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Hinweis: die meisten Fotos entstammen, anders als die Reisebeschreibung, überwiegend einer neuerlichen Flußreise im Jahr 2008.

Lenin - ein Ladenhüter?Abend in Kiew

Natürlich war es Zufall. Als Auftakt ein Riesenspektakel - aber ihr Lieben, all ihr Einwohner von Kiew, der Hauptstadt der Ukraine: wäre das denn nötig gewesen? Und alles nur für uns? Zumal dieses Feuerwerk - einfach irre! – Es war reiner Zufall. Die Stadt hatte nichts weniger als uns paar hergeflogene Touristen im Sinn.

Zum ersten Mal feierte Kiew dieses Fest am letzten Mai­wochen­ende des Jahres 1992, ausgerichtet von ihrer Kaufmannschaft. Am 24. August des Jahres zuvor hatte das ukrainische Parlament die provisorische Unabhängigkeit vom sich auflösenden Koloß UdSSR erklärt und am 1. Dezember durch einen Volksentscheid bestätigt und gefestigt. Wenn das kein Grund war! In der Folge wurde dieses Ereignis nun alljährlich wiederholt, mittlerweile besitzt es wohl Status langjähriger Tradition.

Von Frankfurt kommend landete unsere Maschine am Sonntag Nachmittag auf dem Kiewer Flughafen Borispil. Wir hatten eine Schiffsfahrt auf dem Dnepr gebucht, von der Metropole über Odessa zur Krim und zurück, und waren voll gespanntester Erwartung. Die Jahreszeit: Ende Mai, im letzten Jahr des ausgehenden Jahrhunderts und –tausends.

An Bord des Hotelschiffs General Lavrinenkov – dessen Namensgeber ein bekannter Testpilot gewesen sein soll – empfing man uns mit Brot und Salz, von zwei buntbestickten Mädchen dunkelhaarig in Landestracht am Ende der Gangway offeriert und von einem Kalinka, Kalinka und ähnlich russische Folklore aus seinem Yamaha Keyboard quetschenden Musiker auf dem Oberdeck begleitet.

Das Brot schmeckte süß, auch dem, der symbolisch nur Krümchen brach und scheinbar in den Mund steckte. Selbst die Mädchen lächelten süß. Wer weiß, wie sie sich vor uns städterbleich wie die Maden einer nach dem anderen an Bord drängenden Touristen geekelt haben mögen. Zurück zur Stadt und ihrem denkwürdigen Festtag: vom Schiff aus sahen wir die Menschen in stetem Strom über die hohe Fußgänger­brücke zur Truchanowinsel ziehen, dem großen Erholungspark inmitten des Dnepr, gegenüber und östlich der Kiewer Altstadt gelegen. Selbst in ihrem Tragwerk krochen Menschlein herum, von ferne vergleichbar mit Ameisen und gut siebzig Meter über dem Wasserspiegel; so hoch jedenfalls schätzte ich die beiden Pylone und die höchsten Stellen der armdick zwischen ihnen durchhängenden Tragseile. Ein Mordsspaß für junge Leute, dachte ich. Bungeejumping war ihnen bestimmt nicht unbekannt, allenfalls daß es sich mit kyrillischen Lettern schrieb, aber den meisten dürfte es an Geld für solch Kitzel gemangelt haben, und so taten sie dies.

An Bord des "Generals"Als die Koffer ausgepackt und ihre Inhalte leidlich auf die Schränke der zweckmäßig aber eng möblierten Kabinen verteilt waren, strebten wir den umgekehrten Weg von Bord und mischten uns erlebnishungrig und ganz erheblich leichter bekleidet unter das feiernde Kiewer Volk. Von Frankfurts böiger und jackenheischender Piste nach hier schien die Differenz in der Temperatur mindestens fünfundzwanzig Grad auszumachen. Also herrschten etwa vierzig Grad Brutto. Minus Tara, den an Bord gelassenen Jacken, immer noch gut fünfunddreißig.

Durch alle Straßen quoll Menschenbewegung. Das schob und stieß sich, und die Brücke über die Nabereshne Schose, auf der die Fußgänger verkehren mußten, weil unten quer der so bezeichneten Straße entlang des Dnepr wegen des dichten und rasanten Autoverkehrs kein Durchkommen war, diese Brücke also schwankte merklich unter Schritt und Gewicht der Massen. Sie war - und ist wohl noch - aus Stahlbeton gefertigt, Gott sei Dank. Dennoch erschien sie uns mürbe und auf subtile Weise hinfällig. Als wir herüben waren, atmeten wir auf.

Jenseits, wohin die Brücke einen entläßt, ein gelbes M für McDonalds und ein anderes, graugrün und unscheinbar, für die Metro. Beide auf Pfählen. Vor dem Bulettentempel mit dem blauen Dach scheuchen Befugte in weißer Papiermütze und rot-weiß gestreiftem Kittel bettelnde Kinder und sonstige Unbefugte fort. Drin sitzen nur wenig Leute. Durch blanke Glasscheiben werden sie von denen, die draußen passieren, angestarrt, und die drin sonnen sich im Licht aus Aufmerksamkeit und scheuem Bewundern. Kinder wühlen in den Abfallkörben und suchen nach Plastiktüten. Die haben hier Gewicht, je nach Aufdruck, das staffelt sich. Man geht damit einkaufen, und die Tüte von Benetton sichert einem auf jeder Party – ansonsten völlig wildfremder Menschen - freien Eintritt. Man ist süchtig nach den Ausdünstungen des Westens. Was dort nach dem Krieg die von GI’s verschenkten Nylons waren, sind hier Einkaufstüten. Die wirft niemand weg, und deswegen findet auch keins der in den Abfallkörben suchenden Kinder derartiges. So begnügen sie sich mit aufgerissenen Verpackungen von Eisportionen. In Vorortgebieten lassen sich die bunten Fetzen noch für gut und gerne fünf Kopeken an andere Kinder verkaufen, die nie in ihrem Leben den Unterschied zwischen Metro und McDonalds kennenlernen werden, weil allein das Fahrgeld – zwei Griwna in die Stadt – eine unerschwingliche Barriere zwischen Möchten und Haben errichtet. Fünf Kopeken jedoch, die haben sie übrig. Und dann schneiden sie sich die bunten Plastikbilder aus und heften sie an die Wand, gleich neben das Plakat des Zuchtbullen Witja, der ’94 zwölf munteren Kälbchen zum Leben verholfen haben soll.

Hinauf in die Altstadt und zugleich ins Zentrum führen dreierlei: eine sparsam mit holprigen Steinen, um so freigebiger aber mit großen Lücken dazwischen belegte Gasse; ferner eine Zahnradbahn, Funikuler genannt; und schließlich die Metro, von der in einem Schlußkapitel noch zu berichten sein wird. Wir erklimmen die Gasse.

Links und rechts Flohmarktstände. Dazwischen Menschenströme, einer rauf, der andere runter. Zwei Mädchen fragen, erhitzt die Stirn wischend, nach der Zeit: Katory Tschass? Ich deute auf die Uhr an meinem Handgelenk, weise auf deren Zifferblatt: ach Gott, es zeigt noch Frankfurter Zeit. Hier ist man bereits eine Stunde weiter. Die Zeigefinger zu einem Pluszeichen zusammenlegend und danach beide Daumen hebend, bedeute ich ihnen: Nicht Zehn! Ist schon Elf! Elf Uhr!!

Sie lachen. Eine küßt die Uhr an meinem Handgelenk und wirft übermütig die Arme in die Luft – da werde ich wohl schuld an einer Kiewer Tragödie. Schuld, am 28. Mai des Jahres 2000 die falsche, nämlich mitteleuropäische Uhrzeit mit mir herumgetragen zu haben. Und, daß zwei junge Frauen infolge dieser falsch vermittelten Uhrzeit eine Stunde zu spät nach Hause kommen. Da werden ihnen ihre Männer ganz schöne Szenen machen. Und ich bin schuld. Nur, weil ich nicht genügend Russisch oder Ukrainisch kann - die armen Frauen! Ich suche sie, will ihnen adinatzatj tschissow zurufen: elf Uhr - doch sie sind entschwunden. Entschwunden im Gewühl, das rauf und runter quirlt und wie schwappende Flüssigkeit keinerlei Erinnerung an gerade eben noch festgestandene Bilder zu halten weiß. Die Stadt ist im Fluß, und wir lassen uns in ihm nur zu willig treiben.

Ein Alter, gekleidet in glänzende Fetzen, schimmernde Rüstung seines Non­kon­for­mis­mus’, zieht hinter sich am Strick eine glänzende Metallrolle den Berg hinauf. Die scheppert auf den uralten Kopfsteinen, tanzt und hüpft den Leuten um die Füße, wie auch ihr Besitzer die Straße hinauf und hinunter tanzt, und beide zusammen erzeugen einen respektablen Lärm. Es scheint, als veranstalte da ein Mensch seine sehr private Hexenvertreibung, und alles läßt ihn gewähren. In einer Glocke aus Mißklang und schrillem Ereignis entschwindet dieser sonderbare Zeitgenosse in einer der Seitengassen.

Das Fenster: vergittert aber offen, gewährt es Einblick in ein Zimmer, an dessen Stirnseite auf einem Bord über der dortigen Tür Gemälde gesammelt scheinen. Man sieht Ränder leinwandbezogener Holzrahmen, lauter gemalte Geheimnisse. Ich fotografiere Fenster samt Zimmer dahinter.

Eine Frau tritt heraus. Bedeutet uns, hereinzukommen. Wir zögern. Sie winkt herein, lächelt, öffnet die Arme – man muß: fremdes Land, dem man sich kaum entziehen kann.

Künstleratelier in der Altstadt von KiewDrinnen Kerzenlicht, Andacht, glutvolle Stille. Daraus schält sich ein Barett, darunter ein junges Kalmückengesicht, weiblich: Von allen hier spreche sie allein das bißchen Englisch - muß sie wohl dableiben als Dolmetsch, sagt es. Wir nicken. Und dann redet plötzlich jeder auf jeden ein, und dieses arme Kalmückengesicht unter dem Barett muß alles übersetzen.

Der etwa Dreißigjährige, der wie der fusselig bebartete Beikoch eines schwäbischen Spätzle­restaurants wirkt, scheint der painter und somit Schöpfer all der ungerahmten Gemälde über der Tür zu sein. You wanna buy some? fragt die mit dem Barett. Ach Gott, wir haben noch nicht mal Geld getauscht, und jetzt: nur ein paar Dollars und Deutschmark haben wir bei uns, gerade genug, um droben in der Altstadt etwas zu trinken - falls wir da noch hinkommen sollten.

No no, only looking, radebrecht meine Frau. Ich schwitze und fotografiere die Südseite des Raumes, in der sich ein tatarisch anmutendes Paar unter just dem Fenster aufhält, durch das ich anfangs mit meiner Kamera hineinschoß. Cheese kann die Frau und spreizt die Lippen. Er sitzt im Unterhemd und zeigt braungebrannt zwei Schläuche voller Oberarmmuskeln. Ungerührt. Was braucht er Käse im Mund, vor ihm steht eine halbvolle Flasche Bier.

Als ich mich umwende, zieht der Maler gerade hinter einem Stapel Bilder auf einem Bord an der Wand eine gerahmte Kreidezeichnung hervor und reicht sie meiner Frau, die sie interessiert betrachtet. Prresent, sagt der Maler, iet ies a prresent! Dabei lächelt er und läßt keinen Blick von dem Bild.

Oh no! No no no! stammelt meine Frau und sieht mich hilfesuchend an. Sag ihm, wir können das nicht annehmen, bedeutet mir ihr Blick, wo ist der Trick, hier hat doch niemand was zu verschenken!

Yes yes yes, beharrt der Maler und greift lächelnd nach dem Unterarm meiner Frau, a prresent!

Interessante Situation. Ich sehe zu, wie meine Frau die Geldbörse zieht, ihr einen Schein entnimmt und ihn dem Künstler reicht.

No no no! protestiert der und wehrt den schnöden Mammon ab: a prresent! Irgendwie gelingt es meiner Frau dennoch, ihm den Schein in die Hand zu drücken.

Ist das nicht verrückt? Meldet sich auf Englisch das kalmückische Mädchen mit dem Barett; da malt einer, möchte vom Verkauf seiner Bilder leben, müßte deswegen Englisch sprechen, denn nur Touristen können sie kaufen, von denen aber niemand seine Sprache spricht, und alles was er weiß, ist: iet ies a prresent! Mein Gott, der Verrückte verschenkt sie!

Alles lacht. In der allgemeinen Bewegung will der Maler heimlich meiner Frau das Geld zurück in die Handtasche stecken, ich fange seine Hand ab, nehme den Schein und schiebe ihn ihm in die Tasche seiner ausgebleichten Jeans: It’s a present! befehle ich grimmig und dulde keinerlei Widerspruch: Okay?

Okay. Alle rücken zusammen zum Gruppenfoto. Der Maler lächelt, legt die Hände auf die Schultern meiner Frau und die der Kalmückin, wartet, daß ich abdrücke. Draußen dann noch die Frau, die uns hereingelotst hatte. Im Treppenhaus, unter dem pergamentenen Angelus, nimmt sie Aufstellung, wird fotografiert. Mit dem Versprechen, morgen wiederzukehren, werden wir an die schwüle und vom Strom der Masse lärmige Abendluft entlassen. Aus der Handtasche gefischt, birgt ein guter deutscher Jutebeutel das Kreidebild, das uns von nun an die Gasse aufwärts begleitet. Hinter Glas und deswegen sehr zerbrechlich. Der Maler heißt Chologuf oder Chologub, so genau ist sein Signet nicht zu entziffern. Vielleicht wird er ja mal berühmt.

Es dämmert. Die Stände voller Matrjoschkas, Andenken, Gemälden und sonstigem Kitsch schwimmen in eigenartig messingfarbenem Licht. Gleich Rom bettet sich die Stadt auf sieben Hügel, von oben glänzen im späten Schein der Sonne einige Kolossalbauten herunter. Barocken und goldverziert schweben Zwiebelkuppeln über dem Hang, den Gebüsch hinauf wuchert. Unten präsentiert das Brüder-Kloster seine grünen Türme, daneben locken ocker restaurierte Bauten mit erleuchteten Fenstern. Überall Grüppchen beim Lachen, Trinken, Diskutieren, Grillen. Die Häuser der Stadt haben ihre Bewohner ausgespieen und auf Plätze, Straßen und Seitenwege verteilt. Nu schto.

Linkerhand jetzt ein halb verborgenes Schild: Panorama Café. Gleich dahinter eine Treppe, Stahl mit ausgetretenen, steilen Holzstufen. Wir erklimmen sie, ich hinter einer wohlproportionierten Dame, die ihre Hüften zu bewegen weiß. Ich ihr - womöglich schaut auch mir jemand auf den Hintern, während ich die Treppe hinansteige. Oben endet sie auf einem Plateau.

Unter den Schuhen knirscht weißer Kies, in dessen Randbereichen soll ein verrostetes und wackeliges Geländer vor jähem Absturz schützen. Man scheint wohl beraten, sich nicht allzu vertrauensvoll dagegen zu lehnen. Am Rand, auf einem Zementbrocken gleich über dem Abhang, ragt ein Fernrohr mit Münzeinwurf. Wie ein Schiffsgeschütz. Darunter breiten sich Altstadt und – getrennt durch den Lauf des Dnepr – die östlichen Vorstädte mit ihren Schlaftürmen. Kiew ist eine weiße Stadt, jedenfalls von oben und somit weitem betrachtet.

Rechts das besagte Panorama Café: Stühle und Tische sind unter Bäumen plaziert, aus deren Zweigen Ketten winziger Lichter gegen den verdämmernden Tag anglimmen. Das ganze wird kontrolliert und dirigiert von einem der Bierpilze, wie sie in Deutschland auf jedem öffentlichen Fest zu finden sind. Dieser hier verspricht Bitburger vom Faß. Ein junger Mann im Inneren des Thekenrunds ist mit Papieren beschäftigt, die er nervös auf der Suche nach irgend etwas durchblättert. Ich lege den Arm auf das Schankbrett und räuspere mich.

Er blickt auf, und sofort weiß ich, daß er in mir den Touristen erkennt: Yes, Sir? Erleichtert lege ich die mühsam auf Russisch zusammengehäkelte Frage beiseite und erkundige mich in gleicher Sprache: Is it possible to pay with Dollars?

Den Blick konzentriert zum Himmel gewandt, lauscht er meiner Frage nach. Yes yes yes yes, beantwortet er sie und schiebt mir die Karte über die Theke, sein Finger liegt dabei auf den Getränken: These prices are in Griwna. You have to divide them by five, Sir. Yes yes yes, no problem to pay with Dollars. Ich sehe, er würde mir gerne mehr ausführen, aber da geht es ihm wie mir: man kratzt mit kümmerlichen Sprachkenntnissen nur an der Oberfläche, und das reicht allenfalls aus, dem Gegenüber ein verstehendes Lächeln zu entlocken. Meine Frau und ich wählen einen Zweiertisch unter den Bäumen.

Ein anderer junger Mann tritt herzu, entbietet artig einen Guten Abend und erkundigt sich nach unserem Begehr. Auf Deutsch. Sonst bin ich es, der immer bestellen muß, doch nun blüht meine Frau auf: Ich hätte gern eine herbe Weißweinschorle, mutet sie keck dem jungen Mann zu. Und ich ein Bier, füge ich an und zeige mit der Spanne beider Zeigefinger, wie groß es sein soll.

Tak, sagt der junge Mann, eine Bier, chalbe Literr, und – was ist Weißweinschorrrle?

Aha, also doch wieder. Vinoa, bedeute ich ihm, bjelaje, c miniralnaja wada, pashalsta. Er nickt: Eine große Bier und Weißweinschorrrle. Ab.

Was kommt, von einem schlanken, hübschen und flinken Mädchen serviert, ist ein halber Liter Bier, kein Bitburger, gleichwohl süffig. Und die Weißweinschorrrle: ein Probiergläschen weißer und keineswegs herber Krimwein, etwa 4cl, dazu ein halber Liter Mineralwasser in noch verkorkter Flasche. Ich nehme einen großen Schluck Bier. Meine Frau lächelt süßlich und winkt den jungen Mann wieder heran, der, den Arm auf der Theke, am Bierpilz lehnt und den Werdegang seiner Weinschorrrle beobachtet.

Ja bitte? eilt er hinzu. Also, sagt meine Frau und schaut ihm angriffslustig in die Augen. Die sind blau, und hinten am Kopf hat er sein dunkles Haar zum Schwänzchen gebündelt. Sehr hübsch sieht das aus. Also, sagt meine Frau und schaut mich an: Na klar - Vinoa, jischschoa, bestelle ich bei dem jungen Mann und deute mit den Fingern beider Hände etwa einen Viertelliter an.

Tak. Sie bekam, was sie wollte. In Heidelberg hat er studiert, natürlich Germanistik. Und jetzt, fragt sie: Was machen Sie jetzt?

 Na, Sie sehen doch, Kellner. Verdient man gut. Muß ich nur noch lernen Französisch. Dann alles paletti.

Paletti klingt italienisch, werfe ich ein.

Da können Sie sehen. Spreche ich Sprache, die ich nie gelernt chabe.

Allmählich füllt sich der Platz. Tische werden zusammengeschoben, Familien wählen aus und bestellen Essen. Das Tageslicht ist längst verloschen. Da kommen zwei Typen die Treppe hoch, Saxophon und Gitarre, stellen sich auf. Wippen dreimal mit den Fußspitzen und legen los: Gershwin, Summertime.

Sommerabend in Kiew... and the living is easy! Das hat was. Da baumelt etwas von hier oben über der Stadt auf unser Schiff herab, und eigentlich müßten wir längst an Bord sein, aber die beiden Musiker halten uns hier oben klampfend und blasend fest, von wo man jetzt über die entflammte Stadt mit ihren Lichtern schaut, und wir können uns gar nicht sattsehen an ihr. Wir bezahlen. Etwas über zwei Dollar, sagt der gute Mensch aus Heidelberg. Wir geben ihm vier. Und wissen genau, daß er überzahlt ist und wir die Preise verderben. ... and the living is easy! Uns ist nun mal nach Trinkgeld, und ob wir damit die Preise verderben, kann uns doch piepegal sein.

Zurück zum Schiff sind wir mehr als einmal in Gefahr, überfahren zu werden. Als wir auf der Brücke über den Nabereshne Schose sind, explodiert hinter dem Hügel der Oberstadt das Feuerwerk. Bei jedem Lichtblitz geht ein Raunen durch die Menge: Aah! Ohh! Wir, die verwöhnten Westler, können uns kaum noch über so etwas wie ein Feuerwerk freuen. Das wird abgehakt. Hier oben auf der Brücke aber ergötzen sich Familien mit Kindern, Singles und zufällig Hereingeschneite an allem, und jedes besondere Aufglühen am Himmel wird bejubelt, spontan und begeistert.

Summertime, näselte das Saxophon - hakte es nicht paßgenau in diese beseligte Stimmung?

Reise 2008: Unser Marschall KoschewojMontag, immer noch in Kiew

Die Nacht war lang und zermürbend. Drei Schiffe, gleich groß und die zwei anderen exakte Kopien der General Lavrinenkov, welcher, wie man weiß, ein bekannter Testpilot war, dümpeln am Anleger des Kiewer Flußhafens Postovij parallel miteinander über Stege verbunden am Kai, und in jedem der Drei dröhnt tief unten, doch sehr vernehmlich, ein Generator, denn die Schiffe erzeugen ihren Strom selbst. Alle entstammen derselben Werft in Boitzenburg, der ehemaligen Elbe-Werft der ehemaligen deutschn kratschn Replik, wie deren ehemaliger Vorsitzender ihres ehemaligen Staatsrats dieses ehemalige Gebilde jenseits der Elbe in eingerostet ehemaligem saarländischem Dachdeckerdialekt nuschelnd nannte. Man weiß, daß man mit vollem Bauch schlecht schläft, das gestrige Abendessen um sieben fuhr drei Gänge auf, natürlich ließen wir keinen aus: der Reiz des Ungekannten. Es war das erste und einzige Mal. Später agierten wir vorsichtiger, Nachtisch ließen wir künftig meist gar nicht erst servieren. Das funktionierte ohne viel Worte, indem man den Resten des Hauptganges den Dessertlöffel beifügte. Wo nämlich das adäquate Besteckteil fehlte, wurde der zugehörige Gang nicht serviert. Sehr einfach und folgerichtig.

Die Nacht: drei Schiffe, deren stampfende Generatoren den Reisenden unisono in den Ohren lagen. Dazu ein mehrgängiges Abendmenü, das im Magen drückte. Ferner schwarz schwap­pendes, glucksendes Wasser vor dem Kajütfenster, das man der im Schiffseisen gefangenen Tagesglut wegen nicht schließen mochte, und auf dem Kai bis spät in die Nacht hinein hunderte aufgekratzt flanierender Menschen, die unbekümmert und lautstark feierten! Jawohl, die Nacht war lang und anstrengend, aber jetzt ist Montag, und ganz gewiß beginnen viele Kiewer diesen Tag mit allerlei Schwierigkeiten. Wir zählen nicht dazu, uns reicht der junge Morgen, der mit Seitwärtsgehen und Anlegen eines rostigen Kahns anbricht, welcher aus drei runden Tanks vor seiner Brücke zähflüssiges Öl in den untersten Schiffsbauch des Generals pumpt und sich Saprawschtschik nennt. Was laut Wörterbuch etwas mit Tankstelle zu tun hat. Wohingegen der General – oh ja, wer, wenn nicht wir, wüßte nicht bereits darum! – ein bekannter Testpilot war. Wir haben das Schiff erkundet, im vierten Deck hängt sein Konterfei, fünfzig auf achtzig, in Kupfer getrieben: mit Lederhaube, Sturzbrille und flatterndem Schal wirkt er wie dunnemals Vierzehn-Achtzehn der Rote Baron, Ferdinand Freiherr von Richthofen. Nur daß dieser im Gegensatz zum Genossen Lavrinenkov kein Kommunist war.

Also Montag.

Nach opulentem Frühstücksbuffet mit Rührei und Schinken, Melone, Apfelschnitten, Kaffee und einem lockerkrumigen Schwarzbrot – tschornij chleb -, das es so bei uns seit langem nicht mehr gibt, stehen draußen vor den Schiffen am Kai die Busse zur Stadtrundfahrt bereit. Drei für die Deutschen und je einer für Schweizer, Franzosen und Briten. In jedem Bus ein Führer, der jeweiligen Sprache mächtig. Unser mächtiger Führer heißt Viktor und wer ihn gut kennt (oder ihm schon mal ein paar Dollar als Trinkgeld gegeben hat), darf ihn Witja nennen. Witja ist wenig über dreißig Jahre alt, trägt einen schwarzen Bart und weiß mindestens tausend Witze.

Natürlich auf Deutsch. Er ist Lehrer, Germanist, hat aber nie in diesem Beruf gearbeitet. Der junge Staat Ukraine hätte ihn zwar brauchen aber nicht bezahlen können. Und so ist Witja seit fünf Jahren Freischaffender mit – durch Trinkgelder - vergleichsweise gutem und regelmäßigem Einkommen. Dafür jedoch hat er von Mai bis Oktober auch nicht ein freies Wochenende. Bis auf dieses: seinen Bus übernahm am zweiten Tag unserer Reise eine füllige Blondine, sie wohnt hier und wandelt durch diese Stadt, wie sie das im Inneren ihrer eigenen Handtasche tun würde, wenn das aus irgendeinem schwer zu konstruierenden Grunde notwendig wäre. Viktor bekam drei Tage Urlaub genehmigt, um zu seinen Eltern in Odessa zu fahren, von wo er stammt; streng genommen, kennen wir ihn also noch gar nicht, erst am vierten Tag wird er in Erscheinung treten. Aber nun, da er einmal beschrieben ist, verursacht das später keine Arbeit mehr. Denn das Procedere mit den national befüllten Bussen bleibt während der ganzen Reise gleich.

Die füllige Blondine heißt Jelisaweta. Unser Bus bringt uns in die Oberstadt, wo sie so recht loslegen kann: hier überfällt einen die Historie hinter jeder Straßenbiegung; drei Kernpunkte nämlich hatte das historische Kiew: die Oberstadt mit dem Palast des Fürsten, den Häusern der Adligen, der Sophien-Kathedrale und dem Goldenen Tor als prunkvollem Zugang; ferner die Unterstadt (Podil), das Viertel der Handwerker und Kaufleute unten am Hafen, das wir gestern bereits kennenlernten. Schließlich noch die südliche Vorstadt, welche um das einzigartige Höhlen­kloster, die Kiewo-Petscherska Lawra, entstand. Die alten Stadtteile liegen sämtlich an den steilen Hängen der Westufer des Dnepr. Ihnen gegenüber breiten sich die moderneren aber beileibe nicht schöneren Viertel über die weite Ebene nach Osten aus. Irgendwo dort hinten im Dunst liegt auch Borispil, der Flughafen, eine halbe Stunde Autobahn von der Hauptstadt Kiew entfernt.

Zuerst das Historische Museum, das wir aber nicht betreten. Von hier jedoch hat man einen herrlichen Blick auf Unterstadt und Dnepr. Ein asketischer, durchscheinend wirkender Mensch sitzt auf der einzigen Bank im frischen Sonnenschein des frühen Tages, spielt die Bandura, ein Instrument, das mit seinen dreiundsechzig Saiten wohl gestimmt sein will, und singt dazu, ähnlich durchscheinend, mit hell wohltönender Kastra­ten­stimme. Jelisaweta behauptet, er sei Rentner, der sich auf diese Weise etwas hinzuverdiene. Man fühlt sich an Troubadix erinnert, den Barden, den die von keiner Kultur beleckten Bewohner eines gallischen Dorfes an Bäume fesselten und mit Mundpflastern versahen, weil sie seine süßlichen Verse nicht mehr ertrugen. Dieser hier singt eine alte Volksweise und läßt dazu die Bandura unter seinen Fingern zerbrechlich erzithern. Bandura klingt nämlich ähnlich der Waldzither, zart und wie unter immergrün dämpfenden Blättern hervor. Seitlich des Museums sind Grabsteine zu besichtigen, grobschlächtig verwitterte Figuren, männlich wie auch weiblich, mit müde im Schoß gefalteten Händen, deren Entstehung bis kurz nach Christi Geburt zurückreichen soll. Später werden wir noch weitere dieser tatarischem Ursprung zugeschriebenen Figuren sehen. Einige sollen bis zu fünftausend Jahre alt sein.

Jelisaweta: wenn sie spricht, rollt sie blaue Augen, runzelt und hebt die dunkel gemalten blonden Brauen, deutet und sticht hart mit korpulentem Zeigefinger in linde Morgenluft, als erzähle sie einer Runde offenen Mäulchens lauschender Kinder ein spannendes Märchen. Währenddem hält sie mit der Linken unbeirrt das Schild mit der Aufschrift General Lavrinenkov, Bus 1, Viktor in die Höhe. Dabei sind es Erwachsene, gestandene Leute, welche die Mitte ihres Lebens längst hinter sich wissen, die da mit offenem Mund an ihren Lippen hängen. Diese natürliche Begabung zum fesselnden Vortrag wird uns im weiteren Verlauf der Reise bei Russen und Ukrainern noch oft begegnen.

Einstweilen hängen unsere Augen gebannt an Jelisawetas Lippen, sie weiß um ihre Wirkung und baut sie lächelnd aus. Auf dem Platz neben dem Museum drei behauene und aneinander gefügte Monolithen, deren schnörkelig verwitterte Inschriften an die Kiewer Rus erinnern, in deren Nachfolge dieses riesig gewachsene Reich steht, welches durch zehn Zeitzonen reicht: Rußland. Die Ukraine, als Mutterschoß dieses unregierbaren Monstrums, welche sich erstmals seit Zusammenbruch des Sowjetreiches in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Unabhängigkeit erkämpfte, legt Wert auf die Aussprache ihres Namens: Ukraine, a-i als ei gesprochen, das bedeutet Land. Die Russen aber, von denen sich die Ukraine mehr und mehr distanziert, nannten dieses Land durch die Jahrhunderte ihrer Besetzung Ukra-i-ne, mit Betonung auf dem i: Grenzland. Das mögen sie heute nicht mehr hören, die Ukrainer. Sie sind stolz geworden auf ihr Land und fühlen sich von Rußland kaum noch abhängig.

In der jetzigen Grünanlage vor dem Museum stand einst die erste Kirche Kiews aus dem 10. Jahrhundert. Man hat den Verlauf der Grundmauern des im Jahr 1240 von Mongolen zerstörten Bauwerkes mit im Rasen vermörtelten Basaltsteinen kenntlich gemacht und das Areal durch gußeiserne Poller und dazwischen gehängte Eisenketten umzäunt. Ukraine: ein Land, das auf Tradition pocht, mehr und mehr die eigene.

Flächenmäßig ist es nach dem europäischen Rußland das zweitgrößte Land Europas, und in Bonn gehört ihm zusammen mit der russischen Föderation das weite Areal der früheren sowjetischen Botschaft in Schweinheim, einem Ortsteil Bad Godesbergs. Mit dem Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin wurde die Botschaft obsolet, und die Russen suchten das Gelände zu verkaufen, da sie in Berlin (Ost) bereits zu DDR-Zeiten ansässig waren und somit nach der Wende auf eine fertige Botschaft zurückgreifen konnten. Ging aber nicht, da neben ihnen die Ukraine als Eigentümerin im Bonner Grundbuch eingetragen war. Und die, darauf angesprochen, meinte, im Augenblick habe sie Wichtigeres zu tun, was ihr neues Selbstbewußtsein ins rechte Licht rückt. Jedenfalls ist die Ukraine in Schweinheim noch vertreten. In einem Komplex, der vergangenen Sowjetzeiten angemessen war. Nun hausen sie da alleine, weil die Russen sich nach Berlin verzogen haben.

AndreaskircheWieder Kiew: nur wenige Schritte, und wir stehen vor den grün-goldenen Kuppeln der Andreaskirche, 90 Meter über dem Dnepr an einem Steilhang gelegen. Zu den weißen, mit Blau abgesetzten Säulen und Mauern führt eine breite Freitreppe mit wenigstens vierzig Stufen empor. Von hier geht der Blick weit über die Unterstadt am Fluß auf das linke Ufer und hinaus in die von stalinistischen Bauten bestandene Ebene. Diese Stelle wählte der Architekt Bartolomeo Rastrelli – bekannt für seine Bauten in St. Petersburg -, um die in mancher Hinsicht wohl vollendetste Barockkirche Kiews zu errichten. Sie entstand um 1750 nach seinen Plänen unter der Leitung von Iwan Mitscherin. In ihrem lichten Inneren sollen die hohe, rotgoldene Ikonostase und die reiche Ausschmückung besonders gut zur Geltung kommen. Leider ist sie geschlossen, zur Zeit wird sie renoviert.

Vorbei an der Kirche führt der steile, gepflasterte Andrejewskij Uzviz (Andreas-Steig), eine der ältesten Straßen Kiews, hinunter in das Handwerker- und Kaufmannsviertel Podil. Nun sehen wir, daß er es war, den wir gestern abend auf der Suche nach der eleganten Silhouette der von vier Zwiebeltürmen umgebenen Hauptkuppel, welche von unten gesehen über der Stadt zu schweben scheint, in umgekehrter Richtung erklommen hatten, aber am Panorama Café aufgaben. Nur hundert Meter weiter bergauf, hinter einer Biegung, hätten wir vor deren großer Freitreppe gestanden.

Heute haben Händler auf dem schattigen Platz davor ihre Stände aufgeschlagen. Lenin, in rote Wandteppiche gestickt, geht immer noch gut: hervorragend geeignet als hippe Badeunterlage am Strand der Truchanowinsel mitten im Dnepr, ein echter Hingucker. Jelzin als Matrjoschka – das geht weniger gut. Er ist in Rußland out und erst hier schon lange, ein Ladenhüter.

Küß die Hand - der Schneider und die PutzmacherinNahebei ein Amtsgebäude, Polizisten mit Revolvern an der Hüfte gehen dort ein und aus. Davor zwei Figuren aus silbrigem Metall, der Kleidung nach der Puschkinzeit entstammend: ein elegant gekleideter Herr, vor einer Dame kniend, ihre Hand zierlich ergreifend und just im Begriff, diese an seine Lippen zu ziehen, auf dem Oberschenkel abgelegt der Chapeau-Claque des Herrn von Welt; die Dame, huldreich ihm den Arm überlassend, schürzt das Kleid und hebt den Kopf, was ihre körperlichen Vorzüge sehr zur Geltung bringt. Auf dem Sockel, zwischen beiden, eine frische rote Rose - ja, so etwas lieben die Slawen!

Jelisaweta erklärt, das anmutige Denkmal gehe auf einen armen Schneider und eine hübsche Putzmacherin zurück, die beide, in fremder, ihnen anvertrauter Kleidung hochstapelnd, sich unsterblich ineinander verliebt hatten. Und dann kam alles raus, und plötzlich waren sie wieder sterblich. Ja, solche Geschichten lieben die Slawen und erneuern täglich die blutrote Rose zu Füßen der beiden silbern ineinander Verliebten.

Eine Stadtbesichtigung mit dem Bus geht so, daß man eingangs den Bus besteigt und ihm irgendwann wieder entsteigt: wenn es nämlich etwas zu sehen gibt. Wenn das erledigt ist, geht es normalerweise wieder in den Bus und weiter. Also winkt Jelisaweta mit dem Schild, sie muß die nächste Sehenswürdigkeit ansteuern: Alles einsteigen!

Pustekuchen.

Eine Traube älterer Herrschaften umringt noch die Händler und feilscht um den Preis von Postkarten. Einer interessiert sich für einen knotigen Spazierstock, den ihm ein lustig altes Mütterchen anpreist. Eine Dame, in Kleidung und Benehmen betont auf jugendlich geschnitzt, fotografiert mit ihrem Canon Superzoom die Härchen auf dem Unterarm eines wirklich jungen Mannes, welcher hundert Meter entfernt seinen Stand mit Uniformmützen aufbaut und nichts von ihr ahnt. Sie ist verheiratet, und was sie später mit dem Bild anfangen will, ist zumindest ungewiß. Meine Frau und ich entdecken währenddessen den Nebeneingang zur Andreaskirche, aber auch der ist zugesperrt.

Jelisaweta hebt und senkt auffordernd ihr Schild, auf dem General Lavrinenkov, Bus 1, Viktor steht. Gennadij, unser Fahrer, läßt sein Gefährt an und gibt ein paarmal mahnend und blau aus dem Auspuff rauchend Gas. Eher lustlos, weil auch er lieber noch weiter gegenüber um die russische Obristenmütze gefeilscht hätte, deren Preis er bereits auf achtzehn Griwna gedrückt hatte, Tendenz fünfzehn. Dann hätte er sie gekauft. Mann, auf seiner Datscha hätte er alle salutieren lassen – er leckt sich die Lippen: besonders die Frauen!

Wenn der Motor läuft, eilen die lieben Touris wie von Schalmeienklängen des Hamelner Rattenfängers angelockte Tierchen aus sämtlichen Richtungen zusammen und drängen sich vor den Einstiegen ihrer zeitweiligen Käfige: der Busse. Niemand möchte in diesem Land allein gelassen werden, alle drängt es, sich beieinander zu halten, da selbst der Unscheinbarste aus ihrer Mitte noch ein wenig des jeweiligen Herkunftslandes in sich trägt, an das man sich schmiegen kann. Irgendwann sitzen alle wieder in ihren Sesseln, und Jelisawetas Zählen durch die Reihen hat zum befriedigenden Ergebnis die Zahl, mit der wir losgefahren sind: achtundvierzig - oder auch nicht.

Man stelle sich eine raschelnde Schuhschachtel voller Heuhüpfer vor, die – ist der Deckel erst einmal gelüftet – sämtlich in verschiedene Richtungen auseinander springen: hast du nicht gesehen. Ja, und die bring mal wieder zusammen. Das ungefähr ist also Jelisawetas Job, neben all dem, was sie über ihre Stadt wissen muß. Verdammt nicht leicht, nicht wahr? Ich möcht’s nicht machen.

Wir fahren wirklich los, zur Sophienkathedrale. Und schon sind die Heuhüpfer alle wieder draußen und schwärmen aus: von Jaroslaw dem Weisen wurde sie erbaut, die ehrwürdige Kirche in der Oberstadt, an der Stelle, an der er 1036 die Petschenegen besiegte, und nun möchte natürlich jeder wissen, wer die Petschenegen waren: ein Nomadenvolk, das Kiew wiederholt bedrohte und endlich in Jaroslaw seinen Bezwinger fand. Der JPM-Reiseführer äußert sich wie folgt zur Sophienkathedrale:

Sophienkathedrale»Die fünfschiffige Kreuzkuppelanlage mit 19 (ursprünglich 13) Kuppeln führt den Stil der typischen russischen Holzkirchen in Stein weiter. Hinter dem barocken Äußern tut sich ein fast rein byzantinischer Innenraum auf, mit leuchtenden Mosaiken und Wandgemälden bedeckt (viele davon aus dem 11. Jh.), die nun restauriert und von Übermalungen befreit werden. Manche der Mosaiken sind den byzantinischen Meisterwerken von Ravenna ebenbürtig: der majestätische Pantokrator etwa, Christus als Weltenherrscher oben in der Mittelkuppel; oder in der Hauptapsis die riesengroße Orantin, die betende Muttergottes, und darunter die Eucharistie. Zu den bedeutendsten Wandbildern gehören Jaroslaw der Weise, selbstverständ­lich, und seine Familie sowie Darstellungen weltlicher Themen: das Leben am Hof, Musikanten, Akrobaten, zirzensische Spiele und Jagdszenen. Der Marmorsarkophag des Großfürsten steht in einem Seitenschiff. Die barocke Ikonostase zählt zu den prachtvollsten des Landes ...«

Amen.

Ich hatte den Fotoapparat dabei – man kann so etwas nicht ablichten. Diese Stimmung läßt sich nur im Kopf abbilden. Und wenn man stirbt, nimmt man das alles mit. Jede Generation muß diese Pracht von neuem erkunden - wenn es sie zu ihrer Zeit noch gibt.

Von hier aus kann man die leuchtenden Türme des Michaelsklosters gegenüber sehen, doch Gennadij bläst rauchenden Diesels zur Abfahrt: mit laufendem Motor wartet sein Mercedes Bus auf die Heuhüpfer. Es gilt, noch die Wladimir-Kathedrale zu besichtigen, eine Kirche, gestiftet zu Ehren des hl. Wladimir (980-1015), unter dessen - wie auch seines Sohnes, Jaroslaw des Weisen (1019-54), - Herrschaft das Reich seine Blütezeit erlebte, mit Kiew als glanzvollem Mittelpunkt. Hier werden und wurden über alle Zeitläufte hinweg Gottesdienste gehalten.

WladimirkathedraleEs ist heiß. Die Sonne steht im Zenith und sticht wie mit glühenden Messern ein auf die Stadt. Jelisaweta ermahnt uns dringlich, die Andacht der Menschen, die in der Kirche beten und bitten, zu respektieren und geht voran. Das Schild General ... etc. hat sie im Bus gelassen. In der hohen Wölbung der Kathedrale empfängt uns Stille und gütige Kühle. Menschen, Junge wie Alte, stehen stumm dem Ikonostas gegenüber und bekreuzigen sich. Das ist ein Moment, wo ich heulen könnte: es ist das Wissen um die bei mir entweder nicht vorhandene oder aber sehr tief vergrabene Gläubigkeit.

Der Pope, ein fetter Kerl, der stoisch und unbeirrbar seinen Weg durch die Menge pflügt, dabei das Weihrauchfäßchen an altsilberner Kette schwenkend, läßt mich wieder landen auf dem Boden, auf dem so manches Ideal schon zerschellt ist: dem der Tatsachen. Okay: die Kirche tut viel Gutes! Aber sie nimmt auch viel Gutes. Öfters wohl Letzteres. Plötzlich erdrückt mich die Andacht – ich muß raus, der Geruch von Weihrauch nimmt mir den Atem, der fette Pope widert mich an, ich weiche ihm aus, stolpere an Betenden vorbei und stehe draußen, blinzele in den hellen Tag und muß nur noch vorbei an Bettlern, Menschen die bittend ihre Hände ausstrecken vor einer Kirche, die von Gold nur so überläuft und strotzt!

Im Bus ist Geborgenheit. Da hat jeder seinen Platz: einmal erkämpft und bezahlt. Im Bus ist Jelisaweta und mit ihr das moderne Kiew. Nacheinander sammelt sie ihre Schäfchen und sagt dem einen oder anderen, dem es ähnlich geht wie mir, ein gutes Wort. Als alle beisammen sind, startet Gennadij den Motor, der gurgelnd Anlauf nimmt, während Jelisaweta zählend durch die Reihen streicht: achtundvierzig, alle da. Gennadij legt den Gang ein, welcher laut und vernehmlich dem Getriebe Bescheid gibt, und steuert hinunter zum Anleger. Mittagessen.

Ich werde, nehme ich mir vor, erst wieder an bittend aufgehaltene Hände und Bettler denken, wenn ich vor dem nächsten Ikonostas stehe. Das wird am Nachmittag sein, früh genug. Jetzt erst einmal etwas essen. Die beiden Restaurants an Bord heißen Kiew und Odessa. Letzteres ist kleiner, familiärer und den Passagieren des Oberdecks, wo es die einzigen Singlekabinen gibt, vorbehalten. Selbstverständlich essen wir im Kiew. Einmal, weil wir als Bewohner des Hauptdecks dort unsere Plätze zugewiesen bekamen, zum anderen aus Prinzip: dort bedienen die hübscheren Mädchen, und sie können – im Gegensatz zu oben, wo sie mit zu Smileys verkniffenen Gesichtern (etwa so: J) herumstolzieren, - noch wirklich lachen.

Um zwei steht der Bus wieder bereit, Jelisaweta an dessen Eingang, mit vergnügt rollenden Augen. Durch ihre Arbeit unterhält sie die Mutter, sich selbst und einen Sohn ohne Vater, sie braucht solche Jobs. Wenn sie nett ist, gibt es Trinkgeld in Valuta; an manchen Tagen ist das mehr als die monatliche Rente ihrer Mutter, die umgerechnet etwa vierzig Mark beträgt. An solchen Tagen – zunehmend auch sonst – begreift die alte Frau, die ihr Leben lang gearbeitet hat, kaum noch die Welt: dieser verdammte Kapitalismus!

Gennadij läßt den Motor an, der schüttelt sich kurz, Gennadij teilt sanft dem Getriebe mit, daß eigentlich der erste Gang eingelegt sein sollte, was dieses lautstark bestätigt, Gennadij gibt vorsichtig Gas, und tatsächlich bewegt sich das Gefährt: immerhin ein Daimler-Benz und wenn er läuft, gute schwäbische Wertarbeit. Sogar die Klimaanlage funktioniert - falls Gennadij sie einschaltet. Aber was heißt das, wenn Ersatzteile so teuer sind. Er muß seinen Preis erst wieder einspielen, bevor erneut in die Zukunft investiert werden kann. Überhaupt: es ist ja wohl nicht Gennadijs Bus - oder?

Manchmal streicht er um sein Gefährt und putzt verschämt mit dem Taschentuch dessen Scheinwerfer und Rückleuchten. In Momenten aber, in denen er sich völlig unbeobachtet glaubt, haucht er schon mal auf das silbrige Markenzeichen unter der Windschutz­scheibe – fffuch!-, blickt angelegentlich nach links und rechts, zieht den Saum des T-Shirts aus dem Hosen­bund und poliert damit festgeklebte Mücken vom schwäbischen Stern. Sie glauben das? Nein, das ist vollkommen erlogen. Gennadij nämlich trägt ein blitzweißes Oberhemd und um den Hals eine schreiende Krawatte. Alles andere aber stimmt.

Potschtowa Platz Kiew - rechts unser SchiffAlso: im Mercedes, vom Potschtowa Ploshtschad, dem Postplatz, vorbei am MacDonald’s mit seinem leuchtend blauen Dach, geht es zum Höhlenkloster, einer 28 Hektar großen Anlage mit fast achtzig Gebäuden, die von einer Wehrmauer umgeben sind. Noch außerhalb dieser steht die im 12. Jh. von Großfürst Wladimir Monomach als Grabkirche für seine Familie errichtete Erlöserkirche von Berestowo. Wir halten uns möglichst im Schatten. Jelisaweta handelt am seitlich stehenden Kassenhäuschen für uns den Eingang aus. Irgendwann winkt sie, bedeutet uns, ihr zu folgen. Ein turtelndes Pärchen schließt sich flugs an, erspart sich so den Eintritt.

Drinnen riecht es nach Kirchenindustrie, der Innenhof wird gerade hergerichtet. Andenken­läden, Staub, versteckt eine Polizeidienststelle. Warten im Hof, bis die Kapelle frei wird und besichtigt werden kann. Na ja. Man hat so etwas schon öfter gesehen.

Aber jetzt das eigentliche Höhlenkloster: zu Fuß von der Anhöhe hinab, vorbei an Mauern und gußeisernen Zaunspießen. Ein Arbeiter, den Rücken an eine schattenspendende Akazie gelehnt, bewacht die Verbindung einer von irgendwoher bezogenen Stomleitung mit einem Stecker, der in deren Endstück gesteckt ist. Irgendwo, im weiteren Verlauf der Leitung, flext ein weiterer Arbeiter mit seinem Gerät an dieser Leitung hängend Platten, die auf dem Bürgersteig verlegt werden müssen, auf das geplante Maß zusammen. Es staubt gehörig, und man sieht daran, daß dort wirklich gearbeitet wird. Der Mann hingegen, der die Steckdose bewacht und über dieser Tätigkeit döst, hat einen verdammt schlauen Job.

Es geht steil hinab zu den Höhlen des Klosters, hartes Kopfsteinpflaster und pralle Sonne. Man eilt, in der Höhle muß Kühle sein. Ist dort Kühle? Erst mal abwarten. Jelisaweta wie immer an der Kasse: erst müssen die raus, die drin sind in den Gängen, daß neue hineinkönnen, also wir. Ein Pope putzt Teppiche, indem er sie im Hof mit Wasserschlauch und Bürste bearbeitet. An der Kasse taucht eine ganze Mannschaft auf, alles Popen, mit Bart, schwarzem Birett und wallenden Kutten. Ich glaube nicht, daß es auch Popinnen gibt, aber sie führen eine Anzahl kopftuchbewehrter Frauen mit sich, die Popen, ich kann es durch ein Foto belegen. Die Frauen sehen eher wie ganz gewöhnliche Bettlerinnen aus. Haben sie die unterwegs aufgetan und nur zu dem Behuf mitgenommen, die unterirdischen Lagerstätten der Gebeine ihrer Heiligen kennenzulernen?

Wir sind dran. Hinter uns wieder das turtelnde Pärchen. In den Stollen wird es eng, die Luft hängt voll Atems aller jemals vor uns Gegangenen: feucht, warm und verbraucht. Am Eingang gab es gegen Entrichtung zweier Griwna Kerzen: bleistiftdünne, im Haus gefertigte Einweg­aus­führungen. Ihr flackerndes Licht, das man durch die vorgehaltene Hand vor Zug schützen muß, verbraucht zusätzlich Sauerstoff, der hier unten aufgrund all dieser Einflüsse knapp ist. Man fühlt tastende Finger der nachfolgenden Person auf seinem Rücken und tritt Vordermann oder Vorderfrau auf die Hacken oder befühlt deren Po, unbeabsichtigt - einfach, weil es dort unten finster, dumpf und irgendwie nicht wie abgesprochen zugeht. Soll man sagen: Unheimlich?

Das wäre zu viel. Särge, Mumien links und rechts, die spitzen Nasen der Einbalsamierten – man weiß, daß sie tot sind und es bleiben und sich nie mehr aus ihren Grüften erheben werden. Wirklich? Die Hand, unversehens auf der Schulter gelandet, ängstigt einen zu Tode. Und man selber erschreckt Andere, die vor einem stolpern, weil der Boden so uneben ist, und man sich ab und an stützen muß. Es heißt, daß diese unterirdischen Gänge sehr viel weiter führten, normale Besucher aber, zu denen auch wir zählen, haben nur zu einem Bruchteil der Anlage Zugang.

Irgendwann strömt die Luft wärmer, führt der Gang aufwärts, zeichnet sich Licht an seinem Ende ab: eine Schwingtür. Höflich, wer sie für die nach ihm Kommenden offenhält. Hier kann man Andenken kaufen, Gelübde ablegen und seine Kerze in einem eigens dazu hergestellten Metallkarussell löschen. Ich ziehe es vor, an die frische Luft zu gehen.

Höhlenkloster Kiew1051, als sich die Mönche Antonios und Theodosios hier in natürlichen Höhlen (petschera) einrichteten, war noch alles in Ordnung. Die Klostergemeinschaft entwickelte sich rasch zu einem wichtigen religiösen und kulturellen Zentrum, das aber 1240 von den Mongolen und später den Krimtataren verwüstet wurde. Die bestehenden Bauten stammen zumeist aus der Glanzzeit der Lawra, dem 17. und 18. Jahrhundert. Das älteste und bedeutendste Gebäude des Klosters war die Mariä-Himmelfahrt-Kathedrale, oft zerstört und wieder aufgebaut. 1942 wurde sie von den Deutschen gesprengt, und so blieben von der einst heiligsten Kirche Rußlands nur traurige Reste. Bin ich Deutscher, was dies betrifft? Ohne Zweifel. Auch dies ein Grund, eher die frische Luft zu suchen. Die buckelige Straße hinauf bin ich voller Gedanken.

Ein schneller Mercedes prescht die Holperstrecke hinauf, am Steuer ein – wiederhole ich mich, wenn ich behaupte: Pope? Gewiß muß es Abstufungen geben, in jedem Kloster, als da sind: Novizen auf der einen und der Abt auf der anderen Seite. Dazwischen dieser Haufen nicht allgemein benannter, aber dennoch irgendwo angesiedelter und ziemlich wichtiger  Brüder, die eigentlich das Kloster ausmachen. Es gibt hier, habe ich gesehen, auch Nonnen. Nicht jeder, der eine schwarze Kutte trägt, ist also ein Pope, was schlicht Vater oder Geistlicher heißt.

Ein schneller Mercedes also. Abt? Wichtiger Vater? Pater - Pate gar?

Mensch, wer kann das wissen. Will ja auch keiner. Die Straße ist steil und heiß. Oben irgendwo wartet der Bus. Rechterhand, im Schatten der das Kloster umziehenden Mauer, geht jemand mit einem Schubkarren, langsam, man folgt ihm nach, ohne jeden Ehrgeiz, ihn einzuholen. Trotzdem ist man schweißüberströmt, als man nach ihm oben ist. Man ist frei, kann sowohl rechts, links oder auch geradeaus gehen – warum also nicht links.

Da erhebt sich in monumentaler Wucht Mutter Heimat, matj rodina, eine hundertdreißig Meter hohe Statue aus rostfrei von den Russen geschenktem und hinterlassenem Stahl, ein wulstiges Weib mit erhobenem Schwert, dem die Kiewer Bürger jedoch alle Liebe entziehen.

Sie mögen es nicht.

Da ist die Zigeunerin, die ihr (?) Kind mit der alten Dame aus unserem Bus verkuppelt. Die beiden folgen der Weißhaarigen, bis diese bei uns ist und Swetlana, unsere Fremdenführerin, eingreifen kann. Ein rührender Anblick, die alte Frau und das kleine Mädchen – Swetlana sagt der Zigeunerin hinter den beiden harte Worte und vertreibt sie von der Bildfläche. Die Alte versteht das alles nicht und schaut sehnsüchtig dem Kind nach. Aber das ist kein Enkel. Den Zigeunern ist es Gebrauchs­gegenstand. Was nicht heißt, daß es dem Kind schlecht gehen muß. Nur anders. Und was auch nichts gegen Zigeuner heißen soll – nur: sie sind nun mal nicht wie wir.

Eben anders.

Am Straßenrand abgestellt dunkelblau ein zweirädriger Kesselwagen, in dem wir nach westlichem Verständnis Spritzbrühe, Jauche oder sonstig bäuerlicher Verwendung dienende Flüssig­keit vermuten würden: falsch, es ist Kwaß. Man gibt fünfzig Kopeken, erhält einen Plastik­becher und darf ihn aus dem Hahn an der Vorderseite des Gefährts befüllen, so voll man mag oder der Becher es erlaubt.

Kwaß – auf deutsch etwa hieße es Säuerling – ist ein im Sommer sehr beliebtes Erfrischungs­getränk, das entfernt an dunkles Malzbier erinnert. Brotreste, Mehl, Zucker und Hefe werden mit Wasser angesetzt und etwa zwei Tage lang vergoren, Nu schto. Es gibt verschiedene Rezepte. Mal fügt man Rosinen hinzu, ein ander Mal Gersten- oder Roggenmalz. Hopfen und Minze dienen als Würze. Das entstehende Gebräu ist schwach alkoholhaltig und in dieser Hinsicht den oft heißen Sommern in slawischen Ländern angemessen: man betrinkt sich nicht, hat aber einen winnssig kleinen Schwwwibbs! Wer allerdings Alkohol gewohnt ist, dem tut Kwaß überhaupt nichts: es erfrischt ihn eher. Zum Beispiel die Russen.

Der Koch auf der General Lavrinenkov übrigens könnte nicht wie Rumpelstilzchen auf einem Bein umherhüpfen und singen: Heute back ich, morgen brau ich ... Warum? Na, weil wir vom hervorragenden tschornij chleb, seinem Schwarzbrot nämlich, dessen Reste er zum Brauen von Kwaß unbedingt benötigte, nie etwas übrig lassen. Pech. Vom Koch wird noch die Rede sein.

Gennadij lümmelt sich auf seinem Sitz im Bus. Bäuchlings hingelagert auf schattigem Rasen davor ruhen zwei wohlgenährte ukrainische Weiber, die Waden ebenso prall wie ihre ausladenden Hinterteile, die Haare durch Kopftücher bedeckt. Vermutlich sind es Bäuerinnen. Allmählich füllt sich der Bus, Gennadij setzt sich aufrecht und schnippt die Kippe aus der offenstehenden Tür: nicht mehr Machorka, die mit ihrem hohlen und zwiefach geknifften Pappmundstück gut war für vier, fünf starke, schleimlösende Züge. Das war früher. Inzwischen ist die Ukraine ein souveränes Land, und jeder kann entscheiden, wessen Gift er sich in die Lunge zieht, die längst nicht mehr volkseigen ist: Gennadij raucht Marlboro.

Sporenklirrend rückt er sich im Sattel des Fünfzehntonners zurecht. Sein Knöchel schiebt den breitkrem­pigen Stetson über die Stirn, darunter mustert er aus zusammengekniffenen Augen die auf seiner Höhe in das Gefährt Steigenden: pah, alles fahrendes Volk. Die da, Jelisaweta, die könnte ihm gefallen! Sanftmütig, blond, rund, und alles an den für Frauen dafür vorgesehenen Stellen eingebaut - seine brennenden Augenschlitze folgen ihrem Eintreten. Und wie sie an ihm vorüber streicht, fallen seine gekreuzten Arme vom Sattelhorn, und er greift nach ihr, zieht sie mit behaarter Faust ... Halt! Natürlich alles erstunken und erlogen. Gerade eben gibt Gennadij mal wieder dem Getriebe Bescheid und Jelisaweta zählt, leise murmelnd die Lippen bewegend, die Anwesenden durch: siebenund­vierzig, achtundvierzig ... stimmt. Na, dann können wir ja, lösen uns aus einer lange über dem Parkplatz schwebenden schwarzblauen Dieselwolke und fahren los.

Wir kehren zum Anleger zurück, und Jelisaweta wie auch Gennadij ernten für ihr Verhältnis reichlich, vorwiegend Dollars. Sie haben es verdient, keine Frage. Aber auch diese Frage wird erlaubt sein: Wie kommen all die anderen, die keinen Kontakt zu Dollar, Franken, Pfund oder Mark haben - wie kommen die zurecht?

Wir werden es erfahren. Erfahren im besten Wortsinn: um achtzehn Uhr legt unser Hotel ab, da sticht das Schiff in See, auch wenn die See nur ein Fluß ist, aber dieser Fluß besteht aus mindestens vier riesigen Stauseen, und manchmal ahnt man deren Ufer nur. Wir nennen den Bodensee das schwäbische Meer. Gut, dieses Meer paßte locker wohl zweimal in den Stausee von Krementschuk, dem ersten von vieren. Nur, um mal die Verhältnisse anzudeuten.

Abschied vom Flußhafen KiewDer General legt ab, begibt sich seiner am Kai dösenden Geschwister, die alle derselben Werft entstammen und das gleiche Ziel ansteuern, nur mit unterschiedlicher Fracht: nebenan sind es Russen, Litauer und freundlich die Zähne bleckende Kalmücken. Eine Melodie erklingt, die uns fortan begleiten wird, wann immer wir ablegen und eine Stadt verlassen. Eine Melodie, die einem die Tränen in die Augen treibt – Abschiedsmelodie. Nun erklingt sie zum ersten Mal.

Wir fahren.

Für die kommenden zwölf Tage werden der Fluß und das noch ferne Schwarze Meer uns Heimat sein und tagsüber wie im Kino in endloser Vorstellung die Ufer vorführen, nächtens jedoch in Schlummer wiegen. Sofern wir nicht Froschgequake, verhaltenen Vogelstimmen und dem leisen Klatschen der scharfen Schneide des Bugs im Fluß bis weit in die Dunkelheit den Vorzug geben. Es hat alles etwas für sich, in dieser Nacht jedoch sagen wir dem ab und schlafen zum ersten Mal auf dieser Reise tief und fest. Die Generatoren der Schiffe nebenan: sie sind nicht mehr. Jedenfalls nicht nebenan. Die eigenen hingegen wühlen und rackern tief unten im Schiffsbauch, irgendwie gehören sie dazu. Sie stören jetzt nicht mehr.

Vielleicht sind wir auch nur zu müde.

Uferpaläste der "Neuen Reichen"Vorher jedoch ist im versinkenden Sonnenglanz südlich der geballten Häusermassen Kiews das Flußufer noch gespickt mit Häusern, die gewiß keinen armen Besitzern zu eigen sind. Türmchen, Erker, verspielte Fassaden, alles ist fotografisch belegt. Sogar die weiß gekalkte Mauer, von Stacheldraht gekrönt, die ein Geviert von etwa zwanzig Villen einschließt. Man wird Grund haben, sich bewachen zu lassen, arme Leute sind das nicht. Übrigens findet sich Vergleichbares im Umkreis sämtlicher größerer Städte entlang des Dnepr. Witja sagt, das sei die Mafia, sie bewohnten nur allerschönste Plätze, sie – als Einzige – könnten sich das leisten. Und vieles mehr. Aber noch kennen wir Witja ja gar nicht, lassen nur die begehrenswerten Häuser an uns vorüberziehen, die im gleichen Maße weniger werden, wie die Nähe zur Hauptstadt abnimmt, und irgendwann ist das Ufer über lange Zeit hinweg nur noch von Erlen, Weiden und Pappeln besetzt. Unser General durchpflügt einen goldenen Acker, von sinkender Sonne auf den Wasserspiegel gemalt, den allein unser Schiff in sanften Furchen bewegt. Hinter uns glättet sich der Fluß, und feuchte Dunkelheit steigt aus seinen Ufern. Dann und wann blaue Holzhäuser, mit der Zeit gelbe Lichter, in den Fenstern wie Kerzen entzündet. Vielleicht sind es ja Kerzen.

Es ist Zeit, das eigene Licht in der Kabine zu löschen und zu Bett zu gehen.

Auf dem Dnepr

Heute nacht passierten wir die Kanever Schleuse, etwa zwischen drei und vier Uhr. Sie überbrückt einen Höhenunterschied von zwölfeinhalb Metern: wir verschliefen sie. Einer Reihe von Flußinseln im weiteren Verlauf des Dnepr ausweichend, erreichte unser Steuermann gegen halb sieben die Tscherkasser Brücke, die niedrigste über den Strom – wir verschliefen auch sie. Frühgymnastik mit dem Reiseleiter auf dem Sonnendeck (wetterbedingt) fiel für uns aus. Um ehrlich zu sein, wir haben auch sie verschlafen, jawohl. Aber dann, um halb acht, reckten wir gähnend unsere Glieder: ach, wie herrlich, in Ferien zu sein und nur an jenen Sparten des Lebens teilzu­neh­men, die einen erholsam dünken: zum Beispiel dem Frühstücksbuffet. Nach langer Nacht knurrte unser Magen uns gehörig an, vermutlich weckte uns dies Geräusch. Ferien übrigens waren im Mittelalter gerichtsfreie Tage, herrührend aus lat. feriae, den geschäftsfreien Tagen. Repetitum: ach, wie herrlich, in geschäftsfreien Tagen zu sein und ...

Der zweite dieser Tage. Man hat sich an Kabinenenge und das winzige Bad gewöhnt. Wenn einer steht, beispielsweise um sich anzukleiden oder etwas im Koffer zu suchen, muß der andere sitzen. Vorzugsweise auf seinem Bett, um nicht im Weg zu sein. Viel mehr Möglich­keiten gibt es kaum, man weiß es. Irgendwann sind wir beide sauber gewaschen, entsteigen der Kabine, schreiten den Gang entlang zum Vorschiff, erklimmen die Treppe zum Mitteldeck und betreten das Restaurant Kiew. Dieses zieht sich am Schiffsbug entlang der Außenwände hin und bildet eine Art Hufeisen, in dessen Mitte durch Nußbaumwände ein Klotz abgeteilt ist, in dem Bier gezapft und Wein gelagert wird, was in der Frühe allerdings kaum von Bedeutung sein dürfte.

Aus einem weiteren Klotz mit zwei Schwingtüren am Fuß des Hufeisens allerdings, der dem ersten parallel mit einem schmalen Gang dazwischen gegenübersteht, kommt Nachschub aus der Küche, die einen Stock tiefer angesiedelt ist; per Lift.

Ach ja, eben, zwei Absätze zurück, hieß es: „... entsteigen der Kabine ...“ Warum diese Wortwahl? Für gewöhnlich entsteigt man einem geschlossenen Behältnis, etwa einem Zug, einer Gondel oder auch einer Kiste. Und wirklich, unsere Kabine ähnelt einer Kiste, deshalb wurde das Wort entsteigen ganz bewußt gewählt: so besitzt sie z.B. unter der dicht schließenden Tür keine Schwelle, sondern - in Fortsetzung der Kabinenwand - eine etwa zehn Zentimeter hohe Barriere aus Stahl. Darüber muß jeder hinweg und somit dem Behältnis entsteigen bzw. es besteigen, falls einer die Kabine verlassen oder aber betreten will. Der Sinn dieser Barriere bleibt uns dunkel, denn wasserdichter wird die dünne Kabinentür dadurch kaum; höchstens, daß man das auf der Elbe-Werft in Boitzenburg an der Elbe schon immer so gemacht hat, das wäre ein annehmbarer Grund. Oder etwa der Statik wegen? Egal, man muß achtgeben, sonst gerät man leicht ins Stolpern und fällt womöglich noch auf die Fresse. Oder Schnauze. Pardon – aber soll man die Dinge nicht beim Namen nennen? Zwar gibt es Leute, die nicht auf den Mund gefallen sind, bekannt sind jedoch keine, bei denen das Gegenteil zutrifft, nämlich Zeitgenossen, die auf den Mund gefallen wären. Wer fällt, der fällt eben auf Schnauze oder Fresse. Und nicht auf den Mund. Basta.

Also im Restaurant Kiew (eingangs weist es ebensolche Barriere auf): wir setzen uns.

Den Bäumen am Ufer vor den Fenstern streichelt blanker Morgen über die leicht wiegenden Häupter, ein aufgescheuchter Trupp Wasservögel entflieht flügelklatschend in nahes Gebüsch. Wir brauchen nichts selbst zu tun, nur teilzunehmen. Und dabei zu verzehren, was wir uns am Buffet auf die Teller luden - zum Beispiel Butter.

Es gibt sie nur abgepackt in flachen Schächtelchen, welche von Metallfolien verschlos­sen sind. Diese – und anderes - umzingeln Angehörige mindestens vierer Nationen, welche allesamt Kulturvölker sind. Wollen wir nicht mal sehen, was Kultur und Butter miteinander anstellen?

Der Franzos par example dreht und wendet das Päckchen in der Hand und sucht nach der - zweifelsohne vorhandenen - Lasche zum Aufreißen. Als er sie nicht findet, legt er gleichmütig das verschlossene Behältnis zurück und tunkt sein Hörnchen in den café au lait vor sich sur la table. Helas, c’est la vie. Beim Verlassen des Tischs sind dieser wie auch der Bodensatz der von ihm benutzten Tasse mit den krümeligen Resten seines Hörnchens bedeckt, da er es traditionell brockt (über dem Tisch) und erst dann stippt (in die Tasse). Verloren inmitten des Idylls verbleibt die fest verschlossene Butterschachtel.

Der Deutsche geht gründlicher vor, entdeckt das Zipfelchen, das sich abheben läßt, und - reißt es ab. Hierdurch entsteht ein winziges Loch, das er geschickt mit dem Fingernagel zu erweitern weiß; was ihm jedoch wenig hilft, da sich auch durch die vergrößerte Öffnung der Inhalt des Butterpäckchens weiterhin jeglichem Zugriff verschließt. Merde, würde der Franzose sagen, und was der Deutsche in diesem Fall sagte, deckte sich wohl ziemlich mit des Ersteren Ansicht, nur käme es im Gewand teutonischer Sprache einher, für das teutsche Ohr also ein wenig grob und vulgär - jedenfalls ist der Deutsche ziemlich verärgert.

Was zur Folge hat, daß er der Butter den Krieg erklärt.

Eine ingenieursmäßig wie auch planerische Meisterleistung ist die Unterminierung und Untertunnelung der Butterschachtelfolie, bei der sämtliche Kräfte so geschickt eingesetzt werden, daß auch der letzte Schacht, jeglichen Fettes entblößt, schließlich für das Ganze steht: die Schachtel ist leer, ratzekahl. Eine Art Grabenkampf. Nein: Deutsche sind nicht militaristisch, nicht mehr. Kann aber sein, daß sie immer noch sehr gründlich sind, nur daß man jetzt nicht mehr vor jeder Butterschachtelöffnung ein Formular ausfüllen muß.

Als Brite ist man vielleicht die Kolonien und dortiges Leben gewohnt, das voll exotischer Entbehrungen war. Man weiß, daß das Öffnen einer Butterpackung kein Zuckerschlecken ist: oh no, Sir, not that! Also macht man es kurz: das Messer in die bleich beschriftete Packung gestoßen, den Rand damit in einem 270° Bogen von Hong Kong bis Halifax umfahren und den solcherart befreiten Deckel mit der Messerspitze angeliftet: Now, Sir, help yourself!

Bleibt noch der Schweizer. Der hat mit all dem nichts am Chut dorrt uff derr Stange: morgens häuft er sich Bircher Müsli auf den Teller und zeigt allenfalls akchrademisches Interesse, ob die H-Milch, die er darüber gießt, us dr Schwyz stammt. Butt’r?

Nein, solches nimmt dr Schwyzr nimmer zu sich. Zuviel Chrolesterrin. Ein lästiger Blutfett­bildner. Dr Schwyzr, in der Regel, läbt sähr kchesund.

Um auf uns zurückzukommen: unsere Butterpäckchen killen wir auf britische Art: rasch und schmerzlos. Vor den Fenstern schwimmt Natur vorbei, noch ist sie nah, da unser Schiff sich erst allmählich im Stausee von Krementschuk verliert. Der aber ist riesig: zu Zeiten fehlen ihm die Ränder, und nur ferne Schatten am Horizont bezeugen deren Vorhandensein. Dächer ducken sich noch am Ufer, die Sicht wird diesig. Wer hier sein Haus baute, nahm Einsam­keit in Kauf, an dieser Stelle ist der Strom dreiundvierzig Kilometer breit. Ein Verwandtenbesuch auf der gegenüber liegenden Stromseite wird zur sorgfältig geplanten Reise. Rasch entfernt sich der General vom Ufer. Der See wird weit und geräumig, auf der Brücke schalten sie das Radar ein. Aber da können sie beruhigt sein: bis Cherson, das werden wir noch sehen, begegnet uns kein einziges Schiff, außer vielleicht ein paar kreuzenden Ruderbooten auf Nachbarschaftsbesuch. Sie haben kaum Eile, wenn sie unserer ansichtig werden: wir sind zwar selten, doch stetig und somit nichts, das sie aus der Routine fallen ließe.

Seit der Wende fehlen die Frachter auf dem Fluß. Nichts wird produziert, ergo nichts transportiert. Wozu sollen da Schiffe fahren; so einfach ist das.

BrückenbesichtigungHeute legen wir nirgends an, gleiten nur den Fluß hinab, machen Fahrt, haben viel Zeit. Zum Beispiel, um die Brücke zu besichtigen; einer nach dem anderen steigen wir hinauf: an schrägen Pulten jede Menge Schaltknöpfe, deren Drücken oder Drehen Unbefugten bei Strafe untersagt ist, obwohl es nirgends dran steht. Wir sind Unbefugte. Ein junger Mann in der Mitte, goldene Streifen auf dem Ärmel, der all dies bewacht und dem in dieser Sekunde das Schiff gehört: er allein ist in diesem Moment befugt und für alles an Bord und mindestens eine Meile um das Schiff herum verantwortlich. Aus den Fenstern der Brücke schaut er auf die Wasserfläche seitlich und davor, sichernd und angespannt wie ein hungriger Hund, neben sich ausgebreitet die Flußkarte.

Parat auch das Fernglas, und links, wo aus der Brücke Tür und Treppe zum obersten Deck laufen, lehnt der erste Offizier an der genieteten Wand, tut, als tue er nichts, und hat doch überall seine Augen. Auf den Mann in der Mitte, der anstelle des schönen, hölzern polierten Ruderkranzes, wie er sich auf manchen Schiffen noch findet, hier mit sparsamer Gestik lediglich einen Joystick, zu deutsch: Freudenknüppel, bewegt. Trotz blitzgoldener Streifen am Ärmel ist er ein kleines Licht, maritimer Azubi, der Mann an der Wand hingegen weit mehr, fast Gott: Stellver­treter des Kapitäns, der sich tagsüber nur in seiner Kabine – direkt neben der Brücke – aufzuhalten pflegt. Dieser trage, so munkelt man, einen wilden Bart und umrunde des Nachts ruhelos sein Schiff, und wer ihm an der Reling begegne, der könne sicher sein, daß in seinem Tee am nächsten Morgen eine tote Fliege schwimme, und das sei doch wirklich ein sehr schlechtes Zeichen. Ich komme noch darauf zurück.

Als nächstes ist die Küche dran. Auch sie zur Besichtigung freigegeben.

Zu ihr gelangt, wer bis ins tiefste – lower – Deck hinabsteigt. Auf gleicher Höhe befinden sich nur noch Mannschaftsunterkünfte, Maschinenraum wie auch Ölbunker, der eingangs bereits erwähnte Generator, ferner die Lenzpumpen sowie einige weitere, wohl notwendige, überwiegend jedoch lediglich gediegenen Lärm verfertigende Aggregate. Darunter gurgelt nur noch der Dnepr.

Der Koch ist ein haarloser, fetter Zweimeterkerl und Österreicher. In seinem Reich paßt er ohne das Genick einzuziehen so eben unter die flachen Dunstabzüge, die an eiserner Decke aufgehangen sind und die Schwaden seines Könnens – je nach Wind – auf das vordere oder hintere Sonnendeck lenken, geruchsmäßig. Der Herd, das zentrale Gerät, mit einzeln beheiz­baren, rechteckigen Kochplatten, könnte in jedem größeren Restaurant stehen.

Interessanter ist da schon die Zubereitung des Gemüses: alles wird frisch verarbeitet. Hübsch machen sich zum Beispiel an Stör im Wurzelsud, der zum Abend gereicht wird, die gewürfelten Karotten. Hier sehen wir, wie sie geschnippelt werden: dreimal entlang der Längsachse geteilt und dann in Fingerkuppen gefährdender Manier mit dem Solinger Messer in Halbzentimeter lange Teilchen gestiftelt. Für über zweihundert Esser – die Passagiere - eine Heidenarbeit. Die Mannschaft wird abgetrennt verpflegt, einfacher und billiger.

Da unten sind Räume, neben der Küche, – alle winzig - zur Verwertung der Tischabfälle, kühl gekachelte zum Schälen der täglich benötigten Kartoffeln, sowie einer, der hinter einem Schott Feuerlöscher und Pumpen beherbergt. Wo die Abfälle geschreddert wurden, stand ein apartes Mädchen, verlegen die Arme gekreuzt und mit dem Rücken zur Wand, an der sich in Regalen Töpfe, Pfannen und Bräter türmten. Das Mädchen lächelte, aber als ich es fotografieren wollte, drängte sich der verfluchte Graukopf einer Schweizer Pensionärin ins Bild. Dabei hatte ich die Komposition des Raumes mit dem Mädchen so sorgfältig geplant – merde. Das verstehen auch Schweizer.

Verdfluchter schwyzer Graukopf!Die Kartoffelschälerinnen, die ich hinter ihren Kesseln auch fotografierte, tuschelten und kicherten noch eine ganze Weile über mich. Sie waren grobschlächtig und nicht annähernd so hübsch oder auch anrührend wie das Mädchen, dessen Abbild mir diese Schweizerin verdorben hatte. Ich will meinen Haß nicht auf die ganze Schweiz ausdehnen, doch dieses eine ihrer Frauenzimmer hasse ich inbrünstig. So ein Foto ist einfach nicht zu wiederholen. Und ich möchte zu gerne wissen, was ein Mensch denkt, der sich sehenden Auges in einen Schaffens­prozeß drängt, in dem er nichts zu suchen hat. Vermutlich gar nichts, wenn ihm der dafür nötige Horizont fehlt.

Gegen Mittag passieren wir die Schleuse von Krementschuk, die den Höhenunterschied von fünfzehn Metern zwischen den Stauseen von Dnjiprodsershinsk und – eben - Krementschuk über­brückt. Wie alle bisherigen und folgenden ist sie eine Einkammerschleuse. Im Fenster des Gebäudes für das Bedien­personal hängen Raffgardinen, am Geländer ein roter Rettungsring. Wer hier über Bord oder von Land zwischen Schiffswand und Schleusenmauer fiele, dem hülfe er kaum. Zwischen General und Schleusenkammer verbleibt gerade mal ein halber Meter Abstand, dort würde der rote Korkring allenfalls senkrecht und zwischen beiden Mauern verkantet Platz finden. Wenig hilfreich für einen, der eben am Ertrinken ist.

Von der hohen Warte des noch auf Krementschuker Höhe dümpelnden Schiffes sind rund um die Schleusenkammer an Land verschiedene Aktivitäten auszumachen: weit steht da das grüngestriche­ne Garagentor Nr. 2 – so beschriftet - offen, dahinter, aus dem Dunkel, blinzelt Scheinwerferglas eines Gefährts, dessen Größe und Bestimmung nicht recht auszumachen sind. Davor zwei Männer in Arbeitskleidung und Pausenhaltung. Niemand könnte sagen, was sie – außer Rauchen – in den nächsten Minuten tun werden. Sie scheinen bereit; dem Betrachter aus höherer Warte bleibt allerdings verborgen, wozu.

Anders schon der seltsam anmutende gelbe Lastkarren, der alte Autoreifen bringt. Er kommt von außerhalb, ohne jedes Nummernschild, für ihn wird extra das drahtvergitterte Tor im Zaun der Schleusenanlage geöffnet. Das Ding sieht aus wie ein Zwitter aus Grubenlore und Elektro­karren, kann sein, es ist aus Teilen beider zusammengesetzt. Die Reifen wird man als Fender an den Liegeplätzen hinter der Schleusenkammer verwenden. Und der Fahrer unter der blauen Schirmmütze könnte – so denke ich mir – diese abnehmen, sich ohne Eile zu der drallen Person begeben, die zwischen Zaun und Betonbecken aus einem Schlauch die Blumenbeete sprengt, und mit ihr ein paar süße Worte wechseln. Denn diese Person ist weiblicher Natur ...

Als sich unser Schiff, der General, in der nunmehr geschlossenen Schleusenkammer mit dem fallenden Wasser senkt, bekomme ich von dessen oberstem Deck noch mit, wie der Fahrer des häßlichen Lastkarrens von seinem Sitz steigt, die blaue Schirmmütze abnimmt, sich mit dem Unterarm über die Stirn fährt und zu der drallen Person begibt, die zwischen Zaun und Betonbecken ... Na ja. Ein wenig Lebenserfahrung kann man doch vorweisen. Oder so. Das letzte, was ich von den beiden sehe, sind ihre über dem Rand der Kammer entschwindenden Köpfe, vorher bereits hielt er den Schlauch, nun sind sie sich ziemlich nahe. Na Kumpel, dann viel Glück! Zehn Minuten später sind wir dem Schwarzen Meer fünfzehn Tiefenmeter näher. 

Hubbrücke KrementschukZwei Stunden weiter hebt sich über uns von gewaltigen Motoren gehoben das Mittelteil der Krementschuker Eisenbahnbrücke, eine der ältesten über den Dnepr: Baujahr 1876. In diesem Jahr meldet der amerikanische Erfinder Graham Bell ein Patent auf das erste brauchbare Telefon an, der Deutsche Carl Linde ebensolches auf seinen mit Ammoniak als Kühlflüssigkeit betriebenen Kühlschrank, dem Ingenieur Nikolaus Otto gelingt es, den von ihm entwickelten Viertaktmotor endlich in Gang zu bringen – und der Ernser Akt verbietet in Rußland den Druck von Büchern, Broschüren und Musiktexten sowie die Aufführung von Theaterstücken in kleinrussischem Dialekt, das heißt, in ukrainischer Sprache. Und doch haben Kleinrussen gerade zu diesem Zeitpunkt solch ein Viadukt geschaffen, das heute noch funktioniert: Respekt!

Wir gleiten dahin. Zu Beginn der Dämmerung in der Panorama Bar ein Konzert von klassischer Musik, ähnlich geschraubt dem Stör an Wurzelsud der Küche. Oder ist es nur einfach eine lässige Übersetzung? Die Pianistin jedenfalls, jung, hübsch und musikalisch agil, gefällt. Zu später Stunde schob ein Brite seinen Sitz neben den ihren, einer von denen, die in solch einem Fall mit an Baden Powells Pfadfinderliedern abgerichteter Stimme „Auld Lang Syne“ anstimmen, die Dame am Klavier zu ihrer Begleitung nötigen und dabei entweder das Bierglas umwerfen oder zunehmend zudringlich werden. Die Künstlerin entzog sich Letzterem, verbeugte sich, wurde beklatscht - und ging. Jawohl. Damit war das Konzert von klassischer Musik beendet. Schade.

Während der kleinen Musikveranstaltung hatte unser Schiff den Fahrstuhl der Schleuse von Dnjipro­dser­shinsk benutzt und uns mitsamt Klassischer Musik – Rachmaninows Prelude op. 23 in g-moll, ausnehmend wuchtig von zarter Frauenhand gespielt - weitere zwölfeinhalb Meter in Richtung Schwarzes Meer abgesenkt. Etwa gegen halb eins in der Nacht würden wir in der Mitte des Flusses vor der Dnepropetrowsker Eisenbahnbrücke ankern, bis sich deren Mittel­stück zur Durchfahrt höbe. Das wollten wir nicht abwarten, zeichneten unseren Bon ab und verließen die Einrichtung.

In der Sky Bar, ein Deck höher, sollte anschließend Tanzmusik verfertigt werden, aber wir hatten keine Lust mehr, im Nachklingen der Klassik weitere Bons zu unterschreiben und gingen zu Bett. Oder, wie es in maritimer Umgebung heißt: in die Koje.

Ach ja, das mit dem Bon: die Bordwährung war zwar der ukrainische Griwna, doch galt hier bargeldloser Zahlungsverkehr. Man unterschrieb Bons für alles, was man außer der im Preis enthaltenen Leistungen konsumierte. Zu Ende der Reise bekam dann jeder die große Rechnung, die beim Zahlmeister beglichen werden mußte, der dafür wiederum im Austausch den bisher an Bord einbehaltenen Paß herausgab. Sehr praktisch.

Wir schlafen sofort ein.

Saporoshje

Sieben Uhr, blendend, der junge Tag. Vor dem Fenster Kräne, glitzerndes Wasser, rauchende Schlote. Über den Dächern der Stadt eine graurosa Haube aus Dunst und Dreck: wir schippern auf Saporoshje zu und nehmen im bordeigenen Restaurant Kiew Platz zum Frühstück. Unser General steuert die Einfahrt der nächsten Schleuse an, eben jene der gerade genannten Stadt, die mit ihren sieben­und­dreißig Metern eine der höchsten Europas ist. Wir schauen aus den Fenstern, schaufeln uns hastig eine Portion Ham and Eggs in den Mund, spülen rasch mit Kaffee nach und begeben uns eiligst an Deck: dort muß gleich etwas Großartiges passieren!

Tut es auch. Die lange, harmlose Anfahrt entlang der Mole verrät nichts von der jähen Tiefe, in welche die Schleusenkammer das Schiff, einmal darin eingetaucht, werfen wird: 37 Meter hinunter auf Höhe – oder doch besser Tiefe? - des Kachovkaer Stausees!

Schleuse SaporoschjeAls uns die Kammer gefangen hält – vorne noch nicht offen, hinten mählich jedoch schon geschlossen -, fischen seitlich zwei Buben mit einem Netz, das aussieht, wie der auf wenigstens einen Meter Umfang vergrößerte spitze Hut eines chinesischen Mandarins. Sie werfen diesen Hut mit der Unterseite nach oben ins Brackwasser des Ausgleichsbeckens neben der Schleuse, warten, bis sich ein Schwarm silbern glänzender Fischlein – zwei bis drei Zentimeter groß – darüber gesammelt hat, ziehen ihn hoch und werfen seinen Bodensatz auf den Kai. Von dort sammeln sie die blinkend sich auf dem Trockenen windenden Leiber in einen mit Wasser gefüllten Eimer. Was sie übersehen, zappelt eine Weile in Trockenheit und verendet. Die im Eimer geborgenen Tiere werden sie als Köder für größere Fische verkaufen. Das ist das Geschäft der beiden Buben.

Niemand kann ihnen sagen, daß sie die Natur austrocknen und verändern, indem sie deren Brut abfischen. Niemand von uns, der ihnen von Bord zuschaut, ist ihrer Sprache, des Ukrainischen, mächtig. Die aber der Sprache mächtig sind, die Mitglieder der Besatzung, haben jetzt anderes zu tun. So geht unsere Welt Stück um Stück vor die Hunde, hinterher ist es keiner gewesen.

Wie immer, wenn niemand sich zuständig fühlt oder macht.

Da überlegt man wohl, ob man nicht hätte rufen sollen: He, Jungs, werft das Zeug, das sich da neben euren Turnschuhen windet, verdammt nochmal zurück ins Wasser - da ist doch noch Leben drin!

Aber selbst wenn man ihrer Sprache mächtig wäre, vermutlich hätten sie nur scheu nach oben zu dem über die Reling Lehnenden hochgeguckt: Warum ist denn der da plötzlich so laut? Ach, ein Tourist.

Sie kennen es nicht anders.

Die Tore schließen sich. Im Hintergrund wie urzeitliche Riesenvögel mit ellenlang stählern gereckten Hälsen und Schnäbeln eine Handvoll Hafenkräne. Man möchte Körner auswerfen, um sie zu füttern und verlocken, sich zu bewegen. Doch so wenig uns auf den seitherigen Stromkilometern Schiffe begegneten, so wenig gibt es für sie ein- oder auszuladen. Nu schto: Rosten sie also vor sich hin. Werden schon wieder bessere Tage kommen. Unser Schiff sinkt.

An der Betonwand, in gefetteten Schienen geführt, fällt ein Schwimmer mit ihm, es ist daran festgemacht. Genau genommen fällt dieser Schwimmer, von dem das Schiff geführt wird, an die  siebenunddreißigeinhalb Meter. Immer beängstigender türmt sich über uns der Beton der Kammerwände, ölig und grau. Falls einen der Herzschlag ereilte: in diesem Sarg möchte man ums Verrecken nicht begraben sein. Hoch über der Gruft erhebt sich in halbrundem Weiß das Haus der Schleusen­technik. Davor die über die Ausfahrt der Schleuse führende Straße. Ab und an zeigen sich dort oberhalb der Brüstung winzig neugierige Gesichter, sie ist ja auch gleichzeitig Fußgänger­brücke.

Wie kann man nur so tief sinken!

Am tiefsten Punkt, bevor sie uns entläßt, würde ein zwölfstöckiges Hochhaus in die Schleusenkammer passen, wären nicht bereits wir als eine Menge Eisen darin und füllten sie zu zwei Dritteln aus. Immerhin sind wir hundertdreißig Meter lang und nahezu siebzehn breit. Wir: das ist der General, ganz unten. Auf die Barriere zum Vorschiff stützen sich die Unterarme der Touris: Briten, Deutsche, Franzosen, Niederländer und Schweizer, in vorderster Linie über den Reling genannten Zaun gelümmelt, strecken den hinter ihnen Stehenden umfängliche Hinterteile entgegen und erwarten das Öffnen des unteren Tores. Das dauert.

Die in zweiter Reihe werden auf eine – zwar nicht harte, doch einigermaßen unästhetische – Probe gestellt: nur fette Rückansichten vor Augen. Wo sonst in der Regel die Größten stehen, nämlich vorne, verlagert sich hier, da wir uns an Bord der Spitze der gesellschaftlichen Alterspyramide gegenübersehen, alles mehr in die Breite: gesäßmäßig ausgeleiert durch jahrelangen Besitz von Bürosesseln.

Wie sich das hohe Tor dann aufschiebt, unendlich langsam, majestätisch, grün bemoost und feucht triefend, und sich dahinter bedächtig das glückvolle Bild einer hellen Landschaft öffnet: da endlich klatschen sie der Natur Beifall, sämtlich, wie sie da an der Barriere lehnen, übergewichtig und stets in vorderster Reihe, die Avantgarde, die sich diese und andere Reisen leisten kann. Meist sind das Leute über sechzig, mehrzählig Rentner und Pensionäre. Das Klatschen haben sie sich auf Flügen nach Mallorca angeeignet, wenn der Pilot - was zu erwarten steht, denn das ist Teil seines Jobs - sie sicher zu Boden und damit das Abenteuer zum guten Abschluß brachte. Doch, für diese Leute zählt ein Flug in vollklimatisiert nach Fahrplan verkehrender Rohrpost wirklich noch zu den Abenteuern!

Auch wir gehören mittlerweile zu den alten Knackern, ich möchte nichts beschönigen. Aber bilde ich mir etwa nur ein, es gäbe etwas, das trennte uns von jenen Konsumenten? Nämlich: wir sind begierig auf Näheres über Land und Leute und haben uns zu Hause ad hoc, also [eigens] zu diesem (und nicht etwa aus dem Stand, wie es gern landläufig aber dennoch falsch gebraucht wird) wenigstens das kyrillische Alphabet eingeprägt. Ich will ja nicht bestreiten, daß es mit uns noch einige sind, an Bord befinden sich wohl über zweihundert Reisende. Von denen jedoch gehören zwei Drittel den oben Erwähnten an, die, entlassen aus langjähriger, womöglich beamtet gesicherter Tätigkeit, glauben, die Welt müsse nun ihnen und dem monatlich a conto der Pensionskasse überwiesenen Geld zu Füßen liegen. Jetzt kann man sie sich leisten, die Welt!

Die jedoch hustet ihnen was, und dann sind diese Typen verärgert und strengen Prozesse an, die sie sogar gewinnen, weil hinter den Schranken des Gerichts eine(r) der Ihren Recht spricht, der (die) ebenso dem Glauben an den Anspruch anhängt, weil auch er (oder sie) demnächst in den Stand der Pensionisten überwechselt. Ich mag mich nicht weiter auslassen, ohne Gefahr zu laufen, ungerecht und damit unhöflich zu werden.

Anleger SaporoschjeAlso Saporoshje. Nicht eben herzlich, wie uns die Stadt begrüßt. Den Anleger aus rostigem Stahlbeton ziert ein Wahrzeichen, dessen Bedeutung Fremden kaum ersichtlich ist: zwei weiße Beton­pfähle, gut zwölf Meter hoch und anderthalb auseinander, darauf oben eine türkisfarbene Schale, in der das ukrainische Staatswappen schwimmt: der Dreizack. Der mittlere dieser Zacken scheint abhanden gekommen, es sind jedenfalls nur noch zwei.

Am Anleger dümpelt ein blaues Ausflugsschiff, daneben erscheint unser General wie ein weißes Gebirge. Gehen wir also an Land, geplant ist eine Stadtrundfahrt. Es nieselt, und man hat viel Beton verbaut zwischen unserer Liegestelle und den Bussen, die am Rande einer Straße warten, von der man nicht weiß, wohin sie führt. Saporoshje, diese giftige Stadt, verbirgt sich hinter bestaubten Pappeln, die hoch und blaugrün die Straße säumen.

Wir besteigen den ersten Bus, in dem der aus Odessa zurückgekehrte Viktor – man kennt ihn bereits - das Sagen und Erzählen hat, fortan ist er unser Führer: Witja.

VeteranenSaporoshje gibt sich wie andere Städte der ehemaligen Sowjetunion, die wir noch sehen werden: grau und verrußt, die Lenin- und Rotgardisten­denkmäler kaum fortgeräumt - man weiß ja nicht, wohin sich die Geschichte in nächster Zeit wendet. Der Busfahrer schlägt den Weg einer Verlegenheitstour ein, wir landen an der Schleuse, die wir bereits kennen, und Witja erzählt seinen besten Witz: Wenn Sie in der Ukraine am Rand einer vielbefahrenen Straße nacheinander drei runde Schilder sehen, 60, 40, 20, so bedeutet dies nicht etwa eine abgestufte Begrenzung der Geschwindigkeit, sondern die Ankündigung von 20 Löchern, 40 Zentimeter tief und deren 60 im Durchmesser. Ha ha. Kann gut sein, begründet Witja, daß Deckel, die gußeisern eigentlich Himmel von der Hölle der städtischen Kanalisation trennen sollen, geklaut und damit nicht mehr vorhanden sind: zappzerapp, sagt er und macht eine entsprechende Handbewegung. Man muß achtgeben, daß man nicht in ein solcherart vorbereitetes Loch fällt. Denn dem gemeinen Volk der Ukraine geht es schlecht. Da nutzt es jede noch so kleine Gelegenheit zu Sonderverdiensten. Nu schto, man muß das verstehen.

Das Durchschnittseinkommen im Land beträgt ein- bis zweihundert Griwna im Monat. Witja spricht langsam und schleppend, wodurch sich der Eindruck der Kargheit noch verstärkt: Rentnern stehen fünfzig bis siebzig, Kriegsveteranen (Afghanistan), je nach letztem Dienstgrad, etwa hundert­zwanzig Griwna zu; bekommen tun beide meist nichts. Nach derzeitigem Kurs entspricht ein Griwna etwa fünfzig Pfennig oder einem Viertel Euro. Am besten ist noch dran, wer wenigstens einen Teil seines Lohnes schwarz und in Valuta erhält. Der Rubel steht zwar noch auf den Schildern der Wechselstuben, wird aber schon lange nicht mehr notiert. Rußland und die ungeliebten Russen sind in diesem Land „out“.

Staudamm und Kraftwerk SaporoschjeDie Industriemetropole Saporoshje bezieht den Großteil ihres Energiebedarfs aus dem riesi­gen Wasserkraftwerk, dessen Staudamm oberhalb der – nunmehr gebändigten – Stromschnellen liegt. Die vorher geschilderte, siebenunddreißig Meter tiefe Einkammerschleuse ist Teil dieses epochalen Bauwerks, das den Dnepr für große Schiffe erst befahrbar machte. Allerdings: man betreibt in Saporoshje auch ein Atomkraftwerk, von dem hier aber nicht die Rede sein soll. Nacheinander treffen sechs Busse auf dem Parkplatz der Wasserkraft ein, die wir besichtigen werden.

Vor dem Ausstieg der Busse gelegen, durch einen Drahtzaun getrennt, dies Gewirr aus Masten, Isolatoren, Drähten und dazwischen liegenden Trampelpfaden, letztere Ergebnis mechanisch wiederholter Kontroll- und Inspektionsgänge. So mag auch in Tschernobyl die Sicherheit zur Routine erstarrt sein, bevor dort dem Menschen entglitt, was er als Zauberlehrling zu beherrschen glaubte. Tja, hinterher! Da ist jeder schlauer.

Wir gehen eine Weile, der Untergrund des Weges ist feucht, gestern gab es ausgiebigen Regen. Sdrastwuitje, guten Tag, sagt einer, dem ein klobiges graues Haupt zwischen den Schultern sitzt, und der seine abgeschabte Lederjacke bis in letzte, schrundige Falten behäbig ausfüllt. Er ist Meister, vielleicht auch Ingenieur im Kraftwerk, so ausführlich stellt er sich nicht vor. Zunächst besichtigen wir die Schaltwarte, von wo aus all der Strom gelenkt und gesteuert wird. Neben hunderten von Watt- und Voltmetern in endlosen Fronten grauer Kontrollschränke stehen zur Steuerung auf einem palisanderfarbenen Tisch auch moderne PC's aus westlicher Produktion. Die Zeiten des Brudervolks der DDR und dessen vom Elektrokombinat Robotron dem Zilog Z80 nachempfundenen Rechnerveteranen sind vorbei. Wie überhaupt die Räterepubliken nach neuerem Verständnis so gut wie gar nicht stattgefunden haben. Jedenfalls nicht hier, in der Ukraine, dem ehemaligen – und auf die richtige Aussprache dieses Wortes legt man allergrößten Wert! – Grenzland. Denn genau dies bedeutet – zumindest in diesem Zusammenhang - der Name.

Held der ArbeitIm Korridor zur Warte immer noch die verdienten Helden der Arbeit an der Wand: mit Foto und Text, beides auf rotem Samt, darüber ein mächtiger Orden: das mag man nicht tilgen. Jedenfalls nicht, solange die Aktivisten noch leben. Sie machten sich um Elektrizität, und damit die Heimat verdient. Heute tut man das gleiche für Geld, im Kraftwerk wird vergleichsweise guter Lohn gezahlt.

Wir bewegen uns hinter dem Lederbejackten über die Schwelle des ehedem gut bewachten Staatsbetriebes, dessen Kraftmaschinen, die Turbinen, seinerzeit aus den Vereinigten Staaten importiert wurden. Seinerzeit: das war, als der Heiße gerade vorbei und noch nicht von seinem kaum weniger furchtbaren Bruder, dem Kalten Krieg abgelöst war. Mittlerweile baut man nicht mehr auf amerikanische Hilfe und repariert sie selbst. Nicht etwa, weil strenge Exportkontrollgesetze der Staaten dies erschwerten, sondern einfach, weil Valuta fehlt. Der Wachmann neben dem Tor, eine schwere Pistole am Koppel, schaut verlegen zu Boden, als wir uns vor dem Eingang der Halle drängen. Für ihn sind wir, sämtlich wie wir da eintreten, Millionäre. Oder Westler, das läuft bei ihm aufs gleiche raus.

An der Wand ein monumentales Gemälde: viel rote Fahnen; der Staudamm, wie es scheint, wurde allein von Rednern unter wallendem Tuch erbaut. Nichts über die dreißig Toten, die in dessen Beton begraben liegen: während des Baues erschlagen, abgestürzt, ertrunken. Weiter an den Wänden geschwungene Messingleuchter, die sich fremd zwischen Nieten und Stahlträgern ausnehmen: Luxus, jetzt in Arbeiterhand. Man kopierte die Reichen und stieß sie von jenem Sockel, den man anschließend selbst erklomm: nun sollte das Volk herrschen. Aber das Volk ist ein Barbar, weil es dumm ist oder besser: dumm gehalten wird. Und also muß es sich neue Führer suchen (oder suchen sich potentielle Führer jeweils das ihnen genehme Volk?), die ihm gleichfalls vorstehen, und nach einigen Jahren weiß man kaum noch einen Unterschied zu benennen zwischen neuen und alten Herren, und da hätte das Volk, das sich in barbarischer Hoffnung und ebensolcher Demut neue volkseigene Herrschaft suchte, ebensogut unter der alten verbleiben können. Wer etwas tiefer stochert, dem stellt sich dann wohl wieder die Frage, wem denn nun eigentlich das Volk gehört.

Aber das tut niemand im Volk, tiefer stochern, weil es ja dumm ist. Barbarisch dumm. Als die Besucher wieder in die Busse steigen, atmet der Wachmann mit der Pistole am Koppel durch und zündet sich eine Zigarette an. Ach ja: ich hatte noch etwas gesehen, das abzulichten sich lohnte, doch der Film war verknipst. Also spulte ich im Bus einen neuen ein und eilte zurück: vorbei an dem Wachmann, der die eben angezündete Zigarette eiligst fallen ließ, an die Mütze griff und mir die schwere Tür zur Turbinenhalle nochmals aufzog: wäre nicht möglich, daß dieser Typ in der Jeansjacke morgen das ganze Kraftwerk kaufte? 

Museumsinsel ChortizaDer Typ in der Jeansjacke war ich, der nichts von den Gedankengängen des Wachmannes ahnte und froh war, als er sein Foto im Kasten hatte. Ich bin kein Millionär, und ich beabsichtige kaum, ein Kraftwerk zu kaufen. Jedenfalls nicht in nächster Zeit.

Als ich in den Bus stieg, klaubte der Wachmann die zu seinen Füßen weiterqualmende Zigarette auf, säuberte notdürftig ihr Mundstück und steckte sie wieder zwischen die Lippen: bloß, daß keiner auf die Idee käme, seine Stelle wegzurationalisieren! Da hieß es doch, sehr wachsam zu sein. Nacheinander wurden die Busse bestiegen, fuhren ab, auch meiner.

Ich glaube, ich wäre viel lieber Wachmann in diesem Kraftwerk als das, was ich jetzt bin. Mein Leben ginge ruhiger zu, dessen bin ich sicher. Und über dem nächsten Satz müßte ich dann auch nicht grübeln – also, noch einmal: die Busse fuhren ab.

Wohin? Zur Museumsinsel Chortitsa und dem dortigen Kosakenmuseum. Sie folgten einem verschlungenen Pfad, den ich mich, wäre ich Busfahrer, nie entlang getraut hätte, und wer glaubt, das Museum läge mal eben kommod um die Ecke, dem sei gesagt: Es liegt am Arsch der Welt in einer überwiegend von Erlen und Kamillestauden bestandenen Sanddüne inmitten des Dnepr.

Chortiza - Gedenkhügel der KosakenDas Museum selbst ist im Inneren modern, im Äußeren jedoch mehr auf vergangene Zeiten gerichtet: da lehnen an einer natursteinvermauerten Außenwand die aus Monolithen gehauenen Köpfe der Hetman, Häuptlinge mehrerer Generationen von Kosaken, jeweils mit Stirnlocke, den Rest des Schädels kahlgeschoren, was sie als Anführer auswies. Allen voran Bohdan Michajlowitsch Chmielnicki, ukrainisch Chmelny(t)zkij, des Landes Nationalheld. Um 1595 geboren, war er Kosakenhetman der Ukraine, sagte sich 1648 mit der Ukraine von Polen los und vereinbarte 1654 im Vertrag von Perejaslawl den Anschluß der Ukraine an Rußland, womit er, und damit die Kosaken, sich diesem Land und seinen jeweiligen Herrschern auf viele Jahre unterwarfen. Das reicht bis in unsere Zeit, die neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, weiter oben war davon bereits die Rede.

Um es zu verdeutlichen: erst im August 1992 brachen die Kosaken im ganzen Land jenen Treueid, den sie mit dem Vertrag von Perejaslawl dem russischen Zaren geleistet hatten, und schworen fortan nur der Ukraine die Treue. Der Hetman der ukrainischen Kosaken gehörte der nationalistischen Volksgruppe RUCH an, welche wirtschaftliche Autonomie des Landes forderte, Anerkennung der ukrainischen Sprache als Staatssprache, Wiedereinführung der blau-gelben Nationalflagge sowie Legalisierung der Ukrainischen Unierten Kirche. Außerdem sollten nur noch ukrainische Gesetze Geltung haben. Den Treuebruch begründete er damit, daß die politischen Fehler Chmielnickis aus dem Jahre 1654 nach mehr als dreihundert Jahren korrigiert werden müßten und Rußland als neuer Unterdrücker der Ukraine gelte – was lange gärt, wird endlich Wut, und Gelegenheit macht Hiebe: endlich lag der Große Bruder selbst am Boden, da war gut draufschlagen.

Ch. starb am 6. 8. 1657 in Tschigirin. Man frage mich nicht, wo das liegt, vermutlich aber in der Ukraine.

Zur Vorgeschichte: im 14. Jh. sammelten sich im Grenzgebiet (russ. u kraj @ am Rand) des damaligen Polenreiches Flüchtlinge vor den aus Osten drohenden Tataren und bildeten erste Reiterstämme der Kosaken. Um der Unterwerfung unter eine feste soziale Ordnung zu entgehen und den kosakischen Freiheits­idealen entsprechend leben zu können, wich später ein Teil der Kosaken in die Weite der Steppe aus und begründete unterhalb der Stromschnellen des Dnepr – den Porogen – die sogenannte Saporoger Setsch. Sa poroge – das heißt etwa: hinter den, oder auch jenseits der Stromschnellen: das heutige Saporoshje. Die Setsch war eine burg­ähnlich frühe Stadt­anlage, nach außen gesichert mit Palisadenzäunen und Erdwällen, das ganze vom Wasser des Dnepr umgeben. Im Museum wird ein sehr anschauliches Modell gezeigt.

1654 – das historische Vertragsdatum zwischen Kosaken und Russen: man muß sich dessen noch einmal erinnern. Denn genau dreihundert Jahre später – 1954 – »schenkte« Nikita Sergej Chrustschow zu eben diesem Anlaß der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik (SSR) die Halbinsel Krim. Eine Pikanterie der Geschichte; weil:

Ab 1016 gab es auf der Krim das Fürstentum Tmutorokan als Teil des Kiewer Reichs. Nach dem Mongolensturm im 13. Jahrhundert wechselte die Krim in den Besitz der Goldenen Horde (waren das nicht Tataren, vor denen die ursprünglichen Kosaken in die Ukraine geflohen waren? Und ob sie das waren! Als eine ihrer Nebenlinien entstanden nämlich die Krimtataren), von deren Gebiet sich 1438 das Khanat der Krim loslöste. Letzteres kam 1475 unter türkische Oberhoheit. Es wird noch von Bachtschisaraj die Rede sein, dem damaligen Hauptsitz des Krimkhanats, jetzt einem öden Nest aus hauptsächlich Plattenbauten, auf halbem Wege zwischen Sewastopol und Simferopol gelegen, der heutigen Hauptstadt der Krimrepublik. Denn das ist ihr eigen: die Krim gehört zwar zur Ukraine, besitzt jedoch innerhalb deren Staatsgefüges den Stand einer selbständigen Republik. Ein Zugeständnis, das enormen Zündstoff für kommende Zeiten birgt. Die Krim möchte sich verselbständigen, bereits zweimal besaß sie eine eigene Präsidentur: zum ersten Mal ab 1921, als sie Autonome SSR (ASSR) der Sowjetunion wurde. Bis Nikita Ch. sie verschenkte, eben 1954, an die Ukrainische SSR, Erbfeinde, so man will. Seit Ende 1991 jedoch existiert die Sowjetunion nicht mehr, und damit auch keine der ehemaligen ASSR's oder SSR's. Das zweite Mal also war 1992.

Innerhalb der seit 1991 unabhängigen Ukraine, zu der sie immer noch gehört, erhielt die Krim zu diesem Zeitpunkt den Status einer autonomen Republik. Das Parlament der Krim führte im Widerspruch zur ukrainischen Verfassung 1993 ein Präsidialregime ein. Der für den Anschluß der Krim an Rußland eintretende J. Meschkow wurde 1994 zum Präsidenten gewählt. Dazu muß man wissen, daß seit langem zwei Drittel der Krimbewohner Russen sind. Im März 1995 hob das ukrainische Parlament das Präsidialregime der Krim auf, natürlich, denn das restliche Drittel der Halbinselrepublik besteht hauptsächlich aus Ukrainern - und Minderheiten, wie Weißrussen, Krimtataren, Griechen, Türken, Juden und anderen. Also: geschenkt ist geschenkt, das wollen wir doch mal sehen, ob die Krim sich jetzt einfach wieder den Russen anschließen kann! So geht das nun, und es wird darum noch angestrengte Kraftakte geben.

Chortiza - HetmanhäupterVielleicht wollten wir das alles ja gar nicht so genau wissen. Aber nun steht es mal da. Auf dem Foto jedoch, worauf ich die Hetmanhäupter vor der Wand ablichtete, beginnt bereits Geißblatt und Efeu ihre Wangen emporzukriechen. Nicht mehr lange, dann werden sie überwuchert sein, die in Stein geschlagenen Schädel der Häuptlinge. Fraglich, ob man sie in der von Geldwert und Mafia bestimmten Gegenwart noch einmal freilegt. Wir steigen in die Busse und fahren zurück zum Mittagessen. Das jedenfalls ist real: man kann es anfassen – begreifen!

Geschichte hingegen scheint eher virtuell – kaum faßbar und noch weniger anfaßbar. Geschweige denn zu begreifen. Man lernt nicht aus ihr, wird nur ihre Daten auswendig lernen und darauf vertrauen, so sei es wirklich gewesen. Historikern wie Herrn Kohl, unserem ehemaligen Kanzler, sollte man da mit einer gesunden Portion an Mißtrauen begegnen. Aber vielleicht wollen wir das wirklich nicht genau wissen: bestimmt hat es Vorteile, dumm zu sein – barbarisch dumm.

Am Nachmittag fahren wir noch einmal hinaus zur Museumsinsel Chortitsa. Diesmal in ein Reservat, das sich schlammig und aufgeweicht zeigt, es hat stramm zu regnen begonnen. In diesem Reservat leben die Enkel der Kosaken, backen Brot, züchten Pferde und hausen in ähnlicher Umgebung wie ihre Vorfahren. Natürlich haben sie elektrisch Licht, und das Feuer unter der Esse, worauf sie ihren Pferden Hufeisen schmieden, stammt aus einer Propangas­flasche hinter der Holzhütte.

Was ihnen so leicht jedoch keiner nachmacht, und wovon sie letzten Endes leben, das sind die Reiterspiele, um deretwegen wir hier sind. Auf feuchten, gespaltenen Holzstämmen sitzend, Schirme über die Köpfe gespannt, worauf es aus knorrigen Ulmen darüber pladdert und mit dumpfen Tropfen auf die gespannten Regenhäute trommelt, harren wir dessen, was da an kosakischem (gibt es dieses Wort?) Repertoire vorgeführt werden soll. Man hat uns gesagt, sie reiten wie die Teufel. Und uns nicht belogen: sie reiten wirklich wie die Teufel! Nun könnte jemand die berechtigte Frage erheben: Wie - zum Teufel! - reiten denn die Teufel?

Etwa so: da kommen sie hereingaloppiert, in die von frischen Kiefernbalken umfaßte Manege, liegend auf der Pferde Rücken, stehend auf deren Widerrist oder auch an deren Seite hängend. Einzeln und zu zweit. Und sie wechseln die Stellungen, hängen mal am Sattelknauf, schleifen mit den Stiefeln im Dreck der Manege, schwingen in vollem Galopp sich hin und her, von einer Seite auf die andere und krallen sich links oder rechts in die Mähnen ihrer Pferde. Manchmal hängen sie bei rasendem Tempo an der Seite ihrer Pferde und stehen mit nur einem Fuß im Steigbügel – das alles mit nacktem Oberkörper vor dem Dach aufgespannter Regenschirme der Zuschauer. Die Gäule dampfen, die Teufel weniger.

Ich möchte das nicht machen. Hatten wir - glaube ich - schon mal.

Und dann veranstalten sie natürlich ihre Späße mit dem Publikum: ein Krummschwert wird gereicht, waagerecht gehalten, darauf ein Schnapsglas abgestellt. Und aus der Gürtelflasche vollgegossen. Das hält ein aus dem Publikum Geholter in beiden Händen und soll den Schnaps trinken, ohne das Glas zu berühren – nicht ganz leicht, diese Übung. Einer wirft das Glas mit raschem Schwung vom Schwert in die Luft und sucht es mit den Lippen aufzufangen: es näßt ihm nur die Hemdbrust und gehorcht anschließend der Schwerkraft; Gott sei Dank verdunstet Alkohol sehr rasch.

Man sollte nicht solch übersteigerte Vorstellungen von den Bräuchen der Kosaken hegen. Die handhaben das eher cool: sie senken den Kopf, heben das Glas auf dem Schwert mit beiden Händen an die Lippen und trinken es aus: so. Ohne jeden Trick. Nur Schwert und Glas muß man hinterher wieder loswerden. Oder wie es so schön heißt: entsorgen. Gewöhnlich wird beides einfach fallengelassen, wo man geht und steht. Einer springt hinzu, räumt es fort. Nicht alle sind Hetman, jemand muß die Dreckarbeit machen. Alle jedoch scheinen zufrieden.

Jaa, dehnt man wohl jetzt das Wort, daas hätte man soo ja auch gekonnt – nun denn, Damen und Herren, anschließend gibt's tipische Eintoof von Kosake zu kosten, so steht es auf das Papp­schild neben dem großen Kessel gemalt, aus dem es zum Schluß der Reiterei verheißungsvoll duftet. Dazu einen Schnaps, vermutlich ebenfalls tipische Snaps von Kosake, doch das steht nirgends geschrieben – also, Messieurs-Dames: zeigen Sie, was Sie drauf haben! Der Eintopf brennt einem die vordere Hälfte der Zunge weg, und der Schnaps, den man in einem Sturz zum Löschen hinterherschickt, den Rest.

So ist das. Da wird einem der Hals ganz [eng], und niemand macht in diesem Moment mehr große Worte.

Doch seltsam: nach qualvollen Sekunden, in denen der Mund, unbewußt das Maul eines Ochsenfrosches nachahmend, kühl lindernde Lüfte einzusaugen gesucht hat, und die Flammen auf der verbrannten Zunge nur noch etwa einen halben Meter hoch lodern - danach also macht sich im Magen ein wundersames Gefühl großmächtiger Wärme breit - wovon ein bißchen auch ins Gehirn steigt. Anschließend schaut man eher verwundert seinem Arm zu, wie der das leergetrunkene Glas einem tipische Kosak zu erneuter Füllung parat hält, sieht hinein die klare Flüssigkeit rinnen, die allsogleich, nachdem der Arm eingefahren ist, man in sich selber rinnen fühlt, und dann -

Aha, repetiert man, wieder im Bus, höchst zufrieden ins Sitzpolster gelehnt und die Augen dösend geschlossen: In solcher Umgebung also backen die Kosaken Pferde, züchten wie ihre Vorfahren im Reservat Enkel und hausen im Brot. Oder so ähnlich. Stimms nich?

Stimmt – nu schto, Tipische Tourist. Beim fakultativen Abendessen an Bord – unser General hatte vor zwei Stunden abgelegt und befand sich auf dem Wasserweg in Richtung Nowaja Kachowka - blieben denn auch einige Tische leer. Müßig, zu spekulieren, ob die nicht gehabten drei Abendgänge in irgend­einer Form mit den sehr wohl gehabten Kosakenschnäpsen Verrechnung fanden. Sozusagen ship 'n shore, Schiff und Küste - sollten nicht beide voneinander profitieren?

Na klar doch. Gegönnt sei der Menschheit tausendfach die Kungelei. Was weder neuer noch alter Erdteil ist, sondern allein die zwischenmenschliche Handhabe, jemandem nicht (oder doch) das zuzugestehen, was ihm eigentlich zusteht, meist aber vorenthalten wird. Das lasse man sich ruhig auf der Zunge zergehen.

Abschiedsmelodie ...Also, vor zwei Stunden: da war das erste Ablegen von einer Anlegestelle nach dem Start in Kiew. Als der General sich löste, gravitätisch den schäbigen Betonklotz im trüben Wasser des Dnepr vor Saporoshjes Ufern hinter sich ließ, da ertönte aus seinen Bordlautsprechern eine wehmütige Melodie: süß klang sie uns in den Ohren, während die Zurückgebliebenen auf dem Ponton Tücher und Hände schwenkend langsam kleiner wurden. Ganz eigenartig ums Herz wurde einem da. Fortan wiederholte sich das in jedem angelaufenen Hafen, wir sprachen bereits davon: beim Auslaufen diese anrührende Melodie, die so manchem Schiffsgast Tränen in die Augen trieb - mir zum Beispiel, ich bin da ganz ehrlich. Denn ich ließ etwas hinter mir, das ich vorher nie sah und so rasch auch nicht wiedersehen würde – das Geliebte Land. Wenn mir hier anstelle des o ein i ins zweite Wort nach dem vorangegangenen Gedankenstrich gerutscht ist, so mag man mir das nachsehen: ich stehe kaum an, viele Länder zu loben. Doch ich liebe nur wenige. Vermutlich bin ich unheilbar slawophil, so wie andere frankophil sind und sich nur noch von Stangenweißbrot, Käse und Wein ernähren. Ich betrachte das nicht als Krankheit, und so sollte mir auch niemand Pillen verordnen, die mich davon heilten: sie hülfen nichts.

Schön übrigens, so ein archaischer Konjunktiv, nicht wahr? Bei Fontane liest sich die „Hilfe“ auch heute noch als „Hülfe“, so sprach man früher. Echt cool.

Nowaja Kachovka

Acht Uhr am Morgen: unser Bordfunk sendet Nachrichten in Deutsch. So steht es im heutigen Tagesprogramm. Morgen dann sendet er in Englisch und übermorgen in Französisch. Danach wiederholt sich dieser Turnus. Kein Wort von Nederlands oder Schwyzerdütsch, deren scheint der Bordfunk nicht mächtig. Unser Bordfunk: das nämlich ist der kleine wamperte (was Bayrisch ist und dick bedeutet, aber eben nur an einer bestimmten Stelle, und die betrifft den Bauch oder auch die Wampn, wie man diesen im Bayernland zu nennen pflegt und damit dem norddeutschen Hochsprachler ein Erkleckliches an Sprachpräzision voraus hat, denn dick im eigentlichen Sinne ist er ja nicht, der bis auf das farblos weiß strahlende Oberhemd stets schwarz gewandete) Zeremonien­meister. Letzteres sogar in der Freizeit. Nein, ihm hängt nur die erweiterte Nabelgegend ein wenig über den schwarzen Gürtel. Die zuerst genannten drei Sprachen beherrscht er völlig akzentfrei, ein Wunder; von den beiden übrigen scheint er nie etwas vernommen zu haben. Obwohl es eine ganze Busladung Schweizer und mindestens zwei holländische Ehepaare an Bord gibt.

Woher er die Neuigkeiten bezieht, bleibt unklar. Meist drehen sie sich um Fußball oder Wetter, beides anerkannt ergiebige Themen für Urlauber. Sie werden ins Mikrofon geflüstert und sinken nach Durchrasen mehr oder weniger langer Leitungen aus den Lautsprechern in die Kabinen, leise wie Schneeflöckchen, damit nur ja niemand davon erwacht. Zwar gibt es an jeder Anlage einen Drehknopf, damit läßt sich jedoch nur die Lautstärke der ständig dudelnden Hintergrundmusik regeln, nicht aber diejenige von offiziellen Durchsagen: zur Sicherheit. Solche freilich gingen – zumal, falls das Fenster geöffnet wäre – akustisch wohl im Klatschen der Wellen am Schiffsrumpf unter.

Manchem mag gegen Schluß der Nacht zwar sogar ein Flüstern noch zu laut erscheinen, besonders im Urlaub, doch Nachrichten, die niemand vernimmt, kann man sich getrost sonstwohin schieben: meinetwegen hinter den Spiegel. Oder auch anderswo hinein, man weiß schon.

Zum Ende der Reise, an deren letztem Tag in Kiew, wir mußten ganz früh raus: der Flug nach Frankfurt ging um - ich weiß nicht mehr wann, aber sehr früh, egal also, dieser Flug zurück zum Ende der Reise: vorher schleppte die ganze Besatzung Koffer. Selbst der Zeremonienmeister. Eine halbe Stunde zuvor hing er noch im Schlafanzug – Seidenausführung - an der Rezeption, in der Hand das Mikro, und säuselte Nachrichten hinein. Nachrichten, die selten ankamen, gleichwohl im Tagesprogramm versprochen waren. Im weiteren Verlauf trug er wieder seine schwarz-weiße Uniform - und Koffer: vor allem Koffer. Jeder mußte ran. Das lediglich Vorgriff auf das Ende der Reise: noch haben wir das meiste ja vor uns. 

Nowaja Kachowka - AnglerAlso Nowaja Kachowka: unser nächster Halt. Gegen acht Uhr passieren wir die nach dem Ort benannte Schleuse, ihre Höhendifferenz beträgt an die vierzehn Meter. Nicht gerade umwerfend für den, der Saporoshje hinter sich weiß.

Etwa siebzigtausend Einwohner birgt die Stadt unter grauen Dächern, sie scheint ein rechtes Provinznest. Gleichwohl öffnet sie sich vom Fluß her malerisch mit charmant verfallenden hölzernen Ufervillen, davor allerlei Bootsgerümpel. Etwas weiter der aufgegebene Anleger: eine hochherrschaftliche Treppe mit seitlicher Säulenbalustrade führt von dort hinan zu einem Weg in die Stadt, wohl ehedem deren Entree. Nun ist er verwachsen, im Mittelteil der zweigeteilten Treppe wuchern Unkräuter, Büsche und junge Bäume. Der Kai ist mit Gittern verstellt, hier können nur kleine Boote anlegen.

Eine halbe Meile weiter der eigentliche Anleger: ein schwimmender Betonklotz, bevölkert von Trupps sich darauf der Angelei hingebender Rentner, Pensionäre, Arbeitsloser und schule­schwän­zender Halbwüchsiger. Das anchorteam, unsere beiden Matrosen in den orangefarbenen Schwimmwesten, ein sehr Langer und ein Kurzer, wie Pat und Patachon (ein skandinavisches Komikerduo in den fünfziger Jahren, ähnlich Dick und Doof), auf den Schädeln gleichfarbige Sicherheitshelme, diese Vorhut also hat ihre liebe Not, nachdem sie von Bord an Land gesprungen ist, in all dem Durcheinander freie Bahn für die Schlingen der Trossen und leere Poller zum Anhängen des Schiffs zu finden. Gleichwohl, sie schafft es.

Was einen Angler am meisten schreckt, das ist ein weiterer Angler in seiner unmittelbaren Umgebung. Es sei, der hält einen Abstand von mindestens hundert Schritten, wahrt somit die Revierhoheit des zuerst Dagewesenen und erweist dessen älteren Rechten seinen tiefsten Respekt. Im Grunde jedoch empfindet jeder Angler anderen Anglern gegenüber ähnlich wie der sonnenbadende Mensch den Mücken: sie sind ihm lästig. Und wie der Mensch dagegen die Fliegen­patsche schwingt, so griffe der Angler gern zu Kalaschnikow und Stinkbomben, wenn es denn hülfe - doch Angler sind eine zähe Rasse, vermutlich liegt es daran, daß sie keinen Fisch essen.

Am Kai, wenn man den schwimmenden Klotz so betiteln darf, stehen wenigstens zwei Empfangskomitees bereit: ein Dreigespann junger Leute, zwei Frauen und ein Mann, dem die Hände in den Seitentaschen seiner Anzugjacke festgefroren scheinen. Die Frauen, eher unschlüssig Finger windend, sind gekleidet in Rosa und Grau. Der Mann trägt Wanderstiefel mit orangeroten Schnürbändern zum Jackett, worunter eine schwarze Jeans die Knie beult. Die Drei scheinen sich nicht recht einig, diskutieren miteinander und sind irgendwann verschwunden – war wohl nicht so wichtig. Wer weiß, wem sie aufwarten sollten.

Daneben das zweite Komitee: zwei Mädchen, vielleicht acht und zehn Jahre alt. Beide in Sonntagskleidung: das eine strohblond, ein Gummiband im Haar, das vom übrigen Gewuschel einen winzigen Schweif abtrennt, es trägt ein mattblaues Kleidchen mit applizierten Rüschen in dunklerer Farbe. Das andere stemmt den Arm in die Hüfte, spannt dabei die weiße Bluse, unter der sich bis zum Knie ein graues Röckchen fältelt, an den Füßen trägt es rote Sandalen. Dieses Mädchen scheint älter, gibt sich jedenfalls bewußter, sein Haar ist dunkelblond. Es besitzt bereits ein wenig winzig knospende Brust.

Legen wir also erst mal an - hier kommen die Eroberer um die an Land sich scharenden Ureinwohner zu besichtigen! Der Ponton ist ein von Rost durchzogener Betonklumpen, man wundert sich, daß er schwimmt. Seitlich an ihm hängende Autoreifen verhindern allzu starke Berührungen mit den anlegenden Schiffen. Eine Gangway wird an Land – das heißt: den Betonklumpen, der erst durch eine weitere Brücke mit Genanntem verbunden ist – geschoben. Die Indianer fiebern bereits.

Na gut: erst mal an Land und durch die Menge. Witja mit dem Schild in der Faust voran, schließlich haben wir ein Ziel. Kein Bus, wir werden zu Fuß dorthin wandern. Bis wir dort eintreffen, lauern uns jedoch eine Menge Wegelagerer auf: da ist der schnauzbärtige Maler, fast selber schon Bildnis, der Kreide- und Rötelzeichnungen von Kosaken und ihren Pferden sowie Ersteren auf Letzteren feilbietet. Allesamt gerahmt und unter Glas, prêt à porter. Er will ein Schweinegeld dafür, vergleichsweise. Nein, ich fotografiere ihn, das langt, abkaufen werde ich ihm nichts, da muß er sich andere Millionäre suchen, mir ist er schlicht zu teuer. Roter Anzug, grauer Schnauzbart und wirres Haar sind typische Künstlerkennzeichen, mit denen er sein, wenn auch vielleicht vorhandenes, so doch in den Bildern eher verborgenes Talent darstellt. Das soll er sich von neureichen Mafiosi vergolden lassen, ich spiele da nicht mit. Baselitz zum Beispiel: einer, der seine Machwerke grundsätzlich verkehrt herum aufhängt – ich muß sie mir ja nicht anschauen, nicht wahr? Den rot hingelehnten Anzug am Geländer der betonierten Pestbeule dort unten muß ich mir ebensowenig antun.

Vom Anleger führt eine gerade Straße zum Haus der Kultur: Dom Kultura. Ein Schwarm etwa sieben- bis achtjähriger Kinder folgt uns. Meine Frau ist vollauf beschäftigt, Kaugummi und Gummi­bärchen an die uns wie eine Wolke schillernder Schmeißfliegen begleitenden Kinder auszuteilen. Die beiden vom Empfangskomitee Nummer zwei sind auch darunter. Alle geben erst nach und lassen einen in Ruhe, wenn man sie mit Kaugummi vollgestopft hat. Bloß nicht, daß einer mehr ergattert als der andere, um solchen Erwerb wird heftig gerungen: da sind sie zäh und eisern, die zarten Mädchen wie die kurzbehost mageren Jungs. Irgendwann lassen sie von uns ab. Was nicht heißt, daß wir sie los sind: sie verlagern nur ihren Hinterhalt auf den Anleger, diesen Betonklotz: da müssen wir ja wieder an ihnen vorbei, wenn wir zurück aufs Schiff wollen.

Ein Bus überholt uns, steinzeitlich klapperig zwar, doch voll besetzt. Hier gibt es wenig Privatautos. Eine Hierarchiestufe höher angesiedelt als die Businsassen sind wohl die wenigen Radfahrer, denen wir begegnen. Um Autofahrer anzulocken, muß man schon minutenlang in Mitte der Fahrbahn spazieren, bevor einer anrauscht und dieses Terrain durch lautes Hupen für sich reklamiert. Also Nowaja Kachowka: etwa siebzigtausend Einwohner birgt die Stadt unter grauen Dächern, und wie schon erwähnt: sie scheint ein rechtes Provinznest.

Da gibt es die Stadtverwaltung, untergebracht in einem klassizistischen Bau aus Sowjetzei­ten: sechs tragende Säulen vor hoher dreistöckiger Front, darüber Türmchen und immer noch die den Sowjetstern tragende Nadelspitze - weiß man denn hier, was alles noch kommt? Ein paar Häuser weiter wunderbar von Grün umwachsene Balkons mit aufwendig stukkatierten Brüstungen: diese Häuser sind schön, und man beneidet die, welche darin wohnen.

Schließlich das Dach des Kulturhauses: eine kostbar filigrane Ziegeleinlegearbeit in rot und dachpfannengrau. Darüber, zu Häupten des Giebels, diese stukkatierte Dreiergruppe: links ein versteinerter Spieler der dreiundsechzigsaitigen Bandura, daneben ein Fräulein, kräftig modelliert, in der hocherhobenen Hand wiederum den Sowjetstern im Kranze, rechts davon ein Mensch in Arbeitskleidung, der eine Schriftrolle hält, vermutlich einen Plan; nu schto, gottlob weiß man nicht genau, was darin geplant wird. Und keiner ist begierig, auf das wunderschöne Dach zu steigen, nur um nachzuschauen: Planzahlen sind out, absolut. Dennoch ist niemandem bislang der Gedanke gekommen, die drei Figuren zu schleifen. Sollen sie doch da oben stehen bleiben! Irgendwann werden sie von selbst herunterkommen und zerschellen. So wie letztlich der stets unvollendet gebliebene Torso des Kommunismus.

Im Dom Kultura – dem Kulturpalast – soll für uns eine Folkloreaufführung stattfinden, zum größten Teil gestaltet von Kindern aus dieser Stadt und Region. Das Haus selber entstammt der Ära des Stalinismus, die große Glasmalerei im Vestibül bestätigt es: sehr schön bunt und freundlich leuchtet das Licht der Sonne durch sie hindurch in die weite Halle, auf den zweiten Blick wird es aber doch nur wieder die bis zur Erschöpfung wiederholte Glorifizierung der Helden der Arbeit unter Stalin: wackersteingroße Fäuste der Männer, gebärfreudige Figuren der Frauen und allen gemeinsam dieser erwartungsvolle Blick nach halboben: dorthin, wo sich über ihren Köpfen im Glasfenster Hammer und Sichel kreuzen, und wo darum herum im rotgeschmückten Ährenkranz strahlend die Sonne erblüht – die Sonne der Partei, welche immer Recht hat, und deren erstere wohltuendes Licht vorwiegend deren letztere Funktionäre wärmt.

Hatte und wärmte – müßte es nicht so heißen? Das gilt ja nun alles nicht mehr. Oder?

Witja sagt, an den Schaltstellen der Macht sitzt immer noch die Nomenklatura, nur gibt sie vor, demokratisch gewendet zu sein. Nu schto. Nomenklatur an sich ist nichts Schlechtes und steht für das System der Fachbe­zeichnungen in einem Wissensgebiet. Nomenklatura im Russischen hingegen bedeutet die dem Volk aufhuckende Funktionärslast. Mag sein, die wird auch einmal Wissensgebiet, nicht jedoch, bevor das Volk sie nicht abgeworfen hat. Das sagt sich leicht, und aus diesem Grund wird es wohl auch einige Generationen dauern, bevor das geschieht.

Nowaja Kachowka - Kindervorstellung im Dom KulturaIm Saal steht erwartungsvolles Summen. Die Stühle sind abgewetzt und unbequem, hinter dem Vorhang bewegt sich etwas, und das schürt die Spannung. Unvermittelt erbrechen die Lautsprecher neben der Bühne einige klobige Musiktakte, dann öffnet sich der Vorhang, und auf den freigegebenen Brettern stakst ein magerer Elfjähriger in Charlie Chaplin Uniform ins Licht der Scheinwerfer und beginnt, das Spazierstöckchen kreiselnd, zu steppen.

Respekt, das Bürschchen ist großartig!

Zu ihm gesellt sich ein Mädchen, und beide heben an, eine Geschichte zu erzählen: ein Paar rote Damenpumps spielen darin mit, die dem Mädchen viel zu groß sind, und er prahlt mit seinem Stöckchen und macht Sprüche, die ebenfalls viel zu groß sind, und beide steppen und tanzen und geben sich diesen Tätigkeiten solcherart hin, daß es für uns als Publikum nur so eine Freude ist und wir vergessen, daß da zwei Kinder agieren. Als die Musik endet, belohnt die beiden lang anhaltender Beifall. Im Folgenden wendet die Choreographie noch viele Einfälle auf, es würde ermüden, alle hier aufzuzählen. Nur soviel sei gesagt: das ganze ist perfekt kostümiert und in Szene gesetzt, dahinter stehen Profis. Entscheidend jedoch ist, daß es den Kindern und Jugendlichen, die hier auftreten, sichtlich Spaß und Freude bereitet, ihr Können zu zeigen. Und uns, ihnen dabei zuzuschauen. Der Schluß der Vorstellung versinkt in brausendem Applaus, man wird die Stadt und ihre Kinder in steter Erinnerung behalten: Nowaja Kachowka, ach Gott, die Gören, ja, so war das damals: wunderbar!

Nun muß man allerdings zu Fuß zurück zum Schiff. Auf dem Weg dorthin hat sich allerhand Volk aufgebaut. Grob geschätzt: alles, was in dieser Stadt donnerstags nicht arbeiten muß, und das ist nicht wenig. Denn dieser 1. Juni ist ein Donnerstag und ein Glückstag für die sich um den Anleger scharenden Indianer, die den Göttern vom weißen Schiff, das da heißt General Lavrinenkow, der, wie man wohl weiß, ein bekannter Testpilot war - das also den weißen Göttern vielerlei an feinen Gebrauchsgegenständen wie auch unnützem Plunder verehren möchte, wenn diese nur mit einem rüberkommen: valutierbarer Knete. D-Mark also, Dollar und Pfund.

Einem inmitten des Trubels unerschütterlich Balalaika zupfenden Mädchen, es mag zehn Jahre alt sein, stecke ich einen Greenback zu. Viel zu viel, dafür muß ihr Vater mindestens einen Tag lang arbeiten – ach geh! Es sieht so bedürftig aus, ich kann mich nicht wehren.

Wieder an Bord, prahlen die weißen Götter mit all den erworbenen Schnäppchen, und wie sie den stupiden Indianern an Land das mottenzerzauste Fell über die Ohren gestülpt haben, und sie brüsten sich und zeigen das Erworbene her: die handgeklöppelte Tischdecke zum Spottpreis oder den Orden »Held der Arbeit«, der hohen Erinnerungswert besitzt, und sie klopfen sich gegenseitig auf die Schultern und finden sich eigentlich unwiderstehlich und kolossal gut und können sich kaum lassen im Stolz auf ihren spät erwachten Handelssinn.

Die Indianer aber bleiben, bis das Schiff mit all den weißen Göttern an Bord wieder ablegt und ihrem Dunstkreis entschwindet, am Strand aus Beton. Dort reiben sie sich dann die Hände, kehren in die Stadt zurück und überschlagen ihre Einkünfte: nicht schlecht. Und die Stadt mit Namen Neu Kachowka, deren Gründung auf den Bau der Kachowkaer Schleuse wie auch des gleichnamigen, 240 km langen Stausees zurückgeht, dessen Befüllung zwei Jahre dauerte, bis das alte Kachowka auf seinem Grunde endgültig ersäuft war, wird blühen und gedeihen und auf das nächste Schiff warten. Jedoch, so dieses ausbleibt, wohl zugrunde gehen. Denn sonst hat die Retortenstadt nichts zu bieten, was ihr aufhülfe - außer den Kindern. Schade um sie. Davon jedoch kann keine Stadt der Welt leben. Eher schon, daß man Valuta zählt und sie zur Bank bringt, zum Beispiel der Privat Bank. Die baut sich dann davon ein schönes Haus, wie zum Beispiel das in Dnepropetrowsk - doch davon wird noch die Rede sein, gemach.

Dörfer unterwegsGegen Mittag legt das Schiff ab, von sehnsüchtigen Blicken verfolgt und begleitet von der ebenso sehnsüchtigen Melodie aus Bordlautsprechern, die schon erwähnt wurde. Den Rest des Tages wie auch die folgende Nacht verbringen wir in rascher Fahrt flußabwärts nach Westen. Hinter Weiden und Erlen am Ufersaum versteckt gleiten Ortschaften, manchmal nur aus drei, vier grauen Blechdächern bestehend, vorüber. Das Auge erschöpft sich in Landschaften, die still in sich selbst ruhen, was man gemeinhin auch als abgeschieden bezeichnet. In den großen Städten, wie Kiew oder Charkow, denke ich, kann man ihr Vorhandensein leicht vergessen.

Nachts hat der Fluß viele Stimmen. In das Locken, Pfeifen und Trillern unbekannter Vogelarten mischt sich tausendfaches Bellen und Knurren ganzer Sippschaften von Kröten, Fröschen, Unken und anderer Bewohner ufernaher Schilfgebiete. Tagsüber stakst hier der Storch, gründelt tief mit seinem roten Klapperschnabel, und über ihm im Baum lauert der krummhalsige und scharfsichtige Kormoran auf allzu arglose Beute. Jetzt, zur Nachtzeit, glimmen dort die Irrlichter der Fahrrinnenbegrenzung, warnen weißblitzende Markierungs­bojen vor Untiefen und sonstigen Hindernissen. Myriaden von Zikaden sägen sich werbend die Hinterbeine ab, und übermorgen Nacht gibt es zehnmal zehn Myriaden neue.

Schwarz und unbewegt, wie eine chinesische Lackarbeit, glänzt der Spiegel des Wassers vor dem Schiffsbug, der ihn in zwei Hälften zerpflügt, die erst weit hinter dem Störenfried der Flußnacht ihre Schollen wieder zueinander tun und zur gewohnten Ruhe finden. Wir stehen vorn, wo das Schiff in sie eintaucht, und lauschen und kriegen nicht genug von der samtenen Dunkelheit, die, von des Tages Hitze noch durchwallt, uns umfächelt: aus tausend Mäulern, Schnäbeln und Naturinstrumenten lärmend – und doch sonderbar still. Irgendwie.

Wäre man nicht hinlänglich und allerorten bereits als Atheist geoutet: direkt fromm könnte einem darüber werden. Darüber, worüber bereits Elvis Presley sel. vor dreißig Jahren mit der Zunge schnalzte: Hm, such a night!

Spät sind wir dann doch ins Bett gefallen. Irgendwer hatte in unserer Abwesenheit die Kajütfenster verschlossen, sie ließen sich nicht mehr öffnen. Nachfrage am Empfang erbrachte die Auskunft, dies sei vorsorglich geschehen: man nähere sich dem Meer, und nachts quere man offene See, es sei stürmisches Wetter angesagt, und man wolle nicht riskieren, daß in irgendein offenes Fenster Wasser überschwappe und das Schiff womöglich mit Problemen belaste, die man bei geschlossenen Fenstern nicht gehabt hätte. Deshalb also.

Wenn die Sonne einen ganzen Tag lang die eiserne Unterkunft von dreihundert Menschen bestrahlt, dann nimmt das Eisen die Wärme auf und gibt sie nachts wieder ab. Falls man dann kein Fenster öffnen kann, wird es heiß.

Verdammt heiß.

Hafeneinfahrt von OdessaOdessa – ach, Odessa!

Natürlich wälzten wir uns die halbe Nacht. Auf See herrschte unfreundliches Wetter, das sich erst zum Morgen hin beruhigte. Unausgeschlafen suchen wir uns zum Frühstück im Restaurant Kiew einen Fensterplatz. In der Ferne ragen Kräne in den frischen Tag, eine Mole trennt Schwarzes Meer vom Hafengewässer. Bedächtig laufen wir den Hafen von Odessa an, die Stadt breitet sich hell dahinter auf einer Anhöhe. Der Lotse kommt längsseits, ein Mann in Jeans und Turnschuhen steigt an Bord und übernimmt bis zur Kaje am Morskoje Woksal, dem Meeresbahnhof, das Kommando. Das ist in allen Häfen der Welt so, und wenn auch unser korrekt uniformierter und mehr als konservativ bebarteter Kapitän dessen Einfahrt wie seine Hosentasche kennt, so muß er doch dem Lotsen für diesen Augenblick die Herrschaft über sein Schiff abtreten, damit der es sicher an den Anleger führt. Anders ist hier eigentlich nur, daß der Lotse keine Uniform trägt – keinen Bock mehr drauf?

Odessa ist eine wunderschön angelegte Millionenstadt im Grünen. Gleich am Kai erhebt sich neben Kränen und Lagerhallen die neu erbaute Seefahrerkirche, und hinter dem erwähnten Meeresbahnhof führt die sich nach oben verjüngende Potemkin-Treppe hinauf in die Stadt. 

Die PotemkintreppeDiese Treppe hieß ursprünglich nach ihrem Erbauer Armand Emmanuel du Plessis,  Herzog von Richelieu, dem ersten Gouverneur von Odessa und Neu-Rußland (1803-14), einem Urgroß­neffen des Kardinals Richelieu, vormaligem Politiker und Förderer von Kunst und Wissenschaft im alten Frankreich – das alles herzuzählen, verfluchter Adel, nimmt einem richtig den Atem!

Zu jener Zeit besaß die Treppe zweihundert Stufen, zwanzig pro Absatz. Sieben davon fielen am unteren Ende dem Bau des Meeresbahnhofs und der Schnellstraße davor zum Opfer. Am 14. Juni 1905 lief im Hafen eine Barkasse des Panzerkreuzers »Potemkin« mit einem Toten an Bord  ein. Seine Matrosen hatten das rote Banner gehißt und organisierten den ersten Aufstand in der russischen Kriegsmarine. Währenddessen streikten an Land die Arbeiter, die an der Beisetzung des zu Beginn dieses Aufstandes vom ersten Offizier der »Potemkin« erschossenen Matrosen G. Wakulentschuk, teilnehmen und das revolutionäre Schiff begrüßen wollten.

Im Übergang des Tages zur Nacht des 16. Juni 1905 schlugen zaristische Truppen den Aufstand der Matrosen sowie der unbewaffneten Arbeiter Odessas, die sich mit ersteren solidarisch erklärten, blutig nieder. Zum Gedenken an diese Tragödie wurde die Richelieu-Treppe, als endlich die Roten an der Macht waren, in Potemkin-Treppe umbenannt. In Sergej Eisensteins bekanntem Film »Panzerkreuzer Potemkin«, den man zu den zehn besten seit den ersten Bewegungen auf Zelluloid zählt, stuckert ein Kinderwagen diese Treppe herab - eine schreckliche Szene im Gemetzel des vierten Aktes, die kein Cineast je vergessen wird.

Gleichermaßen, wie wir seit Beginn dieser Reise belehrt sind, daß General Lavrinenkov ein bekannter Testpilot war, sind wir bestens eingeweiht in die Herkunft unseres Führers Viktor: er ist ein Kind Odessas und kennt diese Stadt wie etwa das zehnjährige Mädchen das Innere seiner Nase, in der es hingebungsvoll popelt, während es uns, die wir dem General entsteigen, vom Kai aus die andere Hand mit einem Fächer bunter Postkarten entgegenstreckt. Wie es da x-beinig steht, wirkt es sehr bedürftig, und mehr als eine der älteren mitreisenden Damen streicht ihm übers schmuddelig dunkle Haar und kauft ihm das eine oder andere an bunten Kärtchen ab. Auch Viktor führt immer einen Stapel Postkarten mit sich, die er nach Besichtigungen im Bus für einen Griwna das Stück verkauft, fünf für einen Dollar. Das Mädchen verlangt nur einen halben Griwna, und Viktor, der uns mit dem hocherhobenen bekannten Aluminiumschild vorangeht, wirft ihm grimmige Blicke zu. Das ist nicht schwer, denn Viktor besitzt Augen wie Kohlestücke, und um das Gesicht herum wächst ihm viel dunkles Haar, das es düsterer scheinen läßt, als es in Wirklichkeit ist. Zusammen steigen wir ihm nach und die berühmte Treppe hinauf, die von ebensoviel Geschichte wie Blut getränkt ist.

Herzog Richelieu, erster Gouverneur OdessasAn ihrem Kopf, dort, wo sie den Emporsteigenden schwer Atem holend in die Stadt entläßt, empfängt uns Monsieur Richelieu in der Pose eines römischen Feldherrn: in der Linken eine Schriftrolle, wahrscheinlich mal wieder ein Plan. Gottlob ist die Rolle aus Erz, wie auch der ganze Herr auf dem roten Granitsockel, er schaut ein wenig feierlich aufs Meer hinab. Na gut, man gründet nicht jeden Tag eine Stadt wie Odessa, sie ist ihm besonders gut gelungen, das muß man dem Monsieur auf dem kalten Stein dort oben schon zugeben.

Hinter seinem togagewandeten Rücken sticht die Ulitsa Karla Marksa (parallel zur Ulitsa Lenina und zur Puschkinskaja Ulitsa) als Hauptmagistrale ins Herz der Stadt. Ulitsa bedeutet Straße, und Karla Marksa ist nicht etwa die Gattin des weltbekannten und heute eher ungeliebten Trierers, sondern das ist er selbst, sacht eingefärbt vom russischen Genitiv: Straße des Karl Marx bedeutet das. Es gibt eine hübsche Karikatur, da steht Marx, den Einkaufswagen schiebend, im Baumarkt vor einem Regal und streicht sich sinnend den wuchtig breiten Bart: nimmt er nun lieber den Hammer oder die Sichel, die dort beieinander liegen? Nebenbei erwähnt: es gibt auch eine Querstraße, die nach Karla Liebknechta benannt ist. Siehe oben.

Linkerhand schwenkt man ab in einen von Linden und Kastanien gesäumten Boulevard, die Seepromenade oder auch Primorskij Bulvar, eine beliebte Flanierstraße. An deren Ende, nach nur fünfhundert Metern, erhebt sich das Denkmal des Dichters Puschkin, dahinter ein Gebäude mit breiter, weißer Kolonnade vor dem Eingang, ehemals die alte Börse, heute Sitz des Stadtsowjets, was nichts Schlimmes ist, denn sowjet bedeutet einfach nur Rat – Stadtrat also, das kennt man auch bei uns. Wenn der Alte von Rhöndorf, Adenauer, in den fünfziger Jahren abwertend von Soffjets sprach, dann klang aus ihm die ganze Borniertheit und Unwissenheit des rheinischen Industrie-, Kleriker- und Bankenklüngels, mit dem er versippt und verschwägert war.

Puschkin am Primorskij BulvarAlexander Puschkin wurde, nachdem er beim Zaren in Ungnade gefallen war, in den Süden des damaligen Neu-Rußland verbannt und lebte von Juni 1823 bis August 1824 in Odessa, das seit Richelieu Teil des russischen Reiches war. Die zum fünfzigsten Todestag des Dichters errichtete Bronzebüste (1887) wurde aus Mitteln finanziert, die ganz allein die Einwohner von Odessa aufbrachten. Die Inschrift im Sockel lautet: Für Puschkin von den Bürgern Odessas - mehr Liebe kann ein Volk seinen Dichtern kaum entgegenbringen.

Odessa - die OperEtwas weiter, vor dem weltberühmten Theater für Oper und Ballett, das im Inneren der Semper-Oper Dresdens ähnelt, und dessen Erdgeschoß derzeit ein häßlicher Bauzaun verdeckt, warten unsere Busse. Sie sind uns nachgefahren aus Kiew, und sie werden uns auch die sechshundert Kilometer bis Sewastopol auf der Krim nachfahren. Vorerst karjuckeln sie uns in medias res, also mitten in die Dinge hinein, die diese Stadt zwischen Primorskij Bulvar und dem Park Arkadija für uns bereit hält. An der Deribas-Straße werfen sie uns raus, weil hier die Fußgängerzone beginnt, und sie uns endlich laufen lassen müssen.

Kostbarkeiten auf dem KunstmarktDort gibt es Jugendstilbauten, davor blendend weiß erblühte Akazien, einen kleinen Park, in dem Maler das sich Abgerungene ungerahmt oder gerahmt auf Staffeleien und Gerüsten zur Schau stellen. Mancher möchte gar nicht verkaufen, sondern nur, daß ihn jemand bemerkt, auf seine Arbeit, die er nach der Kellnerschicht im Restaurant verfertigt hat, aufmerksam wird. Eher versteckt, dem Park gegenüber, eine Passage, angefüllt mit fülligen Stuckfiguren, alabasternen Herr­schafts­wappen, längst ohne jede Gültigkeit, getragen von einem Meer aus Säulen, Bögen und falschen Kapitellen. Darüber ein Glasdach, in dem nicht eine Schindel einen Riß aufweist – wohl eingängig, daß Läden und Boutiquen unter diesem künstlichen Himmel nicht zu den preiswertesten der Stadt rechnen. Dennoch scheinen sie gut besucht. Nicht gerade Laufkund­schaft, aber immerhin: es gibt hier doch wieder mehr Leute mit Geld, als man gemeinhin annimmt.

Odessa, BahnhofsplatzAm Ende der Straße lesen uns die Führer und Busfahrer wieder auf, Viktor schwenkt sein Schild. Durch die Stadt, vorbei am farbenfrohen Priwoz, dem größten Kolchos-Markt Odessas, vorbei auch am Bahnhofsplatz mit dem hohen Kuppelgebäude der ehemaligen Geistlichen Akademie, heute ein Planetarium, gelangt man über den Platz der Oktoberrevolution endlich in die Nähe des Meeres und wieder zu Fuß an die Strände Odessas – in den Park von Arkadija.

Im Bahnhof von OdessaDort, wo die Brandung sacht ans Ufer schlägt, und gut gefüllte Badeanzüge sich ihr – weit weniger sacht aber doch enorm standhaft – entgegenwerfen, dort, wo die Campingplätze voll besetzt sind und zwei oder drei Discotheken mit Aufbauten aus Pappmaché um Besucher buhlen: die eine also mit nachgebauten griechischen (tarsischen) Tempeln, während die andere voll auf die südamerikanische Maya-Kultur setzt. Aber nur die dritte ist echt, nachempfindend ein japanisches Teehaus, alles aus Bambus – dort also bummeln wir eine sandige Straße hinab in Richtung Meer.

Welches seiner Natur nach rauscht und hierdurch vornehmlich bei Frauen die Regung erweckt, sie müßten unbedingt mal ... jetzt gleich. Warum sollte die meine – wie man weiß, die weitaus zweitbeste von allen - da eine Ausnahme bilden? Ich frage also einen Händler in seiner Bude, entlang des Wegs gelegen: Gdje Tualjet?

Sein Arm beschreibt eine weitausholende Bewegung in Richtung Campingplatz: geradeaus durch und dann halblinks. Ja, so ungefähr. Dann sollten wir es wohl finden. Er nickt, und wir bedanken uns. Tatsächlich steht dieses Gebäude nach etwa fünfzig Metern linkerhand vor uns: Glasbausteine und der Eingang von hinten, das muß es sein.

Als meine Frau zurückkehrt, verlangt sie den Fotoapparat: so ein Loch habe sie noch nie zuvor erlebt, ehrlich. Und sie geht zurück, fotografiert das Loch, und als das Bild am Ende des Urlaubs entwickelt ist, gereicht es der ganzen Ukraine und den angrenzenden Diskotheken zur Schande: beschissen wäre – wie man so sagt – geprahlt. Da sollten sich die Stadtväter mal was einfallen lassen. Anderes, als Absenkungen für Rollstuhlfahrer an den Kanten der Bürgersteige: Einer hat damit die Kommunalwahl gewonnen, gut, das war. Jetzt sollte er sich mal um die Abtritte der Stadt kümmern. Vielleicht erst um einen: den hier im Park Arkadija, dem Idyll, wie es im Lexikon heißt, in dem glückliches Leben möglich sein soll. Obwohl: ähnliche Aborte schrecken auch heute noch in Südfrankreich und Italien die nicht Ortsansässigen, ich habe sie selber gesehen, ungern läßt das Volk von seinen Gewohnheiten. Nur, daß dort, in den Mittelmeerländern, Wasser fließt. Hier steht ein Eimer für das Papier. Nu schto.

Auf dem Rückweg kaufe ich einer Frau, sitzend auf einem Schemel, für dreißig Kopeken ein aus einem Zeitungsblatt gedrehtes Tütchen mit Sonnenblumen­kernen ab. Ich bekomme die Technik, sie zu öffnen, nicht raus. Spelzen verhaken sich mir in den Zahnlücken, ich versuche, sie loszuwerden und verfluche die Frau auf dem Schemel, die gar nichts dazu kann. Witja sammelt uns ein, gemeinsam fahren wir zurück und trödeln hinter ihm die große Treppe hinab zum Schiff: erst mal was essen. Im Restaurant Kiew gibt es nichts in Zeitungspapier gewickeltes, da wird alles auf blanken Tellern und von freundlich lächelnden Mädchen serviert.

Odessa - die kleine Seefahrerkirche am KaiEinen halben Tag lang liegen wir danach auf der faulen Haut, erkunden anschließend die nähere Umgebung. Der General ist an einer schrecklich im Wellengang knarrenden Brücke vertäut. Das wird heute manch schlaflose Nacht zur Folge haben. Uns Wurscht, wir liegen zur anderen Seite raus. Jetzt, siebzehn Uhr fünfzehn, fahren wir erst mal in die Oper, der Bus bringt uns rauf. Es weht ein strammer Wind am Kai, man hat sich gekleidet: Anzug oder Sakko, die Frauen im Hosenensemble, Männer mit im Urlaub ungeliebt um den Hals geknoteter Krawatte, dem Kulturstrick. Im Dunkel der Bühne beginnt der erste Akt der Oper Aleko von Sergej Rachmaninov, mich drücken neue Schuhe.

Es scheint alles nicht recht verständlich, was sich auf der Bühne abspielt: nachdem dort nämlich zwei Menschen - ein Liebespaar, begreift man immerhin - gestorben sind, der Mann erstochen, die Frau von eigener Hand mit selbigem, noch blutigen Messer sich entleibt habend - nachdem also diese beiden ihrer sämtlichen Lebensrechte bestohlen worden sind, machen sich die versammelten Dorfbewohner über den rechtmäßigen Gatten der toten Frau her, die eben so herzerweichend und doch dabei noch wunderbar singend gestorben ist  - tja.

Wir haben eben nur Anrecht auf den ersten Akt, und was im zweiten passiert, bekommt niemand zu wissen, nicht einmal das städtische Stammpublikum, das sich unter unseren Logen mit knisternd verpackten Blumensträußen auf den Knien in die samtbespannten Klappsitze drückt: im Anschluß an den ersten Akt greift sich ein anscheinend lokaler Politiker das Mikrofon und läßt eine längere und breitere Rede vom Stapel. Jemand öffnet einen Spalt die Tür und zischelt in die Loge: Die Busse warten!

Nu schto. Wollen wir sie nicht warten lassen. Der da unten quasselt weiter, und jemand bringt ihm einen Blumenstrauß. In der Ankündigung auf dem Schiff hieß es: 18:00 Uhr, Beginn der ein-Akt Oper „Aleko“ von Rachmaninov über Werke von Puschkin. Nicht ganz klar ist, ob diese Oper nur aus einem Akt besteht, oder ob nur deren erster Akt zu besichtigen steht. Meine neuen Schuhe drücken, sie sind schwarz, und ohne Rachmaninov und den blauen Sakko hätte ich die Fußbekleidungen kaum betreten. Im Bus lockere ich vorsichtig die zu fest geschnürten Senkel – wenn man mich fragt: ich hätte die ganze Sache auf eine Ehe zu dritt hinauslaufen lassen. Aber mich fragt kaum jemand, der eine Oper über Werke von Puschkin komponiert.

Ich bin ja schon froh, zurück an Bord des General, welcher am auf schwappendem Wasser stöhnenden und knarrenden Anleger der Nacht harrt, daß mich jemand beim Abendessen im Restaurant Kiew fragt: Was möchten Sie zum Essen: Bier, wie immer? Kleines oder großes?

Ja, sie kennen mich, die lieben jungen Mädels; immer lege ich beide Handflächen fünf Zentimeter auseinander vor meinem Bauch in die Luft, messe damit ein Volumen ab und sage: Piwa, malenkij, pashalsta – ein Kleines, bitte. Und dann bringen sie ein Kleines, irgendwann; es gibt nichts leichteres, als Bier zu bestellen, darüber hätte mal jemand eine Oper schreiben sollen! Schostakowitsch zum Beispiel, vielleicht wäre er dann von seinen Oberen nicht des westlichen Formalismus’ bezichtigt worden, denn Bier tranken auch Funktionäre und Generalsekretäre in der vormaligen SU sehr gerne. Nun gibt es die Genannten – angeblich - nicht mehr.

Nomenklatura - ist das nicht der gute alte Jelzin?Witja hingegen sagt: Sie sind alle noch da. Nomenklatura, nur bißchen in der Wolle gefärbt. Es ist sicher nicht angebracht, so kurz nacheinander wieder mit Nu schto, dem Motto dieser Schrift, auf seine Aussage zu reagieren. Reagieren wir also gar nicht: jede Politik veranstaltet ihren eigenen Mumpitz, man muß ja nicht bei jedem dabei sein.

Ich glaube, wir tranken noch eine Kleinigkeit in der Dnepr-Sky-Bar am Heck des zur Ruhe gehenden Schiffes und dachten über diese Stadt nach, eine Gründung Katharinas der Großen, in der Nikolaj Wassiljewitsch Gogol achtzehn Jahre nach Puschkins dortigem Exil an seinem Roman Die toten Seelen arbeitete und Maxim Gorki sich 1896 im Hafen als Sackträger und Schreiber verdingte.

Wie bereits erklärt, mußten wir übrigens die getrunkene Kleinigkeit nicht sofort bezahlen, nur auf einem blaßrosa Formular deren Erhalt bestätigen: man hatte Kredit. Allein dies schon schafft Westeuropäern, die daheim sogar beim Besuch des WC der Autobahn­raststätte erst fünf echte Groschen in den Teller des Klomannes – oder, im Damen-WC, der Klofrau – zählen müssen, bevor er, beziehungsweise sie, uns in irgendeine Schüssel pinkeln lassen, ein angenehmes Empfinden von Unabhängigkeit. Denn ist es nicht so: wem die Blase bereits zu platzen droht, der hat als jemand, der sämtlichen Neuerungen zugänglich ist, natürlich zig Kreditkarten dabei - aber nicht einen einzigen Groschen Kleingeld. Non olet, Geld stinkt nicht, hieß es denn auch folgerichtig bei den Lateinern (oder Latrinern – ist dieser Quartanerjux wirklich so abwegig?), wenn über Einkünfte aus Anstalten des öffentlichen Bedürfnisses im alten Rom gesprochen wurde. Auf diesen Lehrsatz, fast zwangsläufig zum Wahlspruch des Kapitals mutiert, hätte jenes, nämlich das Volk, nie zurückgreifen können, hätte es zu Zeiten des römischen Kaisers Vespasian und dessen Sohn Titus, den ersterer über die Einträglichkeit kapitalen Urins wie auch weitaus hinterlistigerer Abdrücke aufzuklären suchte, bereits Kreditkarten gegeben.

Pardon, wenn ich bißchen ausgeufert bin. Das kommt mir schon mal, nichts für ungut.

Später, in unserer Kajüte: das Fenster war wieder zu öffnen, und Hafengeräusche drangen herein. Wellen schwappten an den Stahl des Schiffsbauchs, von irgendeiner Werft klingelte ein preßluftbetriebener Niethammer in die Nacht. Aus dem Lautsprecher über der Koje ganz von fern ABBA: Knowing you, knowing me, aha... Ich drehe es ab, bis zum Anschlag. Nun kommt nur noch Schwappen von draußen, begleitet vom fernen Ti-ti-ti-ti-ting des Niethammers und dem Schnarchen aus der Koje gegenüber: na also. Wieder mal alles in Ordnung. Was solch elementare Bedürfnisse betrifft, wie Schlafen: man will ja gar nichts anderes. Und schon gar keine Neuerungen. Steuerbord, das Knarren des im Wellenbad schwimmenden Anlegers: hier vernimmt man nichts davon. Hier tönt nur das, was man durchs Fenster hereinläßt oder selber produziert – irgendwann brechen solche Gedanken in Stücke und tauchen bruchteilhaft als Träume wieder auf. Aber dann ruht man wohl bereits in den angenehmen Bedeckungen des Lagers: tief und fest, so Gott will - und man selber auch.

Das jedoch ist gar keine Frage.

Noch einmal: Odessa

Frühstück nach ungestört durchschlafener Nacht: reichlich und gut, wie immer. Der Tag bis sechzehn Uhr steht zu freier Verfügung, wir haben beschlossen, uns auf eigene Faust der Stadt zu nähern. Ziel ist der Markt, Priwoz geheißen. Man folgt dazu in der Oberstadt der an der Potemkin-Treppe beginnenden Ulitsa Karla Marksa - der früheren Jekaterinenstraße - solange geradeaus in Richtung Westen, bis man geradewegs vom bunten, dichten Menschengetümmel des Marktes aufgesogen wird. 

Denkmal der Helden des Aufstandes auf dem Panzerkreuzer PotemkinZu Beginn der Straße erhebt sich, geformt aus glatter schwarzer Bronze, das Denkmal zum Angedenken der Helden des Panzer­kreuzers Potemkin, das erst sehr spät, nämlich im Jahre 1965 entstand. In seiner Skulptur hielt der Bildhauer Bogdanow jenen Augenblick fest, in dem die Matrosen, über welche vor der befohlenen Erschießung an Bord eine Schiffsleinwand geworfen wurde, diese beiseite schleudern und damit gleichsam das Joch der zaristischen Selbstherrschaft abschütteln. Es ist nicht schön, und man muß es auch nicht schön finden, die Bürger Odessas jedenfalls lieben es nicht gerade, aber es steht nun einmal da. So etwas wie Besitzstand. Und solange es nicht den Verkehr behindert, bleibt es wohl stehen: mächtig metallen und aus Bronze gegossen, das Denkmal.

Nu schto, man fand sich in Vergangenheit schon mit ganz anderem ab.

Hochzeitskutsche vor der OperOdessa also ist eine Millionenstadt mit südlichem Flair, und wer sich darunter nichts vorstellen kann, der sollte schleunigst hinfahren. In dieser Stadt, die längst nicht mehr nur von ihrem Hafen lebt, denn zwei neuere Häfen südlich und nordöstlich, Iljitschowskij und Jushnyj, entlasten ihn, scheint Heiraten ein beliebtes Freizeitvergnügen. An diesem Samstag beobachten wir allein drei Brautpaare und ihre Gäste, wie sie sich ihren Tag unvergänglich machen. Das reicht vom geliehenen Cadillac Grand de Ville vor der Oper bis zum perfekt inszenierten Brautvideo in den Säulenkolonnaden der ehemaligen Börse, nunmehr Stadtsowjet. Die dritte, man mag es gar nicht sagen, scheint eine Bauernhochzeit, die sich mit einem großflächig bemessenen aber gut im Lack stehenden Automobil der russischen  Marke Wolga zufriedengibt.

HochzeitsgesellschaftDiese Braut ist die hübscheste und natürlichste von allen, ihrem Fototermin geht die Gesellschaft im Weichbild des ehemaligen Palastes des Prinzen Woronzow nach, einem der schönsten Bauten des alten Odessa, zu Sowjetzeiten als Pionierpalast genutzt, heute verfallend. Noch umweht ihn der bröckelnde Charme des Morbiden, der Hochzeitspaare hier Einkehr halten läßt: allemal ergeben sich in seiner Kulisse hübsche Fotos, die nach der ersten Scheidung vielleicht wehmütig wieder hervor gekramt werden: Na sieh mal da – haben wir nicht schön geheiratet? Aber etwas war schon damals faul an der Sache ...

Der Maler und das MädchenWir schlendern dahin, im Schatten lindengesäumter Alleen, schauen in Hofeinfahrten und entdecken manches Idyll: Amor und Psyche, engumschlungen in besseren Zeiten aus weißem Marmor gehauen und hier aufgestellt - dahinter an profaner Leine zwischen zwei Bäumen zum Trocknen aufgehängte Leib- und Bettwäsche. Wir bewundern um die Zeit der Jahrhundert­wende erbaute Häuser, deren Balkone von stuckgeformten Meerjungfrauen und bärtigen Göttern gestützt werden, und wir sehen einem Maler am schattigen Platz neben der Deribasstraße über die Schulter, wie er ein kleines Mädchen portraitiert: die zarteste Unschuld und doch bereits alle Verruchtheit des ewigen Weibes in den kindlichen Zügen. Der Maler ist ein alter Mann, die Hand mit dem Kohlestift zeichnet zitternd das Mädchen zu niedlich, mag sein, er ist zu sehr angetan von dem madonnenhaften Gesichtchen. Was Wunder, ich selbst hab mich ja, sobald ich es sah, in dieses Antlitz verliebt!

Passage in der DeribastraßeDeribasstraße – eine der ersten slawischen Ansiedlungen im 15. und 16. Jahrhundert an dieser Stelle war der Hafen Kadschi Bej. Im Zuge osmanischer Eroberungen errichteten die Türken hier 1764 die Festung Chadshi Bej. 1792 kam das ganze durch den Frieden von Jassy an Rußland. Auf Vorschlag Alexander Suworows, des berühmten Feldherrn Katharinas II., wurde im Mai 1794 das „Projekt für die Hafenstadt Chadsi Bej“ der Zarin zur Billigung vorgelegt. Am 22. August 1794 rammte man die ersten Pfähle für den Hafen ins Erdreich, seither gilt dieser Tag als Geburtstag der Stadt Odessa. Die Leitung der Bauarbeiten aber wurde dem Admiral Deribas übertragen, einem Spanier in russischen Diensten – daher die Deribasstraße, jetzt Fußgängerzone, in der sich nachmals der Sowjetunion dicht an dicht die Geschäfte drängen.

Priwoz - Markt 1Aber dann der Markt – vorweg gesagt: hier gibt es alles und auch nichts, das es nicht gibt.

Vornan gleich das Wichtigste: Taschen aus faserverstärktem, rot-blau kariertem stabilem Plastik, in die etwa ein Kubikmeter Einkäufe passen. Alles rennt mit diesen Behältnissen durch die Markt­gassen; sind sie erst einmal befüllt, weicht man ihnen und ihren Trägern besser großräumig aus.

Priwoz - Markt 2Im weiteren Verlauf dann Hosenknöpfe, Damenschlüpfer, Fisch, Gemüse, Schweineköpfe, Obst, Getreide, Nüsse, T-Shirts, Pelzkappen, bonbonfarbene Torten, Käse, Schrauben, Pilze, Zigarettenstangen, Nähgarn, Säcke voller Maismehl, Sonnenblumenkerne, Sauerrahm, Honig – mjod, man bekommt davon auf den Handrücken geträufelt, muß ihn im Vorbeitreiben abschleckend kosten, ähnliches passiert mit smetana (Sauerrahm), tak, charascho! nickt man freundlich und schnalzt mit der Zunge, das freut die Frauen hinter Honig- wie Rahmtöpfen -, Waschmittel, Heiligenbilder unter Glas in schwülstigen Goldrahmen, Trainingsanzüge, Bananen, Batterien und gestickte Sofabezüge. Womit die Liste noch lange nicht erschöpft ist, nur die Geduld des aufzählenden Vorbeters. Man möge sich, so man zufällig in Odessa weilt, durch die fünf oder sechs Hallen treiben lassen und das gefälligst alles selbst anschauen. Nur eins noch:

Der rollende SupermarktDa ist dieser rollende Supermarkt. Eine Reihe Lastkraftwagen, aneinander gedrängt im Staub der ungepflasterten Zufahrt geparkt, Schnauze an Schnauze realsozialistisches Design, allesamt reif für die Schrottpresse, allesamt mit Kastenaufbauten. Einer sogar mit vergittertem Lufteinlaß einer Frosteranlage über dem Fahrerhaus, hinter dem ein unsichtbarer Ventilator lärmt. Auf der Rückseite dann über die ganze Aufbauseite herausgeklappte Türen mit Fächern, dahinter Regale, und alles bis oben hin bestückt mit Waren aus dem Westen: was sich das Herz nur wünschen kann. Hier kaufen die etwas besser Gekleideten ein. Vermutlich können sie auch etwas besser bezahlen, als die sich daran vorbeimühende Masse, links und rechts auf der Suche nach Sonderangeboten die Augen offen haltend. Die das hier aufgezogen haben, verdienen sich goldene Nasen. Nein, man muß durchaus nicht der Mafia angehören, um in diesen Zeiten reich zu werden. Nur eine Idee gehört dazu – und der Wille und die Inkaufnahme des Risikos, sie durchzusetzen. Es sind mal wieder Gründerjahre.

Blumenkinder auf der DeribastraßeAuf dem Weg zurück stellt meine Frau fest, daß ihre Uhr stehengeblieben ist: vermutlich Batterie leer. Die Zeiger stehen still, auch die Zeit hat ja Ferien, zumindest an ihrem Handgelenk. Also ins nächste Uhrengeschäft: U was jest batarejka? Der Uhrmacher nickt: selbstverständlich hat er Batteriechen. Die Uhr in der Hand, verschwindet er hinter einem Vorhang, den er nach fünf Minuten wieder lüftet: Voilá! reicht er den Zeitmesser zurück - wirklich, er sagt: voilá! Die Uhr tickt wieder. Skolko - wieviel?

Djesjatj – zehn Griwna, etwa vier Mark. Daheim, im Kaufhof, hätte man allein die Batterie, ohne Einsetzen, nicht unter zwölf Mark erstanden. Gottlob, es gibt sie, die seriösen Geschäfts­leute, die vom Banditentum der restlichen Welt noch nicht infiziert sind. Was zählen da schon die dreitausend Kilometerchen, die man hierher, in die Kirowstraße in Odessa fahren, fliegen oder reiten müßte: vier Mark! Bekommt man irgendwo sonst auf der Welt dafür die Batterie seiner stehengebliebenen Uhr gewechselt?

Da sitzt eine junge hübsche Frau am Gehwegrand auf ihrem Stühlchen, Rücken wie auch Schultern gegen die rauh verputzte Wand des Hauses hinter sich gelehnt. Vor ihr ein Klapptisch, darauf sauber hingebreitet Zigarettenschachteln, mindestens zwanzig Marken, international, aus allen Ländern der Welt. Man deutet mit dem Finger auf eine Packung, bekommt daraus eine Zigarette angeboten und sogar noch ein Hölzchen entzündet, das an dem zwischen die Lippen Genommenem die räuchernde Glut eines Brandopfers entfacht. Ein Service. Und was kostet das – Skolko stoit?

Tridzat. Ungefähr Dreißig, je nachdem. Westliche etwas teurer. Was Dreißig – doch nicht Mark? Quatsch, Kopeken. Bißchen mehr als zehn Pfennig. Mensch, könnte man da nicht glatt wieder das Rauchen beginnen, hätte man es sich nicht so mühsam seit zwei Jahren abgewöhnt? Tja – Gelegenheit vertan; man kann nicht alles haben.

Neben Nichtrauchern und anderen Nichttuern gibt es Leute, die sehr wohl etwas tun wollen: für die steht der abgetakelte Bus mit den roten Gardinen vor den Fenstern unter den Akazien der Pushkinskaja bereit. Davor Mädchen zum Aussuchen: brav und bieder, so wie die Herren der Schöpfung sie gerne haben. Sie sehen alle aus wie Hausfrauen, nur das schwüle Rot in den Busfenstern paßt so gar nicht zu ihrer braven Kleidung, dem gefönten Haar und stinknormal unter ihren Röcken auf flachen Absätzen hervorkriechenden Waden. Es gibt so vieles, was nicht sieht, wer es nicht sehen will.

Wie dieser Kanaldeckel, dem nahezu die Hälfte seiner Rundung über dem Loch, das zu bedecken er einstmals gegossen wurde, irgendwann abhanden kam. Witjas Worte fallen mir ein über gewisse Nebenerwerbe in seinem Land; aber dann hätte doch der Deckel gewiß komplett gefehlt – mag sein, nur eine der vielen Schlampereien, deren Anblick man als Westeuropäer kopfschüttelnd gegenübersteht: das darf doch nicht wahr sein!

Im Café an der DeribastraßeWenig tröstlich jemandem, der nächtlich heimkehrend seinen Fuß nicht mehr vorhandener Oberfläche anvertraut: bestenfalls geht es mit ein paar schlimmen Schürfwunden ab. In Fällen, wo der Deckel völlig fehlt, kann allerdings geschehen, daß man sich in Katakomben wieder­findet, die den größten Teil der Altstadt Odessas untergraben. Hier baute man nämlich unter der Erdoberfläche fast das gesamte 19. Jahrhundert hindurch jenen gelben Muschelkalk ab, aus dem die meisten der alten Gebäude dieser Stadt oberhalb der Erde bereits zu einer Zeit errichtet wurden, als Moskau noch vorwiegend aus Holzbauten bestand. Dadurch erhebt sich Odessa auf einem riesigen, weit verzweigt unter ihm wuchernden Labyrinth aus Steinbrüchen unter­schied­lichster Tiefe, deren Adern und Verlauf niemand genau kennt. So kann man, aus einem nicht geplanten Fehltritt heraus, mit dem Myzel eines Pilzgeflechtes bekannt werden, das einstmals Bauwut hieß. Und jetzt wieder, nur verlagert sich die in Randbezirke der Stadt, in deren Innerem sämtlicher Grund vergeben ist: ehedem volkseigener Besitz, nun in Staatshand aber mehr und mehr privatisiert.

Die Brücke der Liebenden - Schloß verankert, Schlüssel in den Abgrund darunter geworfen ... ob das hält?Ein Auto voller Technobässe wummert mit herabgelassenen Scheiben vorbei: kumpf! kumpf! kumpf! – da!da!da!kumpf!! Sieh an, selbst hier der Fluch der Technik oder vielmehr: dessen, was heute möglich ist. Als Allergeilstes gilt ein Lada Sputnik 1200, mit Heckspoiler und zwei rotgefärbten Nebel­schluß­leuchten auf der hinteren, verrosteten Stoßstange als drittem Bremslicht, die Scheiben im Fond mit schwarzer Folie beklebt und im Vorschalldämpfer ein Loch, daß man die Faust hinein­stecken kann. Wenn der nächtens vor dir an einer Ampel bremst, wirst du glauben, soeben sei die Kreuzung explodiert oder zumindest dein Vordermann mitsamt Gefährt komplett in die Luft geflogen. Gottlob müssen wir diese Straßen, wo sich solches tut, nächtens nicht befahren. Noch nicht mal tagsüber. Es langt, wenn uns zu Hause die gleichen Schwach­köpfe belästigen, hier haben wir Urlaub und freundliche Busfahrer, die uns zu den Stätten unserer Sehnsüchte chauffieren.

Nochmal: Volkseigener Besitz? L'etat c'est moi, der Staat bin ich, tönte der vierzehnte Ludwig von Gallien. Hier gibt man sich weniger laut. Viktor sagt, seit der Wende im Ostblock habe das Land acht Ministerpräsidenten verschlissen, die alle nur dessen Bestes wollten. Fast alle hätten es bekommen, doch nur einer sei verhaftet worden: J. Swiagilsky, und zwar im November 1994 wegen Unterschlagung. Man darf getrost seinen Namen nennen. Darauf befragt, betont Viktor: trotz allem sei er kein Pessimist.

Eher ein geläuterter Optimist.

Auf der bronzenen Kanone vor der Börse klettern spielende Kinder. Vom Primorskij Bulvar zweigt ein Pfad ab, der in Windungen den Hang hinab auf halber Höhe zur berühmten Treppe führt, die Hafen und Stadt verbindet. Zwei Matrosen der Schwarzmeerflotte, im Alter unserem Jüngsten gleich, auch sie geliebte Söhne irgendwelcher Russenfamilien aus diesem Riesenreich, strecken die Beine in einem Pavillon entlang des Weges aus, der, wenn man will, hinab zum Hafen führt. Ob wir fotografieren dürfen – moshna fotagrafirowatja?

Fotagrafirowatja? Da, moshna!Da, moshna. Sie setzen sich zurecht, spreizen die Schenkel und legen die Arme über das Gitter des grüngestrichenen Pavillons. Zingg, macht mein Blitz. Und der hält fest: da ist viel Kraft. Man soll sich in den Russen nicht vertun – wie könnte solch über zehn Zeitzonen und zwei Kontinente gedehnter Riese denn Schwäche zeigen!

Das werden sich wohl auch manche Herren im, wie ebenso außerhalb, des Kreml denken, die abends nicht einschlafen dürfen, ohne gewärtig zu sein, des Morgens jedweder Macht und überkommener Chuzpe von weit Ausgeschlafeneren beraubt zu erwachen.

Westlich kaum differenzierend, rechnet man beide Arten von neuen Herrschern gleichwohl der Mafia zu. Und hat wohl recht: ist diese doch gleichzusetzen dem geheimbündlerisch organisierten Bandentum, und wenig anderes regiert im Moment die Parlamente der meisten ehemaligen Räterepubliken. Nomenklatura, sagt Witja, und damit meint er jene, die Stalins Säuberungen überstanden und sich seitdem zunehmend kommod eingerichtet haben. Diese, wie auch ihre Sippschaft, hebt noch nicht mal ein jüngstes Gericht aus dem Sitz. Sie bildeten Myzelien, vor langer Zeit schon, überwucherten die Nährböden des Landes als Pilzgeflecht und sind heute so schwer zu beseitigen wie die Hexenringe auf einer - ohne sie - wohl eher nur von Champignons und Parasolpilzen oder anderen Nützlingen bestandenen Wiese. Nützling aber ist dieses blutsaugende Geflecht seinem Volk noch nicht mal in Andeutungen.

Als ich endlich die nachmalige Potemkin-Treppe mit skeptischem Blick in die Linse der eigenen Kamera, gerichtet auf mich von der eigenen Frau, die mich unbedingt auf diesen historischen Stufen ablichten möchte - als ich also wie nebenbei die Treppe hinabsteige, befinde ich mich auf dreien, vieren ihrer Absätze ziemlich mit mir allein. Wenn jetzt die Kosakengarde aus Sergej Eisensteins Film Absatz für Absatz die Treppe hinabschritte und gemessen auf das vor ihnen sich breitende feuerte: außer mir hätte sie kaum jemand zu erschießen. Und das wäre sehr schade. Zum einen für mich, außerdem aber für Truppe und Treppe: sie hätten das nicht verdient.

Wir - im Spiegel des Morskij WoksalUnten angelangt, am Morskaje Woksal, doppeln wir uns, wie Schiffe und Kräne des Hafens, in seinen verspiegelten Scheiben. Sie zeigen das rautenförmige Muster des Vorplatzes, geriffelt, mit all den auf ihm herumspazierenden Gestalten, wie auf einer riesigen Kinoleinwand. Eine Skulptur aus neuerer Zeit, von der man ähnlich wenig weiß, was sie bedeutet, wie von denjenigen, die aus Sowjetzeiten stammen, behauptet sich in dessen Mitte: eine große Bronze, wohl einige Tonnen schwer. Daneben zwei Glaskästen – weiß der Kuckuck, was das aussagen soll, der Sinn des Ganzen erschließt sich einem nicht ohne weiteres.

Na gut. Hitze brüllt glutvoll vom Himmel. Um sechzehn Uhr erst legt der General ab. Vielleicht sollten wir in der Dnepr Sky Bar zuvor eine Weinschorle und ein Bier zu uns nehmen? Überredet. Zum Abschied in bereits golden verklärendem Abendlicht betätigt der Küster der Seefahrerkirche am Pier das Geläut in guter alter Handarbeit: sozusagen unplugged. Man sieht ihn wie Victor Hugos Quasimodo, den Glöckner und mighty Quinn von Notre Dame, in Glocken­gestühle wie ‑gewühle des Campanile umher­springen, die Seile der Klöppel zerren und damit die klingenden Bronzehäute der im offenen Turm aufgehängten Glocken bearbeiten: das hat etwas mit schwarzem Blues, der Mächtigkeit des Mississippi im Anlauf seines Deltas, mit Menschsein und –werdung: kurz, mit Größe und Weite, ja, so in etwa – damit  hat es wohl zu tun, wie dieser Mensch die Glocken läutet.

Morskij Woksal - Abschied von OdessaZwei Stunden später, auf offenem Wasser. In den Restaurants Kiew und Odessa ist heute italienisches Abendessen bereitet. Danach, gegen 21.00 Uhr, verfertigt in der Donau-Panorama-Bar ein Alleinunterhalter leichte Musik. In der Dnepr-Sky-Bar hingegen musiziert die Schiffsband, wieder mal Tanzabend. Mir stößt vom italienischen Essen immer noch Oregano auf, wer mich kennt, weiß um meine Abneigung gegen dieses Gewürz. Fortwährend aufstoßend aber kann ich nicht tanzen, das wird man leicht einsehen. Was bleibt? Die Nacht in der Kabine, in der es unter italienisch besterntem Himmel gen Sewastopol geht, dem einstmals als geschlossene Stadt jedem touristischen Unterfangen sich kratzbürstig sperrenden Heimat­hafen der russischen Schwarz­meer­flotte. Das ist sie auch heute noch, vertraglich gesichert für das nächste Vierteljahrhundert. Hausherr in Sewastopol jedoch ist nunmehr die Ukraine und in ihr die autonome Republik Krim. Dort aber hat der ehedem von den Russen diktierte Hang nach tausenderlei Visa und Passierscheinen stark nachgelassen.

Leise schwappend schlägt das Meer an die äußere Hülle unseres Generals: beruhigendes Geräusch, unter dem man wohl sacht entschlummern mag. Schwarzmeerflotte? Nitschewo. Da existieren zwar noch ein paar Atom-U-Boote, aber: uah, gähn! die zählen doch kaum!

Nu schto. Solange sie nicht zu Rost zerrieselt sind, bilden sie sehr wohl eine Bedrohung, es gibt sie zumindest noch: im Nordmeer wie auf der Krim. Derart beruhigt oder auch beunruhigt schlafen wir bei offenem Fenster ein, während das Schiff in Richtung Krim stampft. Letzteres ein Ausdruck, von dem man meinen könnte, er sei daher gesagt, weil Schiffe immer stampfen, und deshalb also auch unseres nicht anders könne. 

Doch, es kann anders, zumal wenn das Wasser glatt und unbewegt ist, wie beispielsweise ein gestauter Fluß: da stampft es nicht. Zwischen Odessa und Sewastopol jedoch wird eine Menge offenen Meeres, das Schwarze nämlich, durch Großwetterlagen hin- und herbefördert, ähnlich dem Trommelinhalt einer Wasch­maschine, nur ins Riesenhafte vergrößert. Da darf natürlich ein General, der, wie wir wissen, ein bekannter ... also, der darf schon mal richtig zum Drive der Wogenmusik stampfen. Worüber manchem an Bord natürlich kotzelend wird.

Nu schto. Soll’n sie sich nicht so haben.

Sonnenaufgang an BordSewastopol

Frühaufsteher sind in den meisten Fällen nicht etwa Leute, die gerne früh aufstehen, sondern eher solche, die in aller Herrgottsfrühe nicht mehr schlafen können. Es ist hier also von Kunst die Rede (sic!) – ja; und die dann auf die abenteuerlichsten Ideen verfallen. Wie zum Beispiel die Umrundung eines Schiffes in Laufschritt und Trainingsanzug, wenn sich gerade die eben noch betaute Sonne blaßrot von ihrem feuchten Lager im Meer erhebt. Dem Frühaufsteher sieht man die Mühsal des Tagesbeginns kaum an, ganz im Gegensatz zum sich recht beschwerlich seines Strahlens entfaltenden Tagesgestirn.

Also: da soll es an Bord ein älteres niederländisches Ehepaar geben, das es etwa gegen fünf Uhr aus eben dem vorgenannten Grund auf leisen Gummisohlen in seiner Bahn um das Schiff treibt. Und ebenfalls soll es an nämlichem Bord einen ältlichen Matrosen geben, der etwa gegen fünf Uhr – welch Zufall! – von oben beginnend, im Tagesverlauf nacheinander das erste der vier Decks des Generals zu schrubben beginnt: mit viel Wasser. Und da sollen doch die beiden – Niederländer wie Wasser, wenn das nicht paßt! – unversehens aufeinander getroffen sein. Als nämlich jener Matrose das zur Reinigung des Oberdecks bestimmte Wasser in jähem Schwung seines Eimers auch dem darunter liegenden Mitteldeck unverlangt teilhaftig werden ließ, kamen dort just Mijnher und sijn Frouw auf atemlos quietschenden Gummisohlen vorbei. Und da sitzen die beiden Begossenen uns nun am Tisch gegenüber, und berichten recht vergnügt und aufgekratzt von ihrer Schiffstaufe. Ihm sind die Haare noch naß, sie hat ihre gefönt.

Ich, notorisierter Spätaufsteher und Langschläfer, bin kaum wach. Erst muß mir starker Kaffee die halb geschlossenen Lider aufhebeln, bevor ich – immer noch träge – auf meine Umwelt reagiere. Aber dann sehe ich es auch:

Morgens beim Frühstück ziehen draußen vor den Fenstern des Restaurants die Geher ihre Bahn. Gehen ist eine Spielart des Joggens und dient ebenso wie dieses der Ertüchtigung des Körpers. Joggen selber wäre ziemlich töricht, da sich immer mal unversehens eine Tür öffnen kann, und dann steht man dumm da; beziehungsweise liegt, das hängt davon ab, wie schnell man gejoggt hat. Außerdem ist der Bahnbelag recht hart (Eisen); da bräuchte man schon Spezialschuhe mit luftgefederten Hyperspezialsohlen und rot-weiß verdrillten Spezialschnür­bän­dern. Womöglich noch Handschuhe ohne Finger, wie für Spezialberufsradler. Das mindestens.

Also Gehen. Die da gehen, haben allesamt um ihren Körper nichts mehr zu befürchten, der ist bereits ruiniert. (Anklang an Wilhelm Busch: Ist der Ruf (=Leib) erst ruiniert, lebt sich’s gänzlich ungeniert).

Wenn also die Geher (meist in gesellig unbeholfenen Trupps, den Lemmingen ähnlich) am Fenster vorüber­walzen, verdunkelt sich die Sicht, was weniger an den Fensterluken liegt, als an den imponierenden Figuren. Gehen macht hungrig. Und da man - welch wunderbare Fügung! - nach zweieinhalb Runden, also etwa dreihundert Metern, genau vor dem Bordrestaurant eine Verschnaufpause eingelegt hat und durch die großen Fenster hineinsehen (und den Gästen drinnen den Blick nach draußen nehmen) kann, beschließt man, sich selbst noch ein winzig kleines zweites petit déjeuner zu gönnen. Danach ist man müde. Essen strengt bekanntlich an, insbesondere, wenn man den ganzen Morgen um ein 127 Meter langes, 16,7 Meter breites und 12,8 Meter hohes Schiff gelaufen - pardon, gegangen! - ist. Bis zum Mittagessen hat es noch gut viereinhalb Stunden, die eigentlich nur ruhend zu bewältigen sind; daher wird man noch eine Matrosenmütze voll Schlaf nehmen, so daß man für alle Fälle ausgeruht bei Tisch erscheint.

Vielleicht ist es niemandem aufgefallen: in den beiden vorangegangenen Absätzen habe ich zu erklären versucht, warum Geher gehen - Doch doch, das habe ich!

Sewastopol - bereit zur StadtrundfahrtEtwa um neun Uhr morgens schiebt sich das Lotsenboot ins Bild, es nennt sich „Pilot“ und entläßt eine abenteuerlich gemusterte Crew an Bord unseres Schiffes. Die Gründe dafür sind die gleichen wie in Odessa. Langsam nähern wir uns der Bucht, in und über der die Stadt beginnt. Zwei Denkmäler, im Format der ehemaligen SU, und das heißt: monumental, erheben sich neben der Hafeneinfahrt. Man wird müde, sie zu betrachten und also auch zu benennen. Ich fotografiere sie trotzdem, sparsam beide zugleich auf einen Abzug bannend. Sie stehen nur zweihundert Meter auseinander, da ist das leicht. Es ist ein trüber Tagesbeginn.

Unsere voreilenden Nummerngirls für Bus 1, 2, 3Als unser Schiff in der Artilleriebucht angelegt und man seine Taue an Land befestigt hat, stehen die Gefährte bereits parat: General Lavrinenkov I bis VII, die Fahrer haben die Nacht in den leeren Bussen und im Licht ihrer Scheinwerfer auf der gut ausgebauten M23 von Odessa nach Novaja Kachovka und von dort über den Dnepr auf den Teerstrecken von P70, M2 und A292 nach Sewastopol verbracht. Mich wundert, wie frisch sie wirken, wo sie doch mehr als die halbe Nacht ohne Pause auf über sechshundert Kilometern Steppenstraße zugebracht haben müssen. Nu schto.

Stadtrundfahrt. Mit 370.000 Einwohnern - die Reiseführer widersprechen sich da, einige stapeln mit 310.000 tief, andere reden von 400.000, ich selbst habe die Bewohner Sewastopols nicht gezählt, bleiben wir also in der Mitte - ist sie eine nicht eben kleine Ansammlung von Häusern. 1784, nach Vertreibung der Türken von der Krim, an just der Stelle der antiken griechischen Kolonie Chersonesos – ich komme noch darauf zurück - als Seefestung und Basis der russischen Flotte im Schwarzen Meer gegründet, ist Sewastopol durch seine beharrliche Verteidigung im Krimkrieg wie auch im „Großen Vaterländischen Krieg“ in die Geschichte der Militärwissenschaft eingegangen. Also Stadtrundfahrt: wir werden hochgekarrt, steigen aus und besichtigen unter trübem Himmel sowohl Nachimov-Platz wie zugehöriges Denkmal.

Wer bekommt Denkmäler gesetzt? Jedenfalls nicht der berühmte, deshalb aber kaum geschichtswürdigere Kleine Mann. Was wird er also gewesen sein, der Paule (Pawel) Nachimov? Jawohl, Admiral. Ein Wort, entstanden aus dem arabischen al-amir, was Befehlshaber bedeutet, das „d“ wurde im Mittelalter nur der Geschmeidigkeit halber in Anlehnung an das lateinische admirare = bewundern hinzugefügt. Jene also bekommen Monumente gesetzt. Nachimov leitete während des Krimkrieges die Verteidigung der Stadt Sewastopol und fiel im Juni 1855 – wie viele seiner Befohlenen - unter den Kugeln des Gegners. 1898 setzte ihm die Stadt dafür ein Denkmal, das während des zweiten Weltkriegs aber zerstört und erst im Jahr 1959 wieder als sechs Meter hohe Bronzefigur errichtet wurde.

Denkmal der versenkten SegelschiffeDer Kleine Mann hat nebendran sein Massendenkmal, das Mahnmal zur Erinnerung an die Verteidigung Sewastopols 1941/42. Auf Granitplatten sind dort u.a. die 54 Namen derer eingemeißelt, die wegen ihrer Tapferkeit zu „Helden der Sowjet­union“ erklärt wurden. Die Namen der übrigen, die hier ebenfalls getötet und begraben wurden, sind verschollen. Und ich denke, uns hat man auch anderes nicht gezeigt: den Grafenkai etwa, mit seinen in der Mitte rot ausgelegten und hinunter zum Meer führenden Granitstufen, an dem 1787 das Schiff mit Katharina II., der Großen, anlegte, die den neuen Hafen besichtigen wollte; weiter das Denkmal der versenkten Segelschiffe, das sogar im Stadtwappen abgebildet ist: in kurzer Entfernung vom Ufer soll sich auf einem 3 m hohen Fundament aus rohen Granitbrocken eine schlanke Säule erheben, auf der ein bronzener Adler mit ausgebreiteten Schwingen hockt; in seinem Schnabel hält er einen Lorbeerkranz. Am Ufer liegen die Anker der Schiffe, die vor der Belagerung der Stadt 1854 am Eingang zur Nordbucht versenkt wurden, um deren Einfahrt zu sperren. In der Nähe ragt eine Zuschauertribüne aus Beton in die Bucht. Sie wurde eigens für L. Breschnew errichtet, damit der am „Tag der Schwarzmeerflotte“ der jährlich stattfindenden Flottenparade bequem beiwohnen konnte – nein, mit den Russen haben sie nichts mehr am Hut, die Ukrainer: all das haben wir folgerichtig nicht gesehen.

Wladimir-KathedraleDafür die Wladimir-Kathedrale und unvermeidlich das auf dem Platz davor sich reckende Lenin-Denkmal. In der Kathedrale – es war Sonntag - wurde Gottesdienst zelebriert, und Viktor mahnte vorm Hineingehen, die Gefühle und das Haus der Gläubigen zu achten. Es wurde ein kurzer und vom schwingenden Weihrauchkessel des diensttuenden Popen bestimmter Besuch. Letzterer drängte sich flink und fett durch die Schar der vor ihm in die Knie sinkenden Gläubigen und erwartete, ein jeder wiche ihm aus. Ein Ritual, das zumindest ich nicht gewohnt bin. Als er nämlich plötzlich vor mir stand, schwenkend den beißend rauchenden Kessel, mit grimmem Blick mich musternd, abwägend, wer nun wem ausweichen müßte - da behielt ich wohl aus lauter Unwissenheit die Oberhand: sein bislang so stetig verfolgter Pfad knickte ab und verlor sich seitwärts in den Tiefen der Sakristei. Für mich kein Gewinn, sein Tun hatte mich überrumpelt, für weitere Stückchen stehe ich aber kaum zur Verfügung.

Ich sagte: All das haben wir nicht gesehen. Viktor ist Ukrainer, er betrachtet all das natürlich aus seiner Sicht, die den Russen nicht viel Spielraum läßt: im Prinzip haben sie in seiner Ukraine nichts mehr zu suchen. Das betrifft auch die meisten der russischen Monumente, die sie nachge­lassen haben: zum Beispiel diesen Lenin, an dessen vier Ecken des Denkmalssockels Arbeiter, Bauer, Soldat und Matrose die Einheit von Volk und Partei demonstrieren. Der Meister selbst steht wider allen Erwartens noch fest und gut und weist auf den Beginn des Meeres hinaus: dorthin, wo Leonid Breshnew im Oktoberbeton seinen Platz hatte. Mehr, als die Richtung anzudeuten, konnte der gute Mann, Lenin geheißen, für seine Nachfolger kaum tun.

In der Umgebung verscherbelt man Devotionalien der Sowjetarmee oder auch der Marine einer vergangenen Großmacht. Vergangen? Jawohl, man gesteht es sich nur noch nicht ein. Händler bieten alles an, sogar Offiziersmützen. Hier kann es jeder zum Ersten Offizier der – zum Beispiel - Marineinfanterie bringen, jeglicher Rang ist denkbar und möglich. Alles unter den Augen Lenins, dessen ausge­streck­ter Arm in fernes Blau weist: es kann auch heißen, bewahrt euch das Gute! Ein Zaun neben Lenins Koloß zum Garten des Hinterhofs der Wladimir-Kathedrale zeigt eindrucks­volle Ornamente, grün gestrichen und handgeschnitzt – ein Zaun, der mit seinen Ornamenten Victors Worte untermalt und das angenehme Empfinden fördert, an etwas Großem teilzu­haben. Was es auch sei: hier müht sich ein Volk im Aufbruch. 

SchwarzmeerflotteLetztlich landen wir von Viktor geleitet in der Bucht von Sewastopol. Der Führer einer schmuddeligen Barkasse erbietet sich, uns für zwei Dollar pro Person zu den Vertäuplätzen der Schwarzmeerflotte zu fahren, die hier längst nicht mehr geheim ist, sondern lediglich für noch fünfundzwanzig Jahre verbrieftes Bleiberecht besitzt. Am meisten beeindrucken wohl die schwarzen Kolosse der Atom-U-Boote, die wie aufgetauchte Wale anmuten. Tja, fünfund­zwan­zig Jahre – und wohin dann mit den knapp unter der Wasserfläche von Torpedorohren starrenden Schiffen und ihren Reaktoren?

Einige der hier schwimmenden Waffenarsenale gehören, in langwierigen Verhandlungen den Russen abgeschwatzt, jetzt der Ukraine. Dort stehen unter blau-gelber Flagge Soldaten Wache am Bug, die Kalaschnikow – womöglich aus dem thüringischen Suhl, wo sie in Lizenz gebaut wurden - quer vor der Brust. Schießbereit? Man weiß nicht - sind die Soldaten dazu nicht zu jung? Obwohl: zum Schießen scheint niemand zu jung. Höchstens zu alt und damit vielleicht zu weise.

Sewastopol - unser LiegeplatzNeben diesen martialischen bietet Sewastopol freilich auch weichere Ansichten: das Viertel um die Artilleriebucht zum Beispiel, darin unsere Anlegestelle, die für drei Tage fast etwas wie Heimat ist. Direkt neben dem General wächst am Kai ein Gebäude seiner Vollendung entgegen: unter dem blauen Keramikdach wirkt es wie ein McDonalds Freßtempel mit angeschlossener Hyatts Schlafbude. Man nagele mich nicht auf Franchisenamen fest: ich schildere lediglich mein Empfinden beim Anblick dieses teuren Neubaus, an und in dem die Handwerker noch werkeln.

Manchmal bis in sinkende Nacht hinein, beim Licht von Taschenlampen, mischen schlecht bezahlte und im Unterhemd schwitzende Kulis den Subunternehmern von Hand Beton und gießen damit Pfeiler in Schalungen aus Kistenbrettern. Eine Art lichter Zaun, jawohl, das wird daraus wohl einmal um dieses Gebäude werden.

Vision: Da legen die weißen Schiffe an, und Passagiere gehen an Land – zehn Meter zu Fuß, und sie sind in dieser künstlichen Stadt. Unter blau gedeckten Schindeln gleich zu Beginn der Eingangshalle ein Diorama Sewastopols mit allen wichtigen Sehenswürdigkeiten. Geradeaus, die gläserne Schwingtür hindurch: das Bulettenparadies. Dort, an einem der abwaschbaren Tische, befriedigt man aus hygienisch unbedenklicher Einmalverpackung von Pappe leiblich Unzulängliches wie Hunger und Durst: Hamburger und Coke, vielleicht ein bißchen Salat in einer furchtbaren Tunke, nach der man ewig aufstößt. Am Counter dann kann sich unter diesem blauen Dach Schlafgelegenheit mieten, wer allein per Passage, ohne eigene Kajüte oder eigentlich nur einer geschäftlichen Besprechung wegen in dieser Stadt gelandet ist. Ihr selbst, den Schluchten ihrer Straßen und deren Gefahren braucht sich niemand auszusetzen, der unter diesem blauen Porzellan verweilt. Kleiner Nachgedanke: Natürlich auch nicht den viel moderateren Preisen in der Stadt – die leider mit der Mühe des Aufsuchens der entsprechenden Etablissements verbunden sind. Wie denn auch?

Dazu findet niemand die Zeit, ist viel zu sehr in Eile, da man in Geschäften von Termin zu Termin hetzt. Und deshalb – behaupte ich hier – gießen die Knechte der Subunternehmer bei Lampenlicht Pfeiler, um dieses Idyll nach Bezugsfertigkeit mit einer Art lichtem Schutz zu umgeben. Undurchdringlich, aber nur von außen her. Die drinnen dürfen nicht das Gefühl des Eingesperrtseins haben. Eben licht soll sie sein, die Abgrenzung zur Umwelt, die rauh, gefräßig und gemein ist. Das alles kostet natürlich eine Masse Geld.

Und die, komme ich ins Grübeln, muß irgendwer ja besitzen. Bloß: wer? Witja sagt, da kaum noch etwas produziert würde, könnten es nur die Händler sein. Die verdienten sich überall in der ehemaligen Soffjettunion, wie Adenauer sie bezeichnet hätte, goldene Nasen: da gäbe es Leute mit Geld und andere mit Bedürfnissen – wie auch solche, die beides in sich vereinten. Letztere nicht eben häufig, aber doch vorhanden. Da wird man sich ausgerechnet haben, wenn wenig­stens deren etliche unter diesem blauen Dach Hamburger, Coke und Quartier in Anspruch nähmen, deren Bedürfnis auf eine goldene Nase hinausläuft, dann hätte man mit Betreiben dieses Etablissements die Färbung der eigenen in diesem Sinne bereits zur Hälfte gesichert. Die andere müßte Laufkundschaft einspielen.

Zugegeben: der zweitletzte Satz scheint etwas umständlich abgefaßt – aber nur im ersten Anlauf. Wer hier allerdings Geschäfte machen will, dem dürfen solche Formulierungen keine Schwierigkeiten bereiten. Für alle anderen: man kann diesen Satz ja beliebig oft konsumieren. Irgendwann versteht ihn auch der Dümmste. Nicht die hellsten Köpfe nämlich tätigen die größten Abschlüsse, sondern die mit den wenigsten Skrupeln.

Wieder an Bord: nach Mittagessen und Siesta rollen um 15 Uhr erneut die Mercedesbusse an. Gen Chersones soll es gehen, einst größte Kolonie der Altgriechen auf Tauris. Letztere eine Halb­insel und dazumal Wohnsitz der Skythen, dem Volk, dessen verlorenes Gold in unserem Jahrhundert durch sämtliche Museen geistert. Heute heißt sie Krim, und Gold begleitet ihren durchschnittlichen Bewohner schon lange nicht mehr.

Der Bus fährt eine Weile. Aus der Stadt heraus in westlicher Richtung, letztlich ein Tor, davor Wachen: Posten in grüner Tarnuniform, alle ohne Waffe. Objektschutz, noch staatlich. Was sie in ihrer Bude an Knallapparaten haben, weiß man nicht. Besser, man probiert es nicht aus, sie wirken nicht gerade zart besaitet. Langsam und skeptische Blicke zurück werfend geht die Mannschaft unserem Witja folgend durch das bewachte Tor. Keinem ist so recht geheuer. Eine Führerin empfängt uns auf der anderen Seite, nimmt uns mit angenehm leiser Sprache links und rechts unter ihre Fittiche und geleitet uns fort von der martialischen Pforte in Richtung der antiken Siedlung.

Chersones - Köter auf MosaikenWir tauchen ein in eine Landschaft voll halbgeordneter Steinböden, von Unkräutern und nach­drän­gen­der Natur überwuchert, Mosaiken, auf denen wilde Hunde spazieren, die ätzend das Bein an unersetzlich antiken Kostbarkeiten heben, Säulen, die keine Last mehr tragen und nur noch herumstehen, ehemalige Brunnen, bemoost und kaum noch als solche zu erkennen. Und dann die rechteckigen Zisternen, die zur Herstellung einer haltbaren und nahrhaften Spezialität dienten: Fischsoße. 

Lust aufs Rezept? Man nehme: eine große Ladung Fisch und fülle diese mit reichlich Salz in die Zisterne, wobei darauf zu achten ist, daß die kleinsten Fische ganz unten zu liegen kommen. Solch Grube faßte bei Gelegenheit, d.h., wenn sie denn angelandet wurden, schon mal an die 40 Zentner Fisch. Diese im Behältnis, warte man einige Tage ab. Die oberen Fische werden als Salzfische verkauft. Durch ihr Gewicht zermalmen sie jedoch zuvor die unteren, kleineren, so daß wie von Zauberhand die Fischsoße entsteht, die man nur noch ausschöpfen, in Fässer füllen und verkaufen muß - mußte. Sie schmeckte wohl ähnlich wie die heute in Tuben noch immer erhältliche Sardellenpaste. Ich mache mir nichts draus. Im Gegenteil: ich kann sehr heftig, ja, energisch im Angesicht einer solchen Tube abwinken. Das reihe ich ein unter Nachkriegserfahrung.

Die großartig erhaltenen Mosaiken auf den Böden der versunkenen Stadt stellen Kost­bar­keiten dar, die mangels Barrieren wohl im Laufe der Zeit von Turnschuhen zertrampelt werden, falls nicht irgendeine Institution Geld lockert und den notwendigen Schutz der Gesamtanlage vor neugierigen Touris – „...ich wollte doch nur...“ – wie auch streunenden Kötern, pissend und somit ätzend das Bein an einer unersetzlichen dorischen Säule hebend, finanziert. Es steht und liegt alles noch so da, wie die Taurer Mitte des 15. Jh. ihre Stadt unter neuerlichen Angriffen feindlicher Reitervölker aus dem Osten in Schutt und Asche sinken sahen und letztlich sie aufgaben. Erst im 19. Jh. wurde die Gegend wieder besiedelt, und Sewastopol entstand, dicht daneben.

Das antike ChersonesEs gibt wunderschöne Ausblicke aufs Meer: da sitzt ein Paar, aneinander geschmiegt in den ockerfarbenen Ruinen, auf blauem Wasser spitz ein helles Segel – ein Bild, das einem so leicht nicht wieder aus dem Kopf geht. Oder dies: die zwischen zwei gemauerten Steinpfeilern aufgehängte Glocke, welche aus dem Metall im 18. Jh. erbeuteter türkischer Kanonen gegossen wurde, die aber einige Jahre im Glockenturm von Notre Dame in Paris hing, weil die Franzosen sie nach der Eroberung Sewastopols im Krimkrieg als Beute entführten. Erst Ende des 19. Jh. kam sie zurück, nachdem Frankreich und Rußland sich politisch wieder angenähert hatten. Wer sie mit einem geworfe­nen Steinchen zum Klingen bringt, so geht die Mär, kehrt zurück an diese Stelle, also nach Sewastopol. Um die Pfeiler herum ist deshalb der Boden aufgelockert, die Grasnarbe bloßgelegt - zerwühlt auf der Suche nach handlichen Wurfsteinen.

Aberglaube, Glaube – beides liegt so nah beieinander. Zwischen den Mauerresten blüht in schwelgerischem Zinnoberrot Klatschmohn. Eine Distelart, violett und tausendfach vermehrt, überwuchert das harte Rispengras. Hinter Maschendraht, in einem sonst offenen Schuppen, bekriecht Mädesüß hier gefundene, gekittete wie auch völlig erhaltene Amphoren – man ahnt den guten Willen, doch fehlt es einfach an Geld, die Geschichte der Halbinsel zu bewahren. Ein bißchen traurig stimmt das; wollte man jedoch alles Vergangene erhalten, bliebe nur wenig für Gegenwart und Zukunft.

Zuletzt ein Blick auf die Wladimir-Kirche, 1888 an der Stelle erbaut, wo – wie man einst annahm – die Taufe Wladimirs stattgefunden haben sollte. Die Rede geht von Wladimir dem Heiligen, von 978 an für 37 Jahre Großfürst von Kiew, geboren um 956, gestorben am  15. 7. 1015 in Berestowa bei Kiew; er eroberte Gebiete von Polen (981) und dehnte die Herrschaft Kiews über alle ostslawischen Stämme aus; 988 ließ er sich bei seiner Heirat mit der Schwester Basileus’ II. von Byzanz, einer gewissen Anna, taufen und vollendete so die Christianisierung des Kiewer Reichs. Auf unzähligen Bildnissen und Statuen ist er bis heute in Kirchen Rußlands und der Ukraine gegenwärtig und erinnert mit mächtigem Bart und schwerer Krone an den sagenhaften Kaiser Rotbart, den Staufer Friedrich I., genannt Barbarossa, sitzend auf seinem Thron in roten Stein gehauen und damit verewigt am Kyffhäuser, bis er eines Tages wiederkehrt - also Wladimir.

Seine Kirche umgeben Baugerüste, auch ein Kran steht herum. Das Gelände umzäunt, am Tor, dieses mit Kette und Vorhängeschloß versperrt, ein rostiges Schild: Stoj! Opasnaja zona – Halt! Gefahrenzone. Ein weiteres: Durchgang untersagt - natürlich nicht auf deutsch. Denn das Dach der Kirche haben Deutsche weggebombt. Später, am 8. und 9. Mai 1944 tobten hier heftige und erbitterte Kämpfe, bevor die letzten deutschen Soldaten evakuiert oder aber gefangen genom­men wurden. Das Gelände macht einen verwahrlosten Eindruck. Vielleicht sollten als erstes die Deutschen der Kirche wieder zu einem neuen Dach verhelfen. Als Wieder­gutmachung.

Doch wer hält sich bei uns schon für zuständig. Vorbei an den martialischen Wachen in erdfarbenen Kampfanzügen besteigen wir klimatisierte Busse, erblicken durch deren Fenster spielende Kinder, die talwärts in den sich auch dort breitenden – Chersones war eine große und glückliche Stadt! - Ruinen herumklettern und darin in aller Unschuld zu Staub zerspielen, was für das Wissen um unsere, wie auch Deutung derselben, Herkunft so kostbar wäre, nur zu bald jedoch ohne weitgreifende finanzielle Hilfe unwiederbringlich verloren sein wird.

Irgendwann schauen wir weg. Was können wir tun? Ich kämpfe mit aufsteigendem Schuld­bewußtsein und denke: Wenn nicht wir – was kann man tun? Man, kommt Antwort, könnte eine Menge tun. Und wieder einmal hasse ich mich und mein allein beobachtendes Teilnehmen, das der Menschheit ähnlich gut tut, wie der ehemalige Wasserstandsanzeiger für die Außenweser in Döse bei Cuxhaven: wer ein Schiff in die Untiefen der Flüsse Weser oder Elbe steuerte, konnte sich danach richten, mußte es aber nicht. Nice to have.

Nu schto.

Wir kommen zurück von der antiken Stadt. Unserem guten alten General Lavrinenkov direkt gegenüber errichtet steht eine Bar. An einem der Tische davor, draußen auf dem Kai, nehmen wir Platz.

Sewastopol - RussenramschAm Pier, auf dem niedrigen Schrammbord gleich vor dem General, sitzt ein strohblonder Junge. Er trägt ein rotes T-Shirt und dunkle Trainingshose. Rechts eine Beinprothese. Jedenfalls normalerweise. Jetzt lehnt sie neben ihm, der Einfachheit halber trägt er keine Strümpfe, die sind bei seinem Geschäft eher hinderlich, und so sieht man unter dem hochgezogenen Hosenbein den blauroten Beinstumpf.

O Gott! sagt meine Frau.

Die Prothese ist ein Metallrohr, dem unten der gleiche Turnschuh übergezogen ist, wie ihn der Junge auch am linken Fuß trägt. Das obere Ende der Gehhilfe endet in einem Formstück, ähnlich einer Tulpe, in das der Beinstumpf paßt. Ich ahne, was kommt.

Meine Frau kramt in der Geldbörse, fummelt einen Schein heraus: ein Griwna. Ebenso kramt sie in ihrer Handtasche, zieht den Beutel mit Snickers- (oder Mars-, oder sonst irgendwas) Packungen hervor, steht auf und geht auf den Jungen zu.

Ach Gott, denke ich.

Sie gibt dem Jungen Geld und Naschtüte, streicht ihm übers Haar und wendet sich verlegen ab. Kommt zurück, setzt sich, schaut überall hin, nur nicht in Richtung des Jungen. Ich dafür um so mehr: er untersucht die Tüte, reißt eine Hülle auf, beißt in das, was darunter ist (Snickers, Mars, was auch immer, wir betreiben keine Werbung), und verzieht behaglich das Gesicht. Den Schein steckt er ein, den Rest der Tüte verstaut er in der Tulpe seiner Prothese. Außer mir hat er jedoch noch weitere Zuschauer: hundert Schritte weiter sitzt eine Frau, die hat ihr rechtes Bein noch. Dafür fehlt ihr das linke, und statt der Prothese besitzt sie eine Krücke. Um die schart sich eine Horde Jungen, die sich nun in Trab setzt, vorneweg ein hochaufgeschossener Dreizehn­jähriger.

Sie umringen unseren einbeinigen Blondschopf und reden auf ihn ein. Aus seiner Prothese verteilt er Schokoriegel, bis nichts mehr da ist. Sie wollen Geld, fragen, wem er den Segen zu verdanken hat. Aber so schlau ist er schon, daß er ihnen die Quelle nicht verrät, sein Zeigefinger weist in gänzlich andere Richtung - guter Junge!

Meine Frau mißdeutet völlig die Situation. Ich will sie noch warnen, da ist sie bereits auf dem Weg zu der kleinen Gruppe. Ich sehe, wie sie dem Großen zornig Vorhaltungen macht, mit dem Finger droht – Mensch, Meier! Die Jungen ziehen ab. Als meine Frau zum Tisch zurückkommt, schlüpft der kleine Blonde in sein Kunstbein und folgt hinkend der Bande.

Ich sage: Sie werden dich gleich umschwärmen wie die Fliegen.

So? entgegnet sie spitz. Wart’s nur ab!

Da schieben sie schon an. Diese Jungs kennen diese Frau noch nicht! Doch jener Wissenslücke werden sie alsbald enthoben, sehr zu ihrem Leidwesen. Als wäre eine Fliegenklatsche unter sie gefahren, stieben sie auseinander; nur der Große bleibt, schaut uns traurig an, wiederholt mehrmals bittend das gleiche Wort. Ich spüre, wie meine Frau wieder weich wird, scheuche ihn mit unwilliger Geste fort. Da schleicht er hinweg, den Kopf gesenkt.

So geht das nicht, denke ich. Entweder man gibt allen oder keinem. Der nächste Trupp hat nasse Haare, kommt offenbar gerade vom Schwimmen. Sie haben sich einen Einarmigen geangelt, so um die zehn Jahre. Er, als einziger, besitzt trockenes, blondes Engelshaar. Blond, haben sie erkannt, besitzt Zugkraft. Zumindest älteren Damen gegenüber oder denen – und das sagt dasselbe aus -, die sich solch eine Reise leisten können. Alle schauen zu uns herüber. Ich mache eine Bewegung, als schöbe ich mit Händen etwas vor mir her. Da grinst der mit den trockenen Haaren mir zu, fast anerkennend, wie ich zu spüren glaube, und zieht seine Kumpels mit sich fort. Wird sich schon woanders ein Dummer finden.

Am besten scheint mir noch, man sieht einfach durch das Gesocks hindurch. Aber dann haben wir nächstens wohl eine Generation, die schlägt sich gegenseitig die Schädel ein, und Psychologen, die nie etwas von Kain und Abel gehört haben, werden finden: nur weil sie in solch harter Kindheit hausten. Irgendwann wird dann Verbrechen normal, Normalität hingegen das eigentliche Verbrechen sein. Und da denke ich: Man wird den Psychologen kaum die Welt überlassen dürfen und immer wieder selbst Hand anlegen müssen.

Ich winke den engelshaarigen Einarmigen, der sich eben nochmal umsieht, zurück und gebe ihm einen Griwna: den dreckigsten und zerknülltesten, der in meiner Brieftasche zu finden ist. Soll er bloß nicht glauben, ich meinte es gut mit ihm. Mir scheint nur notwendig, der Bagage zu zeigen, daß sie nicht ganz verlassen ist. Von aller Welt. Ein Griwna ist eine halbe Mark. Ach, hau ab, knurre ich, als er dankbare Augen zeigen will, und gebe ihm einen Stoß in Richtung seiner in der Ferne lauernden Gesockskumpel. Sein Vater, wenn er denn einen hat, müßte für diesen Griwna wohl zwei Stunden lang arbeiten – wenn er Arbeit hätte.

Wie gottverdammt leicht hat es dagegen doch manchmal die Jugend unserer Zeit! Damit jedoch ist es aus: spätestens im Stimmbruch – oder wenn sie nicht mehr engelshaarig ist.

Chor der SchwarzmeerflotteAm Abend dann die Vorstellung des bislang nicht untergegangenen berühmten Chores der Schwarzmeerflotte. Er gibt Konzerte in einem Gebäude, das, ich will es mal so ausdrücken, einer klassizistisch-leninistisch gestylten multi-purpose Halle gleicht. Wem das nichts sagt: außen kapitalistisches Schloß, innen sozialistisch miefige Turnhalle – jawohl, so in etwa. Das Haus liegt gleich oberhalb des zivilen Seeschiffahrts- und Fährhafens, in dem auch unser Schiff vertäut ist. Sie singen und fegen tanzend über die Bühne, ganz so, wie sich das deutsche Fritzchen den Iwan vorstellt: Kalinka, Kalinka – was übrigens, wir wissen bereits darum, der Name des vollerblühten Schneeballstrauchs und nicht etwa der eines ebensolchen Mädchens ist. Gell, Fritzsche: lernst do noch ebbes!

Im Ernst: diese Matrosen besitzen Stimmen, deren Kraft sich nur so erklären läßt, daß sie gezielt einem Volk von etwa hundertfünfzig Millionen entnommen, selektiert sind. Es treibt einem Tränen in die Augen, sie zu hören. Aber ihr Preis ist von über hundert (manch gutes Mal, wenn Prominenz zugegen war – für Breschnew zum Beispiel baute man zum zwanzigsten Jahrestag der Republik betongerüttelt das bereits erwähnte Kolosseum am Wasser -, sogar unbezahlbar) auf zwanzig Dollar pro Besucher ihrer Vorstellungen gesunken. Auch hier Rezession. Am liebsten, sagt Witja, sähe man die Russen ganz aus dem Land entfernt. Doch dazu gibt es derer hier zu viele. Sie leben hier, nicht wahr, und man kann sie nicht einfach nach Hause schicken. Unter Stalin haben sie sich in der ganzen Union verbreitet wie - ja, wie Sommersprossen auf den Stirnen bleichsüchtiger Mädchen. Natürlich auch hier. Heute ist gut ein Viertel der Krimbewohner russischer Abstammung, das zählt. Die UdSSR (Union der sozialistischen Sowjet Republiken) ist zerbrochen, aber Russen bleiben weiterhin. Nicht mehr als Besatzer, gleichwohl ungeliebt. Sie hatten ja ein dreiviertel Jahrhundert Zeit, sich alle Sympathien des ehedem besetzten „Brudervolkes“ zu verscher­zen. Nun will die Ukraine endlich selbst bestimmen - und sämtliche Fehler, die bereits tausend­mal gemacht sind, neu ergründen. Das nennt sich Nationalstolz und ist völlig verrückt, aber es hilft ja nichts, wenn ein ganzes Volk dahinter steht. Da brauchen die Rattenfänger nur ihre Netze auszuwerfen, und so geht es dem ganzen ehemaligen Ostblock. Man möchte helfen und kann es nicht, weil sich niemand belehren lassen will. Von niemandem.

Die Schwarzmeerdarsteller schwitzen, und draußen, auf der Terrasse über der Bucht und nur als Schemen durch mattgläserne Fenstertüren des Saales erkennbar, streifen sie Matrosenblusen und Trikots von ihren feucht glänzenden Oberkörpern und machen sich kniebeugend und neue Kostüme überwerfend bereit für den nächsten Auftritt – das geht Schlag auf Schlag. Die Jungs müßten mal eine Tournee im Westen machen. Der steht auf sowas, siehe Iwan Reblaus oder wie der sich nennt, und was der seit dreißig Jahren macht, das könnten die Flottillenüberreste schon lange. Wenn man sie nur ließe. Ganz vorn in der ersten Reihe, gleich vor dem Bretterboden der Bühne, klatscht diese kleine dralle Engländerin aus Bus Nummer VII wie ein aufgezogenes Tanzbärchen in die Hände und hüpft vor dem erhöhten  Schauplatz umher: „Crazy!“ schreit sie, „They’re really crazy, aren’t they?“ Wahnsinn, heißt das auf Deutsch. Oder heißt es etwa nicht?

Aber nun tingeln sie in dieser Turnhalle und verkommen immer mehr zu mattem Abglanz dessen, was sie einst darstellten – Aushängeschild des Kommunismus. Dabei waren sie zu dessen Zeiten berühmter als Sputnik oder Wladimir Artemow, der bei den Olympischen Spielen 1988 einarmig kopfüber auf dem Reck stand und damit Gold im Turnen errang!

Nu schto. Sie geben Alles, und das ist ihr Bestes. Immer noch können sie weit mehr als andere. Doch es findet sich niemand, der die Werbetrommel für sie rührt – und da kann man den ehemaligen Chor der ehemaligen Schwarzmeerflotte, so gut er immer sein mag, eigent­lich vergessen. Das aber ist schade – ist es nicht? Die kleine Engländerin fotografiert den Bretterboden, die Lautsprechertürme, den Vorhang: flash! flash! flash! – sie ist begeistert, isn’t she? (oder etwa nicht?)

Doch, doch doch! – flash! flash! flash!

Ganz zum Schluß, als sie fast die Einzige noch in der Turnhalle ist, verehrt ihr der etwas in Jahre und Korpulenz geratene Oberbootsmann der Blauen Jungs, zurückkehrend von der Terrasse über der Bucht, seine weiße Matrosenmütze, rückt sie verlegen auf britisch fahlem Haupthaar zurecht, daß der rote Bommel geradewegs in der Mitte über der sommersprossigen Stupsnase sitzt. Er hat, wie es scheint, keine Erfahrung mit Groupies, doch sicherlich noch einige Käppis in Reserve.

„Crazy!“ schreit verzückt die Engländerin und fällt dem entgeisterten Seemann, der Schiffe nur als Auftrittsort kennt, um den Hals: flash! flash! flash! Dies aber nun sind kleine, rasche Küsse, da die Batterie ihres Fotoapparates verbraucht ist. Oder ist sie nicht?

Yes, it is (Klar, isse).

Jalta - Markt für Maul- und andere BeerenJalta

Heute geht es gen Jalta. Die Straße windet sich aus der Bucht hervor, aus Meeres­höhe führt sie in die Berge auf mehr als fünfhundert Meter über allen Wassern. Nach etwa einer Stunde nähern wir uns dem Tor von Bajdar am gleichnamigen Paß (527 m), der einen weiten Blick über Meer, Berge und Wälder gewährt. Natürlich auch Täler, ohne diese sind Berge kaum denkbar. Das Ehrentor, mit gemeißelten Figuren, entstand 1848 anläßlich der Vollendung der Straße von Sewastopol nach Jalta.

Von hier oben wirkt das Meer zartgrün, unter einem schroff steilen Abhang schimmert golden sein ferner Strand. Die Felsen buckeln kalkig und zerklüftet. Koniferen klimmen und krallen sich fest in schrundigen Spalten. Manchen sind Schleifchen aus bunten Stoffresten umgebunden an den äußersten Spitzen ihrer Äste, darunter, am Boden, glänzt zerbrochenes Glas. Ein wenig wie Weihnachten schaut das aus. Ein Brauch vielleicht, von Paaren, die sich hier das Ja-Wort gaben, Krimsekt, die Gläser anschließend zerschlagen – kann sein. Muß nicht, ich hab mir das nur ausgedacht. Witja ist umlagert, da konnte ich nicht, und hinterher, als der Bus weiterfuhr, war meine Frage vergessen. Jetzt, wieder daheim, beim Anschauen der Fotos, ist Witja nicht mehr greifbar. 

Am Straßenrand, unterhalb der Anhöhe, wo es hinauf zu den geschmückten Bäumen geht, breiten sich Buden und mit Teppichen überzogene Sitzplätze. Dort läßt man sich nieder, trinkt bitteren Tee, aus schwarz­berußten Kesseln über Holzkohlenfeuer ausgeschenkt, ißt dazu Konfekt oder mit Honig gewürztes süßes Gebäck, vielleicht auch ein Schaschlik, oder ersteht in des Tages zermürbender Gluthitze lediglich eine Flasche Wasser: zwei Liter in Plastik gegossen, jetzt schön kühl, in einer Stunde jedoch ist das nur noch laue Brühe, mit der man im Verein mit eigener Ausscheidung beim nächsten Halt in Ermangelung sonstiger hygienischer Einrichtungen eine der verkrüppelten Koniferen etwas unterhalb des flimmernden Straßenbandes näßt. Sofern der Bus dort hält. Aber wenn der Bus hält, hält er immer bei verkrüppelten Koniferen. Man darf sich fragen, was eher war: Reisende oder Koniferen. Letztere ohne erstere vielleicht nicht verkrüppelt. Wer weiß.

Solch typische Trucker-Stationen werden meist von in die Heimat zurückgekehrten Krim­tataren betrieben. Sie, die unter Stalin in alle sibirischen Weiten zerstreut waren, kehrten nach Rußlands Öffnung zum Westen in die Heimat zurück, nicht immer gern gesehen. Denn in der sibirischen Wildnis hatten sie das Arbeiten gelernt, und so setzten sie sich durch, notfalls mit Fäusten oder sonstiger Gewalt. Hier, am Paß von Bajdar, sind es drei oder vier Familien, die sich zusammenschlossen und diese Station betreiben. Sogar ein öffentliches Klo unterhalten sie, provisorisch, wie alles an diesen Buden, die eher hastig zusammen genagelten Karnickelställen gleichen.

Dieses Klo: davor ein Handwaschbecken, quietschlimonengrün gestrichen – in der blendend­weißen Seifenschale aber glanzrot eine Herzkirsche: jemand muß sie vergessen haben, als er sich die Hände seifte. Es ist heiß, ich habe Durst, das Wasser soll man nicht trinken, aber eine Kirsche, über die es sekundenlang gelaufen ist – die wird man doch essen dürfen, oder?

Hm-m, man wird. Ich bekam weder Ruhr noch Aussatz davon. Im Gegenteil: bis hinunter nach Jalta behielt ich diesen köstlichen Kirschkern im Mund, der mir fortan jedes Durstgefühl nahm.

Mal anders ausgedrückt: Vor unserem Haus, daheim, steht manchmal ein umgebauter Mercedes-Benz Lieferwagen, eigentlich ein Wrack, an dem es unter vielen Camping­aufbauten auf einem Aufkleber heißt: No Risk, no Fun. Was besagen will: Kein Spaß ohne Risiko. Ich habe den jungen Besitzer dieses Fahrzeuges immer gehaßt, weil er – indem er es vorm Küchenfenster unseres direkt an der Straße gelegenen Hauses abstellte – den Raum dahinter beträchtlich verdunkelte. Jetzt verstehe ich ihn. Oder zumindest seinen Wahlspruch: Kein Risiko, kein Spaß. Eine Herzkirsche, nachgelassen in der Seifenschale des Aborts einer krimtatarischen Trucker-Station am Bajdar-Paß bedeutet Risiko. Spaß hingegen, das Ding einmal mit Wasser überspült einfach in den Mund zu stecken und im weitern Verlauf der Reise bis Jalta an seinem Kern herumzulutschen: No Risk, no Fun. Yeah, man, that’s it! Man muß es wohl draufhaben oder aber suchen, so etwas lehrt einen niemand.

Kurz hinter Foros, auf der Küstenstraße A294 nach Jalta, fallen mir im beruhigenden Brum­men des Busses die Augen zu: mein Traum handelt von einer weitläufigen Villa mit blendend weißen Wänden und rotem Ziegeldach am Meer. Das Haus ist über einer Helling erbaut: das sind metallene Schienen, die von Schiffsbau­plätzen ins Wasser führen, auf die, wenn das Schiff soweit fertig ist, daß es alleine schwimmen kann, Schmierseife gestrichen wird, und auf welchen dann der freigelassene Koloß wie ein badewannenes Quietsche­entchen ins Wasser gleitet. Man nennt das Slip (ganz richtig, wie der, weil nämlich beides den gleichen Ursprung hat: schlüpfrig) oder Stapellauf; zumeist zerschlägt zuvor eine teuer gekleidete Dame an der Schiffswand – vorwiegend vorne, wo das Schiff Bug heißt – eine teure Flasche Champagner, die zwangsgeführt an einem Seil hängt, weil Frauen, wenn sie werfen, doch nichts treffen, noch nicht mal ein Schiff. Zu ihrer Ehrenrettung sei jedoch angefügt: der Gatte der schönen Flaschenwerferin, das ist zumeist der Reeder, muß – Tonnage und Auslastung, künftige Route und Besiedelung des Unterdecks mit lächerlich bezahlten Arbeitskräften ins Kalkül ziehend – sich wieder mal, noch bevor das Schiff fertig eingerüstet ist, eingestehen, daß er sich verkalkuliert hat. Aber das macht nichts. In der Regel darf man es, noch bevor es einen Meter geschwommen ist, auf Kosten der Steuerzahler abschreiben. So gesehen hätte man den Champagner besser gleich auf den geglückten Coup geleert, anstatt ihn die Bordwand hinunter ins Meer rinnen zu lassen ...

Witja erklärt durch das Bordmikrofon: „... baute man Gorbatschows Datscha, in der er während des Putsches August 1991 fast eine Woche festgesetzt war, auf Schwemmsand ...“ Ich reibe mir die Augen, werde wach und blinzele gähnend aus dem Busfenster auf eine Bucht, darin eine Villa mit blendend weißen Wänden und ziegelrotem Dach, welch beide rasch vorübergleiten. Dahinter, bis ins Meer begrünt, drei Landzungen. „... sie rutscht nun langsam ins Meer“, fährt Witja fort. „Pro Jahr, so hat man festgestellt, über siebzig Zentimeter, fast ein ganzer Arschin.“ (~ 71,11 cm, Anm.d.V.). „Irgendwann wird sie im Meer verschwunden sein.“

Ach ja? Das wird die Leute hier aber freuen. Sie haben schon die Luxusdatschen von Chruschtschow, Breschnew, Honecker (sieh an, sieh an!), Ceauşescu und anderen, gelegen im weiteren Verlauf der Küstenstraße bei Oreanda, einem Vorort von Jalta, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und tratschen deren Bettgeheimnisse genüßlich heraus. Mit Sondergenehmigung kann man in den Häusern sogar übernachten. Hier jedoch wird, falls die Villa weiter abgleitet, man Taucheranzüge ausgeben müssen. Die Übernachtung unter Wasser wird sich nicht ganz einfach gestalten. Bei nahezu einem Arschin pro Jahr, man denke nur!

Gaspra - das SchwalbennestWir kommen an Alupka vorüber. Alupka ist berühmt für seine Parkanlagen und das Palais des Grafen Michail Woronzow, die Stadt selber als Stück genuesisch-russischer Geschichte: vom 13. bis 15. Jh. sorgte die kleine Siedlung immer wieder für Streitigkeiten zwischen den Herrschaftshäusern der Genuesen und der Fürsten von Feodoro, die wechselseitig das Gebiet beanspruchten. Mag ja sein. Wir halten nicht. Erst wieder in Gaspra, oberhalb des Kaps Aj-Todor. Auf dessen äußerstem Punkt, ebenso hoch wie steil über dem Meer gelegen, ein Schloß errichtet ist, das sogenannte Schwalben­nest.

Oben, an der Straße, wird Markt gehalten: Andenken, Stickereien, Wodka, Krimsekt und Wein, sowie der ganze bunte Chinesenschund, der überall an solchen Plätzen im Handel ist: Made in Taiwan, Hong-Kong oder Korea. Na gut, Korea ist kein Chinesenschund, eher Koreanerschund. Im Grunde jedoch dasselbe.

Zum Schwalbennest führen 120 Stufen hinunter. Witja sagt, wir sollten uns an den Verkaufs­ständen ruhig mal umschauen. Der Weg hinunter lohne nicht, seitdem das von dem britischen Architekten Alexander Sherwood im Jahre 1912 für den deutschen Baron Stengel und seine Angebetete (nicht unbedingt die Baronesse) als Liebeszuflucht erbaute Schlößchen hoch über dem Meer zur Pizzeria umgebaut sei. Ja, so kann’s kommen. Russen und Ukrainer werden ganz wild darauf sein. Ich aber muß Witja beipflichten: Pizzerien lassen mich eigentlich kalt. Es gab mal eine Serie im Fernsehen, die hieß: „Ein Herz und eine Seele“. Darin spielte ein gewisses Ekel Alfred die Hauptrolle. Dieses mußte - in Ausübung seiner Rolle, vom Autor Wolfgang Menge diktiert - einmal sagen: „Pizza schmeckt wie vollgepißte Wolldecke.“

Mag man es für übel nehmen: dem schließe ich mich uneingeschränkt an. Mir kommt es schon hoch, wenn Oregano nur meine Nasenflügel streift. Selbst in geringer Dosis. Dabei habe ich absolut nichts gegen Italien oder die Italiener. Nur gegen Oregano. Also blieb das Schwalben­nest unbe­sichtigt, wir sahen es ja mit seinen malerischen Türmchen und Zinnen von Ferne hoch auf steilem Fels über flimmerndem Meer schweben. Hingegen kaufte ich an einem der Stände an der Straße darüber ein japanisches Hai-do. Das ist eigentlich gar nichts, stammt aus Fernost und stellt, wenn man so will, in meinem Fall einen in Korea aus PVC gepreßten Lindwurm dar. Aus PVC gepreßte Lindwürmer kannst du echt vergessen, besser sind die aus Elfenbein geschnitzten. Um so mehr gilt das für Hai-do, die nicht mal aus Japan stammen, aber dieses kostete auch nur einen Griwna. Ich muß allerdings noch einen Platz zu Hause finden, wo ich den scheußlichen (kommt das von Scheiße?) Engerling hinstelle. Vielleicht aber schmeiße ich ihn auch gleich heute abend, wenn wir wieder auf dem Kreuzfahrer sind, über Bord. Solch Entschlüsse darf man nicht auf lange Bänke schieben. Vielleicht bringt es ja Glück – Sweet Leilani, was hawaiianisch ist und Himmelsblume bedeutet. Hübsch, nicht wahr? Dabei besagt ein wirklich gutes Hai-do: Geglüßet seiest du, o seligel Flemdling, del du ein wilklich gutes Hai-do von einem koleanischen Scheiße-Hai-do untelscheiden gelelnt und geschwolen hast, es nie und nimmel ... ich sags mal so: Auch japanische Hai-do sind nicht völlig frei von Fehlern. Aber doch fast so gut wie.

Im weiteren Verlauf der Angelegenheit, glaube ich, ließ ich es im Bus liegen.

Liwadija - Saal der Jalta-KonferenzLetztlich landeten wir dann in Liwadija. Genauer: im Weißen Palast, in dem sich 1945 der nach kalter Zigarre stinkende Churchill, ein bereits den Tod in sich tragender Roosevelt und Stalin, ehemaliger Priesterschüler, nun jedoch drahthaarig beschnurrbärtigter Eisenbeißer und Kindsfresser, zur „Konferenz von Jalta“ trafen. Vom 4. bis 11. Februar, noch während des Andauerns des zweiten Weltkriegs, wurden hier die Gebiete der Achsenmächte Deutschland und Italien unter den künftigen Siegern aufgeteilt. Die hochlehnigen Stühle in dem trotz acht hoher Bogenfenster nur spärlich belichteten Saal stehen immer noch so um den fast dreißig Meter langen Tisch, als kehre die Konferenz jeden Augenblick daran zurück. Ihr gingen ebensolche in Casablanca und Teheran voran, allesamt in warmen Ländern durchgeführt. Mag sein, daß dies besonders Roosevelt genoß, der im Rollstuhl saß, bis er am 12. April, zwei Monate nach Jalta, an einer Gehirnblutung starb. Ihn ersetzte Harry S. Truman. Und der Konservative und Mitglied des Unterhauses Churchill wurde am 29. 7. von Clement Attlee, dem Führer der Labour Party abgelöst. Deshalb pokerten in der Folgekonferenz auf Schloß Cecilienhof in Potsdam am 2. August 1945 nunmehr Stalin, Truman und Attlee um die besten Stücke der Welttorte. In Potsdam war es nicht ganz so warm, doch der herrliche Blick aus dem holzgetäfelten Konferenzsaal hinaus auf den Heiligen See – der wog vermutlich manches auf.

Liwadija: seit 1860 ein angesehener Kurort südwestlich Jaltas. Auf dem Terrain des jetzigen Weißen Palastes plante ein gewisser Architekt Eschliman bereits zu Beginn des 19. Jhs. ein Palais für eine Familie Potocki, doch durchkreuzte Zar Alexander II. diesen Auftrag, indem er die Baustelle erwarb und sich das Plätzchen zur Sommerresidenz erkor. Zaren durften das, damals. Heute gibt es keine mehr. Jedenfalls beauftragte er den italienischen Architekten Moniguetti mit dem Entwurf eines ausgedehnten Palastensembles. Der jedoch war ein ausgemachter Pfuscher, seine Fundamente hielten der Bodenfeuchtigkeit nur wenige Jahrzehnte stand.

Der Verfall des zaristischen Feriensitzes brachte Zar Nikolaij II., den Spezi des preußischen Fritze Wilhelm, dazu, fast sämtliche Gebäude abreißen und von dem Architekten Krasnow aus Jalta in den Jahren 1909-1911 ein den Bodenverhältnissen angepaßteres Palais errichten zu lassen. Wenig später jedoch, nach Ende der Zarenzeit, vereinnahmten Sozialismus und Kommunismus das Kunstwerk als touristische Einnahmequelle.

Die 58 Räume sind mit eingelegten Fußböden, kostbaren Möbeln, Stuck- und Mosaik­ver­zie­run­gen ausgestattet, der Konferenzsaal blieb authentisch belassen. Aber dann die Innenhöfe: voller Palmen und Blumen vor einem schattigen Säulengang der eine, mit buntgekachelten Wänden in arabischer Manier der andere. Wer entlang der Seidentapeten bis zu dem im obersten Stock­werk gelegenen Kabinett gelangt, darf nicht nur die herrliche Aussicht des zaristischen Arbeitszimmers durch flüchtig vom Wind gewölbte lichte Vorhänge auf palmgrünes Meer bewundern, sondern auch das Porträt der Gattin Nikolaijs, Alexandra Feodorowna, der Tochter des Großherzogs Ludwig von Hessen-Darmstadt: Prinzessin Alix, wie sie liebevoll genannt wurde. In der Privatkapelle der Romanows, zu erreichen durch den Garten, finden seit 1991 übrigens wieder Gottesdienste statt.

Im Park von LiwadijaRund um den Weißen Palast erstreckt sich ein Park, dessen vielfältige Pflanzenwelt und lauschige Plätzchen über den Sonnenpfad, den solnetschnaja tropinka zu erkunden sind. Soviel Zeit jedoch läßt die Führung nicht. Rasch werden wir wieder eingesammelt und, auf gut deutsch, nach Jalta verbracht. Dort hält der Bus vor einem Etablissement, das uns abfüttern wird. Einstieg nach Art italienischer Eisdielen, kühle Terrazzotreppe. Oben jedoch, zumindest nach hinten, hinaus in die Gärten, scheint es recht kommod. Eigentlich ist überhaupt noch kein Wetter. Mehr ein Gespinst aus seidiger Luft zwischen Drinnen und Draußen. Mai, ein mildes Frühjahr, das erleichtert die Sache. Mittagessen in einem lokalen Restaurant in Jalta lautet der Eintrag im heutigen Programm.

Zuerst werden Getränke aufgenommen im lokalen Lokal. Ich bestelle Wasser, für meine Frau Wein: Kak? Woda. I vino, bjelaje. Wer Bier bestellt, bekommt Heineken serviert. Das Bier, das schon an Bord niemand trinken mochte, weil das ukrainische Slawutitsch vom Faß frischer war: hier holt es die Biertrinker ein. Die Busfahrer – heißt es später hinter vorgehaltener Hand – haben das holländische Bier kistenweise von Bord mitnehmen müssen, damit es wenigstens hier getrunken wird. Dazu gibt es Fisch oder Schnitzel, man kann wählen. Die klare Suppe, die Fisch- wie Fleischessern vorweg serviert wird, ist hervorragend und das Beste am Menü.

JaltaGesättigt schlendern wir nach dem Mahl durch die Stadt. In den ersten Jahrhunderten n.Chr. befanden sich, wie entsprechende Funde belegen, hier Siedlungen der Taurier. Tauris? Goethe, jawohl, wie auch der griechische Mythos der Iphigenie: das war hier! Tauris, das war die Krim, schriftlich wird Jalta erstmals zu Beginn des 12. Jh., unter anderem bei dem arabischen Geo­graphen Ibn Idrisi, das war der Sohn des alten Idrisi, als griechische Kolonie Jalita erwähnt. Welch Name vermutlich auf das griechische Wort „Jalos“ (Küstenstrich) zurückzu­führen ist.

Mit „Iphigenie auf Tauris“ beendete Goethe sein erstes klassisches Schauspiel. Dieses Stück ist in einer Versform geschrieben, die ihn bereits bei dem griechischen Dramatiker Sophokles beeindruckte. Goethes Dialog ist geistreich und wartet mit einer Fülle an Sinnsprüchen auf. Dies jedoch erschwert es, dem Stück auf der Bühne zu folgen, zumal sich das dramatische Geschehen fast ausschließlich im Inneren der Personen abspielt. Weil es sich überdies einem hohen Humanitätsideal verpflichtet, verlockte es eine Anzahl Regisseure zu besonders erhabenen – wie sie meinten – Inszenierungen. Dabei gerieten die ihnen meist schlicht langweilig. Unter der glatten Oberfläche des Kunstwerks jedoch brodelt es. Am besten erschließt es sich dem Leser, der es unvoreingenommen mit dem Finger unter der gelesenen Zeile durchstreift.

Wer „Iphigenie“ nicht kennt, dem sei in Kürze der antike Stoff ausgebreitet:

Was Iphigenie an Menschlichkeit verkörpert und bewirkt, ist dem fürchterlichsten Fluch der Götter abgerungen: in einer nicht enden wollenden Katastrophenfolge hat es in ihrer Familie seit den Tagen von Tantalus Kinder-, Gatten- und Muttermord gegeben. Sie wäre die erste, der es vielleicht gelingt, den alten Fluch zu durchbrechen. Da beschließt ihr Vater, Agamemnon, sie den Göttern opfern, um deren Zorn zu besänftigen. Hatten die doch dem gen Troja in den Krieg segelnden Herrscher buchstäblich jedes Lüftlein aus den Segeln gestohlen. Jedoch: als er sie bereits dem Tod geweiht hatte, erbarmte sich Artemis; die Zeustochter ließ die Winde wieder fauchen und wehen und rettete Iphigenies Leben, indem sie die Prinzessin in Nebel gehüllt entführte – nach Tauris.

Und wie das so geht: nach Rückkehr aus dem Krieg wurde Agamemnon von Ägisth, dem Liebhaber seiner Gemahlin Klytämnestra, ermordet. Man kann sich denken, warum. Auch Sohn Orest sollte getötet werden, ihn versteckte jedoch listig dessen Schwester Elektra, so daß er unerkannt aufwachsen und - durch Ermordung seiner Mutter, ha! - den Vater rächen konnte. Doch das Gewissen verfolgte Orest, in Gestalt der schrecklichen Erinnyen. Auf Geheiß des Apoll suchte er sie damit zu versöhnen, daß er nach Tauris ging, um das Bild von Apolls Zwillingsschwester Artemis – wir wissen bereits, die mit dem verhüllenden Nebel – zu holen. Nicht ahnend, daß auf der Halbinsel seine Schwester Iphigenie der Artemis als Priesterin diente. Deren hauptsächlichste ihrer heiligen Aufgaben darin bestand, gestrandete Seefahrer der Göttin zu opfern, indem sie sie von einem Felsen ins Meer stieß - unschön. Denn beinahe hätte auch Orest dies Schicksal erlitten. Zu dessen Glück jedoch war Iphigenie in ihrer Jugend eine fleißige und liebevolle Schwester gewesen, und so konnte der Bruder durch Aufzählung aller von ihr gefertigten Kinderkleidchen geschwisterliche Bande nachweisen und aufs neue beleben. Die daraufhin gemeinsam geplante Flucht gelang – wenn auch abermals nur mit göttlichem Beistand: diesmal richtete Pallas Athene ein Machtwort an den verfolgenden König Thoas, so daß dieser die Geschwister ziehen ließ. Niemand, so scheint es, trieb es wilder und toller als die alten Griechen – die spinnen, die Griechen, wäre man fast versucht, in Abwandlung der stehenden Redensart eines kleinen, starken und listigen Galliers zu sagen. 

Jalta - JugendstilbalkonJalta heute ist eine Stadt der Balkone. Gußeisern zumeist, recken sie sich über den Köpfen der Flanierenden in den Luftraum der Lenin-Promenade, entlang des Schwarzen Meeres. Jugendstilfassaden darunter und drüber, den Wegrand säumen schattige Maulbeerbäume und Akazien. Am Lenin-Platz reckt sich der, nach dem hier immer noch vieles benannt ist, im langen Mantel vor Sykomoren, Douglasien und den umgebenden Bergen des in blauem Dunst verschwimmenden Krim Gebirges auf einem polierten Sockel aus rotem Granit, und um ihn herum ist alles so sauber, als sei er noch eben von seinem Podest gestiegen und habe alles höchstselbst strengstens inspiziert.

Die Früchte des Maulbeerbaums: sie besitzen Form und Aussehen länglicher Himbeeren, schmecken penetrant süß, und es gibt sie – zumindest wir kennen sie so - in roter wie weißer Ausführung. Bäuerinnen mit bunten Kopftüchern und abgearbeiteten Händen bieten sie am Tschorno Morskyj Prow. (Schwarzmeer das eine, doch weiß ich nicht, was Prow. bedeutet, aber so steht es nun mal im Stadtplan, dem ich mehr Kompetenz einräume als meinen kläglichen Kenntnissen des Russischen; mag ja auch sein, daß Prow. Ukrainisch ist – oder einfach ein Druckfehler) in Plastikbechern feil: zwanzig Kopeken der Becher. Wir erwerben einen und schenken ihn nach zögerlicher Kostprobe rasch an bettelnde Kinder weiter: sie sind uns zu süß.

Jalta - sich einmal als Khan fühlen!Am Strand – wenn man dies Schotterbett, beleckt von schwappendem Meer, denn so nennen darf – hängen historische Kleider aus dem 17. und 18. Jh. auf einer Art Garderobenständer. Fotografen lauern davor, in zerbrechliche Klappstühlchen hingegossen, auf Kundschaft. Man kann in die Kleider schlüpfen und sich darin ablichten lassen. Stilecht auf buntem Teppich, vor grüner Baumnatur am Promenadenrand oder vor den Schiffen, die im Hafen an schwammig vollgesogenen, hölzernen Stegen dümpeln. Man kann jedoch auch weitergehen und in einer der Lauben entlang der Nabereschnaja Platz nehmen, die weiß gestrichen und verspielt aus gebogenem Eisen über zwei hölzernen Bänken sich auftürmen und dabei der blendend darüber hinweg schäumenden Flut blühenden Jasmins Halt gewähren. Alte Männer sitzen dort, die müden Hände wie zum Gebet gefaltet, und junge Frauen, denen der Eine oder Einzige vor einer halben Nacht übers Meer hinweg abhanden gekommen sein mag – so jedenfalls schauen sie aus, die jungen Frauen auf den Bänken, und nichts und niemand scheint sie trösten zu können. Sie stützen die Köpfe in die Hände und gehören nur sich und ihrem tiefen Schmerz. Wer neben sie zu sitzen kommt, kann sich nur selbst leid tun.

Nabereschnaja - UferpromenadeWestliche Reklame: Orbit, ein zuckerfreies Kaugummi. Das Bild ist überall. Als ob man hier nichts Besseres vorhätte, als auf naturalisiertem Gummi zu kauen. Wer eine Plastiktüte mit Marlboroaufdruck in Händen trägt, ist fein raus: sie ersetzt das polizeiliche Führungszeugnis und gewährt Eintritt in die Sphären der Upper Ten. Weil: wer sich das leisten kann, der gehört einfach dazu. Wozu? Das wird man dann schon sehen. Nu schto.

Lenin weint. Das hat er nicht gewollt...Die Lenin-Promenade – Nabereshnaja imeni Lenina - hinunter bis zum Lenin-Platz – Ploschschad Lenina – von dort ein Streifzug zum Meeresbahnhof, alsbald jedoch zurück über die Ulitza Tschechowa, die den Arzt und Dichter Anton Tschechow ehrt, der hier mehrere Jahre lang lebte, letztlich jedoch zurück zum Hotel Oreanda, vor dem unsere Busse warten. Dazwischen Häuser mit geschnitzten Giebeln, Säulenkolonnaden, Schachspieler im Park und wolkig hingetupft ein rosa Mädchen, das blond und in etwas gehüllt, das einst Baby Doll genannt und im Westen nur zur Nacht übergestreift wurde, hier erfreulich fleischfarben und auf hohen Absätzen durch die mittäglich grell beleuchtete Szene stakst.

Das duftig-rosa MädchenAuf dem Rückweg über die Tschechowa kommen wir an einer Frau vorbei, Mittelalter, so um die Vierzig. Sie verkauft Sonnenblumenkerne, sitzt auf einem winzigen Hockerchen und hält eine Pump-Gun-Wasserpistole aus giftgelbem Plastik im Arm. Wachsam. Wenn nämlich Tauben landen und schwerfällig flügelschlagend sich handgedrehter Zeitungspapiertüten voll teurer Kerne bemäch­tigen wollen, drückt sie auf den Abzug: pssst! Das sitzt.

Meist verflüchtigen sie sich erschreckt, die grauen Städten anhängenden grauen Plagen. Aber Jalta ist nicht grau. Gleichwohl, auch hier: man sollte sie – - aber das kann man nicht tun. Nicht wirklich. Man kann keine Taube aufhängen, selbst wenn man wollte. Ihre Hälse sind zu stark und ihre Körper zu leicht, als daß man sie solchart vom Leben zum Tod brächte. Letztlich wäre es auch Tierquälerei. Vielleicht wurden sie nur deswegen, eben, weil sie nicht so leicht umzubringen sind, Symbole des Friedens – mit dem Palmzweig des Ölbaums im Schnabel!

Dabei würden sie viel lieber an die Tüten mit den Sonnenblumenkernen der Frau – aber die sitzt da, mit ihrer Pump-Gun im Anschlag. Wachsam. Und wird ihnen was spritzen - pssssst!

Kirche der deutschen Gemeinde von JaltaEin Stück die Tschechowa hinauf linkerhand ein Kirchlein. Kirchen im Sommer sind angenehm kühl, und es gibt immer etwas in ihnen zu sehen. In dieser, nachdem wir leise die schwere Holztür aufgedrückt hatten, eine Tafel, auf der mit Kreide geschrieben stand: Kirche der deutsche Gemeinde von Jalta. Es war sehr still, und es roch nach Weihrauch und Andacht. Genitiv, dachte ich. Es muß heißen: der deutschen Gemeinde ... ein Stück Kreide lag da, und ich fügte ein „n“ auf der Tafel hinzu, auf daß der Genitiv zu seinem Recht käme. Da trat einer aus dem Dunkel hinter uns und fragte recht herrisch: „Was machen Sie denn da?“

„Genitiv“, sagte ich, mich zu dem anscheinend hier Behausten umdrehend. „Es heißt: der deutsch-en ... undsoweiter. Wenn das hier eine deutsche Kirche ist, dann muß ...“

„Sie haben recht“, sagte der Pfarrer. In Turnschuhe, Jeans und Soutane gekleidet gab er zu, doch einiges der Muttersprache verlernt zu haben. Schließlich sei das Studium in München fast zwanzig Jahre her. Da rücke einem der deutsche Genitiv schon mal aus, wenn man um sich herum allein und stets nur ukrainische Laute vernehme. Obwohl, es sei ja deren Land, und da hätten sie wohl alles Recht – aber auch die Deutschen hätten – gut, man könne das kaum aufrechnen. Und müsse sich wohl gegenseitig dulden. Das sei schon viel, in heutiger Zeit.

Ja, pflichteten wir ihm bei. Es sei überhaupt erstaunlich, daß sich so etwas – diese Kirche also – im Ostblock habe halten können!

Ach das, sagt er und wehrt ab: die Mächtigen hätten sich stets Hintertürchen offengehalten. Nichts im Kommunismus habe auf später verwiesen, nach dem Tod war man eben tot. Materia­listisch gesehen. Dennoch: das kann doch alles nicht umsonst gewesen sein. Oder? Und so sei entstanden, was ihn in Lohn und Brot hielt: die deutsche Gemeinde. Getragen von Älteren, in Angst vorm Jenseits getrieben.

Es war ja nur wegen des Genitivs, sage ich und suche mich zu verdrücken. Seit jeher hatte ich etwas gegen wortreiche Pastoren.  Das begann wohl, als ich beim Bund war, und mir einer in befohlener – jawohl, evangelischer! - Andacht nahelegte, den Pfennig zur Kollekte doch noch durchzu­kneifen. Er würde die dazu notwendige Kneifzange durchaus parat legen. Damals verdiente ich zweiunddreißig Mark im Monat und mußte eine Frau und einen unvorsichtig gezeugten Jungen unterhalten. Ich dachte: Leckt mich am Arsch und trat eine Woche später aus der Kirche aus. Konfirmiert und mit sämtlich erforderlichen Weihen versehen. Und so gesehen sei es schon erstaunlich, wiederhole ich dem Turnbeschuhten, daß sich seine Kirche im Ostblock habe halten können. Mal so gesehen.

... doch jeder mag glauben was er will.Hier, sagt er, ist das alles ein wenig anders, hier legt niemand eine Kneifzange parat. Hier gibt jeder reichlich, weil er das Jenseits fürchtet. Und warum? Weil der Kommunismus zwar beendet, aus den Schädeln der Gemeindemitglieder jedoch noch lange nicht ausgezogen ist. Darum.

Aha.

Siebzehn Uhr: Abfahrt der Busse Richtung General vor dem Hotel Oreanda. Nebendran, seitlich der Straße, verläuft ein in steinerner Rinne gefaßter Bach. Es liegen nicht viel Abfälle darin. Ein paar Joghurtbecher und leere Eistüten, das war’s schon. Kein Einkaufswagen von ALDI oder LIDL wie bei uns zu Hause im Endenicher Bach. Ich weiß nicht, ob das eher der Unterversorgung der Ukraine mit Einkaufswagen oder dem Reinlichkeits­bedürfnis der Bewohner hier zuzuschreiben ist. Gut wäre, wenn auch sie hier Einkaufswagen in die Bäche werfen würden. Dann bräuchte man sich nämlich keine Gedanken über den Verfall der Sitten in unserem Land zu machen, dann hinge das der Menschheit an. Aber so weit sind sie hier anscheinend noch nicht.

Gegen sieben Uhr abends sind wir zurück in Sewastopol: die Busse, die Einbeinigen und die bettelnden Kinder, alle am Kai vor dem weißen General Lavrinenkov versammelt. Was sich hier halt so trifft. Ich gehe, bedeute ich meiner Gattin, mal eben auf die andere Seite der Bucht, mir paar Fläschken Bier kaufen.

Die gegenüberliegende Seite gewandet sich bleich und weiß in klassizistische Mauern, zu dieser Zeit glimmen vielorts gelbe Lichter unter den Portalen und Bogenfenstern, alles schaut recht festlich aus. Obwohl nur Montag ist. Dienstag, Mittwoch, Donnerstag – welcher Tag wäre wohl geeignet, hier zu feiern? Montag. Oder auch Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag. Wie’s eben kommt.

Das Mädchen am KIOCK (so schreibt sich Kiosk auf Russisch) hält intensiv grüne Augen bereit, ganz wie die Farbe der Flaschen mit Slawutitsch Bier, die es verkauft. Auf wen die junge Frau ihren Blick richtet, dem heften sich wasserfarbgrüne Saugnäpfe an.

„Ich möchte“, sage ich und gerate ins Stammeln.

Da?“ fragt sie weich und schaut mich freundlich an, mit diesem irrsinnig grünen Blick.

Iswinitje, sche – äh - scheßt butylka piwo, pashalsta! Slawutitsch.

Da. Panimatj.“ Nacheinander stellt sie sechs grüne Flaschen vor mich hin, klirrend von unten aus dem Vorrat der Kiste hinter sich geholt. „Djesjitj“ sagt sie. Aha, zehn Griwna. Das ist nicht zu viel. Die Preise an Bord sind ein Erhebliches höher. Obwohl auch die Grünäugige betrügt: zehn durch sechs ist nicht teilbar, sie hat gerundet, weil ich Tourist bin: auf oder ab – na, mir doch wurscht. Die Flaschen sind warm, man muß sie im kabineneigenen Kühlfach erst eine Weile kalt stellen. Das Allerbeste aber ist: am Morgen wird das Leergut beim Aufräumen der Kammer sogar fortgeräumt. Möchte nicht wissen, wo sie all die Flaschen hintun. Wo die doch alle nicht an Bord bestellt, trotzdem aber dort getrunken sind. Also, wenn ich die Reise zu organisieren gehabt hätte ...

Es bleibt etwas nachzutragen. Über dieses: vor dem General, an Land. Man trinkt seinen Wein oder auch ein Bier. Man will ja gar nicht, aber dieses entsetzliche Volk drängt sich einem auf: vor und zurück schleppt es seine pralle Körperlichkeit, und man muß, ob man will oder nicht – also, man nimmt es wahr, gleich, ob es einem Freude bereitet oder nicht. Da wäre also:

Auf die Kniekehle ...Eines der erotischsten Gelände des weiblichen Körpers kann die rückwärtige Kniebeuge sein, vorausgesetzt, die Wade darunter ist fest und fleischig. Und selbstverständlich darf deren Besitzerin nicht den - sonst sehr ehrenwerten, und beileibe will ich dagegen nichts gesagt haben - Beruf der Verkäuferin ausüben, denn dann hat sie womöglich Krampfadern, was der Schönheit der weiblichen Kniekehle sehr abträglich ist. Wohl kaum jemand vor mir hat das Lob der Kniekehle gesungen, und so will und kann ich mir das Folgende nicht versagen:

Auf die Knie, Kehle!

O Kehle, du Seele des Knies, das so fraulich:
Gewähre mir traulich ein zartes Berühren!
Dann sollen aus meiner entringen beschaulich
Sich Seufzer der Lust, dich Schwüre anrühren!
O Weib, knie erbaulich,
Und laß dich verführen!

Ahnt man es wohl? Meiner Ansicht nach gehören die ukrainischen Frauen zu den schönsten und aufregendsten der Welt. Um die Zwanzig ähneln sie Auslegware. Das ist, was Obsthändler an ihrem Stand ganz vorne auslegen: zwar noch nicht vollreif, doch eben deshalb prall und ohne jeden Fehl. Sie wissen darum, die jungen Dinger, kehren ihre Vorzüge heraus und kleiden sie in knappe Hüllen - was sage ich: Netze mit äußerst grobgestrickten Maschen! Die jungen Eroberer sollen Appetit bekommen, aber noch nicht gefüttert werden - ein schwieriger Gratgang. Man darf der Jugend da nicht dreinreden.

Wenn dann alles unter Dach und Fach gebracht ist, und die Frau sich besinnt, ist sie um die Vierzig und in dem Häufchen zu finden, das der Obsthändler sich in bequemer Reichweite direkt vor seinen Händen zurecht geschaufelt hat: dort liegt das vollmundige Obst, schmackhaft und ausgereift, und die Käufer sehen ihm die eine oder andere kleine Runzel gerne nach - die ukrainische Frau um die Vierzig ist an jeder dafür vorgesehenen Stelle proper bestückt, kann sie sämtlich herzeigen und tut es auch. Sie hat überhaupt nichts matronenhaftes wie die Spanierin oder Italienerin, und manches Mal weiß man kaum, wer Mutter oder Tochter ist: da stehen sie vor einem und gegen einander in Konkurrenz.

Ist die ukrainische Frau jedoch jenseits der Sechzig, rufen ein paar Blond- oder Schwarz­schöpfe sie Babuschka, und endlich darf sie nach dem Bummel über die Einkaufsmeile im Café soviel Torte essen, wie sie immer schon wollte, sich aber nie erlaubt hat. Doch das ist jetzt was anderes, auch ihr Mann gerät aus den Fugen. Und wenn der den jungen Mädchen nachschaut, erinnert sie sich in Wehmut, wirft einen Seitenblick auf ihn und denkt voller Stolz: Was war er doch für ein hübscher Kerl, damals! Und dann schaut auch sie den Matrosen der Schwarzmeer­flotte nach und erfreut sich an deren jungen, strammen Hinteransichten.

Das mußte, denke ich, mal gesagt werden.

BachtschissarayBachtschissarai

Nach dem Frühstück – morgens sendete der Bordfunk Nachrichten in zärtlich genuscheltem Französisch – sammeln sich die Busse am Kai, die uns nach Bachtschissarai, dem „Palast der Gärten“ bringen sollen, der ehemaligen Hauptstadt des Krimchanats. Die Anfahrt findet statt durch sanft hügelig gewelltes Grün, darüber gewölbt ein lichtblauer Himmel. Hier und dort stoßen glatte Felsblöcke wie urzeitliche Blasen durch satte Grasmatten, die den Weg säumen. Linkerhand eine in den Fels gehauene Andachtsstätte; gegenüber, abseits, auf halber Höhe, blinkt aus der Ferne golden die Kuppel einer Kloster­kirche herüber.

Bachtschissarai ist ein Nest, das einen, wie jedes andere im Osten auch, zunächst einmal mit grauen Platten­bauten erschlägt. Kurz hinterm Ortseingang der Konsumladen, das Dach ein schräger Mäander, wie der Balg einer auseinandergezogenen Ziehharmonika; Betondächer wie dieses, fabrikgerüttelt und in Norm­längen von sechs Metern gefertigt, breiten sich tausend­fach im ehemaligen Sozialismus über ehemaligen Kulturpalästen und ehemaligen Delikatläden. Irgendwann wird Väterchen Rost die nur schlampig mit Zement umhüllten Moniereisen darin soweit benagt haben, daß allein die Abrißbirne noch Schäden an Mensch, Leib oder glückselig verklärter Vergangenheit, und somit größeres Unglück verhindern kann.

Oben dann, auf der Anhöhe, vor dem ehemaligen Fürstenpalast – denn nichts anderes als Fürsten waren die Khane - halten die Busse hintereinander im knochenharten Sand der Fahr­straße vor den Gebäuden des ehemaligen Chanats. Andenkenstände reihen sich entlang ihres hohen Rinnsteins, dazwischen ein von vielen Füßen getretener Pfad, schmal, hart, bei Regen­güssen jedoch unpassierbar. Aber wann hat man hier schon Regen. Alles in der Umgebung wirkt steinhart. Oben, über dem Platz mit dem Produktenhandel, dort wo sich die trockene Furt gabelt, gleich vor den orientalisch anmutenden Museumsbauten, wachsen großformatig und fremdartig gerundet Felsformationen aus dem Berg und scheinen die darunter eng am Hang sich duckenden Häuser wie eine zusammengewürfelte Rotte urweltlicher Ungetüme zu bedrohen. Man hat sich an sie gewöhnt, das tun sie, seit die Menschheit hier denken kann.

Den Eingang zum Chanat bildet ein wunderbar geschnitztes und bemaltes Tor. Dahinter gibt Viktor uns ab. Und zwar an die ein bißchen füllige, mütterlich wirkende Führerin, eine Russin, die er als Valentina vorstellt. Sie habe, sagt er, es lange Zeit recht schwer gehabt, weil man die Russen nach der auch hier stattgefundenen Wende kaum noch dulden mochte. Valentina aber habe durch ihre einfühlsame Art und ihr fundiertes Wissen selbst die verhärtetsten Herzen der Ukrainer gewonnen. Er, sagt er, überlasse sie uns und uns ihr, und wir sollten einander prüfen. Aber er sei sicher, daß am Ende auch wir sie mögen – wie er sie. Vorsichtiger Applaus. Soll sie erst mal machen. Dann wird man sehen. Aller Augen richten sich erwartungsvoll auf Valentina. 

Mit weicher Stimme, rollenden R's und ebensolch braunen Augen trägt sie fortan schmieg­­same Geschichten über die früheren Fürsten vor und deren Frauen. Mehr und mehr finden wir uns in ihren Vortrag gefangen, hängen an ihren geschminkten Lippen, die blutvoll all das Geschehene nachbilden: die versunkene Zeit der Khane und ihrer Haremsdamen, das Leben im Palast, all die Kleinigkeiten, die zu damaliger Zeit das Leben ausmachten. Dazu kommt das Licht, das sich glühend im bunten Glas der Fenster fängt und auf den Keramikböden des Serail oder im stet murmelnden Quell des Brunnens im Lager der Fürsten, des Chan-Diwans (Rat und Gericht) widerspiegelt, matt und voll bunter Geheimnisse. Weiterhin geschnitzte Decken mit Tableaus der Kronleuchter, diese, kunstvoll geschmiedet und bereit, durch hunderte Kerzen strahlendes, oder auch nur wenig angezündetes, mildmattes Licht zu verbreiten – Valentina kann all das heraufbeschwören, solcherart, daß es einem zutiefst lebendig vor Augen steht.

Draußen Moscheen, ein Falkenturm, Höfe, Bassins und Gärten. Die Mausoleen des Chan-Friedhofs: herrlich in Marmor geschlagene Fresken und Reliefs, die Särge nicht ins Erdreich gesenkt, preisgegeben vielmehr Luft und Licht. Endlich, im Südostteil des Fontänenhofs die im Jahr 1764 vom damals weithin bekannten iranischen Meister Omer auf Anordnung des Khan Krym-Giraj zum Gedenken an dessen verstorbene Lieblingsfrau Diljara-Biketsch errichtete „Fontäne der Tränen“ – sie sollte seinem Kummer unvergänglichen Ausdruck geben.

Puschkin und der Tränenbrunnen von BachtschissarayAus weißem Marmor gebosselt, rinnen aus dem steinernen Auge im Mittelpunkt einer fünfblättrigen Blüte Tränen, die aus kunstvoll gehauener Schale über die andere in die nächste fließen, und so fort. Das geht über fünf Ebenen. Zuletzt versickert das klare Herzblut in einer gemeißelten Spirale zu Füßen des Ganzen, diese ein Symbol unvergänglicher Liebe. Puschkin, der große russische Dichter, hat diese legenden­umwobene Fontäne später in seinem Poem „Die Fontäne von Bachtschissarai“ besungen. Im obersten Fach, jener Schale direkt unter dem Auge, finden sich Tag um Tag zwei frische Rosen: eine rote und eine gelbe. Zuweilen auch weiße, die Unschuld symbolisierend. Sie werden von Besuchern mitgebracht, niedergelegt. Aus Verehrung. Daneben, aus kühlem, dunklem Stein auf weißem Sockel, Puschkin selbst, unver­kenn­bar, die Fresse poliert, könnte man sagen, aber es ist nur das glatte, kühle Material, das solcherart behan­delt ist. Auch ihm häufen sich Blumen, auch ihm zumeist Rosen. Kostprobe seiner Dichtung?

„... nach Taurien kehrte der Khan zurück
ließ, zum Gedenken der traurigen Maria,
einen Brunnen aus Marmor errichten
in einem Winkel des vereinsamten Hofes.
[...] Junge Mädchen hörten in jenem Land
die Sage aus alten Zeiten,
und das düstere Denkmal nannten sie
Fontäne der Tränen.“

Dabei ist es nicht einmal düster, sondern aus lichtem Marmor gezärtelt, das Denkmal der geliebten Maria. Aber das Poem um sie ist es: Diese war eine polnische Prinzessin, die sich in Gram um die verlorene Heimat verzehrt. Als sie die tiefe Liebe des Khans gewinnt, wird sie von der heißblütigen Georgierin Sarema erdolcht, die nicht verwinden kann, das Herz ihres innigst geliebten Gebieters an die blonde Schönheit aus dem Abendland verloren zu haben. Was mit Sarema weiter geschah, ist nicht überliefert. Ein Denkmal, wie der schönen Maria, hat ihr der Khan jedenfalls nicht errichten lassen, davon wüßte man. Stoff jedoch, aus dem sich hundert und eine Seifenopern fürs Fernsehen drechseln ließen. Nichts verändert die Zeit wirklich.

Puschkin war eine Zeitlang auch nach Jalta verbannt, etwa um 1820 herum. Offiziell leistete er seinen Militärdienst im Süden ab. Doch das war nur der Vorwand, ihn aufrührerischer Sonette wegen für ein Weilchen von St. Petersburg fernzuhalten. Im September 1820 besuchte er den Brunnen, und so entstand dieses Gedicht. Und weil er damals zwei Rosen, eine rote wie auch eine gelbe, in besagter Schale niederlegte, gedieh dieser Kult.

Obschon Russe, liebt man ihn hier innig, hat ihm in den Städten etliche Denkmäler getürmt – ach, die weite, slawische Brust und darin das unendliche Meer slawischer Seele, die so sehr am geschliffenen Wort hängt, das verspricht und verheißt und allen Lohn für das karg verbrachte Leben seit jeher in die Gefilde der ewigen Seligkeit verlegt!

Man ist es nur so gewohnt. Und man soll ihm, dem Volk, nicht kommen mit Enthaltsamkeit oder neuen Moden. Wer so predigt, verliert. Das erfuhr bereits Gorbatschow, den man anschließend Mineralpräsident nannte. Anders gesagt: Wer will, kann eine Kreisstadt nebst dem sie umgürtenden Landkreis binnen vierzehn Tagen in allem und jedem Denken wie die gewendeten Fingerlinge eines Handschuhs umstülpen. Bei einem Land jedoch, das sich über zwei Kontinente und zehn Zeitzonen erstreckt, funktioniert solches nicht.

Das möchte, wer hierzulande von der Mafia redet, sich einmal durch den Kopf gehen lassen.

Gegen dreizehn Uhr sind wir wieder an Bord, Zeit zum Mittagsmahl. Zwei Stunden später schauen wir den Bussen nach, die nach Balaklava fahren, etwas südlich von Sewastopol gelegen, derweil wir ein letztes Mal die Stadt erkunden. Die unzulängliche Karte im Reiseführer zeigt noch nicht mal Himmelsrichtungen. Das Flottenmuseum an der – wie könnte es anders sein! – Uliza Lenina gelegen, finden wir ja noch. Kanonen und anderes maritimes Gerümpel, kupfergrün oder bronze­geschwärzt in und vor klassizistischen Mauern: bereits sehr früh hatte sich die Admiralität fein eingerichtet, das muß man sagen. Die zweitbeste aller Frauen hat heute jedoch keine Lust auf Militär, also gehen wir nach kurzer, nur äußerlicher Inspektion am Bau vorüber, weiter in Richtung Wladimir-Kathedrale. So glauben wir jedenfalls.

Es muß, seit der Aufnahme des Stadtplanes in unseren Reiseführer, eine Umbenennung der Querstraßen Sewastopols stattgefunden haben. Querstraßen meint: die in Richtung Nord-Süd verlaufenden, welch Himmelsgefälle aus unserer Karte aber nicht ersichtlich ist. Wir haben ja Mühe, überhaupt unseren Standpunkt zu bestimmen.

Fast schon draußen, am runden Gebäude des Matrosenklubs (bis dorthin führt die Uliza Lenina) bitte ich zwei vor der offenstehenden Haustür eines Mietshauses auf dem Trottoir in ein pfeifen­dampfendes Gespräch vertiefte Männer in Trainings­anzügen um Auskunft: Iswinitje, gdje Uliza Frunse – ili Sowjetskaja? Zur Verdeutlichung weise ich ihnen die Karte unseres Reisebuches vor.

Ah, da, da da. Njemjitz? Let me see. Ah ja. Ich nich viel deuts. Wochin Sie mechte?“

Ist schon mal was. Ich bin ja sowas von dankbar. „Wladimir-Kathedrale“, antworte ich voller Hoffnung.

Wladdimirr – ah! - da, da, da!“ Er klopft mir auf die Schulter, weist in die Richtung, aus der wir gekommen sind, sinnt kurz in sich hinein und holt sich Rat bei seinem pfeiferauchenden Kollegen, der ihm – wie mir scheint – knurrig baßgeschwängert vermutlich zu verstehen gibt, daß wir, als Njemjitz, Deutsche also, uns sowieso hier nicht zurecht finden würden. Daran seien wir schon im letzten Krieg gescheitert. Er würdigt mich eines kurzen, abschätzigen Blickes und tippt sich mit dem Pfeifenmundstück an die Schläfe. Das sagt viel.

Der andere lächelt. Entschuldigend, wie mir scheint. Dabei braucht er sich für nichts zu entschuldigen, er doch am allerwenigsten! Eher der Baßgeschwängerte. Oder Ich. „Biette,“ sagt der auch bisher schon Bemühte und zieht die Trainingshose hoch, das Gummi im Bund scheint mit der Qualität des Stoffes nicht Schritt zu halten, „biette, wollen schauen chier?“

Sein Zeigefinger deutet in den bereit gehaltenen Plan. Es hat eine Weile gedauert, bis er weiß, wie herum man ihn halten muß. Aber dann erklärt seine die Straßenschläuche entlang fahrende Finger­kuppe, unter deren brüchigem Nagel sich ein wenig „tschornij“ (schwarze) Heimaterde findet, wohin wir uns wenden müssen, um dorthin zu gelangen, worauf zum Schluß die Spitze seines Zeigefingers stippt: „Sdjes Wladimirska. Panimatj? Verrstähn?“

Da“, sage ich. „Panimaju, balschoi spassiwa!“ und klopfe ihm meinerseits auf die Schulter: „Sie sprechen verdammt gut Deutsch!“ lobe ich ihn. Aber dann kommt mir, daß, wenn auch rade­brochen, so doch das meiste unserer Unterhaltung auf Russisch stattfand. Und da muß ich diesem Mann noch einmal soviel Gold an die Brust heften, als ich schon vorhatte. Denn Russen, das muß man – selbst wenn ich mich wiederhole - ganz klar sehen, sind hier nicht beliebt. Und als ich dem Baßgeschwänger­ten, einfach so, kurz im Umdrehen, in die Augen blicke, weiß ich: bei manchem auch Deutsche nicht.

Bei diesen Leuten haben wir – aus welchem Grund auch immer - eine Menge gerade zu biegen. Aber das müssen wir tun. Nicht sie. Verrstähn? Weil wir, unsere Volkszugehörigen, in Europa so viel zerschlagen haben, auch wenn es schon so verdammt lange her ist und unsere Generation gar nicht beteiligt war. So etwas aber vergißt sich nicht leicht und kommt oft über von Alt auf Jung. Wenn einer anfängt, darf man nicht fragen, wie hart und grausam sich der andere gewehrt hat und dies für sich als Entschuldigung hernehmen. Wer Händel beginnt, mit oder ohne vorgeschobenem Grund, ist immer im Unrecht. Immer! Und bleibt es, bis er sich entschuldigt – was heißt: von Schuld befreit, entschuldet. Wozu noch kommt: sofern man seine Entschuldigung überhaupt entgegen nimmt.

Wladimir-KathedraleWir finden die Wladimir-Kathedrale. Steigen eine Fußgängertreppe zu ihr herab, wie beschrieben, und da blendet sie vor uns: golden und weiß und voll schattiger Bögen, Türme, Simse und Ornamente. Zwischen uns und ihr eine vielbefahrene Straße. Es dauert lange, bis wir herüben sind. Frauen müssen in der Kathedrale ihr Haupt bedecken, glücklicherweise hält man Tücher am Eingang bereit. Das erinnert mich an Berlin, wo ich den alten jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee auch nur mit einem Käppi, der Kippa, auf spärlich behaartem Hinterhaupt betreten durfte, ohne daß mir dort kalt gewesen wäre. Dort wiederum durften Frauen oben ohne. Verstehe einer die Religionen. Das Kirchenschiff nun breitet sich dämmerig und kühl über unseren Köpfen. Luft, die man zum Atmen bräuchte, quält sich durch schwere Düfte von Kerzenwachs und Weihrauch. Außen, kommt mir in den Sinn, ist die Kirche viel schöner als innen. Vielleicht aber hat man auch schon zu viele gesehen, ist einfach nur abgestumpft. Selbst wenn man wollte: auch einem Videorekorder geht irgendwann das Band aus. Und man ist ja nur ein menschliches Wesen, ohne all die Knöpfe, was die Weiterschaltung der Geschichte anbelangt. So gesehen ist der Mensch recht unvollkommen.

Die Regenfallrohre, fällt mir auf, als wir wieder draußen sind, läßt man in verhaltenem Blau die Fassaden hinabstürzen, russischblau, sehr geschmackvoll. Nebendran das zugehörige Kloster, wo Nonnen vom Fenster ihres Kiosks am Straßenrand aus billige Talmi-Devotionalien verkaufen. Neonbunt und glitzernd und damit völlig im Gegensatz zum düsteren Inneren der Kathedrale. Jedoch: wir sahen uns bereits in Katen um, in denen solch auf Goldpapier gedruckter Christus mit segnend erhobener Hand der einzige Farbfleck war. Alles andere seit Jahrhunderten grau und trist und dunkel. Vielleicht hätte es auch ein Foto von Billy Graham getan, dem amerikanischen Sektierer, der während seiner Predigten auch viel die Arme erhebt, mag sein. Nur glitzert der nicht so schön. Aber soviel Licht muß in dämmeriger Stube schon leuchten, wenn man denn sonst nichts hat - das gebe Gott. Oder Allah, was das gleiche bedeutet, nur wissen das wenige. Immer wieder gab und gibt es Kämpfe um Bedeutsamkeit und Größe dieser beiden Namen, welch beide dieselbe Allmacht bezeichnen. Dies allerdings von verschiedenen Hinterhalten und Burgen, sprich Religionen, der Erde aus betrachtet.

Vielleicht sollten sich die Berater der Grahams Inc. das mal hinterm Ohrläppchen notieren.

Kitsch as Kitsch can - der TortenbrunnenDer Weg zurück führt durch einen Park. Dort, unter schattigen Baumkronen, treffen wir auf etwas unsagbar Scheußliches (obschon man denken könnte, das Wort rühre von – igittigitt! - Scheiße her, fußt es doch auf der mhd. Wurzel schiuzen, Grauen empfinden), ein Ding, so kitschig, daß es fast schon wieder an Kunst gemahnt, etwa Baselitz - aber einen Brunnen kann man nicht verkehrt herum aufhängen wie B. seine Bilder, dann läuft er aus: eine verhalten blaue Brunnentorte, mit weißen Schlag­sahne­kringeln wie aus der Spritztüte garniert, on top von vier Ringelreihen tanzenden Putten gekrönt, blendend weiß, die sich im Reigen an einer giftgrünen Girlande aus blütenschweren Gipsranken verlustieren - so etwas hat die Welt noch nicht gesehen! Zumindest wir noch nicht. Ab!-so!-lut! häßlich! Aber doch, im diffusen Licht des Parks ... ich fotografiere das Monstrum: wirklich, es hat was! Auf der nächsten Lichtung: wieder Puschkin, schwarz und von der Hüfte an aufwärts; das rückt alles wieder zurecht.

Sewastopol, Rynok - MarktKurz vorm Schiff noch der Markt: Rynok, steht überm Eingang zu den Hallen, bunt und prall lockt drin das Angebot. Wo es etwas auszuwiegen gibt, steht die immer gleiche Waage, wohl Standard­produkt der ehemaligen UdSSR. Doch sie unterscheiden sich: babyblau, quietschgelb, bonbonrosa oder auch quittegrün: im Nachhinein hat man sie mit Anstrich versehen, je nach Geschmack, kontrastierend und sich von den Farben des Angebotenen abhebend. Alles gibt es zu kaufen, die Preise scheinen vergleichsweise moderat. Doch sorgsam wägt das verknit­tert schiefe Mütterchen, ob es sich die krumme Gurke zu siebzig Kopeken neben den notwen­digen Kartoffeln zu 1.30 Griwna das Kilo noch leisten kann. An die Fleischstände verschwendet es keinen Blick. Wozu auch. Fleisch hat diese Frau seit zehn Jahren, seit der Wende, nicht mehr gesehen. Man kann es sich nicht mehr leisten. Jedenfalls sie, als Rentnerin, nicht. Was wird sie kriegen: Zumeist nichts. Aber wenn es wieder mal Auszahlung gibt, dann wird sie überlegen, ob sie sich überhaupt Kartoffeln noch wird leisten können. Denn dann wird ihr Preis auf 2.50 Griwna gestiegen sein. Geht sie also wieder Sauerampfer und Melde pflücken. Die beruhigen den Magen, und man erntet, ohne gesät zu haben. Das Zeug wächst in jeder Ruine; Gott sei Dank gibt es wenigstens davon seit den Zeiten der Planwirtschaft genug.

Von oben herab schauen wir auf zwei Bedienstete eines Restaurants herunter, Koch und Kellner vielleicht, die sich in später Sonne auf dem Pflaster vor ihrem Etablissement gegenüber­sitzen und Backgammon spielen. Die Kundschaft drängt noch nicht. Daneben eine Holzfigur: ein Koch mit hoher Mütze und Schild an langer Stange im Arm, preist darauf an: Prima deits Kuche. Was darunter zu verstehen ist, verrät das Schild nicht.

Irgendwann hat uns der General wieder. Abendessen gibt es erst, wenn er sich vom Kai in der Artilleriebucht gelöst hat. Das geschieht wohl gegen zwanzig Uhr. Also verfertigen wir ein paar Rundgänge ums Schiff. Am Kai sitzen zwei im Rinnstein und unterhalten sich. Daneben, etwas abseits, einige dieser glasfaserverstärkten Riesentaschen, die uns bereits auf den Märkten auffielen. Beide prall gefüllt. Der dabei sitzt, verkauft Uniformteile der bis auf wenige Reste in die Heimat zurückbeorderten Sowjettruppen. Mützen und Koppel also, Marineblusen etc. Zur Belebung des Geschäfts balanciert er auf dem Kopf die hohe, in Schwarz und Purpur gefaßte Pelzmütze eines untergegangenen Garderegiments. Im luftigen T-Shirt, dazu aber mit diesem aufgesetzten Teil, das an Kaffeemützen gemahnt, welche in Gebrauch waren, als es Isolier­kannen aus doppelwandigem Glas noch nicht gab – in dieser Aufmachung also wirkt er, nun: etwas overdressed.

BlechmusikLangsam füllt sich der Kai. Eine aus zwölf Köpfen bestehende Blaskapelle marschiert auf. Räuberzivil, einer mit Posaune in kurzen Hosen und Hawaiihemd, die anderen in Jeans und Sweatshirt. Oder ähnlichem. Eine Kleiderordnung, wie etwa bei den uniformierten Spielmanns­zügen münsterländischer Schützenvereine, existiert nicht. Sie formieren sich. Sie stellen sich auf. Die Gilde der Bettler marschiert ein. Auch die Einbeinige mit den pi-förmigen Krücken ist dabei. Zu viert, in einer Reihe, warten sie dem Schiff auf, erhoffen sich letzte Gaben. Die Busse aus Balaklava kehren zurück, entlassen ihre Passagiere an Bord des Generals. Balaklava war verbotene Stadt, unter Stalin in den Fels gehauen. Hier hatte die Führungsmacht, der Große Bruder, nur 20 Kilometer südlich von Sewastopol U-Boothäfen und ihre Werften, dazu die Unter­künfte der Arbeiter sowie die zu deren Leben notwendigen Läden, Schulen, Kindergärten wie auch Kulturstätten in den Berg gehauen. Alles unterirdisch, eine ganze Kleinstadt. Noch längst ist nicht erkundet, was sich dort unter der Erde verbirgt. Am liebsten schüttete man alles zu. 

Bevor die Musiker die Mundstücke ihrer Instrumente an die Lippen heben, sie befeuchten und probehalber hineinblasen, durchmessen zwei Mädchen, für die das weiter oben über ukrainische Frauen ausgeführte gilt, im hautengen, schwarzen Bodydreß und auf knöchelgeschnürten Stöckel­schuhen die sich mit jedem hinzukom­men­den Fußgänger erneuernde Szene und werden gebührend von Rentnern aus der Schwyz, Engelland, den Niederlanden, Frõnkraisch, sowie dem wiedererstarkten Doitschland gierigen Blickes abgetastet und mit Teleobjektiven langer Brennweite befummelt. Danach formiert sich endgültig die Musik: drei Reihen zu jeweils vier Bläsern. Halt, stimmt nicht: in einer versteckt sich ein Pauker. Und sie huben an: lärmend, diszipliniert, eingespielt ohne erkennbaren Dirigenten und fröhlich fetzten sie einen schmissigen Melodienstrauß über den Kai. Sogar die einbeinige Bettlerin (schwarzer Rock, weißer Strumpf, Mullbinde ums Kinn und das schwarze Kopftuch, was alles zusammenhält) kriegte ordentlich den Drive und legte ein Solo mit nur einer Krücke hin. Welch Vorstellung ihr einen wahren Münzenregen von den Umgängen des Generals und jubelnden Applaus der reisenden Rentner bescherte. Zum Glück hatte sie jemanden dabei, der es für sie sammelte. Sonst hätte sie ja ihr hochgeschnalltes Bein aus seinem Gefängnis unter dem Gesäß entlassen müssen, einbeinig bückt es sich nun mal schlecht nach Geld. Der schurrte ihr die Münzen mit den Schuhspitzen dorthin, wo sie sich erschöpft auf dem Pflaster niederließ und die Spenden mit spitzen Fingern zusammenklaubte.

Und dann – in letzter Minute, der General tutete bereits, die Kapelle war hastig verstummt und sammelte unisono die aufs Pflaster hingeklickerten Münzen ein, die Schiffslaut­sprecher kellten die so ans Herz rührende Abschiedsmelodie über uns und alle Nachgebliebenen am Kai aus, so daß nicht wenigen zum wiederholten Mal die Tränen in die Augen stiegen – da stürmt plötzlich unsere kleine dralle Engländerin über die noch nicht eingezogene Gangway an Land und beginnt mit der Frau, die dort, seit der General hier festgemacht hat, seit jeher Selbstgehäkeltes und ‑genähtes feilbietet: mit der also beginnt sie zu feilschen. Einmal hat ein Polizist diese Frau vertrieben, so daß sie ihre Sachen packen und abziehen mußte. Das war gestern, wir haben es beobachtet. Mag sein, sie konnte keine gültige Erlaubnis vorweisen. Oder aber der Polizist war neu und noch nicht geschmiert. Heute steht sie wieder da. Mit der also handelt die dralle Engländerin: gelbes T-Shirt, darunter blaue Shorts, alle an Bord blicken gespannt auf die beiden herab.

Und darum dreht sich's: in letzter Minute kauft die kleine dralle Engländerin der Frau mit dem selbst Gehäkelten und Genähten drei Schürzen für zusammen zwanzig Dollar ab, ein exquisiter Sonderpreis. Unter Brüdern (oder Schwestern) sollte jede zumindest zehn Dollar bringen, was etwa fünfzig Griwna wären oder zwanzig Mark. Das sind sie in ihrer Handarbeit sicher wert. Jubelnd stürmt die kleine Tommyfrau mit ihren Schnäppchen an Bord, gleich hinter ihr wird die Gangway eingeholt. Die Frau am Kai zählt die hastig hingeblätterten Dollarscheine nach und reckt fluchend die Hand gegen das Schiff: es sind nur achtzehn!

Da jedoch legt der General bereits ab. Er verläßt Kai und Artilleriebucht. Die Musik, die einem Tränen in die Augen treibt, übertönt letztlich alles. Ganz zum Schluß sieht man, wie die geprellte Frau dem aus dunkel­grünem Jeep hinzutretenden Polizisten in anziehend schmucker, schwarzer Uniform verstohlen einen der achtzehn Scheine in die Hand drückt. Nun hat sie nur noch siebzehn. Immer noch gutes Geschäft, wenn man sonst nichts hat. Nu schto.

Fortan, wo einem die kleine dralle Engländerin an Bord begegnet, nickt man ihr freundlich zu: die hat’s drauf! So möchte man das auch können. Und das färbt ab auf ihren frisch angetrauten Ehemann, dem das Grinsen nach allen Seiten bereits Mühe bereitet. Aber so ist das nun mal mit der Berühmtheit: einmal ins Licht gezerrt, entgeht man ihr schwerlich.

Helden der RevolutionIm niedergehenden Licht der beginnenden Nacht versammelt man sich zum Abendessen an Bord. Draußen, vor den Fenstern, reckt sich ehern und an die dreißig Meter hoch die Figur des Seesoldaten mit Bajonett am hochgereckten Gewehr, er winkt einem geduckten Infanteristen. Viel Bronze ist hier verschwendet worden, zu Stalins Zeiten schien das notwendig, ohne monumentale Über­größen kam man da kaum aus.

SeefahrerdenkmalAls wir die Bucht verlassen, sticht aus dem Abendglast das Seefahrerdenkmal in den Himmel: ein stilisiertes Segel, überdimensional, wie alles, was der Kommunismus schuf. Nur das Leben – das hat er nie in den Griff bekommen. Das war auch sehr viel komplizierter als sämtliche Statuen im Abendhimmel. Aber dort: im vergehenden Blau hängt die Sonnenscheibe, blaß. Im Meer verglüht ihr schimmernder Stempel, Boote drängen schwarz in letztes Gold des Tages, ruhen beieinander wie die Herde Ungewisser, welche morgen ausfährt, Erkenntnis zu sammeln: Fisch und Touristen, davon kann man leben. Aber die Nacht, die verdammte schimmernde Nacht! Wohl dem, der sie tief schlafend verbringt und das Leben, das ihm nach allem noch bleibt, an jedem Tag von neuem beginnt.

Abend - die Kriegsschiffe glühenWie flüssiges Metall der ruhige Spiegel des Meeres. Am Horizont verglüht die Sonne im Dunst. Man fühlt sich bemüßigt, einen Decksstuhl ins schützende Eckchen zu rücken und von dort ihrem Ertrinken in der Kimm beizuwohnen - und darüber ein andächtiges „Amen“ zu murmeln. Es liegt, so will mir scheinen, nicht viel zwischen Andacht und Gott. Eigentlich nur die verdammte kirchliche Kneifzange.

Cherson - eine Fischerinsel

Im Morgenglanz vor der Krim springen Tümmler in eleganten Bögen aus dem Wasser, klatschen zurück, und für das Geschehen eines Augenzwinkerns sieht man ihre nassen Leiber sichelförmig im frühen Licht glänzen. Über den glatten Spiegel des Meeres weht Dunst. Die beiden unentwegt unter Deck grollenden Diesel scheuchen wassernde Möwen auf und treiben sie vor sich her. Es ist früh am Tag, und die Luft streicht wie ein schmeichelndes Seidentuch über das Schiff hin.

VogelinselDer helle Streifen voraus: eine Sandbank, von unzählig kreischender Vogelwelt bevölkert. Im bleiernen Wasser staksen Seetonnen, schlanke Gebilde, die wie rote und grüne Raketen aus dem Wasser stechen. Wir sitzen beim Frühstück und lassen das Paradies gemächlich an uns vorüberziehen. Und wenn nicht das, so doch zumindest etwas, das stark daran erinnert.

Das nördliche Ufer im Mündungsgebiet des Dnepr besäumt vorwiegend Steilküste, ockerfarben, schrundig und nur spärlich mit Strauchwerk oder Gräsern bewachsen. Oben, auf der zwischen zwanzig und sechzig Meter über der Wasserlinie gelegenen Hochebene helle Häuser, Pappeln und rostige Wassertürme. Dort, wo sich das Land zum Wasser absenkt, um einem der zahlreichen Nebenarme Zufluß zum Delta zu gewähren, ragen Leuchtfeuer aus dem Strom. Unvermittelt wohl auch gehen die von Wind und Wasser angenagten Steilufer in sanft begrünte Küstenstriche mit dem vom Oberlauf gewohnten Auenwald über, doch selten sieht man Vieh auf den Uferwiesen.

Gegenüber, am südlichen Flußrand, bilden Erlen und Weiden den Bewuchs. Dahinter erstreckt sich teilweise ausgedehntes Sumpf- und Steppenland mit vorgelagerten Inseln, unterbrochen nur vereinzelt durch hineingesprenkelte Dörfchen und Weiler. An manchen Stellen blüht das Delta, und das Schiff pflügt durch grüne Algenfelder. Zum Ufer hin zieht eine Kette weißer Schwimmvögel ihre ruhige Bahn. Es sind Schwäne, durch das Glas zähle ich einundzwanzig Tiere, eins artig im Kielwasser des anderen.

Der Strom wird enger, und Schilfgürtel zeigen an, daß er im Uferbereich abflacht. Ein Kuckuck schreit im Rohr über fremdem Nest. Wir gleiten vorbei an einem Dorf, dem man an einer geschützten Stelle gelben Strand spendiert hat. Kinder graben dort im Sand und taumeln jubelnd ins aufspritzende Wasser, das funkelnde Tröpfchen um ihre braunen Leiber sprüht. Ein Halbdutzend magerer Ärmchen winkt uns nach.

Dorf in RussischblauHoch über der endlosen Ebene der Steppenlandschaft hinter grünen Ufern wölbt sich weiter Himmel. In dessen geräumiger Tiefe lauert ein Gewitter, das als senkrecht in den hellen Horizont verwebtes Fahnentuch bleigrau von ihm herniederweht. Lautlos explodieren gelbzuckende Entladungen in seiner Mitte. Kaum, daß Dörfer am Schiff vorübergleiten. Dann und wann ein hinter dichtes Schilf geduckter Weiler: Anlegestelle, eine Handvoll Holzhütten, Giebel in verwaschenem Blau, verborgen unter spitzen Blechdächern – russischblau. Es findet sich kein anderes Wort für diese blasse Farbe der Hoffnung.

Hin und wieder ein Fischer, der aus dem Heck seines Kahns gebeugt inmitten von Seerosenblättern Netze auslegt oder deren Inhalt prüft. Gleich zweimal beweiden den Himmel sacht treibende Schäfchenwölkchen – einmal im blanken Spiegel des Flußlaufs, zum anderen darüber, in scheinbarer Wiederholung: in Wirklichkeit jedoch das Original.

Dann wieder gibt es Stege, an denen auch größere Boote anlegen können. Das sind eiserne Konstruktionen, Pontons mit davorgehängten Autoreifen, die im Wasser schwimmen und über einen schmalen, mit rostigem Geländer versehenen Steg ans Land gebunden sind. Auch dort die gleichen Holzhäuser. Dazwischen jedoch Masten, die Leitungen tragen – hier schaltet der Fortschritt abends die Deckenbeleuchtung ein, holt übers Fernsehen die Welt in dämmerige Holzstuben. Hier lebt er noch, der Sozialismus, noch immer zeigt Lenin von der Stirnwand der stickigen Wohnküchen aus im Halbporträt in ferne Gefilde der Zukunft. In den Schlafkojen über den Betten jedoch wacht Christus – er einzig in goldenem Rahmen und unter Glas, und beides mindestens einmal die Woche poliert; es war schon die Rede von der bunten Gläubigkeit.

Nu schto. Wer weiß denn, was kommt.

An Bord gibt es ab sechs Uhr das Frühaufsteherfrühstücksbüffet – ein Wort mit neunundzwanzig Buchstaben, beachtlich: kommt es doch dem Himmi­Herrgott­Sackl­Zement­Mileckst­AmOrsch­Scheiß­Glump­Vareggdst der Baju­waren schon recht nahe - das aber mit neunundfünfzig Buchstaben völlig außer Konkurrenz steht. Um neun Uhr fünfundvierzig dann „Die Kunst des Serviettenfaltens“. In der Dnepr-Sky-Bar, also oben, mittschiffs. Bislang, das sei festgehalten, hat sich die phantasievolle Faltung der weißen Stoffservietten noch zu keinem Mahl an Bord wiederholt. Aber das für zu Hause mitnehmen? Wann gibt man dort schon Galaessen für über zweihundert Personen?

FischerMuß nicht sein. Wir auf dem General gleiten gemächlich an Ufern und diese gemächlich an uns vorüber. Man müßte sich mal wieder in Einsteins Theorie der Relativität versenken: vielleicht gleitet ja auch nur die Zeit an uns vorüber, während wir in irgendeiner philosophischen Untiefe versauern, uns spitze Steine in die Schuhe stopfen, und um uns herum die Welt längst in letztem Aufbruch ins Inferno der Ewigkeit begriffen ist – lassen wir sie ziehen. Das alles berührt uns nicht im Moment. Ein schlimmes Wort, doch trifft es den Kern: wir relaxen.

Gegen fünfzehn Uhr ersterben die Dieselmotoren. Einen Moment treibt das Schiff lautlos in der Mitte des Stroms. Wenig später rasseln Ankerketten, fassen Fuß im Schlamm und heften den General wie ein aufgespieß­tes Insekt an genau diese Stelle im Strom, die sich der Kapitän als Liegeplatz für ihn ausgesucht hat. Da liegen wir nun, so still, daß es fast nicht auszuhalten ist, nach all den laut stampfenden Tagen auf dem Wasser. Eine Barkasse tuckert herbei, schiebt sich längsseits, stinkt nach Diesel: sie soll uns zur Fischerinsel bringen, durch Kanäle und Nebenflüsse des Dnepr. Man sieht es schon: es gibt weit mehr Personen mit Ausflugscheinen, die sich jetzt vor der rasch von Bord zu Bord ausgefahrenen Gangway stoßend und schupsend auf das kleine Boot hinüber bewegen, als Sitzplätze darauf sind.

Es entbrennen Kleinkriege darum. Weiber! muß ich genervt feststellen. Sie drin, mit Ellenbogen oder weil man ihnen als Damen den Vortritt ließ - egal: da belegen sie ein ganzes sechsplätziges Coupé, als sich ihre fünf Bekannten noch über den Steg an Bord schieben, während andere, die nicht so gedrängelt haben, ratlos umherstehen und nach freien Plätzen Ausschau halten. Mag mir der Wind um die Nase wehen, ich stelle mich vorne am Bug bei dem blau-gelben Tuch mit den drei Neptunszinken auf: der ukrainischen Flagge. Dort, in Sicht dessen, was kommen mag, denke ich: nirgendwo in der Natur gibt es soviel Eigennutz wie beim Menschen. Und nirgends dort einen größeren als den der Weiber. Indem ich dies sage, scheide ich bewußt Weiber von Frauen, denn diese haben mit jenen nur das Geschlecht gemein. Dies einmal festgestellt, sind Weiber ein Übel, das sich die Menschheit versagen sollte. Und da gibt es Männer, die als Namenspendant zu Weibern das Wort Kerle haben, und die den gleichen Atem blasen und einsaugen: auch auf die wäre leichten Herzens verzichtet. Bei hundert Plätzen und zweihundert Teilnehmern kann nicht jeder einen Sitzplatz haben. Wer das nicht begreift, fällt wohl unter die Beschriebenen.

Doch nun: entgegen manch zänkischer Voraussage erreichen sämtliche Eingeschifften die Fischerinsel, ob mit oder ohne Sitz – aber ja doch! Jetzt aber stehen die Stehenden dichter an der Gangway als die Sitzenden, was neuen Streit heraufbeschwört: die nämlich, die als erste saßen, wollen nun auch als erste an Land, und sie tun, als stünde es ihnen zu, es scheint eine Grundhaltung dieser Schicht – ihre Männer halten sich vorsichtig zurück; sie wissen, sie kriegten es mit Ihresgleichen zu tun! Und vermutlich ein paar aufs Maul. Das verfluchte Weiber­geflügel jedoch gackert und drängelt, so daß einer, der oben auf der eisernen Treppe der Barkasse in der Warte­schlange steht und auf jene hinunterschaut, nur den einen Wunsch verspürt: sie hier sofort und allesamt in den grünen Wassern des Deltas zu ersäufen! Das ginge rasch, und jeder wäre einverstanden. Selbst die angetrauten Hähne dieses Geflügels. Das denke ich, wenn ich die schmerzlich verzogenen Mienen derer richtig deute, denen in stundenlang geduldigem Anstehen sonst schon mal ein Bart wüchse. Sie würden warten, allein und rechtmäßig hinten angestellt, wären sie nicht mit einem jener Drachen verkuppelt, die ohne Dauerwelle und stimmlichen Sopran kaum denkbar sind. Dauerwelle hat etwas Praktisches, und so wollen diese Frauen das ganze Leben.

Anzustehen - davon jedoch sind sie weit entfernt. Obwohl auch ihnen Haar auf den Oberlippen sprießt, das sich leicht auf die Zähne versät. Mag ja sein, es sind alles verkappte Männer, denen ihr Körper Mannsein nie erlaubte, okay, okay! Wir haben unseren Freud gut studiert. Dennoch: ich wäre mehr für Ersäufen. Aber das darf man nicht - ebensowenig, wie Tauben am Halse aufzuhängen, bis sie tot sind.

Was bleibt: es gibt viel lästiges Geschmeiß, dessen man nicht so ohne weiteres Herr wird. Aber das sagt dieses Geschmeiß vermutlich auch über uns. Nu schto, haben wir uns nicht so.

Ausbooten auf der FischerinselDie Fischerinsel besitzt einen eisern verschweißten Pontonsteg. Rostig zwar, doch stabil. Sowas hält auch der Invasion von etwa zweihundert Besuchern stand. Man hat ihnen wohl gesagt, wir alle seien wild auf gestickte Blusen, Weißwäsche und selbstgewebte Handtücher. Das nämlich flattert den Landgängern von einer über hundert Meter langen Wäscheleine am Ufer entgegen. Wäscheleinen, gespannt zwischen Pfosten, hängen ihrer Natur gemäß durch. Unter jedem dieser Bögen nun sitzt eine Alte mit abgearbeiteten Händen und preist ihre Ware - welch Hoffnungen legen sie nicht in unsere Ankunft! Indem man sich abwendet und vorübergeht, zerstört man sie. Es ist schrecklich, fremde Länder zu besuchen, die ärmer sind, als unseres. Ein kleiner Trost ist, daß man ja Geld im jeweiligen Land läßt. Meist nur erreicht es nicht die, denen man es gerne zukommen ließe. Über Umwege jedoch – vielleicht. Ja, mag sein. Etwas wird immer hängenbleiben. Kleinvieh kackt nämlich auch, zwar wenig, doch zuverlässig. Wenn ich nicht fest an das Behauptete glaubte, schliefe ich kaum mehr ruhig.

Wir betreten Land. Was meiner zweitbesten Frau, die schon einmal tief hinein bis nach Kasan ins Innere Rußlands gereist ist, als erstes auffällt: der Heuhaufen, getürmt hinter gutgepflegtem Gartenzaun. Dahinter jedoch Absprengsel dieser kleinen Welt, gelegen im Geflecht der Seitenarme des Dnepr: Bretter von aufgegebenem Mobiliar, schmiedeeisern Geranktes, für das sich just keine Verwendung findet, alte Teppichrollen, Linoleumreste, Holzstangen, an denen man Bohnen empor ranken lassen könnte – das alles erkennt sie wieder. Jede Datsche besitzt solch einen Vorrat an Elementarem: irgendwann wird man es brauchen und nutzen.

DorfwegVor dem Zaun verläuft ein krummer Weg. Gefügt aus zwei von Wagenrädern in den Sand gefressenen Spuren, dazwischen hin und wieder etwas grün buckelnde Grasnarbe. Dieser Weg drückt sich an den Gärten vorbei, folgt gewunden dem Verlauf des Ufers und verliert sich weit hinten in Buschwerk und Bäumen, unter ewigen Wind geduckt.

„Mach ein Foto,“ bittet die zweitbeste Frau, von Gedanken an Datschen und Wege entlang der Wolga bis nach Kasan hinein überwältigt. Ich nicke. Der schwarzweiße Hund, der uns eben beschnüffelt, eine Mischung aus allem, was hinter den Zäunen des Areals zur Zeugung bereit ist, kommt mir gerade recht: mit hartem Wort jage ich ihn auf den Weg vor uns und lichte ihn in all seiner Einsamkeit und Tristesse mit dem Fotoapparat ab. Oder spiegelt sein Hinterteil, schwarz­weiß, mit eingekniffenem Schwanz auf diesem Wege abgelichtet, etwa nur unsere eigene Einsamkeit?

Man kann über solch Gedankentreibsel nachdenken. Muß es aber nicht. 

FischerhausAndere waren die Vorhut. Während deren Trüppchen bereits in die Gärten eindrangen, trieben wir noch Studien, lauerten Hunden nach, letztlich unserer eigenen Verlorenheit – jetzt ist Zeit, uns den Vorausgegangenen anzuschließen. Wir öffnen eine Pforte und folgen dem Pfad, der sich auf gedämpftes Stimmengemurmel hinzubewegt. Durch Stauden, Weinblätter und Halbsträucher voller Paprika, daneben Gurkenbeete, Rauke, Brachland, aus dessen umgeworfenen Schichten die Frühkartoffeln bereits geerntet sind, seitlich hängt eine Blüte in den Weg, deren knallroten Samt niemand aus unserer Gruppe kennt: wie gut, daß wir dies alles nicht erklären müssen. Sondern einfach nur genießen: schließlich haben wir dafür bezahlt.

Wir? Wofür?

FischerinselWir sind zu Gast bei einfachen Leuten, angeblich Fischern. Ihr Haus ist aus Stein, und gewisse Stuck­elemente an den Außenwänden, ohne jede ersichtliche Funktion, angebracht allein zur Verschönerung, sind nicht zu übersehen. Entweder hat man einen Stukkateur in der Familie, der so etwas billig anfertigt, oder aber die bisherigen Besuche der Schiffsreisenden haben bereits für gewissen Wohlstand gesorgt. Vom Fischfang wird man sich solche Verzierungen nicht leisten können, Anderes ist da wichtiger. Hinter dem niedrigen Haus, das uns selbst verschlossen bleibt, erstreckt sich eine überdachte Laube, über deren Pfosten und Dachholme wilder Wein rankt. Dort verlaufen beiderseits einer langen mit buntem Papier bezogenen Tafel roh gezimmerte und mit handgewebten Teppichen bekleidete hölzerne Bänke: damit man sich keinen Spreißel in den westlich empfindlichen Hintern zieht. Denn nun fordert Viktor uns auf, sich doch „biettä!“ an die Tafel zu begeben, wo für jeden Platz Teller, Besteck, Wein- und Schnapsglas schon bereit stehen oder liegen.

BabuschkaIm Gedränge tischen die Fischer dann auf: Babuschka in schön geblümtem Kleid mit Kopftuch, die Tochter des Hauses, deutlich jünger und in Jeans und Gummistiefeln, sowie zwei stramme Jungmänner, etwa siebzehn und neunzehn Jahre alt, beide mit schütter flaumigem Kinnbart und in blauer Arbeitskleidung. Vermutlich bestellen sie die Fischerei. Etwas anderes wird sich kaum finden, die nächste größere Stadt, Mikolajiw, liegt siebzig Kilometer entfernt am Bug. Vor dem Zaun, daran angelehnt, fiel mir ein rostiges Moped auf. Mehr Fortbewegung wird ihnen nicht gegeben sein.

Aufgetischt ...Aber was sie nun auftischen: da reichen sie Schüsselchen mit Blinis durch die Reihen der in wohliger Erwartung Niedergelassenen: die universell verwendbaren ostischen Pfann­küchelchen, welche, gefüllt mit Kompott, Fleisch, Kräutern, oder einfach nur in saure Sahne getunkt, köstliche Magenöffner sind. Vor jedem zweiten Platz steht ein Teller mit scharf gewürzten Hackfleischbällchen. Weiter: Salate, Platten voll übersüßer Kuchenstücke, hier Schälchen, darin saftig glänzend eingemachtes Obst, dazwischen Körbe mit Chleb, dem krustig wohlschmeckenden Brot, in daumendicke Scheiben geschnitten, und schließlich, natürlich: Fisch! Gebraten, gekocht und sauer eingelegt. Wie in jedem Flußfisch - außer Aal - stört in ihm ein Geflecht feinster Gräten. Doch bis auf die Nackengräte sind sie sämtlich so zierlich, daß man sie unbesorgt mitessen kann. Dem Geschmack nach schwamm er heute morgen vermutlich noch den Fischinnen nach, um ihnen ein wenig auf den Rogen zu gehen. Oder auch umgekehrt.

Der Wein auf den zwei einander benachbarten Tafeln stammt von der Krim. Logisch. Schnaps, der in Flaschen auf dem Tisch steht – ein goldgelber Trester –, vermutlich aus eigenem Brand. Oder dem des Nachbarn. So genau will das ja gar niemand wissen. Hilft er doch nur, aufkommendes Völlegefühl im Magen wenigstens einigermaßen zu über­tünchen. Ist ja auch alles zu und zu lecker! Man ißt, man trinkt, ißt, trinkt – will aufstehen, und stellt plötzlich fest: das ist ja gar nicht mehr so einfach! Ich versuche es trotzdem. Schwankend.

Im Garten hinter dem HausGehe in den Garten hinter Haus und Laube, atme tief die reine Luft. Vom letzten Regenguß bildeten sich im Boden Stromtäler mit Wirbeln und Furchen ablaufenden Wassers. Alles Sand hier. Kartoffeln und Paprika gedeihen, sonst kaum noch was in diesem ärmlichen Boden, den Erde zu nennen, verwegen wäre. Vorne, vorm Haus: da haben sie mit Kompost aufgefüllt, da wachsen auch Tomaten und Gurken. Und Blumen. Hinten im Garten ruhen sich auf Stangen gestülpt, die blanken Böden zuoberst, Kompottgläser aus. Kompott, das ist nicht wie bei uns dicke Frucht, sondern in erster Linie deren Saft. Viktor stakst wägenden Schrittes mit solch einem gefüllten Glas vorsichtig durch die Tafelrunde und scheint schon ziemlich angeschlagen. Jeder will es, und hat auch schon mit ihm angestoßen. Bis auf mich. Nu der schon wieder, wird er denken und setzt stöhnend das dickbauchige Glas ab.

Ich, von virilem Leichtsinn geleitet, lasse etwa zwanzig Gramm des goldgelben Tresters aus vielgebrauchter Flasche in ein nur wenig gebrauchtes Glas rinnen, halte es Viktor entgegen, wie der Priester dem Dämonen das entkorkte Fläschchen mit Weihwasser, äußere etwas in der Art wie: „Nanumüssenwiraberendlich­maaufBrüderschaffanstossn – hick, na da wern wa mal gleich. Bros, du. Ich heiße …“ Während ich solch albernes Ritual vollziehe, schöpft der geplagte Viktor mit einem anderen in der Nähe stehenden, auch nur wenig gebrauchten Glas aus seiner Kompotthülle. Mein Glas durchsichtig klar, seines trüb rot: so stehen wir uns gegenüber. Aus beiden schwappt etwas über unsere Finger, als wir sie aneinanderstoßen: Sa wasche Sdarowje! sagt Viktor. Sehr höflich. Und leert sein Kompottgläschen in meine Richtung und auf meine Gesundheit. Er will mich weiter siezen. Na Sdarowje! erwidere ich ihm. Auf die Gesundheit, ganz allgemein, in Feinheiten kenne ich mich nicht so gut aus. Wir trinken, nicken uns zu und stolpern aneinander vorbei: er ins Haus, vermutlich um abzurechnen, ich wieder in den Garten. Ich kann nichts mehr essen, trinken oder sonstwas. Wenn ich zu Hause wäre, würde ich jetzt nach Hause gehen. Ich bin aber nicht zu Hause, also wanke ich zurück zur Tafel, dorthin, wo ich auf der Bank meine Schultertasche stehen weiß. Routine­blick hinein: Fotoapparat, Taschentücher, Jutebeutel, Blitzlichtgerät, Schreibblock, Kugelschreiber, Brillenetui: alles da.

Nur der Geldbeutel fehlt.

Wo ist der verdammte Geldbeutel? Mit all den verdammten Reserven, Trinkgelder, Privatausgaben und Exkursionsgebühren decken sollend? Wo? Verdammt nochmal, wo?!? Mensch, ich wird’ wahnsinnig!

Haben sie es am Ende doch noch geschafft. Davor hat uns jeder gewarnt. Das mußte ja kommen – bei der Armut. Also, wer war’s? Alle einen Schritt vortreten. Viktor kommt mit zwei Gläsern vorbei, ich brüskiere ihn, wende mich finster ab, aber er meint gar nicht mich, sondern den netten älteren Herrn aus Hamburg, der – Herrgott!! - WER hat mein Geld gestohlen!?

Das Moped ...Vermutlich die beiden Halbstarken. Na ist ja klar: brauchen neues Moped. Ich erhebe mich, gehe einen Schritt in ihre Richtung, die werde ich mir jetzt aber ... eben macht der Neuzehnjährige einen Klimmzug an der Teppichklopfstange, dabei wachsen ihm ziemliche Muckis aus den Oberarmen – vielleicht warte ich doch besser, bis er sich selbst verrät. Dann kann man ihn gemeinsam festhalten, ihm vielleicht den Arm auf den Rücken drehen und ihn so an Bord bringen. Von dort beim nächsten Halt ab mit ihm zur Polizia. Ohne Gnade. Und vielleicht hat man ja so lange Aufenthalt, daß man noch sieht, wie die das Geständnis aus ihm rausprügelt: wo er mein verdammtes Geld gelassen hat!

Ich reg mich nicht auf. Ich doch nicht. Da sind gerade noch schto gramm in der Tresterflasche, die gieße ich jetzt in dieses Glas – schtakan hat Viktor es beim ersten Prost genannt – und leere es auf unser allgemeines Wohl. Hundert Gramm Schnaps – Ex, befehle ich mir und schütte das Zeug hinunter. Viktor kommt und will mich zu einem Schluck aus seinem bereits halbleeren Kompottglas überreden. Nix. Mit mir nicht. Ich trinke nichts mehr. Da bin ich eisern. Morgen früh, vertraue ich Viktor an, atme ich nur Pulverkaffee ein. Nichts Flüssiges. Von jetzt ab – und da ziehe ich mit der Handkante einen harten Schnitt unter meiner Kehle – wird nichts mehr getrunken. Ehrenwort. Ob er wisse, wo mein Geld sei.

„Biettä?“ Ach, nichts. Geld ist nicht alles. Vor mir stehen noch mindestens dwadzat gramm Trester in bernsteinfarbener Flasche herum, ein Kurzer oder Stumpen, wie man bei uns sagt. Der lohnt kein schtakan, ist sowieso kein sauberes in Sicht, da setzt man doch gleich die Flasche an die Lippen: immer noch der kürzeste Weg. Gut, daß alle aufbrechen, da macht kaum Unruhe, daß man selber im Begriff zu gehen war. Irgendwas jedoch fesselt mich an diesen Platz – und ich weiß verdammt noch mal nicht mehr, was es war!

Älteres Dorfkind - etwas angeheitert ...Die Dorfkinder versammeln sich auf dem Ponton, als wir zurück kommen. Jedem drücken sie ein paar Blumen in die Hand. Frauen weinen, ich weine auch. Einer schmeißt sein Geschenk noch auf dem Ponton hinter sich ins Wasser, wo es die rasch treibende Strömung mit sich nimmt. Sweet Leilani? Quatsch. Er will nur mit all dem Brimborium nichts an der Mütze haben, mißachtet den kindlichen Eifer. In diesem Moment könnte ich ihm an die Gurgel gehen. Könnte, wäre ich nicht abgefüllt mit bernstein­farbenem Gesöff und friedfertig wie nur sonst was. Die Kinder hängen cool an den Geländern des Pontons. Ich bin nicht sicher, ob es dieses Wort hier gibt, aber auf dieselbe Art, wie sie sich geben, habe ich schon als Zehnjähriger meine Unsicherheit den Erwachsenen und der Welt gegenüber zu überspielen versucht. Das ist mittlerweile fünfzig Jahre her. Nichts ändert sich wirklich – hatten wir das nicht bereits?

Zuerst winken nur die Mädchen, als wir ablegen. Wie wir an Land gingen, hatten sie Kärtchen verteilt mit ihren Adressen und der Bitte, ihnen doch zu schreiben. Aus dem Westen, nur das zählt. Wer eine Karte aus dem reicheren Teil Europas vorweisen kann, ist ähnlich dran wie jene Deutschen nach dem verlorenen Weltkrieg II, die Post mit Briefmarken der USA herumzuzeigen hatten. Die Buben erwachen erst aus hingelümmelter Starre, als aufgrund der Entfernung keine Gefahr mehr besteht, man könne sie einzeln identifizieren. Da heben auch sie die Hände und winken. Wie doch Frauen (hier Mädchen) alles vorantreiben können, nur durch Beispiel.

An Bord: kurz falle ich mit meiner zweitbesten Frau in Streit, ob sie vielleicht – nein, hat sie nicht! - Vielleicht frage ich zu derb, ihre Antwort jedenfalls gerät grob. Auf der Rückfahrt mit der Barkasse sitzen wir, einander schmollend, drei spitzige Bankreihen auseinander. Zurück auf dem General und in Kabine 227 stelle ich die Schultertasche ins Regal. Aber was liegt denn da? Doch nicht etwa -

Doch. Die Geldbörse, am Morgen vergessen.

Dabei sah der Neunzehnjährige doch wirklich aus wie ein Dieb! Zumindest, als ich ihn verdächtigte. Ich Idiot hab mal wieder alles verbumfiedelt, und nun wissen wir wieder nicht, wem wir vertrauen können und wem nicht. An Bord vermutlich jedem, denn einen ganzen Tag lang lag sie offen im Regal, die Geldbörse. Bierflaschen, vom Vorabend, sind alle weggeräumt, also ist die Reinigungskolonne durchs Zimmer gezogen. Aber niemand hat etwas angerührt. Mag sein, man hat ihnen eingeschärft: Hier an Bord kriegen wir jeden. Es kann ja keiner was verstecken, ohne daß man’s nicht nach gründlicher Suche wiederfände. Auf der Fischerinsel sähe das anders aus, zumal die Fischer keinen ihrer Gäste wohl je wieder zu Gesicht bekommen würden. Dort Geklautes, das wäre weg, ein und für alle Mal. Aber im Nachhinein: es gab ja dort überhaupt nichts zu klauen! – nu schto.

FischerhäuserSpät am Nachmittag sind wir also zurück. Der stille General hievt knarrend und stöhnend Anker und wirft donnernd die beiden Diesel an. Wassernd dösende Vögel um ihn herum stören auf und flüchten kreischend an Land. Da ist es wieder: das beruhigende Zittern und ferne Dröhnen, welches das ganze Schiff durchfährt und von Neuem den metallenen Leib mit Leben füllt. Rasch nimmt es Fahrt auf, als es erst einmal die Barkasse abgeschüttelt hat.

Gegen 19:30 Uhr soll in beiden Bordrestaurants ein Piratenessen stattfinden. „Nehmen Sie sich in acht, und vergessen Sie Ihre Kameras nicht!!“ heißt es im Tagesprogramm. Ich bin noch ziemlich blau und müde von der Fischerinsel und versuche bei einer Runde ums Schiff Klarheit in meinen Kopf zu prügeln. Es gelingt nicht. Durch die Fenster des Restaurants Kiev sehe ich, was die Piraten angerichtet haben: noch nie lagen solch bizarr geschichtete Haufen durcheinandergewürfelter Bestecke auf den Tischen. Das kann ja heiter werden, denn Piratenessen heißt nicht etwa, Piraten zu essen, sondern es wie solche zu sich zu nehmen. Nicht der Piraten wegen: einfach des auf der Fischerinsel gefüllten Bauches und Geistes wegen beschließe ich, heute ohne Abendessen auszukommen. Ich werde mich also in einen Decksstuhl verfügen und ein kleines Nickerchen machen. Jawohl ... chrrr.

Mag sein, nur im Traum durchlebt, doch auch hierüber soll gesprochen werden: Die Mädchen - alle gleich schlank, annähernd gleich groß, tragen gleiche schwarze Röcke, weiße Blusen, schwarze Strümpfe, die gleiche rote, schwarz­gepunk­tete Fliege am Kragen, von gleicher Farbe einen Stoffgürtel, dessen rückwärtige Metallschließe bei allen gleich schief sitzt - und doch gleichen sie einander nicht. Zumindest in den Gesichtern, im Gang und vom Wesen her unterscheiden sie sich.

Tanja Nummer eins: sie ist die Jüngste, ihr Haar strohblond, Wimpern und Augenbrauen hingegen sind dunkel, auf der rechten Wange hat sie unvorsichtig zwei Pusteln ausgedrückt, deren Narben sie diesen Sommer wohl nicht mehr los wird, da die Sonne sie bereits bedacht und ins Gesicht gebrannt hat. Wie das junger Haut so geht. In die Stirn steht ihr ein wirrer nach vorne gekämmter Schopf, das ständige Bleichen mit Wasserstoffsuperoxyd hat ihr Haar spröde, kaputt gemacht. Auch das am Hinterkopf zusammengebundene Zöpfchen steht strohig ab. Von allen Mädchen geht sie am natürlichsten.

Tanja zwei erinnert an Edouard Manets Gemälde Bar in den Folies-Bergères, womit sie, ihr Fransenpony und die traurigen Augen darunter mit hinreichender Genauigkeit beschrieben wären. Ihr Haar allerdings ist dunkel, nicht blond, wie bei Manet, und auch ihr Dekolleté lädt nicht so ausladend und üppig ein, wie bei ihm. Dafür hat er ihren Blick vor dem kalten Buffet haargenau eingefangen, ohne sie zu kennen: ein wenig gequält, unbeteiligt, bewußt zurückhaltend.

Valentina: bißchen hoch in der Luft trägt sie meist ihre Pinocchionase. Versucht es wenigstens, doch es gelingt nicht immer. Eigentlich ist es ja auch nur eine geschäftliche Maske, die sie sich irgendwann zugelegt hat, weil sie es für praktischer hielt. Ihr Gang ist der eines eiligen Mannequins: kurze, präzise Schritte, tack tack, tack tack, ein hochbeiniges Füllen. Valentina besitzt einen vollen, runden Mund, der, wenn sie ihn geschminkt hat, an zerdrückte Fruchttörtchen erinnert. Außerdem besitzt sie ein sechsjähriges Schwesterchen, das Schokolade mag, doch davon später.

Ljuba: ja - was gibt es eigentlich über Ljuba, deren Name die Liebende bedeutet, zu sagen? Sie gibt sich redlich Mühe, verschlossen zu wirken, wohl deshalb scheint ihr rechter Mundwinkel stets ein wenig verkniffen, außer, sie lächelt. Man muß sie nur entsprechend ansprechen, glaube ich. Doch doch, ich hab sie schon lächeln sehen! Einmal, das war, als mir Salatdressing aufs Hemd tropfte. Aber sonst nicht. Wir haben eine Bekannte, die ihr Unglück und ihre Einsamkeit unter ganz genau der gleichen Geringschätzigkeit und dem daraus erwachsenen verkniffenen Mundwinkel zu verbergen sucht. Auch ihr gelingt es so wenig wie der verletzlichen Ljuba, deren Herz - kaum ohne Grund unter dicken Hornhautschichten verborgen - deshalb wohl ziemlich vergeblich pocht.

MarinaZuletzt Marina: sie ist der Boss der kleinen Truppe. Ihr Haar glänzt in wunderschönem Mahagoniton, gleichwohl trägt sie es streng gescheitelt und straff nach hinten gekämmt, wo es von einer braunen Spange zusammengehalten wird. Lediglich den verspielten Zopf, der all der strengen Zucht ringsum mit Mühe entkommen scheint, den gestattet sie sich. Nebst den wie ein Ohrgehänge aus prallen Weichselkirschen geschminkten Ober- und Unterlippen ihres Schmollmundes. Marina spricht etwas Deutsch, passabel Englisch, und sogar einige Brocken auf Französisch sind ihr geläufig, wie auch in Schwyzerdütsch. Marina ist voller Ehrgeiz. Sie wird niemanden neben sich hochkommen lassen, das bekommt die blonde Tanja stets von neuem zu spüren. Die drei anderen scheinen sich drein gefunden zu haben.

Alles in allem ein buntes Trüpplein, die Fräuleins, die für unseren täglichen Gabentisch zuständig sind. Wir kommen ganz gut mit ihnen zurecht. Und sie, so hoffe ich, gleichfalls mit uns.

Überhaupt, die Mädchen: nichts an Bord wird reifen Frauen überlassen. Es sind alles junge, schlanke Dinger. Wer immer sie ausgesucht hat, scheint zuallererst den body mass index vermessen und erst dann sich nach weiteren Fähigkeiten erkundigt zu haben.

Zuunterst in der Hierarchie der Bordmädchen steht ohne allen Zweifel das feine Geschöpf, dessen Aufgabe das Reinhalten der Reling ist. Stundenlang wischt und wienert sie deren meerblau getünchtes Geländer, so daß die Passagiere unbesorgt auch reinweiße Leinenärmel darauf ablegen können. Wer weiß, wieviel Runden pro Reise dieses in rot-weiß gestreifte Kittel gekleidete Menschlein ums Schiff dreht! 

Auf der nächsten Ebene putzen die Mädchen Gemüse und schälen Kartoffeln. Eines ist ganz allein für die Bedienung der funkelnden Maschine zuständig, welche die Reste der Mahlzeiten zerkleinert. Es wirkt traurig, wenn es dem blitzenden Monstrum all die guten Sachen zu fressen gibt, mit denen ihre Familie daheim sich Bäuche wie Dudelsäcke anschaffen könnte. Ich habe es beschrieben im Abschnitt Küchenbesichtigung zu Anfang, und wie ich es fotografieren wollte.

Noch eine Stufe höher angesiedelt sind die Putzmädchen. Ich gäb was drum, erwischte ich das für unsere Kabine zuständige nur einmal beim Falten der Pfeilspitze in das als nächstes zu benutzende Blatt der Papierrolle auf dem - na ja, ich gebe zu: ein absonderliches Gelüst. Man kann unbesorgt Geld und Wertsachen offen liegen lassen, alles bleibt unberührt. Dieses Mädchen, habe ich mir vorgenommen, bekommt am Schluß der Reise ein fürstliches Trinkgeld.

Dann sind da die beiden Verkäuferinnen in den Shops für Hochprozentiges und andere Getränke, sowie - einen Stock höher - die bunten Matrjoschkas, Seidentücher, Zahnpasta und Filmrollen. Natürlich ist alles überteuert. Sie haben kaum zu tun, und ihnen muß sterbenslangweilig sein, den lieben langen Tag auf Kundschaft zu hoffen, obwohl beide Lokalitäten an ausgesprochenen Laufecken liegen, nämlich den Eingängen zu den beiden Bordrestaurants. Der Koch, ein Österreicher, verriet beim morgendlichen Smalltalk, wobei man sich weit über die Reling lehnte und gedankenvoll ins Wasser spuckte, daß es etliche Protegierte unter den Damen gäbe. Man wisse ja wohl, daß Genehmigungen mitunter äußerst schwierig zu erlangen seien, und Bestechung - na, ein heikles Thema, er wolle beileibe nichts gesagt haben. Er doch nicht. Spie abschließend in die auslaufende Bugwelle und begab sich wieder unter Tage, in seine Kombüse. Mag sein, die beiden Verkaufsdamen waren die Protegierten. Sie hatten sich das bestimmt lustiger vorgestellt. Aber dies war ja keine Seefahrt, die deutschem Liedgut entsprechend lustig ist und auch froh macht: dies war eine Flußfahrt.

Und das ist ein gewaltiger Unterschied.

Jetzt erst sind wir in der Hierarchie bei unseren Mädchen angelangt, denen nämlich, die bereits eingangs beschrieben wurden. Valentina, so fiel mir nachträglich auf, besitzt am Kinn eine reizende Vertiefung, solch eine, wie sie mit Stricknadeln in den Teig von Blechkuchen gestochen werden, in denen sich beim Backen die heißen, geschmolzenen Butterflöckchen sammeln. Man kann sie auch Grübchen nennen. Auch bleibt nachzutragen, daß allen miteinander dunkle Augen zu eigen sind. Außer Tanja eins: erstaunlich, doch trotz des falschen blonden Schöpfchens stecken darunter lichtblaue Augen. So echt wie deine und meine.

Was kommt noch? Die jungen Damen an der Réception, zum Beispiel. Sie sprechen mehrere Sprachen, sind flink und höflich und haben für jeden ein freundliches Wort. Selbst jenem Zeitgenossen, der innerhalb einer Viertelstunde dreimal seinen Kabinenschlüssel abgibt und wieder verlangt, weil er glaubt, etwas Wichtiges vergessen zu haben. Für diese Leute existiert nur Wichtiges, und sie selbst sind das Wichtigste überhaupt, davon sind sie so tief überzeugt, wie das Schwarze Meer an manchen Stellen über zweitausend Meter bis zum Grund mißt. Dabei gibt es Leben nur bis etwa zweihundert Meter, alles darunter ist tot und Lebendem - von einigen Mikroorganismen abgesehen - feindlich gesonnen.

Bliebe noch die Bordbuchhalterin - buchgalter -, deren wichtige Aufgabe darin besteht, die Belege des Getränkekonsums bei Tisch von den Passagieren unterschreiben zu lassen. Natürlich muß sie die auch verbuchen, sonst kommt kein Geld in die Kasse.

So. Damit sind wohl alle aufgezählt.

Der Kapitän allerdings - scheint mir -, ist ein Mann. Denn obwohl ich weiß, daß gewisse Damen trotz täglicher Rasur ihren Hang zur Bärtigkeit kaum verbergen können, ist mir solch Kinnmatratze noch bei keiner vorgekommen.

Jawohl, kein Zweifel möglich: der Kapitän muß ein Mann sein! Gerade läßt er das Schiff tuten, und ich wache auf – rücke mich in meinem Decksstuhl zurecht, blinzele in tiefstehende Sonne und denke an unsere lieben Mädchen, die jetzt servieren: Piratenessen.

Hafen von ChersonEine knappe Stunde später machen wir in Cherson fest. Kein Landgang der Fahrgäste, hier ist der General beheimatet. So steht es auf seinen Rettungsringen. Hier ist Sitz der Reederei, hier bunkert er Öl und Wasser, entleert sich von Küchenabfällen und sanitären Rückständen – Von hier kommt ein Großteil der Mannschaft, die zu mindestens zwei Dritteln aus Frauen besteht, besser also Frauschaft genannt.

An Steuerbord bevölkern die Schiffsangestellten das unterste Deck. Dort redet es sich leicht von Bord direkt zur Höhe des Kais von Cherson. Darauf drängen sich Angehörige, Angetraute und Kinder der Leute von Bord. Prall gefüllte Plastiktüten reicht man von hier an Land und umgekehrt, Küsse werden ausgetauscht, und sogar Geldscheine wechseln die Seiten. Familienleben, alle vierzehn Tage eine knappe Stunde. Mehr nicht. Da denke ich: Wie gut wir es doch haben! Bei uns sorgen schon die Gewerkschaften dafür, daß sowas nicht einreißt und ähnliche Arbeitsbedingungen zur Regel werden.

Cherson, vorher im Vorbeifahren: hier stehen Hütten mit verrosteten Wellblechdächern und Plumpsklo neben pikfein neu erbauten Landhäusern mit Türmchen, Giebelchen, Erkerchen und großkalibrigen Satellitenschüsseln auf dem Dach, so teuer, daß Leute, die nicht der Mafia angehören, ein gelobt seiest Du, Herre Jesus Christ murmeln und sich bekreuzigen, wenn sie vorübergehen. Aber auch alle anderen, die hier vorbeigehen, murmeln etwas, sei es auch nur ein unterdrücktes: Verdammtes Rattengezücht! Womit sie die konkur­rierenden Banden und deren Bosse meinen, die sich solch turmhohe Datschen hinstellen lassen können.

Noch einmal Cherson, festgemacht: der fette Zöllner lehnt im hell erleuchteten Eingang seines Amtes am Anleger, knackt Pistazien und wirft sie sich gelangweilt und zielgenau in den Mund. Zu seiner Wachstube geht es fünf Stufen hinauf. Auf dem Dach ist ein Türmchen postiert, darauf zwei mächtige Scheinwerfer, die in das Hafengelände strahlen, dorthin, wo der Riesenhaufen Schrott lagert. Noch ist heller Tag. Von Zeit zu Zeit schnauft eine Diesellok quer über den Platz, schiebt drei Plattwagen vor sich her, die der fünffingrige Greifer eines Kranes mit Altmetall von dort belädt; dann ächzt die Lok wieder zurück und verschwindet im schwarzen Bauch des unübersichtlichen Geländes. Am heißen Glas der Scheinwerfer des Turms zerstieben Wolken von Insekten, ihre Leichen sinken auf das Dach des Zollamtes. Irgendwann werden Zöllner, Pistazien und Treppenstufen unter Millionen von Insektenleibern begraben sein.

Cherson - Abschied der Crew von VerwandtenEndlich ist der letzte Liter Öl an Bord angekommen und Zeit, abzulegen. Da recken sich Arme und Hände, Finger verlieren einander, Lippen werden im Kuß gespitzt, und hüben wie drüben beginnen mit dem Ablegen des Generals vom Kai des Heimathafens zwei traurige, neue Wochen. Keine Melodie wird gespielt, die meisten Passagiere sortieren just ihr Besteck und löffeln blutrote Piratensuppe – Borschtsch, mit einem Klacks Sauer­rahm. Die Mädchen aber tragen Matrosenblusen und weiße Tellermützen. Hübsch. Sie haben sich schon früh von Verwandten und Liebsten dort draußen verabschieden müssen. Nu schto.

Hinter Cherson wird das nördliche Ufer des Dnepr vielschichtig. Meterdick wächst da Sandstein empor, unterbrochen von waagrechten Schichten aus dunklerem und festerem Gestein. Wie scharfe Klingen stechen die braunen Schichten aus dem weicheren Sandstein. Die Ebene darüber ist kahl und wie zufällig mit blauen oder grauen Holzhäusern  betüpfelt. Jedes Dorf besitzt mindestens einen Wasserturm, manche deren drei und vier.

Fast ist schon Nacht. Schäumend läuft die Bugwelle am Schiff vorbei und bildet eine messerscharfe Linie, die absichtsvoll Bewegtes von stillerem Wasser trennt. Reste von Abendlicht spielen auf stahlglänzender Wasserhaut, goldfarbene Ableger der Bugwelle treiben in weiten Bögen dem Ufer zu, wo sie sich schlürfend und schmatzend brechen und allerlei Getier aus begonnenem Schlaf treiben, darunter ein Paar Schwäne. Schwerfällig und mit klatschendem Flügelschlag erhebt sich das gestörte Duo, gleitet eine Weile kaum zwei Handbreit über dem mattschimmernden Spiegel dahin und entschwindet schließlich träge zwischen den Ästen des Auenwaldes. Ich dämmere wieder ein. Hier, in Lee, zieht der langsam in tiefer Nacht versinkende Fluß kreischend und – was das Millionenheer der Grillen an Land betrifft - flügelschabend an mir vorüber.

Als ich das nächste Mal erwache, leuchten mir grünliche Lichter in die Augen, und die Schrauben drehen kurze Zeit polternd rückwärts, bevor ihre Macht erstirbt. Kachovka Schleuse: Nahezu lautlos steuert der General die hohe und enge Schlucht der Schleusen­kammer an. Rechterhand intonieren Frösche ihr rauhes Liebeslied, links ist bis zur Höhe des silbern glänzenden Tores alles betoniert. Von dessen Seite strömt rauschend Wasser herunter. Grollend und den Schiffsrumpf erzittern machend, korrigiert von Zeit zu Zeit das Bugstrahlruder des breiten Rumpfes sanftes Gleiten. Links und rechts je einen Meter, mehr Freiraum gewährt die Schleuse nicht. Die beiden Bugschein­werfer des Schiffes geben gleißendes Licht. Abertausende Insekten taumeln in ihren Schein und verdampfen an dem heißen Glas. Über das ölfarbglatte Deck rudert ein schwarzer Käfer, fünfmarkstückgroß, das Schiff hebt sich und mit ihm das monströse Insekt, und man glaubt, wenn das Schiff oben ist, wird sich auch der Käfer aufpumpen und aufschwingen in irgend ein besseres Land, aber das wird er nicht finden, denn das haben bereits alle Generationen vor ihm gesucht und nicht gefunden. Einer der Schwyzer Rentner setzt dem Käfer zart seinen Fuß auf den Panzer und hindert ihn am Fortlaufen. Einen Moment zögert er, dann verlagert er sein Gewicht auf den Chitinleib. Es knackt - da siehst du es, Käferlein, nun bist du im besten Land, das du finden kannst. Das Schiff ist oben, und die Schleusentore öffnen sich weit: ein neuer Tag, ja ja. Obwohl ihm noch die Finsternis der Nacht im Genick hockt. Oben drüber, die Autos und Linienbusse fahren Schritt, begierig, etwas von dem Koloß in der engen Kammer unter ihnen mitzukriegen. Der jetzt herausgleitet aus der Umfesselung der Schleuse, Fahrt aufnimmt und bald im Dunst des Flusses entschwunden ist. Die nächste Schleuse wird wieder die von Saporoshje sein, auf dieser Fahrt die mit dem größten Höhenunterschied, und dann wird heller Tag sein. Diese hatte vierzehn Meter, wir wissen bereits darum von der Hinfahrt, ein Klacks gegen jene (von hier aus gesehen) vor den Stromschnellen: pjered poroshje! Und so müßte die Stadt eigentlich ihren Namen wechseln, je nachdem, von wo man auf sie zureist.

Irgendwann ging ich zu Bett.

Nächsten Morgen weiß ich, daß es gestern sehr spät war. Ein verhangener  Blick aus dem Kabinenfenster: sogar die Tonnen im Fahrwasser vor Saporoshje sind dreckig, über und über besprenkelt mit kalkigem Vogelkot. Die angeschweißten Drahtstangen, die sonst vom oberen Teil dieser Wegweiser spitz in die Luft ragen und Kormoranen und Möwen verwehren, sie als Ruheplatz anzufliegen, fehlen hier.

IndustrieschloteAus in östlicher Vorstadt gelegenen Industrieschloten treiben rötliche Rußwolken über die Wohnviertel hin. Im Dreieck Saporoshje, Dnepropetrowsk und Donezk wird Stahl gekocht, und aus den Garküchen der Eisenindustrie zieht alles andere als lieblicher Geruch. Nu schto, was soll’s, solange man hustet, lebt man noch.

Nördlich von Saporoshje verengt sich der Kachovkaer Stausee wieder zum Fluß Dnepr. Den Höhenunterschied zwischen beiden überwindet für die Schiffahrt jene eben von neuem aus dem Gedächtnis hervorgekramte Einkammer­schleuse, die wir bereits von der Hinfahrt kennen. Ich habe auf die Uhr geschaut: sie hob oder senkte den General Lavrinenkov, nicht gerade ein Spielzeugschiffchen, mit der Geschwindigkeit von 1,5 Metern pro Minute, ablesbar am Wasserstandsanzeiger am Beckenrand. Durch den Bau von Staudamm und Schleuse wurden zum größten Teil auch die Stromschnellen an dieser Stelle des Flusses beseitigt. In einem Seitenarm des Dnepr sind noch einige wenige zu sehen, die sich aber handzahm geben.

Wir machen noch einmal fest, kein Landgang. Dies ist nicht der offizielle Landungssteg von Saporoshje, der mit dem Dreizack. Ein simples Betonufer, an dessen Landseite erneut Verwandte und Freunde der Besatzung wimmeln, die sich im untersten Deck an der Reling drängt. Etwa eine Stunde liegen wir hier ohne erkennbaren Grund. Eine der wenigen an Land ist Valentina, die mit der Pinocchionase. Dort, auf einem Poller sitzend, läßt sie das sechsjährige Schwesterchen auf ihrem Knie reiten und redet mit einer Frau, die ihre Mutter sein könnte und es vermutlich auch ist.

Wir beobachten die drei aus Höhe des Sonnendecks, und die zweitbeste aller Ehefrauen eilt in die Kabine und kehrt mit einer Tüte bunt verpackter Schleckereien zurück. „Psst!“ macht sie und erhofft Aufmerksamkeit von unten. Nichts. Ich pfeife auf zwei Fingern, und das sticht grell über den Anleger hin: alles schaut zu uns hinauf und senkt, als es sich nicht in unserem Blick wiederfindet, die Augen wieder auf Höhe des Kais. Meine Frau aber winkt mit der Tüte und wirft sie, bevor Valentina sich wieder Mutter und Schwesterlein zuwendet, hinunter. Instinktiv duckt sich das Mädchen mit dem nun völlig ungeschminkten Fruchtmund vor der fallenden Tüte, greift aber danach. Ein Blick auf deren Inhalt, ein zweiter empor: Danke, eilig und mit nur wenig Akzent. Das Schwesterchen auf Valentinas Knie packt die knisternde Tüte, zieht sie an sich und beginnt ihren Inhalt zu untersuchen. Valentina stuckert sie auf dem Knie und vertieft das Gespräch mit der Mutter. Ein Freund, wie bei den anderen Mädchen, die an Bord vom Land sich Handküsse einholen und zurückgeben, ist nicht in Sicht. Zwei kurzgeschorene Matrosen mit orangerot angelegten Schwimmwesten sichern die Gangway und lassen niemand an Land. Weiß der Kuckuck, wie sie an die Sonderbehandlung gelangt ist, von Bord gehen zu dürfen.

Wir fahren wieder. Zum Abspielen der wehmütigen Melodie besteht kein Anlaß.

Saporoschje - AbschiedHinter dem Heck des Generals versinkt die schmutzige Stadt Saporoshje in einer düsteren Glocke aus Abgasen und Dunst. Vor einer Insel im Dnepr zwei, drei gestrandete Schiffe, rostig und geschwärzt, wie ausgebrannt oder ertrunken und wieder hochgeholt. Eine ganze Weile schon folgt dem Schiff ein Gewitter, das sich plötzlich entlädt und einen Wolkenbruch auf das achtere Sonnen­deck entlädt. Alles rennt, im Nu ist das Deck leer. Ich habe mich mit einigen anderen Unentwegten unter das Vordach der Dnepr Sky Bar geflüchtet, zusammen mit tausend grünlich durchsichtigen Eintagsfliegen. Offenbar sind sie wasserscheu.

Zwei Meter entfernt steht ein runder Plastiktisch mit einem Loch mitten in der Platte, wodurch man den Stiel eines Sonnenschirms stecken könnte. Die Platte ist leicht nach innen gewölbt, konkav also, und auf dem Wasser, das sich darauf gesammelt hat, rudert rücklings eine Biene. Ich habe noch nie einer Biene beim Rückenschwimmen zugesehen.

Vielleicht sollte man ihr helfen; aber wer ist man, außer mir schaut niemand zu - womöglich sticht sie mich. Wie ich mich noch nach etwas umsehe, mit dem ich sie aus der Pfütze fischen kann, hat die Regenflut sie durch das Loch im Tisch getrieben und in die Tiefe gestürzt. Auf dem grünen Kunstrasenteppich darunter werde ich mich totsuchen nach ihr und dabei ordentlich durchnäßt werden. Morgen habe ich dann einen Schnupfen. Und womöglich bin ich sogar gestochen. Ich weiß, was ich tun werde: ich gehe in die Dnepr Sky Bar und bestelle mir ein Bier. Das werde ich dann auf das Wohl und im Gedenken der ertrunkenen Biene leeren.

Jawohl, die Natur ist verdammt hart, und ich bin heilfroh, daß ich keine Biene bin. Denn die können sich nicht mal Wasser bestellen und ertrinken trotzdem darin.

Der Regen hat nachgelassen. Auf dem Fluß: Leichter voller Schrott, vier, fünf hintereinander. Motorboote, ab und zu eine vorbeitreibende Plastikflasche, eine Marina voll vergammelter Boote, einen Meter über dem Wasser aufgebahrt in rostigen Eisengestellen, die halb im Wasser stehen, zwei-, dreihundert Meter hintereinander, endlos. Warum kümmert sich niemand drum?

Dnepropetrowsk - Privat BankDnepropetrowsk

Vor der Millionenstadt Dnepropetrowsk fallen zunächst weiße Datschen ins Auge, links und rechts die Ufer durchwühlend, wie geweißelte Maulwurfshügel. Am rechten Ufersaum dann ein winziges Kirchlein, enggedrücktes Kirchenschiff, darüber schneeweißer Turm mit goldenem Dach, in Sichtweite nun bereits Fernsehturm und Hochhäuser im Zuckerbäckerstil stalinscher Prägung. Dnepropetrowsk beherbergt etwa 1,3 Mio. Einwohner und ernährt sie durch Eisenindustrie, Waffenproduktion und Raketenbau – aber wer, außer den Amis, braucht heute noch Raketen? Und die basteln sich ihre lieber selber. Angeblich ist es die reichste Stadt der Ukraine. Bis zur Wende war D. geschlossene Stadt, das bedeutete: niemand kam ohne Passierschein hinein oder heraus. Katharina die Große wollte hier die größte Kathedrale der Welt errichten lassen, aber es kam nicht mehr dazu. Aus der Umgebung kommt Sonnenblumenöl in die Stadt und wird hier verarbeitet. Zum Zentrum hin am Ufer ein Kolossalbau: Privat Bank steht bereits dran, das Logo ähnelt dem der Deutschen Bank – bitte, ich habe ja nichts gesagt! -, am Beton rundherum wird noch geschichtet. Das wird einmal ein mächtiger Geldsilo. 

Busse stehen bereit, als wir anlegen. Oder vielmehr: mechanische Trümmerhaufen in Form von Bussen. Ehemaliges tschechisches Erzeugnis, ob die heute noch sowas liefern würden, mag bezweifelt werden. Und wenn, würde es niemand kaufen, so schlecht ist es.

Dnepropetrowsk - KatharinenkathedraleSie rattern los und lassen uns irgendwo mitten in der Stadt wieder raus. Dort steht eine Kirche, und es heißt: Das sei sie, Katharinas größte Kathedrale. Einer ihrer Günstlinge – war es nicht Potemkin?- spottete damals: Dieser Kathedrale wird ewig ein Stein fehlen, nämlich der letzte. Und so war es dann auch: nie wuchs sie über das Mittelmaß hinaus, in dem sie sich heute noch zeigt. Zweihundert Meter zu Fuß weiter das Städtische Museum, den Tataren gewidmet. Im Park davor Steinfiguren, die Gesichter von Geschichte und saurem Regen zerfressen, einstmals Wegemarken in der Steppe und Kennzeichen darunter liegender Gräber. Kam jemand vorüber, so legte er in Verehrung einen Stein am Fuß der Statue ab, um die Toten zu ehren. So daß, je älter die Figuren waren, sich desto größere Steinhaufen zu ihren Füßen sammelten. Im Haus selber dreht sich alles nur um die Tataren: Herkunft, Geschichte, Wirken und Bedeutung für die Region.

Stehpulte im Raum, mit den bekannten in Kunstglas geschichteten Dokumenten, die man umklappen kann, um zum nächsten zu gelangen. „Nicht anfassen!“ zischelt mir eine ältere Dame vom Schiff im Vorbeigehen zu. Ich schaue sie verständnislos an. „Warum denn nicht?“ „Weil’s verboten ist.“

Das glaubt sie allen Ernstes. Es gibt sie noch, die Generation, die nur das tut, was schriftlich erlaubt ist. Alles andere hält sie für untersagt: Aus dem Fenster spucken verboten! Das stand in drei Sprachen auf kleinen Emailleschildern unter den Rahmen der Fenster in Eisenbahnzügen der fünfziger Jahre. Es gibt sie noch, diese Generation, die solches stets beherzigt und nie aus einem Zugfenster gespuckt hat – ach, armes Deutschland!

Die Zeit drängt. Morgen sollen die an Bord gebuchten Ausflüge abgerechnet werden, die Bordwährung ist Griwna. Viktor treibt seine Schäfchen zusammen. Man habe eine Bank ausfindig gemacht, die nach siebzehn Uhr noch tauscht: Dollars, D-Mark, Pfund, Schweizer Franken und sogar niederländische Gulden. Wenn’s nur westliche Valuta ist. Wie alles im Osten ist der Tausch jedoch zuerst mal furchtbar bürokratisch: Ausweis zeigen, Antrag ausfüllen, an der Kasse anstehen, von einer zweiten Bankperson den Betrag gegenzeichnen lassen, dann erst erfolgt Auszahlung. Und die Bank tauscht auch gar nicht nach siebzehn Uhr, jeder Muschik stünde um diese Zeit vor verschlossener Tür. Sie hat nur für uns auf, macht nur für unsere harte Valuta Überstunden, die Masse, nicht wahr? Über dem Schalter steht: Privat Bank, mit dem Logo, das so sehr der ... Na, die werden dann ja bald umziehen.

Man kann sich ausmalen, wie lange das dauert, bei etwa zweihundert Passagieren, von denen die Hälfte tauschen muß, um ihre Schulden an Bord zahlen zu können. Da es wider meine Natur ist, zu drängeln, bin ich einer der letzten, die ihr gutes Geld in Landes- oder auch Bordwährung umgetauscht bekommen. Zurück, mache ich noch das Nötige mit dem Zahlmeister ab. Alles ist abgezählt. Danach bin ich fast blank. Es sei, ich höbe noch einmal Geld vom Automaten ab.

Nach dem Abendessen. Die Stadt ist groß, erst gegen Mitternacht soll unser General ablegen: warum sollen wir nicht noch einmal solo oder in tutti die Stadt erkunden? Die Gegend um den Anleger ist trist, der Weg von dort zumindest zur nächsten Straßenbahnhaltestelle mürbe, ein Steinbruch. Man kann sich leicht die Knochen brechen, wenn man nicht Obacht gibt. Wir suchen einen Kiosk, der Wein verkauft. Weiß, trocken und bezahlbar.

Es gibt Kioske, natürlich. Es gibt auch Kioske, die Wein verkaufen. Doch entweder keinen weißen oder nicht bezahlbar. Wir wollen ja nicht den ganzen Laden kaufen. Hier, wo kein Wein mehr wächst, ist er teurer, zugegeben. Aber so teuer? Entlang des Boulevards häufen sich die Zeltstädte: Discos, Schnapsläden, Fastfood Freßtempel. Alles rappelvoll. Hier wird Geld verdient, leichten Herzens ausgegeben oder eiskalt abgezockt. Wer’s hat, gehört dazu.

Auf dem Rückweg treffen wir ein Ehepaar, das wir von Bord kennen, und das sich ein Taxi in die Innenstadt leistete: sie hätten einen Fuffi dafür hinblättern müssen. Was, fünfzig Mark? Na schön wär's - Dollar! Dieser Gier sind wir bislang nicht begegnet, und wir wollen uns ihr auch nicht aussetzen, das muß nicht sein. In dieser Stadt schlagen Mafia und die Goldgräberzeit des Wilden Ostens gnadenlos zu. Lieber verziehen wir uns wieder an Bord. Hier blüht betulich ein schweizerisch unternehmerisches Kleinklima, an den Bier- und Weinpreisen in den Bars jedenfalls geht niemand zugrunde. Dabei haben wir das Zentrum dieser Stadt noch nicht mal gestreift, sind lediglich in eines ihrer Randgebiete vorgedrungen: Dnepropetrowsk ist etwa so groß wie Köln, sogar noch etwas darüber.

Gegen null Uhr wirft der General Leinen los und macht sich auf nach Kiew. Niemand wird uns verargen, daß wir rechtschaffen müde sind.

Noch einmal: Eisenbahnbrücke KrementschukAuf dem Fluß

Gegen ein Uhr nachts passiert das Schiff die Dnepropetrowsker Eisenbahnbrücke. Wir schlafen und nehmen sie nicht wahr: das Mittelstück der Brücke hebt sich zur Durchfahrt. Etwa um sieben Uhr dann die Schleuse von Dneprodzershinsk. Der Vollständigkeit halber: ihr Höhenunterschied beträgt 12,6 m. Musikalisches Wecken über Bordfunk, heute in einem etwas abgemagerten Schwyzr-Dütsch. Sieh da, unser Wecker hat gelernt! Zwischen fünfzehn und sechzehn Uhr gleiten wir unter der Krementschuker Brücke hindurch. Auch diese wuchtet ihr Mittelteil mit Eisenbahngleisen hoch über die Fahrrinne, um unserem Schiff Durchfahrt zu gewähren. Das Wasser in der See von Krementschuk ist wild, Sturm treibt es in Fetzen sprühender Vorhänge an Land. Als fast die Sonne untergeht, gleiten wir unter der Tscherkasser Brücke hindurch, der niedrigsten über den Dnepr. Glutrot versinkt dahinter im abendlich beruhigten Horizont der Sonnenglanz. Ein langer Tag auf dem Wasser vergeht. Es gab ein Quiz, Thema: „Was wissen wir über unsere Route?“ Ferner Referate über „Der ukrainische Dichter T. Schewtschenko und sein Werk“ sowie „Ukraine heute“. Taras Schewtschenko (1814 – 61) war bedeutender Dichter, Maler und ukrainischer Patriot, der in seiner Heimat glühend verehrt wird. Seine Verse sind oft traurig und gerade deshalb zum Hineinbeißen schön. Ein bedeutender Boulevard in Kiew wie auch die daran gelegene Universität sind nach ihm benannt. In der Verehrung rangiert er gleich hinter dem hl. Wladimir.

Heute abend lud der Kapitän alle Gäste zum Käptn’s Dinner. Weil sonst auf dem Wasser nichts los war, und irgendwann während jeder Reise muß der Kapitän das wohl machen, weil er ja an Bord ein kleiner Herrgott ist, der dort alles Sagen hat, und zu dem man gerne aufschaut. Sie hatten sich gleich hinter der Tür zum Restaurant aufgebaut: Zahlmeister, Erster Offizier, und, über dunklem Dinnerjackett und Fliege, die finstere Bartmatratze des Kapitäns. Marina, unter dem Stichwort Mädchen weiter oben beschrieben, reichte aus dem Eckchen vor den drei Schiffsgöttern Sektkelche heraus. Ich nahm das Glas, gab einem Einfall nach und wollte mit ihr anstoßen, forderte sie lächelnd auf - darauf war sie nicht vorbereitet. Diplomatisch reichte sie nach mir erst der weitaus zweitbesten Frau von allen ein volles Glas, nahm sich selber eins der gefüllten und stieß erst dann geheimbündlerisch lächelnd mit uns beiden an: sie kannte uns ja. Zahlmeister, Erster Offizier und Kapitän guckten irritiert herüber und verzogen säuerlich die Mundwinkel, weil es nicht weiterging. Da bedienten wir auch sie. Ich hoffe nur, Marina hatte durch meinen Einfall keine Nachteile. Dies liebe Mädel: das würde ich mir nie verzeihen.

Kirchen am UferNach dem Essen, das kaum üppiger ausfiel als sonst, setzte ich mich noch einmal in einen Decksstuhl. Da ist es wieder, dies Licht, das den Fluß glitzern läßt, als schimmerndes Band bis weit zum Horizont. Jede Welle zählt und funkelt für sich, am Himmel ziehen Wolken auf, die Glocke, aufgehängt am Bug zwischen den beiden Scheinwerfern – allerfeinst geputztes Messing -, spiegelt jede Bewegung der See. Darüber hinweg gleitet wundervoll zieseliertes Abendlicht, das am Horizont in Wellen ertrinkt, die es vorher noch in funkelndes Gold gekleidet hat.

Wohlgewiegt schlafe ich angesichts sich weit erstreckender Ruhe ein, träume - - - was?

Präsident der Ukraine seit Sommer 1994 ist Leonid D. Kutschma ... Krementschuk besitzt ca. 400.000 Einwohner, viel Eisenindustrie ... es gibt kein Konkursrecht ... Kalinka ... oftmals Strom­sperren, auf dem Lande sind sie bis zu zehn Stunden stromlos - aber jetzt wird alles anders. Sagt man. Und vom Raunen der Stimmen glaube ich zu erwachen, blicke mich um:

Datschen am Ufer.

Hinter Dneprodzershinsk, beiderseits des gleichnamigen Stausees, erstreckt sich üppig bewaldetes Hügelland, das sich bis Krementschuk fortsetzt. Meilenweit sind keine Ansiedlungen zu sehen, allenfalls zu ahnen; vereinzelte graue Zinkdächer verstecken sich hinter dichten Vorhängen aus Laub, und auch nur am westlichen Ufer des Stromes, weil diesseits die Verbindungsstraße P1 entlangführt. Am östlichen Rand der Fahrrinne treiben mit Schilf bewachsene Untiefen vorbei, zumindest ist dies der Eindruck des ruhenden Beobachters an Bord: Einstein, nicht wahr: zweiter Satz der speziellen Relativitätstheorie.

Aufgegebenes KieswerkRechterhand immer wieder Sand- und Kieswerke, niemand arbeitet. Laufbänder und Maschinen, die sich einst in lehmfarbenen Sandstein fraßen und die Steilufer benagten, sind verrostet und verrottet. Die Werke wurden hier der günstigen Transportmöglichkeit übers Wasser wegen errichtet; nun, da die Öffentliche Hand der Ukraine sich um einen leeren Beutel krampft, verfallen sie. Hauptauftraggeber war der staatliche Straßenbau, und ehe wieder genug Mittel zum Flicken all der sichtlichen Straßenschäden und Löcher beisammen sind, werden die ehemaligen Schotterwerke von Wind und Wetter zu - chemisch korrekt geht es in dieser Gedrängtheit nicht, da es zu viele Formen des Eisenfraßes gibt, aber dies zum Beispiel: Fe2O3, vulgo - Rost zerrieselt und zerrieben und nicht mehr zu reaktivieren sein. Nu schto.

Unser Betreuer, Viktor, hat erzählt, das Wort Datscha käme aus dem Jugoslawischen und bedeutete Schlagloch. Wenn das stimmt, besitzt die Ukraine viele Datschen, jeder Ukrainer hingegen sein ganz persönliches Schlagloch, das mit organisiertem Zement, geerbtem Moniereisen und gefundenen Blechplatten fürs Dach gestopft werden muß. Wo organisiert, erbt und findet man sowas? Na, wird man halt Augen und Ohren offenhalten müssen. Dann läuft es einem schon über den Weg.

Ein Wort zur gegenwärtigen Situation in der Ukraine: ein Land - immerhin das größte vollständig innerhalb der Grenzen von Europa gelegene -, das dringend der so oft beschworenen starken Hand bedarf, ein Land, das in der Produktion von Gütern, und hier hauptsächlich Waffen, den fünften Platz in der Welt einnimmt -  dieses Land leistet sich achtundneunzig eingetragene politische Parteien! Man kann davon ausgehen, daß siebzig Prozent der Bevölkerung ohne feste Arbeit sind, latent arbeitslos nennt man das. Hierzu rechnen alle Saisonkräfte, Gelegenheitsarbeiter wie auch Jobber, die nur für ein bestimmtes Projekt tätig und nach dessen Abschluß erneut ohne Beschäftigung sind.

Etwa achtzig Prozent aller Erzeugnisse entstehen in einer Schatten­wirtschaft, die den Staat nicht an ihren Erlösen beteiligt - einen Staat, von dem man sagt, er sei der erste Dieb seines Landes. Für einen Betrieb ist es viel einfacher, Rohstoffe zu Dumpingpreisen ans Ausland zu verkaufen, als damit legal im Inland Waren zu produzieren, es lohnt nicht; die Abgaben fräßen ihn auf. Und so kommt kaum Geld in die leeren Kassen. Im August 1999 stand der Wert des Griwna noch pari zur D-Mark. Jetzt, im Juni 2000, steht das Verhältnis bei etwa 2,5:1, Wohnungsmieten wuchsen auf das Dreifache, und die Staatsschulden ans Ausland belaufen sich derzeit auf 10 Milliarden Griwna. Im Inneren dürften sie als nicht gezahlte Löhne ebenfalls beachtliche Höhen erreichen.

Das Existenzminimum beträgt ungefähr hundertfünfzig Griwna im Monat, wer weniger hat, zahlt keine Miete. Doch die Wohnungen sind privatisiert worden, was wird mit denen, die ein Jahr lang oder länger keine Miete bezahlen? Niemand weiß es genau; man sagt, sie bekämen kleinere Wohnungen. Und wenn einer bereits nur ein einziges Zimmer bewohnt?

Nu schto. Wird man sehen.

O du vielgeschmähte Deutsche Treuhand! Hier, in der Ukraine ist alles noch viel schlimmer. Zwischen Privatisazija, Privatisierung, und Prisvatisazija für Aneignung steht ein einziger Buchstabe, das Es, und es hängt von der Aussprache ab, was bei der Rettung eines maroden Betriebes durch eine rasch gegründete Auffang­gesellschaft unter dem Strich - oder auch hinten, um ein bekanntes Wort aus besseren Kanzler­tagen zu bemühen - herauskommt. Natürlich bestehen die Gründ­ung­smitglieder der Auffanggesellschaft aus Kadern, die den Betrieb ausnehmend gut kennen, das ist nützlich und löblich. Viktor sagt, es mache keinen Unterschied, wer vorher oder nachher an der Spitze solcher Privatisierungsobjekte stehe. In der DDR sel. gab es einen Spruch, der seinerzeit die Runde machte und folgendermaßen ging: Aus unseren Betrieben ist noch viel mehr rauszuholen! An so etwas muß man sich halten - und natürlich morgens die Aktenmappe mitbringen.

Viktor sagt, das Leben im Postkommunismus sei hart, ein jeder müsse sich nach der Decke strecken, er tue es auch. Man kann ihm wenig darauf erwidern.

Auf dem Fluß ...Einen ganzen Tag auf dem Fluß, zugebracht ohne Halt und Anlegen: was tut man da? Nun, dies: Am 9. Juni, kurz vor zwanzig Uhr dreißig, erklärte die westliche Hälfte des Tisches Nummer einundzwanzig im Restaurant Kiew an Bord des Schlachtschiffes General Lavrinenkov, der, wie wir wissen, ein bekannter Testpilot war - erklärte also die westliche Tischhälfte vor aller Welt ihre Unabhängigkeit. Man schrieb das Jahr zweitausend.

Bekräftigend entrückten die zwei Abtrünnigen der verblüfften östlichen Hälfte - die ja eigentlich eher Zweidrittelmehrheit war, denn man saß zu Sechst zum Abendmahl -, ihrem vermeintlichen Anteil an der Tischplatte, wodurch das blütenweiße Linnentuch darauf an dieser Stelle eine Kerbe erhielt; unverkennbar ein tiefer Einschnitt!

Was war nun das Begehr des aufrührerischen Häufleins? Zunächst wußte man es nicht recht zu benennen und tuschelte über den Tisch hinweg. Dann einigte man sich auf die Formulierung, von nun an einen eigenen Brotkorb zu fordern, da vier gegen zwei ungerecht und das schmackhafte Schwarzbrot immer schon weg war, wenn endlich die Butter auf die westliche Tischseite kam. Hugh.

Auf dem Fluß ...Um sich und dem Rest der Welt die Unterscheidung zu erleichtern, nannten die westlichen Tischbesatzer sich fortan tschorny chlebniki, was etwa Schwarzbrötler bedeutet, woraufhin der restlichen Gesellschaft von Tisch Nummer einundzwanzig nichts anderes blieb, als im Gegensatz hierzu den Namen bjely chlebniki anzunehmen, also Weißbrötler. Die Besatzungen der übrigen Tische schauten argwöhnisch herüber, und rasch kam das Schlagwort von den Eigenbrötlern auf - man war auf der Hut und hielt die eigenen Brotkörbe bewacht.

In der Folge spitzte die Situation sich dramatisch zu, die Ereignisse überstürzten einander und überrollten die nichtsahnenden Akteure dieses in dummer Einfalt begonnenen ...

Himmel, war das ein Glück, als ich erwachte, und alles sich als böser Traum erwies! Gerade waren die Tschorniki dabei gewesen, die Lunte unter dem General Lavrinenkov, der, wie wir wissen ... ja doch! zu entzünden und damit das gesamte Schlachtschiff in die Luft -

Ich wischte mir die Stirn: Mann!

Unabhängigkeit kann schwer daneben gehen. Wer aus gutem Grunde danach strebt, dem braucht man solche Weisheit jedoch kaum zu eröffnen. Das hieße, Tauben vom Gesang der Lerche zu schwärmen.

Brücke zur TruchanowinselZurück in Kiew

Sieben Uhr am Morgen. Dampfend steigt die Truchanowinsel als lichtes Bild aus dem Fluß. Durch zwei Brücken und unter ihren Bögen hindurch glänzen die Ostseiten der fernen Hochhausschlaf­siedlung in eben geborener Helle. Es ist Pfingsten, Feiertag, dort dreht man sich wohl gerade noch einmal wohlig im warmen Bett herum. Die Nacht war ruhig, von nichts unterbrochen außer dem mittlerweile gewohnten Rumoren der zwei Schiffsmotoren.

Kiew - Matj Rodina und HöhlenklosterIch stehe an der Reling im zweiten Deck und ziehe das Flußufer ins Zoomobjektiv meiner Kamera. Ein frischer, blanker Tag, der im warmen Grün darüber beginnt. Vorbeigleitend riesig die silberglänzende Edelstahlstatue der Matj Rodina. Etwas weiter, auf der Anhöhe über dem Ufersaum, die Kuppelherde des in lauter Sonnengold badenden Höhlenklosters, dessen Glanz – so war es von den Russen geplant - vom funkelnd gereckten Schwert der stählernen Mutter Heimat geblendet werden sollte, was dieses nie vermochte. Darunter ein Streifen gelben Strandes, eine Straße mit winzig hastenden Autos führt daran entlang. Widerstrebend ihres Grüns entblößt zeigt sich allmählich die Stadt dem Besucher, der vom Wasser her in sie dringt. Von dort gesehen, präsentiert sich Kiew als Garten, darin eine helle Stadt. 

Wir genießen das letzte opulente Frühstücksbuffet im Restaurant, während diese Bilder – nicht weniger opulent - an uns vorübergleiten. Morgen, gegen fünf Uhr fünfzehn, wird es nur muffige Gäste, muffige Bedienung und altbackenes Brot geben, weil es viel zu früh sein wird. Der Kaffee – in Thermoskannen warmgehalten – wird lau sein, und Rühreier sucht man vergebens. Nur das Nötigste: Brot, Butter, Marmelade. Nicht mal Wurst. Aber noch ist heute, noch dürfen wir sämtlich an Bord gebotene Genüsse genießen, und das nutzen wir weidlich: Rührei mit Schinken. Toast. Und Melone, Äpfel sowie Preiselbeermarmelade. Butter. Brötchen und schwarzes Brot, Chleb – ach!

Gegen neun Uhr legen wir an. Diesmal neben einem „Marschall - - - - - o“, gleichfalls aus der Serie unseres Generals, in Boitzenburg an der Elbe gebaut, die weitaus zweitbeste Ehefrau von allen steht auf dem Foto im Halbschatten davor und verdeckt mit ihrem Kopf den Namen des Marschalls. Jedenfalls endet er auf „o“. Kurz vorher, beim Frühstück, habe ich noch Marina fotografiert, die heute eine Matrosenbluse mit entsprechend maritimem Käppi trägt. Ihr Haar hat sie zu zwei Zöpfen geflochten, und allein ihr erfrischender Anblick würde mich der Christlichen Seefahrt zutreiben – hätte ich nicht anderswo bereits einen ziemlich einträglichen und ziemlich ausfüllenden Beruf.

Um halb zehn stehen drei Mercedes-Busse am Kai bereit, uns (Briten, Franzosen, Niederländer, Schweizer, Deutsche – seltsam, keine Österreicher?) aufzunehmen. Witja will uns noch das Freilichtmuseum in Pirogowo zeigen. Wo wir schon mal hier sind. Pirogowo ist ein Museumsdorf, bißchen südlich der Hauptstadt.

Mit kupfern bedachter dreitürmig grüner Holzkirche, Bauernkaten, einem eigens im Gras dazwischen arrangierten Zimbalspieler - angeblich dem besten der ganzen Nordukraine, jedenfalls hört er sich gut an, und Kassetten seines Spiels verkauft er auch, also muß er bereits einen Namen haben, unter der Nase quillt ihm buschig ein schwarzer Schnäuzer, und gerade hämmert er „Kalinka“, ach ja, den heißgeliebten Schneeballstrauch, in sein Hackbrett, und das bei glühender Sonne –, all das ist herbeigeschafft. Irgendwo – außer dem Zimbalisten natürlich – sorgsam abgetragen und hier wieder errichtet. Es gibt niedrige Bauernstuben, unter deren kühlen Strohdächern man gerne verweilt. Draußen sengt es mit dreißig Grad im Schatten, aber es gibt kaum Schatten. Im Haus, unter der Holzbalkendecke, hängen Kräuterbüschel und hüllen die niederen Räume in ihren starken Duft. Dort ist es erträglich. Öfen aus Lehm, darauf irdene Schüsseln und Töpfe. Die Ikone – eine Kopie - und der Christus an der Wand von rotweiß gewebtem Gebetstuch verbrämt. Man könnte sich vorstellen, hier, wie auch sonst unter diesen Umständen, zu leben. Durchaus.

Wirklich? Könnte man?

Also – nicht direkt. Ich möchte mich darüber mal so äußern: Der Westeuropäer würde am liebsten ganz weit weg von Allem sein. Gleichzeitig aber am Puls der Welt hängen; ein Spagat, der kaum funktioniert. Und im Grunde genommen möchte man ja auch gar nicht so leben wie die deutsche Hüterin der importierten, dreitürmigen Kirche mit den grünen Kupferdächern: betritt man deren Heiligtum, umgibt einen andächtiges Dunkel. Erst, nachdem sich die Augen an Halbdämmer und Enge gewöhnt haben, wird man der Stangen und Leitern gewahr, die als Gerüst vor dem Ikonostas errichtet sind, es wird gerade restauriert. Finanziert durch die deutsche Gemeinde in Kiew. Die Hüterin der Kirche ist eine Babuschka: dick, gewandet in weit gefältelten Stoff, das Gesicht gutmütig und von tausend Runzeln durchzogen, dennoch von einiger Autorität. Die braucht man, wenn Besucher andächtig mit den Fingern über das Gold der Marienanbetung hinter dem Altar streichen wollen: Nix! Fott mit die Finger! heißt es da auf gut Hessisch. Hautschweiß richtet alles zugrunde. Geboren in Florstadt in der Gegend von Bad Nauheim, das Reste eines Römerkastells besitzt, ist sie frühzeitig an den Umgang mit der Historie gewöhnt. Im Nazikrieg dann lernt sie einen versprengten Zwangsarbeiter aus Kiew kennen, verliebt sich in ihn und folgt ihm nach Kriegsende in dessen Heimat. Nun, sie hat ihn überlebt.

Auch Fotografieren ist nicht, die Blitze schädigen die zarten Farben der goldverzierten Wandbilder. Ich zahle zwei Griwna und darf die Wandbilder schädigen, so oft und soviel ich will. Nein, man möchte gar nicht leben, wie die ursprünglich deutsche Hüterin der Kirche – aber sie beneiden um ihre festgefügte Welt: das wird man ja wohl dürfen.

Es gibt Häuser mit Blechdächern, buntscheckig oxydiert, wie wir sie als Datschen entlang des Flusses erlebt haben. Andere tragen zerzauste Hüte aus Strohschichten. Vor niedrigen Fenstern grünen sich selbst überlassene Wiesen, darin Apfel- und Pflaumenbäumchen, ganz wie der Reformator, Bergmannssohn und Vielfraß Prof. Dr. M. Luther sie dennoch gepflanzt hätte, stünde auch gleich das Ende der Welt bevor. Davor, entlang des sandigen Feldwegs, aus Weidenruten geflochtene Zäune. Wie abgewickelte Flechtkörbe schauen sie aus. An einem der Fenster steht ein russischblau gestrichener Fensterladen halb offen, von einem kräftigen Knüppel im Gras darunter gestützt. Dahinter offenbar eine Küche, Frauen hantieren klappernd mit Krügen und buntemaillierten Töpfen, lächeln hinaus und laden mich ein, sie in ihrer Lebensfreude zu fotografieren. Ein hübsches Bild, das ich auf Zelluloid banne. Und Luther, der Junker Jörg, der auf der Wartburg angeblich sein Tintenfaß nach dem Teufel schmiß? Nein, er hat sie nicht gepflanzt, die Apfelbäumchen, das hatte er gar nicht nötig, denn das Ende der Welt stand weder damals noch heute bevor, jedenfalls nicht hier, auf diesem herrlichen Zipfelchen Erde. Allenfalls war es das Ende unseres Urlaubs

Vor einem der Häuser stellt ein Maler aus. Eins seiner Bilder, in Öl, etwa fünfzig auf fünfzig messend, eine Kate mit blühendem Stockrosenstrauch davor, nimmt mich auf Anhieb ein. Wenn das so ist, brauche ich keine langen Überlegungen. Natürlich hat er noch andere Bilder ausgestellt. Mitreisende, die nichts wirklich kaufen wollen, verwickeln ihn in Gespräche, er weiß ja nicht: wollen sie oder wollen sie nicht?

Sie wollen nicht. Sie wollen nur den Prickel. Ein Bild zu kaufen sind sie viel zu geizig. Ich fingere einen Hundertmarkschein aus der Börse und winke damit vor dem Gesicht des Malers herum. Oh ja, er scheint nicht abgeneigt und nimmt sofort Spürung auf. Ich zeige auf das von mir favoritisierte Gemälde. Okay?

Okay, okay, okay! Slawen übertreiben gern. Wo uns formal ein „Okay“ langen würde, benötigen sie mindestens deren drei. Der Maler greift nach dem Schein, steckt ihn in die Hüfttasche, zieht aus der anderen eine Plastiktüte hervor, verstaut darin das Gemälde und reicht es mir mit gewinnend breitem Lächeln herüber. Gleich darauf bietet er den Leuten vor sich ein tristes Gesicht mit heruntergezogenen Mundwinkeln. Es ist immer schwer für Maler wie auch sonstige Künstler, zum Beispiel Schriftsteller, sich von den Geschöpfen ihrer Eingebungen zu trennen.

Das Museumsdorf erstreckt sich über ein weit ausgedehntes Gelände. Von dem Kirchlein bummeln wir zu dritt weiter. Ein Hamburger begleitet uns, von dem sich herausstellt, daß er in derselben Stadt wie wir aufgewachsen ist. Na sowas! Im Weitergehen wechseln wir ein paar allgemeine Ansichten über Gemälde an sich, diese Flußfahrt, die Ukraine und die Menschen darin, ferner Rußland und all seine Weiten, die wir irgendwann noch zu erkunden gedenken – und dabei fühlen wir, daß wir auf ein und derselben Wellenlänge senden und empfangen: er angestellt bei der Deutschen Bank und ich – ach, das ist ja noch immer so geheim. Damals spürten wir, daß wir uns viel zu sagen hätten, der Banker und ich. Aber wie das so geht, wir verabschiedeten uns, ohne Adressen auszutauschen. Typisch Mann. Frauen hätten sich längst gegenseitig notiert, woher und wohin, und überhaupt.

Mit ein wenig Glück begegne ich ihm eines Tages vielleicht wieder, wie er im Kajak in Sibirien den Jennessej hinabpaddelt, und da komme ich ihm dort bergauf mit irgendeinem in Boitzenburg gebauten Dienstgradschiff, Marschall oder General, ganz gleich nun, entgegen. Denn diesen Fluß haben wir als gemeinsame Liebe noch ausgemacht, kurz, bevor wir uns vor den wartenden Bussen im Museumsdorf von Pirogowo voneinander mit Handschlag verabschieden. Beiden brennt uns dieser – fast - Erdteil im Herzen, Sibirien. Und beide – ich darf nicht daran denken! – wollen wir noch den Jennessej hinauf, von Dudinka nach Krasnojarsk, und das fordernde Land und die ihm Tribut zollenden Menschen, Städte und Dörfer entlang seiner Ufer er-fahren.

Wir drücken uns die Hände. Und sind uns kurz danach aus den Augen entschwunden.

Im Bus auf dem Parkplatz zum Eingang des Museumsdorfes hält Witja einen Vortrag, bis alle da sind. Er sagt: Verwarnungen der Verkehrspolizei (DAI) beginnen bei 17 Griwna. Deshalb steckt im ukrainischen Führerschein immer auch ein zehn Griwna Schein. Nach Kontrollen ist der schon mal fort. Ohne Quittung. Trotz Verlust: man erspart sich einiges, indem man über den Verbleib dieses Scheines großzügig hinwegsieht. Nur sollte man nicht versäumen, ihn alsbald durch einen anderen zu ersetzen.

Witja sagt: In die Ukraine wurden bisher 40.000 Mercedes 600 importiert. Bei Bestechung und Korruption steht die Ukraine an dritter Stelle in der Welt. Nu Schto.

Tankstellen offerieren Sprit in drei Qualitäten, ganz wie bei uns. Zwei der Mischungen jedoch sind meist nicht zu haben. Also fährt man U-Bahn, steigt hinab in Tiefen, die denen von Erzbergwerken entsprechen, falls man etwas an einem Ort zu erledigen hat, der vom augenblicklichen Aufenthalt mehr als fünfhundert Meter entfernt ist. In deren Kantinen - so man wirklich in Bergwerke einführe - entdeckte man dann: Wodka ist weiblich, die russischen Wodka-Marken enden alle auf -a oder –ja (wie Moskovskaja). Gorbatschow oder wie das Zeugs heißt, hat nichts mit Wodka zu tun. Jedenfalls nicht mit russischem.

Mac DoofUm 13.00 Uhr sind wir zurück an Bord. Auf dem Potschtova Ploshad gegenüber dem Anleger erschlägt das großmäulig rot-gelbe ‚M’ von McDonalds noch immer das unscheinbare ‚M’ der Metro. Vermutlich ist es so: die Leute, die U-Bahn fahren müssen, können sich den Bulettenbrater nicht leisten. Wie auch umgekehrt jene, die ihn sich leisten, kaum noch U-Bahn fahren. Die besitzen längst einen eigenen Mercedes 600. Er braucht ja nicht unbedingt bezahlt zu sein.

Der Nachmittag steht zur freien Verfügung. Klar, daß wir ihn noch einmal zum Bummel durch die Stadt nutzen. Die Metrostation am Postplatz atmet uns in ihr kühles Treppenhaus. An dessen Ende, tief unten, die allerorten im östlichen Untergrund anzutreffenden Frauen, das farblose Schiffchen im Haar mit Klammern festgesteckt, eingesperrt in ein Glashäuschen, aus dem heraus sie Fahrkarten verkaufen und den Betrieb kontrollieren. Tschy majete wy plan metro? Ni, einen Metroplan gibt es nicht. Die Fahrt kostet fünfzig Kopeken. Egal wohin, vermutlich, bis es nicht mehr weitergeht. Unter der Erde, ohne jede Ahnung von Himmels­richtungen, findet sich nur der Geübte zurecht. Es ist pure Eingebung, daß wir den Zug, der gerade einläuft, als richtigen in die Oberstadt besteigen. Wir hätten genauso gut den nassen Finger in den Luftzug des dunklen Schienenschachts halten können, aus dem im Fünfminutentakt Bahnen heranstürmen, und – rasch mit Menschenknäueln befüllt – in einmal einge­schla­gener Richtung weitereilen. Es hängt allein von unserem Gefühl ab, ob wir in den Schlafstädten auf der Ostseite des Dnepr landen oder am Europaplatz in der Oberstadt. Und als wir dort sind, dauert es eine ganze Weile, bis wir uns orientiert haben und den richtigen Ausgang finden.

Der KreschtschatikDer Kreschtschatik, die 1,5 km lange belebte Hauptstraße – bis ins 19. Jh. ein tiefes Tal – beginnt an einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt, dem erwähnten Europaplatz. Die Prachtstraße wurde nach ihrer Zerstörung im 2. Weltkrieg – durch die Deutschen – völlig neu erbaut und verbreitert, so daß man sie jetzt unter Kastanien­bäumen entlangbummeln kann.

Alles wird auf der Straße feilgeboten: Compact Disks, Video- und Musikkassetten, Bücher, Aquarelle und Ölbilder, Cola-Fanta-Sprite und ähnliche, Karies fördernde, Limonaden, Bier, Blinis und Boulevardzeitungen, Kwas, das aus vergorenem Brot hergestellte Getränk, das so herrlich den Durst löscht, und immer wieder Matrjoschkas in allen nur erdenklichen Größen und Ausführungen. An der Stirnseite des Platzes Majdan-Nezaleshnosti brüllt eine Videowand Reklamesprüche über eilig hastende wie auch geruhsam flanierende Menschen hin. Vor zehn Jahren undenkbar. Überhaupt scheinen die Ukrainer keine Vorurteile gegen akustische Umweltverschmutzung zu hegen; das kommt wohl noch, wenn die ersten künstlichen Trommelfelle implantiert werden müssen, weil die natürlich gewachsenen verbraucht und zerschlissen sind.

Im Stadtteil Lipki folgen wir einer bergan führenden Straße, vermutlich der Institutska, die links in den Shovkowischtscha Bulvar abbiegt, welcher geradewegs im Parlamentsviertel mündet. Soldaten mit Maschinen­pistolen im Arm stehen herum. Wenn sie glauben, niemand beobachte sie, zielen sie heimlich auf Vögel in den Bäumen, auf Verkehrsschilder oder auch die Rücken von Passanten. Ich weiß es, da ich mich einmal umdrehte und unvermittelt in solch ein dunkles Rohr blickte, das der Soldat sofort pflichtschuldigst zurück an die Schulter riß. Der Schrecken blieb, bis wir in die nächste Nebenstraße wechselten, außer Reichweite von Rohr und Langeweile des Soldaten, bis dorthin allerdings stand mir das Nackenhaar gegen den Kragen.

An einem Haus im Gründerstil fällt uns eine Inschrift auf, wir treten näher, sie zu entziffern. Da wird die betagte Holztür geöffnet, und eine Frau winkt uns mit einladender Handbewegung herein. Zögernd folgen wir ihr und betreten den kühlen Vorraum zum Treppenhaus einer Villa mit gemauerten Nischen und Wänden, blanken Fliesenböden und geschnitzten Decken aus dunklem Holz sowie ebensolchen aus blendend weiß profiliertem  und verschnörkelten Stuck, während hinter uns die Tür ins Schloß ächzt. Uns voran schreitend, erläutert die Frau – sie ist mittleren Alters -, hier und dort auf düstere Gemälde deutend, mit der Hand bald links, bald rechts auf zierlich geschnitzte Tischchen oder Schränkchen mit geschwungenen Beinen verweisend sowie immer wieder unseren Blick zu den wunderbaren Decken lenkend, das Wesen des Hauses. Ja, vermutlich das. Denn wir verstehen kein Wort ihres Vortrags, können dessen Sinn nur erahnen. Soviel jedoch scheint im Nachhinein, als wir längst das Haus verlassen haben, sicher: es hängt mit einem Dichter zusammen, der sehr populär war, und dem hier ein Mäzen sein Refugium einrichtete. Irgendein Kunstverein unterhält nun das Haus. Bevor wir uns mehrmals bedanken und gehen, erwerben wir für sechzig Kopeken eine Kulturzeitung, die wir nicht lesen können, und spenden das Wechselgeld von fünf silbrigen Griwna in ein Keramikgebilde mit Schlitz in Form eines Buches. Es klingt wie Metall auf Keramik, nicht wie Metall auf Metall. Besucher dieses Hauses, wenn es denn andere außer uns gibt, haben offenbar nicht viel zu verschenken.

Vor der knarrenden Tür webt lichter Sommer und streichelt uns Gänsehaut von den bloßen Armen. Die Frau drin trug eine Strickjacke, gemauerte Häuser sind auch im Sommer kühl.

Vorbei am Parlament, dem Mariinskij Palais und dem Dynamo Stadion führt der mehr und mehr im Grünen sich verlierende Pfad zur Philharmonie, die eine Freilichtanlage ist, sowie zum darunter liegenden Park der Pioniere. Dieser ist, wie in den ehemaligen Sowjetrepubliken gebräuchlich, überwiegend mit hohlen Figuren ausgestattet, welche klobige Proletarierfäuste dem fernen blauen Himmel entgegenrecken. Vor der Philharmonie, einer geschwungen überdachten Holzbühne, perlt E-Musik über die auf Holzbänken harrenden Zuhörer hinweg. Zwei Opernsängerinnen, im Verein mit einem uniformierten Orchester, bemühen redlich ihre Kunst und werden durch Applaus und überreichte Blumenbuketts belohnt. Vermutlich eine politische Veranstaltung.

Vor deren Ende folgen wir der Treppe hinab in den Pionierpark. Dort dröhnen den bronzen und – wie üblich - übergroß errichteten Komsomolzen und Proletariern über dem weiten Treppenrund gigantisch verstärkte Gitarrensoli von T-Rex um die Ohren. Was sich auf den Stufen fläzt, sieht nach Freizeit-Hippy aus – okay, heute ist Samstag. Die Kids – zwischen fünfzehn und zwanzig - haben stark was nachzuholen. Fragt sich bloß, wer das ist, der ihnen die Ohrmuscheln volldröhnt. Das kostet ja, wenn nicht GEMA, so doch zumindest Strom - ich hab’s nicht rausgebracht, ehrlich. Tut mir leid. Aber umsonst – da müßten wir uns eigentlich einig sein – tut niemand was. Andersherum: wer besitzt heute Macht und Mittel, hier überhaupt noch etwas zu tun?

Die Nomenklatura vielleicht?

Das sind die, die immer schon, unter Zar und Zimmermann wie auch Stalin, Nikita oder Breschnjew an den Hebeln der Macht saßen. Glaube doch niemand, daß eine Handvoll Gorbatschows, Jelzins oder auch Putins das Gefüge der wirklichen Mächte in der ehemaligen UdSSR zu Fall brächte! Daß sich sogar westeuropäisch schlitzohrige Banker die Zähne an der herrschenden Kaste ausbissen, die ebenso unwissend wie falsch mit Mafia bezeichnet wird, sagt einiges darüber aus, was diese auf ihren Sesseln sich festkrallenden Funktionäre und Bürokraten auch heute noch vermögen. Nichts läuft ohne sie, an allem sind sie beteiligt. Und ihre Datschen schmücken die industriell noch nicht zugrunde gerichteten Vorstädte. Wo sie sich zusammentun und Zäune und Mauern um ihresgleichen errichten lassen, letztere von Wachen mit Kalaschnikow im Anschlag kontrolliert, atmet dieser riesige Erdteil. Dort, in den von der Nomenklatura besetzten Vorstädten, herrschen gleichermaßen Angst vorm Volk wie der absolute Anspruch, über es zu herrschen. Ich wage nicht auszudenken, was wäre, wenn sich hundertsechzig Millionen Russen oder mehr als fünfzig Millionen Ukrainer einmal dran begäben, Politiker nicht mehr nur nach Schlagworten, sondern nach eigener Erkenntnis zu wählen. Aber da: eigene Erkenntnis – schon landen wir wieder beim dummen Volk: den Muschiks. Dies sind – da selbst Dümmste wählen dürfen – die Totengräber jeder Freiheit. 

Es muß hier einmal gesagt werden: Demokratie ist Volkes Wille. Aber das breite Volk ist dumm. Und so gesehen, führt Demokratie nie zum bestmöglichen Ergebnis, sondern immer nur zum Kompromiß zwischen größt­möglicher Unterhaltung und der Höhe, in welcher der Brotkorb hängt: Panem et circensis, Brot und Spiele. Das kannte man bereits vor reichlich zweitausend Jahren. Wirklich, es hat sich nicht viel verändert, seitdem.

Funikuler - die ZahnradbahnZwischen uns – auf dem ersten der sieben Hügel der Oberstadt - und dem Flußhafen gibt es nur zwei Wege hinab: den direkten über die Zahnradbahn, genannt Funikuler, oder aber den vorbei an der St. Andreas-Kirche, weiter dem Historischen Museum, und dann das Kopfsteinpflaster des Andreassteigs steil hinunter bis zum Brüderkloster, dort scharf rechts. Irgendwann ist man dann wieder am Fluß. Wir entscheiden uns für ersteres.

MichaelskathedraleAuf dem Weg dorthin liegt der Michaelsplatz mit der Kathedrale des hl. Michael. Ein Traum in Kupfergrün, Russischblau und verschwenderisch mit Blattgold verzierter Kuppeln. Alles frisch renoviert, selbst versteckteste Winkel neu und farbenfroh bemalt – und ich habe keinen Film in der Kamera! Nitschewo. Alles verknipst. Für einen ordentlichen Geldbetrag erstehe ich am Souvenirschalter des Gotteshauses eine Fotografie des Komplexes. Seltsam, daß weder Reiseführer noch Stadtplan den Kirchenpalast einer Erwähnung würdig finden! Geduckt, im Schatten des alles erschlagenden Prachtbaus, drückt sich ein winzig verhutzeltes Kirchlein an den Rand des Platzes: die Kapelle der  Gründerväter. Schief und spartanisch kündet es von deren Bedürfnis­losigkeit.

Von dort zur Station der Zahnradbahn folgt uns hartnäckig ein acht- bis neunjähriger Junge. Chewinggum? Hamwanich. Chocolate? Mal sehn – hier. Aber nu verdufte. Bratj, bettelt er weiter, nachdem er den Schokoriegel unbesehen eingesackt hat, dabei hält er die waagerecht ausgestreckte Handfläche neben sich in etwa einem halben Meter Höhe: so groß ist er, der Bruder, für den er sorgen muß - bitte!

Ich bleibe stehen und tippe ihm leicht auf die durchlöcherte Pulloverbrust: Hau ab, Mensch! Wenn dein Bruder was will, soll er selber kommen. Verstehn? Als er ohne Verständnis guckt und nur immer wiederholt: BratjChocolate? Da reißt mir der Faden, und ich schreie ihn an: Mann, Männchen - du: verpiß dich!

Erst da trollt er sich. Doch kaum verschreckt durch mein Schreien. Das scheint er zu kennen. Eher, weil er weiß: Wenn einer so reagiert, ist bei dem nichts mehr zu holen. Besser, dann sein Tun auf neue Kunden zu richten. Gleich hat er eine ältere Dame beim Wickel: BratjChocolate? Da bin ich mir sicher: er verscherbelt das Zeug, zum halben Preis, und davon lebt eine ganze Familie – seine nämlich. Vielleicht, wenn er mal älter ist, gerät dies eben von uns hergegebene Stückchen Schokolade zum Grundstock eines Bratj & Co. KG Imperiums, das dereinst Schokolade selbst herstellt und verkauft. Und dann sagt keiner mehr zu ihm: Mann, verpiß dich! Denn dann wird er richtig Geld machen, und das gönne ich ihm. Aber jetzt ist er lästig.

Die Drahtseilbahn – Funikuler -ist außer Betrieb. Vor dem Gebäude steht einer und spielt Akkordeon, Weltmeister, eine solide DDR-Marke, ähnlich Hohner damals im Westen. Was er spielt, mag ich nicht, trotzdem werfe ich eine Münze in den Blech­teller vor seinem winzigen Stühlchen. Morgen geht’s nach Hause, und da werde ich kein ukrainisches Kleingeld mehr brauchen. Warum also nicht hier noch eine winzig gute Tat tun?

Keine Zahnradbahn fährt, weder herauf noch hinunter. Die Züge werden überholt, das soll voraussichtlich zwei Monate dauern, so steht es auf der Tafel an der Bergstation. Da sie aus Rußland stammen, können daraus auch leicht zwei Jahre werden. Nu schto.

Aber nun sind wir mal hier. Entlang der Schienen führt ein Trampelpfad hinab. Gehen wir den? Na klar.

Etwa hundert Meter vor der Talstation rutsche ich, der ich die zweitbeste Frau von allen kurz zuvor noch eindringlich ermahnte, doch ja recht vorsichtig die Füße auf dem unwegsamen Gelände zu setzen, rutsche ich also selbst darauf aus. Will mich halten und erwische das Geländer, das die Schiene begleitet. Dieses ist aus Stahl, und seitdem ziert meinen Oberarm ein hübscher Schmarren. Dort nämlich traf er mit dem Eisen des Geländers aufeinander. Am Knie habe ich auch noch was, aber das betrifft wohl mehr die Reinlichkeit der Hose. Bis ich nachgesehen habe. Vorerst nur ein kleiner Aufsetzer, an Bord wird man endgültig sehen, ich kann mir ja hier nicht die Hose herunterziehen. Ganz steil hinunter, den Rest von kaum dreißig Metern, traue ich mich aber nun nicht mehr, ich bin verstörtes Kind, gebranntmarkt an Knie und Oberarm. Also landen wir abseits in Seitengassen und steigen von dort hinab zum Fluß. Ein Abenteuer noch die Überquerung des Nabereshne Schose: wer nicht gewohnt ist, springend sich in Strömen rasender Automobile zu bewegen und dort zu behaupten, der wird vermutlich auf dieser Straßenseite, dem Postplatz, alt und grau werden. Ab und an muß man daher sein Wegerecht erzwingen. Dann bremsen die Fahrer der Autos erst im letzten Augenblick. Natürlich unvermittelt, und wer hinter ihnen fährt, bumst gerne auf. Und die Polizisten, die angeheult kommen, haben mal wieder einen Frust: Wer war schuld an allem? Und dann sagen die Autofahrer: Da mußte unbedingt solch Idiot von Fußgänger noch vor mir die Straße überqueren – hätte der das nicht am Wochenende erledigen können? Nu schto.

Folklore an BordHalb sechs, das Ende eines Tages naht: Abschiedskonzert des Folklore Ensembles „Horlytsa“ in der Dnepr-Sky-Bar. Die Jungs und Mädels sind gut. Nach dem Abendessen dann letztes Stelldichein mit Klaviermusik in der Donau-Panorama-Bar – verhaltenes Spiel eines ergrauten Klassikwolfs. Gegen halb elf klappt er den Deckel zu. Das war’s dann wohl auf dieser Reise. Morgen müssen wir früh raus.

Abreise

Auf der Rasenfläche neben dem Taxiway des Kiewer Flughafens Borispil gehen Amseln ihren Geschäften nach: zupfen Würmer, picken Asseln aus der fruchtbar schwarzen Erde und buhlen, falls sie Männchen sind, um eines der Weibchen unter den großen Fliegern. Dabei sind die buntbemalten Vögel nur Sache der Menschen und geben sich wirklichen Vögeln nicht hin: steil zieht der Flieger an und hebt ab. Ein erhebender Moment, wenn der Magen noch in den Sitz gepreßt ist, das Hirn jedoch schon in höheren Wolken schwebt. Beziehungsweise dort, wo sich diese für gewöhnlich aufzuhalten pflegen, denn der frühmorgendliche Himmel ist weit und - stets scheue ich mich, das Wort azuren zu benützen, doch zu diesem Himmel fällt mir gar nichts anderes ein.

Einmal oben, erscheint die Welt von dort betrachtet als Flickenteppich. Eine Binse, gewiß. Aber weiß auch jeder, daß die Flicken im ehemaligen Machtbereich des Sozialismus als Folge der Kolchos- und Genossen­schafts­bewirtschaftung auch nach zehn Jahren noch erheblich größer ausfallen, als diejenigen im kapitalisti­schen Westen? Und daß sie dort zum Beispiel aufgrund der Oldenburgischen Hofordnung im Norden wieder größer sind als im Süden mit seiner Fränkischen Hofordnung?

Noch schweben wir über der Ukraine. Die meisten Dächer sind grau, vorwiegend aus Zinkblech oder Asbestzement gefertigt. Man sieht nur wenig rote Ziegeldächer, neuerdings entdecken Liebhaber, die es sich leisten können, ihr Herz für das zarte Russisch Blau. Den Anfang machten wohl die Tempel des Fast-Food-Riesen McDonalds mit ihren in stumpfem Blau lackierten Pagodendächern.

Überhaupt: was von der Erde aus leuchtet, ist der Konsum. Nichts reflektiert Sonnenlicht soweit ins All, wie die frischgewaschene und polierte Autokarosserie einer westlichen Durchschnittsfamilie. Vor der Leuchtkraft des neben einem Super-Duper, Wopper-Dopper und Hier-kauf-ich-gerne Handelshof-Center-Paradieses gelegenen Großparkplatzes kann man jeden­falls nur anbetend in die Knie sinken. Falls man von einem anderen Stern kommt. Wir hingegen fallen gerade auf unseren zurück.

In weitem Bogen vorüber an den felsigen Karpaten und der noch schneebedeckten Tatra stoßen wir wie ein rüttelnder Falke in die häusergekachelte Ebene von Frankfott am Mäh hinab. Nebel wallt am Boden, es ist kühl und windig, als der Falke landet. Wer aus der Sonne anreist, empfindet das örtliche Wetter als doppelt unfreundlich. Im Intercity heimwärts schließen wir müde die Augen und geben uns dem weichen Polster und leichten Gedanken an Gehabtes hin - wieder ein paar Blätter im Diarium unserer Erinnerung gefüllt.

Nu schto.

Was heißt: Werden wir sehn. Kann ja sein. Wie soll man das wissen. Und endlich: Ach, was soll’s. Und das träfe fast den Sinn dieser zwei Worte, die so slawisch sind wie das in Balalaikaklang getauchte Loblied auf den Schneeballstrauch Kalinka. Womit der Alternativtitel dieser Geschichte wohl endlich hinreichend erklärt wäre. Oder?

Nu schto. Klar.