhle, der eigentlichen Brennkammer, aus Feld­steinen geschichtet, sind im Lauf der Jahre unter Verwendung von Fehlbrand­mate­rial stetig in die Höhe gewachsen. Befeuert werden sie neben Holzkohle mit Reisstroh, das rasch starke Hitze an die Wände gibt und auch zur Abdeckung der ungebrannt daneben lagernden geformten Rohlinge verwandt wird, um diese vor Austrocknung und Rissen zu schützen. Ihre Lage neben der Straße in den Reis­feldern kommt also nicht von ungefähr, gleichermaßen des Transports der schweren Produkte wie auch des Brennmaterials wegen.

Meiner Zweitbesten, die mir gefolgt ist, gewährt eine, mit Asbesthandschuhen bewehrte und unter einem Schuppendach den Brand von Schlacke befreiende Familie nach kurzem, in lebhafter Körper­sprache geführten Dialog lächelnd die Mitnahme eines besonders schönen jener genannten Form­ziegel aus noch rauchendem Haufen. Denise, die Schüchterne, traut sich nur, aus einem Scherbenhaufen ein erkennbar gemustertes Bruchstück zu ziehen.

Beide färben die Hände, werden nach Rückkehr in das Lokal, wo unsere Mannschaft just im Aufbruch begriffen ist, in dort unaufgefordert und ebenfalls lächelnd nach Blick auf die rußigen Hände gereichten Plastiktüten verstaut. Die Hände durften wir im Küchenbecken waschen, das eigens vom Gemüse freigeräumt wurde. Wir haben nur gute Erinnerungen an diesen Ort an der Straße nach Dali. Heimgebracht, ziert die Beute meiner Zweitbesten nun als fremdländische Blumen­schale unseren Garten, und so oft mein Blick darauf fällt, sehe ich vor mir die rußend qualmenden Kamintürme der Brennöfen abseits der Schweine- und Kohlenstraße in Yunnan, wo die Freundlichkeit zu Hause scheint.

Fahrer legt den Gang ein und gibt Gas, als alle im Bus sind. Aus dessen Dachverkleidung tropft Wasser, das sich im Stehen in der Mittagshitze als Kondensflüssigkeit um die Rohre der Klimaanlage gesammelt hat. Jemand hat Klebeband dabei, womit wir das Leck dichten, das sich aber bald an anderer Stelle auftut. Wasser, das habe ich beim Hausbau gelernt, sucht sich seinen Weg. Man kann es nur sammeln, nicht aufhalten. Nach kurzer Fahrt arbeitet die Anlage wieder, wie sie soll, und das, was uns eben noch auf die Köpfe tröpfelte, rinnt nun vermutlich wieder auf vorgesehenem Weg aus einem Röhrchen unter dem Bus auf den dahinfliegenden Asphalt.

Hoch über verschlafenen Dörfern und grüngrau von Feldern gesprenkelter Landschaft windet sich die Straße zum Tiejia Shan, dem Steinglockenberg, der das Gebiet der Naxi von dem der Bai scheidet. Auf dessen oberstem Gipfel halten wir zur Besichtigung eines Klosters.

Runzelige Felsmassive wachsen aus dicht bewaldeten Hängen. Die Bauten des buddhis­ti­schen Klosters kleben an Höhlenausgängen, zu denen steil hinab und ebenso wieder hinauf zahlreiche Stufen im Fels führen, ein beschwerlicher und schweißtreibender Weg. Im Kloster endlich dieselben steilen Stufen, nur kürzer und mit Podesten zum Ausruhen und Luft­schöpfen. Das Innerste befindet sich im Berg, natürliche Höhlen nutzend, in denen sich die Figuren von Heiligen und Boddhisattvas reihen, darunter Shiva und mehrere tantrische Gottheiten. Alles macht einen eher indischen als lamaistisch buddhistischen Eindruck.

Durch die in den Fels gehauenen Galerien führt eine junge Frau; vom Klosterleben, so noch vorhanden, spüren wir nichts. Fotografieren ist absolut nicht erlaubt. Der Ort scheint tot. Dennoch ist eine mystische Stimmung spürbar, liegt über dem Ganzen und webt sich in das Moos, das unaufhaltsam Mauern, Wände und Treppen bekriecht. Einzig die Heiligen in den Höhlen sind davon frei. Dreißig Meter darunter ragen aus einem Plateau gedrängt die weißen Mauern des eigentlichen Klosterdorfs, von hier nicht sichtbar. Erst auf dem Rück­weg, indem ich den Kopf wende, werde ich seiner ansichtig. Ein absolut stiller Ort, zur Medi­ta­tion wie geschaffen, durch Baumwipfel der Sicht aus Höhe der Höhlen entzogen, in welche man Besucher führt, die jedem Kloster willkommen sind – und sei es als den Rund­gang bezahlende Gäste.

GuanyinWenn ich nachdenke, erinnert mich dieser Ort an die Meteora-Klöster in Griechenland, die gleichermaßen weltabgeschieden scheinen – was sie nicht sind. Auch dorthin gelangen - neben lebenswichtigem Nachschub - Touristen. Hier wie dort jedoch nicht ins Innerste, Allerheiligste. Was das Meteora-Kloster von diesem unterscheidet, ist die Vulva, welche dem Gott der Barmherzigkeit, Guanyin, in der hinter mir gelassenen Höhle in die geöffnete Brust gebettet war. Sehr praktisch. Darauf sind die alten Griechen nicht gekommen. Eine andere Legende besagt, daß Guanyin sich mit einem Messer die Brust aufschnitt, um, wie verlangt, sein schlagendes Herz vorzuweisen. Wie auch immer, hinter dem Kloster breitet sich grün­gewellte Gebirgs­landschaft, in deren Tälern hie Naxi wie dort Bai hausen. Ob sie wissen, was zu ihren Häupten lebt? Von ferne wirkt das an den Berg geklebte Kloster weltabgeschieden und unzugäng­lich. Wir wissen es jedoch nun besser.

Zurück nehmen wir eine junge japanische Rucksackreisende mit, die von Dali kommend sich in der Summe von Auf- und Abstieg verkalkuliert hat. Zu Fuß bergab hätte sie nie zeitig genug den Bus zurück erreicht, also darf sie zusteigen, als wir den Weiheort verlassen. Unten, am Busstop nach Dali, lassen wir sie heraus. Wir hätten sie ganz mitnehmen können, aber ein bißchen, so unisono Dagmar, Herr Li und Fahrer, muß sie letztlich selbst Verant­wortung tragen für das, was sie tut. Bevor sie aussteigt, bedankt sie sich mit vor der Brust gekreuzten Händen und einer Verbeugung beim ganzen Bus, eben so, wie ich es heute auch schon einmal vollzog. Nur daß es bei mir nicht so anmutig wirkte.

ToilettenwärterIn einer der Kehren hinab halten wir noch einmal und fotografieren ein sich malerisch in seine Terrassenfelder schmiegendes Dorf; ich habe Herrn Li und Fahrer durch einen Zwanzig-Yuan-Schein bestochen. Zehn Yuan für jeden, das ist umgerechnet ein Euro. Noch einmal halten wir, kurz vor Dali. Ein Wärter mit schlohweißem Bartfähnchen am Kinn hütet die mit einem halben Yuan nicht überbezahlte öffentliche Toilette. Dorfleben um uns herum. Aus Wohngrüften in den Häusern forschende Blicke auf uns. Auf den Kacheln der Anstalt, in deren Inneres geschwungen ein Mondtor führt, in großen lateinischen Lettern die Wörter Men und Women. An archaischer Holzkrücke hangelt sich der jugendliche Dorfkrüppel heraus – Verzeihung, das war politisch nicht korrekt, aber er kommt direkt aus dem Damen­abteil. Was Wunder, da nichts Chinesisches die verschiedenen und doch so gleichen Löcher und Rinnen kennzeichnet. Der Weißbärtige am Eingang drückt ein Auge zu, das andere ist starr und aus blauem Glas. Es scheint, die Gemeinde hat einen sozialen und fortschrittlichen Bürger­meister.

Bis Dali ereignet sich kaum noch Erwähnenswertes. Straße und Landschaft gleiten an uns vorüber, auf manchen Hausdächern wächst Gras. Fahrer überholt und wird überholt, Bauern halten ihre am Hinterteil grün bekleckerte Kuh mit einem Strick auf der offenen Ladefläche eines Kleinlastwagens in Position, Frauen in bunter Kleidung unter gelben Strohhüten schlagen abseits der Straße Reisbüschel über den Rändern großer, geflochtener Gefäße aus, darin die Körner sammelnd. Wer wird es uns verdenken, daß wir einer nach dem anderen in unseren Sitzen eindusseln. Die Höhe ist es diesmal nicht, Dali liegt nur auf 1900 Metern, wie Paul uns allen mitteilt, als wir bei Ankunft vor dem Hotel mit steifen Gliedern dem Bus entsteigen und aus dessen hinterem Gewölbe Koffer und Gepäckstücke zerren, die wir als uns zugehörig und eigen erkennen.

Das Abendessen findet im Hotel statt, auf einer Loggia über dem offenen Innenhof. Da es trotz Gasöfen dort recht kühl ist, währt es nicht lange. Daran ändert auch der große Glaskrug mit Bier nichts, dessen Inhalt unerschöpflich scheint. Mag sein, man träumt kurz noch von den frischen Mädchen, die aus ihm nachschenkten, bald aber senkt sich der Vorhang der Nacht über dem wohlverdienten Bett.

17. Tag, Sonntag, 09.10., Dali und Erhai-See

Das Landscape Hotel ist ein wunderschön im Stil der Bai-Minderheit in nur dreistöckiger Bauweise nach den Regeln des Feng Shui errichtetes Gebäude, welches mehrere um einen weiten Innenhof gruppierte ältere Häuser einbezieht. In diesem Teil befindet sich auch das Restaurant, wo das „Frühstück“ eingenommen wird. Mit all seinen wässerigen Suppen, glasigen Gemüsen, süßen Weizen­brötchen, Bergen von Klebreis und anderem auf Schildchen nur in chinesischen Schriftzeichen vermerkten Undefinierbaren mag es für Chinesen den in der Reisebeschreibung genannten vier Sternen entsprechen, europäische Gaumen befriedigt dieses Angebot kaum. Immerhin treiben wir etwas Toast und sogar bläßlichen Pulverkaffee auf, das muß reichen. Wem der Arzt das Abnehmen empfohlen hat, der besuche diesen am äußersten Rande Chinas gelegenen Landstrich, er wird erstaunlichen Erfolg verzeichnen. Nur zweihundert Kilometer westlich beginnt Myanmar, das alte Birma oder engl. Burma, eines der ärmsten Länder der Welt. Also wollen wir mit unserem – immerhin - Toastbrot mal nicht meckern.

Nach dem Frühstück holt Fahrer uns ab zu einem Schiffsausflug über den nur fünf Kilo­meter entfernten Erhai- oder Ohren-See. Den Namen verdankt er seiner länglichen Sichel­form, die in der Tat an ein Ohr erinnert. Auf dem schmalen Weg dorthin über holperiges Kopfsteinpflaster scheucht er einige Bauern samt deren zweirädrigen Handkarren in den Feldrain, wo sie dank des in der Nacht aufgekommenen und immer noch anhaltenden Regens knöcheltief einsinken. Gleich­mütig zerren sie hinter uns ihr Gerät wieder zurück auf die feste Straße.

Bai-FrauenAn deren Ende steigen wir aus. Gegenüber dem geschotterten Parkplatz hat man eine Bedürfnisanstalt errichtet, davor versuchen vier Bai-Frauen mit vereinten Kräften und einem Seil einen monumentalen Felsblock an seinem vorbestimmten Platz inmitten eines Blumen­beets aufzurichten, so daß die hineingemeißelte Inschrift lesbar wird. Zehn Männer stehen dabei und geben Ratschläge, von den Frauen werden sie mit Heiterkeit und Hohn bedacht.

Erhai-See 1Wenige Schritte nur sind es von hier zum Liegeplatz des Bootes, das uns über den See nach Jinsuo bringen soll, einem hübschen Fischerdorf mit buddhistischer Tempelanlage. Das Boot erweist sich als Nußschale mit blechernem Pagodendach, gerade groß genug, uns allen vor dem Regen Schutz zu bieten. Neben dem uniformierten Kapitän mit drei goldenen Streifen auf jeder Schulterklappe besteht die Besatzung einzig aus einer Bai-Frau in bunt besticktem, um den Kopf gewundenen Tuch und roter Jacke, die uns beim Einsteigen behilflich die Hand reicht. Eine Fischerin mit Strohhut stakt sich im flachen Uferbereich an langer Stange durch Entengrütze und leuchtende Seerosenfelder, bevor ihr Boot aus verbeultem Blech zu den ufernahen Reusen stößt. Mehr als fünfzehn Meter Tiefe erreicht das 40 km lange und 8 km breite Gewässer an keiner Stelle, doch ist es mit 250 Quadrat­kilometern Fläche der zweit­größte See des chinesischen Hochlandes. Backpacker, die ihn auf gemietetem Fahrrad um­run­den wollen, müssen sich auf eine Tour von reichlich 120 km einstellen. Wie das Innere eines Big Mac liegt er zwischen dem über 4000 m hohen Dian Cang Shan als einer Hälfte des Sesambrötchens und den Dächern von Dali im Südosten als der anderen. Neben den Flüssen Miju, Mici und Bolou im Norden und Osten speisen ihn mehrere Quellbäche des Dian Cang Gebirges, sein einziger Abfluß ist der Yangbi im Süden, der in den Lancang Jiang mündet, den im tibetischen Hochland entspringenden und später Mekong genannten Grenzfluß zwischen Teilen von Burma, Laos und Thailand.

Der Regen verebbt, noch bevor unser Boot losmacht. Das Endrohr seines Dieselmotors bläst bei zwei Startversuchen Wolken stinkenden Qualms über Schilf und grünes Entenflott, bevor der dritte in einem Ruck das Boot erzittern läßt und spürbar Kraft auf die Schraube am Heck lenkt. Wir fahren. Die Überfahrt mag etwas weniger als eine Dreiviertelstunde gedauert haben, ich schaute nicht auf die Uhr. Bleiern und im Dunst bot sich das jenseitige Ufer dem Auge. Ein Blick zurück auf halbem Weg ließ Dalis niedrige Dächersilhouette in ähnlich optischer Unsicherheit versinken. Die Stadt hat keine Hochhäuser, irgendwo darüber kroch jedoch etwas Helles breitspurig und leuchtend vom Berg. Es wird viel gebaut, womöglich ein neues Freizeitzentrum oberhalb der Stadt, weshalb auch nicht. Herr Li, unser Reiseführer, konnte – oder wollte – nicht Auskunft darüber geben. Es ist so: wenn chinesische Reiseführer des CTS an die ihnen von Partei und Regierung gesteckten Grenzen stoßen, verstehen sie mit einem Mal weder Deutsch noch Englisch, und jeder Versuch, ihnen doch noch etwas aus der Nase zu leiern, muß scheitern am chinesischen Kannitverstahn. Ein Klotz, den man nicht beiseite schiebt, und man tut gut, daran weder weiter zu bohren noch rütteln zu wollen. 

Erhai-See 2Kurz bevor wir Jinsuo erreichen, am felsigen Ufer abseits einfache Zelte aus Stangen und Plastikplanen, davor ein kieloben auf Steinen liegendes Ruderboot. Kein Feuer, nichts, das von Leben kündet. Ein anderes Schiff überholt uns, es scheint leer bis auf die zwei Personen am Bug: eine Bai-Frau in Festtagstracht und ein Mann in steifem Anzug. Beide mit lachen­dem Gesicht, als wir die Kameras auf sie richten. Mit schäumender Heckwelle rauschen sie an uns vorüber. Ein anderer Kahn, leer bis auf einige Säcke, zwei im Fahrtwind fröstelnde Menschen  und ein blechernes Hüttchen am Heck, treibt in Luv vorbei. Am steinbewehrten Ufer, dem wir uns langsam nähern, grünbemalte Blechkähne, beladen mit Ballen von Netzen. Eins treibt vorbei, hinten, an den Riemen, eine Bai-Frau in rosenfarbener Tracht, vorne im Bug ihr Mann, der sich an dort getürmten Netzen zu schaffen macht.

Wir legen neben dem Boot, das uns überholte, und einem weiteren Kahn an, einem rostigen Methusalem, dessen Größe und Ausstattung ihn als Allwetterfahrzeug zum Fisch­fang auf dem nicht immer sanften Gewässer kennzeichnen. Über eine Planke gehen wir an Land. Herr Li gibt uns eine Stunde, in der wir nach Herzenslust den malerischen Ort erkunden dürfen. Besonders legt er uns den buddhistischen Tempel ans Herz, aber wir sollen selbst sehen. Der ganze Ort sei buddhistisch geprägt, schon seit mehr als 1300 Jahren, wahrscheinlich von Burma aus und vom indischen Tantrismus gefärbt.

Jinsuo - FischmarktAlso machen wir uns auf den Weg. Den Fischmarkt gleich an der Anlegestelle lassen wir vorerst aus, um das Innere des Ortes auf verwinkelten und engen Gassen zu erkunden. An manche der uralten, rissig gesplitterten Holztore sind neben und unter Schriftbändern mit segens­reichen Neujahrssprüchen zwei auf rotes Seidenpapier gedruckte grimmige Riesen verewigt, die Brüder Shen Tu und Yu Lei, die als Torgötter verehrt werden und böse Geister vom Haus fernhalten. Von niedrigen Dächern hängen in üppigen Dolden orangefarbene, stäbchen­förmige Blütenbüschel einer stark duftenden Rankpflanze herab, die ich anderswo noch nie bemerkt habe. Es sind wenig Menschen zu sehen; die eine Hälfte wird beim Fischfang auf dem See sein, die andere auf dem Markt um Geschäfte mit den Touristen zu tätigen.

Der genannte Tempel ist nicht zu verfehlen, alle Wege führen zu ihm hin. Er ist für jedermann geöffnet und drei Mönchen gewidmet, die der Legende nach einst einen bösen Affen vertrieben, der die Gegend in Furcht und Schrecken setzte. Alle drei kamen dabei zu Tode und wurden fortan als Heilige verehrt. Ihnen ist ein Altar an einer Seitenwand gewidmet, der sie sitzend kaum größer als kindshohe, buntbemalte Statuen zeigt. Nur einer der Drei trägt Rüstung und Schwert, und seine Gesichtszüge lassen auf indische oder burmesische Herkunft schließen. Interessant ist, daß er die Linke, über der die Klinge seiner Waffe liegt, zu jenem Handzeichen hebt, das dem in China gern Ausländern gegenüber bezeugtem Victory-Gruß ähnelt, gebildet aus zum „V“ gespreizten Zeige- und Mittelfinger.

Buddhistischer TempelAußer Touristen, Chinesen wie Okzidentalen, sind nur alte Menschen im Tempelbereich anwesend, meist Frauen der Bai, erkennbar an ihren topfartigen Hauben und langen, blauen Kitteln. Im Vorhof des Tempels steigt Rauch aus Steinöfen, in denen bunte Glücksbriefe und Räucherstäbe zu grauer Asche verglosen. Voller Neugier betrachtet eine der Bai-Damen ihr Konterfei auf dem Mäusekino der Digitalkamera eines chinesischen Pärchens, das sie soeben abgelichtet hat und stolz das Ergebnis vorführt. Sie lacht.

Zum erhöhten Tempelbereich führt eine 8-stufige Steintreppe, oben flankiert von zwei roten Holzsäulen, die das Dach tragen, und um die sich an die vier Meter hoch je ein geschnitzter und bunt bemalter Drache windet – sowohl die Zahl 8 als auch der Drache sind in China von Alters her Glücks­bringer.

Jinsuo - alte FrauOben reicht mir eine Frau mit zerfurchten Zügen unter der typisch blauen Bai-Haube aus einem Bündel in ihrer Hand einige Räucherstäbchen, wofür ich einen kleinen Schein in das Holzkästchen neben ihr lege. Da ich mich ungeschickt beim Anzünden erweise, zeigt sie mir, wie ich sie in die Flamme einer blakenden roten Kerze halten muß, steckt, da ich nicht weiß wohin damit, die rauchenden Stäbchen zu anderen in den Sandkelch neben dem Hauptaltar und deutet lächelnd auf das abgewetzte rote Kissen davor: ich möge doch den betäubenden Weihrauch­fahnen meiner Gabe ein Gebet hinterdrein senden, sonst sei sie unnütz vergeudet, bedeutet wohl dieser Wink. Ich bin nicht geübt und schon in Jugendjahren aus der heimat­lichen Kirche ausgetreten - jetzt falle ich in die Knie, hebe die aneinandergelegten Hand­flächen über den Kopf, von dort unter das zum hoch über mir gütig meine Anstalten belächelnden Antlitz des Buddha gereckte Kinn und schließlich mit gesenktem Haupt an die Brust; so habe ich es hundertmal bei Betenden gesehen. Was ich dabei dachte, erhoffte und empfand, möchte ich nicht schildern. Das war ureigenes Anliegen und Empfinden. Dreimal nacheinander vollzog ich dies Ritual, daraus mag jeder seine Schlüsse ziehen. Daß nach mir auch meine Zweitbeste, die ich nach Eintritt in den Tempel verloren glaubte, auf demselben Kissen kniete, nahm ich wie durch Nebel wahr. Vermutlich war der betäubende Weihrauch daran schuld.

Abseits des Hauptaltars gibt es zahlreich in Nischen modellierte Figurenszenen, die über­aus lebendige Bilder von der Überbringung der Heiligen Bücher zeigen, darin Götter­boten, deren Beine so überlang sind, daß sie damit mühelos reißende Flüsse und sogar Meere über­queren können. Alles miteinander verdeutlicht, daß der Glaube, zu dem das Innere des Tempels inspiriert, von weit her kommt. Ein letzter Blick im Tempel öffnet sich durch ein farbenprächtig gestaltetes Tor in dessen Ummauerung, mit Dächern, geschwungen wie die Flügel eines auffliegenden Kranichs, hin zum Wasser des Sees, darüber sanft gerundet die Kuppe eines Ausläufers des Azur-Gebirges, des Dian Cang Shan.

Durch das Tor, vorbei an Fischerbooten, Haufen feingestrickter Netze und auf den Steinen am Wasser ihre Wäsche ausschlagenden Bai-Frauen, sind es nur wenige Schritte bis zum Anleger und dem sich dort tummelnden Markt. Aus flachen Spankörben heraus werden kleine Krebstiere, Garnelen und andere gesottene Krustentiere angeboten. Chinesen, junge, erfolgreiche Leute, probieren an einem Tisch alles durch. Darauf steht eine Flasche Mao-Tai, halb geleert, ein Schnaps der Gegend, der brennt, wenn man ihn anzündet. Eine junge Frau trägt ihr kahlgeschorenes Baby in einer reichbestickten Samtschute auf dem Rücken. Aufmerksam wendet es das Köpfchen den lautesten Geräuschen zu. Eine Greisin voll unzähliger Runzeln im Gesicht betrachtet verloren den Trubel um sie her. Ihr Gesicht ist von kummervoller Erfahrung gefurcht und nurmehr dunkle Haut, gespannt über den Schädel. Junge Bai-Frauen tragen zu ihrer Festtagshaube, geziert von gestickten Rosen und Talmi­perlen, Jeansjacke und –hose. Vögel, Sperlinge und Drosseln, liegen in einer Schale zum Verkauf. Ein Kunde zieht an den Federn und prüft die Frische; wenn die Vögel alt sind, fallen ihnen die Federn beim zartesten Zupfen aus.

Jinsuo - HändlerDurch eine Kurbel handbetriebene kleine, fönartige Gebläse setzen die Glut unter Grill­rosten von Garküchen in Gang, fauchend stieben Funken auf und versehen das Gargut – runde Kartöffelchen, pufferähnliche Fladen und Spieße mit allerlei Meeresgetier -  mit einem grauen Schleier von Ascheteilchen. Es ist ein farbiges Bild. Ein Schuljunge, in rosafarbenem Overall auf einer Treppenstufe sitzend, saugt aus halbmeterlangem Röhrchen irgendeinen Saft aus seiner Plastikflasche. Unser Kapitän, der eben noch sein Mittagsmahl sich hastig im Gehen mit Stäbchen aus einer Schale in den Mund schaufelte, schmaucht auf eben jener Treppe sitzend daneben seine Verdauungszigarette. Der Markt ist reich und bunt. Ein Händler bekniet unsere Frauen mit Armbändern und Kettchen. Dagmar, die dabei ist, versteht nicht dessen Dialekt, woraufhin er Merkmale und Preise in ein kleines Oktavheft schreibt und ihr zeigt. Er verfolgt uns bis aufs Schiff, an dessen Steuer bereits der Kapitän sitzt und sich die Lippen wischt. Kurz vor Abfahrt wechselt noch einiges Geschmeide im Gegenzug zu Bargeld mit dem Konterfei Maos den Besitzer. Über fast zwei Meter springt der nach endlosem Feilschen Erfolgreiche in letzter Sekunde ab und zurück aufs Ufer, wo eine Bai-Frau auf der ins Wasser führenden Treppe Teller wäscht, während nebenbei Kohlblätter, Fischabfälle und schillernde Ölflecken im Wasser treiben.

Zurück dauert die Fahrt ebenso lange wie hin. Noch liegt Nebel über dem See, und die wenigen rudernden Frauen gehören zu diesem Ufer, das jenseitige ist kaum auszumachen. Lange Zeit erscheint der Erhai wie ein bleiernes Meer, bevor sich endlich Umrisse der gegenüberliegenden Seite aus dem Dunst lösen. Vom Dian Cang Shan und seinen schneebe­deckten Gipfeln, deren weiße Hauben sich angeblich auch im Sommer noch zeigen sollen, ist nichts zu sehen. Man müßte, um die Schönheit der Berge zu genießen, noch einmal hierher kommen, möglichst für mindestens eine Woche, in der man den kleinen Ort Shaping besucht, 30 km von Dali entfernt am Nordufer des Sees gelegen, wo auf den Hügeln am Ortsrand jeden Montag ein Markt stattfinden soll, der seinesgleichen suche. Schade, morgen sind wir 400 Kilometer entfernt in Kunming, so ist das nun mal mit Pauschalreisen.

Als wir ankommen, von wo wir heute morgen in einer Wolke Dieselqualms abfuhren, ist der Stein neben dem Klohäuschen errichtet und prunkt stolz und steil aus einem Blumen­beet. Die Frauen in blauer Tracht, die ihn errichtet haben, rudern wohl längst in Booten mit Schlepp­netzen über den See, ihre tägliche Arbeit, falls sie nicht eben mal irgendwo Fels­brocken gerade rücken. Es heißt, die Bai seien ebenso wie die Naxi eine matriarchalische Gesellschaft, eine Angelegenheit, die in der Gegend verbreitet scheint. Vielleicht sollte ich doch kurz weiter ausholen und versuchen, die Historie dieser Region ans Licht zu heben.

Vor langer Zeit siedelten auf dem fruchtbaren Land um den Erhai-See Stämme der Dai (welche mit den heutigen Thai verwandt waren), deren jeder sich als Königreich (Zhao) bezeichnete. 737 n.Chr. zog mit Billigung des Tang-Reiches der Kriegsherr Pile Guo an den See und vereinigte sechs der Königreiche, deren mächtigen Zusammenschluß aus Dai- und Yi-Stämmen er Nanzhao, Südliches Königreich, nannte. Ein Jahr später wurde südlich vom heutigen Dali dessen Hauptstadt Taihe errichtet. In der Folge breitete dieses Reich sich stetig aus und unterwarf erst die Stämme seiner Umgebung, später auch fernere Regionen. Das waren anfangs Teile von Burma, dann Yunnan bis hinunter in die Nordregionen von Laos, Vietnam und Thailand und endlich nordwärts tief nach Sichuan hinein. 829 n.Chr. wurde Chengdu, die Hauptstadt des Reiches Shu eingenommen und damit eine Basis zur Eroberung der gesamten Provinz Sichuan geschaffen, der Reis- und Kornkammer des Tang-Reiches. Das war zuviel und schlug, wie man sagt, dem Faß die Krone ins Gesicht - oder so ähnlich. Mit einem Gewalt­streich wurden im Jahre 873 die Besatzer vertrieben und 902 die Nanzhao Dynastie gestürzt. 937 mußten die nach Süden vertriebenen Dai das Reich an die Bai abtreten, die das Königreich Dali gründeten. Dieses bestand bis ins 13. Jahrhundert und wurde erst durch die Mongolen unter Kubilai Khan seiner Unabhängigkeit beraubt und dem Reich der Mitte einverleibt. 1288 wurde Dali die Hauptstadt des vom Naxi-Volk gegründe­ten Königreichs Mu. Unter ihnen nahmen die Bai das Land endgültig in Besitz und stellen noch heute mit rund 1,1 Mill. Einwohnern die zahlenmäßig größte Minderheit der Region. Man sieht, dieser südwestliche Teil des heutigen China hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich, die eine Völkerwanderung von Nord nach Süd, aus Tibet bis hin nach Thailand und Vietnam nach sich zog.

Dali Marmor als BildZurück, besichtigen wir eine Fabrik, in welcher jener weiße Marmor verarbeitet ist, wofür Dali berühmt und auch danach benannt ist. In der Hauptsache jedoch wird nicht weißer, sondern farbiger Stein verarbeitet, aus dem kunstvolle Vasen jeder Größe sowie zarte Bilder chinesischer Landschaften gefertigt werden. Besonders Letztere haben es mir angetan. Mehr­farbig geflammter Stein wird nach Textur, Maserung, vorhandenen Farbverläufen und Mustern selektiert, zu dünnen Platten geschnitten, poliert und in Rahmen eingepaßt. Auch ohne die kunstvoll kalligraphierten chinesischen Sinnzeichen, die jedem Bild in der rechten oberen Ecke den letzten Schliff geben, hat die Natur hier in Jahrmillionen einzigartige Gemälde erschaffen, die verschneite Berge, sanfte Flußlandschaften, tosende Wasser­schluch­ten oder gar lichte Waldstücke mit grünen Bambushainen geschaffen. Nur jahrelange Erfahrung kann dazu befähigen, einem rohen Steinbrocken das in seinem Inneren schlum­mern­de Kunstwerk anzusehen. Ohne selber etwas zu schaffen, sind doch die Menschen, die solche Meisterschaft besitzen, große Künstler, indem sie das bereits Vorhandene entdecken und durch einen glatten Schnitt an richtiger Stelle freilegen. Ich war versucht, solch ein herrliches Stück mit nach Hause zu nehmen, die Preise begannen bei umgerechnet 500 €, durchaus erschwinglich. Doch solch Kunstwerk läßt sich, anders als ein Gemälde oder Aquarell, nicht rollen und wiegt zudem fast soviel wie der gesamte Kofferinhalt ohne es. Also blieb er auch ohne es – schweren Herzens.

Das Mittagsmahl nehmen wir anschließend in einem recht tot wirkenden Bezirk ein, wo man uns das Restaurant erst nach heftigem Läuten am Eingang aufschließt. Dies sei Messegelände, erklärt entschuldigend Herr Li, und zur Zeit normalerweise geschlossen, man erwarte uns aber. Das Essen ist nicht schlecht, wie üblich zehn oder zwölf Gänge, doch es haut keinen vom Stuhl. Als wir zum wartenden Bus schlendern, hat sich sogar in der sonst toten Gasse eine Bai-Frau eingefunden, die aus einem flachen Spankorb neben Qumquats ein unbekanntes Obst feilbietet, das wie Handgranaten aussieht. Sie will keine der Früchte zerschneiden, um ihr Inneres sehen zu lassen, und so kauft ihr Dagmar für drei Yuan ein Exemplar ab und öffnet es mit einem kleinen Messer aus ihrer Schultertasche. Das Ergebnis ist enttäuschend: fast nur Kerne, wie bei einem Granatapfel, und das wenige Fruchtfleisch ist mehlig süß und klebrig wie aus dem Honigtopf. Niemand verlangt nach mehr davon, enttäuscht zieht die Frau ab und verschwindet samt unverkäuflichen Sprengsätzen im Dunkel irgend­eines Hinterhofs.

Die eigentlichen Attraktionen Dalis sind seine innerhalb der Altstadtmauern gelegene Fußgängerzone mit der zentralen, von West nach Ost führenden Yang Ren Jie, der „Auslän­der­straße“, zu der ich noch kommen werde, und die in ganz China berühmten Drei Pagoden (San Ta Si) aus dem 9. Jahrhundert. Eine breite, von kunstvollen Kandelabern gesäumte Alleenstraße führt sacht hinauf zum ehemaligen, am Fuße des Dian Cang Shan gelegenen, Chongsheng-Kloster, von dem nur noch die drei Pagoden und die dahinter liegende Halle Yutong Guanyin Dian erhalten sind.

Dali - die drei PagodenDie zentrale und mit 69 m höchste Pagode stammt aus dem 9. Jh. und stand ursprünglich im Zentrum eines Tempels. Sie erhebt sich im typischen Tang-Stil, also als mehrfach (genau: 16 mal) gestuf­ter Ziegelbau über quadratischem Grundriß, und so nimmt es kaum Wunder, daß sie große Ähnlichkeiten zur Kleinen Wildganspagode in Xian aufweist. Die beiden sie flankierenden Zwillingspagoden erreichen nur 42 m Höhe und repräsentieren den Stil der Song-Zeit, in der man eher achteckige Grundrisse schätzte.

Zum Pagodenensemble führt eine in Stufen ansteigende Grün­fläche. Von weitem wirken die Bauten weiß, was mehrfach in der Reiseliteratur auch betont wird, vermutlich aber nur, um solcher­art einfacher auf die Bai überlenken zu können, deren Name ja auch „Weiß“ bedeutet. Nein – sie sind in jenem ocker abgetöntem Weiß getüncht, das man im Westen nach Aufkommen der Raufasertapete mit „eierschalenfarbig“ zu bezeichnen pflegte. Doch das sieht man nur im Näherkommen.

Bei Restaurierungsarbeiten im Jahr 1978 entdeckte man in den Bauwerken und ihren Fundamenten mehr als 600 Gegenstände aus dem 7. bis 10. Jh., darunter Bronzespiegel, Arzneimittel, Buddha-Skulpturen aus Gold sowie einen Phönix aus Silber. Auch heute noch schaut aus den Fensteröffnungen jedes zweiten Stockwerks der großen Pagode eine Buddha­figur.

Unterhalb, in dem kleinen Park, wachsen niedrige alte Bäume, behängt mit tausenden an farben­frohen Seidenbändern hängenden Glöckchen, Glücksbringern und Wunsch­kärtchen. Wenn ein leichter Wind geht, sollen alle mit diesen Symbolen verknüpften Gebete und Bitten zum Himmel fliegen. Man muß nur daran glauben. Auch hier, im Vorraum des Glaubens, wieder rauchende, gemauerte Opferöfen anstelle eiserner und mit Sand gefüllter Wannen, wie sie weiter ostwärts vorherrschen.

Es war einmal... in einem kleinen Park ein kleiner See, in dessen kleinem Spiegel sich Drei Pagoden doppelten, und dieses kleine Wunder lockte riesige Scharen kleiner chinesi­scher Touristen an, die sich um den kleinen See drängten und in kleinen, digitalen Kameras kleine Erinnerungen daran in ihr kleines trautes Heim mitnahmen – so beginnen gewöhnlich Märchen der Gebrüder Grimm (die auch ein wunderbares Deutsches Wörterbuch schufen). Allein: die Wirklichkeit schaut anders aus. 

Massen lautstark ihre Angehörigen in den Vorder­grund vor See und Pagoden dirigierender Fotoamateure erzeugen eine Art Grund­lärm, aufgelockert durch einzelne Platscher, verursacht von mit Ellenbogen ins Wasser abge­dräng­ten Ehefrauen oder Greisen. Es ist nicht tief aber nass. Darüber die mittels Megaphon ver­stärk­ten, Echos über den See peitschenden vier Tonhebungen und -senkungen der chinesi­schen Sprache (vulgo: Keifen) kleiner, zierlicher Fremdenführerinnen, die solcherart ihr Trüppchen beisammen halten. Gottlob, daß es Mandarin ist, in dem gekeift wird, die Kantonesen sollen 16 Tonvariationen kennen ...

Oben, im Gebälk neben der sechs Meter hohen Bronzeglocke des Yutong Guanyin Dian, der einzig verbliebenen Tempelhalle, hat man seine Ruhe. Und nebenbei eine fabelhafte Aussicht in die Umgebung. Die Glocke schweigt – meistens. Jedenfalls besitzt sie keinerlei Mechanismus, mit dem man von der sie umgebenden Brüstung ihren – sicher vorhandenen – Klöppel betätigen könnte. Findige Pärchen, die sich gegenseitig davor knipsen, klopfen mit Schlüsseln daran; das leise Grollen der Bronzetulpe gibt eine Ahnung, zu was sie fähig ist. Ich möchte nicht neben ihr stehen, wenn wirklich einmal jemand Zugang zu ihrem Klöppel findet.

Dali - GrasdächerMein Blick schweift über grasbewachsene und blumenbestandene Dächer der Altstadt. Fern der noch immer im Dunst verborgene Ohrensee. Unter mir Neubauten dessen, was während der Kulturrevolution der 60-er Jahre zerstört wurde, weil die aufgepeitschten Roten Garden es nicht kannten und seinen Sinn nicht verstanden. Sie waren jung, niemand erklärte es ihnen, niemand wagte es, sich Mao zu widersetzen. Erst jetzt wächst die Einsicht, verlorenes Kulturgut zu restaurieren und ersetzen. Ob immer zum Guten, bleibe dahin­gestellt. Der Tourismus boomt, in diesem Geschäft wirkt sich der Westen bei 1,2 Milliarden Chinesen allerdings nur wenig aus. So muß man sich nicht wundern, wie das alte China wiederersteht: bunt, laut und kitschig – als Geschäft. Ein Milliardengeschäft.

Unten, vor dem Wasser, habe ich einen alten Mann beobachtet, dem es nicht gelang, beim Fotografieren und Schauen durch den Sucher des neumodischen Apparates, den ihm sicher seine Frau aufgeschwatzt hatte, das freie linke Auge zuzukneifen. Er bedeckte dessen Lid einfach mit dem Zeigefinger der Linken, die darunter zusammen mit der Rechten den silbernen Apparat hielt. Man(n) will eigentlich nichts von Neuerungen und moderner Technik, die stetes Hinzulernen fordern, sagt dieses Bild, doch Frauen in ihrer steten Sucht nach Ungewohntem, Neuem fordern ihn und seine Fähigkeit zur Anpassung stets aufs Neue heraus. Und so wandelt sich die Welt mit jedem Tag, an dem Frauen von ihren Männern vor einem See und mit dahinter drei Pagoden fotografiert werden. Man(n) kann nichts dagegen tun.

Von hier geht es weiter ins Museum. Überlebensgroß davor die vergoldete Statue eines Soldaten in Stahlhelm und Mantel, das Schnellfeuergewehr quer vor der Brust: ein Symbol die „heldenhaften Kämpfer des Friedens“, 1989 nach reiflicher Bedenkzeit zum Massaker auf dem Tian An Men, dem Pekinger Platz des himm­lischen Friedens auf Lastwagen aus tiefster Provinz heran­gekarrt, weil man Fraterni­sierung der bereitstehenden Truppen aus Pekings Umgebung mit den Studenten befürchtete - ein Schandmahl mit Füßen getretener Menschenwürde. Im verstaubten Museum interessieren nur die kleinen Tonfigürchen, Grabbeigaben aus der Ming-Zeit, deren feudales, korruptes und menschenverachtendes System der Sozialismus angeblich überwunden hat. Die Welt wiederholt sich, sie scheint zu nichts anderem fähig.

Tadel für Herrn Li: weder die Schlangenknochen-Pagode noch Taihe, die alte Nanzhao-Metropole hat er uns gezeigt, wie es in der Reisebeschreibung angekündigt war. Stattdessen dieses langweilige Museum - das allerdings auch Anstoß zu neuer Einsicht bot. Trotzdem: morgen, wenn er uns zum Flughafen und dem 400 km weiten Lufthopser nach Kunming geleitet, wird sich das in seinem Trinkgeld niederschlagen. Mager, prophezeie ich ihm, wird es sein. Fahrer allerdings, der wird reichlich bedacht werden. Man sieht ihm an, daß er sich in die Berge um Lijiang und Naxiland zurücksehnt.

Gegen 16:00 Uhr liefert Fahrer uns am Hotel Landscape ab. Was machen wir bis zum Abendessen? Von Dali selber haben wir noch gar nichts gesehen. Es sind auch noch einige Mitbringsel zu besorgen, wir denken da an die feinen, aus Jade geschnitzten Stempel, die sich mit Namen des Bedachten versehen, wunderbar als kleines Geschenk eignen. Wir traben also ab Richtung Huguo Lu, der Einkaufsmeile in Dalis Altstadt. Irgendwo auf dem Weg dorthin gabeln wir Dagmar auf, die sich uns anschließt.

An der Huguo Lu, auch als Yang Ren Jie oder Ausländer­straße bezeichnet, reihen sich die Souvenirläden, Teehäuser, Internet-Cafés und Boutiquen mit den hipsten Klamotten der Saison. Hier in Kaskaden, dort als ruhiges Rinnsal am Straßenrand, durchfließen die Altstadt von oben aus dem Dian Cang Shan kommende eiskalte, klare Gebirgsbäche und spenden willkommene Frische. Es gibt viel Grün und immer wieder kleine, lauschige Ecken mit Blumen und Sträuchern. In einem Beet voller orange gesprenkelter Orchideen entdecke ich einen faustgroßen Falter mit rot-schwarz getigertem Leib und Flügeln von schwarzem Samt, der sich mit den Fühlern in weiße Blütenmäuler vortastet. Niemand außer mir beachtet ihn. Vielleicht ist er hier ein Allerweltsinsekt wie auf westlichen Frühjahrswiesen der Kohl­weiß­ling. Hübsche chinesische Mädchen posieren vor den künstlichen Stufen der glitzernden Kaskaden und den Kameras ihrer Verehrer. Die Straßenszene atmet eine Leichtig­keit und Lebenslust, wie man sie in China sonst wohl nur in Lijiang, Yangshuo, Guangdong (Kanton) und den kleineren Städten entlang des Kaiserkanals finden mag.

Gästehäuser bieten preiswerte Übernachtungen für Backpacker, Garküchen ebensolche Mahl­zei­ten an. Vor vielen Bars und Cafés kann man bei einer Flasche Bier oder einem Kaffee einfach nur sitzen und mit trägen Blicken dem Strom der Passanten folgen, ohne gleich ein zehngängiges Menü verzehren zu müssen. In einer Seitenstraße entdecken wir sogar ein katholisches Gotteshaus, schmucklos und karg, einzige Zierde ist das lebensgroße Bild des segnenden Heilands an der Wand des hohen Andachtsraums. Die Gemeinde zähle an die dreihundert Seelen, erklärt der junge Küster, man halte jeden Tag Andacht und sonntags zwei Messen, weil das Gotteshaus sie nicht alle fasse. Nur ein Geläut, das habe man nicht. Er windet sich, als wir fragen, ob es von den Behörden verboten sei, doch es ist wohl so. Beijing gewährt Religionsfreiheit, akzeptiert in diesem Rahmen jedoch allein die „Patriotische Katho­lische Vereini­gung“ als Spitze der katholischen Staatskirche, die den Papst nicht aner­kennt – nicht anerkennen darf. Erst jüngst hat der Vatikan zwei durch diese Spitze „demokratisch“ ernannte Bischöfe exkommuniziert. Das Verhältnis bleibt gespannt.

Dali - Huguo Lu, die AusländerstraßeEin durch seine riesige Sonnenbrille irgendwie blind (und das scheint gewollt) wirkender Banjospieler tingelt die Straße hinauf. Ich weiß, es ist kein Banjo, das er zupft; Korpus Hals und Wirbel scheinen chine­si­scher Machart, bestimmt hat dieses Instrument eine chinesische Bezeichnung – doch es klingt wie ein Banjo. Und ich weiß auch, der alte Mann mit seinem verschossenen, schlohweißen Kinnbart unter gelbem Strohhut und den Turnschuhen an den Füßen ist keineswegs blind; das zeigt sich, als ich die Kamera auf ihn richte und er blitz­schnell mir den Kopf zudreht, worauf ich die Kamera sinken lasse und ihm ein Lächeln schenke, das er nicht erwidert. Fotografieren läßt er sich wohl nur gegen Bares, das scheint sein Beruf. Mich hätte nur der Augenblick gereizt, die Exotik dieser Straße, wozu der Banjo- oder was weiß ich ‑spieler gut gepaßt hätte. Aber es geht auch ohne ihn, und so verzichte ich vorerst auf sein Konterfei. Als er jedoch die Straße wieder herunterschlurft, erwische ich ihn doch noch, mit dem Tele und deshalb etwas verwackelt – es reicht jedoch zur Wiedergabe der Stimmung, die ich einfangen wollte.

Eigentlich schauen wir nur nach den bewußten Stempeln aus. Mancher Andenkenladen bietet zwar geschnitzte Rohlinge an, graviert aber nicht selbst. Fast geben wir die Suche auf, da erklärt uns ein junger Mann im x-ten Laden: ganz oben, wo die Huguo Lu fast zu Ende sei, betreibe ein junger Künstler einen Laden, der mache sowas. Auch Dagmar zeigt Interesse an diesen zierlichen Stempeln, und so können wir sie mitlotsen, die Ausländerstraße bis zum Ende zu erforschen. Und siehe da: ganz oben, ganz hinten, ganz versteckt betreibt jemand einen kleinen, von Neonlicht erhellten Laden, und der sagt: Natürlich mache er das. Ganz neu; man brauche nur ein Motiv oder einen Namen auszusuchen, er gebe das in den Computer ein, und eine Maschine fräse alles aus dem Fuß des Stempelrohlings.

Nach dem Preis befragt, meint er, das sei keine große Sache. Natürlich müssten sich Computer und Fräsmaschine amortisieren, und die von blinden Künstlern geschnitzten Jade­figürchen schlügen natürlich auch zu Buch, und ...

Wieviel? fragen wir.

Nun ja, bei einem Stück dächte er an ...

Wir brauchen sieben, helfen wir seiner Rechenkunst auf die Sprünge.

Sieben?! Ah ja, da wäre ... Hurtig tanzen seine Finger über die breitflächigen Tasten eines elektronischen Rechengerätes, der Abakus hat in fast ganz China ausgedient, die Zeiten ändern sich, ein berühmtes Wort des 14. Dalai Lama.

Sieben, ja? Dann würde ich pro Stempel für die Gravur gerne 100 Yuan von Ihnen haben, bietet er an. Dafür arbeiten drei Bai-Frauen einen ganzen Monat, wehren wir ab. Schließlich bieten wir ihm 50 pro Stempel, damit er seine Maschinen abbezahlen kann. Selbstverständ­lich protestiert er wortreich. Schlußendlich einigen wir uns auf 70, also insgesamt 490 Yuan plus etwa 500 Yuan für die sieben Figürchen. Er verspricht, alles bis spätestens 22:00 Uhr fertig zu haben, und ob wir nicht eine kleine Anzahlung ... Na klar, das ist üblich und Handelsgepflogenheit. Mit vierhundert Yuan hoffen wir ihn ausreichend für die Spät- und Nachtarbeit motiviert zu haben. Unter vielen Dienern geleitet er uns hinaus und begibt sich schnurstracks nach hinten an die Arbeit. Den Laden schließt er hinter uns ab.

Dali - AbendstimmungAuf dem Weg zurück begegnen wir wieder dem Banjospieler. Nun mag ich nicht mehr, feindselig richtet er seine dunkle Brille auf meine Fototasche. Doch die bleibt zu. Jetzt geht es nur noch zurück zum Hotel, wo uns das Abendessen erwartet. Ein wenig verirren wir uns auf dem Weg dorthin in Seitenstraßen, wo Händler von zweirädrigen Karren runde Brikett­stäbe, jeder von zwanzig senkrechten Röhren durchzogen, abladen und in die Häuser liefern, wo sie in genormten Blechöfen das Abendessen der Familie erhitzen. Vorbei an gelbumran­de­ten schwarzen Blechtafeln, Wandzeitungen, worauf das rote Emblem von Hammer und Sichel chinesisch und mit Kreide geschriebene Litaneien einleitet, die zu mehr ... was weiß ich auffordern. Immer mehr. Doch der Mensch ist vom Wesen her faul. Das hat der Kommu­nismus in all den Jahren nie in seine Lehren aufgenommen. In dunkler Straße trägt eine junge Frau ihr mindestens fünf­jähriges Kind, das bestimmt schon laufen kann, in einer reichbestick­t leuchtenden Stofftrage auf dem Rücken nach Hause. Auch das gibt es. Was den Menschen mit einer Ideologie bei seinen Urinstinkten packt, kann, so scheint es mir, ihn nach Belieben verwenden.

Im Hotel, der gleichen Umgebung über dem Innenhof wie gestern, gibt es nur Siebener­tische. Wie von ungefähr finden wir uns mit Erika und Paul, Denise und Manfred sowie Dagmar an einem Tisch zusammen. Bis auf Dagmar, die in Berlin wohnt, sind wir wohl der Rheinlandklüngel. Nebenan, durch eine durchlässige Sprossenwand geschieden, sitzen die übrigen Berliner Hannelore und Volker, die Hannoveraner Elfe mit ihrem Jakob und als Solitäre die blaßblonde Gerlinde aus Unterschleißheim neben der ewig schwitzenden und frischgeschiedenen Ingrid aus Halle. Unser Tisch, der aus gemeinsamem Glaskrug Bier gesogen hat, beschließt, den Abend mit einem Bummel durch die Altstadt fortzusetzen. Dag­mar und wir denken dabei auch an die Stempel mit den aufgetragenen Gravuren, die wir spätabends am äußersten Rand der Altstadt noch abholen müssen.

Bis dahin hat es, als wir ein nettes Lokal auf dem Weg dorthin finden, noch Weile. Wir stranden an einem Tisch, wo Paul außen sitzt und in dieser exponierten Position wie die Fliegen Verkäuferinnen anlockt, die ihm – i h m! - schnatternd alle möglichen Perlenkettchen andrehen möchten, wenn er sie nur ließe. Mehrfach nötigen sie ihn, einzelne Exemplare in Auswahl um den Hals zu legen, worüber Erika eine gewisse Heiterkeit nicht verbergen kann. Einerseits von den hübschen Gesichtern genarrt, andererseits vom ihm um den Hals gelegten Tand genervt, zeigt Pauls Gesicht zwiespältige Gefühle. Wir prosten uns erstmal aus der Flasche zu: Auf dich, Kettenpaule!

Das findet er gar nicht lustig. Säuerlich nimmt er in Augenschein, was ihm am Halse hängt und macht halbherzig einen Preis aus, mit dem er die zudringlichen Verkäuferinnen loszuwerden gedenkt. Doch das ist nicht so einfach. Wie das Licht die Motten, zieht der erfolgreiche Abschluß immer mehr Händlerinnen an, die Paul kichernd auf die Pelle rücken und ihm dutzendfach Kettchen umhängen – Kettenpaule. Den Namen hat er nun mal weg. Dagmar, die bisher still dabei gesessen hat, erklärt den Frauen, daß es hier nichts mehr zu verdienen gibt, schickt sie weg. Nachdem wir ausgetrunken und bezahlt haben, fallen die beiden Sohlinger Ehepaare von uns ab, und wir begeben uns auf den bekannten Weg nach oben, wo der Zaubermann sitzt und mittels einer Maschine unsere Stempel ritzt.

Die hellerleuchtete Werkstatt ist verschlossen, erst nachhaltiges Pochen an der Tür lockt den Meister aus einem rückwärtigen Raum, wo er mit unserem Auftrag beschäftigt ist. One moment, sagt er, bin gleich fertig, Sie werden sehen! Und richtig hat er nach zehn Minuten alles parat, so wie es bestellt wurde. Wir bewundern die feinen Abdrücke, die er auf Seiden­papier erstellt hat und loben seine Arbeit. Da will man um den Preis, den er letztlich nennt, auch kaum feilschen, nur dies hier ... Okay, schneidet er uns das Wort ab, er will Feierabend haben: sevenhundred altogether! Otherwise, dear customers, I’ll put you out and shut the door behind you. Abwartend schaut er uns an. Aber na klar, das ist doch ein Wort! Ohne Umschweife blättern wir ihm den verlangten Betrag hin; er und wir sind es zufrieden.

Den Weg zurück kennen wir nun schon. Flüsternd der Abschied im Hotel, um niemanden zu wecken, das Bett ist sanft und weich. Morgen um 5:45 Uhr ist Wecken, um 6:00 Uhr haben die Koffer bereit zu stehen, und gegen 6:30 geht’s zum Flughafen. Nicht viel Zeit für Schlaf. Nutzen wir also, was an Zeit bleibt.

Huating Si18. Tag, Montag, 10.10., Kunming

Fröstelnd und verschlafen nehmen wir am offenen Counter des Hotels unsere Lunch­pakete in Empfang. Niemand ist so recht wach. Es ist kurz nach sechs und noch dunkel, ein Kaffee wäre jetzt gut. Ein Minibus bringt uns zum Flughafen, das Gepäck landet auf einem Pick-up. Wir fliegen mit China Eastern, der Flug dauert nur vierzig Minuten, an Bord der erste und einzige Kaffee, serviert in einem fragilen Plastiktässchen. Um 08:50 Uhr landen wir in Kunming, der Provinzhauptstadt von Yunnan mit 4 Mio. Einwohnern.

Vom Flughafen suchen wir nicht erst das Hotel auf, sondern fahren direkt zum Fuß der Westberge, wo wir das Huating Si (Kloster) besichtigen. Eine Frau mit Zopf befreit die links und rechts des Eingangs wütend ihre Zähne fletschenden, über sechs Meter hohen, Wächter­dämonen von Staub. Dies tut sie mit einem an gut vier Meter langer Stange befestigten Plastikmop. Das Größenverhältnis Stange zu Figur bedingt, daß von den Kronen der beiden Wächter der Wind den Staub blasen muß, die bezopfte Frau erreicht diese Höhe kaum, auch nicht auf einem Stühlchen stehend. Allerdings schaut dort oben wohl auch niemand nach und kontrolliert sie, es sei denn, die Götter blickten herab. Doch nehme ich stark an, diese haben anderes zu tun, als Putzfrauen zu kontrollieren.

Weshalb ich das so auswalze? Nun, irgendwann beginnen sich Tempel oder Klöster zu ähneln, über kurz oder lang glaubt man, alles schon einmal gesehen zu haben. Dann muß man eben auf anderes zurückgreifen, um noch Interesse zu wecken. Obwohl vom Huating Si bekannt ist, daß besonders seine herrlichen Luohan-Figuren in der Halle der 500 Luohan sehens­wert seien. Leider ist die zu, verschlossen durch etwa 60 wunderbar geschnitzte Türen in warmem Naturholzton, von denen keine im Motiv der anderen gleicht. Allein die sind die Besichtigung wert. Unter Luohan versteht man übrigens die Jünger Buddhas.

Kalligrafie-PinselDem Kloster angeschlossen ist eine Ausstellung teurer alter Tusche­zeichnungen und Rollbilder. Bei einigen der zart hingehauchten Landschaften juckt’s mich in den Fingern, doch sind ja noch nicht einmal die zwei in Lijiang erworbenen Gemälde von meinem Konto abgebucht. Ein alter Mann, sitzend vor einem Tischchen mit Tuschestein und verschiedenen Pinseln, kalligraphiert auf Wunsch jeden Touristennamen in chinesischer Transkription auf knisterndes Reispapier. Neben seiner Kunst sind auch die dazu notwendigen Werkzeuge zu erwerben, namentlich kostbar anmutende, mit rotem oder kaisergelbem Samt ausgeschla­gene Etuis mit jeweils drei oder vier Pinseln, ihre sorgfältig bearbeiteten und kupierten Spitzen sind unter durchsichtigen Hüllen geborgen. Ein Fachmann sieht also, was er kauft.

Das Mittagessen nehmen wir an der Talstation des Sessellifts auf die Westberge ein. Diese, auf halber Höhe und mit dem Bus anfahrbar, gewährt bereits grandiose Aus­blicke auf den Dian-See und die sich am jenseitigen Ufer ausbreitende Stadt, in welcher die anderenorts zu beobachtende chinesische Gigantomanie sich noch nicht ausgetobt hat.

Ach ja, Fahrer und örtlicher Führer hören beide auf den im Reich der Mitte weit verbreiteten Namen Li. Man denke nur an Bruce Lee, den Karatekämpfer und Helden trivialer Gangster­filme, in denen Handkantenschlag und Fußtritt mehr sagen als tausend Worte. Natürlich ist Lee amerikanisiert, dennoch gehört der prominente Kämpfer dem großen und weltweiten Clan der Familie Li an. Man höre und staune: in ganz China gäbe es nicht mehr als sieben­hundert Familiennamen, behauptet die schlaue Wikipedia; unter den häufigsten zwanzig, in die sich die meisten Chinesen teilten, stünden Wang, Chen und Li an der Spitze. Da der individuelle Name sich jedoch zusammensetzt aus dem vom Vater vererbten Clannamen, Generationsnamen und persönlichem Namen, der aus sämtlichen Grundelementen des Wortschatzes frei wählbar ist, um etwa dem Kind ein gutes Omen mit auf den Lebensweg zu geben, sind letztlich 1,2 Milliarden Chinesen (zumindest der Han) doch recht gut aus­ein­ander zu halten. Soviel zu Führer und Fahrer in Kunming.

Auf den WestbergenDer Lift auf eine Höhe von 2441 Metern fördert Zweierbeziehungen. Ich schätze mal, daß Gerlinde mit Ingrid, Volker mit Hannelore und schließlich Dagmar mit Herrn Li aufgefahren sind. Wir anderen, alles alte Ehepaare, natürlich mit Partner. Wie denn auch anders - nach all den Jahren. Links und rechts ziehen Wipfel von Kiefern, Zypressen und Bergzedern vorbei. Tief unten windet sich das Betonskelett einer neuen Autobahn entlang des Seeufers. Häuser, die sich in abgeschiedener Ruhe wähnten, werden nun in ihren Obergeschossen von der Schnellstraße auf Stelzen belauert. Neben dem sich wie ein Tausendfüßler windenden Betonband schießen wo eben möglich und bis eng an den Berghang sich drängend Reihen- und Appartement­häuser aus dem Boden. Eine Menge Leute im neuen China besitzen Geld. Und bald auch wieder weite Teile des Landes, ganz so, wie vor der großen Revolution des Volkes.

PilgerstationNebenan ein Gipfel mit pagodenbedachtem Tempelpavillon; etwas höher und weiter weg, auf einem anderen Gipfel nebenan das Antennengerüst einer Radarstation. Wir aus dem Westen kommen mit beidem zurecht. Aber die Chinesen? Steil stürzen unter uns die Felswände des Xi Shan in die Tiefe. Ein wenig schwindelig ist mir, als man uns an der Bergstation den traulichen Zweier­sessel unter dem Hintern fortzieht. Das gibt sich jedoch, als ich nicht mehr zwanzig Meter unter meinen Füßen in die Tiefe blicke, vielmehr meine Augen auf Nahe­liegendes richten kann, wie die zahlreichen Pilgerstationen, welche in Höhlen den steilen Pfad und die Treppe hinab in die Stadtniederung begleiten. Letztere liegt immerhin auf einer Höhe von 2000 Metern, und hierdurch sowie ihre geschützte Lage am östlichen Hang eines Gebirgsmassivs, heißt es, genieße sie mit 18°C im Jahresmittel ein Klima ewigen Frühlings. Wir werden sehen, daß der morgige Tag erheblich von diesem Mittel abweicht.

PilgerstationDer Pfad, oder vielmehr die Stiege durch Dschungelgrün hinab, ist ein alter Pilgerweg mit zahlreichen natür­lichen oder in die Bergwand gehauenen Höhlen, die ähnlich den uns bekannten Kreuzwegen mit Figuren von buddhistischen Heiligen, Gottheiten und Dämonen ausgestattet sind. Es ist ein sehr steiler und beschwerlicher Weg, an dessen Ende ein kleiner Markt auf uns wartet. Der übliche Ramsch und Kitsch, feilgeboten überall auf der Welt, wo Touristen, also Menschen mit Geld, vorbeikommen müssen. Ein junger Mann im Pullover und mit sauberen Fingernägeln macht jedoch etwas Besonderes: mit ruhiger Hand, feinem Pinsel und unendlicher Geduld zaubert er winzige Gemälde auf die Innenwände kugel­förmiger Fläschchen aus klarem Glas, kaum zwei Zentimeter im Durchmesser. Das ist etwas, das selbst ich mir auf’s Kaminsims stellen würde, nur - da steht schon was und verstaubt, aus irgendeinem anderen Urlaub mitgebracht. Keine Chance also für den jungen Künstler.

Die Herren Li und Li karren uns dann im Bus in einen Betrieb, wo Seide zu Mode und federleichten Bettdecken verarbeitet wird. Das Übliche, indem lustlose Damen eng sitzende Kleidung vorführen, ihren fordernden Marschschritt überlauter Electropopmusik angepaßt. Auch die Nummer, daß vier Besucher es kaum schaffen, einen aufgekochten Seidenkokon – wie es die Fabrik­arbeiter­innen so lässig vorführen – auf ein Betten bedeckendes Format auseinander zu zerren, erntet die gewohnte Heiterkeit. Sonst nicht Neues. Wenn es viel war, wurden zwei oder drei Talmikettchen an die Frau gebracht. Seide kann man nicht in der Maschine waschen, das ist unpraktisch, entgegnet die Zweitbeste auf mein Begehr, unter einer Decke daraus schlafen zu wollen.

SeideDieser kostbare und – am richtigen Leib - wunderbar schmiegsame und fließende Stoff macht in heutiger Zeit, wo Geräte und chemische Mischungen die natürliche Faulheit des Menschen herausfordern und begünstigen, kaum mehr Sinn. Wer verfügt denn noch über die im Ursprungsland zu ihrer höchsten Blütezeit übliche Schar von Bediensteten, deren einzige Aufgabe Säuberung und Pflege der Wäsche war? Nein, ich bin der Ansicht, man sollte die Seidenraupe einem Genozid opfern und den Maulbeerbaum, ihr bevorzugtes Futter, einer anderen Verwertung zuführen. Er hat zum Beispiel sehr schöne, an Himbeeren erinnernde Früchte, aus denen könnte man Gelee kochen. Wenn man das mit der Seiden­raupe auch machen könnte, wären gleich zwei Probleme gelöst und das mit dem häßlichen Genozid hinfällig. Mag sein, daß ein Chinese das mit anderen Augen sieht. Jedenfalls hat niemand von uns etwas aus diesem wundersamen, nicht zeitgemäßen Stoff Angefertigtes erworben. Wofür gibt es schließlich Trevira oder all das andere hochtechnische Zeug, das so pflege­leicht ist.

Provinzmuseum YunnanUm den Besichtigungstag auszufüllen, steht das Provinzmuseum Yunnans auf unserem Programm. Es ist aber heute geschlossen. Kein Problem, versichert Herr Li und tätigt einige Anrufe über sein Handy. Nach nur zehn Minuten wird uns aufgetan, und als alleinige Besucher dürfen wir uns im gesamten Museumsbereich bewegen und dessen Exponate bewundern. Allerdings gehört – wie könnte es anders sein – am Ende des Rundgangs auch ein Shop dazu, mit versammelten und in Tracht gekleideten Verkäuferinnen, denen wir vermutlich einen Teil ihres freien Tages nahmen. Kein Problem, sagt Herr Li. Offenbar aber doch, denn hinter den Kulissen fallen mißtönende Worte und Sätze, als zwar jeder an den wirklich wunderbar gefertigten Repliken Interesse zeigt, doch niemand etwas kauft. Aber so ist das nun mal im Geschäftsleben.

Nachtmarkt, HundewelpenDer Tag endet mit einem Abendessen in der Hotellobby und anschließendem Bummel über den nahe gelegenen Nachtmarkt, wo – für uns zum ersten Mal während dieser Reise – man Hundewelpen feilbietet. Offensichtlich aber als Knuddel- und späteres Haustier. Wie sie da unbeholfen im Gefängnis ihrer Plastikkörbe umeinander­stolpern und herumkrabbeln, taugen sie nicht mal dazu, die zwei labberigen Hälften eines Burgerbrötchens zu füllen. Vielleicht herrschen hier, in der luftigen Stadt des ewigen Frühlings, auch ganz andere Eßge­wohnheiten. Schließlich sind wir nicht in Guangdong (Kanton), wo man bekanntlich alles mit vier Beinen ißt, es sei, es handelte sich um Tisch oder Stuhl.

Mit einem Absacker an der Hotelbar im Kreis von Dagmar, Erika und Paul geht der Tag, der wahrhaft lang genug war, zu Ende. Ich kann versichern, in Kunming schläft man gut. Sofern man, wie wir, ein Zimmer nach hinten raus hat. Denn nach vorne, an der belebten achtspurigen Magistrale, kommt diese Stadt mit ihren 4 Millionen Einwohnern nie zur Ruhe.

Aber wir – uahh, Gute Nacht!

Eukalyptusbäume19. Tag, Dienstag, 11.10., Shilin (Steinwald)

Man hat gebaut und eine breite  Schneise in die subtropische Landschaft gehauen. Gleich als wir am frühen Morgen aus der Stadt fahren, beginnt dieses neue Asphaltband, das die alte gewundene und holperige Landstraße in das Gebiet des Shilin (Steinwald) ersetzt und die Fahrt dorthin um fast zwanzig Kilometer auf hundert verkürzt. Vor drei Jahren fuhren wir noch auf der alten Strecke, und gemächlich suchte sich der Bus seinen Weg durch subtropisches Dschungelgrün, Reisfelder und vorbei an verschlafenen Dörfern, in denen Frauen auf der Straße Getreide worfelten und aus verrußten Öfen heraus feiste, goldbraun geräucherte Enten feilgeboten wurden. Das ist nun vorbei, dafür braucht man für die Fahrt nur anderthalb statt bisher drei Stunden.

Der Steinwald hat sich nicht verändert, wohl aber seine Umgebung. Wo uns vor drei Jahren noch Grüppchen von in malerische Tracht gekleideten Angehörigen der örtlichen Minderheiten begrüßten, breitet sich nun ein seelenloser Parkplatz, an dessen Rand zehn­sitzige offene Elektromobile auf Kundschaft warten, um sie auf breiten Fahrwegen durch die Gegend zu kutschieren. Ab und zu ein Halt, um unverwackelte Fotos von sich in dieser grandiosen Felslandschaft – einer Laune der Natur – schießen zu lassen. Zumindest, und das ist festzuhalten, tragen die Kutscher dieser Gefährte, ausnahmslos Frauen, Tracht. Womit sie sich ausnehmen wie der Mann – oder Frau - im Mond in einer Raumkapsel von Sojus 1.

Steinwald (Shi Lin)Über den Steinwald brauche ich kaum Worte zu verlieren, er hat sich seit unserem ersten Besuch in 2002 nicht verändert (Das Wesentliche zu Kunming und dem Steinwald ist im damaligen Reisebericht „One Dollar – China“ nachzulesen). Dort allerdings, wo wir einst Trampelpfaden folgten, ist heute alles befestigt und allzu klobiges Gestein hat man aus dem Weg geräumt, um auch Damen in Stöckelschuhen dies Wunder der Natur zu öffnen. Doch, es gibt ihn noch, den verwunschenen Teich im Felslabyrinth mit seinen geheimnisvollen Grotten, doch dort kommt nur hin, wer gut zu Fuß ist. Das Gros der Besucher drängt sich in einem auch damals schon vorhandenen Pavillon, von wo man eine wundervolle Aussicht hat – aber wenig Ruhe, sie zu genießen. Von den mittlerweile errichteten Hotels jedoch sind es bis dahin nur wenige Minuten auf begradigten Wegen.

Interessant an diesem Ausflug ist jedoch die Rückfahrt, bei der uns die zwei Herren Li in einem Dorf der Sani-Minderheit aus dem Bus entlassen. Wir dürfen es eine halbe Stunde nach Belieben durchstreifen, am Ortsende erwarten sie uns wieder.

MaisernteDieses Dorf – es glüht unter der Sonne in seinen aus Lehm gebackenen Häusern, und unser Trüppchen sucht die Schattenseiten seiner verwinkelten Gäßchen. Enten und Schweine lagern dort, werden durch uns aufgescheucht und finden erst hinter uns mißmutig kakelnd und grunzend wieder zur Ruhe. In den Höfen liegt Mais, der zu verarbeiten ist, von Wänden und Dächern hängt er in goldgelben Dolden, um in nachmittäglicher Glut zu jener Festigkeit zu reifen, in der man ihn zu Mehl zerschroten kann, ohne daß es die Mahlsteine verklebt. Mais, Mais, Mais – das ganze Dorf ist voll davon und widerscheint in seinem Glanz.

Kinder platzen aus der Tür der Dorfschule und springen jauchzend entlang des kleinen Friedhofs, wo wir unter Unkraut und Ranken verborgene Grabsteine zu entziffern suchen. Sie scheren sich nicht um uns, hier halten wohl öfter Busse. Umso erstaunlicher, daß noch nirgends Stände aufgebaut sind oder Frauen aus Bauchläden irgendwelchen kitschigen Plunder, der sich in ganz China gleicht, verkaufen wollen. Dafür dies: alte Männer und Frauen, unter Strohhüten halb verborgen, die den Mais von seiner Blatthülse befreien, bedächtig und der simmernden Hitze angemessen. Ockergelbe Wände, deren Schatten­seiten Efeu erklimmt. In ungenutzten Ecken Kakibäume, denen man vier Tugenden zuschreibt: sie leben lange, sind schattenspendend, werden von Vögeln als Nistplatz genutzt und nicht von Schädlingen befallen. Jetzt hängen daran vollreife, tomatengroße Kugeln, welche man auch Chinapflaume nennt. In einem Hauseingang sortiert eine junge Frau mit Kind die eben gepflückten orangefarbenen Früchte in eine strohgeflochtene Tragehutze, in der sie diese morgen in aller Herrgottsfrühe zum Markt tragen wird. Bereitwillig lächelnd stellen sich die Zwei unseren Kameras.

KakifrüchteIm Sonnenglast auf der Anhöhe über dem Dorf erhebt sich eine siebenstufige Pagode, so wie wir sie aus Dali kennen, nur kleiner. Eine struppige Katze schleicht auf der Jagd nach Mäusen über maisbedeckte Dächer. Aus den Mauern des Dorfes wuchert Gras, in kühlen Hauseingängen liegen Hunde mit gelbem Fell und bewachen kleine Kinder, die uns aus großen Augen nachgucken. Am Teich, der ein Berggerinnsel sammelt, sinnt ein Mann in Ballonmütze und blauer Arbeitskleidung, in typischer Art auf den Fersen hockend, ins Wasser, auf dem eine leere Plastikflasche und ein Flock Enten dümpeln. Zwei Gipser verputzen den Eingang eines heruntergekommenen Lokals, daneben breitet eine Frau auf Strohmatten Erbsen und rote Chilischoten zum Trocknen. Eine andere kommt mit dem Tragestock auf der Schulter, an dem zwei pralle Säcke hängen, die Straße herunter. Um die Ecke sitzt ein Greis mit fusseligen Bartsträhnen am Kinn auf der Bank im Hausschatten und schält sich einen Apfel. Seine Hand, die Frucht und Messer hält, dessen lange Klinge im Lauf vieler Jahre rundgeschliffen ist, liegt knochig und abgearbeitet im müden Schoß. Lange her, daß er seine Nägel gesäubert hat. Wozu auch, die Trauerränder darunter haben sein Leben begleitet; Feste, für die er sie reinigen müßte, wird er nicht mehr viele erleben.

Ein Laden, dunkel und kühl. Volker drängt, er möchte doch für zu Hause so eine Sichel, mit der die Frauen in knöcheltiefem Wasser Reisstroh schneiden. So für die Wand. Dagmar muß übersetzen. Ein freundlicher Alter wiegt am Eingang seinen Enkel auf dem Knie. Vorne ist alles voller Mais, erst hinten im Laden breiten sich auf verstaubten Regalen Gerätschaften für den Landbau. Eine Sichel, wie Volker sie will, ist nicht dabei. Dagmar fragt nach, windet sich mit dem Alten, der nun seinen erwartungsfrohen Enkel auf den Arm nimmt, in hinterste Hintergründe des Ladens, wo man im Dunkeln sucht – und endlich fündig wird. Mit breitem Lächeln zieht der Alte ein rostiges Werkzeug hervor, das hier bestimmt schon einige Jahre überdauert hat. Vorne bedeutet er Volker, indem er mit einem groben Lappen daran herumwischt, daß er das Ding für – sagen wir mal – zwanzig Yuan hergäbe. Es sei zwar nicht neu, aber man brauche nur zweimal mit dem Wetzstahl daran entlangzufahren, dann sei es wie neu. Hier, ob er mal fühlen wolle, die Klinge ... Volker wehrt ab.

Wenn er jetzt noch versucht um die zwei Euro zu handeln, denkt jeder von uns, dann gehen wir ihm gemeinschaftlich an die Kehle! Das muß er wohl gespürt haben. Ohne weiteres zieht er zwei Zehner aus der Tasche, reicht sie dem Alten, und der übergibt ihm die Sichel. Es findet sich sogar noch ein Stück Tuch, mit dem die Schneide umwickelt wird: So! Dagmar winkt uns erleichtert zum Ortsausgang und Volker verstaut grinsend das gute Stück in seinem Rucksack. Wetzstahl, pha! Alt und verrostet ist es ihm lieber.

DorfstraßeDieses Dorf der Sani, obwohl an der neuen Schnellstraße gelegen, atmet in der trägen Nachmittagsglut noch etwas, das alle Dörfer entlang der alten Straße zwischen Kunming und Shilin im südlichen Yunnan auszeichnete: Beschaulichkeit und – ja, Lebensruhe.

Sicher, es gibt sie noch, niemand hat sie und ihre Bewohner umgesiedelt, wie es mit denen entlang des Yangtse geschah, als man den großen Damm bei Badaling errichtete und 2000 Jahre Kultur buchstäblich in den Fluten eines 600 km langen Stausees untergingen. Aber man hat ihre Lebensader versiegen lassen, denn die Lastwagen von und nach Vietnam, Laos und Birma, deren Fahrer hier oftmals einen Halt einlegten, um sich mit Lebensmitteln und anderem zu versorgen, brausen nun auf dem neuen Betonband ohne Stop an ihnen vorbei. Man hätte, wie in dem Absatz über Guiyang beschrieben, ihnen mit enormen Geldspritzen den Anschluß an die neue Zeit ermöglichen können, doch dazu ist dieser Landstrich auf den Karten des neuen China gar zu entlegen. Das Wenige, was man für diese Region erübrigte, scheint in den Hotels und dem künstlich angelegten See in Shilin verbaut zu sein. Nur Backpacker und Individualtouristen erfahren sie noch, die Lebensruhe in den alten Dörfern. Uns anderen zeigt man ein Disneyland, durch das uns Elektromobile karren. Aber wir sind ja selber schuld, und da nehme ich mich nicht aus – wir, die wir keine Strapazen mehr auf uns nehmen mögen, um ein fremdes Land zu „erfahren“. Trotzdem: schade drum!

SüßwasserperlenDurch eine Landschaft, deren Bild bestimmt wird von Mais, Buschwerk und abgeernteten Eukalyptusbäumen, deren langstielige Gerippe wie Pinsel die Straße säumen, brausen wir zurück nach Kunming. Kurz davor machen wir noch an einer Zuchtstation für Süßwasser­perlen Halt, eine der von der Zentralregierung verordneten Pausen, die das Devisenaufkom­men stärken sollen. Ich möchte nicht wissen, wie viele der unansehnlichen Flußmuscheln ihr Leben lassen müssen, indem ihr schimmerndes Innenleben allein für die Blicke neugieriger Touristen freigelegt wird; von denen dann doch niemand etwas kauft, weil sie es daheim bei Christ oder Wempé viel günstiger bekämen, sollte es sie je danach verlangen.

Straße zum SteinwaldWie eine nicht heilende Wunde zieht sich das Straßenband durch die Landschaft, nur wenige Auf- und Abfahrten bremsen auf ihr den Fluß, denn natürlich ist sie gebührenpflich­tig. Mit ein Grund, warum die nahe gelegenen Dörfer nicht an ihr partizipieren. Häufig ist eine ihrer drei Fahrspuren durch verstaubte Plastikkegel abgetrennt, dort fegen Frauen in Warnwesten und Strohhüten, unberührt vom stinkenden Dieselqualm der Laster, mit Reisigbesen den Asphalt. An Kunmings Peripherie baut man auf Stelzen den zweiten Ring um die Stadt. Das ist wenig, um Peking zum Beispiel schnürt sich bereits der fünfte Ring, der sechste ist mit Blick auf die Olympischen Spiele 2008 schon aus der Reißbrettphase heraus. Gleichwohl: kurz vor dem Hotel staut sich der Verkehr, es ist kein Durchkommen mehr. Die letzten hundert Meter dorthin legen wir verschwitzt zu Fuß zurück. Ein Bad, ein Bier – ich kann mich nicht entscheiden, was ich nach diesem glühenden Tag als erstes brauche.

SchlafbusEs wird dann doch ein Bier. Und ein Gang zum nahebei liegenden Busbahnhof. Dort, auf einem weitläufigen Platz, stehen mindestens hundert Überlandbusse, bereit, in die entlegensten Orte der Provinz zu schaukeln. Die meisten besitzen Schlafkojen, die in einem Deck über den normalen Sitzen angeordnet sind. Die Kojen sind zwischen sechzig und siebzig Zentimeter hoch, so daß man sich im Schlaf zwar drehen aber kaum aufrecht sitzen kann. Wer von dort die bordeigene Toilette aufsuchen will, muß sich vermutlich über das Seitenbrett in den Mittelgang hinab wälzen und dort mit den Zehen nach einem Halt tasten, bevor er festen Boden unter die Füße bekommt. Was wohl darauf hinausläuft, daß manch Untensitzender plötzlich einen nackten Zeh in seinem Ohr oder auf der Schulter spürt. Ich kann mir vorstellen, daß nachts bei schummerigem Notlicht und in schwankender Fahrt durch Yunnans saftige Landschaften, manch vollmundiger Fluch ertönt, den man besser in kein Wörterbuch aufnimmt.

BusbahnhofVerpackt und verschnürt in Segeltuch und Plastikplanen türmen sich auf den Dächern dieser Landstraßenfregatten Habseligkeiten und Handelsgüter der etwas vermögenderen Passagiere, die Pappkoffer der Wanderarbeiter nehmen dort nur wenig Raum ein. Die meisten dieser Überlandlinien können ihre Fahrpläne nur einhalten, wenn sie nachts fahren, dann sind kaum noch schwerfällige Lastwagen oder Eselskarren unterwegs. Bei Einbruch der Dämmerung werden also die Motoren angelassen, und dichte Schwaden von Dieselqualm überziehen den Platz. Die Reisenden, die zuvor schwatzend auf grellbunten Kinderstühlchen im Kreis vor dem Bus beisammen gesessen sind, packen die Reste ihres Nachtmahls samt Stühlchen ein und klettern behende in das Fahrzeug, wo der Fahrer ihre Reisedokumente genauester Musterung unterzieht, bevor er ihnen den Platz zuweist. Punkt zehn Uhr, wenn in Peking, das vier Zeitzonen östlich liegt, bereits tiefste Nacht ist, wälzt sich in den letzten purpurnen Strahlen der untergehenden Sonne die Kavalkade stinkender und qualmender Kolosse vom Platz, biegt in die Hauptstraße ein und verstopft in Folge sämtliche Kreuzungen, an denen sich der Verkehr aus der Stadtmitte ins Umland verteilt. Zwischen zehn und elf Uhr nachts ist man in Kunming besser nicht mit dem Auto unterwegs. Dann gehören sämtliche Ausfallstraßen den Überlandbussen. Schwer beladen halten sie mit letzter Kraft vor roten Ampeln, und es dauert Ewigkeiten, bis sie bei Grün wieder einigermaßen im Fluß mitschwimmen. Ich habe eine Palette gelber Ziegelsteine auf dem Busbahnhof gesehen, die man einzeln auf’s Dach geworfen, dort einen Meter hoch aufgeschichtet, mit einer Plane versehen und verzurrt hat. Das war’s. Und wenn der Fahrer nun bremst? Tja, wer vor ihm fährt, hat wohl echt schlechte Karten. Da kann es schon mal Ziegelsteine auf’s Dach regnen.

Es gibt ein Stück von Peter Handke, betitelt „ Die Angst des Torwarts vor dem Elfmeter“. Vermutlich war er noch nie in China. Was dort alles in kubikmetergroße Packen gepreßt und auf’s Busdach gehievt wird, hätte ihn längst zum Reißer inspirieren müssen: „Die Angst des Busfahrers vor den Frachtballen“. Aber er war ja wohl noch nie in China.

Das Abendessen auswärts nehmen wir in bewährter Aufstellung ein: die beiden Solinger Paare mit Dagmar und uns an einem Tisch, der Rest unserer Gruppe am anderen. So hat es sich bewährt. Dagmar und Denise bleiben auf dem Rückweg zum Hotel noch in einem Teeladen hängen, wo der lächelnde Händler ihnen an einer knorrigen Sitzgruppe aus Baumwurzeln aus mehreren Kännchen Tee in winzige Probierschälchen aus buntbemaltem hauchdünnen Porzellan einschenkt. Es wird schwer, besonders Denise loszueisen. Das Pfund Tee aus Mandel- und Hibiskusblüten muß Manfred anschließend tragen.

...auch eine Art zu reisen!Kurz vor dem Hotel noch ein verspäteter Bus, der Fahrgäste in die Provinz zurückbringt. Sie waren in einer Tanzshow, aus der nun langsam der Rest der Gruppe tröpfelt. Einer der Reisenden hat sich schon bettfertig gemacht und winkt uns im Pyjama aus gelben Kissen durch das geöffnete Fenster fröhlich zu. Dann versorgt er noch kurz sein piepsendes Tamagotchi, schaltet das Nachtlicht über sich aus und dreht sich in seine bevorzugte Schlafstellung – aah!

Nach kurzem Absacker im Hotel tun wir das auch.

Shanghai20. Tag, Mittwoch, 12.10., Shanghai

Wie dicht an dicht über die Landschaft verteilte Zigarettenbündel liegen die halbrunden Plastikhüllen der Gewächshäuser unter unserem Flieger, als er in Richtung Osten vom Rollfeld Kunmings abhebt und rasch an Höhe gewinnt. Es ist ein Inlandflug, kaum zweieinhalbtausend Kilo­meter, deshalb gibt es nur Getränke und einen Snack: ein Tütchen Erdnüsse nebst gefalteter Papierserviette. Na, Mahlzeit!

Der Anflug auf Shanghai erfolgt, wie schon der Abflug, über die Miniaturkulisse gleichgestalteter Vorortsiedlungen, wobei die Bauhöhe der Wohnwürfelchen mit der Nähe zum Zentrum wächst. Schneisen breiter Autostraßen durchziehen noch nicht der Bauwut anheim­gefallene Äcker, doch auch hier kreuzen sie sich bereits, auf Stützen und Stelzen einander überfliegend. Kurz vor der Landung wird das Häusermeer flächendeckend. In all das Gewimmel hinein stürzt unser Airbus, dem vor zehn Jahren gewiß nur Wasserbüffel und Schweine erschrocken bei der Landung zugeschaut hätten.

Der Außenanblick des Flughafens ist vertraut: Blumenkübel, mühsam gestützte Bäumchen und ein endlos scheinendes Feld parkender Autos. Mitten darin unser Bus, hilf­reiche Hände greifen nach unserem Gepäck. Wieder dieselbe lokale Führerin wie schon zu Beginn der Reise, eine Miss Wang, wie Dagmar sie uns erneut vorstellt, doch niemand hört darauf. Am wenigsten die Miss selbst, die wie gehabt in ihrem Sitz neben dem Fahrer döst, nur ab und zu das Handy ans Ohr hält und schrille Sätze hineinkeift. Eben noch unter der feuchten Hitze des Flughafens zerflossen, verarbeitet uns nun die Aircondition des Busses zu in den Sitzen festgefrorenen Eisklötzen. Ärmel, Hand und Schaltknüppelknauf des Fahrers sind in klinisches Weiß gekleidet. Vermutlich wird er uns am Kühlhaus irgendeines städtischen Schlachthofs abliefern, wo man uns mit Nageleisen aus den Sitzen bricht.

SeidenfabrikationEs kommt nicht soweit. Gnädig nimmt uns nach halbstündiger Fahrt die angenehme Schwüle unter dem Flachdach einer Fabrik auf, wo Seide gesponnen, verarbeitet und viel zu teuer verkauft wird. Das übliche, staatlich verordnete Shopping-Pensum; bringen wir es rasch hinter uns. Aufgetaut, mundet sogar wieder das Bier, welches der Sales-Manager aus dem Fäßchen Tsing-Tao hinter dem Wandschirm freigebig in Pappbechern ausschenkt. Gekauft hat niemand etwas, als wir angenehm temperiert wieder den Bus besteigen.

Nächste Station ist das neu errichtete Shanghai-Museum am Volksplatz (Renmin Guang­chang), gleich gegenüber dem weißen Bau der Stadtverwaltung. Gnädig entläßt uns Miss Wang, händigt Dagmar ein Bündel Eintrittskarten aus und bestellt uns zwei Stunden später wieder zum Bus, der uns ins Hotel bringen soll.

Shanghai MuseumDieses Museum, durch eine herausragende Innenarchitektur in weißem Marmor geadelt, empfiehlt sich jedem Gast Shanghais, der mehr als einen Tag in der Stadt weilt. Auf vier Etagen bringt es mit kostbaren und ausgesuchten Exponaten den Besuchern die 6000‑jährige Geschichte der chinesischen Reiche vom Anbeginn bis in die Jetztzeit nahe. Leider mußten wir, des Zeitdiktats Fräulein Wangs eingedenk, uns auf die Besichtigung der zweiten Etage beschränken: die Ära der „Streitenden Reiche". Interessant genug.

Zarte Figürchen aus Ton, filigrane Keramik, kostbare Fayencen und feingeschnittene Szenen aus Elfenbein und anderen Tierknochen künden von der Zeit des Umbruchs vor mehr als zweitausend Jahren, als aus sieben einander bekämpfenden Fürstenstaaten jener der Qin siegreich hervorging. Nach kräftezehrender Einigung des Landes ließ deren König Zheng sich zum Ersten Kaiser von China ausrufen und gründete die erste Dynastie, die Dynastie der Qin, der noch viele folgen sollten. In diese Zeit, etwa 200 v.Chr., fiel auch die Gründung vieler noch heute bestehender Städte Chinas.

Eine fruchtbare Zeit, da Leibeigenschaft und Lehnsystem abgeschafft wurden, Bauern eigenes Land erhielten und Beamte, die vordem der Adel bestellte und ihnen ein Lehen gab, nun vom Staat ernannt und auch besoldet wurden, was ihre Loyalität bestärkte, da sie ohne Amt und Sold keine Lebensgrundlage mehr hatten. Alles in allem ein feines System, das jedoch über die Jahrhunderte hinweg vielfach Weiterungen, Verästelungen und Auswüchse erfuhr. Ganz wie das Systeme, in denen Menschen wirken, so an sich haben. Erst die Kommunisten unter Mao und Tschou rasierten in scharfem Schnitt quer durch das Riesen­reich dessen Zöpfe weg – und begannen bei Null. Und endeten nach der „Kulturrevolution“ wohl auch am selben Punkt. Heute lenkt eine Mannschaft von sozialistischen Kapitalisten eine Volksrepublik, in der niemand so recht den Kaiser machen will. Mal sehen, wie weit sie damit kommen. Von den wirtschaftlichen Wachstumsraten Chinas können andere Länder, einschließlich aller westlichen, nur träumen.

Okay, reden wir in dreißig Jahren mal wieder darüber. Bislang ist noch kein getretener Ball in der Luft geblieben. Aber das alles und noch viel, viel mehr kann man sich anhand der Exponate im Shanghai-Museum vergegenwärtigen. Leider konnten wir nur eine Etage durchstöbern, und selbst die nicht komplett, als wir nach zwei Stunden wieder auf den Boden des Volksplatzes zurück kommen. Der Bus wartet und nimmt uns auf. Vorbei an den allerorten aus dem Boden geschossenen mächtigen Bürotürmen und Glaspalästen der einstigen kolonialen Hafenstadt, bringt er uns auf abenteuerlich miteinander verschlungenen und verknoteten Hochstraßen ins nahe gelegene Hotel. Mit dem Bus eine halbe Stunde, in der U-Bahn wären es kaum zehn Minuten.

Es ist ein Kreuz, man kennt sich ja nicht aus, wie nahe in Shanghais Zentrum alles Sehenswerte beieinander liegt, doch ein Blick auf den Stadtplan belehrt: vom Shanghai Hotel, wo wir wohnen, zum Volksplatz sind es nur zwei Stationen mit der Unterirdischen. Und zum Bund, der (wieder) großen Attraktion aus der Kolonialzeit dieser Stadt, lediglich eine mehr. Gut, man muß, wenn man wieder ans Tageslicht kommt, noch ein bißchen über die Nanjing Road Richtung Huangpu laufen, etwa dreihundert Meter, bis man dessen Wasser sieht. Auf dem Weg dorthin streift man das Peace-Hotel, und wer Lust hat, geht hinein und lauscht an der Bar der legendären „Rentnerband“, deren Durchschnittsalter zwischen 60 und 70 Jahren schwankt, je nach Reiseführer, aber sie spielen immer noch den alten Sound von Glenn Miller und Benny Goodman und Konsorten. Seit über sechzig Jahren. Wenn man herauskommt, so man denn will, ist es nur noch ein Steinwurf bis zum Bund.

Doch erst mal in unser Hotel. Hier bleiben zwei Stunden zum Auspacken und, wer will, Duschen und Frischmachen, bis zum großen Abschiedsessen in einem First-Class-Restaurant, als Entschädigung für die Peanuts. Ich erkunde bis dahin lieber noch die nähere Umgebung. Vor dem Hotel haben sie Schwierigkeiten mit einem der vier Fahnenmasten, eine Schnur hat sich verheddert. Da steht ein winziger Mann auf einer zwanzig Meter hohen Leiter und versucht das Gekröse der Leinen zu entwirren. Von unten empfängt er anfeuernde und befehlende Rufe einer Riege aus fünf hochrangigen Hotelmanagern, teils in goldbetreßten Uniformen, teils in schwarzen Anzügen – es ist wie überall, einer arbeitet, fünf sehen zu und wissen von unten am besten, was er oben tun müßte. Da fällt mir ein: es gibt einen Wettbewerb im „flagpole sitting“, dessen Sieger ins Guinness Buch der Rekorde eingetragen wird. Der da oben scheint nichts davon gehört zu haben, denn nachdem er die Schnüre entwirrt hat, klettert er brav die 50 Leiter­tritte wieder herunter, und Guinnes kennt er – wenn überhaupt – nur als merkwürdig dunkles Gebräu, das schnell besoffen macht. Dabei wäre – hätte ihn nur einer der Uniform­träger da unten nominiert – ihm jener Eintrag sicher gewesen. Nur ein Meter mehr ... es ist fruchtlos, über die entgangenen Chancen dieses Helden des Volkes zu grübeln. Endlich kann man die blutrote Flagge mit den fünf goldenen Sternen hissen, ein goldbetreßt Uniformierter klinkt sie ein, und der Mann von der Leiter zieht sie hoch.

Mein "Schuster"Ich gehe weiter. Hello, shoeshine? Two Yuan – want shoeshine?

Der Mann sitzt auf einem der kleinen asiatischen Plastikschemel am Weg und winkt mir erwartungsvoll mit einer Schuhbürste zu. Shoeshine? Was soll’s, zwei Yuan, einen Viertel Euro, hab ich sicher übrig, obwohl die Reise sich ihrem Ende nähert und man sich den Rest des eingetauschten Geldes bereits überlegt einteilen sollte. Daß ich vor seinem Schemelchen stehen bleibe, genügt dem Mann als Bestätigung, sich an meinen Schuhen zu schaffen zu machen. Sogleich hat er den von Jiuzhaigou bis Kunming darauf angesammelten Staub abge­bürstet und wienert sie nun mit einem rasch darüber hinweggezogenen Tuch, das unter allen möglichen Schuhfarben der Welt eine Art Tarnfarbe angenommen hat.

Mißbilligend fällt sein Blick auf die etwas schiefgetretenen Absätze meiner sonst noch recht properen Schuhe.

„Tz, tz!“ meint er, deutet darauf, schüttelt den Kopf und beginnt mir die Schuhbänder aufzuknüppern. Ich halte still, gespannt, was geschehen wird. Wenn er mir neue Sohlen aufschwatzen will, ist er bei mir an den Falschen geraten. Man hat ja schließlich so einiges gehört und ist gewarnt - da hat er den Schuh schon in der Hand und beginnt mit einem rostigen Messer an dessen Absatz zu schneiden. Tief hinein. Alles geht sehr schnell. Wenn ich ihn jetzt unterbreche und frage, was er da zum Henker macht, kehre ich womöglich mit zwei ungleichen Tretern ins Hotel zurück. Außerdem weiß ich nicht, was „zum Henker“ auf Englisch heißt. Er vermutlich auch nicht. Also lasse ich ihn vorerst gewähren, obwohl mein Inneres zum Zerreißen gespannt ist – ich habe kein Ersatzpaar im Gepäck. Na, mal sehen.

Geübt schält er den schiefgetretenen Absatz von meinem linken Schuh. Es ist ein billiges Modell – good german shoe, nickt er fachmännisch, während er konzentriert weiter schneidet -, dessen Sohle durchgehend aus einem Stück geschäumt ist, von dem man noch nicht mal weiß, ob es innen hohl ist. Der Absatz ist es nicht, da er ihn jetzt in der Hand hält.

„Good german shoe“, nickt er nochmals. Unter dem freigelegten Absatz scheint sogar noch eine ziemlich durchgehende Fläche zu sein, die sich zum Ankleben eines neuen eignet. „See here“, sagt er und wühlt aus einer kleinen Blechkiste an seiner Seite etwas hervor, das sich als Ersatz des Abgeschnittenen eignen könnte - ich bin da sehr zuversichtlich, denn mit einem halben Schuh ginge es sich zumindest gewöhnungsbedürftig. Wenn nicht schlimmer. Zumal ich keinen Ersatz dabei habe. „Tiger Gum!“ blitzt er mich an und hält triumphierend etwas aus der Kiste gefischtes in die Höhe und vor meine Augen. Bevor ich nicken oder den Kopf schütteln kann, hat er von irgendwo einen Leimtopf hervorgezogen und beginnt MEINEN Absatz, der nicht mehr da ist, gleichwohl mit dem zähen Kleister zu bestreichen. Desgleichen das Stück Tiger Gum.

Man muß zehn Sekunden warten, bevor man solcherart klebrig füreinander Bestimmtes für alle Ewigkeiten zusammenfügt, das sagt mir meine Erfahrung – „Good? Tiger Gum, very good!“ sagt er nach exakt zwei Sekunden und preßt die zwei Hälften, die meinen Schuh heilen sollen, inbrünstig zusam­men. Vielleicht klebt chinesischer Kleber ja schneller. Nun ist sowieso alles egal: „good“, stimme ich ihm zu. Das läutet die nächste Runde ein.

„How much?“ fragt er mich, deutet auf den anderen Schuh und macht sich an dessen Sohle bereits mit dem Messer zu schaffen. Das ist meine Stunde.

„I didn’t tell you to fix it“, bedeute ich ihm, während er weiter daran herumschnippelt. Nun läßt er ab vom Schneiden und schaut fragend auf. Eine Weile mustert er mich mit kleinen Augen, dann sagt er bestimmt: „Twohundred“. Womit er bestimmt Yuan meint, umgerechnet 25 Euro. Ich bin doch nicht verrückt. Die Schuhe haben fünfzig gekostet, aber das kann ich ihm nicht sagen, dafür reichen weder Englisch noch Mandarin aus, deren ich fähig wäre. 

„Fifty!“ presse ich ärgerlich zwischen den Zähnen hervor und lege all meinen Abscheu über chinesische Schuhmacherwegelagerer in diese meine Worte. „Hundred“, sagt er und hält den mit Kleber bestrichenen Absatz über den zweiten Schuh – hält ihn darüber, fünf, sechs Sekunden, obwohl der chinesische Kleister nach zwei Sekunden verklebt sein müßte. Er sieht mich an, nicht ohne Interesse.

„Eighty“, biete ich an, „but now fit it! Quick!“

Daß er das berühmte Tiger Gum in letzter Sekunde an meinen Schuh drückt, deute ich als Einverständ­nis und reiche ihm abgezählt einen Fünfziger und drei Zehner. Wir sind uns einig. Sorgfältig schneidet der kleine Mann noch die Ränder der aufgeklebten Absätze zu und reicht mir mit großer Geste die runderneuerten Schuhe: „Now Sir, walk your way!

Gut, gehe ich mal. Ein bißchen ungewohnt, weil alles gerade ist, was vorher krumm war. Nun hat mein Gang etwas vom steifen Stelzen der durch unzählige hohe Hausschwellen und Zick-Zack-Brücken in Schach gehaltenen bösen Geister, die weder ihr Knie beugen noch etwas anderem als extrem Gradlinigem folgen können. Das hält sie nach chinesischem Glauben fern von Stätten, wo sie ungebeten sind. Ich bin noch nie so federnd gegangen, wie diese zwanzig Meter auf dem Laufsteg des plattenbelegten Bürgersteigs vor meinem chinesischen Schuh­macher, der mich bei diesem Gang kritisch beobachtet, als könnte er auch vorne an den Spitzen meiner Schuhe noch etwas verbessern. Ich mache das Zeichen mit zum O aneinandergelegten Daumen und Zeigefinger, die übrigen Finger wie Hasenohren darüber aufgestellt: Alles O.K.! Bevor ich um die Ecke verschwinde, hat er bereits einen neuen Kunden. Es ist Paul – Kettenpaule. Auf seinem zweiten Paar Schuhe.

„Shoeshine? Two Yuan, very cheap, Sir!“

Paul sagt hinterher, so ein Typ habe ihm vor dem Hotel auch diese Schuhe für fünf Euro rundum besohlt. Ich hab nicht zugeschaut, und ich glaub ihm nicht. Er wäre nicht der erste Politiker, der zweihundert bezahlt und vor’m Volk nur fünfzig zugegeben hätte. Sie sind alle gleich. Obwohl ich auf Paul nichts kommen lasse. Aber so sind sie nun mal. Die neuen Absätze sind mir übrigens gleich am zweiten Tag daheim wieder von den Schuhen gefallen. Nein, das stimmt ja nur halb: lediglich einer fiel wirklich ab, den anderen riß ich selbst herunter, wegen der fußgängerischen Symmetrie. (Es ging ganz leicht. Zweisekundenkleber taugt nichts.) Hier jedoch schämte ich mich bei meinem weiteren Rundgang durch das Viertel angesichts der zerfetzten Leinenpantinen und Adidasruinen an den Füßen mir entgegen kommender Passanten fast meiner eigenen blanken Treter, die allzu aufdringlich neu wirkten.

AbendrestaurantUm neunzehn Uhr brachte uns der Bus in das Restaurant, das wirklich first class war. Alle hatten sich fein gemacht. Nur Paul und ich jedoch kamen in geputzten Schuhen, die man unter den bis zum Boden reichenden weißen Tischtüchern des Speisesaales aber nicht sah. Das Abschiedsessen wurde zum Schluß noch sehr lustig, weil jemand eine Flasche Schnaps bestellt hatte, aus der reihum eingeschenkt wurde.

Ich glaube, es war Miss Wang, die verlorenes Terrain wiederge­winnen wollte, aber es war vergebliche Liebesmüh’. Außer zwei laschen Händedrücken, jenen für den Mag-Lev von ihr verauslagten 65 Yuan und 100 weiteren als mäßiges Trinkgeld kam nicht viel an Liebe in ihr Haus zurück. Sie verabschiedete sich dann auch bald, noch vor dem Dessert. Hierdurch entging ihr allerdings die Attraktion des Abends, als unser weißhaariger Riese Jakob nämlich im Gehen, sozusagen schon in Hut und Mantel, noch eine ganz passable, tanzschulenmäßig vorgetragene Sohle mit einer der samtäugigen Bedienerinnen ins Parkett des Saales stepte. Was hatten sie im Restaurant auch diesen uralten Schlager von Freddy mit dem sehnsüchti­gen Refrain „... einmal noch in Bombay, einmal noch Shanghai!“ in ihrer Berieselungsanlage auflegen müssen!

Lichtsparendes ...Zu einem Absacker drehen wir nochmal zu Fuß die Runde durch das nächtliche Viertel hinter unserem Hotel. Über uns schimmern die Lichter der Wolkenkratzer, nur wenige Meter seitwärts tost der Verkehr durch in die Stadt geschlagene Schluchten. Im nachtblauen Himmel setzt ein Flugzeug zur Landung an. Was diese Stadt allein an Strom verbraucht! Und da haben sie an den Tischen vor dem Lokal nur in Gläsern schwimmende, trübe blakende Kerzen.

... und neonhelles Nachtleben in ShanghaiGlücklich prosten wir uns zu und summen leise Freddys Refrain vor uns hin, während die Glüh­würmchen mit funkelnden Laternen weiter zum nächsten Tisch und dessen süßen Pfützen ziehen.

21. Tag, Donnerstag, 13.10., Zhou Zhuang

Dies ist unser letzter Tag in China mit Programm. Ein Herr Chen wird Reiseführer sein, um uns eins der alten Wasserdörfer im von Kanälen und Seen durchzogenen Hinterland Shanghais unter dem drachenköpfigen Bogen des Chang Jiang, besser bekannt als Jangtse, zu zeigen. Recht früh geht es los, so daß an einigen Gebäuden noch die Jodlampen glimmen, die sie nachts in strahlendes Licht tauchen.

Die Fahrt geht nach Westen, 50 km, bis nahe an den Taihu See, zu dem eine autobahn­ähnliche Straße führt. Bestimmt die Hälfte davon ist mit Vorstadtsiedlungen gesäumt, die breitflächig aus der Metropole herauswuchern. Das Dorf, zu dem wir fahren, heißt Zhou Zhuang, was Zhous Dorf bedeutet. Es gründet auf sumpfigem Schwemmland, dem man mittels Kanälen die Feuchte entzogen und gelenkt hat. Der Umstand, daß es vollkommen von Wasser in Gestalt brackiger Rinnsale und weitgefaßter Gräben umgeben ist, erleichtert eine neue Form des holdup, wie sie in China mehr und mehr um sich greift: am Ortseingang endet die Straße auf einem Parkplatz, wo der Reiseleiter an einem Kassenhäuschen eine Gebühr für die Besichtigung des Dorfes zu zahlen hat. Das ist erst seit drei Jahren so, sagt Herr Chen. Der Parkplatz liegt ziemlich außerhalb, doch da – für Chinesen – im Moment keine Saison ist, darf unser Bus noch etwa einen Kilometer weiter fahren, bevor endgültig Schluß ist, und wir unsere Erkundung zu Fuß fortsetzen müssen.

Wie bereits bei Miss Wang geübt, bekommen wir auch von Herrn Chen eine feste Uhrzeit mit auf den Weg – sagen wir mal: in zwei Stunden -, nach denen wir uns hier wieder treffen. Okay?

Okay sagen wir und verstreuen uns über die steinerne Bogenbrücke in den Ort.

Zhou ZhuangDieser liegt als von Kanälen durchzogene Ausbuchtung zwischen den Seen Baixian und Beibai und wurde 1998 zur Aufnahme in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes vorge­schlagen. Er blieb jedoch chancenlos, da ein Jahr zuvor bereits der nur wenige Kilometer entfernt liegenden Garten- und Wasserstadt Suzhou diese Auszeichnung zuteil wurde. Letztere besitzt einen Bahnhof an der Strecke Shanghai – Nanjing, und die Straße nach Zhou Zhuang war damals noch nicht ausgebaut, der Weg dorthin also beschwerlicher als heute. Überhaupt sind die in die Liste aufgenommen Objekte des „Weltkulturerbes“ meist verkehrsgünstig gelegen, was ein etwas schiefes Licht auf die Auswahlkriterien der Alten Herren der Weltkultur wirft, die über Aufnahme oder Ablehnung entscheiden. Böswillige könnten behaupten, es erinnere an die Sternchenvergabe von Gault Milleau und Guide Michelin, wo jeder weiß, daß es um Bewirtung geht. Sei’s drum.

KaufmannshausDer Ort, um den es sich dreht, ist sicherlich älter als tausend Jahre. Seine Blütezeit erlebte er um 1300 n.Chr., als ein Kaufmann namens Shen entlang des Kaiserkanals mehrere Handelsplätze errichtete, welche die damalige Hauptstadt Nanjing mit Getreide, Seide und Kunsthandwerk für den kaiserlichen Hof versorgte, was ihn zu einem der reichsten Männer in Chinas Süden machte. Er und seine Nachkommen errichteten in Zhou Zhuang herrschaft­liche Häuser, was wiederum andere Kaufleute anzog, die es ihnen gleichtaten. Zwei dieser  Zeugen früheren Reichtums sind heute noch zu besichtigen: die Häuser der Familien Shen und Zhang. In beiden gruppieren sich um mehrere Innenhöfe zahlreiche ein- oder zweistöckige Präsentations-, Wohn- und Wirtschaftsräume. Bei Anblick der kostbaren Holzschnitzereien an Fenstern, Giebeln, Treppenaufgängen und Deckenbalken erahnt man die Pracht, die sich zu Zeiten der Kaufmannsgeschlechter in diesen Räumen entfaltete.

Was heute ein Gleis- oder Autobahnanschluß ist, war damals die Anbindung an die Wasserstraße zur Hauptstadt. So ist es nur zu konsequent, daß beide Hausanlagen direkt am Hauptkanal der kleinen Stadt mit etwa 4000 Einwohnern liegen. Darauf fahren Boote, die vom Heck aus mit einem langen Ruder vorwärts bewegt werden und Frachten Mao-Tai-seliger Touristengruppen befördern. Es ist einfach, chinesische von westlichen Gruppen zu unterscheiden: erstere singen lauter und eine halbe Oktave höher. Meist geht es dabei um Liebe, Pfirsichblüten und Nachtigallen, welch letztere sich bei diesem Schrillgesang wohl die Ohren zuhalten würden – äh, haben Nachtigallen Ohren? Gute Frage. Die Antwort des braven Soldaten Schwejk darauf würde wohl lauten: Bitte ergebenst, das ja. Weil, wenn sie nicht hätten Ohren, sie würden nicht heeren ihren eigenen Gesang. Und da kennten – bitte gehorsamst um Vergebung! – genauso gut Chinesen singen.

Aus all dem leiten die Stadtoberen die Berechtigung her, ihren Ort auch Venedig des Ostens zu nennen. Aber das tun sämtliche Orte im Umkreis von hundert Kilometern nach dem Vorbild von Suzhou, da fast alle am Wasser liegen, das von Booten befahren wird. Was also macht den wirklich einzigartigen Charme gerade dieses Städtchens aus?

SchusterwerkstattVielleicht dies: die vielen gemauerten Brücken, deren Spiegelbild sich im Wasser vom Halbbogen zum perfekten Kreis rundet. Die Flußkrebse, in einer roten Wanne mit Wasser gegeneinander kämpfend und auf Kunden wartend. Der alte Schuster, der sich in seiner engen Werkstatt hingebungsvoll und gründlich in der Nase bohrt, weil eben diese nicht kommen. Die malerisch geschuppten Dächer, die sich wie Echsen über die Häuser legen. Die aus Gesteinsritzen das Mauerwerk bekriechenden Spaliere von Brunnen­kresse und Feuerbohnen.

WäscherinDas grüne Wasser der Kanäle, in dem Waschfrauen vom Ufer aus ihre Kreise ziehen. Die ruhigen, kühlen Räume in den alten Herrenhäusern (falls mal gerade keine chinesische Gruppe mit lautsprecherbewaffnet quäkender Führerin hindurchdrängt). Die in vielen Jahrhunderten blankgetretenen Steine der Wege entlang des Wassers. All die unvermutet auftauchenden lauschigen Winkel, wo man für einen stillen Moment ganz mit sich allein ist. Der graue Marmor in den Häusern, die Hausaltäre, das dunkle, verwitterte Holz. Nußbäume, deren starke Äste sich über das Wasser beugen. Karg und streng symmetrisch möblierte Wohnräume von kaiserlicher Schlichtheit und Eleganz. Vergessene Stiegen und Küchenräume mit Eisentöpfen und großen, geschliffenen Messern und Beilen. Die sorgfältig mit Kieselmosaiken ausgelegten Innenhöfe. Die zarten Tuschebilder an den Wänden. Die von weisen Baumeistern geplanten Durchblicke von Hof zu Hof, manchmal bis zu sieben hintereinander.

Zhou Zhuang - WasserstraßeDie schillernd geflammten Spiegelbilder der roten Laternen an den Häusern unter den Brückenbögen. Knorrige, uralte Akazien, deren Wurzeln ihren Saft aus dem grünen Wasser der Kanäle ziehen. Weiß gekalkte Wände und Vorsprünge, von denen Stufen ans Wasser führen. Die Anlegestelle der Boote, wo sie allein mit sich und den daran auf Sitzstöcken angeleinten Kormoranen sind, abgerichtete Haustiere der Fischer, wie bei uns Jagdhund und Falke. Der See Nan Hu, was Südsee heißt, mit seiner fünfzigbögigen Brücke und dem dahinterliegenden Frühling-, Sommer-, Herbst- und Wintergarten. Die meterhohen, durchbohrten Steinsäulen entlang der Kanäle, durch die Bambusstäbe als Geländer geführt sind –

Reicht das?

Kommerz und Andenkenkitsch ist der gleiche wie in allen Orten der Region mit Wasser und einer Hand voll alter Häuser. Und alle zehren sie vom Ruhm Suzhous, dem offiziellen Weltkulturerbe. Doch diese Stadt hat 2,1 Mio. Einwohner und ist ein aufstrebendes Technik­zentrum und längst schon Sonderwirtschaftszone, das unterscheidet sie von Zhou Zhuang. Und wer immer Suzhou auf seinem Reiseplan stehen hat, möge daran erinnert sein, daß diese Stadt umgeben ist von Orten, die nicht die UNESCO-Medaille tragen, aber dennoch sehens- und liebenswert sind. Und aus all diesen ragt Zhou Zhuang nun einmal besonders hervor, den kleinen Abriß oben mag jeder, der dort war, nach Belieben erweitern.

Zhou Zhuang, Eingang und CheckpointDas Mittagessen nehmen wir nach zwei Stunden ausgedehnten Seelenbaumelns im Restaurant eines Golfklubs gleich neben unserem Treffpunkt an der Doppelbrücke ein, wovon sowohl Ersteres als auch Letzteres kaum einer Erwähnung wert sind. Es sei hier nur der Vollständigkeit halber festgehalten. Dies noch: den Zutritt zu diesem Paradies versperrt ein „TICKET CH-ECKTOINT“, an dem eine blaublusige junge Frau mit Ausweiskärtchen am hübschen Busen die Eintrittskarten kontrolliert. Eine Art Wegzoll, den schon der erste Kaiser der südlichen Hauptstadt erhob, als er noch im Amt war.

FischreusenZurück geht es vorbei an ausgedehnten Seen mit Leuchttürmen an den Ufern und den schwarzen Stangenwäldern von Reusen und Reliefs von Fischnetzen im seichten Wasser. Hausboote mit schweren Ziegeldächern und gemauerten und gekalkten Wänden liegen massig im Wasser und schwappen, durch Autoreifen gepuffert, aneinander. Anderswo liegen ganze Herden von flachdümpelden Baggerschiffen nebeneinander und warten auf die Last von Kohle- und Kohlkähnen, die sie auf die Ladeflächen riesiger Lkws mit Ziel Shanghai umschaufeln. Diese neue Metropole verlangt einen steten Versorgungsstrom, wie einst die Südliche Hauptstadt des Kaisers.

Viel Dreck und Müll in dieser Seenlandschaft, der entweder nicht untergeht, weil er schwimmt, oder untergegangen ist und aus dem Wasser ragt, weil er zu sperrig ist. Plötzlich erscheint der massive, graue Rumpf eines Flugzeugträgers martialisch hinter dem die Straße säumenden Buschwerk. Er hat alles: Antennen, Kanonen, Funkmasten, die Dome von Radar­geräten, sogar ein im Katapult lauerndes Jagdflugzeug. Ausrangiert, sagt Herr Chen, nun die an Land gesetzte Attraktion eines Ferienparks für Kinder - Kinder mit roten Halstüchern, denke ich, Junge Pioniere, oder wie man das hier nennt. Ist es noch so, daß selbsternannte Volksbefreiungsdemokratien vornehmlich mit Knüppeln winken müssen, um auf sich und ihre Erfolge die abwartenden Augen der Welt zu lenken?

Mag sein, in der Provinz. Shanghai, dem wir uns nähern, nährt sich aus neuen Ideen, aus dem Leitgedanken, der seit jeher die Menschheit vorantreibt: Profit zu machen. Man hätte den im Eingang zum ostchinesischen Meer ankernden und veralteten Flugzeugträger kost­spielig zersägen müssen – und ist froh und erleichtert über dessen Aufnahme im Hinterland.

Shanghai, Feng Shui am BauMit Annäherung an die Stadt türmen sich zunehmend Bögen betongepflasterter Schnell­straßen auf grauen Pfeilern über unserer Fahrspur. Hinten im Bus entdecke ich, als ich mich zufällig umdrehe, eine schlafende Gesellschaft: die Solinger, Hannoveraner und Berliner, sogar Unterschleißheim und Halle/Saale, also unsere ganze kleine Reisegesellschaft, röchelt mit geschlossenen Augen und in die Polster zurückgelegtem Kopf vor sich hin – ist es denn zu fassen? Da fährt man in eine Stadt ein, in der sich Schnellstraßen, Hochhäuser, Ideen, Strategien und Geld stapeln, und hinten schläft alles, was aus dem Westen kommt? Aber das scheint typisch. Auch im übertragenen Sinn. Im Jammern sind unsere Oberen groß, wenn China mal wieder zweistellige Exportzuwächse meldet. Dabei dehnt der Tiger nur mal die Muskeln, zum Sprung hat er noch gar nicht angesetzt. Wir werden uns noch wundern, auch ich und die, die dort hinten selig schlafen. Es sei der Erschöpfung nach einer langen und anstrengenden Reise durchs Ungewisse zugeschrieben – und ihnen von Herzen vergönnt.

Herr Chen sagt durchs Mikrofon (und weckt damit alle Schlafenden auf), daß nun das offizielle Programm der Reise beendet sei. Es erfordere jedoch nur einen kleinen Umweg, den der Fahrer (Applaus!) gern machen wolle, um diejenigen, die daran interessiert seien, in der Altstadt und in der Nähe des Yu-Gartens abzusetzen. Für deren Rückfahrt zum Hotel sei allerdings selbst Sorge zu tragen. Alle anderen bringe der Bus selbstverständlich zum Hotel. Also, wer jetzt aussteigen will -?

Seiko, Rolex, Breitling & Co.Halb halb. Langsam setzt sich das kleine Grüppchen aus Unentwegten in Bewegung. Wir bleiben an Paul und Erika hängen - oder umgekehrt. Das Viertel um den Yu-Garten ist überschaubar und dennoch eine der Lebensadern dieser großen Stadt. Hier trifft asiatische Bronze auf Designerjeans, Megapixelkamera auf zweisaitig weinende Erhu, Ginsengbonbon auf teigige Marshmallows. Diese Stadt ist ein brodelndes, unausgeglichenes Meer mit daraus aufragend gekrön­ten Hochhaustürmen, in denen die Gewalt sitzt, und ihre Adern und Ganglien schäumen an den Gestaden der alten Marktplätze. Unten gibt es niemand, der die Finanzwelt begreift, oben kaum jemand, der die Märkte kennt. Und so bastelt man munter aufeinander los. Wenn’s oben schief geht, verlegt man Sitz und Interessen in ein anderes Land. Unten hat das weit mehr Aus­wirkungen. Aber das wird dann als allgemeine Unruhe oder gar Terrorismus bezeichnet - was ursprünglich eine Schreckensherrschaft meinte. Wie sich doch die Begriffe verkehren! Gut, daß die Partei das alles im Griff hat. Nicht auszudenken, wenn 1,2 Milliarden Menschen plötzlich losgelassen würden! 

Teehaus und Jin Mao TowerMan muß eine Perspektive haben. Eine gute für ein Foto ist zum Beispiel diejenige über das Dach des alten Teehauses vor dem Yu-Garten hinweg gesehen auf die aluminium­glänzende Spitze des Jin Mao Tower, immer  noch vierthöchstes Gebäude der Welt. Gegen­sätze, wie man sie krasser nicht denken kann.

Shanghai, TaxifahrtIn den Gassen der Altstadt geben wir unser letztes chinesisches Geld aus. Im Hotel habe ich noch einen kleinen Vorrat, das verrate ich meiner Zweitbesten aber nicht, denn bei Abflug werden pro Person noch etwa 100 Yuan Ausreisesteuer fällig. Trotzdem ist am Schluß unsere gemeinsame Taschenkasse soweit geleert, daß Paul noch das Taxi zum Hotel auslegen muß, lächerliche 22 Yuan, nicht mal drei Euro.

Im Hotelzimmer überschlage ich noch einmal meine Barschaft: vierhundert Yuan in knisternden Scheinen befinden sich noch in meiner Gürteltasche. Abzüglich der Hälfte von 22 Yuan fürs Taxi und 200 Yuan Steuer morgen früh bleiben uns noch genau 189 Yuan für den letzten Abend. Gut gewirtschaftet, klopfe ich mir auf die Schulter. Dafür bekommt man an der Hotelbar noch gut und gern zwei Glas Wein und zwei Bier vom Faß.

Beim letzten Abendessen stellt sich dann heraus, daß Dagmar schon vor zwei Tagen in Kunming bekannt gegeben hat, daß die Abflugsteuer seit einer Woche kommentarlos gestrichen ist. Ich als halbseitig Tauber habe ja eine Entschuldigung dafür, daß ich es nicht mitbekommen habe. Doch auch meine Zweitbeste weiß von nichts. Das gibt zu denken.

Fakt ist, daß wir, als auch Paul lachend auf seine 11 Yuan verzichtet, plötzlich in einer sogar für Shanghai nicht unerheblichen Geldmenge von 400 Yuan schwimmen. Klar, daß wir die gemeinsam in einem letzten Absacker an der Hotelbar gemeinsam auf den Kopf hauen! Großzügig halten wir sogar noch Hannelore frei, die pekuniär bis aufs blanke Leder ihres Portemonnaies ausgeblutet ist. Als der Kellner abrechnet, schließe ich Erika, Paul und Hannelore mit ein. Volker, der zwei Bier anmeldet, bügele ich brüsk ab. „No no, separate!“ weise ich den Kellner an. Und kann von meinen 400 Yuan sogar noch ein Trinkgeld geben.

Shanghai International Airport22. Tag, Freitag, 13.10., Rückflug

Sechs Uhr Wecken, sechs Uhr dreißig Koffer vor die Tür und frühstücken, sieben Uhr dreißig Abfahrt zum Flughafen. Das ist kein herkömmlicher Urlaub, sind keine Ferien à la Monsieur Hulot mit Kleppermantel und Faltboot in Tatis berühmtem Film – das ist Kasernen­hof­drill, der Preis von Erleben und Erfahren.

Good old fellow - but no necessity anymore for Nescafé!Und das ist es, was uns die letzten drei anstrengenden und beglückenden Wochen in Atem gehalten hat: den Westen Chinas buchstäblich zu er-„fahren“. Nun brauchen wir auch den irgendwann erstandenen Nescafé nicht mehr als Muntermacher, er bleibt auf einer der harten Metallsitzbänke in der Abflug-Lounge des International Airport Shanghai zurück.

Pünktlich 11:30 Uhr hebt der Flieger ab. Keine Wolken, strahlender Himmel, klare Sicht. Ein Tagflug mit Sonne und Weltzeit fast um die halbe Erde. Abends gegen sechs Uhr Ortszeit landen wir in Frankfurt. Beim Abschied, als alle ihre Koffer vom Laufband geangelt haben, reiche ich sogar Volker die Hand und nuschele etwas wie „... hammamal Differenzen gehabt. Aber deswegen doch keine Feindschaft. Also, komm gut nach Hause, du!“ Er hat meine Hand gedrückt und auch was genuschelt, aber was, das weiß ich nicht mehr. Frieden.

Daheim, in Bonn auf dem Bahnsteig, haben meine Zweitbeste und ich erstmal je eine Brat­wurst mit Senf und Brot erstanden und gierig verschlungen. Als Medizin gegen das China-Syndrom, das sich in zehn Gängen von Eßbarem auf einer drehbaren Glasplatte äußert.

Hmmm! Lecker!In China gibt es nämlich keine Bratwurst. Aber hier.