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Reiseroute - rot Flug, grün Eisenbahn

Samstag 23. Aug. 2003

Die Deutsche Bahn macht es einem nicht eben leicht: in Bonn gibt es Schließfächer aber keinen passenden Zug. In Siegburg ist das umgekehrt. Also Gepäck am Vorabend der Reise zum Bonner Haupt­bahnhof gekarrt, dort weggeschlossen und am nächsten Morgen verschlafen hervor­geholt. Es ist heiß, Deutschland verzeichnet einen nun bereits mehr als sechzig Tage andauernden Jahrhundert­sommer. Natürlich schwitze ich, dabei ist es knapp fünf Uhr morgens, das hatte ich vermeiden wollen, aber in Siegburg gibt es keine Schließfächer. Und so bemühen wir samt umfangreichem Gepäck, in dem sich unter anderem ein schwerer Pelzmantel befindet, die Linie 66, die gute alte Tram, die nahezu eine halbe Stunde nach Siegburg braucht, in der ich jedoch wieder abkühle.

Siegburg - Die BahnDer neue ICE-Bahnhof ist noch ein Provisorium, seine Bahnsteige sind lang, zugig und nur über Treppen zu erreichen, es riecht nach aushärtendem Beton, säuerlich und feucht. Verdrossene Fahrgäste finden sich ein, lassen schwere Reisetaschen fallen, studieren Tafeln mit Abfahrtszeiten. Aus dem Gewirr von Gleisen und Fahrleitungen steigt ein Tag in violette Dämmerung. Irgendwann rauscht nach einer unverständlichen Durchsage schlangen­gleich und matt­schimmernd der Zug heran, ein futuristisches Bild. Hilfreiche Hände heben unsere Koffer an Bord, erleichtert fallen wir in die bequemen Sessel. In kurzer Zeit erreicht der Zug 250km/h, im Hessischen sogar einmal 298. Dabei schwebt er über die Schienen hin, fast geräuschlos, und all die Sprinter auf der Autobahn A3 nebenan hängt er mühelos ab – 130 sind hier erlaubt. Auch wer mehr kann, hat gegen den ICE kaum eine Chance. Das wollten wir erleben.

Der Flieger nach Moskau, planmäßig 8:25 Uhr, hebt erst um 8:40 ab, eine Viertelstunde später. Wegen dreier Leute, die - im Gegensatz zu ihrem Gepäck - nicht an Bord sind und wohl auch nicht mehr kommen. Verdächtig, eine in heutigen Tagen terroristischer Anschläge verbotene Situation, also müssen ihre Koffer wieder raus, und das ist nicht einfach. Ist ja alles bereits auf Paletten in Folie geschweißt. Vergleichsweise aber scheint diese Verzöger­ung moderat, das werden wir im weiteren Verlauf unseres Rußland- und Sibirienabenteuers noch feststellen, wo zwei Stunden mehr durchaus im Rahmen von Flug- und Fahrplänen liegen.

Basilius-KathedraleMoskau, fünf Stunden später. Davon sind nur drei dem Flug anzurechnen, der Rest geht auf die Zeitverschiebung. Der Flughafen Scheremetjevo gibt sich kalt und wenig einladend. Im Bus vom Rollfeld zum Terminal drängeln eilige Leute, Bis’nesmen mit schwarzen Lederköfferchen und dralle Damen in schwerem Makeup. Hinterlassen im Flieger zerknüllte Zeitungen und Trinkbecher am Boden zwischen den Reihen, am Ausgang Stewardessen mit starrem Lächeln: Do svidanija! Ihr Arbeitgeber nennt sich hier Luftgansa weil der Russe kein H kennt und es durch ein G ersetzt. Das heißt, er kennt schon ein H, doch er spricht es als N aus, letzteres wiederum schreibt er seitenverkehrt und liest es als I, und ... aber das würde hier zu weit führen.

Wir sind zu dritt: Marija, unsere langjährige Ziehtochter, dazu  meine weitaus zweitbeste Ehefrau und ich. Zweitbeste, weil ... aber das habe ich schon in etlichen Publikationen zuvor erklärt, ein gewisser Herr Kishon hat da seine Finger im Spiel. Sie – also die Zweitbeste - lernt im Flieger eine russische Künstlerin kennen, die – wenn sie nicht gerade fliegt - komponiert und Gedichte schreibt. Die Unterhaltung geht über meinen Kopf hinweg, da ich zwischen den Damen sitze, sie verstehen sich prächtig. Die Künstlerin kommt aus Berlin, besucht ihre Mutter in Moskau und hat zufällig ein Bändchen ihrer Poeme dabei, das sie in steilen Lettern signiert und meiner lieben Zweitbesten verehrt. Gratis. Die aber wird aus dem Angebinde nicht ohne weiteres Erbauung schöpfen können, da es in Russisch gedruckt ist, und ihr die Feinheiten der kyrillischen Schrift wenig geläufig sind. So gerät es nach dem Abschied in die geräumige Handtasche - und damit vorerst in Vergessenheit.

Igors rundes Gesicht erwartet uns hinter der Zollkontrolle, er holt uns ab und veranstaltet gleich eine kleine Stadtrundfahrt: durch Chimki, über Leningrader Chaussee, Prospekt und Tverskaja auf den inneren Ring, vorbei an KGB, Kreml, Tretjakova, Puschkin-Institut, wo Marija ein halbes Jahr lang Russisch studierte, unterwegs verstreut jede Menge Kirchen mit funkelnden Goldhelmen. Der Verkehr ist beängstigend, doch Igors drei Jahre alter blauer Volvo besitzt rundum noch nicht eine Beule, das sagt viel über seine Fahrkünste.

Die Janovskijs wohnen im südlichen Rajon (Bezirk) Konkovo in der dreizehnten Etage eines achtzehnstöckigen Plattenbaus. Alle Türen sind mit schweren Schlössern gesichert, bevor man überhaupt in das Haus gelangt, sind an zwei Stahltüren Zahlen­kombinationen einzugeben. Es gibt leider Gottes habgierige Menschen auf der Welt und besonders viele davon in Rußland, doch Igor versichert, es seien keine Russen, die Wohnungen aufbrächen und planmäßig leerräumten, sondern organisierte Banden aus dem Kosovo oder sonstige Zigeuner vom Balkan. Er muß es wissen. Jedenfalls schärft er uns ein, immer sorgfältig abzuschließen, selbst wenn wir in der Wohnung sind.

Der Aufgang dorthin ist ein Abenteuer, es gibt zwei Lifte, die Tür zum Treppenhaus ist vernagelt. Mit den beiden Aufzügen hat es folgende Bewandtnis: der kleinere – ein enges Kabüffchen - ist für vier Personen zugelassen, und selbst die passen nur knapp hinein. Der andere hingegen ist für Lasten vorgesehen. Oder für Reisende mit Koffern, wie uns. Es gibt aber nur einen Knopf an der Wand zum Anfordern des Fahrstuhls, und so ist ungewiß, welcher kommt. Man muß zu mehreren sein, um folgenden Trick anzuwenden: kommt der falsche Aufzug, so stellt sich eine Person in dessen offene Tür, um ihn zu blockieren. Die zweite drückt nun erneut den Knopf, und mit ein wenig Glück erscheint der richtige - falls nicht in einem anderen Stockwerk jemand das gleiche Spiel mit diesem betreibt. Dann kann man lange stehen. Bei uns jedoch klappt der Trick.

Oben fliegt uns Lena, Igors Frau, jubelnd an den Hals. Beide sind unsere Freunde, seit Marija mit uns  - neben anderen - ihrem Sohn Alex, genannt Aljoscha, eine Augenoperation bei Spezialisten in Deutschland ermöglichte. Damals war er ein Wichtel von acht Jahren. Heute, acht Jahre später, glühen Pubertätspickel auf seiner Stirn, als er uns schüchtern die Hand gibt, und seine Stimme kann sich noch nicht entscheiden, ob sie kindlich hoch bleibt oder männlich tief wird. Lena hat Essen vorbereitet, es gibt Borschtschsuppe mit jenem Klacks fetten Sauerrahms, smetana, in der Mitte des Tellers, der nicht fehlen darf, gebratenen Lachs und Salate, dazu das gute tschorny chleb, schwar­zes Kastenbrot. Und immer mal wieder zwanzig Gramm Wodka mit Omas unvergleich­lichen eingelegten grünen Salzgurken aus dem Garten der Datscha. Kaum vorstellbar, daß ich jemals zuvor Gurken ohne diese zwanzig Gramm Begleitung zu mir genommen habe, die sowohl den Magen aufräumen als auch wohlig wärmen. Eigentlich müßten es hundert sein, sto gramm, eine gängige Maßeinheit für das Wässerchen, so die Übersetzung von Wodka, im alten und neuen Rußland. Doch wir wollen uns bescheiden, sind ja nicht zum Trinken hier. Allerdings wird das Fläschchen auch auf diese Weise rasch leerer.

Anschließend Verdauungsspaziergang von Konkovo nach Uskoje zu einem winzigen Klosterkirchlein im Wald, mitten in Moskau. Oder doch an dessen Rand. Wir lauschen einer Andacht mit schönen Stimmen hinter dem Ikonostas, Marija wird von einem Wachmann wegen unpassender Kleidung - ihre geblümte Hose - hinausgewiesen. Dabei hat sie ihr Haar sogar unter einem Kopftuch versteckt, wie es sich für Frauen ziemt. Diese Wachleute stehen heute überall, wo es potentiell etwas zu stehlen gäbe, sogar in vielen Kirchen. Meist sind es Soldaten oder sonstige seit Platzen des kommunistischen Traums ausgemusterte ehe­malige Systemdiener, die sich so ein Zubrot verdienen. Und stets mit Schießeisen - Wildost.

Um einen Teich am Weg, wo Schilder ausdrücklich Baden sowie jegliche Aus­übung von Fischerei verbieten, stehen mehrere Männer und angeln was das Zeug hält. Zum Baden ist es wohl schon zu kalt, außerdem würde es die Fische vergraulen. Ein Stück weiter liegt ein Sanatorium im Wald, der guten Luft wegen. Die wird von Jugendlichen mit den Abgasen ihrer aufgemotzten schwarzen maschinas verstänkert, welche sie auf dem asphaltierten Parkplatz davor laufen lassen müssen, um den gewaltigen Stereoanlagen darin noch gewaltigeres Hämmern der Techno-Bässe zu entlocken, ohne daß die Batterien in die Knie gehen. Ja, auch das gibt es, ganz wie bei uns. Die Automobile allerdings sind ausnahmslos größere, westliche Modelle, und die verbotenen Fischer tragen vermutlich Watte in den Ohren. Man fragt sich, woher die jungen Leute das Geld zu solchem Besitz nehmen, doch nur solange, bis man erfährt, daß in Moskau achtzig Prozent allen russischen Kapitals versammelt sind. So sind mir denn solche Techno-Maschinen auch weder in St.Petersburg noch Vladivostok aufgefallen, von Irkutsk im tiefsten Sibirien gar nicht zu reden.

Am Abend gibt es Pelmeni und diverse Salate, darunter eine Kreation aus gestiftelten, gedünsteten Karotten in einer höllisch scharfen Tunke. Und natürlich Omas unvergleichliche Salzgurken aus dem großen Einmachglas nebst Anhang, pro Ladung genauestens bemessene dvadtsat gramm. Oder wenigstens ansatzweise. Ich erstaune die Anwesenden mit meiner Kenntnis des russischen Begriffes agurets, was Gurke bedeutet, ein im täglichen Umgang nicht eben häufig benutztes Wort. Von da ab fragt Igor jedesmal, wenn er auf mein Glas deutet, die Flasche bereit in der Hand: Dirk, agurets? Und dann antworte ich da, pazhalsta, was auf eben jene gluckernden zwanzig Gramm hinausläuft. Oder hineinläuft. Sissauch irntwie egal. Oda so.

Zu sehr später Stunde brechen unsere Gastgeber auf und überlassen uns ihr Heim. Sie selber nächtigen in Babuschkas kleiner Wohnung, jener Oma, die wiederum mit dem Hund der Familie auf der Datscha, fünfzig Kilometer außerhalb Moskaus, haust und hoffentlich fleißig unvergleichliche grüne Gurken in großen, klaren Gläsern einmacht...

Na zdarove! Oder vielmehr: agurets!

Christi-Himmelfahrts-KircheSonntag 24. Aug. 2003

Moskau liegt noch im Nebel, eine anfänglich fahle Sonne beginnt ihr Tagwerk. Lena und Igor haben heute frei und fahren mit uns nach Kolomenskoje, der ehemaligen Sommer­residenz der Zaren. Jetzt ist es eine schöne Parkanlage oberhalb der Moskva im Südosten der Stadt mit mehreren Kirchen, alten Bauernhäusern und voller Blumen und Apfelbäume. Ein alter Friedhof wächst langsam zu. Ehemals gehörte er zu dem nahe gelegenen Dörfchen Djakovo, das Moskaus Urbanität aber längst erreicht und verschlungen hat. Vor vierzig Jahren wurden hier die letzten Gräber angelegt, aber immer noch sind sie mit frischen Blumen geschmückt. Frauen aus dem ehemaligen Dorf haben diese Aufgabe übernommen. Auf manchen der dick bemoosten Grabsteine liegen grüne Äpfel, eine Gabe an die Seelen der Toten. Einer der Grabsteine hinter der dort von Iwan dem Schrecklichen anläßlich seiner Krönung errichteten Kirche der Enthauptung Johannes des Täufers zeigt das Foto einer älteren Frau im dunklen Umhang: Jefrosinja Jefimovna, so steht dort zu lesen, geboren 1857, erlangte das selige Alter von 105 Jahren, bevor sie starb. Sie hatte die Zaren und deren Nachfolger, Lenin, Stalin und Chruschtschov erlebt, und als Sputnik 92 Tage lang die Erde umkreiste, feierte sie eben ihren hundertsten Geburtstag. Um das Kirchlein herum jäten zwei derbe Frauen in Kopftüchern Unkräuter und reinigen die Wege. Später, um die Mittagszeit, ruhen sie aus und teilen das mitgebrachte Brot.

Wir nehmen einen Weg, der uns als nächstes zur Christi-Himmelfahrts-Kirche führt, der ersten russischen vollständig aus Stein erbauten Zeltdachkirche. Weiß leuchtet ihr gekalktes Mauer­werk gegen den strahlenden Himmel, und das Zinkblech über den Bedachungen der kokoschniki – das sind seitlich angemauerte, meist in Form betender Hände geschwungene Bögen – funkelt in später Morgenluft. Dieses altrussische Baudenkmal wurde zu Ehren der Geburt Iwans IV. errichtet, den man auch den  Schrecklichen nennt. Das war im Jahre 1533. Jener Iwan, zu deutsch Johannes oder abgekürzt Hans, wurde nach einer Reihe russischer Großfürsten gleichen Namens mit vierzehn Jahren der erste Zar Rußlands. Wohlgemerkt, in den damaligen Grenzen, denn es gab bereits ein Zartum Sibir, das erst Timofejevitsch Jermak, ein russischer Kosakenführer, eroberte und dem ersten russischen Zaren zwei Jahre vor dessen Tod unterstellte. Iwan war ein Psychopath, dessen schrankenloser Terror gegen die bojarische Aristokratie nicht einmal vor dem eigenen Sohn, ebenfalls Iwan benannt, haltmachte, den er in einem Wutanfall erstach. Es gibt ein großartiges Gemälde Ilja Repins, das ihn in all seinem Wahnsinn kurz nach der Tat mit dem schrecklich gemordeten Sohn im Arm zeigt. Es ist ungeheuer ergreifend und soll sich im Besitz der Moskauer Tretjakov-Galerie befinden, zu deren Besuch ich noch kommen werde. Soviel nur vorweg: ich habe es dort gesucht und nicht gefunden. Was aber nichts heißt, denn nur ein Bruchteil der an die 50.000 Exponate umfassenden Sammlung russischer Kunst kann ständig ausgestellt werden.

Zurück nach Kolomenskoje: im Anschluß an die Revolution wurde auf dem Gelände ein Freilicht­museum der Holzarchitektur des 16. und 17. Jahrhunderts zusammengestellt. So kamen ein Festungsturm aus der sibirischen Stadt Bratsk hierher, ein Torturm des Nikolaus-Klosters aus Karelien, eine Metbrauerei aus Moskaus Stadtgebiet wie auch das Holzhaus Peters des Großen, das er 1700-02 in Archangelsk an der Barentsee bewohnte, um den Bau der dortigen Festung zu überwachen. Dessen Balken, nein, Stämme sind rostbraun und vom beständigen Nagen der Zeit geschliffen, sie wirken irgendwie – ja, ehrwürdig.

Unser Blick schweift hinunter zur Moskva, wo zwei umfangreiche hölzerne Hausboote, eher Villen mit Türmchen und Erkern, dümpeln. Unser Ohr aber wird von Tönen gefangen, die ein junger und ein alter Mann mit kleinen Schlegeln einvernehmlich in lange geübtem Gleichmaß und Takt aus mittels Schnüren an einem Holzgerüst aufgehängten kupfernen und messingnen Metalltafeln hervorlocken. Eigentümlich schwebende Klänge sind es, ein zartes Geläut, unterlegt vom tiefen, immer­währen­den Brummen der größeren Platten, das die zahlreich den konzertanten Ort umstehenden Zuhörer in seinen Bann zieht. Man kann diese Himmels­musik, wie es ein gemaltes Pappschild auf einem Stuhl besagt, auf Kassette eingefangen erwerben. Lena und Igor lagern auf der Wiese daneben im Gras, die entspann­ten Gesichter der Sonne zugewandt. Für sie ist das, was wir als russische Seele erleben, normalny, nichts Besonderes. Sie können es jeden Tag haben.

Kirche der Muttergottes von KazanAttraktion allerdings auch für sie sind immer wieder die weiße Kirche der Muttergottes von Kazan und ihre blauen Kuppeln mit den goldenen Sternen. Zar Aleksej, der Vater Peters des Großen, ließ sie 1660 hier erbauen. Peter, als er noch nicht einmal der Kleine war, wurde hier geboren und verbrachte in Kolomenskoje einen Teil seiner Kindheit. Heute verschan­deln Tauben, deren man kaum Herr wird, das grazile Kirchlein. Am besten wäre noch, sie allesamt in Bausch und Bogen zu vergiften. Dagegen jedoch sträuben sich etliche Tierschutz­organisationen. Und so wird dieses Kleinod wohl bald unter dem ätzendem Kot dieser Ratten der Lüfte versinken, der auch in anderen Zentren der Welt für den Verfall der Kulturen sorgt. Sie leben vom Abfall des Wohlstands, Weggeworfenem. Ärmere Länder kennen diese Plage nicht, weil dort selbst Reste argwöhnisch behütet und verwertet werden.Weiter gehts im blauen Volvo zu den Sperlingsbergen und der dortigen Universität hoch über dem südwestlichsten Schlenker der Moskva. Noch sind Ferien, und wir haben das riesige Zuckertortengebäude der Lomonossov-Universität fast für uns allein. Es gelingt uns sogar, das Bauwerk zu betreten, innen macht es einen etwas staubigen und abgenutzten Eindruck, doch die äußere Pracht setzt sich auch im Inneren fort. Bevor wir diesen Eindruck jedoch vertiefen können, scheucht uns ein aufmerksamer Wachmann hinaus.

Ein Spreng­wagen rauscht vorüber und schwemmt Dreck und Abfall von den Straßen in die Gullys. Danach glänzen sie silbrig wie Fischhaut in der Sonne. Wie ein Kristall entragt das monumentale Gebäude der 85 Meter über dem alten Moskau gelegenen Anhöhe. Es wirkt in jeder Hinsicht gewaltig, und die überall angebrachten Verzierungen, architek­tonischen Aus­schmückungen und Standbilder tragen dazu bei, den unvorbereiteten Besu­cher in ihrer Wucht zu erschlagen. Solches war wohl auch beabsichtigt, als man 1949-1953 mit Hilfe von Kriegs­gefangenen den Hauptbau als größte Hochschule der UdSSR errichtete. Allein die Spitze des 235 Meter hohen zentralen Turms mißt 60 Meter. Die Stadt in der Stadt enthält 22.000 Räume, davon 6.000 als Studentenunterkünfte. Seinen Namen verdankt der Universitäts­komplex dem Dichter und Gelehrten Michail Lomonossov, der 1755 die erste Universität Moskaus gründete. Sie steht noch immer, an der Mochovaja Uliza, dem Kreml gegenüber und von diesem aus gesehen rechterhand der staatlichen Lenin-Bibliothek, beherbergt heute aber nur noch die journalistische Fakultät.

Lomonossov-UniversitätÜber der Flußschleife der Moskva die im Dunst sich breitende Silhouette der Millionen­stadt. Gleich vornean Luzhniki, der glasglänzende Rundbau eines Sportkomplexes, der 130 Anlagen aller Disziplinen beherbergt. Er wurde 1980 zu den vom Westen wegen des Ein­marsches sowjetischer Truppen in Afghanistan teilweise boykottierten Olympischen Sommer­spielen erbaut. Inzwischen finden im großen Stadion mit Plätzen für 100.000 Zuschauer auch Rockkonzerte statt, und tagsüber wird um das Gebäude herum ein großer Markt veranstaltet. Dahinter erheben sich die goldenen Kuppeln der unter maßgeblicher Initiative des Moskauer Bürgermeisters Juri Luzhkov neuerbauten Erlöser-Kathedrale wie auch die des altehr­würdigen Kremls, ferner die Zuckerbäckereien vom Hotel Ukraina, einem weiteren stalinschen Wohn­turm sowie dem des Außenministeriums. Seitlich die große stählerne Sprung­schanze, von der von hier aus kaum sicher behauptet werden kann, wo ihre Benutzer landen, wenn sie sich deren steilem Gefälle anheimgeben. Davor eine Brüstung aus wie gedrechselt wirkendem rotbraunem Granit. Händler mit Matrjoschkas, der berühmten Puppe in der Puppe, und T-Shirts mit dem Aufdruck Ich war hier – wo, ist freigelassen, das mag jeder mit wasserfestem Filzstift, der mitgeliefert wird, selbst einfügen. Auch die Konterfeis alter Größen wie Stalin, Breschnev und Chruschtschov sind auf roten Hemdbrüsten festgehalten. Die bis zur Ära Gorbatschov eher farblosen Volksvertreter wie Tschernenko, Andropov, Kossygin und Podgorny sind kaum vertreten. Wer will die schon mit sich herumtragen. Beliebt ist auch der Netzplan der Moskauer Metro. Allerdings, das sehe ich auf einen Blick, ist die neueste Station, Park Pobedy, der Siegespark, darauf noch nicht abgebildet. Dort soll mit 126 Metern die längste Rolltreppe der Welt in den unterwelt­lichen Bauch der Stadt führen. Ich werde es nachprüfen und mit der Stoppuhr genauestens die Zeit nehmen, die sie zur Auf- und Abfahrt braucht.

Auch hier oben gleich nebenan noch ein Kirchlein mit grünen Dächern und vergoldeten Spitzen. Das Äußere der Gebäude besticht durch die sorgfältig ausgeführte, wunderschöne Malerei, ihr Inneres jedoch ist kaum als spektakulär zu bezeichnen. Igors Volvo bringt uns über die Kosygina – hier endlich findet der einstige Vorsitzende des Ministerrates Erwähnung - die 85 Meter hinunter zur Metrostation Lenin Prospekt, unweit des Gagarin-Platzes mit dem heroischen Edelstahldenkmal des ersten Kosmo- und Astronauten der Welt, der – wie Eingeweihte flüstern - so schmählich im Suff landete und schließlich mit seinem Flugzeug bei einem Testflug für das Sojus-Programm, erst vierunddreißigjährig, abstürzte. Hier erwarten wir Aljoscha und nehmen ihn auf. Er kommt von der MAKS in Schukovskij, der internationalen Luft- und Raumfahrtmesse, wohin ihn Igor heute morgen in aller Frühe, fast noch im Dunkel der Nacht, gebracht hatte. Flugzeuge und alles, was damit zusammenhängt, sind sein Ein und Alles. Als er kommt, rücken wir im Auto zusammen und fahren in ein Einkaufs­zentrum, in dessen Restaurant Igor uns allesamt zum Essen einlädt. Er ist ja Bis’nesmen und kann das sicher als Geschäftsessen absetzen. Trotzdem eine nette Geste.

Im Lokal besteht Auswahl zwischen vielerlei Vorspeisen (sakuski), die man sich am Buffet zusammenstellt. Und so mache ich unbewußt Bekanntschaft mit kascha, einem Gericht aus Buchweizen­grütze, wie Marija mich aufklärt. In verwässerter Form war es einst Haupt­nahrungs­mittel in russischen Lagern, unzählige deutsche Kriegsgefangene haben sich damit den Magen ruiniert. Hier jedoch schmeckt es überraschend gut. Neben dem gerösteten Buchweizen gehören noch Zwiebeln, Schmalz, eine gute Rindsbouillon und reichlich Sauerrahm an das Gericht. Daran allerdings wird es in den Lagern gefehlt haben. Manchmal wird Buchweizen als Getreide bezeichnet, das ist jedoch falsch, da er wie Rhabarber und Sauerampfer zu den Knöterichgewächsen zählt. Seinen Namen erhielt er von der Form seiner Früchte, die an kleine Bucheckern erinnern. Die weiß bis blaßrot blühende, etwa einen halben Meter hohe Pflanze brachten einst Mongolen aus ihrer zentral­asiatischen Heimat mit, sie gedeiht auf armen sandigen Böden. Der große Dichter Hans Christian Andersen widmete ihr sogar eines seiner hübschen Märchen. Warum ich das so auswalze? Nun, von Buchweizengrütze wird in meinem Bericht noch mehrmals die Rede sein, und da ist es doch gut zu wissen, worum es sich dabei handelt. Zumal er – früher Armeleuteessen – heute fast nur noch Zöliaki- und Spruekranken, also Leuten mit Stoffwechselstörungen, bekannt ist (dies deshalb, weil er glutenfrei ist und kein Klebereiweiß wie die üblichen Getreidesorten enthält). Und damit vorerst genug.

Auf einem Rundgang durchstreifen wir später den Alexandergarten an der Kreml­mauer, vorbei am Grabmal des Unbekannten Soldaten mit Wachtposten und ewiger Flamme, und besichtigen, da es zu tröpfeln beginnt, das Innere der Kazaner Kathedrale. Sie wurde 1636 zum Gedenken an die Vertreibung der Polen errichtet, die Moskau 1612 für kurze Zeit erobert und besetzt hatten. Dreihundert Jahre später rissen die Kommunisten sie ab, zusammen mit dem Auferstehungs­tor, durch das man zu ihr - vorbei am Historischen Museum - gelangt. Jahrelang stand dort später eine öffentliche Toilette. Der Grund: die Gebäude störten bei den Aufmärschen und Militär­paraden zum 1. Mai und 7. November, dem Jahrestag der Revolution, die auf dem Roten Platz stattfanden. Die Panzer kamen nur schwer an ihnen vorbei. Mitte der Neunziger Jahre wurden beide Gebäude jedoch original­getreu wieder aufgebaut. Heute plärren Lautsprecher einer Apotheke zwischen Tor und Kathedrale ununterbrochen Werbesprüche und schrille Musik auf die den Roten Platz betretenden Besucher hinab.

IkonenverkäuferinMarija und Igor beginnen mit der Ikonenverkäuferin in dem kleinen Verschlag gleich neben dem Eingang der Kathedrale ein Schwätzchen über deren Schätzchen, dem sich meine Zweitbeste zugesellt. Leider sind weder mein Gehör noch mein Russisch so gut, daß ich ihm folgen könnte, und so verlasse ich das Gotteshaus. Draußen treffe ich auf Lena, nehme sie unter meinen Schirm und frage sie, ob sie religiös sei. Damit kann sie nichts anfangen. Ich frage, ob sie an Gott glaube. Welchen, fragt sie zurück. Und fügt hinzu: Wir versuchen so zu leben, daß wir niemandem unnötig weh tun. Wozu brauchen wir da einen Gott? Da, denke ich bei mir, hat sie wohl Recht. Wir stellen immer die falschen Fragen.

Ein schönes Plätzchen bei Regen ist auch das mondäne Einkaufszentrum Ochotnij Rjad, das pünktlich zur 850-Jahr-Feier Moskaus im September 1997 fertiggestellt wurde. Über vier Etagen erstreckt es sich unter dem Manegenplatz neben der gleichnamigen Metrostation, mehrere Glaskuppeln auf dem Platz spenden ihm Licht und Luft. Zum Bau wurden nur die edelsten Materialien verwendet. Allerdings kann man sich kaum irgendwo darin aufhalten, ohne daß einem der Luftstrom einer Klimaanlage ins Genick bläst. So finden sich unter den Läden denn auch mehrere Apotheken, die recht gut bei Erkältungskrankheiten im Geschäft sind. Und die anderen? Wer kauft schon ein Paar Damenstiefel mit Stiletto-Absätzen für umgerechnet 600 Euro. Doch es muß sie wohl geben, solche Käufer, sonst wären die meisten Boutiquen und Läden darin längst geschlossen.

Oberirdisch: der Manegenplatz und die anschließende Jäger­straße (Ochotnij Rjad) sind das pulsierende Zentrum Moskaus. Wenn es nicht gerade Hunde und Katzen regnet oder gar schneit, ist der Platz immer voller Leben. Vor dem Historischen Museum weist das Standbild des Berlin-Eroberers General Georgij Zhukov hoch zu Roß politischen Demonstranten, die sich unter ihm bevorzugt sammeln, mit ausgestreck­tem Arm den Weg: Leute, geht lieber ins Theater! Womit er nur das rechterhand schräg gegenüber liegende Bolschoj am Theater­platz meinen kann. Sein elf Meter hohes Denkmal wurde 1995 eingeweiht.

Es wird Zeit zu gehen. Auch bei größter Bereitschaft ist der Mensch nur begrenzt aufnahmefähig. Und an Eindrücken fehlte es heute wahrhaftig nicht. Als wir in Konkovo ankommen, dunkelt es bereits. Das futuristische Handels-Zentrum Kony Ajlend (!) jenseits  der Gewerkschaftsstraße (Profsojusnaja) erstrahlt in voller Beleuchtung und die Straße selbst gibt sich als endloser Schwarm auf nassem Asphalt vorbeihuschender roter und weißer Lichtpünktchen, unterbrochen und dirigiert nur von irgendwelchen fernen Ampelphasen. Unter uns: der Abend endet in gemütlichem Suff und bringt Deutsche und Russen näher.

Montag 25. Aug. 2003

Lena muß heute arbeiten. Aber Igor hat sich frei nehmen können und chauffiert uns.

Er bringt uns zum OVIR (Otdel Viz i Registratsii), dem russischen Meldeamt, wo wir uns binnen zweiundsiebzig Stunden nach Einreise in die Russische Föderation mit unseren Pässen registrieren lassen müssen. Wir haben nämlich ein Visum, das nicht nur für die in Deutschland gebuchte Gruppenreise gilt, sondern – da wir privat in Moskau und St. Petersburg weilen – für das ganze Gebiet der Föderation. Das Meldewesen ist nicht gesetzlich geregelt, sondern beruht mehr oder weniger auf Erlassen des jeweiligen Präsidenten. Weil auf dem OVIR vorwiegend ausländische Touristen vorsprechen, haben sich in der Eingangshalle des heruntergekommenen Jugendstil­baus am Leninckij Prospekt Händler mit ihren fliegenden Auslagen eingerichtet, die Blini und Hefeteilchen verkaufen. Wir richten uns auf längere Wartezeit ein. In der Ecke liegt auf einem zerbrochenen Stuhl ein Packen der Moscow Times aus, einer hauptsächlich für Ausländer bestimmten, kostenlosen Tageszeitung. Das ganze Amt wirkt unaufgeräumt.

Als wir dran sind, schneller als gedacht, empfängt uns eine gemütlich dicke Frau in mittleren Jahren, die recht gut mit dem Englischen umgeht. In der Ecke tippen zwei, drei magere Mädchen Daten in Computer ein. Es geht sehr freundlich und entspannt zu. Wir weisen unsere Pässe vor und werden belehrt, daß auch mit Kreditkarte bezahlt werden kann: pro Person zwanzig Dollar. Ein teurer Stempel, da kann man gut entspannt und freundlich sein. Doch wir sind noch länger unterwegs, und wer mag schon riskieren, von jedem beliebigen Dorfpolizisten – sagen wir mal: in Sibiriens Taiga – festgesetzt und des fehlenden Stempels wegen eines peinlichen Verhörs unterzogen zu werden? Wir nicht. Also zahlen wir. Die Pässe sollen wir in drei Tagen, spätestens aber am Samstag zurückerhalten. Für die Zwischenzeit bekommen wir eine DIN-A4 Seite, aus der hervorgeht, daß wir wirklich wir sind und uns dann und dann dort und dort gemeldet haben. Alles hat also vorerst seine beste Ordnung. Nun kann der Tag beginnen, erst jetzt befinden wir uns legal in Rußland.

Danilov Kloster, im Hintergrund GazpromErste Station ist das Donskoj-Kloster. Es gehörte zu den reicheren, da besonders Adels­kreise seinen Friedhof als letzte Ruhestätte favorisierten. Wäre er zur Zeit nicht unzugäng­lich, verrieten die ornamentierten Grabplatten, die Sarkophage aus Kalkstein und die Büsten uns Namen aus der russischen Aristokratie: hier liegen Familienmitglieder der Golizyns, Baryschnikovs, Subovs, der Puschkins, Tolstojs, Turgenjevs sowie auch Vassilij Perov bestattet, einer meiner Lieblingsmaler der russischen „Wanderer“ (peredvizhniki). Ein altehrwürdig weißbärtiger Pope in hoher Samtmütze sitzt hinter einer der rot-weißen Absperrungen, stützt sich auf seinen Krückstock und läßt niemand in diesen Teil der weit­läufigen Anlage. Es sind dort auch Opfer des KGB eingeäschert oder in Massengräbern verscharrt, zum Beispiel der deutsche Jurist Dr. Walter Linse. Vielleicht deshalb? Schon immer hat es das Kloster verstanden, mit den jeweiligen Herren zu leben. Gegründet wurde es als Südposten des Verteidigungsrings, den die sechs Moskauer Wehrklöster vor allem gegen Einfälle der Tataren bildeten. Im Jahr 1943 finanzierte der damalige orthodoxe Patriarch Sergij von den Spenden der Gläubigen dem Diktator Stalin eine Panzerbrigade, benannt nach dem Volkshelden Dimitrij Donskoj, dem Namensgeber des Klosters. Zwei der zurückgekehrten Panzer flankieren nun das Tor zum Klostergelände - immerhin hat man sie weiß gestrichen. Weiß als Farbe der Unschuld oder der Trauer? Auf einem Mauer­vor­sprung sitzt ein gutgenährter Mönch in dunkler Kutte. Sie ist fleckig, seine Fingernägel haben Schmutz­ränder, in Händen hält er ein aufgeschlagenes Büchlein, auf dem Fenstersims über ihm ist ein leeres Teeglas abgestellt. Man sieht, ihm geht es gut, im Sitzen ist er breiter als hoch ... Im Kloster blüht ein sehr schöner alter Bauerngarten mit Blumen und Kräutern, die man heute kaum noch sieht ... Draußen vor dem Tor halten bewaffnete Uniformierte neben einer Bretterbude Wacht, kontrollieren jedoch niemand der Hineingehenden – was soll man von allem halten? Vielleicht die Schnauze, doch nun ist es gesagt.

Als nächstes halten wir beim Danilov-Kloster, benannt nach dem Fürsten Daniil Alexan­dro­vitsch, einem Sohn des russischen Helden Aleksandr Nevskij, jener wiederum Großfürst von Vladimir, der 1240 in einer berühmten Schlacht an und auf der Neva die Schweden vernich­tend schlug. Der Komponist Sergej Prokofjev hat dieses Thema zu einer zwar kurzen aber furiosen Musik verarbeitet: „Die Schlacht auf dem Eis“.

Der Klosterkomplex umfaßt eine ganze Reihe Kirchen, insgesamt vier, denen heute unter ande­rem ein feudales Hotel angegliedert ist. Anläßlich der 1000-Jahr-Feier der Christiani­sierung in Rußland verlegten nämlich der Patriarch von Moskau und ganz Rußland sowie der ihm zur Seite stehende Heilige Synod ihren Sitz 1988 von Sergiev Possad (vormals Sagorsk) nach Moskau in eben dieses Kloster. Deshalb sind diesem außerdem noch ein Presse­zentrum, die Residenz des Patriarchen, der Verwaltungstrakt des Heiligen Synod und die Räumlichkeiten für die Mönche angegliedert. In der Zeit nach der Oktober­revolution war das Kloster geschlossen, zeitweise fungierte es aber auch als Kinderheim bzw. Jugendstraf­anstalt. Erst 1983 übergab man die Anlage wieder der Kirche, nun wird sie mit staatlicher Hilfe großzügig restauriert. Allenthalben sieht man Gerüste, Maurer und behutsam die Pinsel in überkommene Farbmischungen tunkende Restauratoren, zumeist Frauen. Die bringen die für so etwas nötige Geduld auf. Laßt die Männer lieber Gerüste bauen, nassen Putz abschlagen und neuen dranwerfen: aufdecken, zudecken. Das liegt ihnen mehr. Als roter Faden zieht sich das durch die gesamte Geschichte der Menschheit.

In den Kirchen ist reichlich Gold verarbeitet. Aus der gepolsterten Tür des Verwaltungs­traktes schaut einer mit gefalteten Händen, der mit seinem langen Bart ein wiederauf­er­standener Rasputin sein könnte. Allerdings trägt er eine verblichene, blaue Jeansjacke. Aber selbst Jesus könnte heute so herumlaufen, da hege ich überhaupt keine Zweifel.

Service Center - Schwerter zu PflugscharenWir wenden uns ab, besteigen Igors zuverlässigen blauen Volvo und wollen nun zum Zentralen Haus des Künstlers, einem Ableger der staatlichen Tretjakov-Galerie, in dem zeitgenössische Künstler ihre Werke ausstellen und auch verkaufen können. Es befindet sich nahe der Moskva am Krymskij-Wall, gleich gegenüber dem Eingang zum Gorkij Park. Leider ist es geschlossen, wir hätten es wissen müssen: montags haben alle Museen ihren „Waschtag“. Aber dahinter liegt ja noch der Skulpturen-Park. Hier werden, verschämt hinter den Bäumen eines kleinen Parks verborgen, demontierte Größen und einstige heroische Denkmäler aus Sowjetzeiten gezeigt, die man an ihren angestammten Plätzen seit der Wende nicht mehr sehen mag. Knapp ein Jahrzehnt nur ist es her, daß man sie bejubeln mußte – jetzt darf man sie belächeln. Zum Beispiel die vielen unter­­schiedlichen Gesichter Lenins aus mindestens fünf Lebensaltern und in mehreren regionalen Ausgaben: mal sind seine Augen mongolisch leicht geschlitzt, mal besitzt er sibirisch hohe Wangen­knochen - stets aber reckt er die zerknüllte Ballonmütze in der Faust: unverkennbar kampfbereit Lenin, nur leicht angepaßt, je nach Zeitpunkt und geographischem Standort. Hier stehen sie alle. Gemeinsam mit Stalin, dem Stählernen, aus rotem Granit, der vermutlich anläßlich des Sturzes vom Denk­mals­sockel seiner Nase verlustig ging, die Rechte aber immer noch napoleonisch im Revers der Uniformjacke stecken hat - so sind sie, die Diktatoren. Selbst eine blutige Nase bringt sie nicht zur Besinnung. Nur gut, daß selbst der Stählerne seine Zeit nicht überlebte.

SkulpturenparkEs stehen noch eine ganze Menge anderer Figuren herum. Ein kalkweißer Breschnev zum Beispiel, hinter ihm auf beständigem Edelstahl der Spruch: CCCP oplot mira – die UdSSR sichert den Frieden. Oder die Welt, mir kann beides bedeuten. Nun aber sichert niemand mehr die ehemalige UdSSR, und das bedeutet: die Welt hat sich dieses Gedanken­furzes, der Sozialismus hieß, entledigt: erledigt.

Mag sein, daß man ihn noch einmal braucht, aber das wird erst kurz vor dem Untergang der Menschheit sein. Und viel zu spät, um noch irgend etwas zu retten – nicht sehr günstige Aussichten. Was müssen auch Funktionäre stets jede reine Lehre an sich reißen, sie verwässern und für ihre Zwecke anpassen! Eine dieser Geschichtsblähungen wird schließlich die Welt ins All sprengen, und mir scheint mehr als fraglich, ob das auf dem nächsten Stern in unserem Milchstraßensystem überhaupt bemerkt würde. Asche zu Asche, Staub zu Staub, Lüge zu Lüge und – gut, wir wollen mal nicht so sein und nicht immer negativ denken. Aber Einfluß nimmt nur, wer etwas tut – im Guten wie im Bösen.

Denkmal Peter d. GroßeFast empfinde ich als Strafe, daß mittendrin ein mächtiger Regenguß auf uns nieder­prasselt. Immerhin nicht auf mich alleine. Igor und Marija, die eben noch zu zweit die Schaukel einer Kinderspielecke zweckentfremdet hatten wie auch meine Zweitbeste trifft es wie mich: gemeinsam flüchten wir in das blockhäusige Café am flußseitigen Eingang des Parks. Und wieder überrasche ich die Runde am gescheuerten Holztisch mit meiner Frage an den Mann, der mürrisch unsere Bestellung nach vier Portionen Kaffee zur Kenntnis nimmt: U vas jest moloko? Da, jest, brummt er, schlurft hinter die Theke und kommt kurz darauf mit einem Kännchen Milch zurück. Und ich denke: Man kann in jedem System etwas bewirken. Man muß sich nur dafür interessieren.

Wie zum Beispiel für dieses Denkmal Peters des Großen, mitten im Wasser der Moskva errichtet, gestiftet von – so sagt man – einem georgischen Geschäftsmann auf Initiative Jurij Luzhkovs hin, des Moskauer Bürgermeisters. Das Ding ist 70 Meter hoch, und alle Moskowiter fragen sich, was es hier zu suchen hat. Wirkte doch Peter in Petersburg, zu dem man in heftiger Konkurrenz steht. Man begreift es nicht. Doch abgesägt hat es bislang auch niemand. Und so wird es – weil aus Bronze – Ewigkeiten überdauern. Oder zumindest ähnlich lange wie die demontierten einstigen Sowjetheroen in unserem Rücken. Dort hat mir eine Skulptur sehr zu denken gegeben: ein Mann, gefesselt (oder gekreuzigt) an die Flügel einer senkrecht stehenden Rakete. Das war mutig. Leider entdeckt man keine Information darüber, wo es stand und weshalb man es entfernte. Denn dieses Sinnbild wird solange Gültigkeit haben, bis der Mensch auch den letzten Baseballschläger dem Feuer übergeben und in frierende Kinder wärmende Glut verwandelt hat.

Epiphania KathedraleAls letztes besichtigen wir die Bogojavlenskij-Kathedrale, auch Epiphania genannt, an der Spartakovskaja Uliza. Bis zum Neubau der Christi-Erlöser-Kathedrale war sie das größte Gotteshaus Moskaus und Sitz des Metropoliten. Hier wurde Puschkin getauft, ihr reich geschmücktes Inneres unter herrlich bemalten Deckengewölben strotzt vor Gold und anderen Kostbar­keiten. Dem Kloster, das ihr angegliedert ist, scheint es nicht schlecht zu gehen: im „HB Bild-Atlas Spezial Moskau“ von 1992 sind ihre Turmkuppeln noch versilbert, und nur an wenigen Stellen ist Blattgold aufgetragen. Jetzt, elf Jahre später, erstrahlen all ihre fünf Kuppeln und auch die Haube des Glockenturms in reinstem Gold. Allerdings hat man auch außen an einem der vier kleineren Türme einen Fahrstuhlschacht angebracht, der mit häßlichem blauen Industrieglas verkleidet ist und sich überhaupt nicht ins Bild fügen will – schlimmer geht’s nimmer!

Doch sonst gilt: Moskau gleicht einer alten Dame, die ihre einstige Schönheit noch nicht verloren hat. Man muß sie nur unter all ihren Runzeln entdecken wollen. Die Rückfahrt findet im Regen statt. Hinter Botschka-Bierreklame taucht das Zinnengewirr des Außen­ministeriums auf, eine der sieben stalinschen Zuckertorten Moskaus. Ein Stück weiter, wo der Lenin-Prospekt in den von Oktober- in Kapuzhskaja- umbenannten Platz mündet, unter dem aber nach wie vor die Metrostation Oktjabrskaja lärmt, zerknüllt Lenin, als wäre nichts gewesen, auf hohem Sockel die Ballonmütze in der Linken. Das scheint ziemlich unvernünftig bei diesem Sauwetter, wenigstens trägt er einen Mantel, doch auch der ist nicht zugeknöpft. Kein Wunder, daß Lenin tot ist. Hinter ihm recken von Häuserblöcken Satelliten­antennen ihre riesigen Lauscher in den Äther auf der Suche nach novosty, Neuig­keiten.

Kurz vor Konkovo, in der ul. Nametkina 16, reckt sich das einem Getreidesilo ähnelnde Verwaltungsgebäude der Gasprom, Rußlands Energieriese Nummer Eins, wohl dreißig­stöckig aus dem grauen Einerlei einer Plattenbausiedlung. Auch hier das gleiche blaue Industrieglas wie am Aufzugs­schacht der Epiphania-Kathedrale, auch hier paßt es nicht, doch auf andere Art. Igor ist extra einen Umweg gefahren, nun hält er direkt davor in einer Baulandschaft mit noch Bergen von Kies, Schutt und verrostetem Stahl. Er deutet auf das Gebäude, grinst und sagt etwas, das ich nicht verstehe. Marija auf der Rückbank übersetzt: „Igor meint, das hätten wir bezahlt.“ Dann schüttelt sie den Kopf, lacht: „Ich kann mich nicht erinnern! Du etwa?“

Ja. Doch, es stimmt. Gasprom ist der mächtigste Erdgaskonzern der Welt und zugleich das größte Unternehmen Rußlands, das ein Viertel des russischen Steueraufkommens und rund acht Prozent seines Bruttoinlandsproduktes erwirtschaftet. Etwa ein Viertel des europäischen Gasverbrauchs wird von Gasprom gedeckt, wahrscheinlich wird von hier aus gesteuert auch unsere Heizung daheim mit Gas beliefert.

Nun wissen wir wenigstens, woher unser Lieferant es bezieht.

Dienstag 26. Aug. 2003

Heute geht ein lang gehegter Traum für mich in Erfüllung: ich werde die Ausstellung der Tretjakov-Galerie mit eigenen Augen sehen. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich mir das schon wünsche. Mindestens aber seit acht Jahren, als mein Interesse an den russischen Malern des neunzehnten Jahrhunderts im Russischen Museum von St.Petersburg geweckt wurde, und ich immer nur noch mehr von ihnen sehen wollte. Es war gar nicht schwierig, Marija und meine Zweitbeste zu überreden, mitzukommen, obwohl sie beide die staatliche Galerie schon von einer früheren Reise kannten. Sie machten es mir leicht, denn auch sie wollten bestimmte Gemälde wiedersehen. Ja, das gibt es, es brennt in einem wie, wie – wie Heimweh etwa, wem das was sagt.

Lena und Igor legten wieder einen Arbeitstag ein, und wir fuhren mit der Metro. Regen und verhangener Himmel: ein idealer Tag also fürs Museum. Am Abend zuvor hatten Lena und Marija noch das Wörtchen tri (drei) geübt, das Letztere an der Kasse mit dem Wunsch nach Karten für uns drei sagen müsse, um nicht sofort als Ausländerin erkannt zu werden, die den fünffachen Preis für Eintrittskarten hin­blättern müssen: trrri! – Tri! – trrrrrrri!!

Ich bezweifelte, daß Marija mit ihrem rauhen Tri! als Originalrussin akzeptiert würde. Lenas Drei dagegen klang wie Vogelgezwitscher: trrri!!! Als Marija allerdings mit strahlen­dem Gesicht von der Kasse zurückschwebte und voller Freude ausrief: „Ich hab sie!“, da bat ich ihr alles ab: dann beherrschte sie also diesen Vogeltriller! Daß die zhenschtschina an der Kasse halb taub gewesen sein könnte, zog ich hingegen nicht einmal in Erwägung. Heimlich probierte ich es selber: Tri – vermutlich hätte ich den zehnfachen Preis bezahlen müssen. Als ein russischer Besucher mir, der ich immerfort dieses Wörtchen, allerdings in unterschied­licher Betonung und Modulation, vor mich hin murmelte, offen einen Vogel zeigte, gab ich es auf. Ach Maruschka, es war ja nur ein Versuch!

Drinnen dann verlor ich jeglichen Sinn für Zeit und Ort. Wohlweislich hatten wir einen Treffpunkt ausgemacht, auch wann wir dort sein wollten, doch ich, der ich sonst so streng auf Pünktlichkeit poche, hielt ihn nicht ein. Ich verlor mich einfach zwischen Gemälden und Aquarellen, begrüßte lang herbeigesehnte Geliebte, schwang mich auf Flügelrösser und eroberte oft geträumte Höhen russischer Kunst. Da waren sie alle: Archipov, Aivasovski, Fedotov, Gay, Ivanov, Kiprenski, Kramskoj, Kuindshi, Maljavin, Perov, Savrassov, Schischkin, Serov, Surikov, Repin, Vrubel - und immer wieder Repin, mein Lieblingsmaler. Doch der machte sich rar, und der weiter vorne beschriebene Mord Iwans des Schrecklichen war vielleicht längst an einen reichen Sammler in – sagen wir mal - Chicago, der Stadt der Schlachthöfe verkauft, und...

Hier nun bekam ich Hunger, sah auf die Uhr – und hetzte zurück durch die Ausstellungs­räume, bis ich die Säulen des Entrées wieder vor mir sah. Meine beiden Damen hielten bereits nach mir Ausschau. „Ich hoffe, ich hab mich nicht allzusehr ...“ keuchte ich. „Wir sind auch erst seit eben da,“ beruhigte mich Marija und schwenkte einen eben erworbenen Ausstellungskatalog vor meiner Nase. Na Gott sei Dank. Dann war meine Zweitbeste sicher auf dem ... „und deine Frau ist auf dem ...“ Na also.

Als wir die Galerie verlassen, hat es gerade zu regnen aufgehört. Die Luft schwimmt in Treibhausnebeln, und das Straßenpflaster glänzt. Auf dem Weg zurück zur Metrostation Tretjakovskaja heißt es, nicht in eine der stehengebliebenen Lachen oder Pfützen zu treten und darin zu ertrinken. Wir wollen zum Alten Arbat. Also Platz der Revolution und von dort die blaue Linie zur Arbatskaja. Etwas zögerlich kommen wir ans Licht, umtost vom Verkehr des Novy (Neuen) Arbat, der von hier direkt zur Duma und dem russischen Weißen Haus führt. Und weiter über die Moskva zur Minskoje Schosse. Aber so weit – nach Minsk - wollen wir heute nicht mehr.

Am Alten Arbat, der links am gleichnamigen Platz vom Neuen abzweigt, beginnt es wieder ein wenig zu tröpfeln. Regenschirme klappen auf, es sieht aus, als sei die Straße mit einer bunten Stoffhaut überzogen. Doch es ist nur ein Intermezzo. Bald schaut die Sonne wieder hervor und trocknet alle Pfützen. Über dem Ende der Straße ragen die Schloßzinnen des Außenministeriums. Wie in Paris sitzen auch hier die Portraitisten und warten auf Kundschaft. Allerdings unter großen Schirmen, denn die Witterung Moskaus ist sehr viel launischer als die der Seinestadt. Sie bieten auch selbstverfertigte Ölgemälde an, malen sieht man hier aber keinen von ihnen. Einige haben zum Zeitvertreib auf die Kachelwand hinter sich Sonnenuntergänge gemalt, auf jeder Kachel geht sie anders unter.

Wir suchen eine Gelegenheit zum Essen und landen in einem Bistro, das seinen Betrieb kurzerhand auf die Straße verlegt hat. Eine rasch gezimmerte Holzkonstruktion mit Dach ersetzt den Gastraum, nur Küche und Schankraum befinden sich im Haus. Das sieht man hier häufig, denn Pachtverträge mit der Kommune sind allemal kurzfristiger abgeschlossen, als Baugenehmigungen erteilt werden. Deshalb auch die vielen Container-Kioske auf der Straße, Igor als Jungunternehmer weiß ein Liedchen zu pfeifen von bürokratisch hübsch verschlungenen Behördenwegen.

Das russische Wort bystro bedeutet schnell, und es ist nicht etwa so, daß sich sein Ursprung im Westen findet, wie zum Beispiel buterbrod oder masschtab, vielmehr lehnt sich das französische Bistro an das Russische an. Ein Kosake hatte in Paris auf dem Montmartre 1814 das noch heute bestehende Restaurant La Mère Catherine übernommen und das Wort zum Antreiben seiner Küchenmannschaft verwandt. Die Gäste übernahmen bald diesen Begriff und setzten ihn mit schneller Küche gleich. Hier, am Arbat, wo wir hungrig Platz genommen haben, scheint die ursprüng­liche Bedeutung von Bistro nicht mehr bekannt zu sein, denn wir warten über eine Stunde auf das bestellte Gericht, irgendwelche Hackfleisch­bällchen mit Reis, angeboten unter einem Fantasienamen. Der Kellner meidet unsere Umgebung wie auch jeden Blickkontakt. Aus der Ecke brüllt ein Fernseher Fetzen einer Fußball­reportage über die wenigen Gäste hinweg, Discogestampfe aus mindestens zehn über uns verteilten Laut­sprechern versucht ihn zu übertönen. Als wir aufstehen und den ungastlichen Ort verlassen wollen, kommen Kellner und Essen, und nur unsere knurrenden Mägen heißen uns, die Plätze wieder einzunehmen. Um es kurz zu machen: Essen und Service sind miserabel, die Preise gepfeffert. Was müssen wir auch ausgerechnet auf dem Alten Arbat, Moskaus Flaniermeile, Hunger verspüren. Der Kellner jedenfalls bekommt auf Heller und Pfennig abgezählt. Nein, kein Trinkgeld, nitschevo!

An der Smolenskaja kauft Marija einer alten Frau die letzten Pilze ab, sie selber ist leidenschaftliche Sammlerin und kennt sich aus. Hinterher glaubt sie, daß die Alte sie beschubst hat, doch da ist die schon weg. Als Marija nochmals ihr Wechselgeld nachzählt, ist plötzlich alles in Ordnung. Bei einer anderen Alten erstehen Marija und meine Zweitbeste gemeinsam einen Strauß Blumen für Lena und wählen jede einzeln sorgfältig aus. Befriedigt über den vorteilhaften Kauf war die Sache mit den Pilzen rasch vergessen. In Konkovo dann schmeckten sie abends als Pilzragout ausnehmend gut zu einem Topf voller Spaghetti, und niemand klagte über Beschwerden. Lena freute sich zudem mächtig über die Blumen.

Am nächsten Tag ließen die ihre Köpfchen hängen - so kann man sich in Blumen- und Pilzfrauen täuschen.

Mittwoch 27. Aug. 2003

Heute ist ein trüber Tag.

MariWenn man in Konkovo von dem winzigen Balkon, auf den kein Stuhl paßt, und der nur zum Rauchen und Abstellen von nassen Schirmen oder Melonen benutzt wird, dreizehn Stockwerke tiefer aufs Pflaster schaut, sieht man ein Herz, unbeholfen mit weißer Farbe dorthin gepinselt, darin gefangen der Name Mari. Gerade stöckelt ein duftiges Wesen mit wehenden roten Haaren über den Schriftzug. Ist das die Mari, nach der ein Unbekannter sich so sehr verzehrt, daß er der ganzen Welt sein tiefstes Gefühl offenlegt, unbekümmert, ob sie darüber hinweg trampelt? Ja, es könnte Mari sein, und sie trampelt keineswegs: sie schwebt; ist heute nicht – trotz des Regens - ein fröhlicher Tag?

Vormittags haben wir eine ausgiebige Besichtigung des Moskauer Kreml beschlossen, gegen vier werden Lena und Igor zu uns stoßen, so haben wir uns gestern abend geeinigt. Dann können die beiden heute wenigstens die meiste Zeit des Tages auf ihren jeweiligen Arbeitsstellen nutzen, und wir beschäftigen uns derweil selbst. Also mit der Linie sechs bis zur Tretjakovskaja, dort in die Zwei umsteigen und zum Platz der Revolution fahren. Dann die Drei bis zur Lenin­bibliothek, die sich direkt gegenüber dem Alexandergarten befindet. Wieder an der Oberfläche, erschlägt einen fast deren nüchterne Wucht. Dostojevskij, in Stein gehauen, sinnend auf einem Sockel davor, mildert etwas diesen Eindruck. Sein Blick jedoch bohrt sich sorgenvoll in den Boden. Mir wäre auch nicht wohl mit solch einem düsteren, strengen Klotz, den die Bibliothek darstellt, im Nacken. Zu Sowjetzeiten war Dostojevskij verpönt, weil er dem Sozialismus seit dessen Anfängen kritisch gegenüberstand, jetzt besinnt man sich wieder auf ihn als einen der größten nationalen Köpfe.

Vor uns recken sich die roten Türme und Backsteinmauern des Kreml. Am Grabmal des Unbekannten Soldaten hält ein blutjunger Uniformierter Wacht, das Gewehr bei Fuß und den Blick unter der Tellermütze starr geradeaus gerichtet. Letzthin habe ich Igor über Marija gefragt, ob diese Wache Strafe oder Ehre sei, und da antwortete er, das sei ganz normaler Dienst, nichts Besonderes, ein Wachbataillon.

Draußen, vor den schmiedeeisernen, schwarzen Toren des Alexandergartens wartet bereits eine lange Menschenschlange. Gegen zehn Uhr morgens werden vor ihr die Absperrgitter ausgefahren, von nun an ist der Rote Platz nur noch kontrolliert begehbar. Der Grund ist das Lenin-Mausoleum, das immer noch streng behütet wird und nur ohne Taschen, Fotoapparate oder sonstiges sperriges Gerät betreten werden darf. Ein Umstand, der vielen besuchs­willigen Menschen allerdings erst bewußt wird, wenn sie nach halb­stündigem Anstehen vor der Kasse kurz vor dem Ziel unter Hinweis auf ihre nicht genehmen Accessoires abgewiesen werden. Daß größere Taschen nicht erlaubt sind, steht nämlich erst ganz klein am Kassenhäuschen. Es scheint eines dieser beliebten Spielchen noch aus Sowjetzeiten, potentielle Antragsteller wieder ganz hinten in der Schlange einzureihen, um sich solcherart die Arbeit vom Hals zu halten. Tucholsky hat gesagt, des Deutschen Schicksal sei es, vor einem Schalter zu stehen, sein Ideal jedoch, hinter demselben zu sitzen. Das gilt auch heute noch - allerdings weniger für Deutschland, sondern eher für das post­kom­mu­nistische Rußland.

Auf dem nicht abgesperrten Teil des Roten Platzes treiben martialisch kostümierte Männer ihr Unwesen, das darin besteht, sich mit Besuchern fotografieren zu lassen. Ich habe mich gleich zu Beginn von meinen beiden Damen verabschiedet, den Kreml will ich ganz allein erkunden. Sie kennen ihn schon und befassen sich mehr mit seinem Inneren, ich halte es vorerst mit seinem Äußeren. Gemeinsam hätten wir uns nur behindert.

Ich habe mir vorgenommen, das dreieckige Areal einmal ganz zu umrunden. Von der anderen Seite des Roten Platzes leuchten vielfarbig die Türme der verspielten Basilius-Kathedrale herüber. Iwan, der schreckliche Sohnesmörder, ließ sie nach seinen Siegen über das Khanat von Kazan in der Mitte des 16. Jh. errichten. Hartnäckig hält sich die Legende, daß er ihre Baumeister Postnik und Barma blenden ließ, damit sie keine zweite so prächtige Kirche errichten konnten. Davor auf braunem Sockel das bronzene Denkmal für Minin und Poscharskij. Fürst Poscharskij, der mit Hilfe des Bauern Minin-Sochoruk und dessen Volksheer zuvor die Polen aus Moskau vertrieben hatte, ließ zum Dank an Gott für die Befreiung Rußlands am Eingang des Roten Platzes 1636 die Kazaner Kathedrale errichten, ich erzählte bereits davon. Beide Helden des russischen Volkes sind nun in diesem Denkmal verewigt.

An der Westseite des Platzes, dort, wo jetzt Lenins Mausoleum als roter Marmorklotz mit umlaufender schwarzer Trauerbanderole steht, gab es bis 1812 noch einen 30 Meter breiten Festungsgraben entlang der Kremlmauer. Als die Franzosen abgezogen waren und die Stadt teilweise ganz neu aufgebaut werden mußte, schüttete man den Graben zu. Lenin liegt übrigens immer noch gegen seinen ausdrücklichen letzten Willen hier. Wenn es nämlich nach der melancholischen Nadezhda Krupskaja gegangen wäre, hätte man ihren Mann seinem Wunsch gemäß auf einem richtigen Friedhof neben seiner Mutter beerdigt. Der Führer der Oktoberrevolution aber wurde von Stalin als Schauobjekt und Vorzeige­kommu­nist in eine gläserne Kühltruhe verbannt. An die 80 Jahre ist er nun schon zu beschauen, jeden Tag außer montags drei Stunden lang, regelmäßig wird er zum remont geschleppt, zur Überholung. Auch Stalin ließ sich nach seinem plötzlichen Tod 1953 in diese Gruft neben Lenin legen, wurde aber 1961 von seinem Nachfolger Chruschtschov an die Kremlmauer umquartiert. Lenin blieb. So ändern sich die Zeiten.

Kaufhaus GUMDer jetzige Bau entstand 1930 und hatte nebenbei eine ganz pragmatische Funktion: er war Regierungstribüne bei den Militärparaden und Aufmärschen von Arbeitern, Bauern und Komsomolzen. Links und rechts davon baute man gleich noch ein paar Ehrentribünen für 10.000 Ehrengäste. Jawohl, in solch einem riesigen Land kommt einiges zusammen.

Der Rote war aber auch immer schon Handelsplatz. Zu Ende des 15. Jh. nannten die Moskauer den nach einem der damals häufigen, verheerenden Brände entstandenen Platz torg, Handel, und nutzten ihn entsprechend. Später gab es lange Budenreihen, wie heute noch an vielen Metrostationen außer­halb des Zentrums. Erst Ende des 19. Jh. wurde dann das für lange Zeit größte Kaufhaus Rußlands gebaut: das GUM (gasudarstvennije=staatliches, heute: glavnij=Haupt, universal magasin=Kaufhaus), welches nahezu die gesamte Ostseite des Platzes einnimmt. Dessen heutiger Name Krasnaja Ploschtschad kam erst im 17. Jh. auf. Krasnaja bedeutet sowohl rot als auch schön, der Bedeutungswandel vom Schönen zum Roten Platz vollzog sich zu Beginn des 20. Jh. mit dem Fußfassen des Kommunismus.

Was nur wenige wissen: dieser Platz, auf dem unter den Kommunisten das Rauchen streng verboten war, galt fast 120 Jahre lang auch als Ort der Wissenschaften. 1755 nahm hier – weiter vorne wurde bereits darüber berichtet - die erste Moskauer Universität als zweite im Lande den Lehrbetrieb auf. Seit 1871 steht an jener Stelle zwischen Kazaner Kathedrale und Kremlmauer jedoch der dunkelrote Backsteinbau des Historischen Museums. Die Uni mußte damals weichen und wurde wenige hundert Meter weiter an die Mochovaja Uliza verlegt.

Am Vassilievski Spusk (Basilius Abhang) versucht ein blondes Bräutchen, das Traum­gespinst ihrer weißen Hochzeitsrobe gegen den böigen Wind zu behaupten. Es bauscht und bläht sich vor ihrem Bauch, als ginge sie mit Fünflingen im siebten Monat schwanger. Der baumlange zukünftige Ehemann stolpert mit dem Schirm in der Hand nebenher, als wäre er nur zufällig in diese Szene geraten. Überhaupt sieht man allenthalben Hochzeitspaare, und man könnte daraus den Schluß ziehen, in Rußland würde mehr geheiratet als anderswo. Doch dieser Eindruck trügt. Es ist nur so, daß dieser Tag bei den Russen einen ganz anderen Stellenwert besitzt als im Westen, wo heutzutage der Gang zum Standesamt in der Regel genügt, um ein Paar zumindest auf Zeit miteinander zu verschrauben. In Rußland wird eine Hochzeit, wenn irgend möglich - denn es gehört ja auch einiges Geld dazu -, sorgfältig inszeniert und zelebriert. Dazu gehören ein übergroßes, mit Blumen geschmücktes Auto (es gibt spezielle, ausleihbare Langversionen mit sechs Sitzen, davon die hinteren vier sich vis-a-vis gegenüber angeordnet), mindestens zwei Trauzeugen und eben der Fototermin an einem berühmten Platz. Die Basilius-Kathedrale ist hierfür ein sehr beliebter Ort, und die jungen Paare nehmen weite Wege in Kauf, um sich vor ihr ablichten zu lassen.

Mein Weg führt mich über die lebensgefährliche Varvarka. Im Moment schüttet es wie aus Eimern, deshalb renne ich schneller, als die Scheinwerfer der Autos heranrasen. Selbst der Milizionär, der hier an der Kurve zur Großen Moskvabrücke den Verkehr überwachen soll, hat sich untergestellt und droht mir nur mit seinem kurzen weißen Knüppel unter einem Vordach hervor von der gegenüberliegenden Seite. Im Sonnenschein hätte er sich wohl die Lunge aus dem Leib getrillert mit seiner Pfeife. Bei diesem Sauwetter macht das aber keinen Spaß. Außerdem könnte, weil die Funktion der Pfeife auf den Gesetzen der Schwerkraft beruht, und das Loch deshalb oben liegen muß, es hineinregnen. Dann ginge gar nichts mehr. Oder hat jemand schon einmal unter Wasser eine Trillerpfeife ausprobiert? Eben. Ohne dieses Requisit aber wäre ein moskauischer Polizist nichts als ein uniformierter Popanz. Er kann doch nicht jedem, den er verwarnen will, mit seiner Pistole, die er ja auch noch hat, vor die Füße schießen! Grimmig schaut der meinige mir aus seinem Unterstand nach. Selbstschutz geht vor Tätereinvernahme, das lehrt jedes Handbuch für angehende Polizeischüler, und ich lache mir ins von fieser Witterung klamme Fäustchen. Sozusagen klammheimlich.

Weshalb aber dieser lebensgefährliche Spurt über die Varvarka? Ein Kirchlein hat mich gelockt, mit goldglänzender Turmzwiebel: die Kirche der heiligen Barbara, Tserkov Varvary, woher die Straße – nebenbei eine der ältesten Moskaus – ihren Namen hat. Hinter der Kirche zwischen Varvarka und Moskva befand sich vor der Revolution eines der am dichtesten bevölkerten Viertel Moskaus mit engen Mietshäusern, Lagerräumen und kleinen Industrie­betrieben. Unter Stalin wurden diese Slums abgerissen, denn hier sollte Moskaus achtes Hochhaus im Zuckerbäckerstil entstehen. Dazu kam es nicht, und viele Jahre klaffte hier eine Baulücke. Bis dann das Hotel Rossija, Rußland, errichtet wurde, ein Bettenlabyrinth mit 3000 Zimmern für über 5500 Gäste. Grau, klobig und im falschen Messingcharme italienischer Eisdielen der fünfziger Jahre überragt es das winzige Kirchlein, das dennoch unter dem ungetümen Klotz überlebt hat. Und nicht nur es: drei weitere Kirchen ziehen sich an der Varvarka hin: die Kirche des heiligen Maxim (Tserkov Maksima), das Kloster zur Mariä-Erscheinung (Znamenskij Monastyr) und die farbenfrohe Georgs-Kirche (Tserkov Georgija). Außerdem steht hier noch ein Relikt aus dem 16./17. Jh., der Alte Englische Hof (Staryj Angliskij dvor), ein ehemaliges Handelszentrum Englands, welchem Iwan der Sohnesmörder 1553 in Person des Briten, Kaufmanns und Kapitäns Roger Chansler die Monopolrechte für den Handel mit Rußland zugesichert und dieses Gebäude vermacht hatte. Heute ist es ein Museum.

Das Rossija übrigens soll abgerissen werden; trotz oder wegen seiner wuchtigen Ausmaße gehört es heute nur noch zur Kategorie drei (Zimmer derzeit von 46 bis 140 Euro, Stand 2003) und ist kaum mehr vermietbar. Solange es jedoch steht ein Preistip für diejenigen, die für wenig Geld (ha!) zentrumsnah für ein paar Tage unterkommen wollen. Das (ha!) deshalb, weil normale Hotels in Moskau noch viel (viel!!) teurer sind. Moskau ist nach Tokio die teuerste Stadt der Welt, und man kann dort nur leben, wenn man entweder:

-   Moskowiter ist und Verwandte hat, die einen irgendwie im Einbauschrank oder sonstwo noch unterbringen,

-   Millionär, Neureicher oder zumindest irgendwie verrückt ist,

-   von einer vor Geld stinkenden Firma, die sämtliche Spesen zahlt, dorthin entsandt ist, 

-  oder - wie wir - Freunde hat, die einem ihre hiesige Wohnung zeitweise abtreten.

Für alle anderen ist das Rossija ein heißer Tip.

Wenn ich anhand von Fotos meinen weiteren Weg in Umrundung des Kreml rekon­stru­iere, lande ich zuerst auf der Großen Moskvabrücke. Darunter geht der Verkehr auf dem Naberezhnaja Moskvorezkaja entlang der Kremlmauer dreispurig in Richtung Westen, aber nur zweispurig in Gegenrichtung. Über den drei Spuren ragt im Dunst das Hotel Ukraina, eine der stalinschen Torten. In Gegen­richtung, ebenfalls Zuckerbäcker, das Wohnhochhaus am Kotelnitscheskaja Kai, ein bißchen die Moskva hinunter an deren nördlichem Ufer. Von der Brücke, in deren Aussichtsbuchten ich wieder eine Hochzeitsgesellschaft erlebe, diese total durchnäßt, gleichwohl recht aufgekratzt, wende ich mich darüber hinweg auf der Sofiskaja Uferstraße am südlichen Kai der Moskva entlang gen Westen.

Hier entdecke ich in einem Hinterhof ein winziges Kirchlein, das eingerüstet seiner Renovierung harrt. Es hat etwas Rührendes, wie das häßliche Entlein neben all den Schwänen des Kreml mit ihren goldenen Hauben, die stolz über den Fluß herüberblinken; und mein kleines Kerlchen scheint seine zahlreichen kokoschniki wie sehnsüchtige Augen auf die großen Brüder zu richten, und zu denken ... Unsinn, eine Kirche denkt nicht! Ich bin es.

Irgendwann werde ich ein Märchen ersinnen, in dem ganz viele kleine Kirchen vorkommen. Aber nicht jetzt. Jetzt fällt mir ein: der Regen hatte zwar etwas nach­gelassen, doch nur soweit, daß der Gang über die Sofiskaja nicht mehr dem Hüpfen auf blanken Steinen im Bach glich. Dazu muß man wissen: die Fallrohre von Regenrinnen enden in Rußland meist dreißig Zentimeter über dem Trottoir in einem bogenförmigen Auslauf. Manchmal, wenn sie neu sind, auch etwas über Kopfhöhe, dann hat jemand mit Eigenbedarf das bequem erreichbare untere Rohrende einer anderen Verwertung zugeführt. Sprich: es geklaut (man achte mal in Moskau und Petersburg auf Leute mit Rohren unter den Armen).

Wenn es stark schüttet, wie eben, pladdert alle zehn Meter - das variiert je nach Häuser­breite - das sorgsam von den Dächern zusammengelesene Naß schwallartig über den Geh­steig. Manchmal auch in den Kragen, siehe andere Verwertung. Schlimm muß es im Winter sein, wenn es bereits taut und von den Dächern aus den Rinnen tropft und sogleich auf dem noch gefrorenen Boden sich in spiegelglatte Eisbahnen verwandelt. Da geht das hier ja noch, also springe und hüpfe ich.

So gelange ich zur Großen Kamennyj-Brücke, und da hat es endlich aufgehört zu regnen, nur die Gischt spritzt hoch, wenn die Autos auf der Brücke durch meterweite Lachen fahren. Sie endet am südwestlichen Zipfel des Kremldreiecks beim Borovitskij-Torturm, dessen Aus­fahrt den schwarzen Staatskarossen vorbehalten ist, früher sowjetische Zil-Limousinen mit verhängten Scheiben, heute 7er BMW und Mercedes. Die Einfahrt erfolgt durch den Erlöser­turm, der Kreml ist Einbahnstraße, doch das berührt nur die russische Regierung. Denn hier, sorgfältig durch wachsame Uniformierte von allem Touristentrubel abgeschirmt, befinden sich wie eh und je Senat, Kongreßpalast und Amtssitz des russischen Präsidenten, derzeit Vladimir Vladimirovitsch Putin, will sagen: auch seinen Vater rief man schon so.

Entlang der hohen westlichen Kremlmauer wandere ich durch den Alexandergarten, eine verschämte Sonne lugt durch die Wolken. Rechterhand erhebt sich der Dreifaltigkeits-Turm, der zusammen mit der vom Kutafja-Wachtturm herführenden Brücke den Touristen­eingang zum Kreml bildet. Backsteinrot mit vielfältig gegliedertem Zinnen- und Säulenwerk in Stuck­weiß, reckt er sich siebenstöckig mit achteckigem Zeltdach als Krönung in den noch größtenteils zugezogenen Himmel. Unter der ehemaligen Brücke floß einst die jetzt unter­irdisch in Rohre gezwängte Neglinnaja als Festungsgraben. Vom Kutafja-Wacht­turm aus wurde der Flußübergang gesichert. Das alles entstand etwa im 15./16. Jh.

Allmählich nähere ich mich dem Manegenplatz, wo wir – das heißt, meine beiden Damen und ich - uns gegen halb Zwölf verabredet haben. Während sie Basilius-Kathedrale und GUM besichtigten und dort vermutlich gegessen haben, bin ich einmal um den Kreml herum und habe dafür etwa zweieinhalb Stunden benötigt. Und nichts gegessen. An den Wasser­spielen des Manegenplatzes treibt sich ein Zug blutjunger Wachsoldaten herum, ausstaffiert, wie sie auch am Grabmal des Unbekannten Soldaten Wache stehen: olivbraune Uniformen und Tellermützen mit roten Biesen, um den Leib goldene Gürtel und über der Brust ebensolche Fangschnüre, dazu auf jedem Oberarm ein Wappen: links das der russischen Armee, rechts das ihrer Einheit, etwas, das an ein Blumenbukett erinnert, aber wohl nicht ist. Sie sehen alle sehr blond, sehr jung und sehr kahlgeschoren aus, unter den Tellermützen haben sie große, abstehende Ohren, durch die zaghaft die Sonne leuchtet. Bei ihnen zwei Mädels, schwarz und blond, man stellt sich für ein Foto auf, endlich stehen sie: die Jungs zufrieden lächelnd, die Mädchen etwas verlegen aber durchaus sich der Ehre bewußt, eingehakt Arm in Arm mit einem der schneidigen Landesverteidiger eines wieder selbst­bewußten Rußlands auf einem Foto abgelichtet zu werden. Im nun fast verschwenderischen Sonnenschein glänzt festlich das weiße Zinkdach des Historischen Museums, darüber spreizen stolz vier russische Doppeladler auf den Turmspitzen ihre goldenen Schwingen.

Am Auferstehungstor steht ein großer, kräftiger Mann in brauner Kutte, das vollbärtige Gesicht mit einer Sonnenbrille verdunkelt, Blindheit suggerierend. Entfernt erinnert er mich an eine Hälfte der Bluesbrothers. Über der Kutte trägt er ein Jackett und vor der Brust am Riemen ein blankgeputztes messingnes, durch ein Kreuz verziertes, Opfergefäß. Jedenfalls läßt der Geldschlitz an dessen Oberseite keine andere Deutung von dessen Bestimmung zu. Auf dem Haupt sitzt ihm eine braune Baskenmütze, in der Linken hält er ein zerknittertes Traktat mit dem Abbild seiner Kirche. Er ist nicht blind, denn er dreht den Kopf in meine Richtung, als ich ihn fotografiere. Machen kann er nichts. Und so zeige ich ihm heimlich noch den Stinkefinger, worauf er ärgerlich die Lippen zusammenpreßt und seine polierte Spendenbüchse fester an sich drückt. Aber machen kann er nichts, offiziell für alle anderen ist er nun mal blind. Wahrscheinlich verflucht er mich. Allerdings – das weiß jeder – wirkt so ein Fluch nur, wenn man dabei auch das Kreuz - - muß er nun gerade ein Kreuz schlagen, nur weil ihm ein Passant zehn Rubel in die Büchse gesteckt hat?

Da werde ich mich demnächst wohl etwas in Acht nehmen müssen.

Marschall Zhukov reitet übrigens immer noch von hier auf den Manegeplatz hinaus, heute gibt sich das Wetter für einen Ausritt sehr viel passabler als vor drei Tagen. Eigentlich hätte sein Roß längst einmal äpfeln müssen - woran man aber anschaulich sieht, daß Historie nicht lebt, im Gegenteil: was vergangen ist, ist tot. Megatot. So wie die volksmundig Repressance genannte Mischung aus Klassizismus und Barock, die einen der flankierenden Türme des alten Hotel Moskva ziert. Seine Fassade zum Manegenplatz ist verhängt, weil es abgerissen werden soll. Der andere Turm ist im Stil der Neuen Sachlichkeit gehalten, man möchte alles erhalten - und kann es doch nicht mehr sehen. Schwierige Zeiten, in denen Rußland zu sich selbst finden muß.

Der Rote Platz ist ein Geviert von Absperrgittern, innerhalb dessen ein einzelner Polizist allzu aufdringliche Menschen zurückscheucht. Und alles kuscht. Der Russe ist noch nicht so weit, Rechte aus der Verfassung geltend zu machen. Und da sie es nicht tun, denken die meisten der nach örtlichen Hilfen und Hinweisen schielenden Touristen, daß hier immer noch finstere Sowjets herrschen, die Aufmüpfige auch heute noch eben mal nach Sibirien expedieren können.

Deshalb genügt der einzelne Polizist. Der aber mindestens genausoviel Bange vor den ihn bedrängenden Menschenmassen haben wird wie die vor ihm. Links ist ein Gang entlang der vielfältig gegliederten Fassade des Kaufhauses GUM freigehalten, dessen obere Stockwerke mit Schiefer verkleidete Türme und Zeltdächer harmonisch abschließen. Draußen (was den Kreml angeht) findet sich vor dem Auferstehungstor ein Stern aus Messing im gepflasterten Boden. Von hier zählen alle Entfernungen im Russischen, hier wirft man drei Münzen über die Schulter, das soll – ach, was kuriert russischer Aberglaube nicht alles!

Bedürftige sammeln die Münzen ein, ältere Frauen zumeist, sie tragen bunte Kopftücher und lassen sich nicht gerne bei ihren Bück- und Springprozessionen fotografieren. Sie schämen sich. Und immer wieder Hochzeiten – mein Gott, werden die Leute denn nie klüger? Da vorne, die junge Braut im schnupfenfördernden kleinen Weißen mit bloßen Armen und schmückenden Perlen im Haar, neben ihr ein Riese, ihr Bräutigam: angesichts Zhukov muß ein Foto sein. Dann kleidet sich das junge Bräutchen rasch wieder in die wärmende schwarze Lederjoppe, die ihr ein langhaarig blondes Kind die ganze Zeit hinterher getragen hat. Der Ehemann in spe ist sperrig, überragt seine Braut um mindestens zwei Köpfe, und man fragt sich als Außenstehender bang, ob er sie in der bewußten Nacht nicht einfach unter seinem Gewicht erdrückt – das wäre schade, so, wie sie sich mit ihrem etwas derben Gesicht und einfältigen Lächeln darauf freut. Aber sie werden es schon einmal probiert haben, denke ich. Die Prüderie des Kommunismus hat man ja hinter sich.

ManegenplatzAm Manegenplatz springende, schwarze Rosse aus blankem Stein, darüber hin stürzen­des Wasser. Dies ist ein beliebter und stets von Menschen quirlender Treffpunkt. Ein Mongole mit etwas Filzigem auf dem Kopf, das entfernt an eine Kaffeemütze erinnert, geht an mir vorüber, selbst die Blicke der Russen folgen ihm. Ich lehne mich geruhsam zurück an die Steinbalustrade, genieße die Wärme der Sonne und beobachte das Treiben um mich her. Man hat hier einen schönen Themenpark mit Figuren aus russischen Volksmärchen angelegt, die von den Kindern zwar mit großen Augen angestaunt, aber nicht erklettert oder betastet werden können, da sie im Wasser stehen. Sie bilden die Überleitung vom Manegenplatz zum darunter liegenden Einkaufszentrum Ochotnyj Rjad, das sich mit seinen Arkadengängen anschließt. Hinter einem seiner Bogensegmente befindet sich eines der vielen McDonalds der Stadt. Eine lange Schlange wartet geduldig auf Einlaß, vor der Tür zum Gipfel neurussischer Speisekultur verteilt eine junge Frau in schwarzem Augenschirm und rot-weiß kariertem Hemd mit Namenschild Papierfähnchen an Kinder und Erwachsene. Der Laden brummt, die Öffnungszeiten stehen an der Tür: Restaurant von 8:00 – 24:00 Uhr, Makekspress rund um die Uhr mit technischer Unterbrechung von 2:00 – 4:00. Man will nicht zuviel Betrunkene im Laden haben.

Jemand zupft mich am Ärmel, es ist Marija. „Na?“ fragt sie, und ihre Augen leuchten auf eine Art, wie nur Maruschkas Augen leuchten können. Aber sie hat die falschen Schuhe an, die Füße tun ihr weh. Frauen, denke ich, haben immer falsche Schuhe an, weil sie sich ständig neue kaufen und daher kein Paar richtig einlaufen können. Das sage ich freilich nicht laut. Hinter ihr taucht meine Zweitbeste auf. „Was machen wir?“

„Erstmal was essen“, schlage ich vor. In mir knurrt etwas wie eine große neufund­ländische Dogge. „Haben wir schon!“ triumphieren die beiden. Es stellt sich heraus, daß sie im GUM kievsky kotlety verputzt haben, ein gefüllter Fleischklops, der mit Kotelett nur den Namen gemeinsam hat. Wir kommen überein, nunmehr den Kreml von innen zu erkunden. Meine beiden Damen wollen in jede offene Kirche, ich ziehe vorerst aus den bekannten Gründen deren Äußeres vor. Also wieder getrennt marschieren. Das knurrende Untier in mir besänftigt ein ganz nach Wunsch zusammengestelltes chot dog, das Marija mir an einem Stand im Alexandergarten basteln läßt: ein Brötchen, darin zwei fingerdicke Würstchen, kein Senf, nein danke, auch kein Ketchup. Das Brötchen ist knusprig und schmeckt gut.

Auf dem Rasen nebenan fegt eine Kolonne der Stadtreinigung von – ich zähle – neun Männern und Frauen mit Reisigbesen Laub zusammen. Sie kommen unter einen Apfelbaum, und da heben sie wie auf Kommando ihre Besen und schlagen die reifen Früchte vom Baum. Hei, wie das purzelt und rollt! Als Kinder den Segen bemerken und herzuspringen, haben die Neun längst alles eingesackt und in ihren Taschen verschwinden lassen. Aber eine Frau schlägt doch noch einmal in die Zweige, und darum dürfen sich die Kleinen balgen. Ein Polizist verkneift sich das Schmunzeln und sieht angestrengt in entgegengesetzte Richtung.

Auch an der Kasse zum Inneren des Kreml kommt Marija mit ihrem russisch geschnäbelten Trrri! gut an. Anstandslos reißt der uniformierte Kontrolleur das kleine Eckchen aus unseren Karten, die nur ein Fünftel des normalen Touristenpreises kosten und uns als waschechte Russkis ausweisen. „Davai, davai!“ drängt er und schiebt uns an den Schultern weiter, als es wieder irgendwo stockt, weil jemand seinen Rucksack nicht abgegeben hat. Die sind auch hier nicht erlaubt, der furchtbare Anschlag auf das Musical „Nord-Ost“ im Oktober vergangenen Jahres ist noch in zu frischer Erinnerung. Bis zum gestauchten Rechteck des Arsenals mit seinen 875 Kanonen vor den Gebäuden sind wir noch zusammen, dann trennen sich unsere Wege. Die ursprünglichen Skizzen zu diesem Bau stammten von Peter dem Großen, allerdings sprengten ihn die Franzosen auf ihrem Rückzug, und so mußte nach 1812 alles neu aufgebaut werden.

Auffällig sind dicke weiße Linien auf dem Pflaster, die man nicht übertreten darf. Sie trennen den touristisch begehbaren Bereich des Kreml vom Sitz des Obersten Sowjets (Rats) der Russischen Föderation sowie dem des Präsidenten. Aufmerksame Milizionäre mit vor der Hüfte aus dem Handgelenk wirbelndem Knüppel haben ein waches Auge auf diese Demarkationslinien, und sobald jemand sie überschreitet oder nur im Begriff dazu ist, gellen ihre Trillerpfeifen über den Platz, und der Knüppel hat sich zur Verlängerung ihres Armes hoch in die Luft erhoben, mit dem sie fuchtelnd die Störer des russischen Burgfriedens in die Schranken weisen. Mir ist niemand erinnerlich, der nach solchem Konzert noch auf der falschen Seite der weißen Linie gestanden hätte.

Ein Stückchen weiter steht ein Bronzeungetüm, das seinem Kaliber nach als größte Feuerwaffe der Welt gilt: die Kanone tsar puschka, ein enormes Rohr auf den Rädern einer Lafette, dessen innerer Durchmesser 890 mm beträgt. Man kann sie nicht einfach wegtragen, da sie etwa 40 t wiegt. Sonst hätten findige Moskowiter sie längst als Altmetall verkauft. Ursprünglicher Standort des Schießeisens (oder besser: der Schießbronze) war das Südende des Roten Platzes, gerichtet war sie auf die Moskva-Brücke, die damals noch nicht Kamennyj hieß. Gegossen wurde das Ungetüm 1586, doch aus ihr wurde nie ein Schuß abgefeuert. Und so ließ Peter der Große sie ins Arsenal schaffen, ihren heutigen Standort erhielt sie erst 1960, als unter Chruschtschov für kurze Zeit ein politisches Tauwetter begann.

Ein ähnliches Schaustück ist die große Zarenglocke (tsar kolokol) am Fuß des Glockenturms Iwan der Große (kolokolnaja Ivana velikogo), bei uns der Schreckliche genannt, wir kennen ihn bereits. Bei der großen Feuersbrunst 1737 ruhte die Glocke noch im Sand der Gießgrube. Um sie vor dem Schmelzen zu bewahren (sie besteht zu knapp 80% aus weichem Kupfer), begoß man sie mit Wasser. Durch den Temperatur­unterschied sprang jedoch ein 11,5 t schweres Stück ab, so daß sie unbrauchbar wurde. Fast 100 Jahre blieb die Glocke im Erdreich, erst der Architekt Ricard Montferrand ließ sie bergen und zusammen mit dem abgesprungenem Stück davor auf einem Granitsockel aufstellen. Wie die Kanone nie schoß, so hat auch diese Glocke nie geläutet. Familien lassen sich vor dem Trumm fotografieren, bevorzugt aufgerüschte Frauen in den Vierzigern mit Töchtern in knallengen Jeans. Warum? Weil sich nur der Mann mit der Bedienung der japanischen Kamera auskennt, deshalb ist er auch nie mit im Bild. Das kennt man ja.

An einem Nebengebäude des Kongreßpalastes entdecke ich – dazu habe ich mich ja aufgemacht – eine Bronzeplatte mit den Namen aller Träger des Ordens Pobeda (Sieg). Ein fünfzackiges Gebilde, nicht wie der Davidsstern, sondern wie ein richtiger Sowjetstern: Aleksandr Michailovitsch Vasiljevski und Georgij Konstantinovitsch Zhukov erhielten ihn an erster Stelle, sie waren Generäle und Feldmarschälle im Großen Vaterländischen Krieg, dazu noch ein gewisser Iosif Vissarionovitsch Stalin. Anschließend eine Reihe Kleinge­druckter wie Antonov, Govorov, Konjev, Malinivskij, Merezkov etc., deren Namen uns alle nichts sagen. Interessant aber dieses: Eisenchauer Dvait Deivid (SSchA), Montgomeri Bernard Lou (Vjelikobritanija) und Tito Iosip Bros (Jugoslavija) erhielten ebenfalls diesen Orden. Außer­dem noch die Vertreter Polens und Rumäniens. Eine Jahreszahl zeigt die Platte nicht. Warum auch, jeder weiß, daß es die Ehrung der Sieger von 1945 über die deutschen Angreifer und Faschisten betrifft. Wie lange noch? Dann ist das Wissen mit der heutigen Generation begraben, und niemand wird mehr sagen können, worin der Sieg eines Herrn Stalin eigentlich gründete. Und Dwight D. wird man schon gar nicht mehr kennen. Deshalb gehört hier eine Jahreszahl hin. Ich weiß es, aber ich weiß nicht, wem ich es sagen soll. Und so wird die Angelegenheit wohl in Vergessenheit geraten. Erstaunlich allerdings, wie blank geputzt das Messing der Platte immer noch ist.

KathedralenplatzIch nähere mich dem Kathedralenplatz (Sobornaja Ploschtschad) des Kreml, seinem eigentlichen Herzen. Meine Damskis sind verschwunden, seit zwei Minuten weiß ich nicht mehr, wohin. Vermutlich in einem der Gotteshäuser, es gibt deren – unter Einbeziehung des Glockenturms Iwan der Große samt Filaret Anbau – sechs. Vorläufig interessieren sie mich nur von außen und der Aufenthalt meiner zwei Frauen überhaupt nicht mehr, ich vermisse sie nicht. Okay, das kann man hier nicht so stehenlassen – hallo, wo seid ihr?

Die sechs Bauten rund um den Kathedralen-Platz heißen der Reihe nach: Erzengel-Kathedrale (Archangelskij Sobor), Mariä-Verkündigungs-Kathedrale (Blagoveschtschenskij Sobor), Mariä-Entschlafens-Kathedrale (Uspenskij Sobor), Mariä-Gewandniederlegungs-Kathedrale (Risopolsenskij Sobor), Zwölf-Apostel-Kathedrale (Sobor Dvenadtsati Apostolov) und schließlich, so man ihn noch dazurechnen will, Iwan der Große (Kokolnja Ivana Velikogo). Außer diesen existieren noch eine ganze Reihe kleinerer Kirchen, die aber neben ihren großen Brüdern untergehen, so zum Beispiel die Obere Erlöserkathedrale, die Kreuzigungs- und die Auferstehungskirche, aus deren gemeinsamem Dach elf vergoldete Kuppeln ragen: der Terempalast, Frauengemächer und Hauskirche der Zaren beherbergend und dem touristischen Publikum unzugänglich. Ferner der Facettenpalast, 1490 erbaut und noch fast vollständig in seiner ursprünglichen Form erhalten innerhalb des Riesenkomplexes, den der Große Kremlpalast, der Terempalast und andere Anbauten bilden.

Es gibt nur zwei Augen zum Schauen, und so nehme ich die Kamera zu Hilfe. Sie muß festhalten, was Blicke nicht mehr packen – und das ist einiges. Ich wäre unaufrichtig, würde ich die Kirchen und Kathedralen des Platzes wie aus eigenem Erleben schildern – ich war ja nicht drin. Doch auch von außen sind sie prächtig genug. Das Wetter, das zwischen strahlender Sonne und finsteren Wolkenwänden schwankt, macht es mir leicht, eindrucks­volle Fotos zu schießen. Der Platz ist weit, in silbernen Pfützen spiegeln sich die vergoldeten Zwiebeltürme der Sakralbauten und die bunten Regenschirme geführter Besuchergruppen.

Als ich in einer dieser Lachen das Spiegelbild der neun blanken Kuppeln der Mariä-Verkündigungs-Kathedrale ablichte, bin ich sofort von einer Gruppe schnatternder Japaner umringt, die es mir unter einem höllischen Blitzlichtgewitter gleichtun. Das ist ziemlich ungewöhnlich, denn für gewöhnlich fertigen Japaner nur Fotos an von sich selbst, wie sie zum Beispiel vor einer undeutlich im Hintergrund erkennbaren Kirche stehen. Bis ich erkenne: sie fotografieren ihre eigenen Spiegelbilder in der Pfütze – im Hintergrund irgend eine undeutlich erkennbare Kirche. Nun stimmt mein Weltbild wieder.

Damit könnte ich es bewenden lassen, wenn nicht – ja, wenn die Beschreibung des soeben beschriebenen Platzes im Baedeker „Moskau“, 8. Auflage 2001, nicht folgendermaßen anhübe („begänne“ wäre ebenso hübsch, aber lassen wir es bei „anhübe“):

„[...]Den Auftakt bildet im Süden neben dem Großen Kremlpalast die Mariä-Verkündigungs-Kathedrale. Rechts davon erhebt sich im Osten die Erzengel-Kathedrale ...“

Dies impliziert, daß man selber von Süden kommt, denn nur dann sieht man rechts im Osten irgend etwas sich erheben. Der Eingang für Touristen führt aber allein (!) vom Drei­faltig­keitsturm im Westen über den gleichnamigen Platz am Arsenal vorbei zum Kathedralen­platz, und wer dort ankommt, befindet sich in dessen Norden. Also ist alles, was dazu im Baedeker steht, spiegelbildlich zu lesen, und das macht bei der Zuordnung von sechs Kirchen und vier Palästen richtig Arbeit! Soviel zu renommierten und nicht gerade billigen Reiseführern. Nun will ich es aber wirklich ein Bewenden haben lassen.

Die Sonne hat sich durchgesetzt, und so mache ich noch einen Spaziergang entlang der Kremlmauer durch den Kremlpark. Da der Kreml auf einer Anhöhe errichtet  ist, die sich einst Kiefernwäldchenhügel nannte - der Name des Borovitskij-Turmes erinnert daran -, hat man von hier einen weiten Blick auf die Stadt. Und was sieht man? Kirchen über Kirchen. Nicht umsonst nennt man Moskau die Stadt der vierzig mal vierzig Gotteshäuser. Aber auch auf zwei Exemplare des stalinschen Zuckergebäcks hat man von hier gute Sicht: im Westen das Außenministerium und im Osten der Wohnturm an der Kotelnitscheskaja. Sogar neu erstellte, postkommunistische Gebäude greifen deren Prunk und Zierrat auf und sind in verblüffend ähnlichem Stil errichtet. Es scheint, als brauche die russische Seele ganz einfach dieses Versprechen jenseitiger Pracht, auf das seit jeher ihre Gotteshäuser und nun auch die Geschäftsbauten der Neuen Russen einen Ausblick geben. Da fällt es leichter, sich angesichts des Versprochenen mit dem zu bescheiden, was man hat. Oder auch nicht hat. Nicht einmal das.

In der Warteschlange zum Eingang der Staatlichen Rüstkammer fällt mir eine Fremden­führerin auf, die statt des üblichen Schildes mit der Bezeichnung der zugehörigen Gruppe eine abgebrochene Autoantenne mit einem daran aufgespießten grünen Plüschhasen mit langen Ohren und leuchtend orange­n Fußsohlen in die Höhe hält. Das ist mal originell, zu Intourist Zeiten wäre so etwas undenkbar gewesen. Auch das kennzeichnet eine Facette des neuen Rußland.

Am Borovitskij-(Kiefern-)Turm, der als Ausfahrt schwarzen Prominenten­karossen mit verhäng­ten Scheiben vorbehalten ist, bedient eine Wache die Ampel, die nur avisierten Fahrzeugen die Passage gewährt. Fußgänger, die sich über die Kette am Rande des Trottoirs hinaus aufs Straßenpflaster und in die Nähe des Tores wagen, werden ohrenbetäubend zurückgetrillert. Das aber ist an jedem anderen Regierungssitz der Welt, auf dessen Gelände gleichzeitig neugierige Touris unterwegs sind, wohl ähnlich. Politiker haben das Volk nicht gerne allzu nahe auf der Haut.

Zurück geht es durch den Alexandergarten, wo mir eine dunkle Schöne mit Grübchen am Kinn und einer langstieligen Rose in einer Flasche vor sich am Boden von einer Bank zulächelt, als ich sie und ihre daneben sitzende blonde Freundin fotografiere. Ich muß mir nichts dabei denken, über das Alter bin ich weit hinaus, aber es erfrischt doch irgendwie das Herz – oder nicht? Zudem signalisiert es, daß es viele Frauen angenehm berührt, wenn man sich mit ihrer (wirklichen oder auch nur eingebildeten) Schönheit beschäftigt. Diese Erfahrung habe ich übrigens oft auf meinen Streif­zügen gemacht, ich kann sie mit Dutzenden Fotos belegen.

Auf einer anderen Bank ein Pärchen. Sie füttert Spatzen mit den Krumen eines Brötchens, wie ich es vor zwei Stunden zum chot dog hatte. Daneben ein Rentnerpaar, sie die Schuhe aus und die Füße daraufgestellt. Braucht es noch eines Beweises, daß Frauen immer die falschen Schuhe anhaben? Womit wir wieder beim Ausgangspunkt sind. Es bleibt noch etwa eine Stunde Zeit, bis wir uns mit Lena und Igor am Manegenplatz treffen wollen, halb Fünf ist ausgemacht. Ein wenig bummele ich noch durch die Vorplätze des Kreml, dann treffen auch meine beiden Damen ein. Wir setzen uns in eines der Cafés auf dem Dach des Ochotnyj Rjad. Noch ist vieles provisorisch eingerichtet, in Zeltbauten untergebracht oder unter groß­flächigen Sonnenschirmen. Doch dies wird einmal der schönste Platz der Stadt werden – wenn er es nicht schon ist.

Lena und Igor kommen pünktlich. Wie sie uns in dem Gewühl gefunden haben, ist mir ein Rätsel. Vermutlich haben sie nur nach Westlern Ausschau gehalten, die heben sich von Russen schön ab, ohne daß sie etwas dagegen tun können. Mit dem guten alten blauen Volvo, der in der Mochovaja hinter der Lenin-Bibliothek geparkt ist, fahren wir über Tverskaja und den äußeren Ring auf dem Prospekt Mira nach Ostankino. Man folgt diesem einfach solange, bis er in die Jaroslavskoe Schosse übergeht, davor muß man links ab. Ich, da bin ich ganz ehrlich, würde dort nie wieder hinfinden. Aber das muß ich ja auch nicht, einmal da gewesen reicht. Auf der Fahrt dorthin kommen wir am Tverskaja-Platz mit dem Denkmal Juri Dolgorukis (Langarm), dem Gründer Moskaus, vorbei, und da fällt mir plötzlich die Ähnlichkeit zwischen diesem und dem Denkmal Marschall Zhukovs am Manegenplatz auf: beide auf hohem Roß, die Linke jeweils am Zügel, die Rechte hingegen ausgestreckt und vor sich auf den Boden weisend. Dolgoruki wohl am Entstehungsort Moskaus, Zhukov im zerstörten Berlin. In Rußland liebt man dick aufgetragene Symbolik, scheint mir.

Wem es entfallen ist: in Ostankino befindet sich der Moskauer Fernsehturm Ostankino Televisionnaja Baschnja, er ist immer noch 540 Meter hoch. Auf 328 Metern Höhe gab es das rotierende Panorama-Restaurant „Siebter Himmel“ (Sedmoe Nebo) mit bei klarer Luft bis zu 40 km weitem Blick, und von dem untersten Aussichtsbalkon konnte man durch begehbare Glasscheiben im Boden schaudernd 300 Meter in die Tiefe sehen. Das Ganze war täglich außer montags geöffnet - bis zu jenem Samstag, dem 26. August 2000: an diesem Tag, dem ersten mit schönem Wetter nach sechs heftigen Regentagen, brach im Turm nach einem Kurzschluß ein Kabelbrand aus. Alle Gäste des Restaurants konnten rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden, drei Feuerwehrleute und ein Angestellter jedoch verunglückten tödlich im Aufzug, als dieser im Turm steckenblieb und schließlich mit geschmolzenen Tragseilen in den gefluteten Fuß des Turmes stürzte. Nach einem Tag war das Feuer gelöscht. Einige Zeit war unklar, ob der Turm überhaupt stehen bleiben konnte. Inzwischen hat man aber wieder optimistische Pläne, er soll sogar um vierzig Meter aufgestockt werden, und sein technischer und Restaurantbereich hängt außen voller Baugerüste. Hinauf aber kommt man vorerst nicht, er ist immer noch geschlossen. So stehen wir nur davor, starren den verunglückten Riesen an, dessen oberes Drittel bereits wieder mit Antennen aller Art gespickt ist, und wenden uns fröstelnd von diesem Minarett des Medienzeitalters.

Ganz in der Nähe, nur durch einen künstlichen See vom Turm getrennt, liegt das Schloß Ostankino (Ostankinskij dvorets). Es sieht zwar nicht so aus, ist aber zum größten Teil aus Holz gebaut, das geschickt verputzt ist. 1790 ließ Graf Nikolaj Scheremetjev, einer der zu jener Zeit reichsten Aristokraten Rußlands, es sich als Sommersitz errichten. Der Graf war sehr kunst­interessiert, Beweis dafür ist eine umfassende Sammlung von Gemälden, Skulpturen, Porzellan und Kristall, die in den mit prunkvoll vergoldeten Holzschnitzereien versehenen Räumen untergebracht ist. Leider kamen wir nicht hinein, da um diese Zeit bereits alles verschlossen war, sogar der Garten.

Gerne hätten wir nämlich das Theater besichtigt, dessen Zuschauersaal in wenigen Minuten auf eine Ebene mit der Bühne gebracht werden konnte und so gleichzeitig als Tanz- und Empfangssaal diente. Ein Teil der technischen Vorrichtungen, die zudem für originelle Licht- und Geräuscheffekte sorgten, soll noch erhalten sein. Hier trat eine Theatergruppe aus mehr als zweihundert Leibeigenen auf, darunter Schauspieler, Musiker und Sänger. Und jetzt ein Leckerbissen für die Damen: in eine seiner Tänzerinnen, Praskovia Dschemtschugova, verliebte sich der Graf und heiratete sie, gegen alle Widerstände. Das war 1801. Um dem Hoftratsch zu entgehen, zogen sich die beiden fortan ganz nach hier zurück. Zwei Jahre später starb die arme Praskovia im Kindbett. Seitdem hat der Graf das Schloß nie wieder betreten – Damskis, ausatmen!

Austellung VDNChEbenfalls auf dem Gelände des Landsitzes Ostankino liegt die Dreifaltigkeitskirche, erbaut aus kunstvoll vermauerten roten Ziegeln und bekrönt von grünem Dach und grünen Zwiebelkuppeln. Türmchen und mehrere Treppenaufgänge mit Galerien vervollständigen das Gotteshaus, das zur Zeit unseres Besuches komplett eingerüstet war. Dafür wurde in seinem Inneren just eine Messe gefeiert, deren Ursprung wohl in einer Trauung lag. Jeden­falls standen die Betenden mit Hüten in den Händen bis hinaus auf die Treppengalerie. Es sind dies stets Augenblicke, in die ich mich nicht einmischen mag – ich gehöre nicht dazu. Also ging ich nach draußen, um das Bauwerk herum und schoß ein paar Fotos.

Obwohl sich der Tag bereits neigte, und am Himmel gewaltige Wolkenfelder aufzogen, beschlossen wir, auch die ehemalige „Ausstellung der Volkswirtschaftlichen Errungen­schaften der UdSSR“, kurz VDNCh (Vystavka Dostizhenij Narodnogo Chozjajstva SSSR) heute noch abzuhaken, die Zeit wird knapp. Sie nennt sie sich mittlerweile übrigens „Allrussisches Ausstellungs­zentrum VVZ“ (Vserossijskij Vystavotschnyj Tsentr). Deren Fläche beträgt an die dreihundert Hektar, und auf ihrem Gelände befinden sich - neben den monumentalen Bauten und bombastischen Denkmälern aus den 50er und 60er Jahren - Grünflächen, Alleen, Blumenanlagen, Teiche, reich verzierte Springbrunnen, Cafés und Restaurants.

Die ehemalige Ausstellung sollte die Vorzüge des stalinistischen Regimes, seine Stärke und das Siegesbewußtsein der Arbeiter- und Bauernklasse zum Ausdruck bringen, was nach damaligen Vorstellungen einen Haupteingang von monumentalem Ausmaß erforderte. So wird bereits das Eingangstor mit einer Höhe von fünfundzwanzig Metern zum Sinnbild der Leistungsschau. Zum Zeitpunkt ihrer Gründung wurde die Ausstellung wahlweise als Stätte zur Verherrlichung der glorreichen Vergangenheit, als Mustermesse, als Wanderung durch den multinationalen Sowjetstaat oder auch als permanente Weltausstellung bezeichnet. Sie gewährte Überblicke über den damals neuesten Stand wissenschaftlicher, kultureller und landwirtschaftlicher Entwicklung sowie des Verkehrs- und Bauwesens der UdSSR. Zeitweise existierten an die hunderttausend wechselnde Ausstellungsstücke.

Zwei große Springbrunnen bilden Landmarken innerhalb des Geländes. Der eine mit Namen „Völkerfreundschaft“ besteht aus einer großen, roten Granitschale, aus der sich – falls in Betrieb - achthundert Fontänen in das umliegende Becken ergießen. Um seine Mitte, einen goldenen Fruchtstand aus Kornähren, Sonnenblumen und anderen Feldfrüchten, scharen sich sechzehn Frauengestalten aus vergoldeter Bronze, welche die damaligen  Unions­republiken und deren Völkerfreundschaft darstellen. Der zweite Brunnen trägt den Namen „Steinerne Blume“, ihr gigantischer Kelch schwimmt in einem Becken mit den Aus­maßen eines 200-Meter-Kraul-Wettkampfbades. Blüte und Umgebung sind mit Tausenden farbig funkelnder Halbedelsteine aus dem Ural verziert. Dieser Brunnen stößt – ebenfalls, nur wenn man ihn läßt - 1200 l Wasser pro Sekunde aus.

VDNCh - SojusraketeDas alles wurde zu Lob und Preis der Sowjetunion errichtet. Heute redet man vom Grabmal eines nicht mehr existierenden Traumes, der das Ende der UdSSR dokumentiert. Der Kapitalismus hat alles eingeholt. Die etwa achtzig Pavillons wurden von rasch gegründeten Firmen in Besitz genommen, die an Geschäften mit Waren aus Südkorea, China, Taiwan und Indien verdienen. Dort werden - neben hochpolierten Luxuslimousinen in eigens dazu umgebauten Hallen - Computer, Software, Elektroartikel und Kleidung feilgeboten. Alles zu astronomischen und absolut unrealistischen Preisen. Aber es wird gekauft. Hin und wieder gleiten 300er-Mercedes mit verhängten Scheiben durch diese Diaspora Neuer Russen, vermutlich um entweder Schutzgelder zu kassieren oder der Hausdame in einer der zahlreichen Boutiquen ein neues Body mit noch engerem Oberteil anzupassen. Junge Leute mit Bierflaschen in den Händen sitzen auf Bänken herum, scharren unruhig mit den Füßen und warten auf Gelegenheiten. Man könnte sagen, die Gegend ist seit der Wende ziemlich verkommen. Könnte man?

Immer noch gibt noch einen Hallenbau mit Namen „Kultura“, dort befindet sich eine ständige Verkaufsausstellung russischer Gegenwartskunst. Wir wollen also das Gelände nicht gänz­lich verteufeln. Und ganz hinten gibt es ja noch die Replik der Rakete „Osten“ (Vostok), mit der Juri Gagarin 1961 ins All geschossen wurde. Allein die ist den Besuch wert, wenn man technisch interessiert ist. Restaurants und Imbißbuden vervollständigen das Bild. An einem Stand Schaschlik: So muß es sein, schwärmt meine Zweitbeste, und leckt sich die Lippen. Aber wir haben für heute abend ja unsere Gastgeber zum Essen eingeladen, und da bedürfen wir etwas feinerer Umgebung, egal wie lecker der Fleischspieß hier immer sein mag.

Am Ausgang dann noch das Monument Sputnik (Weggenosse): auf einer steil himmelan strebenden Rampe der silberne Leib einer schlanken Rakete, kurz vor dem Flug ins Nirgendwo. Sput­nik 1 funkte drei Wochen lang, dann verstummte er, verglüht beim Wiedereintauchen in die Erdatmosphäre. Sputnik 2 trug die Hündin Laika ins All. All das hier symbolisiert aus blankem Edelstahl, der anderenorts fehlte - wir wollen den Mantel des Vergessens darüber breiten.

Nachdenklich steigen wir ins Auto, fahren zurück durch Moskau und vorbei an Igors Biz’nes, einem Aluminium-Fertigbau in Moskaus Norden. Kein kleiner Container mehr, wie zu Beginn, sondern ein richtig fester Geschäftsbau: links Blumen, rechts eine Sport­artikel­handlung. Igor hält nicht lange, man könnte sein Auto erkennen, er ist der Chef, der Laden hat rund um die Uhr geöffnet. Doch heute hat er frei.

„William Bass“, die Niederlassung einer britischen Bierbrauer- und Pubkette, liegt an der Jakimanka Ul., im inneren Bogen der Moskva und am Ende des Leninskij Prospekts, also im Herzen der Stadt. Vor der Tür parken bereits einige große Limousinen, es ist dunkel, und ihr polierter Lack glitzert teuer im Licht der Straßenbeleuchtung. Ein aus dem Nichts  auftau­chender Wächter bedeutet Igor mit Handzeichen, enger zu parken, nicht soviel kostbaren Parkraums zu vergeuden - okay, hier scheint sein blauer Volvo bestens aufgehoben.

Drinnen ist Lena bekannt. Sie ist öfter mit Gästen ihrer Firma hier. Man setzt uns jedoch im Erdgeschoß direkt neben das Loch der Klimaanlage, wo es uns fast die Haare vom Kopf bläst. Kann es ja wohl nicht sein. Lena beschwert sich, gemeinsam mit einem Offiziellen suchen wir einen besseren Platz und finden ihn: im Obergeschoß, an einem Tisch für fünf Personen. Stimmt genau. Das Umfeld ist dunkles Holz, Butzenscheiben, viele kleine Lichter und eine Bar vis-à-vis, woher die Getränke kommen. Optimal.

Ich bestelle Lachs, und er ist nicht halb so gut, wie der von Lena am ersten Tag in Moskau. Die Kartoffeln sind roh und der Fisch ist voller Gräten. Man kann nicht alles haben. Das Bier ist in Ordnung, schließlich ist es ein Pub. Die Rechnung – Igor nimmt sie ohne zu fragen, wirft einen kurzen Blick darauf, kraust die Stirn, sagt nichts. Schließlich ist er zusammen mit Lena eingeladen. Aber alles hat wohl seine Richtigkeit. Sind wir doch im Zentrum einer Millionenstadt, ein schlechter Kaufmann, wer da nicht kräftig hinlangte. Zudem gibt es hier einen Service, den man woanders sicher vergeblich sucht: mindestens ein halbe Stunde lang, bis sie gegessen haben, spielt der in dunkles Tuch gekleidete Offizielle in einem separaten Raum voller Teddybären und Holzautos mit dem sechsjährigen Sproß des jungen Ehepaares vom Nebentisch. Einschließlich einer Riesenladung Pommes Frites, die er dem Jungen dabei einführt. Heute ist Mittwoch; von Freitag bis Sonntag, so steht auf der Speisekarte zu lesen, besorge dies ein Kindermädchen. Vielleicht komme ich da wieder.

Zurück in Konkovo leuchten wir noch einmal in das Glas mit agurets hinein, der Boden ist bereits zu sehen. Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Gurken gegessen. Igor hat zwei Partner, die ihn im Geschäft vertreten, aber die, sagt er, kann er nicht ewig alleine lassen. Freitag will er wieder nach ihnen schauen. Für morgen aber hat er sich noch einmal den ganzen Tag freigenommen, um uns zu chauffieren.

Donnerstag 28. Aug. 2003

Das OVIR hat angerufen, unsere Pässe sind fertig. Es liegt auf dem Weg, und so fahren wir als erstes dort vorbei. Heute haben sich Händler mit Silber- und Bernsteinschmuck in der dunklen Halle niedergelassen. Wir kommen sofort dran, weil wir anscheinend die Ersten an diesem Morgen sind. Es ist gut, die rote Pappe wieder in der Brusttasche zu spüren, man kommt sich immer ein wenig amputiert ohne dieses Stück Papier vor, das einem bescheinigt, daß man ein verbrieftes Recht hat, auf dieser Welt zu sein.

Vom OVIR zum Zentralen Künstlerhaus (Zentralnyj dom Chudozhnika, ZdCh) am Krymskij Wall ist es nur ein Katzensprung, diesmal hat es geöffnet. Vor dem Haus stehen einige schöne Skulp­turen, unter anderem eine Kopie der Bronzeplastik „Laßt uns Schwerter zu Pflug­scharen schmieden“ von Evgeni Vuchetich, deren Original die Sowjet-Union 1959 den Vereinten Nationen zum Geschenk machte, und das seither im nördlichen Teil des UNO-Gartens in New York steht. Dieses Kunstwerk – man mag zu ihm stehen wie man will – war stets Symbol der Friedensbewegung und steht in engem Zusammenhang mit der deutschen Wieder­vereinigung.

Den vorderen Teil des unansehnlichen Gebäudeklotzes nimmt das ZdCH ein. Hier haben moderne, noch lebende russische Künstler in verschiedenen Dauer- und Wechsel­ausstellungen sowie mehreren Galerien Gelegen­heit zur Präsentation ihrer Zeichnungen, Gemälde und Plastiken, die alle auch käuflich sind. Allerdings haben die hier Versammelten sich bereits einen Namen erworben, und ihre Werke sind nicht gerade, was man unter Brüdern ein Schnäppchen nennt. Ich habe gefragt, denn Preise sieht man, außer in den Galerien, nirgendwo im Haus. Wie nicht anders zu erwarten, gefallen mir wieder zwei, drei der Exponate so ausnehmend gut, daß ich sie am liebsten kaufen würde. Die Schwierigkeit ist, ich habe zu Hause keine passende Wand mehr frei. Allerdings könnte man ... ach, lassen wir es dabei.

In der Cafeteria des ZdCh essen wir jeder ein buterbrod (Sandwich), das appetitlich belegt und preiswert ist. Dies soll laut „www.aktuell.ru“ bereits zu Sowjetzeiten einer der wenigen Orte Moskaus gewesen sein, wo es vernünftigen Kaffee gab. Wenn das so war, ist es leider nicht mehr so. Hier wird – wie überall in Rußland – der Kaffee nunmehr aus Pulvertüten in die Tasse geschüttet. Russen sind keine Kaffeetrinker, schon 1696 hatte Peter der Große aus der Festung Asov die Türken mitsamt ihrem schwarzen Gebräu vertrieben. Ein Russe trinkt Tschaj, Tee.

Im hinteren Gebäudeteil befinden sich eine Abteilung der Staatlichen Tretjakov-Galerie und ein ART servis tsentr, ich habe nicht herausbekommen, was sich hinter beidem verbirgt. Lustigerweise befindet sich der Schriftzug „Service Center“ direkt über dem bronzenen Schmied, der bevorzugt Kriegs- zu Erntegerät umdengelt. Ich wünsche ihm viele Aufträge.

Hinter dem ZdCh, an der Krymskaja Naberezhnaja (Krim-Uferstraße) entlang der Moskva, stellen die noch nicht arrivierten oder aber bereits gescheiterten Maler aus. Ihre Bilder sind billiger, doch Qualität hat auch hier bereits ihren Preis. Röhrenden Hirsch und Meeres­leuchten gibt es sorgfältig gemalt im vergoldeten Rahmen bereits ab dreihundert Euro. Etwas individueller wird es auch etwas teurer: für ein Stilleben im realistischen Stil, das Rußland repräsentiert, nämlich Hering in Pravda-Zeitungspapier, stakan Wodka, zu Recht­ecken geschnittenes schwarzes Brot, ein in Leder gebunde­nes, abgegriffenes Bändchen mit Puschkin­versen, im Vordergrund noch etwas Speck, Zwiebeln und agurets (grasgrün) – schlappe sechshundert Euro verlangt der Meister dafür. Unter uns: das ist es wert, und er ließe sich vielleicht noch auf die Hälfte runterhandeln – doch es wäre kein Schnäppchen.

Zwischen den Gemälden ist es kalt und zugig, Leinwände klappern in ihren Rahmen. Hier und dort geraten nachlässig befestigte Bilder in Gefahr, durch Böen vom Haken geweht zu werden. Drei Uhr nachmittags und eigentlich Zeit, die längst überfällige Christi-Erlöser-Kathedrale (Chram Christa Spasitelja), deren goldene Kuppeln vom gegenüber­liegen­den Ufer herüber­blin­ken, zu besichtigen.

Igor findet überall einen Parkplatz für seinen blauen Volvo, sogar an der vielbefahrenen Volchonka-Straße, die vierspurig vor der neuen Kathedrale lärmt. Diese hat eine interessante Geschichte: am 10. September 1839 wurde feierlich der Grundstein zum Neubau der alten im russisch-byzantinischen Stil gelegt. Alexander I. gelobte ihren Bau als Dank für die Rettung des Vaterlandes vor den „Gallischen Invasoren“, gemeint war Napoleon. In den folgenden Jahren wurde sie unter Führung des Architekten K.A. Ton gebaut, finanziert durch Staatskasse und private Spenden. Bei den Grabungen zur Errichtung der Fundamente fand man die Überreste zweier Friedhöfe sowie das Skelett eines Mammuts. Vierundvierzig Jahre später, am 10. April 1883, während der Krönungstage Zar Nikolais I., wurde die fertig­gestellte Kathedrale eingeweiht. Den Platz vor dem Gotteshaus beleuchteten damals die ersten Straßenlampen Moskaus.

Es blieb Stalin vorbehalten, den Bau sprengen zu lassen. Das war am 5. Dezember 1931, angeblich, um Raum zu schaffen für Vladimir Tatlins gigantomanischen „Turm der Dritten Internationale“, einem Monster von 415 Metern Gesamthöhe, dessen Spitze von einer allein hundert Meter hohen Leninfigur mit Hubschrauberlandeplatz auf der Denkerstirn gekrönt werden sollte. Die Metrostation „Palast der Sowjets“, die von Aleksej Duschkin und Jakov Lichtenberg entworfen und 1935 eröffnet wurde, war als unterirdisches Foyer des Baues gedacht. Langsam wurde klar, daß der vorge­sehene Untergrund das alles gar nicht tragen konnte. Zudem brach der Zweite Weltkrieg aus, der das Projekt stoppte.

Da das Riesenloch der Baugrube nun einmal ausgehoben war, entschloß man sich, es 1960 mit einem Schwimmbad auszufüllen. Dieses, das beheizbare Moskva, besaß eine Verbindung zum gleichnamigen Fluß, so daß man auch im Winter vom dampfenden Schwimmbad in die eisige Moskva und zurück schwimmen konnte, was zu einer Lieblingsbeschäftigung der Moskoviter wurde. Deshalb mehrten sich auch, als die Wiedererrichtung der Kathedrale zur Diskussion stand, die Stimmen, davon abzusehen und das Bad zu erhalten. Stalin hatte damals niemanden befragt, und genausowenig fragte Juri Luzhkov jemanden. Er bestimmte: es wird neu gebaut, und er beschaffte auch die Sponsoren für dieses Projekt. Es war nicht billig, vermutlich steht der Moskauer Bürgermeister dadurch tief in der Schuld ungenannter Kreise, die irgendwann von ihm Gegenleistung dafür fordern könnten.

Sobald man einmal drin ist, fühlt man sich beobachtet. Der Bau ist von solchen Ausmaßen, daß man sich verlaufen könnte, stünden nicht überall Wachleute herum, die man nach dem Weg fragen kann. Alles macht den Eindruck, als sei irgendwo unter dem riesigen Gewölbe ein kostbarer Schatz vergraben, dabei ist es nur ein pompöser Neureichtum, der aus dem vielen Marmor und Blattgold spricht. Das Gebäude wirkt kalt, unter dem glatten Stein vermutet man den Plattenbau, und es wird lange dauern, bis seine Gemeinde dieses nunmehr größte Gotteshaus Moskaus eingewohnt hat. Ähnlich Stalin dem Lenin, hat hier  - so scheint es - der Bürgermeister dem Herrn, also Mer Luzhkov dem Gospodin Luzhkov ein Mausoleum errichtet. Bereits zu Lebzeiten.

Abseits, nur wenige Schritte von der Kathedrale entfernt auf demselben Gelände, gibt es unter Bäumen ein winziges Holzkirchlein, das in seiner ärmlichen Schlichtheit mehr Wärme ausstrahlt, als aller Pomp des Gottespalastes nebenan. Als Stalin die alte Kathedrale, die auch Sitz des Patriarchen der Russischen Kirche war, sprengen ließ, soll dieser den Ort mit einem Fluch belegt haben, dahingehend, daß „ein darauf gebautes Gebäude nicht lange existieren“ werde. Nun, ein Freibad ist im strengen Wortsinn kein Gebäude, und so blieb es auch fast fünfunddreißig Jahre vom Fluch unbehelligt. Die neue Kathedrale steht – wegen der Tiefe des ehemaligen Schwimmbeckens – auf einem fünfzehn Meter hohen Sockel, also sehr exponiert. Da könnte sich der Fluch leichter erfüllen, und vielleicht hat der jetzige Patriarch, der im Rang etwa dem katholischen Papst entspricht, das winzige Holzkirchlein daneben ja für den Fall der Fälle stehen lassen, sozusagen als Ausflucht. Man weiß ja nie.

Wir haben genug gesehen und fahren weiter zum Neujungfrauenkloster (Novodjevitschij Monastyr). Die Straßen Pretschistenka und in deren Verlängerung die Bolschaja Pirogovskaja führen direkt dorthin. Letztere hat nichts mit der leckeren Teigtasche pirog zu tun, sondern geht auf den russischen Chirurgen Nikolaj Pirogov zurück. Die Klosteranlage, ein fünf­eckig ummauertes Gebilde, liegt am süd­west­lichen Bogen der Moskva unterhalb der Sperlings­berge und Universität. Entgegen seiner Benennung im Baedeker (siehe auch weiter oben) handelt es sich nicht um ein Neues Jungfrauenkloster, sondern um das Kloster der Neuen Jungfrauen. Diese nämlich wurden während der mongolischen Besatzungszeit unter den jungen Russinnen als Tribut für den Khan ausgesucht, der Ort, an dem das geschah, hieß Jungfrauenfeld (djewitschje pole). Heute steht die Klosteranlage darauf. Auch deren Attribut „besuchenswertest“ halte ich nicht unbedingt für eine glückliche Wortschöpfung des Baedeker. Sonst aber gibt er penibel Auskunft.

NeujungfrauenklosterDie Klostergründung erfolgte 1524 durch Vassilij III. Ivanovitsch nach Erweiterung des Reichs um die Stadt Smolensk. Wie auch schon das Donskoj-Kloster sollte es eines der Moskau um­geben­den Wehrklöster werden. Es wurde nicht nur das, sondern auch das schönste und größte seiner Art, zur Wende des 17. zum 18. Jahrhundert galt es als das zweitreichste Frauenkloster in ganz Rußland. Seine Ländereien erstreckten sich damals auf fast 180.000 ha, verteilt auf 27 Landkreise. 1812 ließ Napoleon während des „Vaterländischen Krieges“ die Kirche Johannes des Täufers zerstören. Die Schändung der beiden übrigen Kirchen scheiterte am aufopferungs­vollen Einsatz der Nonnen des Klosters.

Über die Jahrhunderte war es stets eng mit der Geschichte der Zaren verbunden. So wurde hier Boris Godunov zum Zaren gekrönt, Sofija Aleksejevna, die Halb­schwester Peters des Großen, war für fünfzehn Jahre hierher verbannt worden, als Folge ihrer Unterstützung des Strelitzen­auf­standes gegen Peter, der einige Jahre später auch seine erste Ehefrau Jevdokia hierher entsorgte; Scheidungen gab es damals nicht. Als Erster übte sich natürlich Vassilij Ivanovitsch in dieser Trennungstechnik – wenn man schon mal ein Kloster gründet ...

Die Tretjakov-Galerie besitzt ein Gemälde meines Lieblings­malers Ilja Repin, das er „Die Zarentochter Sofija im Neujung­frauen­kloster während der Hinrichtung der Strelitzen und der Folterung ihrer Dienerschaft im Jahre 1698“ nannte. Ein langer Titel. Und ein delikates Werk: es zeigt die entmachtete Sofija ergrimmt in ihrer Zelle und den Schatten eines baumelnden Strelitzen vor deren vergittertem Fenster. Peter stand, zusammen mit seinem debilen Halbbruder Ivan V., bis zu diesem Zeitpunkt unter der Regentschaft ihrer beider Schwester Sofija und der Mutter aller drei Genannten. Da war er sechsundzwanzig Lenze alt.

Man betritt das Kloster durch eine hohe, grüne, eisenbeschlagene Pforte, der ein zweites durchbrochenes Holzgittertor folgt. Wachtposten der Miliz sortieren die Besucher. Über dem Torgang erhebt sich die fünfkuppelige Christ-Verklärungs-Kirche. Links des Eingangs ragt 72 Meter hoch ein alleinstehender Glockenturm (Kolokolnja), der dem avantgardistischen Künstler Vladimir Tatlin (siehe oben: Turm der Dritten Internationale) in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts nach Schließung des Klosters als Studio diente. In Verlängerung des Eingangs trifft man zuerst auf die Smolensker Kathedrale, ein schlichter Traum in Weiß, Silber und Gold. Hauptgebäude allerdings ist die Mariä-Entschlafens-Kathedrale, deren Backsteinbau in Rot und Weiß leuchtet. Zu ihrer Renovierung hat man schlechte Farbe verwandt, und so rinnt ein Abklatsch des ziegelroten Anstrichs, zermürbt durch Wind und Wetter, die weißgestrichenen Teile der Wände hinab.

Aus der Smolensker Kathedrale kommt eine (zumindest für den Kirchgang) merkwürdig gekleidete Frau die drei roten Granitstufen herunter: beigefarbenes, knöchel­langes Kostüm, Schuhe mit hohen Pfennigabsätzen, auf dem Kopf ein vierzig Zentimeter hoher Turban aus weißem Tüllgewebe. An Gold trägt sie mit sich herum: Kettchen um das Fußgelenk, walnuß­große Knöpfe an der Kostümjacke, dicke Hals­kette, Atlasschal über schwerbusigem Dekol­leté, mehrere Ringe an den Fingern. Die geschminkten Lippen preßt sie aufeinander, so daß man nur ahnt, was sich noch an Gold in ihrem Gebiß verbirgt. Das Gesicht ist um Wangen- und Augenpartie stark geschminkt – aufgebrezelt würde man das auf Neudeutsch nennen. Wir schauen uns ratlos an. Über Marija frage ich Igor. Der meine, sagt Maruzhka, es sei eine Schauspielerin. Ich ändere es in Künstlerin. Vermutlich hat Igor Künstlerin gesagt. Ich tippe auf Sängerin, das würde passen. Daß ich sie fotografiere, kriegt sie trotz der langen Brennweite mit: unter all der Tünche versucht sie ein Lächeln. Stöckelt jedoch gleich darauf ohne weiteren würdigenden Blick an uns vorüber, am langen Arm (dolgo ruki!) Handtasche und Plastik­tüte, sie riecht förmlich nach Musik; da haben wir wohl etwas verpaßt.

Was wir nicht verpassen, ist die heilige Messe in der Mariä-Entschlafens-Kirche, der beheizten Winterkirche aus Klosterzeiten. Sofija Aleksejevna (ebendiese) ließ die Kathedrale mit dem angrenzenden Refektorium in den achtziger Jahren des 17. Jh.s errichten, Geld dafür brachte sie als offizielle – wenn auch abgesetzte – Regentin Rußlands genügend mit. Ein kopiertes Blatt im Treppenaufgang zum Haupt­raum weist auf Chorgesang von außerhalb hin, der heute hier stattfinden soll. Ein Schild verbietet jegliches Fotografieren und Filmen im prächtig ausgeschmückten Halbdunkel des Andachtsraums, und ich will mich gerne daran halten. Doch als das Singen endlich anhebt, überirdisch klar und ans Herz rührend –bin ich nicht auch nur ein Mensch?

Verstohlen hole ich meine kleine Digitale aus der Tasche, halte von der Jacke verborgen aus dem Bauch drauf - und gewinne so einige der stimmungsvollsten Fotos dieser Reise. Man muß nichts dazu sagen, wer sie sieht, dem sprechen sie für sich. Und ich schäme mich nicht der Tränen, die mir angesichts solch tiefer Gläubigkeit in die Augen schossen und mich verlegen machten, weil ich, wo diese Seelen bedingungslos glauben, stets nur gezweifelt habe. Da wird jetzt auch nichts mehr zu richten sein, dazu bin ich bereits zu alt und verknöchert. Aber die Tränen tun gut, und erst als ich leer bin, wende ich mich ab und gehe wie im Traum hinaus – Herrgott, was hab ich nicht alles versäumt bisher im Leben!

An Imbißbuden vor dem Kloster werden Snacks verkauft, Pizza zum Beispiel oder leckere Teigtaschen, gefüllt mit Gehacktem, Käse oder Pilzen: Tschebureky. Igor fragt, was wir möch­ten und stellt sich an. Als wir das dampfend Frittierte in Händen halten und jeder von jedem abbeißen und kosten darf, ist die Welt wieder in Ordnung. Zufrieden machen wir uns auf den Weg zum Neujungfrauen Friedhof (Novodjevitschij Kladbischtsche), gleich nebenan im Südwesten des Klosters.

Hier liegen Persönlichkeiten der alten russischen Gesellschaft neben solchen der Sowjet­macht aus Kultur und Politik begraben. Die Stille des Totenfeldes unterbrechen nur die regelmäßig vorbeipoltern­den Züge der angrenzenden Ringbahn oder der gelegentlich vom Luzhniki-Stadion herüberschallende Lärm eines Rockkonzertes. Wir sehen die Gräber der Schriftsteller Gogol, Tschechov und Ehrenburg, der Komponisten Prokofjev, Skrjabin und Schostakovitsch, der Konzertvirtuosen Gilels (Piano), Oistrach und Kogan (Violine), der Politiker Gromyko und Molotow, der Flugzeugkonstrukteure Iljuschin und Tupolev, und schließlich nicht einzuordnender Persönlichkeiten wie die des Kaufmanns und Kunst­samm­lers Pavel Tretjakov, des Malers Valentin Serov oder des Sängers Fjodor Schaljapin. Letzterer wurde erst fünfzig Jahre nach seinem Tod von Paris hierher überführt und beigesetzt.

Anders als bei uns sind die Grabsteine pathosbeladene Monumente, Huldigungen und Lobpreisungen der darunter Begrabenen. Viele der Gräber sind mit Symbolen und Attributen versehen, welche Besonderheiten oder die Profession ihrer Bewohner verdeut­lichen sollten. So sieht man Pläne bei einem Ingenieur, die Büste eines telefonierenden Obersten der Nachrichtentruppe, Noten bei einem Musiker, Filmstreifen bei einem Regisseur sowie den grün gestrichenen Miniaturpanzer auf einem Findlingsbrocken für den General, unter dessen Gewicht es auch dessen Gattin Klaudija Ivanovna aushalten muß.

Ein alter Mann in dunkler Uniform, vermutlich ehemaliger Offizier, die Brust so voller Orden, daß eine abgeschossene Kugel schwerlich den Weg zu seinem Herzen fände, führt einen anderen, ebenso gebrechlichen Alten, vielleicht ein Kriegskamerad, durch die Reihen der Gräber der Krieger. Hier wenigstens passen sie irgendwie hin, denke ich, Tod war ihr Geschäft, und sie wirken, als seien sie gemeinsam einem dieser Gräber als Geister entstiegen. Wie absurd, lächerlich, grotesk und tragisch zugleich wirkten doch die alten Männer - und auch Frauen - in ihren verblichenen Uniformen mit der Brust voller Blech und Medaillen.

Nikita C.Zwei Grabstätten jedoch verdienen besondere Erwähnung: das der Nadezhda Allilujeva, Stalins zweiter Frau, und das Nikita Chruschtschovs, ab 1953 nach Stalins Tod erster Sekretär der KPdSU und von 1958 bis 1964 Ministerpräsident der Sowjetunion. Beide waren -  neben anderen - Grund, daß der 1898 angelegte Friedhof zu Sowjetzeiten nur von Ange­hörigen betreten werden durfte – seit Chruschtschovs Tod beispielsweise fürchtete man politische Demon­­strationen.

Die Welt erinnerte sich noch allzugut seines Auftritts vor den Vereinten Nationen, wo er zur Bekräftigung seiner Worte den Schuh auszog und damit auf das Pult einhämmerte. Sein Nachfolger Brezhnev hatte ihm die für Sowjetpolitiker damals übliche Ruhe­stätte an der Kremlmauer verweigert. Chruschtschovs Ehefrau Nina erteilte dann angeblich den Auftrag für das etwas gewöhnungsbedürftige Monument auf seinem Grab an den zu Lebzeiten von Chruschtschov selbst heftig verteufelten Künstler Ernst Neiswestnyj. 1962, in der gegenüber dem Kreml liegenden riesigen Halle der Manesch, zu jener Zeit vom Künstlerverband als Zentraler Ausstellungs­saal genutzt, verdammte er öffentlich die abstrakte Malerei. Die Bilder, schimpfte er, sähen aus, als habe „ein Esel sie mit dem Schwanz gemalt“. Ich erinnere mich noch gut dieser Worte in der Zeitung. Dabei richtete sich sein besonderer Zorn auf eben jenen später nach New York emigrierten Künstler E.N. Ironie des Schicksals oder sanfte Rache einer kunstsinnigen Gemahlin? Jedenfalls ruht er jetzt unter einem weiß und schwarz in Marmor gehaltenem Gebilde, einer Art großem Reisekoffer, in dem sein rundes Bauern­gesicht aus zweidrittel Höhe in ferne Ewigkeit lächelt. Auf der Marmorplatte davor stehen zwei kleine Körbe mit frischen Blumen.

Ähnlich das Grab der Nadezhda Allilujeva, ebenfalls stets mit Blumen geschmückt: die Bevölker­ung Moskaus nimmt immer noch Anteil an ihrem selbstgewählten Schicksal. 1932, zehn Jahre nachdem Josif Vissarionovitsch Dschugaschvili, später Stalin, der Stählerne, das neu geschaffene Amt eines Generalsekretärs des Zentral­komitees der Partei übernommen hatte, setzte die damals Dreißigjährige ihrem Leben selbst ein Ende. Zu ihren Bewunderern gehören Stalingegner wie -anhänger. Erstere, weil sie vor dem schlimmsten Scheusal neurus­sischer Geschichte floh, Letztere, daß sie es solange mit ihm aushielt. Ihr kann es gleich sein. Der Stein über ihr ist kühl und glatt, und seit mehr als siebzig Jahren hat sie darunter ihre Ruhe. Niemand wird je ergründen, was sie wirklich in den Selbstmord trieb.

Zurück fahren wir vorbei an Lenin und einem in später Abendsonne glänzenden Gagarin. In Konkovo, gegenüber den Wohnblocks, kaufen wir ein, was wir für den Rest der Woche brauchen. Als ich an der Kasse alles bezahlen will, scheint es für einen Moment, als sei Igor darüber sehr wütend. Kurze Zeit geht es hin und her, wer denn nun ... dann setze ich mich durch. Aber das Gefühl, daß ich ihn vor aller Welt durch mein Beharren bloßgestellt habe, verläßt mich nicht, und so muß ich ihn auf dem Rückweg mit vollen Tüten durch die Passage der Metrostation leicht am Rücken anstoßen und iswinitje, Igor murmeln. Von da ab ist alles wieder gut, und wir sind Freunde wie bisher.

Vom Balkon fotografiere ich die Nacht über Konkovo, und es wird ein eindrucksvolles Foto: schwer auf Schichten verbleibenden Lichts breitet sich blaue Dunkelheit über das Viertel. Man sollte sie gut unterscheiden von dem Begriff Düsternis, der hat hier nichts zu suchen. Rußland ist im Aufbruch, gehemmt zwar und wenig gefördert, doch kann man sie gar nicht alle nennen, die zu seinem Fortkommen an sämtlich erreichbaren Schräubchen und Rädchen des weiten Landes drehen – ich gebe diesem Land eine große Zukunft. Wenn auch erst in – sagen wir mal – zwanzig Jahren, und auch dies möchte ich allein auf den europäischen Teil bezogen wissen. Östlich des Urals wird es wohl sehr viel länger dauern. Aber das werden wir ja sehen.

Freitag 29. Aug. 2003

Ein strahlender Tag beginnt. Oder sagen wir lieber: Der Tag beginnt strahlend, man weiß ja nicht, was noch kommt. Nirgendwo ist nämlich der Begriff „wetterwendisch“ passender als in Moskau.

Dreizehn Stockwerke unter dem winzigen Balkon zum Rauchen und Aufbewahren von Melonen und feuchten Regenschirmen werden Autos gewaschen und startklar fürs Wochen­ende gemacht, das die meisten Moskoviter auf ihrer Datscha in der Umgebung verbringen. Heute abend, gleich nach der Arbeit, geht es los. Jetzt, kurz vor acht Uhr, ist der direkt unter dem Balkon liegende fähnchengeschmückte jarmarka, was Messe heißt, in Wirklichkeit aber eine Art billiger Basar ist, noch geschlossen und der zugehörige Parkplatz leer. Man hat hier einfach einen Schlagbaum über die öffentliche Straße gelegt, durch die nur Lieferanten des jarmarka und – wenn es sich partout nicht vermeiden läßt – Bewohner der angrenzenden drei Hochhäuser passieren dürfen. Igor macht es immer einen Höllenspaß, nachts um halb zehn den verschlafenen Posten aus seinem Häuschen zu hupen, aber als Anwohner hat er ein Recht darauf. Und er muß es auch, denn der schmale Plattenweg zu den Häusern ist praktisch Einbahnstraße, zwar ohne Beschilderung, doch alle Bewohner haben sich daran gewöhnt, und niemand rechnet mit Verkehr aus der falschen Richtung. So kommt es, daß Igor hinein zu seiner Garage durch den Schlagbaum des jarmarka muß, hinaus aber nicht. Die Garage ist Teil eines Gevierts von Wellblechhütten um einen schlammigen und von riesigen Wasser­löchern durchzogenen Sandplatz, zu dem man nur mit Hilfe zweier weiterer Schlüssel gelangt. Und so hat Igors Schlüsselbund etwa den Umfang der Dietrichsammlung disneyscher Panzerknacker.

Trotz des aufmunternden Sonnenscheins will ich heute in Moskaus Unterwelt abtauchen. Lena arbeitet, Igor muß mal wieder im Geschäft nach dem Rechten sehen, und so bietet sich Moskaus unterirdisches Verkehrsnetz zur Erkundung an, einmal muß man es erlebt haben. Jeder von uns ersteht eine Zehnerkarte, bis zur Oktjabrskaja unter dem Lenin-Denkmal sind wir noch zusammen, dann machen sich meine beiden damskis selbständig. Sie waren schon in Moskau und haben andere Ziele als ich, der ich zum erstenmal hier bin.

Metro-RolltreppeOstarozhna, dveri sakryvajutsa, sljeduschaja stantsia... „Achtung, Türen schließen. Nächste Station ist ...“ Meine Zweitbeste behauptet, der Sprecher, der in der Moskovskij Metropoliten vom Band die Stationen ansagt, besitze eine Märchenerzählerstimme. Nun ja, irgendwo hat sie wohl Recht. In der Tat könnte man diesem samtigen Organ stundenlang zuhören. Und genau das habe ich getan, für umgerechnet etwa 17 ct. Ein Spottgeld, für das man solange Metro fahren darf, wie man lustig ist, oder wieder ans Tageslicht möchte. Danach wird erneuter Eintritt in die Unterwelt fällig, derzeit sieben Rubel.

Die Moskauer Metro, deren erste Linie 1935 eröffnet wurde, ist viel mehr, als das wichtigste Nahverkehrsmittel der Hauptstadt, das täglich etwa 9 Millionen Passagiere befördert - jeden Moskauer also im Schnitt ein Mal und mehr Menschen, als jede andere Untergrundbahn der Welt. Wären diese Menschen alle auf Moskaus Straßen mit dem Auto unterwegs, gäbe es kein Fortkommen mehr. Und so machen palastartige Bahnhöfe, weit­läufige Säle mit verzierten Kron­leuchtern, Mosaik-geschmückte, riesige Hallen die Metro zum steingewordenen Relikt sozialistischer Utopie. Paläste für das Volk, die beste U-Bahn der Welt für die Hauptstadt des Arbeiter-und-Bauern-Staates, war Stalins Vorgabe bei ihrem Bau. 70.000 Quadratmeter verschiedenfarbigen Marmors, edle Metalle, Bronze, Mosaike, Gold, Glasschmuck und vieles mehr verschlang allein die erste Linie, die von der Station Park Kultury über weitere elf Stationen bis nach Sokolniki führte.

Das System der Moskauer Metro ist relativ einfach aufgebaut. Jeder Linie wird eine Farbe zugeordnet und es besteht kaum Gefahr, sich in einem der vielen Gänge zu verlieren. Rund ums Zentrum fährt die Ring-Linie, die Koltsevaja Linija (braune Farbe), von der aus ein Umstieg auf jede andere Linie möglich ist. Die Moskauer Metro besteht aus elf Linien mit einer Länge von insgesamt 262 km und 161 Stationen. Für den Verkehr dazwischen stehen über 9000 Waggons zur Verfügung.

In der Eingangshalle steckt man seine Metrokarte mit dem Magnetstreifen nach unten in den Schlitz der Apparatur des Drehkreuzes, wenn das grüne Licht leuchtet, sollte man zügig durchgehen. Vergißt man die Karte oder geht zu langsam, schlägt einem erbarmungs­los eine Eisenschranke an das Schienbein. Auf anschließenden, endlos lang erscheinenden Roll­treppen - manche führen 75 Meter in die Tiefe - gelangt man zu den unterirdischen Kathedralen der Revolution. Wer sich nicht an die Regeln hält, schubst oder rempelt, wird am unteren Ende der Rolltreppe von den beleibten Damen, die man des Öfteren in ihren Glashäuschen bei einem Nickerchen ertappt, herrisch zurechtgewiesen. Hier befindet sich auch der Notknopf zum Anhalten der Treppe, falls das einmal erforderlich sein sollte. Die Rolltreppen sind für europäische Verhältnisse sehr schnell. Leider wurde beim Bau der späteren Stationen der funktionale Anspruch an eine Untergrundbahn in den Vordergrund gerückt. Die Stationen sind bis zwei Uhr nachts geöffnet, und besonders zu später Stunde fährt man umgeben von einer manchmal ziemlich angeheiterten Gesellschaft.

Soweit die Theorie. Nun schicke ich mich also an, sie in der Praxis erkunden: zunächst auf dem braunen Ring von der Oktjabrskaja, wo indirektes Licht aus elektrischen Fackeln revolutionäre Symbolik mit Eichenlaub, Hammer und Sichel beleuchtet, unter dem Bett der Moskva hindurch zum Park Kultury, Cineasten besser bekannt als Gorky Park, Schauplatz eines amerikanischen Agententhrillers. Die hellem Marmorwände dieser Station sind mit erbauenden Medaillons zur Erziehung, Bildung und Kultur des Volkes versehen. Von hier zur Kievskaja untertunnelt die Bahn nochmals die Moskva.

Die Kievskaja, eine der prächtigsten Stationen der Metro, liegt unter dem Kiewer Bahnhof, dem Kievskij Voksal. Hier laufen drei Linien zusammen, sehenswert sind die Hallen der dunkelblauen und der Ringlinie. Arkaden, Mosaike, Kristallüster und Majoliken beschwören die (längst verwehte) Freundschaft zwischen Rußland und der Ukraine. Der Pomp wirkt um so makabrer, wenn man weiß, daß bei der kurz vor ihrem Bau unter Stalin durchgeführten Zwangs­kollektivierung ukrainischer Bauern Millionen Menschen ihr Leben ließen. Hier steige ich um in Richtung Park Pobedy, dem Siegespark, der neuesten und kürzlich erst mit viel Glanz eingeweihten Metrostation Moskaus. Sie verfügt über die längste Rolltreppe, wenn nicht der Welt, so wenigstens Rußlands: 126 Meter steigt sie steil empor und braucht von unten nach oben exakt drei Minuten. In der tschas pik, der Rushhour, schafft sie es vielleicht in zweieinhalb, da rollen die Treppen allemal schneller, um möglichst viele Menschen zu und von den Bahnen zu baggern, die dann im Minutentakt fahren. Der Abstand zwischen den beiden Stationen ist mit etwa vier Kilometern der längste der Moskauer Metro, hier erreichen die betagten – meist noch aus den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts stammenden – Züge ihre Maximalgeschwindigkeit von 42km/h. Man kann sich vorstellen, daß sie das nicht klaglos tun, und so rattert, rumpelt und schüttelt die Fuhre durch die enge Röhre, daß mir, der ich mich mit weißen Knöcheln an irgendeine Haltestange klammere, angst und bange wird, während die Moskoviter seelen­ruhig die Wohnungsanzeigen in ihren Morgenzeitungen studieren.

In Park Pobedy hat man den Siegen in den „Großen Vaterländischen Kriegen“ mit zwei die jeweiligen Stirnseiten der Station einnehmenden Mosaiken Denkmäler gesetzt. Der erste wurde 1812 gegen Napoleon mit dessen Vertreibung aus dem zerstörten Moskau errungen, der zweite ergab sich mit Kapitulation der Deutschen im Jahre 1945. Anknüpfend an die Pracht der alten Stationen wurden edelste Materialien verwandt, allerdings in moderner und wohltuend sachlicher Optik. Und so wollen die alten, immer wieder taubenblau über­striche­nen Züge gar nicht mehr so recht hierher passen. Die korpulente, mittelalterliche Aufseherin in den Glaskästen anderer Stationen hat hier bereits ein junges, rankes Ding mit blondiertem Haar ersetzt. Der Architekt der Station hat ihr die runde Glassäule, in der sie sitzt, auf dem schlanken Leib geschnitten, mehr cmotritelnitsa (Aufseherin) paßt dort wirklich nicht hinein.

Zurück auf der Ringlinie – die Krasnopresnenskaja befaßt sich mit dem Agitation des Volkes und den Anfängen der Revolution. Ihr dunkelbraun geflammter Marmor bedrückt, Menschen in farbenfroher Kleidung heben sich wohltuend von ihm ab. Ganz anders die Bjeloruskaja, die Weißrussische: man hat ihren Namen wörtlich genommen, und so strahlt die ganze Station in hellen Creme- und Weißtönen. Die Decken sind mit wunderschönen Stuck­kassetten geschmückt, die durch von Keramiksockeln gehaltene Lampen in ein unwirk­liches Licht getaucht werden. Hier findet auch der Übergang auf die Kachovskaja, die grüne Linie statt, die Moskau von Nord nach Süd durchquert. Busse der Linie 551 oder Marschrut-Taxis (Kleinbusse) vom Internationalen Flughafen Scheremetevo II landen am Rigaer Bahnhof, dem Retschnoj Voksal, ihrem nördlichsten Punkt, wo man auf das Moskauer Metronetz umsteigen kann. Einen Ausgang der Weißrussischen bewacht ein martialisch mit Maschinenpistolen aufgerüstetes Trio aus Vater Held (geroj), Sohn Held (geroje­vitsch) und – in wattierte Jacke gekleidet – vermutlich Schwiegertochter. Sonst Tochter des Helden und damit gerojevna. Um das mal zu klären. Über der Station befindet sich der Weißrussische Bahnhof.

Wieder unten warte ich die grüne 5 ab und fahre bis zur Majakovskaja, benannt nach dem Schriftsteller Vladimir Majakovskij, einem glühenden Kommunisten, der aber ein gespal­tenes Verhältnis zur Sowjetunion besaß und 1930 durch Selbstmord endete. Sein Grab auf dem Neujungfrauen-Friedhof schmücken auch heute noch frische Blumen, meist rote Nelken. Die Station besticht durch die in kühlem Grau und Grün angeleg­ten Keramik­bögen beiderseits der Haupthalle zu den Gleisen. Ihr Architekt, Aleksej Duschkin, wurde für ihre elegante Schlichtheit auf der New Yorker Weltaus­stellung 1938 mit dem Grand Prix geehrt. In den Blick der Geschichte rückte die Station zu Kriegsbeginn 1941, als Stalin beim Vormarsch der deutschen Truppen auf Moskau hier seine berühmte Rede vor dem Obersten Sowjet hielt.

Zurück über Bjeloruskaja und weiter zur Novoslobodskaja. Die Hauptattraktion der 1952 fertiggestellten Station an der Ringlinie sind ihre kunstvollen Darstellungen auf Buntglas­scheiben, die an ornamentale Kirchenfenster erinnern. Von hinten wie durch Tageslicht beleuchtet, zeigen sie Motive der russischen Gobelinkunst, wie Vasen, Pflanzen und figurale Bilder. An einer der Stirnwände wieder ein großes Mosaik, über einer weiblichen Figur ein Spruchband, kulmi­nierend in dem Wort Mir – Welt und Frieden gleichzeitig bedeutend.

Eine weitere Perle an der Schnur der Ringlinie, Prospekt Mira, glänzt mit Stuckdecken, pracht­vollen Messinglüstern und Keramikfriesen, die hauptsächlich florale Motive aus der Gärtnerarbeit zeigen. Die nächste Station, Komsomolskaja, beeindruckt vor allem durch ihre wagenrad­großen Kronleuchter und die indirekte Beleuchtung, die alles in ein sanftes Licht taucht. Die Felder zwischen den Lampenkörpern an den gelblichen Stuckdecken füllen große Mosaiken mit historischen Szenen aus der Geschichte Rußlands. Über der Station befinden sich die drei ebenfalls sehenswerten Zugbahnhöfe Leningradskij, Jaroslavskij und Kazanskij Voksal, wo Fernzüge nach Peterburg, Jaroslavl und Kazan abfahren wie auch ankommen.

An der Komsomolskaja gerate ich auf der Suche nach dem Ausgang ganz nach vorne an den Triebkopf des Metrozuges.  Hier steht auf einem Eisenpfahl ein quadratmeter­großer Spiegel aus Metall, kurz bevor die Gleise in der Tunnelröhre verschwinden. Und hier steht auch ein Polizist, mit verschränkten Armen und beobachtet die Passanten im Mittelgang. Der Triebwagen hält direkt vor besagter Metalltafel, in ihr kann der Zugführer wie in einem riesigen Rückspiegel beobachten, was hinter ihm an den Wagen seines Zuges passiert. Daß, wenn er zum Beispiel die Türen schließt, wirklich nur Leute entweder drinnen oder draußen, niemals aber dazwischen sind. Ein wunderbares Bild, ich hebe die Kamera vor Augen und schieße ein Foto: die Lok im Spiegel mit ihren sechs aufgeblendeten Scheinwerfern, dahinter der dunkle Tunnelschlund. Der Spiegel dient der Sicherheit.

Wie auch jener Polizist. Er winkt mich heran, ein junger Kerl noch, aber stark. Er hat wie ein Waschbrett gewelltes Haar, vermutlich ebensolche Bauchmuskeln und sagt etwas auf Rus­sisch zu mir, nicht einmal unfreundlich. Ich zucke die Achseln und präsentiere meinen Standardsatz für solche Situationen: Ja nji panimaju - ich verstehe nichts. It is forbidden, belehrt er mich daraufhin in reinstem Oxford-English, to take pictures of trains and rails. You may freely photograph the station and it’s beauty but not the train. Please give me the film. Da habe ich’s – fotografieren der Züge verboten, er will meinen Film.

Ich habe keinen, antworte ich ihm auf Englisch und hebe zerknirscht die Schultern. Das ist ’ne digitale, die speichert alles in der Kamera selbst. Tut mir leid, ich wollte Ihnen keine Scherereien machen. Ich wußte nicht, daß Züge tabu sind bla bla bla ... Im Stillen hoffe ich, daß er mein Eigentum an der teuren Kamera respektiert und nicht etwa wegen des Fotos auf Volks­eigentum pocht.

Welche Marke, fragt er interessiert, und da führe ich ihm alles vor und zeige ihm auf dem winzigen Bildschirm sogar das eben geschossene Bild, und weil es sowieso unscharf ist, lösche ich es vor seinen Augen. Okay? frage ich, und er nickt. So eine wollte ich immer schon haben, sagt er traurig. Aber als Polizist verdient man nicht viel. Machen Sie ein Foto von mir?

Na, und ob! Und er stellt sich in Positur, verschränkt die Arme vor dem Waschbrettbauch, tut, als schaue er angespannt in eine andere Richtung, und ich halte dem Atem an, unter­drücke das Zittern meiner Hände und lichte ihn vor Tunnelröhre, Spiegel und fauchender und lichterglühender Lok ab, bevor sie sich in Bewegung setzt und dröhnend die Station verläßt. Was geworden? fragt er und kommt interessiert näher. Cool, sage ich, und das Bild, das ich ihm zeige, ist verdammt scharf und deutlich und zeigt ihn, das Gleis, den Spiegel und auch den Zug. Da klopft er mir auf die Schulter: okay, okay!Cool! Und ich darf ziehen.

So kommt es, daß ich an die Komsomolskaja eine besonders schöne Erinnerung habe. Ich glaube aber nicht, daß es eine sehr gute Idee wäre, ihm das Foto per E-mail über die Polizei in Moskau zu schicken. Am Übergang zur roten Linie No.1, der Sokolnitscheskaja, Mutter aller Moskauer Metrolinien, lehnt an einem Geländer ein hübscher Mädchenhintern mit Rucksack. Das schöngeschwungene Geländer aus Messing ist eingefaßt von hellem Marmor und stammt aus dem Gründerjahr der Metro, 1935. Das nicht minder schöngeschwungene Gesäß davor faßt eine verblichene Jeanshose ein, und die beiden Halbkugeln darin stammen – schon gut, aber man wäre wohl blind oder verkalkt, wenn man sowas nicht zumindest am Rande noch mitkriegte.

In der Kurskaja kreuzen sich drei Linien, und ich beschränke mich darauf, den richtigen perechod, also Übergang zu finden. In einem der Gänge steht eine Frau in mittleren Jahren und verkauft selbst­leuch­ten­des Plastikspielzeug, das momentan im Halbdunkel aller Metro­stationen der Renner ist. Irgendeine chemische Substanz, die kurios geformte Plastik­schläuche zu rotem, grünem und blauem Fluoreszieren anregt. Als sie bemerkt, daß sie foto­gra­fiert wird, packt sie ihren wenigen Krempel und will flüchten. Nur mit Mühe kann ich sie bewegen, ihren Platz ein- und das Geschäft wieder aufzunehmen. Sie haben alle Angst vor Kontrollen, niemand in den Stationen besitzt Gewerbeschein oder Ähnliches. Die meisten wissen vermutlich noch nicht einmal, daß man so etwas braucht. Fotos allerdings sind eindeutige Beweismittel, das weiß mittlerweile jeder. Das gehört zur freien Marktwirtschaft.

Sljeduschaja stantsia ... die Stimme des Metromärchenerzählers: nächste Station ist die Taganskaja/Marksistskaja, auch hier treffen wieder drei Linien aufeinander. Dreieckige Felder aus heller Keramik zwischen den Torbögen zu den Gleisen berichten auf lichtblauem Grund von den Taten der Helden des „Großen Vaterländischen Krieges“. Ein russisches Trauma. Es heißt, Hitler und die Deutschen hätten zwanzig Millionen Russen auf dem Gewissen – ein deutsches Trauma? Wir schreiben das Jahr 2003, und hier tut man sich derzeit sogar mit einem Holocaust-Denkmal schwer – ich glaube nicht, daß die Deutschen an einem Trauma bezüglich russischer Weltkriegsverluste leiden. Sie nehmen es hin, sitzen es aus und holen bei Stammtischgesprächen unverhofft sogar noch den einen oder anderen Iwan aus seinem Unterschlupf, wo er sich vor den bis 1942 siegreichen Ariern versteckte. Nein, ich glaube nicht, daß die Deutschen leiden. In Rußland aber ist dieses Leid immer noch Volkskrankheit.

 Paveletskaja – heller Marmor, blanke Säulen, ausladend die Geweihe der Kronleuchter an der Decke, vereint an einer der Stationsstirnseiten Mann und Frau im Handschlag, darüber Hammer, Sichel, Ährenkranz: Friede, Freude - - nein, ich sage es nicht. In der Dobryninskaja vollende ich meinen Metroreigen und steige in die graue 9 um. Die geht unter der Moskva hindurch bis zur Borovitskaja, von dort unter dem Alten Arbat mit der blauen Filjovskaja zur Smolenskaja. Hier steige ich das erste Mal ans Tageslicht: 17 Cent verjubelt - es ist viertel nach Eins. 17 Cent: der Preis für vier Stunden erlebte Revolutionsgeschichte, ab hier bewege ich mich wieder auf eigenen Füßen.

Ich habe mir in den Kopf gesetzt, das Weiße Haus der russischen Staatsregierung (Dom Pravitelstvo Rossii) zu sehen, und stelle es mir immer noch mit leeren, teilweise aus­gebrann­ten Fenster­öffnungen vor, wie man es August 1991 im Fernsehen zeigte. Damals putschte eine konservative Clique aus Politikern und Militärs gegen Michail Gorbatschov. Um hinzukommen, muß ich auf dem Gartenring in nördlicher Richtung bis zum Neuen Arbat und auf diesem ein Stück nach Westen bis zur Moskva. Seitlich des gegenüber­liegenden Brückenkopfes erhebt sich wuchtig der vielfältig zerklüftete Bau des alten Hotels Ukraine, eines der sieben stalinschen Hochhäuser im sogenannten „Zuckerbäckerstil“. Mit solch einer Riesentorte, stelle ich mir vor, wäre manch Konditormeister aber wohl überfordert.

Apropos: hier ist gute Gelegenheit endlich einmal die Lage der sieben sogenannten Stalinhochhäuser zu beschreiben, welche in hohem Maße die Silhouette Moskaus bestim­men, man findet sie sonst kaum – also: Hochhaus No.1 ist ohne Zweifel die Lomonossov-Universität auf den Sperlingsbergen am Lomonosovskij Prospekt. No.2, das Hotel Ukraine am Ukrainskij Boulvard, sehe ich direkt vor mir. Wende ich den Kopf zurück, in die Konjusch-kovskaja Ulitsa, vorbei am Regierungssitz, sehe ich dort, wo die Straße einen Knick macht, am Kudrinskij Ploschtschad, die No.3, ein Wohngebäude. Ebenfalls Wohnhochhaus ist No.4 an der Kotelnitscheskaja Naberezhnaja, südöstlich des Kreml an der Moskva gelegen. Auch No.5 kann ich von hier aus sehen, es ist das Außenministerium am Smolenskij Boulvard. Morgen vielleicht, wenn Igor uns zum Leningrader Bahnhof bringt, werden wir No.6 sehen, das Hotel Leningradskaja an der Kalantschevskaja Ulitsa. Und No.7? Vielleicht das Hotel Peking an der Sadovaja Ulitsa, einst Mafiatreff und nicht ganz koscher. Es soll jetzt renoviert werden. Gehandelt wird auch immer wieder das (Außen-)Handelsministerium, gleichfalls an der Metrostation Majakovskaja. Und es bleibt noch das (ehemalige?) Verkehrsministerium dem Hotel Leningrad direkt vis-à-vis – niemand weiß es wirklich, alles ist im Fluß, selbst alte Moskoviter kennen sich nicht mehr aus. Nur die Adressen der Hochhäuser No.1 bis 6 sind gesichert.

Zurück: das „Weiße Haus“ hat keine ausgebrannten Fensteröffnungen und ist auch nicht weiß, sondern grau. Auf dem Dach weht über goldenem Doppeladler die weiß-blau-rote Flagge der Russischen Föderation. Warum hab ich´s mir anders vorgestellt? Ich weiß nicht. Ein nüchterner Bau mit Metallzaun und Posten davor, im Hintergrund lauern wohl noch mehr, des Kriegs in Tschetschenien wegen. Man muß sich behüten.

Am Kalininskij Most, der Brücke über die Moskva, wird gebaut. Nach Westen fällt der Blick auf die belebte Krasnopresnenskaja Uferstraße, an einem rosa Hochhaus auf die Reklame der Ruhrgas AG und schließlich das Tsentr Mezhdunarodnaja Torgovli – einem Handelsklotz am Moskva-Fluß, dem man nach dem 11. September 2001 flugs den Namen „World Trade Center“ verpaßte, die Gelegenheit war günstig und würde sich so rasch nicht wieder bieten. Der Himmel ist stahlgrau bewölkt, man weiß nicht, was heranzieht. Besser vielleicht, wieder in den Bauch der Stadt abzutauchen.

Das tue ich seitlich des Weißen Hauses, entlang der Konjuschkovskaja bis zur Bolschaje Devjatinskij. Hier, in der kleinen Seitenstraße, liegt die Amerikanische Botschaft, bereits seit 1933, seitdem nämlich bestehen diplomatische Beziehungen zu Rußland. Mr. President Bush und Gospodin President Putin hätten es also gar nicht weit zueinander - wenn sie wollten. Ich glaube allerdings, Bush hält Rußland immer noch für ein „böses“ Land. Wenn er überhaupt weiß, wo es liegt. Aber wofür hat er denn Condoleezza. Die weiß alles. Sogar daß die Hauptstadt dieses „bösen“ Landes Moskau heißt. Was Putin darüber denkt – ich schenke es mir – Mir wie Welt und Frieden. Russen sind im allgemeinen sehr gebildet, ich wüßte nicht, weshalb Herr Putin da eine Ausnahme machen sollte.

Der amerikanische Botschafter residiert im Spaso-Haus, so benannt nach einem kleinen Kirchlein nebenan, der „Erlöserkirche auf dem Sandhügel“ (Spasa na Peskach). Dieses Gottes­haus kennt jeder Russe, der einmal in der Tretjakov-Galerie war, denn um 1870 verewigte Vasily Polenov es auf seinem berühmten Gemälde „In einem Moskauer Hof“, das jetzt dort ausgestellt ist. Es zeigt ein sehr ländliches Idyll mitten in Moskau und eben jenes Kirchlein mit den vergoldeten Kuppeln, das noch steht und erst jüngst renoviert wurde.

Zurück zur Metro Smolenskaja benutze ich den sechsspurigen Gartenring, immer das stalinsche Tortenstück des Außenministeriums vor Augen. Und davor die Botschka-Bier­reklame. So breit die Fahrbahn der Smolenskaja ist, so schmal sind deren Gehwege, zudem allerorten zugestellt durch parkende Autos. Woraus folgert, daß der Moskoviter kaum zu Fuß unterwegs ist. Entweder fährt er Metro oder benutzt die eigene maschina. In den Tiefen der Stantsija Smolenskaja stehen junge Frauen in breitärschigen Uniformen herum. Was heißt, nicht die Uniform sondern die jungen Frauen sind – ach, lassen wir das. Es gab diesen Typ cmotritelnitsa (Aufseherin) im gesamten ehemaligen Ostblock, die DDR nicht ausgenommen. Auch heute stehen sie noch herum, man hat vergessen, sie zugunsten eines nutzerorien­tierten Konzepts zu entsorgen. Oder sind das – wie allenthalben im Staat – nur Relikte der alten Nomenklatura, immer noch irgendwo an der Macht, die ihre Vasallen wärmt und hätschelt?

Man weiß es nicht. An der Smolenskaja verdrücke ich ein Tscheburek, Lammfleisch, auch für Muslime geeignet. Es ist sowenig Fleisch drin, da hätte es vermutlich keinen Muslim gestört, falls es Schwein gewesen wäre. Zurück fahre ich mit der blauen 3 (Arbatsko – Pokrovskaja) über Arbatskaja – auch einer dieser unterirdischen Paläste mit Stuckdecken und einer Unzahl vielarmiger Lüster, in denen sogar sämtliche Lampen brennen - und Ploschtschad Revoljutsii mit Ausstieg zum Roten Platz. Thema der Ende der 30er Jahre eröffneten Station ist die Oktober-Revolution. Unter den vierzig Bögen zu den Bahnsteigen sind in Bronze gegossen ihre idealisierten Helden aufgebaut, zum Beispiel ein kniender Pionier mit umgehängten Gewehr, Matrosen des Panzer­kreuzers „Aurora“, ein Grenzsoldat, eine Mutter mit Kind aber auch Sportler und andere Menschen. Hier komme ich heute zum zweiten Mal ans Tageslicht. Es ist viertel vor Fünf, belehrt mich die grüne Digitaluhr am Ausgang. Noch viel Zeit, bis die Sonne untergeht.

Metrostation Prospekt MiraIch komme an der Nikolskaja Ulitsa heraus. Diese Straße war einst die Verbindung zwischen dem Kreml und der damaligen Hauptstadt Vladimir, eigentlich ist sie Fußgängern vor­be­halten aber völlig verstopft durch Imbißbuden, Fliegende Händler, Ramschstände und parkende Autos. In einer Nebengasse die Kathedrale des Bogojavlenskij-Klosters, ein prächtig renovierter Bau in barockem Rot, Weiß und Gold. Einige Häuser weiter, wieder in der Nikolskaja, ein grau-weiß gestrichenes, reich verziertes Haus, der Alte Druckereihof. Über dem Eingang sind als Relief Löwe und Einhorn abgebildet, daneben ist eine Sonnenuhr angebracht. Dieses Gebäude wurde nach dem großen Brand (Napoleon, 1812) 1814 wieder neu errichtet und beherbergte die Synodal-Druckerei. Doch bereits Iwan der Schreckliche befahl hier den Bau einer Hofdruckerei, in welcher Ivan Fjodorov das erste russische Buch, die Apostelgeschichte, druckte.

An der Nikolskaja befindet sich auch der westliche Eingang des GUM. Was liegt daher näher, als ihm einen Besuch abzustatten. Vom einstigen staatlichen Gemischtwarenladen, in dem es nie das gab, was man brauchte, hat es sich zur Kaufoase mit vornehmlich Nieder­lassungen teurer westlicher Marken gewandelt. Hierzu paßt, daß es das „Staatlich“ im Namen durch „Haupt“ ersetzt hat, also „Haupt-Kaufhaus“. Jetzt gibt es hier alles, doch nur wenige können sich den Überfluß leisten. Verkauft wird in drei Etagen. Jede der Etagen öffnet sich zur lichten Mitte hin, über deren Balustraden, Stegen und – im Erdgeschoß – einem breiten Mittelgang sich ein hohes Dach aus Glas und Eisen wölbt, gefaßt zu Beginn und Ende je durch eine gläserne Kuppel. Der goldene Brunnen in der Mitte des Gebäudes mit seinen als Sitzbänke mißbrauchten und immer umlagerten Steinfassungen aus rot­braunem Granit ist beliebter Treffpunkt. Durch das Glasdach sieht man die Silhouetten der Kremltürme, nachts sind die Kuppelstreben beleuchtet, das muß ein schönes Bild sein. Im Erdgeschoß hinter dem Brunnen ein Andenkenstand mit Matrjoschkas und allerlei anderem Folklore­krimskrams, der nachts wie ein Reisekoffer zusammengeklappt und abgeschlossen werden kann. Der Nippes ist hier dreimal so teuer wie draußen auf dem Roten Platz und zehnmal teurer als an den Kiosken in den Zugängen zur Metro. Ich sehe auch niemanden, der hier eines der hölzernen Püppchenensembles kauft. Die Standmiete aber muß ein Vermögen kosten, weiß der Kuckuck, wie sich das rechnet.

Am östlichen Ausgang, draußen auf dem Schwenk der Ilinka zum Roten Platz, ein Polizist, der gnadenlos anhaltende und Mitfahrer vor dem GUM absetzende Fahrzeuge wie auch unbedacht die Straße querende Passanten zusammen­trillert. Ein robuster, kurzer, kraftvoller Typ, der seinen schwarz-weißen Knüppel virtuos zu handhaben weiß. Spontan würde ich ihm den Namen Shorty verpassen, das kommt mir so in den Sinn – warum? Er sieht so aus. Am Ende der Vetozhnyj, hinter dem GUM mit den markanten Regenfallrohren an dieser Seite, ein Haus, dem der Putz in großen Fladen von der eben renovierten Fassade bröckelt: durch seine eigenwillige Dachform aus Zinkblech, die an spitze Zwergenmützen erinnert, fällt es auch von der rückwärtigen Seite auf, wo der Theaterplatz mit dem Bolschoij-Theater liegt – doch dazu komme ich gleich.

Kurz vor dem Lubjanka-Platz geht links der Tretjakov Proesd (Durchfahrt) ab, der über eine Passage wunderschön restaurierter Häuser mit kleinen, teuren Läden im Erdgeschoß durch ein hohes, vornehm gestaltetes Tor auf den Theaterplatz führt. Geradeaus aber an der Lubjanka dann das große, schmutziggelbe Gebäude des KGB, der nie schlafenden zentralen Gesinnungs­überwachung aus Sowjetzeiten, aktiv von 1917 bis 1991. Das Gebäude, 1899 für eine Versicherungsgesellschaft erbaut, wurde in den vierziger Jahren für den KGB erweitert und ausgebaut. Das Denkmal davor für Feliks Dzerzhinskij, lange Jahre grausamer Herr im Haus, Chef der Tscheka und erster Henker des Sowjetreiches, hat das Volk zur Wendezeit jubelnd vom Fundament gestürzt. Lange Zeit stand noch der leere Sockelstumpf, nun ist auch er entfernt. Jedoch: anstelle des Denkmals kein Hinweis auf die Millionen Gulag-Opfer, auf den Stalinismus, auf die in der Lubjanka Gefolterten und Ermordeten, auf die mit Blut getränkte Erde der Massengräber, zum Beispiel im zweckentfremdeten Donskoj-Kloster, auf die unge­hörten Schreie in den Kellerverliesen dieser Kommando- und Tötungszentrale des KBG – das war das staatliche Komitee für Sicher­heit: Komitejet Gasudarstvennoj Bezopasnosti. Heute residiert hier der FSB, der russische Bundes­sicherheitsdienst Federalnaja Sluzhba Besopasnosti. Nur ein Namenswechsel?

Wie ich gedankenverloren dort stehe, installiert man gerade vor dem Bau eine verzinkte Stahlplastik, die stark einem Radarschirm oder Parabolspiegel ähnelt. Na wenigstens das. Die Uhr an der Spitze des Gebäudes zeigt zwan­zig vor Sechs. Gegenüber das Kaufhaus Djetckij Mir, Welt des Kindes: hier bekommt man alles fürs Kind, von der Windel bis zum teuersten Spielzeug, und der ehedem blutigen Nachbarschaft schämt man sich wenig.

Vom Lubjanka-Platz folge ich dem Teatralnyj Proezd, bis linkerhand die vielfach gegliederte Jugendstilfassade des Fünf-Sterne-Hotels Metropol in Sicht kommt. Deren farbige Mosaiken stammen von Michail Vrubel, einem Künstler der russischen Avantgarde, der seine mysti­schen Sichtweisen in wunderschönen Gemälden wie „Die Schwanenprinzessin“ mani­festierte. Vor dem Traum aller Moskau-Besucher, dem Bolschoj-Theater, zu dem Karten immer ausverkauft waren, plätschert aus einer großen Schale ein Brunnen, vor dem mir ein Pärchen, sie im roten Overall, willig Modell sitzt. Die Rosse der Quadriga über dem Portal des Theaters scheinen auseinander zu streben, so bringen sie den Karren nie voran. Vor dem Theater stehend, der Kremlseite zuge­wandt, fällt der Blick auf die vorgenannten Zwergen­mützen, einen Teil der alten Stadtmauer sowie einen kolossalen Felsblock, aus dessen oberem Drittel sich der steinerne Rauschebart von Karl Marx schält. Hier ist allerorten der Jugendstil gegenwärtig, gleich neben dem Metropol ein weiterer Bau mit ausufernden Linien, unter dem First Mosaiken, die Front mit gußeisernen Balkons versehen, hinter einigen Fenstern schon Licht. Außer dem Bolschoj- (großen) befinden sich am Theater­platz noch das Malyj- (kleine), das Akademische Jugend-Theater und die Operette.

Vorbei am Bolschoj schlendere ich die Petrovka-Straße entlang Richtung Boulevard-Ring. Rechts das Kaufhaus ZUM (Tsentralnij Universal Magazin), neben dem GUM eines der größten Warenhäuser Moskaus, ursprünglich – vor der Enteignung durch die Bolschewiken – die Gründung zweier schottischer Kaufleute, Muir & Mirrielees. Heute ist es im Besitz einer Aktiengesellschaft. Ein paar Schritte weiter die Petrovskij-Passasch, ein ähnliches Unter­nehmen und von der Architektur her ein Miniaturausgabe des GUM. Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, plötzlich ein vertrauter Anblick: einer dieser „Buddy Bären“ aus Berlin, Kunstharz mit erhobenen Tatzen, lebensgroß, der Form nach in drei Ausführungen hergestellt, nur in der Bemalung unterschiedlich – ein Werbegag der Stadt Berlin, von Sponsoren für einen guten Zweck finanziert. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts standen sie überall in der ebenso neuen Hauptstadt herum. Diesen hier schuf der russische Künstler Alexander Taratynov im Jahr 2002, nun ist er hier gelandet: vor dem „Berlin Haus“. Die Mieten darin bewegen sich zwischen $520 – 565 per m²/annum, eine Extrapauschale von $110 per m²/annum wird für Betriebskosten erhoben, alles zahlbar vierteljährlich im Voraus - zusätzlich Mehrwertsteuer. Reuters zum Beispiel, die Nachrichtenagentur, residiert hier. Die Bürgermeister Luzhkov und Diepgen, beziehungsweise Wowereit haben den Deal persönlich abgesegnet, das Grundstück stellte die Stadt Moskau zur Verfügung, natürlich gegen Bezahlung. Offiziell soll das Haus dem Kultur­aus­tausch beider Städte dienen. Aber es muß sich für den Investor natürlich rechnen. Da kann man leicht einen ersteigerten Plaste-Bären vors Haus stellen.

Im Hinterhof des Hauses No.12 ein Dissidentenmuseum mit großformatigen Fotos ernst blickender Männer in den Fensterhöhlen des ersten Stocks (das ist in Rußland das Erdge­schoß), einer davon ein Geistlicher in Kutte und mit Abtskette auf der Brust, an den Wänden kunstvolle Graffitis. Das Museum ist geöffnet, ich schaue kurz hinter die Tür, da sitzen eine Handvoll Alternative und paffen aus ihren filterlosen Camels blauen Rauch an die Decke des kleinen Vorraums, durch den sich das Licht einer einzigen Neonröhre mühsam seinen Weg bahnen muß. Da niemand von mir Notiz nimmt, gehe ich wieder. Im nächsten Hauseingang führt die Kellertreppe in ein Pivnoi Restoran (Bierlokal), an die Wand hinunter sind dralle Kellnerinnen in weißer Schürze mit den Händen voller Maßkrüge gemalt. Ein Männchen mit Seidel auf dem Schild über dem Eingang verheißt mit pjat oborotov (5 Umdrehungen) 5% alc. Im schnapsgewohnten ehemaligen Ostblock wird Bier immer beliebter.

Haus No. 22, Ecke Rachmanovskij pereulok: dort ist der Moskauer Stadtrat (gorodckaja duma) untergebracht. Gegenüber steht ein schwarzlackiertes, blitzblankes Oldtimerschätzchen, eine russische Limousine, vermutlich aus den fünfziger Jahren, angemeldet und zugelassen mit Nummern­schild, doch nirgendwo ein Hinweis, um welche Marke es sich handeln könnte – Schiguli? Moskvitsch? Eigenbau? Es sieht aus wie eines dieser Gangsterautos von Citroen aus frühen französischen Schwarzweißfilmen. Ich gäbe was drum, einmal darin fahren zu dürfen, in Moskau ist alles käuflich - doch ich entdecke niemanden, dem ich für eine kurze Probefahrt mal eben zwanzig Euro in die Hand drücken könnte.

Zum Ende der Straße rechterhand das Große Petrovsk Kloster (Vysoko Petrovsk Monastyr), die Klosterzellen sind in Gebäuden aus rotem und gelben Backstein mit zum Teil vergitterten Fenstern untergebracht. Dahinter die Klosterkirchen, insgesamt drei an der Zahl. Oder sind es mehr? Man verzählt sich leicht bei der Unmenge Moskauer Gotteshäuser.

Schräg gegenüber ein Museum moderner Kunst. Auf dessen Hof eine Heiligengestalt aus Bronze mit hoch in der Hand erhobenem Kreuz, daneben ein parkendes Auto (das ist ja wohl keine Kunst! - Es könnte dem Museumsdirektor gehören), außerdem etwas, das ich als verspiegelten Radarschirm bezeichnen würde (nach jenem auf dem Lubjanka Platz heute nun schon der zweite), könnte aber auch ein stilisierter Regenschirm sein; doch warum der Aufwand, Davorstehende in dessen Segmenten als verzerrt widergespiegeltes Konterfei darzu­stellen? Schon aus Prinzip tippe ich auf Radar. Ferner steht in diesem Hof ein Bronzerelief, thematisch sich rankend um Adam & Eva im Zentrum & die Versuchung an sich, umgeben von einem dicken Rahmen aus bunten Mosaiksteinchen. Zwei lebendige Arbeiter im Blau­mann, die sich rechts davon auf ihre Besen stützen, vervollständigen das Kunstwerk – doch doch, es ist eins: Eva hält Adam den Apfel hin und sich selbst keusch die Hand vor ihre interessanteste Region: kann man Versuchung eindringlicher darstellen?

Vielleicht, aber dazu müßte man Dürer oder Cranach heißen. Nichts für ungut, liebe Mosko­viter, es ist ja wohl ein Museum der Moderne, die bekanntlich alles darf: von Kitsch über Kommerz bis Kunst. Don Quijote – den Bauch aus einem in den Schrott entlassenen Badeboiler modelliert -, Sancho Pansa und unverkennbar die gute, alte Rosinante, alles aus Altmetall gefertigt, stehen rechterhand vor einer Wand in Russisch-Rosa. Jemand winkt mit einem dicken Schlüsselbund: es ist Sieben, und das Tor des Museums wird eben abgeschlossen. Schließlich hat man auch noch ein Privatleben, nach Acht. Ich eile, und die Arbeiter rechts von Adam & Eva & der Versuchung greifen wieder zur Schaufel. Gearbeitet wird hier solange es Geld gibt und das Licht reicht.

Irgendwann bin ich am Petrovskie Vorota Ploschtschad, dem Platz am Peter-Tor. Ein richtig geiles Teil, weißer 300-er Mercedes SLK, Cabriolet, hat hier falsch auf einer Rasenfläche des Boulevard-Ringes geparkt, wollte eben wegfahren, hält, weil ein schmächtiger Polizist in der blauen Uniform der GAI sich davorstellt. Davorsteht, die Hände vorm Bauch verschränkt, am Gürtel die schwarze Geldkasse aus Rindsleder, sichtlich erfreut: Nu ham’wa endlich ein’ von den’. Er läßt sich Zeit, kostet die Situation aus. Letztlich wird er fünfhundert Rubel verlangen und in seine mobile Kasse eintippen, schlappe siebzehn Euro, das zahlt der Mercedes­heini doch locker aus der Hemdentasche. Doch der Triumph, einen dieser Neuen Russen aufzuhalten, ihn beliebig lange von seinen Geschäften zu trennen – nun gut, nicht beliebig lange, aber doch für eine ziemliche Weile, während derer sich die Wut des so Ausge­bremsten zusehends steigert – man hat sich immer noch ein bißchen Vlast (Macht) übrigbehalten. Und wenn früher ein Anruf des Gemaßregelten beim Bezirkssekretariat der Partei genügte, um den Knöllchenaussteller für zehn Jahre nach Tobolsk in das tiefste Bergwerk zu schicken, so gilt das heute nicht mehr: Also, nun mal rechts ran und die Papiere bitte! - Da hilft einem der dickste Westschlitten nicht die Bohne.

Richtung Westen, auf dem Strastnoj Bulvard geht man im Schatten von Bäumen. Irgend­wann Rachmaninov, ein Rondell, inmitten darin sein Denkmal. Er sitzt da, als hielte er einen Vortrag: rundum auf den Bänken Pensionäre mit Stock, Obdachlose mit braunen Bierflaschen und Hausfrauen mit lebhaften Kindern, die ihm zu lauschen scheinen. Weiter, nach einer Biegung zu Beginn des Puschkin-Platzes das alte Rossija, Moskaus größtes Kino, nun aufgepeppt durch eine Spielhölle namens Shangri La, vor dem ein Portier in Fantasie­uniform und Hostessen in schlechtsitzenden Kostümen versuchen, Publikum anzureißen. Ein Salon für chromblitzend große Autos vervollständigt die Szene, die sich mit Lichter­gefunkel nicht genug tun kann. Davor wacht abwesend ein Mann in der Kleidung eines Maharadschas, Schärpe um den Bauch und Turban auf dem Kopf. Das ist sein Dienstanzug, denn er paßt auf, daß niemand eine Schramme in den teuren Audi auf der Rampe kratzt.

PuschkinplatzWeiter wandere ich zum Puschkin-Platz. Im schrägen Licht der untergehenden Sonne funkeln hier die Fontänen des Brunnens, auf dessen Rand niedergelassen Spaziergänger verweilen, um noch ein wenig die Abendsonne zu genießen. Dahinter ragt das Zeitungs­gebäude der Izvestija. Zwei junge Schöne lächeln mich an, als ich sie und die Umgebung ablichte, das tanzende Wasser hinter ihnen scheint in perlender Zeitlupe gefroren.

Puschkin – zumindest sein Denkmal, auf dessen Hinterkopf ein Täubchen ausruht – gibt sich nachdenklich. Vermutlich sinnt er über den Zweck der direkt vor seinen Augen errichteten McDonalds-Zentrale, schrieb er doch bereits zu Beginn des 19.Jahrhunderts im „Eugen Onegin“ über Rußlands Zukunft:

 
Geht Rußland einst aus Finsternissen
Zur Zivilisation voran
(Was etwa, nach gelehrten Schlüssen,
Einhalb Jahrtausend dauern kann),
Dann wird sich auch in unsren Ländern
Der Straßenzustand sehr verändern:
Auf Prachtchausseen aus Kies und Stein
Wird’s Reisen eine Freude sein.
Und über breiten Strömen thronen
Stahlbrücken; ja, man ebnet Land,
Bohrt Tunnel durch die Felsenwand,
Und rings auf allen Poststationen
Stellt orthodoxer Christensinn
Uns ein Büfett zur Stärkung hin ...

Puschkins Vogel
Das mit den Tunneln hat er brillant vorausgesehen, denn hier unter der Tverskaja-Straße treffen drei Metro-Linien aufeinander, und jede besitzt ihren eigenen Zugang, die aber alle untereinander Verbindung haben: Tverskaja, Puschkinskaja und Tschechovskaja. Bei den Poststationen allerdings hat er sich vertan, wohl im Vertrauen auf Mütterchen Rußland - die Amerikaner mit ihren Klopsstationen waren schneller. Doch wer hätte das ahnen können.

Die Tverskaja ist eine vielbefahrene Straße, über sie führt die kürzeste Verbindung zwischen Moskaus Zentrum und dessen internationalem Flughafen Scheremetjevo. Eine Weile verfolge ich noch das lebhafte Kommen und Gehen meist jüngerer Leute am Puschkin-Denkmal, das der beliebteste Treffpunkt ganz Moskaus ist. Ich habe mir sagen lassen, daß am 6. Juni – Puschkins Geburtstag – sich Heerscharen um das Denkmal versammeln, um einfachen Leuten aus dem Volk lauschen, die aus seinem Werk rezitieren, frei und ohne jede Hilfe – es soll alte Russen geben, Männer wie Frauen, die den ganzen „Onegin“ auswendig kennen, ein Versroman von immerhin gut zweihundert Seiten Umfang.

Mir tun die Füße weh. Aber das wollte ich ja; man nimmt eine Stadt nur in sich auf, wenn man sie erwandert und dabei in Ecken hineinleuchtet, in die der normale Tourist nie kommt. Es stimmt: die betagte Dame Moskau hat viel ihrer einstigen Schönheit wieder gewonnen, ich habe hinter ihre Runzeln geschaut. Wieder im Bauch der Metro, fahre ich zwei Stationen zur Novokusnetskaja, die ganz in hellem Marmor gehalten ist, mit bronzenen Kandelabern, und man glaubt, gleich erschlägt einen der Stuck von der Decke und all dies Alabasterzeug. Glücklicherweise muß ich hier umsteigen in die Linie 6 nach Konkovo, und die fährt – über einige Treppen erreichbar – von der Tretjakovskaja, die sich schlicht und karg gibt: Bronze­porträts der Maler Surikov und Repin zieren die Wand, vor der nach nicht mal einer Minute die Bahn hält und mich müden Wanderer aufnimmt - so nannten sich auch die aus der Enge der Akademie ans Licht geflohenen Maler Rußlands, die sich 1871 erstmals in einer eigenen, nicht von der Akademie beherrschten Ausstellung der Öffentlichkeit präsen­tierten: die Peredvizhniki, zu deutsch Wanderer. Repin und Surikov gehörten auch dazu. Seit ich die Schätze des Russischen Museums St. Petersburg in einer Ausstellung der Bundeskunst­halle Bonn hautnah erleben konnte, liebe ich die Werke dieser Maler und reise ihren Bildern nach – einer meiner Gründe, Moskau, der alten Dame, endlich einen Besuch abzustatten.

Bis Konkovo braucht die Bahn eine halbe Stunde. Mit Anderen zusammen eile ich hinaus, die steile Treppe hinauf, nicht achtend der Kioske, Kramläden und winzigen Verschläge im Verbindungstunnel beider Fahrtrichtungen, wo man in zugiger Umgebung fast alles kaufen kann, was ein Leben außerhalb des Moskauer Zentrums erfordert. Vorausgesetzt, man hat das nötige Geld dazu: djengi i dollari.

Heute morgen hat man mich bestens versorgt mit allen Notwendigkeiten eines Ausflugs in das Herz dieser Riesenstadt, damit ich nur ja wieder zurückfinde: Heimatadresse, mit Kuli auf einen Fetzen rosa Papier geschrieben, Telefonkarte, Handy­nummern sämtlicher Bewoh­ner von Profsojusnaja, Dom (Haus) 124, Kvartira (Wohnung) 111 samt dem Schlüssel dazu. Was fehlt?

Es ist nach zwanzig Uhr, und die anderen sind noch gar nicht da. Aljoscha öffnet mir die  Tür und zieht sich gleich wieder hinter seinen Computer zurück, von wo er sämtlichen Flugverkehr über und um Moskau herum unter Kontrolle hat. Was nervt, ist nur der simulierte Sprechfunkverkehr mit den Piloten der Maschinen, die er leitet. Man kennt diese schnarrenden Töne und das schleifend luftholende Geräusch, wenn jemand die Sprechtaste drückt und damit den Verstärker des Senders hochfährt, von den Weltraummissionen der Amerikaner. Aljoscha lebt damit und versteht jedes Wort. Deshalb ist sein Englisch auch sehr viel besser als sein Deutsch, zu dessen Erlernen ihm seine Eltern eigens einen teuren Kurs am Goethe-Institut in Bonn ermöglichten – es liegt ihm nicht. Wenn man ihn auf Deutsch anspricht, schaltet er sofort um: Say it in English, fordert er und lächelt darüber verlegen. Obwohl seine Noten in Deutsch gar nicht so schlecht waren.

Gegen neun Uhr kommt der Rest unserer kleinen Gemeinschaft, es beginnt der letzte Abend. Das Drei-Liter-Glas Gurken ist alle, also genehmigen wir uns die Reste aus der Flasche Standart Wodka ohne jegliche Gemüsebegleitung: Igor, Dirk - agurets! Wir lachen viel, versichern uns gegenseitiger Achtung und Zuneigung und sind uns kaum bewußt, daß wir morgen voneinander scheiden. Und das ist auch gut so. Ein letztes Mal verabschieden sich Lena und Igor von uns in die kleine Wohnung der Babuschka, umarmen uns und sind weg. Samt Aljoschas nervendem Sprechfunk.

Samstag 30. Aug. 2003

Nachts hat es geregnet.

Wir warten mit dem Frühstück auf unsere beiden Gastgeber. Als sie kommen, trägt Igor die Jeansjacke, die er letztes Jahr an der Garderobe bei uns im Haus hängenließ, und die wir ihm gewaschen und gebügelt wieder mitbrachten, ein nun weitgereistes Kleidungsstück. Vielleicht wollte er sie aber auch nur gewaschen ... Unsinn. Wir sind alle ein wenig bedrückt. Gestern abend haben wir noch ausgelassen jedes Späßchen belacht – Gestern noch auf hohen Rossen, heute durch die Brust gesch ... Quatsch. Aber ein bißchen weh tut es. Haben wir doch solch harmonische Woche hinter uns, in der wir uns alle miteinander verdammt gut verstanden, trotz Sprachbarriere, und unsere Freunde haben sich an jedem dieser sieben Tage die größte Mühe mit uns gegeben. Das steht unausgesprochen im Raum und würde nur zu Tränen führen, spräche man es aus.

Also fahren wir mit dem klapperigen Aufzug hinunter und bummeln zu Fünft endlich durch den Jarmarka, der uns fähnchengeschmückt mit Blick aus dem Fenster der Wohnung in Konkovo immer vor Augen lag. Drinnen ein großer Markt mit Gemüse und Obst, alle Sorten Fleisch, vielerlei Arten Fisch, Käse, Honig, Backwaren, dazu Fertigwaren und Molkerei­produkte – es gibt alles, wovon die Mangelwirtschaft noch vor einem Jahrzehnt nur träumen konnte. Wenn man Geld hat. Und zwar genügend, um auch die hohen Preise, die hier verlangt werden, bezahlen zu können. Wir reden von Rußland, wo hundert Dollar monatlich ein gutes Gehalt ist, nicht von uns. Wir, mit unserem westlichen Einkommen, empfänden die Preise wohl eher als moderat.

Anschließend durchstreifen wir Batterien von Geschäftscontainern voller Modeartikel und Textilien. Geübt fährt meine Zweitbeste ihre Antennen nach Schuhen aus, doch die würde – obwohl Reno oder Salamander draufsteht – selbst Lena nicht kaufen. Alles Schund, sagt sie, die Namen nur drangepappt. So ersteht die Meinige, die seit drei Tagen böse erkältet ist, nur eine Garnitur warmer Leibwäsche, für Sibirien. Allerdings sucht man noch eine Apotheke auf, ebenfalls in gestapelten Blechcontainern, und kauft einige todsichere Mittel, die gegen gemeinen Schnupfen wie auch sibirische Erkältung helfen sollen: Tütchen mit Pulver, das man in heißem Wasser auflösen und trinken muß – todsicher?

Todsicher.

Danach wird es langsam Zeit. Das Herz ist uns schwer. Bevor wir aufbrechen, nimmt jeder irgendwo Platz, alle setzen sich noch einmal, das ist russischer Brauch, es nimmt der beginnenden Reise Hast und Unruhe. Dirk, Bärbel, Maruschka – sadis! befiehlt Igor und setzt sich selbst neben Lena und nimmt deren Hand. In mir fliegen Bilder vorüber, und ich denke an all das Schöne, das wir miteinander in diesen sieben Tagen erlebt haben. Dann zieht jeder die Schuhe an, nimmt wortlos sein Gepäck auf und wartet im Treppenhaus auf den Aufzug. Natürlich kommt der falsche, aber wir kennen ja den Trick, den großen für Lastenträger in den dreizehnten Stock zu beordern. Seltsam, wenn ich es bedenke, hat uns die Dreizehn in dieser Woche nur Annehmlichkeiten bereitet – gut, vielleicht zählt westlicher Aberglaube hier nicht. Dies große Land besitzt genügend eigenen Aberglauben.

Diesmal fahren wir über die 109 Kilometer lange fünfspurige Ringautobahn MKAD (Moskovskaja Kolzevaja Avto Doroga) nach Scheremetjevo. Gleich zu Beginn sieht es nach Stau aus, doch alles löst sich auf. Der Himmel ist trüb. Gegen drei Uhr liefern wir Maruschka ab, und auch der Halt am Terminal überschreitet nicht die erlaubten zehn Minuten zum Ausladen des Gepäcks. Lena bleibt bei Marija, und Igor kehrt mit uns wieder zurück in die Stadt und fährt zum Leningrader Bahnhof, von wo wir mit dem Zug No. 160 nach St. Petersburg reisen sollen. Igor bringt uns bis ins Abteil, kümmert sich rührend um das Verstauen unseres Gepäcks und bereitet unsere Abteilnachbarn (wir sind fortan zu Viert) darauf vor, daß sie mit Ausländern reisen und sich Rußlands würdig erweisen sollten. Nachdem Igor und wir uns gegenseitig in gebrochener Sprache allertiefster Freundschaft versichert haben, scheiden wir voneinander, bevor noch einem von uns die Tränen kommen können, wir stehen alle dicht davor. Pünktlich um 16:30 Uhr ruckt der lange Zug an und beginnt gemächlich zu rollen. Es regnet.

Wir bewohnen mit einem jungen Mann und einer älteren Frau, die von ihrem Mann gebracht und mit Wangenküßchen verabschiedet wurde, im Waggon 5 das Abteil No. VIII. Der nächste Wagen zur Lokomotive hin ist das Zug-Restaurant. Das bedeutet, daß auf dem Gang vor unserem Abteil reger Verkehr herrscht. Jeder Reisende erhält von der Schaffnerin ein Lunchpaket mit Brot, Käse, Wurst und ein paar welken Salatblättern, bei ihr gibt es auch Tee und Mineralwasser. Sie ist, das darf ich - ohne gehässig zu sein - anmerken, eigentlich etwas zu breit gebaut für den engen Gang. Doch alles macht ihr bereitwillig Platz, wenn sie hindurchpflügt.

Unser Abteil besitzt vier Betten, je zwei übereinander. Unter den unteren Betten befindet sich jeweils eine Blechwanne zur Aufnahme von Gepäckstücken. Daneben ist Platz für die Koffer. Jede der Kojen ist mit einem Leselämpchen versehen, bei Tag lassen sich die oberen beiden hochklappen. Es gibt - selbst auf dieser vergleichsweise kurzen Reise von nur sechshundert Kilometern - frische, weiß-blau gestreifte Bettwäsche und zwei derbe, braune und kratzige Wolldecken für jedes Bett. Vor dem Abteilfenster hängen Gardinen, und ein Sonnenschutz läßt sich wie ein Rollo davor herabziehen. Sogar eine Vase mit frischen Blumen steht auf dem Klapptisch am Fenster. Kurz nachdem wir aus dem Leningradskij Voksal gerollt sind, wird der rostrote Teppich mit den regenfeuchten Fußspuren im Gang aufgerollt und irgendwo verstaut. Darunter kommt der eigentliche, bereits ein wenig schäbige Abteil­tep­pich zum Vorschein. Von nun an bewegt sich alles auf Strümpfen oder in mitgebrachten Schlappen. Niemand in Rußland, der einigermaßen Erziehung genossen hat, betritt eine Wohnung in Straßenschuhen. Gleich am Eingang entledigt er sich ihrer; wenn dort Schlapki (Latschen) bereitstehen, um so besser.

Das Lunchpaket ist rasch erkundet und angebohrt. Da wir es im Doppelpack besitzen, öffnen wir nur eine der Dosen – Leberwurst, würde ich sagen – und ein Dreieck Streichkäse, an dem wir beide genug haben. Den Rest heben wir auf, man weiß ja nie. Schließlich liegt noch Sibirien vor uns. Manch einer, so haben wir uns sagen lassen, war dort mit Leberwurst in der Dose und einem schäbigen Dreieck Schmelzkäse absoluter König – gut, mag sein, daß das nur wieder so ’ne Propagandalüge des Westens war. Wir sind ja damit großgeworden, ganz wie die Russen mit Lenins Appellen, Plänen und anschließendem Mangel.

Es ist ein ruhiges Abteil, das wir erwischt haben. Rechts nebenan geht es dafür um so härter zur Sache: ständig fällt krachend die Tür ins Schloß, was nur noch übertroffen wird vom ruckenden Poltern, wenn der Zug ratternd über eine Weiche fährt. Dann rüttelt es den Waggon in einem sekundenlangen Taumel durcheinander. Auch sonst gehört der Zug nicht eben zu den Leisetretern. Insgesamt hält er auf der gesamten Strecke an nicht mehr als drei oder vier Bahnhöfen. Wir können uns sicher fühlen, das Abteil links neben uns beherbergt einen kräftigen Mann in tarnfarben gefleckter Uniform, dem seitlich am Koppel in einem braunglänzenden Lederholfter ein ernst zu nehmender Schießprügel steckt. Man selber als Tourist weiß ja gar nicht, wem alles das Tragen solch gefährlicher Waffen erlaubt ist. Die von nebenan beruhigt allerdings, weil ihren Träger ein besonnenes und ruhiges Auftreten auszu­zeichnen scheint. Das müssen Mafiosi aber auch aufweisen, wenn sie überleben wollen.

So rumpelt und rattert der Zug in die beginnende Nacht. Regen färbt die hinter Glas vorbeihuschende Landschaft schwarz, einzeln nur glimmen Lichter auf. Es wäre besser, ich versuchte zu schlafen, aber mir geht zuviel durch den Kopf. Mit offenen Augen döse ich aus dem Fenster. Unter mir schläft längst die Zweitbeste, mich wundert, daß sie nicht schnarcht bei der Erkältung, die sie gepackt hält. Unser Zug heißt Aurora (Avrora), Morgenröte, benannt nach dem russischen Panzerkreuzer, dessen Matrosen 1917 mit einem Kanonenschuß in St. Petersburg, damals noch Petrograd geheißen, die russische Revolution einleiteten. Fast ein Jahrhundert später sehen wir, was daraus geworden ist: sechshundert Kilometer zwischen Moskau und Petersburg ödes Land, kaum besiedelt. Manchmal an Bahnschranken ein wartendes Auto, zumeist Japaner. Russen fahren kaum noch russische Autos, sie sind zu unzuverlässig.

Vor dem Fenster zieht Dämmerung auf, dann Dunkelheit. Ab und zu Lichter, ein Warn­signal der Lokomotive, das jäh einsetzende Rauschen und Klappern aller Fenster, wenn ein Gegen­zug das zweite Gleis passiert. Auf eine träge Art bin ich müde, finde jedoch keinen Schlaf. Dorf um Dorf zieht vorüber, Häuserschatten in der Dunkelheit - nur Schatten, kaum ein Licht in der Nacht. Wovon diese Leute nur leben. Und wie sie leben. Ob sie jemals in Moskau oder Petersburg waren?

Klar dussele ich dann und wann ein. Aber nie so fest, daß ich nicht doch mitbekäme, wie der Zug die Nacht zerteilt. Grad hastet er an einer Handvoll Häuser vorbei, der einzige Lichtfleck breitet sich um das Bahnwärterhäuschen aus. Ein Mann steht davor im Regen­mantel und hebt grüßend die Hand. Dann geht er hinein, um die Schranken zu öffnen. Noch zwei Stunden bis Petersburg. Ich versuche ein wenig zu lesen, meine Gedanken zu notieren, dabei fallen mir die Augen zu. Als wir nach insgesamt fünfeinhalb Stunden Fahrt am Moskauer Bahnhof (Moskovskij Voksal) ankommen, fühle ich mich müde und zerschlagen.

Es regnet, was vom Himmel herunter will, Hunde und Katzen. Nein doch eher nur Hunde – dicke Hunde. Auf dem Bahnsteig mühen wir uns mit dem Gepäck und suchen im Gewühl nach dem Fahrer des bestellten Transfers ins Hotel – da steht er, ein schmächtiger, junger Mann mit hochgeschlagenem Jackenkragen, der ein Blatt Papier hochhält mit unserem Namen. Nachdem wir uns zu erkennen gegeben haben, nimmt er meiner Zweitbesten den Koffer ab und führt uns zu seinem Taxi, das er am Ploschtschad Vostanija (Platz der Erhebung) vor dem Bahnhof abgestellt hat. Er fährt ruhig und bedächtig, um diese Zeit herrscht wenig Verkehr. Durch die beschlagenen Scheiben sehen wir nicht viel, nur einmal meine ich, das Mariinsky Theater zu erkennen. Zar Alexander II. ließ es nach seiner Frau Maria benennen, zu Sowjetzeiten hieß es Kirov-Theater, aber seit der Wende trägt es wieder seinen alten Namen.

Vor dem Klotz des Hotels Sovjetskaja, wo wir unser Zimmer gebucht haben, drücke ich dem jungen Fahrer noch im Wagen zweihundert Rubel Trinkgeld in die Hand, etwa sechs Euro. Er bedankt sich auf Englisch und wuchtet unsere schweren Koffer aus dem Gepäckabteil des Wagens, es ist ein Volga mit hoher Ladekante. Hinein hob ich sie am Bahnhof noch selbst, und ich hab ziemliche Probleme mit dem Rücken. Nun überlege ich, ob nur hundert Rubelchen es nicht ebenso getan hätten.

Nach dem Einchecken gehen wir noch auf einen Absacker an die Hotelbar in der Halle. Ein Bier, ein Glas sauberer georgischer Weißwein und ein Fläschchen Wasser schlagen mit hundertsechzig Rubel zu Buche. Ich denke, mit fünfzig wäre der junge Mann ebenso gut bedient gewesen.

Sonntag 31. Aug. 2003          

Nach dem Frühstück mit Rührei, Würstchen von der Länge eines Daumenglieds (sosiski), gutem Brot und viel Kaffee, das in einem abgedunkelten Saal von immensen Ausmaßen einge­nommen wird, wollen wir feststellen, was sich in der Stadt, die wir 1995 zuletzt sahen, verändert hat. Oder einfach nur alte Sehnsüchte und Erinnerungen auffrischen.

Das Wetter ist trüb, aber noch regnet es nicht. Das achtzehnstöckige Hotel Sovjetskaja, dem man trotz einiger Versuche zur Verschönerung den Bau aus Chruschtschovs Zeiten ansieht, liegt innerhalb des Hufeisens, gebildet vom Flüßchen Fontanka und den Prospekten Lermontovskij und Rizhskij. Zur nächsten Metrostation, entweder dem Technologitscheski Institut im Osten oder der südlich gelegenen Baltijskaja, sind es jeweils fünfzehn Minuten zu Fuß. Die Straßenbahn hält direkt vor dem Hotel. Allerdings haben wir noch nicht heraus­bringen können, wo sie endet.

Wir entschließen uns für die Baltijskaja am gleich­namigen Bahnhof, wo die Züge aus Tallinn, Pskov und Riga ankommen. Hier, im Leninskij Rajon, sind wir noch nie gewesen. Uns fällt sofort auf, daß dieses Viertel von den allfälligen Verschönerungsarbeiten zur 300-Jahrfeier der Stadt nicht sonderlich profitiert hat. Es liegt zu sehr abseits, hier kommt normalerweise kein Tourist hin. Die Metrostation liegt – zusammen mit Baltischem- und Warschauer Bahnhof sowie dem Busterminal No.1 – am Kai des Obvodnogo-Kanals, einem der zahlreichen Wasserläufe der Stadt. Wir müssen ihn bereits gestern bei der Ankunft im Zug überquert haben. Hinter dem Warschauer Bahnhof erhebt sich die gewaltige Auf­erstehungs­kirche, ein fünfkuppeliger roter Ziegelbau mit seitlich angefügtem Glockenturm, wie er in seiner Entstehungs­zeit, 1904 – 1908, üblich war.

Es hat zu nieseln begonnen, ein unangenehm durchdringendes Naß, das es lohnt, den Schirm aufzuspannen. Vor der Metrostation ein Reisebus, der Magistral Ekspress, Heimat­hafen Baku am Kaspischen Meer. Die rechte Hälfte der Frontscheibe ist vielfältig gesplittert, sie hält nur noch durch innen angebrachtes Klebeband und die inwendige Verbundfolie - als hätte jemand große Steine darauf geworfen. Oder geschossen. Von Baku kommend, muß er durch Tschetschenien, will er nicht den Ural überklettern. Zwei Frauengesichter lächeln mir aus dem Bus hinter Gardinen hervor zu, als ich die Kamera auf ihn richte. Die Front der Baltiskaja zieren über den Eingangstüren die Porträts mehrerer Admiräle aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, St. Piter war stets eine dem Meer zugewandte Stadt, so hatte Peter I. sie nach dem Sieg über die Schweden bei Poltava gegründet: als Zugang des russischen Reiches zum europäischen Meer, der Ostsee.

Die Verhandlungen zum Erwerb zweier Zehnerkarten der Metro gestalten sich uner­wartet schwierig: die djevuschka (junge Frau) im Glasverschlag der Kassa will mir partout Telefonkarten verkaufen und radebrecht mit mir nur noch über deren Preis. Als ich sie endlich soweit habe, daß sie versteht, was ich will, und mir die gewünschten Billets mürrisch durch das winzige Fensterchen im Schalter schiebt, funktioniert natürlich auf Anhieb gar nichts. Wie aus Moskau gewohnt schiebe ich sie in den Schlitz des Drehkreuzes, aber hier muß man sie genau andersherum einführen: eine grelle Hupe ertönt, und aus dem Häuschen der Aufsicht neben den Schranken bellt mich eine weibliche Lautsprecher­stimme mit etwas an, das ich nicht verstehe. Hilfreiche Passanten zeigen mir, wie ich das Kärtchen richtig einführe, über allem die Kommandostimme der cmotritelnitsa – ach, führ sie dir doch selber ein, denke ich böse und schieße einen giftigen Blick in Richtung ihres Glashäuschens ab. Derweil flutscht das Papierchen durch die Apparatur und kommt oben wieder heraus. Die Schranke öffnet sich und ich bin durch. Meine Zweitbeste hat alles mit den Augen verfolgt und natürlich keine Probleme. Ständig sind es die Männer, die sich so dämlich anstellen - was müssen sie sich auch immer als Pioniere geben und vorangehen. Dabei kommt dämlich von Dame – Verzeihung, ich habe dieses Wort nun wirklich nicht erfunden!

Nevski ProspektDrei Stationen bis zum Nevskij Prospekt, der großen Magistrale Petersburgs. Die Station Gostinyj Dvor ist nicht unbedingt Stadtmitte, aber letzter Halt auf dieser Seite der Neva. Vor der katholischen Katharinenkirche stellen die Maler aus, überwiegend ist aber Kitsch, was hier angeboten wird. Daneben spielen zwei Männer auf einem Brett mit Holzgestell im Stehen Backgammon. Über ihren Köpfen weist ein Schild auf einen Computerladen hin. Nein, sie schieben noch auf althergebrachte Weise die Steine, für Mausklicks haben sie nichts übrig. Stückchen weiter, seitlich der Kirche, in der Polens letzter König begraben ist, regt sich irgend etwas unter einem Dach aus Pappkarton – wirklich ein Dach, Regen, der immer eindringlicher wird, hat es bereits durchweicht, das klamme Etwas darunter schiebt alles wieder zurecht, unsichtbar, beklemmend langsam - jammervoll. Eigentlich sollten all diese gescheiterten Menschen aus dem Bild des prächtigen, dreihundert Jahre alten St. Petersburg entfernt sein, aber sie schleichen sich immer wieder ein, sind wie häßliches Ungeziefer, dessen man nicht Herr wird. Wovon, außer den Gaben der Passanten, sollen sie sonst auch leben. Draußen vor der Stadt, wohin sie die Militsia immer wieder karrt, wenn sie ihrer habhaft wird, ist kein Auskommen. Noch nicht einmal für einen Hund. Und so begegnet man Männern und Frauen, die Abfallkörbe durchwühlen, Veteranen des Afghanistan­feld­zuges ohne Arme oder Beine, schlafenden Betrunkenen in Toreinfahrten, bettelnden Kindern und alten Frauen, die für ein paar Rubel Selbstgestricktes und entbehrliches Haushalts­gerät verhökern.

Am Kanal Gribojedova entlang nähern wir uns der Auferstehungskirche (Chram Voskresenija Christova), die auch als Blut- oder Erlöserkirche bezeichnet wird. Beim letzten Mal, als wir hier weilten, war sie versteckt unter Gerüsten und Planen und wurde renoviert. Nun sehen wir sie in all ihrer Farbenpracht und verspielten Schönheit. Zar Alexander III. ließ sie zu Ehren seines Vaters Alexander II. erbauen, der an dieser Stelle am 1. März 1881 dem Attentat einer Gruppe „Volkswille“ (Narodnaja Volja) zum Opfer fiel. Es erwischt immer die Besten, war es doch Alexander II., der die Leibeigenschaft in Rußland aufhob und auch im Rechts- und Verwaltungswesen Reformen durchführte.

Durch eine Toreinfahrt vor Regen geschützt, hat ein Maler seine Staffelei aufgebaut und arbeitet an zwei kleinformatigen Werken gleichzeitig: der Kirche unter blauem Himmel und der Kirche bei Regen. Letztere ist noch feucht. Die richtige Kirche ist nach langen Jahren der Renovierung endlich zu besichtigen. Das Prinzip, Kunstschätze dem russischen Volk vergünstigt zugänglich zu machen, findet im allgemeinen meine Zustimmung, doch hier hat man den Bogen überspannt: Russen besichtigen das Kircheninnere für 40 Rb., das sind etwa anderthalb Euro, von Ausländern verlangt man satte 250 Rb, also mehr als acht Euro. Das ist mir für eine Kirche entschieden zu üppig hingelangt. Fazit: meine Zweitbeste geht hinein, ich bleibe draußen. Sie ist sowieso von außen viel schöner. Zudem entdecke ich dabei ein hübsches Bräutchen in Weiß mit Schleier und Kranz, das sich unter atemlosen Lachen und Kichern von ihrem Zukünftigen auf den Armen über das regenglänzende Pflaster der schönen, alten Mojka-Brücke mit ihrem teilweise kunstvoll vergoldeten Geländer tragen läßt.

Nach etwa einer halben Stunde sind die 250 Rubel verbraten, und meine Teuerste ist wieder draußen. Wir folgen der Mojka, bis sie beim Michaelsschloß in die Fontanka mündet. Der hellrosa Bau, dem Sommergarten gegenüber und im Norden und Osten von Mojka und Fontanka geschützt, macht eher den Eindruck einer Festung. Das sollte es für Paul I., den Sohn Katharinas der Großen, der es einschließlich einer dem Erzengel Michael geweihten Kirche erbauen ließ, auch sein und Schutz vor Eindringlingen bieten. Der hl. Michael war ihm angeblich im Traum erschienen, und hatte ihm diese Aufgabe verkündet. Leider muß besagter Erzengel am 23. März 1801 nicht im Dienst gewesen sein, denn an diesem Tag (nach neuer Kalenderrechnung) wurde Paul I. in seinem Schlafzimmer von Mördern umgebracht, gedungen von über seine weltfremde und rückwärts gerichtete Politik verärgerten Aristo­kraten. Da half ihm alle äußere Sicherheit nichts, sowas muß von innen kommen.

Direkt hinter der Fontanka in der Pestelja-Straße ein kleines namenloses Kirchlein, das unter Planen sein Äußeres verbirgt und zur Zeit renoviert wird. Innen wirkt es anheimelnd und familiär, der Teppich zum Ikonostas - beispielsweise - ist vermutlich selbstgewebt; ich werde sowieso den Verdacht nicht los, daß in Rußland jede dritte Familie ihre eigene Kirche betreibt. Diese hier hat am Eingang keine Kasse, und kein martialischer Wachmann in tarn­farbenem Drillich führt Aufsicht. Hier bin ich gern, werfe zehn Rubel in den Opferstock und wärme mir für einen Moment an den brennenden Kerzen die Augen.

Ein Stück weiter, am Soljanoj pereulok, finden wir die Ausstellungs- und Verkaufsstelle der Kunstakademie St.Petersburgs wieder, ein ehemaliges Stadtschloß direkt an der Fontanka, die geräumige Halle vollgestellt mit gar nicht mal so unguten Gemälden junger Künstler und Studenten. Hier habe ich vor acht Jahren das Werk eines Kunstschülers aus der Karibik erstanden, dessen Transport nach Deutschland damals mancherlei Probleme aufwarf. Ich erfreue mich immer noch dran. Es zeigt eine junge Frau mit zu großer Nase, und im Titel, der unten links in roter Ölfarbe verewigt ist, besingt der junge Maler „ihren goldenen Körper“. Die Dame ist nackt. Sehenswert ist allerdings eher das Brimborium aus Voodoo-Zauber und Ahnenkult um den goldenen Körper herum – das hat was, und ich kann es mir immer wieder anschauen. Mir gefallen hier mehrere Gemälde, doch aus dem bekannten Grund nehme ich keins mit: zu Hause ist keine Wand mehr frei. Eines der in China erstandenen und durch das ganze Riesenreich der KPCh mitgeschleppten Aquarelle hängt sogar bei mir im Keller. Das mag für ein Bild aus zarten Wasserfarben angehen, kaum jedoch für ein richtiges Ölgemälde, wie sie in dieser Ausstellung versammelt sind.

Irgendwie landen wir zwischen Gangutskaja, Furmanova und Soljanoj Per. im Hinterhof eines Gebäudes, das uns durch lebhaft farbige Mosaike an seinen Kellerwänden auffällt. Diese setzen sich - bei näherem Hinsehen – im Inneren des Treppenhauses fort. Neben der Tür im Erdgeschoß steht: Malaja Akademija Iskusstv, Kleine Kunstakademie. Sie ist verschlos­sen, man könnte klingeln, doch wozu – wir sind ja nur flüchtige Besucher. Draußen, an dem liebevoll angelegten Bächlein mit darin schwimmenden bunten Mosaik­fischen entlang der Haus­mauer, hebt eine Gassi geführte unintellektuelle Promenadenmischung ihr Bein – seicht, findet sie und läßt Entsprechendes von sich. Nur gut, daß ihr das nicht auch noch wurscht ist.

Vor der Troitski-Brücke ein bereits betagter Fischer mit drei Angeln am Ufer der Neva. Wozu er Gummistiefel trägt, weiß vermutlich nicht einmal er selber. Mag sein, er besitzt gar kein anderes Schuhwerk. Hier, am mit Granit ummauerten Ufer führt kein Weg ans Wasser. Angler reden nicht gern. Auf die Frage, ob er denn heute schon etwas gefangen habe, antwortet er, die Zeiten seien schlecht. Und ob ich nicht einen halben Euro für ihn hätte. Ich habe, mit einer gemessenen Verbeugung bedankt er sich und widmet sich fortan ernsthaft wieder nur Haken und Blei. Angler sind so.

Dort wo die Troitski-Brücke einmündet, am Platz zwischen Marsfeld (Marsovo Pole) und Neva, dem Suvorov Ploschtschad, steht das durch Industriedreck geschwärzte Denkmal des Feldherrn Aleksandr Suvorov, der im russisch-türkischen Krieg einiges an Erfolgen verbuchen konnte. Auf einem roten, runden Granitsockel, wie ihn am Moskauer Lubljanka-Platz auch das Abbild des KGB-Chefs Feliks Dzerzhinskij innehatte (vermutlich hat man den hier abgeguckt), reckt der Marschall, dessen Privatleben unter einem eher tragischen Stern stand, siegesgewiß das Schwert.

Das Grün dahinter heißt deshalb Marsfeld, weil man das Gelände ab 1800 als Aufmarsch- und Exerzierplatz nutzte, und bekanntlich war Mars der römische Kriegsgott. Seit 1957 brennt hier eine ewige Flamme für die 180 unter dem Rasen beigesetzten Opfer der Februarrevolution von 1917. Den Rand des Marsfeldes begrenzen die von Stassov erbauten Kasernen für das Regiment des erwähnten Paul I. Heute ist hierin die Petersburger Energie­versorgung untergebracht. Und der angeschwärzte Suvarov steht da, als führe er immer noch über alles die Oberaufsicht, die goldleuchtenden Kuppeln der Erlöserkirche bestärkend im Rücken.

Die Troitski-(Dreieinigkeits-)Brücke schlägt an dieser breitesten Stelle einen Katzenbuckel über die Neva. Hübsch anzusehen sind die gußeisernen Tragmasten der Oberleitungen für die Trolleybusse, die auf ihr fahren. Sie erfreuen das Auge des Betrachters mit Jugendstil­ornamenten. Drüben, auf der Petrograder Seite (Petrogradskaja Storona), liegt auf der Haseninsel breit und wuchtig die Peter-und-Paul-Festung (Petropavlovskaja Krepost), nur über zwei Brücken erreichbar. Golden leuchtet die spitze Turmnadel der Peter-Paul-Kathedrale herüber. Ihr Gegenstück findet sie im Turm der Admiralität am diesseitigen Kai der Neva. Die Festung gilt als Keim­zelle der späteren Stadt, am 16. Mai 1703 soll der erste Spatenstich zu ihrem Bau erfolgt sein. Deshalb feierte St. Petersburg in diesem Jahr von Mai bis Juni mit großem Aufwand sein drei­hundert­jähriges Bestehen.

Entlang der Neva bummeln wir am Schloßkai (Dvortsovaja Nab.) zum Zentrum zurück. Hier entdecken wir die ersten Jogger, ein wohl eher fremdartiges Vergnügen für Russen. Wer wäre schon so dumm, sich des teuer angefressenen dicken Fells mittels schweiß­treiben­der Betätigung wieder zu entledigen? Das können nur Amerikaner erfunden haben, worauf auch der Name hinweist: jog bedeutet neben anderem „Dauerlauf, Trott“ – sind jogger also nichts als dauerlaufende Trottel? Aber keine Angst, vom schmiedeeisernen Balkon im ersten Stock eines rostbraunen Rastrelli-Baues weht eine Rotkreuzfahne, falls sich wer Blasen läuft – nein, ernsthaft: der Bau beherbergt irgendeine Avtoritet (Autorität) in Sachen Gesund­heit, so steht es in goldenen Lettern über dem Bogen der Eingangstür.

Fast noch Kinder aber bereits die Zigarette zwischen den Fingern, kommen uns blutjunge Marinekadetten entgegen, begleitet von ihren stolzen Müttern. Heute ist Sonntag, Besuchs­tag. Nu, wird man der in langer Fahrt vom Land angereisten rundlichen Mamotschka mal die Stadt zeigen und versuchen, in ihrer krampfhaft zugehaltenen Handtasche das eine oder andere Rubelchen ausfindig zu machen; vom Hungersold ist kaum das bißchen Tabak zu bestreiten. Schneidig sehen sie aus, die angehenden Herren Seeoffiziere in ihren Blusen mit blau-weißen Kragentüchern und den goldenen Koppel­schlössern! Aber auch die Mütter haben sich innerhalb ihrer Möglichkeiten schick gemacht und freuen sich auf die Stadt.

Vor dem Ermitasch-Theater mündet aus einem weitgewölbten Torbogen ein Seitenarm des Mojka-Flüßchens, der Winterkanal, in die Neva. Der Blick hindurch auf seine pastellfarbenen Uferbauten beschwört Bilder von Venedig - nur daß Venedig an heitere und turbulent laute Maskenbälle erinnert, Sankt Piter hingegen an festliche, verträumt melancholische Theater­säle – ja, so ist, glaube ich, es richtig ausgedrückt.

Das Ermitasch- oder Eremitage-Ensemble beherbergt eines der größten und berühmtesten Museen der Welt. Es würde den Rahmen sprengen, hier eine detaillierte Beschreibung seiner Räumlichkeiten und Kunstschätze aufzuführen, dafür sind Reiseführer gut. Aber es kann nicht schaden zu wissen, hinter welcher Fassade - von außen gesehen - sich was verbirgt. Am besten steht man dazu auf der Schloßbrücke (Dvorzovyj Most) oder am südlichen Strand der Haseninsel (Zajatschnij ostrov) und schaut über das blau im Gegenlicht funkelnde Wasser der Neva. Geht natürlich nur bei Sonnenschein, im Regen funkelt nichts. Links beginnend sieht man dann: rechts neben dem Torbogen des Winterkanals das Eremitage-Theater, anschließend die Alte Eremitage. Was man nicht sieht, ist die Neue Eremitage, die sich dahinter befindet und vom Schloßplatz zugänglich ist. Als nächstes folgt der eigentliche Ursprung der Kunst­sammlung, die Kleine Eremitage, die nach rechts hin abgeschlossen wird durch die grün-weiße Fassade des größten Baues dieser Ansammlung zaristischer Pracht­entfaltung, dem Winterpalais.

Allerdings wäre die Aufzählung unvollständig ohne den noch linkerhand von Troitski-Brücke und Mars­feld im Sommergarten gelegenen Sommerpalast (Letnij Dvorez) sowie rechts des Winterpalais’ im Anschluß einer dazwischen liegenden Grünanlage die Admiralität. Und eigentlich gehörten auch noch Schloßplatz und Generalstabsgebäude auf der Rückseite der Eremitage dazu. Doch die sieht man von hier nicht. Aber das Marmor­palais (Mramornyj Dvorez, hey, hört sich nach Schreibfehler oder Legasthenieprodukt eines russischen Hofschreibers an; ist aber keins von beiden, Marmor schreibt sich wirklich so: Mramor) ist zu sehen, gehört hingegen wiederum nicht zu den Schloß­bauten: Katharina d. Gr. ließ es für ihren Geliebten – Damskis, herhören! -, den Fürsten Grigorij Orlov errichten. Der wollte das Ende der siebzehnjährigen Bauzeit (1768 – 1785) aber nicht abwarten und verstarb, ohne es bezogen zu haben, vor der Zeit - schadé, Damskis wieder weghören. War nichts.

Einer Betrachtung wert ist noch der Begriff „Eremitage“: er entstammt dem Französischen und bedeutet, wie man weiß, „Einsiedelei“. Im Europa des 18. Jh., inmitten beginnen­der Aufklärung und den damit grassierenden akademischen Veranstaltungen bei Hofe, zog man sich gerne in den kleinen Kreis zurück, um ungestört über all diese neuen Entdeckungen zu debattieren und deren Auswirkungen auf die Zukunft zu überdenken. „Eremitages“ waren in jener Zeit kleine in fürstlichen Schloßparks errichtete Pavillons, meist zweistöckig, deren Ober­geschoß einem ausgesucht intimen Gästekreis als Speiseraum diente. Das Essen kam samt vollgedecktem Tisch mittels raffinierter Aufzugtechnik durch eine Klappe im Boden, so daß man kaum vom Personal behelligt wurde.

Katharina d. Gr., geborene Sophie Friede­rike Auguste von Anhalt-Zerbst, beauftragte 1764 den Architekten Vallin de la Mothe mit dem Bau einer solchen „Kleinen Einsiedelei“. Wohl damals noch abgelegen im Garten des Winterpalastes, die übrigen Gebäude kamen ja erst später hinzu. An den Wänden dieses Schlößchens ließ sie jene Gemälde aufhängen, die Galeristen und Vertraute überall in Europa für sie zusammenkauften. So wurde über Jahre der Grundstock zu einer einzigartigen Sammlung gelegt. Als die Wände voll waren, und nichts (besser als niemand!) mehr gehängt werden konnte, wurde der Architekt Jurij Veldten mit dem Bau einer größeren Ausstellungshalle betraut: der heutigen Alten Eremi­tage. Das war 1771 und langte für eine Weile. Erst siebzig Jahre später, als wieder alle Wände mit Gemälden vollgehängt waren, baute man nach dem Entwurf des Deutschen Leo von Klenze die Neue Eremitage hinter die alte. Vorher allerdings entstand noch das Eremitage-Theater, das war um etwa 1785.

Wir müssen uns das heute nicht alles antun, an diesen musealen Bauten wird sich in den vergangenen acht Jahren, seit wir das letzte Mal hier waren, nicht allzuviel verändert haben. Also sparen wir die Eremitage aus, zugunsten anderer Erlebnisse, um deretwillen sich eben­falls der Besuch in Piter immer wieder lohnt. Neben der Admiralität und noch vor den durch einen Bogen verbundenen Gebäuden von Senat und Synod erstreckt sich nämlich ein Park, der Aleksandrovskij Sad, welcher bevorzugt von Hochzeitspaaren aufgesucht wird. Davor steht, auf dem Dekabristen-Platz (Pl. Dekabristov), der berühmte, im Poem Puschkins besungene „Eherne Reiter“, jene von Katharina II. ihrem großen Vorgänger Peter I. mit folgender Widmung zugedachte Bronzeskulptur: Petro Primo Catharina Secunda – Peter dem Ersten, Katharina die Zweite, 1782. Der Fels, auf dem das Standbild steht, wog vor der Bearbeitung 1600 Tonnen und wurde über zehn Kilometer weit hierher geschafft.

Ehewillige führen davor allen möglichen Hokuspokus auf, stets begleitet von Trauzeu­gen, die – so will es der Brauch – im Falle des Scheiterns der Ehe sich um deren Fortbestand bemühen müssen und, falls dem kein Erfolg beschieden ist, sich wenigstens um etwaige Nachkommen zu kümmern haben. Das geht so weit, daß sie diese unter Umständen in eigener Zucht aufziehen. Also in bester Tradition der immer mehr in Vergessenheit geraten­den Patenschaft. Was wir miterleben: eine hübsche brünette Braut, vermutlich Georgierin, die Trauzeugen mit Schärpen, auf denen etwas steht, das ich nicht entziffern kann. Die Runde nascht Schampanski aus Plastikbechern. Eine zweite Jungfer verheddert sich mit dem Pfennigabsatz eines ihrer Schuhe in der weißen Spitzen­wolke ihres Kleides. Hübsches Dekolleté, ihr schwarzgekleideter Bräutigam hilft und legt dabei viel noch hübscheres Bein frei, was so freilich kaum für die Allgemeinheit bestimmt war. Die genießt, schweigt - und applaudiert. Einem Pärchen schließlich wird von einem der Zeugen behutsam eine Taube gereicht – ein weißes, zappelndes Federvieh, das weder er noch sie so recht festhalten mögen und können. Schließlich umspannen sie beide das arme verängstigte Tier mit vier Händen – und lassen es endlich, mit Schwung in die Luft geworfen, fliegen. Flrrr, macht das weiße Täubchen, die Paloma blanca, und ist davon. Zufrieden stöckeln Paar und Zeugen durch die Pfützen auf den Parkwegen zu einer wartenden blumengeschmückten 7-Sitzer-Langkarosse. Die nächste Hochzeitsgesellschaft naht, die Bräute werden immer hübscher.

Unsere Mägen kneift der Hunger, und so suchen wir ein Restaurant im Keller der ehemaligen Senats- und Synodbauten gleich über die Straße auf. Der Synod war von 1721-1917 neben dem Patriarchen oberstes Organ der russ.-orth. Kirche, aber eigentlich mehr ein staatliches Instrument in der Hand des Zaren. Hier gibt es ein Biz’nis Menju mit Salat, Hauptgericht und etwas Süßem hinterher für 150 Rb, umgerechnet etwa fünf Euro. Mit der Bedienung hapert es zu Anfang etwas, weil das in russische Fantasietracht gekleidete Dämchen lieber vor einem der drei Spielautomaten in der Ecke sitzt und flippert.

Schachspieler im ParkHinter dem Alexanderpark ragt die wuchtige Isaak-Kathedrale. Die Beobachtungs­platt­form auf der Kolonnade um die goldene Kuppel herum ist begehbar, 562 Stufen führen zu ihr hinauf. Der Blick von dort über die Stadt soll atemberaubend sein, ich war selbst noch nicht oben. Das Gewölbe der Kirche wird von 112 roten Säulen aus jeweils einem Granit­mono­lithen getragen, deren unterste einzeln bis zu 114 Tonnen wiegen. An einigen sind noch Einschußlöcher aus der neunhunderttägigen Belagerung Leningrads durch die deutsche Armee während des Zweiten Weltkrieges zu besichtigen. Die Halle der riesigen Kathedrale faßt mehr als 10 000 Menschen.

Vor der Kathedrale reitet mitten auf dem Isaaksplatz Zar Nikolaus I. mit Adlerhelm unbekümmert auf sich bäumendem Roß, als gäbe es nicht den ihn umtosenden Verkehr. Er kann es sich leisten, denn mit dem Bronzemann legt sich so leicht kein Autofahrer an. Die Südseite des Platzes begrenzt der helle Marienpalast, so benannt nach Nikolaus’  Tochter, der Großfürstin Maria Nikolajevna, für die er 1844 errichtet wurde. Heute beherbergt es das Rathaus (Gouvernat) St.Petersburgs.

Fast über dessen gesamte Breite erstreckt sich vor dem Schloß die sogenannte Blaue Brücke (Sinij Most) über das Flüßchen Mojka, eine Kuriosität, da ihre Breite fast das Dreifache der Tiefe beträgt: mit 97,3 Metern soll sie die breiteste Brücke der Welt sein, bei einer Länge von nur 32,5 Metern. Mancher, der seinen Fuß auf sie setzt, erkennt sie gar nicht als Brücke. Es wurmt die Einwohner von Piter zutiefst, daß sie nicht in das Guinness-Buch aufgenom­men wurde, der Grund für die Ablehnung ist nicht bekannt. In besagtem Buch hingegen wird als breiteste Brücke der Welt die Sydney Harbour Bridge mit 48,8 Metern genannt, allerdings bei einer freitragenden Spannweite von 503 Metern. Der Name der Blauen Brücke rührt aus einer Tradition des 19.Jh., die Brücken über die Mojka farbig zu kodieren. Alle drei großen Prospekte, die vom Herzen der Stadt, der Admiralität, strahlenförmig ins Stadtinnere dringen, führen noch über solche farbigen Brücken: der Vosnesenskij Pr. über die erwähnte Blaue Brücke, die Girochovaja Ul. über die Rote (Krasnyj) und der Nevskij Pr. über die Grüne (Zelenyj). Von allen Dreien ist die goldene Nadel des Turms der Admiralität sichtbar.

Vom Isaakplatz führt uns der Weg entlang der Mojka mit ihrer eleganten Uferein­fassung aus polierten Granitpfeilern und schwarzgestrichenen, gußeisernen Gittern, vorbei an den genannten Brücken. Rechterhand liegt mit der Einfahrt zur Mojka der Campus der pädagog­ischen Universität Aleksandr Ivanovitsch Gerzen (A.I.Herzen), deren Namensgeber in Rußlands Schicksalsjahr 1812 geboren wurde, einer der bekanntesten Schriftsteller und Publizisten seiner Zeit wurde und 1870 in Paris starb. Das Universitätsgelände befindet sich in einem grünen und mit gußeisernen Zaungittern von der Öffentlichkeit abgetrennten Areal zwischen Kazaner Kathedrale und Mojka. Bei dieser zentralen Lage, möchte es einen fast gelüsten, dort ein Studium zu beginnen. Jawohl, auch ein Studentenhostel unterhält die Uni auf ihrem Gelände, für etwa 8-15 Dollar pro Tag, je nach Komfort des Zimmers.

Auf dem Nevskij Pr. bemüht sich ein Mensch unter dem Plastikkostüm einer Kochsfigur mit riesigem Wasserkopf, Passanten mittels Bratpfanne und Würsten, die er – gleichfalls aus Plaste – in Händen schwenkt, zum Besuch eines Restaurants hinter der Toreinfahrt in irgend­einen Hinterhof zu animieren. Als ich ihn ansprechen will, hält er die Klappe mit dem großen Gebiß, hinter der sein Gesicht undeutlich zu erkennen ist, mit der Wursthand zu: er ist inkognito und will es bleiben. Das soll man respektieren. Von dem Verlust an Körper­flüssigkeit einmal abgesehen, den ihm die schweißtreibende Latexmontur bereiten muß, ein leichter Job. Vielleicht steckt darunter ja wieder jener diplomierte Molekularbiologe, den ich 1995 anläßlich meines ersten Besuchs in Petersburg als Zeitungsverkäufer im Metroeingang beschrieb, bis sich – wie er damals sagte – etwas Besseres fände. Es hat sich – finde ich nun – für Leute ohne kräftige Ellenbogen nicht eben viel Besseres gefunden in den acht Jahren russischen Auf­wuchses in den Kreis der kapitalistischen Länder.

Ach, und die Kathedrale der Gottesmutter von Kazan (Kazanskij Sobor)! Sie liegt direkt am Nevski Prospekt vis-à–vis der labyrinthischen Auferstehungskirche, dort wo der Gribojedova-Kanal den Prospekt kreuzt. Die sich zur Straße im Halbrund öffnende Säulen­kolonnade macht sie unter den zahlreichen Sakralbauten Petersburgs unverwechselbar. Ihr Bauherr, Paul I., war bei einer Reise nach Rom vom dortigen Petersdom so angetan, daß er kurz vor seinem gewaltsamen Tod die Errichtung einer ähnlichen Kathedrale in Auftrag gab. Als Bau­meister wählte er Andrej Voronichin, einen ehemaligen Leibeigenen des Grafen Stroganov, welch letzterer sein Palais gleich um die Ecke an der Mojka besaß. Voronichins Entwurf fußte auf der Überlegung, daß in orthodoxen Kirchen der Altar stets nach Osten ausgerichtet sein muß. Somit war die Lage des Kirchenschiffs festgelegt, nämlich parallel zum Nevski Prospekt mit dem Eingang von Westen. Doch sollte auch die der Straße zugewandte Nordfassade in besonderer Pracht gestaltet sein, weshalb er sich für die nach dorthin öffnenden Kolonnaden entschied. Ursprünglich war deren spiegelbildliche Entsprechung auch an der Südfront geplant, das verhinderte aber ein kleiner, dicker Korse namens Bonaparte, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, Rußland mitten im Winter zu überfallen. Wir alle kennen die Jahreszahl, Peter I. Tschaikovskij, der hier in Petersburg begraben liegt, schrieb eine berühmte Ouvertüre gleichen Namens, bei deren Aufführung die Partitur sogar das Abfeuern von Kanonen vor­sieht. Jeden­falls war es eine schlechte Zeit, Kirchen zu bauen, und so fehlt die südliche Kolonnade bis heute. An die (und auch das) Schlachten im „Großen Vaterländischen Krieg“ erinnern die Denkmäler der Feldherren Kutuzov links und Barclay de Tolly rechts vor den Stirnseiten der Kolonnade. Erst mit der 900-tägigen Belagerung Petersburgs durch die Deutschen mußte die Bezeichnung „Großer Vaterländischer Krieg“ klassifiziert werden in „Erster“ und „Zweiter“.

Auf dem Weg zum Eingang der Kirche sitzen bettelnde Frauen mit Kleinkindern auf Arm oder Schoß. Kaum jemand gibt ihnen etwas, die Russen haben selbst nichts zu verschenken, Touristen sehen weg. Lieber geben sie ihr Geld hierfür aus: am Straßenrand steht eine Reihe gut besuchter Miettoiletten. Die von der Stadt festgelegte Benutzungsgebühr beträgt 7 Rb, dafür bekommt man von der Pächterin sogar eine numerierte Eintrittskarte, abgerissen von der Rolle. Notfalls könnte man sich damit den ... nein, dafür ist das Papierchen zu klein – und zu rauh.

Gegenüber, auf der anderen Seite des Nevski Pr. steht das Dom Knigi, das „Haus des Buches“. Russen benutzen gerne den Genitiv, wir würden Buchhandlung sagen. Lange Zeit staatlich, jetzt wieder privat. Den gläsernen Eckturm am Giebel ziert ein von drei kräftigen und wenig bekleideten Weibsbildern gestemmter Globus, ebenfalls aus Glas. Hier residierte bis zur Revolution der amerikanische Nähmaschinenhersteller Singer, nun findet man im Haus das umfassendste Buchsortiment der Stadt. Wen Literatur nicht interessiert: auch die Fassade des kupfergedeckten Gebäudes ist sehenswert.

Es beginnt zu nieseln. Wer Rußland kennt, vermutet darin mißtrauisch den Auftakt eines Ereignisses, das wir Sauwetter nennen. Eine russische Bezeichnung dafür ist mir nicht geläufig, Sau jedenfalls heißt svinja, Wetter pogoda. Daraus ein pogoda svinjakomy zu basteln, sträubt sich meine Feder, aber der Rußlandkenner behält Recht: der Niesel steigert sich zu Schweinewetter, egal wie das die Russen nennen; man stülpt den Kragen hoch und sucht Unterschlupf unter nächstbestem Dach und Fach. Zum Beispiel im Gostinyj Dvor, ehedem Gästehof (so der Name) altrussischer Han­delsreisender, heute markthallenartig angeord­nete Ladenstände mit Textilien, Spielwaren, Schmuck, Souvenirs, Glas, Lebensmitteln und Mode – eine Hökerhalle in Zarengelb. Das Besondere an ihr ist ihr riesiges Ausmaß: fast ein ganzes Viertel nimmt der trapezförmige Bau ein, die Längsseite des ringsum von Galerien und Arkaden­gängen umgebenen Gebäudes mißt mehr als einen Kilometer. Als von draußen immer mehr Leute darunter Schutz suchen, spannen wir unsere Schirme auf und fliehen das nach feuchtem Hund, Wodka, Seife und altem Schweiß riechende Gedränge.

Gostinyj DvorIn der Sadovaja Ul., entlang der Reihe endloser Bogengänge, suchen Fahrer großer schwarzer Karossen – Mercedes, Volvo, BMW – Parkplätze, auf dem Beifahrersitz zierliche Blondinen, die rein gar nichts mehr zum Anziehen haben. Folglich also neu eingekleidet werden müssen, wozu man seine Stammboutique im Kauf­hof aufsucht. Etwas zur Farbe der Haare: die Begleiterinnen der Neuen Russen färben sich weißblond. Da das Geschmacks­sache ist, färben sich alle übrigen Russinnen kupferrot. Wer sich nicht färbt, ist zu arm dazu. Im Dritten Deutschen Reich bedurfte es zwangsweiser gelber Abzeichen, um bestimmte Volksanteile auseinander­­zuhalten. Hier genügt bislang die Haarfarbe.

Zu Beginn der Ul. Zodtschevo Rossi, am Ostrovskovo Ploschtschad erhebt sich das Denkmal Katharinas der Großen. Starker Regen näßt ihr Gewand und läßt die Stirnen der ergebenen fürstlichen Lakaien zu ihren Füßen glänzen, darunter Potemkin, ihr Liebhaber und Erfinder der Lin­den­straße. Auf einer Bank im anschließenden kleinen Park sitzen zwei Schach­spieler konzentriert unter Regenschirmen, umgeben von einer Meute kritischer Zuschauer, welche die Bank umstehen, nicht achtend der sich bildenden Pfützen zu ihren Füßen. Dann und wann betätigt einer der Spieler die Schachuhr neben dem Brett des könig­lichen Spiels.

Der Park öffnet sich zum Aleksandrinskij Teatr, dem früheren Puschkin Theater. Im neuen Rußland besteht, das sei angemerkt, allgemein die Tendenz, die Sowjetzeit mit ihren stark ideologisch geprägten Namens­­änderungen vergessen zu machen, indem man sich wieder der alten, zu Zarenzeiten gebräuchlichen Namen bedient, wie hier dem Alexandras, Gemah­lin Nikolaus I. Dem fiel auch Puschkin zum Opfer, von jedem Russen heiß geliebter National­poet – nur weil es die Kommunisten waren, die den zaristischen Namen getilgt und das Theater in volkserzieherischer Absicht nach ihm umbenannt hatten. Es erinnert ein wenig an das Bolschoj Theater in Moskau, sogar die vierspännig auseinanderstrebende Quadriga auf dem Dach hat es mit ihm gemeinsam. Im Inneren riecht es nach feuchter Kleidung, an der Kasse hängt ein Schild „Ausverkauft“. Es ist Viertel vor Sieben, und die Menschen kommen, wie sie gerade sind. Hier ist Theater kein Ereignis für elitäre Kreise in gedecktem Anzug und Krawatte, das Volk nimmt teil an aller Kunst und erscheint leger, wie es auch vor dem Fernseher sitzen würde. Na, nicht ganz: Jogginghose und Bierbüchse sieht man auch hier nicht. Aber sonst. Was wir uns im Westen nur wünschen können.

Der Weg zurück zum Hotel führt uns im Dauerregen auf der Naberezhnaja Reki Fontanki, die entlang gleich­nami­gem Fluß bei diesem Sch...wetter kein Ende nimmt. Am Moskovskij Prospekt flüchten wir in ein stilles Kafe im Souterrain, von wo aus engen Fensterhöhlen sanftes Licht auf die Straße schimmert. Bei der Garderobe am Eingang nimmt man sich unserer  durchweich­ten Jacken und Schirme an, geleitet uns zum Tisch und zündet eine Kerze darauf an. Ihre Wünsche? Eigentlich wollen wir nur im Trockenen sein.

Wir ordern Kaffee und sto gramm Wodka. Für jeden. Und noch einmal dasselbe ohne Kaffee für mich. Danach bin ich sonderbar gelöst, fühle mich imstande, auch gröbsten Unwettern zu trotzen. Meiner Zweitbesten hat die halbe Menge zu ähnlicher Auffassung verholfen. Wir verlassen das anheimelnde Café erst wieder, als der Regen nachläßt. An unserem Weg liegt die Dreifaltigkeits-Kathedrale mit ihren wasserblauen Kuppeln und dem schäbigweißen Korpus, leider geschlossen. Geöffnet hat immer noch der Rynok, der Markt zu ihren Füßen, wo man von Kleidern über Melonen, Sämereien und Fisch alles erhält, was Herz oder Magen begehren. Vor dem Markt sieht es aus wie Sau, svinja: Pappkartons und anderes Weggeworfenes weichen im Regen auf, ein energischer Wind verweht und verteilt es. Am nächsten Tag werden wir sehen, daß alles peinlichst getilgt und aufgeräumt ist, bevor der tägliche Markt wieder beginnt.

Einstweilen nehmen wir uns die Hotelbar in der Halle zur Brust, hängen die Jacken um die Lehnen unbequemer Sesselchen und bestellen an der Theke das Übliche: Bier, trockener Weißwein nebst Fläschchen Voda (nicht Vodka) – jawohl, sprudelnd, prickelnd. Später, vom Zimmer aus, teilt ein Regenbogen die Stadt. Im Licht der tiefstehenden Abendsonne leuchten ihre Dächer und Kuppeln golden und wie für alle Ewigkeit bestimmt. Der Himmel ist zerrissen von rasch ziehenden Wolken, am Horizont leuchten die weißen Obergeschosse hoher Platten­bauten. Kräne stechen in den Himmel, der unter seiner Wolkenlast zu platzen droht.

Ein wunderbarer Tag – war es denn erst gestern, daß wir aus Moskau abfuhren? Die Zeit verrinnt so rasch – zu schnell! Jetzt eine heiße Dusche, dann noch ein paar Postkarten schreiben  und diesen Bericht fortsetzen. Zu Bett gehen wir nicht - wir fallen hinein.

Einfach so.

Montag 1. Sep. 2003

Nach bekannt gutem Frühstück mit Marmelade, Rührei, Würstchen und Melone haben wir uns für den heutigen Tag allerhand vorgenommen, das meiste davon zu Fuß. Das Wetter: durchwachsen. Stürmisch zwar, am Himmel jagen Wolkenberge, doch es bleibt den ganzen Tag über trocken.

Erstmal brauchen wir Briefmarken um den Daheimgebliebenen berichten zu können, gleich gegenüber befindet sich ein potschamt. Eingetreten, am Schalter angestellt und endlich dran, erhalten wir Nachhilfe in russischer Mathematik: zehn Briefmarken zu je zehn Rubel kosten zusammen 105 Rubel. Wohlgemerkt, im offiziellen Postamt. Des Rätsels Lösung: ihr Verkauf wird mit fünf Prozent Steuer belegt. Sparen kann sie nur, wer die Marken geschenkt bekommt oder sie stiehlt. Es gibt einigen Streit, bevor wir das als rechtmäßig akzeptieren, ohne auf Abzocke zu tippen.

Ägyptische BrückeDem Lermontovskij Pr. vor dem Hotel nach Norden folgend, überqueren wir die Fontanka auf der Ägyptischen Brücke (Egipetskij Most). Der Vorläufer der heutigen Brücke, die 1955 nach fast einem halben Jahrhundert unentschlossener Planungszeit wieder entstand, brach 1905 zusam­men und stürzte zum größten Teil in den Fluß. Die vier 150 Jahre alten gußeisernen Sphinxen mit ihrem vergoldeten Kopfschmuck blieben glücklich erhalten und zieren wieder mit je einem ebenfalls gußeisernen Obelisken als Lampenträger die vier Eck­punkte der neuen Brücke. Ein Stück gehen wir auf der Sadovaja, biegen links ab und folgen fortan dem Krjukova-Kanal.

Gleich hinter dessen Kreuzung mit dem Gribojedev-Kanal liegt rechterhand die St.Nikolaus-Marine-Kathe­drale (Nikolskij Sobor). Ihren etwas profanen Namen erhielt sie, weil der Platz im Bogen des Gribojedev-Kanals zur Zeit Peters I. von Seeleuten besiedelt wurde, die dort eine erste Holzkapelle unter dem Namen Nikolai Chudotvorets oder „Nikolaus der Wundertäter“ errichteten. Als das Viertel zusammen mit der neuen Haupt­stadt wuchs, befahl Zarin Elisabeth, den hier angesiedelten Marine-Regimentern eine neue Kathedrale zu errichten und die Kapelle durch einen steinernen Bau zu ersetzen. Zuvor jedoch mußte das Gelände um zwei Meter erhöht werden, um das neue Gotteshaus vor Überschwemmungen zu schützen. Mit dem Bau begann man 1753. Nach dem Tod Elisabeth Petrovnas 1762, die der Einweihung und Segnung des Gotteshauses noch beiwohnte, machte deren Nachfolgerin Katharina II. (die Große) sie zur offiziellen Kirche der Seeleute und Matrosen. Daher ihr etwas ungewöhnlicher Name. Heute stellt sie mit ihren goldenen Kuppeln und den in Blaugrau und Weiß gehaltenen Fassaden eines der schönsten noch erhaltenen Beispiele für die Architektur des Barock dar, das Geld zu ihrem Bau entstammte den damals üblichen Petersburger Brückenzöllen. Auch zu Sowjetzeiten wurde sie nie geschlossen, und während der 900 Tage dauernden Belagerungszeit 1941 – 44 betete hier die Bevölkerung und erhielt vom Leningrader und Nowgoroder Metropoliten Alexej (Simanskij) Worte des Trostes, die halfen, die schreckliche Zeit zu überstehen.

Gerade hält man in der von fünf Kuppeln gekrönten Kirche Gottesdienst, eigentlich besitzt sie zwei Stockwerke, doch meist wird nur das untere genutzt. Ich halte es wie zuvor bereits beschrie­ben: mich schämend vor dem starken Glauben einfacher Leute im Halb­dunkel der Kirche, dem ich nichts entgegenzusetzen habe, ziehe ich mich zurück. Lege draußen die hundert Schritte zum einzelstehenden Glockenturm der Kathedrale am Kanal zurück, mache Fotos und warte, daß meine Zweitbeste wieder erscheint. Mit Kopftuch, wie es in orthodoxen Gotteshäusern für Frauen Sitte ist.

Eigentlich sind wir auf der Suche nach Neu-Holland, einer Ansammlung roter Backstein­bauten auf einer Insel, umschlossen von Mojka und Admiralitäts-Kanal (Admiraltejskogo), die ehemals als Lager für das von der Marine benötigte Holz dienten. Dabei stoßen wir auf die Synagoge, die kein Reiseführer verzeichnet. Ein prächtiger Hallenbau, erinnernd an die Kuppel einer Moschee, alles in Weiß, Cremegelb und Lichtblau.

SynagogeEin Mann gesellt sich zu uns, das schwarze Käppi der Juden, die Kipa, auf dem Hinterkopf. Auch ich als männlicher Besucher müßte es eigentlich tragen, am Eingang, gleich hinter der Treppe hier hinauf liegen sie in einem Kasten. Ich bin kein Antisemit, aber weiß ich denn, was mein Vorgänger im Tragen dieser zwangsweisen Bedeckelung des männlichen Schädels womöglich alles an Läusen mit sich herumtrug? Ich ekle mich nicht vor Juden aber vor Läusen, mag man mich nennen, wie man will. Deshalb griff ich nicht zu. Der Mann mit dem Käppi fragt nach unserer Herkunft, die Antwort, deutsch, bringt ihn kaum aus dem Konzept. Er erklärt uns den Bau, nennt einige Spender und zählt Namen aus der Liste jüdischer Gemeindemitglieder auf. Auf meine Frage nach dem Material des prunkvoll umlaufenden Geländers zwischen den Säulen im ersten Stock antwortet er: Plastik. Kunststoff, in der Fabrik vorgefertigt. Das schmälert sofort unsere Bewunderung. Womöglich sind ja auch Säulen, Altar und die hohe Kuppel darüber aus ... Nebbich. Gott hat nicht gesagt, wie er seine Tempel gestaltet sehen möchte. Verlegen verabschieden wir uns. Das Ganze hat etwas von einem Klubhaus, in dem ein Herr Gott Vorsitzender ist, es einen Kassenwart gibt, und die Satzung zweihundert Paragra­phen umfaßt.

Ein Stückchen weiter liegt nun wirklich das Mariinskij-Theater, es ist in den gleichen Farbtönen gehalten wie die Eremitage: grün und weiß. Gegenüber das Rimskij-Korsakov-Konservatorium, flankiert von den Denkmälern der großen russischen Komponisten Glinka und Rimskij-Korsakov, die hier lehrten. Wo das Marientheater heute steht, befand sich früher ein privater Zirkus, der aber nicht genügend Publikum anzog, so daß sein Gebäude mehr und mehr für konzertante und Opern-Aufführungen Verwendung fand. Im Jahre 1854 schloß der Zirkus seine Pforten, und man baute das Haus in ein Theater um, das aber fünf Jahre später niederbrannte. An seiner Stelle wurde ein neues Opernhaus errichtet, dem man zu Ehren der Gattin Alexanders II. – Maria Fedorovna – den Namen Marientheater gab. Dieses Haus lehnte sich in der Ausführung stark an die Dresdener Oper von Gottfried Semper an. Mit einer glanzvollen Aufführung von Glinkas Oper „Ein Leben für den Zaren“ wurde das neue Haus am 2. Oktober 1860 eingeweiht. Dasselbe Werk hatte vierundzwanzig Jahre zuvor im Haus gegenüber, dem heutigen Konservatorium, damals noch Petersburgs Bolschoj-Theater, Premiere.

Berühmt allerdings wurde und ist das Mariinskij-Theater durch sein Ballett. Namen wie Anna Pavlova und Vaslav Nijinskij machten es durch Gastspiele weltbekannt. Befruchtet wurde das Ensemble zudem durch die enge Zusammenarbeit mit Komponisten wie Peter Tschaikovskij und Alexander Glazunov, aus denen beispielsweise die klassischen Ballett­meister­werke „Dornröschen“, „Schwanensee“ und  „Raymonda“ hervorgingen. Längst hat die Ballett­truppe des Mariinskij dem stagnierenden Moskauer Bolschoj-Theater den Rang abgelaufen. Hier sahen wir vor acht Jahren einen hinreißend getanzten „Don Quichote“. Leider hat es noch den ganzen September über Sommerpause, so daß sich dieser Genuß nicht wiederholen läßt.

Auf der Suche nach Neu-Holland (Novaja Gollandija) überqueren wir die Mojka. Die roten Ziegelbauten links des Admiralitäts­kanals, halbverborgen durch Erlenlaub und Weiden­gebüsch am Kanalufer auszumachen, müßten es eigentlich sein. Doch es gibt keinen Zugang, zudem scheint das ganze Anwesen in ziemlich schlechtem Zustand zu sein. Rechts lange Reihen von Kasernen, vor denen drei Rekruten in Marineuniform den nagelneuen Chevrolet Offroader ihres Chefs waschen. Kurz hinter dem Platz der Arbeit (Pl. Truda) dann doch eine Zufahrt – allerdings mit geschlossenem Schlagbaum und Wachhäuschen: das Gelände ist militärisches Gebiet.

Da eine Insel meist ringsum von Wasser umgeben ist, gibt es keinen weiteren Zugang als den vom Wasser. Einschließlich des mit Kanal und Mojka verbundenen Innensees beträgt ihre Fläche etwa 8 ha. Die auf ihr in den 70er Jahren des 18. Jh. errichteten Gebäude dienten der Lagerung von Holz zum Bau von Seeschiffen. Noch heute gibt es hier sechsundzwanzig Steinhäuser und Bauwerke in unterschiedlichem Erhaltungsstand, von denen fünf unter föderalem Denkmal­schutz stehen. Es existieren großartige Pläne zu deren Umgestaltung und anderweitiger als militärischer Nutzung, doch es fehlt an Geld. Und so rottet mehr oder weniger vor sich hin, was von der Lage ein Schmuckstück der Stadt sein könnte.

Als wir die Insel fast umrundet haben, entdecken wir wenigstens das hohe, säulen­geschmückte Back­stein­tor, durch das einst Kähne ihre Holzlast zum Innensee trugen, wo sie entladen wurden. Und was fährt gerade hinein? Ein violettes Boot mit einer Hochzeits­gesellschaft. Hoffentlich verliert sich das weiße Bräutchen auf dem späteren Foto nicht unter dem kolossalen Steinbogen.

Weiter führt unser Weg vorbei am Palast der Arbeit zum südlichen Ufer der Neva. Drüben breitet sich das herrliche Panorama des einstigen geplanten Stadtzentrums, bis es sich immer mehr an das diesseitige Ufer verlagerte. Hell leuchtet der langgestreckte klassische Bau der ehemaligen Akademie der schönen Künste, in der heute eine Gemäldesammlung und das Institut Ilja Repin untergebracht sind. Letzterer studierte hier, bevor er und andere Künstler die wissenschaftliche Strenge der Akademie verließen und unter dem Namen Peredvizhniki Reiseaus­stellungen im ganzen Land veranstalteten.

Pünktlich zur 300-Jahrfeier ziert wieder das bronzene Standbild (oder besser: Sitzbild, denn sie sitzt auf einem Thron) der Akademie­gründerin, Elisabeth I., die lange Zeit verwaiste Kuppel über dem Portal und schaut von oben herab über die von zwei roten Sphinxen auf granitenen Sockeln flankierte Anlegestelle. Es kommen aber weder Barkasse noch andere Schiffe, sondern nur wir, und zwar über die Leutnant-Schmidt-Brücke, die einzige Schwerlastbrücke Petersburgs über die Neva, die immer noch auf Holzpfählen steht.

Ach ja: die beiden Sphinxen stammen aus Theben, ihr Alter wird anhand der Inschriften auf die Zeit 1400 v.Chr. datiert. Und Leutnant Schmidt? Ein Revolutionsführer von 1905 mit deutsch klingendem Namen, der aber Russe war und Matrosen der Schwarzmeerflotte bei einem Aufstand auf dem Kreuzer Otschakov anführte. Pjotr hieß er mit Vornamen, woran man sieht, daß er wirklich kein Deutscher war. Die Anlegestelle aus rotem Granit wird von einem bronzenen, geflügelten Greifenpaar mit liebevoll abgegriffenen und polierten Stellen auf den Schädeln bewacht und ist bevorzugter Aufenthaltsort von Anglern.

Weitere sich anschließende wichtige Bauten sind der ockerfarbene Menschikov-Palast, die Zwölf Kollegien der Universität in Rosarot, der von acht Säulen getragene Portikus der Akademie der Wissenschaften und die blau-weißen Barockbauten der unter Peter I. als kunstkamera errichteten Kunstkammer – so einfach ist es, Russisch zu lernen.

Dem Fürsten Menschikov gehörten zur Bauzeit der Kollegien auf der Wassilij-Insel eine Menge Grundstücke. Kollegien entsprachen etwa heutigen Ministerien. Um seinen Besitz nicht unnötig einzuengen, ordnete er – wohlweislich in Peters I. Abwesenheit – die platzsparende Aufstellung der Kollegiengebäude in Riegel­bau­weise hintereinander an, so daß am Nevaufer nur ein verhältnis­mäßig schmaler Bereich bebaut wurde. Dies war ganz anders geplant. Und so handelte Menschikov sich bei dessen Rückkehr von dem erbosten Zaren eine gewaltige Maulschelle ein. Das war 1722 und nie mehr so recht zu kitten. Fünf Jahre später wurde Menschikov mit seiner Familie nach Sibirien verbannt. Späte Rache Peters? Nein, denn da war er bereits zwei Jahre tot. Trotzdem, so kann es einem gehen.

Später (1802) wurden die Kollegien wegen permanenter Aufblähung – man kennt das -  in durch Alexander I. neu geschaffene Ministerien überführt, die freigewordenen Räume bezog 1819 die im gleichen Jahr gegründete Univer­sität. In einem der zwar falsch herum angeord­neten, dennoch aber den Wissenschaften fortan höchst dienlichen Gebäude entwickelte Dimitri Mendelejev, der hier lehrte, sein periodi­sches System der Chemischen Elemente. Auf dem intimen Platz zwischen Universität und Akademie der Wissenschaften steht unter Bäumen ein Denkmal Lomonossovs, des russischen Universalgenies.

Rostra-Säule mit DamskisMittlerweile sind wir am östlichsten Punkt der Wassilij-Insel angelangt, der Strelka, ihrer Pfeilspitze. Dort liegt der Börsenplatz (Birzhevaja Pl.), und an diesem – natürlich, was sonst – die alte Börse. Heute beherbergt sie das Zentralmuseum der Kriegsmarine mit Hunderten von Schiffsmodellen, die Peter I. von jedem Neubau seiner Flotte anfertigen ließ. Aber vielleicht ändern sich in Zeiten des Neuen – diesmal nicht Marx’schen - Kapitals ja wieder mal die Besitzverhältnisse. Eine Börse kann man eigentlich immer brauchen, wenn nur erst genügend Scheinchen einer gewinnbringenden Anlage bedürfen.

Die zwei rostroten Rostra-Säulen (Rostralnij kolonnij), die den Börsenvorplatz einrahmen, sollen die Erfolge der russischen Flotte rühmen. Nicht zufällig schmücken sie einen der popu­lär­sten Plätze Petersburgs, denn: nachdem die Römer ihren ersten Seesieg errungen hatten, stellten sie an ihren Rednertribünen allen Bürgern die Schnäbel der erbeuteten feind­lichen Schiffe zur Schau. Diese, Rostrum genannt, waren Symbole für die Herrschaft auf den Meeren. Auch Petersburgs Flotte sollte die Meere beherrschen, und so errichtete man diese Säulen mit den jeweils acht symbolischen Schiffsschnäbeln. Vier allegorische Steinfiguren auf den Granitsockeln der beiden Säulen verkörpern die Flüsse Volchov, Dnjepr, Neva und Volga, allesamt westlich des Urals. Zur Zeit ihrer Errichtung benutzte man die Säulen als Leuchttürme für die Schiffahrt, zu diesem Zweck brannte an ihren Spitzen je ein Gasfeuer. In Zeiten steigender Energiepreise entzündet man die Riesenfeuerzeuge nur noch zu beson­deren Anlässen, wie es zum Beispiel Weiße Nächte und 300-Jahrfeiern sind.

HochzeitspaarSelbstverständlich werden auch hier Hochzeitspaare fotografiert, die mir und anderen unbewußt Modell stehen. Aber auch normale Passanten posieren, wenn sie jemand ernsthaft hinter einer Kamera hantieren sehen, als gutwillige Statisten, um das Foto mit ihrem Lächeln aufzuwerten. Unter einer der Säulen nehmen zwei hochgewachsene junge Frauen ganz allein für sich und mich eine besondere Haltung ein und schenken mir ein Lächeln, als ich ihnen nach dem Schuß zuwinke.

Am Rand aufgereiht wieder eine Batterie Toilettenhäuschen. Vor einem hängt von der Tür eine mit rosa Bändchen aufgehängte Klorolle hauchdünnsten Kalibers in der Konsistenz von Seidenpapier, von der sich Berechtigte etwas abreißen dürfen, argwöhnisch beäugt von der Klofrau, die jedem dritten Besucher mit immer demselben Lappen hinterherwischt. Neben der Rolle der Preis: oplata 7 Rub. Darunter: lgot net, keine Vergünstigung - sollen die Arbeitslosen und unbezahlten Rentner sich ruhig hinter die Häuser am Srednij Prospekt hocken, dorthin, wo es anstelle von Straßennamen nur Reihennummern gibt. Jawohl, Ruß­land befindet sich endlich im Aufbruch!

Über die Börsenbrücke gelangen wir auf die Petrograder Seite (Petrogradskaja Storona) und suchen erst mal ein Lokal zum Essen. Im katzen­kopf­gepflasterten Bogen der Mytninskaja, gleich hinter dem Brücken­kopf, werden wir fündig: ein etwas düsteres Kafe, das Essen aber ist gut und preiswert. Anschließend auf die Insel der Peter-und-Pauls-Festung. Der Eintritt ist generell frei, nur in bestimmten Einrichtungen wird Eintritt erhoben. Wie zum Beispiel der Kathedrale mit den Särgen der Romanov, aber das kennen wir alles schon.

StrelkaEin Stück weiter auf der Promenade rund um die Mauer der Haseninsel und durch das um diese Jahreszeit verlassene Strandbad bietet sich ein überwäl­tigender Blick, hinweg über die im nachmittäglichen Sonnenglast flirrende und glitzernde Neva auf die Land­zunge der Strelka und die dahinter aus dem Dunst ragende Admiralität. Links davon leuchten die Bauten des Schloßufers herüber, ein feines, ein vornehmes Bild. Im Sand der Neva geht es sich angenehm, der Boden dort ist hart und hinterläßt kaum Spuren. Graziös schwingt sich vor uns der grüneiserne Bogen der Dreifaltigkeitsbrücke über den Fluß, dahinter ein mächtiger Klotz sowjetischer Prägung voller Fensterbuchten, von dem wir nicht wissen, was es ist. Dann schließlich ein Foto: unter der Bronzefigur Peters I. von Michail Schemjakin, der Körper im Vergleich zu Kopf und Händen massig und groß, die Finger hingegen fein­gliederig und lang, meine Zweitbeste, den Rücken an die Langschäfter des großen russischen Erneuerers gelehnt.

Ein schönes, durchsonntes, strenges Bild, das Peter zeigt, wie er gewesen sein muß: grob, bestimmend, darunter aber feinnervig und allen Facetten des Lebens zugewandt. An den durch tausend russische Hände blankgeriebenen Knien der Statue nun lehnt meine ... okay, sie lächelt. Ich will nicht behaupten, ich wüßte, was sie denkt. Doch ich ahne es. Ein wenig von diesem Blick Peters spiegelt sich wohl in den dunklen Gläsern ihrer Sonnenbrille. Das übrige kann ich mir denken, schließlich haben wir uns schon vor mehr als vier Jahrzehnten mitein­ander bekannt gemacht.

Über dem Anblick der blauen Kuppel der Grabkapelle gerate ich ins Nachdenken. Peters­burg unter seinem ehemaligen Gouverneur Vladimir Jakovlev hat sich die Restauration der Inselbauten mit Hilfe Moskaus eine hübsche Stange Geld kosten lassen. Doch Rußlands Präsident Putin, der früher selbst mit ihm in Petersburg unter Sobtschak als Vize tätig war, liegt Jakovlev ums Verrecken nicht. Nach dem Sturz Sobtschaks im Juli 1996 hat er ihn als „Judas“ bezeichnet, und so werden sich die beiden wohl bis in alle Ewigkeit aufs Messer bekriegen. Dazu wird ausreichend Gelegenheit sein, denn nach Abschluß der Petersburger Feier­lichkeiten hat der vom Ruch der Bestechlichkeit und eigener Bereicherung umwehte Jakovlev sein Amt niedergelegt und in Moskau den Posten eines Vize-Premiers der russischen Regierung übernommen, mit dem Aufgabenfeld Wohnungswirtschaft. Dort sind solche Leute immer willkommen. Allerdings hätte er auch hier, in Petersburg, ein reiches Betätigungs­feld gehabt, vom Zustand der Randgebiete, die nie einen devisen­bringen­den Touristen zu Gesicht bekommen, berichtete ich ja bereits. Man sagt, die von Moskau bereit­gestellten Gelder seien zum Teil in dunklen Kanälen versickert. Wie auch immer: den Posten des Petersburger Gouverneurs hat seit dem 17. Juni 2003 Valentina Ivanovna Matvijenko inne, eine blondierte Frau, die schon einmal bei Jakovlevs Wahl 1996 gegen diesen antrat und verlor. Die Amtsbezeichnung wurde im Zuge der russischen Föderalisierung geändert, das Tätigkeits­feld eines Gouverneurs entspricht dem des früheren Mer, oder Bürgermeisters, und über blondierte Frauen glaube ich mich schon geäußert zu haben ---

Pausbäckige Engel, Putten, an allen vier Seiten des Glockenturms. Dazu läßt sich die augen­blick­liche Politikerkaste Rußlands nicht unbedingt rechnen. Zu einem der wichtigsten Postulate dieser rasch hochgeschwemmten gesellschaftlichen Schicht wurde die Über­zeugung, daß Privateigentum der einzig verläßliche Garant für eine effektive Wirtschaft und Schutzwall gegen die Allmacht der Bürokratie sei, aber auch die „natürliche“ Grundlage zur Schaffung von Demokratie bilde. Mit Privateigentum ist hier vor allem das eigene gemeint.

Aber was geht mich das an, ich bin ja kein Russe – Gott sei Dank.

Am Flaggenmast der auf rotem Festungsgemäuer ruhenden weiß-blauen Naryschkin-Bastion ist die russische Gösch gehißt: eine Flagge, die von Kriegsschiffen am Bug (und nur dort) geführt wird. Die russische gleicht aufs Haar dem britischen Union Jack, nur daß die Farben vertauscht sind: was hier rot ist, wird dort zu blau, und umgekehrt. So habe ich, als ich während einer anderen Reise in Sevastopol auf der Krim Reste der russischen Schwarz­meerflotte mit ihren walähnlichen, schwarzgeteerten Atom-U-Booten ankern sah, diese für eine Delegation der nebligen Insel mit Linksverkehr auf Besuch in der Ukraine gehalten. Nur wegen der Flagge – es war die gleiche, die hier knatternd dem wechselnden Wind folgt.

Ein anderes Thema ist die goldene Nadelspitze der Peter-Paul-Kathedrale. Sie spiegelt sich im Turm der Admiralität, gegenüber am südlichen Ufer der Neva. Beide ähneln sich, differieren jedoch in wenigstens zwei Dingen: Höhe und Wetterfahne. Admiralität: 72,5 Meter, Karavelle. P-P-Kathedrale: 122,5 Meter, Engel, sieben Meter hohes Kreuz tragend. Das fiel 1830 mitsamt tragendem Engel bei einem Sturm herab. Um kein teures Gerüst zu errichten, suchte und fand man in Gestalt des Bauern Tjoluschkin einen Dummen (oder Freiwilligen), der Engel und Kreuz unter Einsatz seines Lebens wieder an Ort und Stelle brachte – erfolgreich. Es heißt, daß er neben Geld und Kleidung vom Zaren Nikolaus I. auch einen „goldenen Becher“ erhielt, mit dem er in jedem Gasthaus des Landes trinken durfte, was und soviel er wollte.

Weiterhin heißt es, daß der heldenhafte Bauer und Erbauer, um den Becher nur ja zu nutzen, sich in der Folgezeit schlicht an Rußlands Wässerchen, dem Wodka, zu Tode soff. 1857/58 wurde die Holzspitze durch eine solche aus Metall ersetzt, wodurch sie auch etwas an Höhe gewann. Allerdings benutzte man hierfür wieder ein Gerüst.

Da die Festung ihrem eigentlichen Zweck, Bollwerk zur See zu sein, nie genügen mußte, sann man über anderweitige Verwendung nach und kam auf ihre Nutzung als Verlies. Aleksej, einziger legitimer Sohn Peters des Großen, wurde dessen erster Insasse. Der Verschwörung gegen den Zaren bezichtigt, starb er dort 1718 im Alter von gerade mal 28 Jahren. Offiziell hieß es, er sei einem Schlaganfall erlegen. Hinter der Hand aber wurde gemunkelt, Peter habe seinen Sohn eigenhändig zu Tode gepeitscht. Aleksej, ein schwacher, trunksüchtiger aber hochintelligenter Mensch, hatte – von orthodoxen Altkirchlichen benutzt – die Reformen seines Vaters, wenn nicht umkehren, so doch blockieren wollen. Das sieht man als Vater nicht gern. Zumal, wenn man Zar und Herrscher eines sich über etliche Zeitzonen erstreckenden Reiches ist und um dessen Zukunft besorgt. Es gibt im Petersburger Russischen Museum ein Gemälde von Nikolas Ge, welches das Verhör Aleksejs durch seinen Vater eindrucksvoll darstellt und den verhängnisvollen Vater-Sohn-Konflikt in beider Minen spüren läßt. Peter stellte seinem schwächlichen Sohn ein Ultimatum: „Erweise dich der Thronfolge würdig - oder werde Mönch!“ Wir wissen jetzt, er tat keins von beiden. Spätere Häftlinge waren Dostojevskij vor seiner Verbannung nach Sibirien, Gorkij, der knasterfahrene Trotzki sowie Lenins Bruder Aleksandr Uljanov, der 1887 hier zu Tode kam. Nach eigener Aus­sage bewog Lenin der Tod des älteren Bruders, fortan den Weg des Berufsrevolutionärs zu gehen.

Haseninsel in der NevaEine überaus interessante Insassin des Trubetskoj-Verlieses war Jelizaveta Aleksejevna Tarakanova, mit Bei­namen Knjaginja Vladimirskaja (Fürstin von Wladimir), Madame Trémouille oder schlicht Fräulein Frank. Sie war wohl eine Abenteurerin, gab jedoch vor, Toch­ter der niemals verheirateten Kaiserin Elisabeth I. und des Grafen Aleksej G. Razumovskij zu sein. Sie beteuerte, in St.Petersburg aufgewachsen zu sein, doch vermutlich war sie nicht einmal Russin, und Herkunft wie auch ihr wahrer Name lagen im Dunkeln. Zu Beginn der 70er Jahre des 18. Jh. tauchte sie in verschiedenen Städten Westeuropas auf, umgeben von Schwärmen adeliger Bewunderer. 1774 ließ sie sich von polnischen Emigranten überreden, Anspruch auf den Russischen Thron zu erheben und behauptete, nicht nur Elisabeths Tochter sondern zudem auch die Schwester von Y.I.Pugatchov zu sein, einem damaligen Rebellenführer gegen Katharina II. im Südosten Rußlands. Das war doppelt starker Tobak und  sorgte am Hof der regierenden Kaiserin für erhebliche Unruhe.

Die deutschblütige Zarin konnte ihre Legitimität nur daraus herleiten, daß sie Mutter des Thronfolgers und Witwe des vormaligen Zaren Peter III. war, an dessen vor­zeitigem Ableben sie vermutlich nicht ganz unschuldig war. Falls die Tarakanova also wirklich die Tochter Elisabeth Petrovnas gewesen wäre, hätte ihr Anspruch auf den Thron durchaus Gewicht gehabt. So verwundert es kaum, daß Katharina die Große ihren langjährigen Intimus, den Fürsten Aleksej Grigorievitsch Orlov, zur Problemlösung entsandte, der schon bei der Beseitigung des Ehemanns wohl gute Dienste geleistet hatte. Ihm gelang es 1775 die Tarakanova in der italienischen Hafenstadt Livorno, wo die angebliche Prinzessin im Exil lebte, zu umgarnen, sie auf ein Schiff zu locken und nach Petersburg zu entführen. Hier wurde sie in der Peter-und-Paul-Festung eingekerkert, wo sie 1777 bei einem Hochwasser der Neva in ihrer Zelle ertrunken sein soll, ohne je ihr Geheimnis preisgegeben zu haben. Der Maler Konstantin Flavitskij wählte 1864 die letzten Minuten der schönen Verschwörerin zum Thema eines monumentalen Historiengemäldes, was dazu beitrug, daß die Tarakanova - im Gegensatz zu den zahlreichen anderen Verschwörern der russischen Geschichte - nicht dem Vergessen anheimfiel. Das Gemälde soll der Moskauer Tretjakov-Galerie gehören, doch es ruht wohl im Fundus, denn auch dieses Bild habe ich dort nicht gesehen.

Wir verlassen die Insel durch Johannestor und über die hölzerne Johannesbrücke, queren den Revolutionsplatz und bewundern die herrlichen blauen Keramikkacheln an Tor, Kuppel und den zwei Minaretten der Petersburger Moschee. Bevor wir in der marmorleuchtenden Station Gorkovskaja die rappel­volle Metro besteigen, genehmigen wir uns noch einen großen Kaffee (amerikanskij) irgendwo im Park davor. Es ist kurz nach Vier am Nachmittag, uns summt der Kopf von den vielfältigen Eindrücken. Den Glaskasten des Kafes heizt das Licht eines unermüdlichen Sonnentages auf, so daß wir die bislang getragenen Jacken ausziehen und über die Stuhllehnen hinter uns breiten müssen. Später, auf dem Weg vom Technolo­gitscheskij Institut zurück ins Hotel, tragen wir sie über den Arm geworfen, es ist ein warmer Spätsommertag, und alles Gold der Dächer dieser Stadt bietet sich beim Blick aus dem Hotelfenster im tiefen Licht der Sonne dem Auge dar - ein unbeschreiblich schöner Anblick!

Für den Abend haben wir Karten zum Ballett Giselle nach der Musik von Adolphe Adam im Eremitage-Theater. Gerade noch rechtzeitig erreichen wir es, bevor die großen Flügeltüren schließen. Im Gassengewirr hinter dem Nevski-Prospekt hatten wir uns schlicht verlaufen.  Noch während wir Plätze suchen, setzt das Orchester ein. Was wir ergattern, ist kaum optimal zu nennen: hoch im Rund des Amphitheaters an dessen rechter Seite auf der Galerie, nur dort sind noch einige Plätze frei. Den Blick auf mindestens die Hälfte der Bühne versperrt eine – zugegeben, sehr elegante – Alabastersäule vom Tragwerk des Hauses. Zwei Plätze neben mir, den massigen, schwarzgewandeten Rumpf über die Brüstung gelehnt und damit zusätzliche Sichtbarrieren schaffend, ein Mann in mittleren Jahren, Typ armenischer Teppichhändler. Ihm zur Seite und neben mir sein Bodyguard. Ab und zu stößt dessen Knie mich an, wenn er sich vorbeugt, um zu sehen, was sich auf der Bühne zuträgt, von dem ich nur vermuten kann, daß es wirklich geschieht. Glücklicherweise übermannt seinen Herrn bald der Schlaf und läßt diesen schnarchend rückwärts in die Polster sinken, so daß man sich schon mal nicht mehr so weit vorbeugen muß. Das rasselnde Atmen stört kaum, da an dieser Seite mein schlechtes Ohr sitzt, manchmal hat das auch Vorteile.

In der Pause dann läuft meine Zweitbeste, die bislang auf einem Treppenabsatz am Boden vor der Balustrade der Galerie hockte, zur Bestform auf: traumwandlerisch greift sie sich die junge Frau, die uns im letzten Moment eingewiesen hat, macht ihr klar (in welcher Sprache auch immer), daß wir gutzahlende Touris seien und – verdammt noch mal! – dafür auch gute Plätze beanspruchen dürften! – Irgendwie traf sie wohl den richtigen Ton. Und so wies uns die junge Dame zwei reservierte Plätze direkt am Orchestergraben an, wo normaler­weise die Leute sitzen, welche für das dezente Hüsteln in den Pausen der Musik verantwortlich sind. Darauf haben sie ein Anrecht, weil ihre Plätze die teuersten sind. Man kann den Darstellern von hier nämlich bis unter die schweißgetränkten Achseln oder sonstwohin gucken. Das, erwarteten wir vorfreudig, würden wir ja nun sehen.

Die Harfe im Orchestergraben löste Kreuzworträtsel, bis sie drankam. Für eine Weile schien sie mächtig involviert, bis ihr Part zu Ende war. Dann nahm sie erneut das billige bunte Heft zur Hand und fuhr fort, in den Trivialitäten der Welt zu blättern, bis sie wieder auf der Seite des begonnenen Rätsels war. Giselle – das sei betont – baut nicht unbedingt auf Harfenklang. Dramatische Blasinstrumente sind schon eher gefordert. Kurz zur Handlung: Graf liebt Bauernmädel Giselle, Jäger liebt Bauernmädel Giselle, Fürstin liebt Graf, sieht, daß der Bauern­­mädel liebt, schenkt diesem kostbare Kette – Pause. Danach geht es weiter: Jäger tritt auf, Graf (inkognito) tritt auf, Giselle liebt ihre geile Kette (boa hey!), die Muhme flüstert ihr zu, daß sie sterben wird, wenn sie die geile Kette (boa hey!) liebt, und so steuert alles aufs Ende zu: Giselle stirbt (na klar), der Jäger hopst gramvoll über die Bühne, bevor auch er stirbt, weil Giselle, die mittlerweile bei den Untoten am See ist, sich ihn holt. Dem Grafen bleibt das große Finale vorbehalten: am Grab Giselles macht er ihr tänzerisch klar, daß sie, seit er sie sah, sein Ein und Alles war - obschon er vorher mit der Fürstin in der Hütte übernachtet und werweißwas mit der angestellt hat. Aber so sind sie nun mal, die Grafen, und da Giselle tot bleibt, müssen wir es sagen: Dieser Schluß befriedigt nicht.

Zur Entgegennahme des stürmischen Applauses ist Giselle aber strahlend wieder da.

Dienstag 2. Sep. 2003

Die Gegend, in der wir aus dem Metroschacht ans Tageslicht klettern, kommt uns völlig unbekannt vor. Sollte sie sich in den vergangenen acht Jahren derart verändert haben? Wir wollten zum Aleksandr-Nevskij-Kloster am gleichnamigen Platz, und nun vermissen wir den riesigen, grauen Betonkasten des Hotels Moskva, ein Klotz, der nicht leicht zu übersehen ist, und den wir von unserem ersten Besuch der Stadt noch in unguter Erinnerung haben, weil wir dort übernachteten. Bald schwant uns, wir sind eine Station zu früh ausgestiegen und befinden uns am Ligovskij Prospekt, wo es außer Häusern nichts zu sehen gibt. Was belegt, daß die Petersburger Metro trotz ihrer nur vier Linien sehr viel unübersichtlicher ist als die Moskauer mit elf. Also wieder runter und eine Station weiter in Richtung Dybenko.

Diesmal sind wir richtig, und das Hotel ragt direkt über uns, weil sich der Zugang zur Metro in einem Anbau desselben befindet. Das Kloster (Aleksandro Nevskaja Lavra) liegt auf einer Insel, umgeben von Neva, Monastyrka und Obvodnij-Kanal. Benannt ist es nach dem Fürsten Aleksandr Jaroslavitsch, der 1240 hier einen wichtigen Sieg über die Schweden errang. Später erhielt er den Beinamen Nevskij (der von der Neva) und wurde heilig gesprochen. Peter der Große gründete 1710 das Kloster, um die Gebeine Nevskijs, die in Vladimir aufbe­wahrt wurden, an den Ort seines großen Sieges zu überführen, was 1724 geschah. Heute werden in dem Kloster, das Sitz des Metropoliten ist, junge Priester ausgebildet, und in der Dreifaltigkeits­kathedrale finden zweimal täglich Gottesdienste statt.

Aus diesem Grund ist auch der Zutritt zu der von Mauern umgebenen Anlage frei, nur die Besichtigung von Lazarus- und Tichviner Friedhof erfordert einen geringen Obolus, sowie auch der Besuch des Museum in der Mariä-Verkündigungs-Kirche. Früher war man trotzdem einen Batzen Geld los, bevor man die Kathedrale betrat. Am Wegrand dorthin hatten sich nämlich die Ärmsten der Armen aufgestellt, Kranke und Sieche, Krüppel und Lahme, Debile und Wasser­köpfige, und alle schlugen das Kreuz und hielten die zitternde Hand auf. Man hätte aus Stein sein müssen, um ohne zu geben an dieser Gespensterschar vorüber zu eilen. Heute steht dort niemand mehr, nur ein Machorka rauchender Händler in Lederjacke und –mütze sitzt auf einem Hockerchen, und bietet auf alt gemachte Ikonen an. Dieser Versuchung kann man getrost widerstehen, denn falls sie wirklich alt sind, fischt sie der Zoll bei der Ausreise aus dem durchleuchteten Gepäck, im anderen Fall aber lohnt der Kauf erst gar nicht.

Lazarus FriedhofWir kennen Kloster und eindrucksvollen Gottesdienst bereits vom letzten Besuch und wollen nur die beiden alten Friedhöfe noch einmal durchstreifen. Es ist gut zu wissen, wo und wie die Komponisten, Maler und Schriftsteller, deren Werke man so sehr liebt, zur letzten Ruhe gefunden haben. Manche wurden erst nach einer Reihe von Jahren hierher umgebettet, wie zum Beispiel Anton Grigorjevitsch Rubinstein, Pianist, Komponist und Gründer des zaris­tischen Konser­va­toriums in Petersburg. Hier ruhen außerdem die Komponisten Borodin, Glinka, Tschaikovskij, Mussorgskij, Rimskij-Korsakov und Stravinskij, die Schriftsteller und Fabeldichter Dostojevskij und Krylov, die Maler Fedotov, Serov, Kramskoj und Kustodiev sowie nicht zuletzt die Architekten und Baumeister dieser wunderbaren Stadt zu ihrer Blütezeit: Rossi, Quarenghi, Stassov, Starov und Voronichin – alles in allem eine illustre Gesellschaft. Schön haben sie es, hohe Mauern dämpfen den Autolärm, von der Nevskij-Brücke manchmal das ferne, rasselnde Rumpeln der betagten Tramwaj (Straßenbahn). Mich würde reizen, einmal um Mitternacht hierher zu kommen, doch dann sind das Kassen­häuschen und die Eingänge der Friedhöfe verschlossen. So bleibt mir das Erleben eines möglichen Totentanzes der Gerippe von – sagen wir mal - dem durchgeistigten Grübler Dostojevskij in den Armen des genialischen Säufers und Trunkenboldes Mussorgskij verwehrt.

Gut so. Andere Paarungen male ich mir nur im Kopf aus. Halt, diese noch: Carlo Rossi, Architekt des Alexandrinischen Klassizismus’, errichtet auf seinem Grabgewölbe aus Lego­steinchen Wohnungen. Viele Wohnungen. Daraufhin schießt Tschaikovskij mit den Kanonen seiner Ouvertüre „1812“ alles zusammen, weil er in einem dieser Löcher nach dem Genuß unabgekochten Wassers starb: Bumm! Da sollen die Herren Architekten erst mal einwand­freie Wasser­leitungen verlegen, bevor sie der Baukunst Säulen errichten. An dieser Stelle mag Dostojevskijs Einschätzung der damaligen Wohnsituation weiteren Aufschluß geben, zu der er schrieb: „Fenster, Löcher – Monumente. Nein, ich liebe sie nicht, die Schöpfung Peters.“ Er mußte es wissen, behauste er doch nacheinander sechzehn Wohnungen dieser ungeliebten Stadt - den Aufenthalt in der Peter-und-Paul-Festung noch nicht einmal gerech­net -, an die er, wesentlich durch Geldsorgen, bis an sein Ende gekettet blieb.

Da wende ich mich mit Grausen. Ich nämlich liebe Petersburg. Aber er hat ja Recht, der große Grübler – diese Liebe gilt zweifellos den Monumenten. Die Löcher dieser Stadt, wie sie zum Beispiel in der Gegend der Baltijskaja beginnen, kenne ich bislang nur von außen. Nein, kein Reiseführer beschreibt die Hinterhöfe einer Stadt, den würde niemand kaufen. Also muß ich mich immer wieder selbst umschauen, zusammen mit meiner zweitbesten Ehefrau.

Mit der Metro fahren wir zurück zum Gostinyj Dvor. Aus einem Kiosk am Nevski dröhnt Musik, schräg und fremdländisch. Ich frage den Burschen in dem Büdchen nach dem Titel, wortlos reicht er mir eine CD-Hülle heraus. Skolko, frage ich, wieviel? Dvesti Semdesjat, 270 sagt er, weil es zwei CDs sind. Etwa neun Euro. Kurz frage ich mich, aus welcher Raub­pressung das stammen mag, bei uns kostet ein Doppelalbum mindestens zwanzig Euro. Aber die Musik hat mich im Griff, ich schiebe dreihundert durch das kleine Fensterchen und erhalte dreißig nebst CD zurück - sieht alles nach Original aus, was soll ich mir ’nen Kopf machen.

Unser Weg umkreist das Zentrum, welches ich ohne Zögern an der Admiralität vertäue. Zuerst treibt es uns entlang des Gribojedev-Kanals in Richtung Russischen Museums (Russkij Musej). Puschkin, der davor mit nobler Geste auf diesen Tempel russischer Kunst weist, ist neu – war vor zehn Jahren jedenfalls auf dem Foto im Baedeker St.Petersburg noch nicht vorhanden, statt dessen ein großes Beet voller Tulpen – und im Winter? Ein schmiede­eiserner Zaun umschließt das Anwesen, vom Tor herab leuchtet der goldene Doppel­adler Rußlands, der eigentlich byzantinischen Ursprungs ist, weil Ivan III. Vassiljevitsch, genannt Iwan der Große, Großfürst von Moskau, 1472 Anspruch auch auf den Thron des Oströmischen Reiches erhob.

Zurück am Kanal bläst ein zehnjähriger Blond­schopf auf der Blockflöte Scarborough Fair von Pink Floyd. Ich werfe ihm eine Fünf-Rubel-Münze in die neben seinem bunten Ranzen stehende Schale, vermutlich kommt er geradewegs aus der Schule. Vielleicht wird aus ihm ja mal ein großer Musiker, und man begräbt ihn auf dem Tichviner Friedhof neben – das soll man nicht einmal denken. Der Knabe soll – so Gott will – sogar sich selbst und seine Flötentöne überleben. Vielleicht wird er auch gar kein Musiker und endet – ähnlich dem düsteren Kafka – zum Beispiel als Versicherungs­beamter. Die kleine Konjuschennaja-Straße zwischen St.Petri-Kirche und dem Dom Knigi ist beispielhaft saniert. Hier wohnen die Neuen Russen, zentrumsnah und hoffend auf zukünftigen Schatten der jungen Bäume davor, deren schlanke Reihe stracks auf die Kolonnade der Kazaner Kathedrale zustrebt.

Vorbei am Puschkin-Museum, dem Haus an der Mojka, in dem Rußlands großer Volks­dichter kurze Zeit wohnte und qualvoll an den Folgen eines Duells starb, betreten wir zwischen dem Stabsgebäude der Garderegimenter rechts und dem Generalstabsgebäude links die Weite des Schloßplatzes (Dvorzovaja Pl.). Obwohl die ihn umgebenden Gebäude verschiedenen Stil­epochen entstammen, ist er zweifellos eine der schönsten Platzanlagen der Welt. Der Eindruck eleganter Weite beruht zuvörderst auf Carlo Rossis genialem Einfall, den massigen Generalstabskomplex als bogenförmiges Halbrund anzuordnen. Ihm gegenüber als barocker Gegenpol das Winterpalais der Zaren, in dem sich heute die Ausstellungen der Eremitage befinden. Im Westen begrenzt ein Seitenflügel der Admiralität den Platz, dessen Mittelpunkt die berühmte Alexandersäule bildet. Sie, wie auch der Triumphbogen des Generalstabs­gebäudes, wurden zum Gedenken an den Sieg über Napoleon im Großen Vaterländischen Krieg errichtet. Ohne jegliche Verankerung ruht die aus einem Granitblock gehauene Säule allein durch ihr Eigengewicht von 650t auf einem Bronzesockel. Die Spitze ziert eine Engels­figur mit den Zügen Zar Alexanders I., die unter dem Kreuz eine  Schlange zertritt.

Den Torbogen der Admiralität flankieren zwei Sockel, auf denen jeweils drei spärlich gewandete antike Damen gemeinsam eine Weltkugel stemmen. Auf dem Hof, in den man durch das Tor schaut, werden Marinesoldaten gerade in lockerer Formation vom Mittag­essen zum Unterricht geführt, aus ihren Uniformen weht Essensdunst herüber. Das weckt auch in uns den Hunger. In einer der Gassen zwischen den spitzwinklig von der Admiralität ausgehenden Prospekten Gorochavaja und Nevskij in einem Fenster im Souterrain ein Aushänger: Biz’nis Lansch 200 Rb. Als wir die Tür öffnen und hineinschauen, ein Kafe, dessen Tische mit weißem Leinen eingedeckt sind. Wir setzen uns, bestellen zweimal Biz’nis und harren der Dinge, die da kommen sollen. Und warten. Und warten – um es kurz zu machen, das Essen ist gut, Rohkostsalat, Pilzsuppe, Schollenfilet und ein gefülltes Plunderteilchen zum Tee. Alles wohlschmeckend und sauber zubereitet, aber die Bedienung ist quälend langsam. Wir brauchen über eine Stunde, bis wir gespeist und bezahlt haben, dabei drängt die Zeit: um siebzehn Uhr sollen wir abgeholt werden nach Puschkin, dem alten Tsarskoje zelo (Zarendorf), zu unseren Freunden Nina und Vitja, beide etwas jünger als wir.

Sie arbeitet in der Staatlichen Bibliothek Saltykov-Schtschedrin, die gerade ein neues Gebäude am Moskovskij Prospekt hinaus nach Puschkin und dem Flughafen Pulkova bezogen hat, er ist Pensionär der russi­schen Armee und macht in einer Schuhfabrik den Natschalnik (Leiter), weil die Pension nur schleppend eingeht. Manchmal für Monate nicht. Im Telefongespräch, das Marija von Moskau aus mit Nina führte, hieß es, wir würden von einem Auto mit Fahrer abgeholt – eine Überraschung. Dabei hatte, als wir sie das letzte Mal sahen, der Freund der jüngsten Tochter, ein langhaariger Typ, gerade Vitjas alten Lada unwider­ruflich zu Schrott gefahren. Als sich die Gelegenheit ergab, daß eine Kollegin meiner Zweitbesten nach Petersburg reiste, gaben wir ihr einen nicht ganz unbedeutenden Geld­betrag als Hilfe für unsere Freunde mit, den wir gleichwohl verschmerzen konnten. Dem überschwenglichen Dankesbrief der beiden entnah­men wir, daß sie höchst gelegen kam. Nun sind wir gespannt – Auto mit Fahrer?

Punkt siebzehn Uhr rollt vor dem Hotelklotz Sovjetskaja ein schwarzer VW Golf aus, dem Nina entsteigt. Strahlend eilt sie auf uns zu, umarmt uns nacheinander, dabei einen Schwall russischer Worte auf uns ergießend, dem sich mein bißchen mühselig Gelerntes kaum gewachsen zeigt. Allerdings steht auch ohne das in ihrem Gesicht, wie sie sich freut, und ihre Hand deutet auf das schwarze Auto, wir sollen doch – bietäschön! - einsteigen. Ja, Nina hat in der Schule Deutsch gelernt und dies sogar vor Jahren einmal in Abendkursen aufge­frischt. Doch man tut sich immer schwer mit in Trockenkursen erlernten Sprachen, wenn die Gelegenheit fehlt, sie von Mensch zu Mensch auch anzuwenden. Niemand weiß das besser als ich.

Die beiden Frauen nehmen hinten Platz, ich quetsche mich auf den Beifahrer­sitz, die Tüte mit Gastgeschenken zwischen den Knien. Der Fahrer heißt Georgij, trägt einen schwarzen Anzug zu ebensolchen dichten Haaren und Brauen über gleich­farbigen Augenkugeln und schüttelt mir verlegen die Hand, als ich ihn mit dobryj djen begrüße: Guten Tag! Georgij ist Georgier, und die sind - seit dem Tode Stalins, der ebenfalls Georgier war – in Rußland ähnlich beliebt wie bei manchen Deutschen anatolische Türken. Halt das übliche Nord-Süd-Gefälle, worin es den Norden stets dünkt, er sei der bessere Teil.

Georgij legt den Gang ein und fährt los. Georgij hat mit innerstädtischer Geschwindigkeit nichts am Hut und führt eine Meute ähnlich motivierter Autofahrer an, die ihm hinterher auf dem langgezogenen Moskovskij Prospekt in Richtung Süden brettern. Wenn hier die GAI (Verkehrs­polizei) eine Straßensperre mit vorheriger Radarkontrolle errichtete, könnte sie die nächsten drei Tage biertrinkend im Kasino verbringen – sie hätte ihr Soll erfüllt. Womit ich sagen will: Georgij fährt wirklich einen heißen Reifen, um den ihn unser Moskauer Freund Igor beneiden würde. Als wir aus der Stadt heraus sind, zieht vorm Fenster ein schwer­mütig bewölkter Himmel über den grünen Wellen der nordischen Landschaft vorbei. Ich wünschte, Georgij führe gemächlicher, damit ich die Melancholie der Stunde genießen könnte.

In Puschkin nehmen wir Vitja auf, der vor dem Plattenbau seiner Wohnung bereits auf uns wartet. Der alte Haudegen! Zäh und vom Rauch unzähliger Marlboros in Gesicht und Stimme fermentiert, reißt er uns nacheinander in die sehnigen Arme. Seit dem letzten Mal hat er – im Gegensatz zu uns - nicht ein Gramm zugenommen. Dürr ist er, wie ein Kistenbrett. Er steigt hinten zu den damskis, die zusammenrücken, und wir fahren weiter. Am Saum eines Wäldchens, wo ich es nicht vermutet hätte, läßt Georgij den Wagen ausrollen, kommt zum Stehen. Wenn ich die Strecke und alle Hinweisschilder richtig verfolgt habe, befinden wir uns in Pavlovsk, dem ehemaligen Endbahnhof der 1837 zwischen Petersburg und hier über Tsarskoje Zelo eingeweihten ersten Eisenbahnstrecke Rußlands. Damals war die Haltestelle ein beliebtes Ausflugsziel der Petersburger Gesellschaft, hier spielte die Musik auf, und – das sei am Rande vermerkt - nach dem englischen Vorbild für solche Stätten, Vauxhall, benannte man fortan alle russischen Bahnhöfe: Vokzal.

Nina & WitjaWir halten am Parkplatz eines Restaurants, das im Stil altrussischer Dorfkirchen aus Holz­balken erbaut ist. Alle steigen wir aus, bis auf Georgij. Die Lokalität heißt Podvorye und brüstet sich, sogar Staatspräsident Putin habe hier schon mit Troß gespeist. Die vielfältig verschachtelten Holz­schindel­dächer des Anwesens krönt ein Turm mit Wetterfahne aus echtem oder imitierten Bleiglas: ein bunter Hahn. Die ganze Anlage ist gärtnerisch gestaltet und sehr gepflegt. Aus Holz reckt sich eine Schlittenbahn, die ich nun, trocken und unbeschneit, auf Gummisohlen erklimme, um von oben ein hübsches Foto meiner Bagage zu schießen. Zu Anfang ist uns nicht recht klar, was wir hier sollen; daß das Ganze ein Restaurant ist, wird uns erst bewußt, als wir die Speisekarte in Händen halten. Doch soweit ist es vorerst nicht. Und so fotografieren wir uns gegenseitig vor Asternstauden, auf grünem Rasen und vor dem silbern verwitterten Holz der Gebäude. Bis Igor, Indiana, seine Frau und Vlad kommen, beider Sohn: Schwiegersohn, Tochter und Enkel unserer Freunde. Nun kann man zu Tisch gehen.

Das Studium der Menukarte bereitet keine Schwierigkeit, da sie viersprachig abgefaßt ist: Russisch, Englisch, Spanisch, Deutsch. Kein Französisch. Die Preise sind gesalzen und in sogenannten Verrechnungseinheiten angegeben, die an den Dollarkurs gekoppelt sind. Ich weiß nicht, wie unsere Gastgeber das je bezahlen wollen und entdecke Sauerampfersuppe auf der Karte. Das paßt, seit meiner Kindheit habe ich sie nicht mehr geges­sen, sie war eine meiner damaligen Leibspeisen, besonders mit einem verlorenen Ei für jeden darin, und sie ist das billigste angebotene Gericht. Links von mir sitzt Indiana, vor sich auf dem Tisch ein dickes Wörterbuch Russisch-Englisch. In Ribnitz-Damgarten, wo Igor als Soldat stationiert war, hat sie den Kindern der Offiziersfamilien Unterricht in Deutsch und Englisch erteilt. Das ist lange her, und ihre Kenntnisse sind schon ein bißchen eingerostet. Sie war auch schon bei uns daheim zu Gast und gab mir Nachhilfe in Russisch, was allerdings, das muß ich gestehen, meinen Fähigkeiten nicht großartig auf die Sprünge geholfen hat.

Alle am Tisch sind mit dem Studium der Karte beschäftigt. Verstohlen gucke ich herum, in welchen Preisregionen die anderen blättern. Indiana beugt sich zu mir und schaut in meine Karte, vermutlich soll sie den Dolmetsch spielen. Ich deute auf die Suppe und sage, die hätte ich gerne. Und als Hauptgericht? fragt sie. Das ist mein Hauptgericht, erwidere ich. Abends vertrage ich nicht so viel. Sie sieht ungläubig zu mir auf – dann aber eine große, sagt sie schließlich energisch, keinen Widerspruch duldend, und ich nicke ergeben.

Nachdem die Bestellungen aufgegeben sind, hebt am Tisch babylonisches Sprach­gewirr an. Indiana versteht Deutsch, spricht Englisch, das immer besser wird, und ich versuche ihr auf Russisch zu antworten. Nina und meine Zweitbeste radebrechen irgend etwas, das sich wie Pidginrussischdeutsch anhört, sie nehmen viele „Äh“s und die Hände zu Hilfe. Igor spricht mich auf Englisch an. Wenn er etwas bestätigt, sagt er in rascher Folge yes, yes, yes, immer dreimal, das war vor acht Jahren schon so, in der Zwischenzeit hat sich sein Englisch sehr gebessert. Nina spricht meinen Namen in Deutsch aus, also ohne gerrrrolltes R - und redet dann Russisch weiter. Sie hat eine große Meinung von meiner Kenntnis ihrer Muttersprache. Ich nicht. Außerdem redet sie – wie alle Frauen – viel zu schnell.

Viktor, der an meiner rechten Seite sitzt, fremdelt ein wenig, erklärt seinem Schwieger­sohn über den Tisch hinweg, was er meint, und der teilt es mir über den Tisch hinweg zurück auf Englisch mit. Von Vlad, der ganz links außen an der mir abgewandten Seite seiner Mutter sitzt, vermute ich, daß er mit seiner matj auf Russisch parliert. Ganz sicher bin ich mir allerdings nicht, denn eben war er acht Wochen auf einer Schule in England und ist vom Vater angehalten, to talk British, whenever possible. Niemand schaut in das dicke Wörterbuch, das verlassen auf dem Tisch liegt. Als die sakuski kommen, räumt Indiana es in ihre Handtasche. Allesamt kommen wir prächtig miteinander im Sprachendschungel zurecht.

Als Erstes kommen Sakuski, das sind Vorspeisen, und ich entdecke auch meine geliebten agurets darunter. Keine Gurke ohne Wodka und kein Wodka ohne Trinkspruch – sakuski und tost sind stete Begleiter des Wässerchens, und wer es ohne diese hinunterstürzt, gilt in Rußland als Säufer. Viktor neben mir steht auf, deutet eine militärisch knappe Verbeugung an und hebt sein beschla­genes Glas. Igor von gegenüber gibt seinem Schwiegervater knapp oberhalb des Tischtuchs verstohlen ab­wiegelnde Handzeichen, begleitet von unmerklichem Schüt­teln des Kopfes. Indiana stößt mich an und wispert mir ins Ohr: Papa lernt es nie. Aber früher erhoben sich die Männer, wenn ein Trinkspruch ... Na was denn. Als ich stehe, erhebt sich lächelnd auch Igor, und so kann Vitja in aller Form seinen russischen Toast ausbringen auf diesen schönen Abend, und daß wir alle uns nach so langer Zeit endlich wiedersähen, das sei ein besonderes Geschenk der Vorsehung, und insbesondere wir zwei Deutschen mögen uns heute abend doch so recht wohlfühlen und von dem Bescheidenen nehmen, das der Tisch zu bieten hätte, und deshalb – hier hebt er sein Glas – vorweg erst einmal einen für die Gesundheit: za zdarovje!

Es stimmt: die ersten sto (hundert) gramm werden von Männern auf eins hinunter­gekippt. Frauen dürfen nippen. Wer aber das Glas anschließend hinter sich wirft, weil er das in einem miserablen amerikanischen Film gesehen hat, wird verständnislose und strafende Blicke ernten. Ein Relikt der Auswüchse absolutistischer Zarenzeiten, absolut nicht das Rußland von heute. Indiana strahlt mich an, und ich erkenne, daß ich aus einem Gefühl heraus das Richtige getan habe. Vitjas Gesicht glänzt vor Freude. Das Ganze wird gekrönt vom aufgetra­ge­nen Essen. Wortfetzen wogen hin und her über das weiße Tischtuch, vermischt mit dem leisen Klirren schwerer Silberbestecke. Mein Süppchen ist eine ausgewachsene Terrine, sie ist so gut, wie ich sie in Erinnerung habe, sogar das verlorene Ei findet sich – versenkt, auf ihren Grund. Seltsam, früher schwammen sie immer oben, es waren schlechte Zeiten, vielleicht hatten die Hühner nur Luft in der Legeröhre – egal. Die letzten zehn Löffel machen richtig Arbeit. Irgendwann ist sie geschafft, und mein Bauch spannt merklich unter dem Gürtel.

Es folgen Toasts, mittlerweile steht eine Flasche klaren Inhalts auf dem Tisch, und auch wir drei Männer (Vlad zählt noch nicht) standen schon mehrmals, um fromme Worte aus unseren Mündern zu verlautbaren. Auch ich tat nach Kräften mit. Den ersten Trink­spruch hatte ich mir in Georgijs Golf zurecht gelegt, als Ninas Gesprudel auf der Fahrt hierher kurz einem schöpferischen Fassen neuer Gedanken wich. Kurz - trotzdem hab ich sie sehr gern. Meine leere Schüssel nehmen Igor und Vitja zum Anlaß, mich von ihren noch nicht geleerten Tellern mit den besten Stücken zu bedenken. Russische Portionen sind mächtig, und in meiner Schüssel sammeln sich deren Leckerbissen. So muß ich hier vom Nachlaß des saftigen Koteletts einen Bissen zu mir nehmen und dort die Hälfte eines gebratenen Stein­pilzes zumindest anschneiden und probieren – Köstlichkeiten, wenn man ausgehungert ist. Doch belastend, wenn der Magen bereits voll ist. Aber da steht ja die Flasche.

Problembär Bruno (hier noch in Freiheit)Aus der stets nur nachschenkt, wer sie bestellt hat: Igor. Ich ahne, es artet in Sport aus - ssiss aber alles irntwie egal. Drinksbums, äh T-rink-s-pruch folgt auf S-pring-tuch. Als die Flasche geleert ist, zieht Igor einen dicken Packen Banknoten aus der Tasche, winkt einem der Bediensteten und zahlt. Kurzfristig korrigiert er noch die Rechnung nach unten, reine Gewohnheit. Die Stärke des Bündels nimmt nach ihrer Begleichung kaum ab. Wir brechen auf. In der Halle steht ein ausgestopfter Braunbär, ein Grinsen im Gesicht und auf der Pratze ein Tablett mit Flasche und Glas. Igor bricht der Flasche den Hals, schenkt ein und reicht mir das Glas. Bevor ich es an die Lippen hebe, tätschele ich dem Bären tröstend den Kopf, aus dessen Fell es sachte staubt: Na zdarovje, auf die Gesundheit, Kumpel! Dann trinke ich aus - ich bin wohl ziemlich betrunken. Draußen wartet Georgij und zieht müde den Schlag des schwarzen Golf auf, ich lasse mich hineinplumpsen. Vermutlich haben wir ihn hinter dem Lenkrad aus tiefstem Schlummer gerissen. Igor mit Familie fährt selbst, er scheint wenig nüchterner als ich. Aber es ist ja nur ein Katzensprung, und die GAI-Leute schlafen hoffent­lich schon.

Es ist wirklich nur ein Katzensprung. Ich nehme kaum die Umgebung wahr und erklim­me mechanisch eine Treppe in  einem angenehm gedämpft beleuchteten Stiegenhaus. Nach einer Tür heller Teppichboden, in jeder russischen Wohnung zieht man hier die Schuhe aus. Das ist nicht Ninas und Vitjas Zweizimmerwohnung, in der sie ihre Kinder großgezogen und uns vor acht Jahren unter fast brechender Tischlast verwöhnt haben – wir sind im Domizil von Neuen Russen, Igors und Indianas Heim. So sieht das also aus.

Sie sind stolz auf alles, was sie erreicht haben. Warum sollen sie auch nicht. Die moderne Küche mit Mikrowelle, der PC im Arbeitszimmer einschließlich Internetanschluß, das Bad, großzügig und chromblitzend, schließlich ein Kinderzimmer, wo Vlad ein teures Saxophon dem Koffer entpackt, das soll er lernen, auf seinem Schreibtisch steht bereits ein Keyboard. Ich schalte es ein, klimpere ein paar Takte darauf und fordere den Jungen auf, mit mir four handed, wenn er einen schönen Pianosound hat, darauf zu spielen. Er hat. Und so sind wir für ein kurzes Weilchen aufeinander eingestellt und aneinander gebunden. Als ich ihn lobe, antwortet er mir sogar auf Englisch: Nice to meet you, Sir. Eine ganze Weile fummelt er darauf an seinem Saxophon herum.

Vitja – oder Viktor - hat im Zimmer gestanden, uns zugehört und will mehr, als ich die Finger von den Tasten nehme. Gerade hab ich einen Gitarrensound mit Flamenco beim Wickel, er und Nina waren letztes Jahr in Spanien, seither fährt Vitja total auf den rasselnden Klang von Kastagnetten und Gitarren ab. Bravo, ruft er, als ich meinen Part beende und das Instrument ausschalte. Anerkennend klopft er mir die Schulter. Vitja – ich erinnere mich noch, daß er auf dem kleinen Balkon seiner Wohnung über die damskis schimpfte, die immer nur teure Kleider und neue Möbel wollten und mir getrockneten Fisch anbot, den er dort aufbewahrte. Damals rauchte ich noch, und ich bot ihm im Gegenzug von meinen Marlboros an. Später zeigte er mir seine umfangreiche Sammlung russischer Rubel­münzen, fragte, was die im Westen wohl für einen Wert hätten, was ich ihm allerdings nicht befriedigend beantworten konnte.

Nun treffen wir uns hier auf einem Terrain, das weder er noch ich gutheißen mögen, weil wir beide vom gleichen Schlag sind: nur was man selber schafft, ist gut. Igor hat es durch Nutzen alter Verbindungen aus seiner Militärzeit als Kaufmannslohn errungen. Weder er noch Indiana wollen so recht heraus, worum es sich dabei handelt. Ihre Wohnung hat Fußbodenheizung, und sie schneiden (nachts um zehn!) eine mächtige Torte an, es gibt Tee und Kaffee, ganz wie man will. Nur nichts darüber, woraus sich diese Wohnung finanziert. Da geben sie sich zugeknöpft. Ich tippe auf Waffengeschäfte, von der Armee her hat Igor vielfältige Verbindungen, irgendwann fällt auch das Wort Immobilien. Man muß, so das neue Kapital, nutzen, was beiderseits des Weges liegt. Wer es sieht, braucht es nur aufzuheben.

Das Fazit: ein netter Abend. Ich kann nicht einmal sagen, daß unsere Freunde sich verändert hätten. Jedoch, daß wir wie beim letzten Mal uns vor dem Abschied alle auf dem Boden im engen Korridor niederließen und eine Minute lang still nur bei den Händen hielten – das wiederholt sich nicht. So sind sie, die Neuen Russen, und zwischen Igor Moskau und Igor Puschkin klafft eine Welt. Georgij, der die ganze Zeit im Auto gewartet hat, fährt uns zurück ins Hotel. Sein billiger schwarzer Anzug ist ziemlich verknittert. Er wird ihn heute nacht noch aufbügeln müssen, morgen früh begleitet er seinen schef in Geschäften im Flugzeug nach Moskau.

MorgenleuchtenMittwoch 3. Sep. 2003

Gegenüber ist ein Haus abgerissen worden, und nun legen Bagger die Fundamente frei: lauter senkrecht in den schwammigen Grund gerammte Pfähle, das Holz weiß vom umgebenden Kalk, doch sonst relativ intakt. Sorgfältig in Handarbeit legt man diese Zeugen der Vergangenheit frei, und wir schauen vom Fenster des Hotelzimmers aus zu. Als wir zum Frühstück gehen, steigen irgendwo im Westen schwarze Qualmwolken auf, die rasch das ganze Viertel verdunkeln. Es sieht aus, als brenne im Hafengebiet ein Lager mit alten Autoreifen. Ziemlich bald scheint das Feuer aber unter Kontrolle.

Mein Kopf ist noch ein wenig umnebelt, und so unternehmen wir einen morgenbesonnten Bummel an der Fontanka. Die frische Luft tut gut, es hat kaum mehr als fünfzehn Grad. Gegen Zwölf kommt der Fahrer, der den gebuchten Transfer ins Hotel Pulkovskaja ganz im Süden am Rande der Stadt durchführen soll. Dort weiß man nichts von unserer Reisegruppe, zu der wir hier stoßen sollen. Also erst mal warten.

Bei einem Rundgang in der Umgebung des Hotels gelangen wir zwischen Hinterhöfe, wo uns neugierig ein kleines Mädchen anspricht, das dort mit dem Fahrrad Kreise fährt. Kurz vor uns bremst es und springt ab. Mustert uns kritisch, wir sehen anders aus als die Leute hier im Rayon. Woher wir denn seien, fragt es. Aus Deutschland, gebe ich Antwort. Ah, das kenne sie. Ihr Papa sei auch schon mal da gewesen. Ob es stimme, daß dort das Geld vom Himmel regne. Nicht ganz, sage ich, aber für Kinder regnet es dort ab und zu Bonbons. Aus den Augenwinkeln sehe ich nämlich, daß meine Zweitbeste in ihrer Handtasche kramt, in der sie auf Reisen immer allerhand Leckereien für solche Fälle aufbewahrt. Ein Tütchen Gummibären wechselt den Besitzer. Spassiba, freut sich die Kleine und macht einen Knicks –einen richtigen, altmodischen Knicks! Glückstrahlend radelt sie davon.

Die Unkenntnis, wann unsere Reisegruppe eintrifft, macht uns einigermaßen nervös, so daß wir beschließen, wieder zum Hotel zurückzukehren, um lieber dort zu warten. Auf dem Weg dorthin machen wir noch einen Abstecher. Direkt vor dem Pulkovskaja erstreckt sich als weites Rondell der Siegesplatz (Pl. Pobedy), um den herum brausend der Verkehr fließt. Inmitten der Anlage erhebt sich in einer künstlichen Senke das gewaltige „Denkmal der heldenhaften Verteidiger Leningrads“  (Pamjatnik geroitscheskim zasch­tschit­nikam Leningrada). Jeder mit dem Flugzeug über Pulkovo Einreisende sieht auf der Fahrt vom Flughafen in die Stadt als erstes den hohen Obelisken dieses Monuments, das dahinter in Form eines oben offenen, gebrochenen Ringes angelegt ist. Geht man die Stufen hinab in das weite Rund der Anlage, so beschleicht einen, falls man dort allein sein sollte wie wir an diesem Tag, denn das zugehörige kleine Museum ist mittwochs geschlossen, ein Gefühl des Fröstelns und grenzenloser Verlassenheit. Aus dem kalten Marmorring, an dem ringsum Fackeln brennen, scheinen Stimmen zu wispern, das Klagen und Stöhnen der über eine Million Opfer der neunhundert Tage, während derer die Stadt eingeschlossen war, die lautlosen Schreie der Getöteten und Geschundenen, der Zerschossenen und Zerbombten – es ist beklemmend. Den gespenstigen Eindruck dieses Flüsterns und Raunens erzeugt leise, fast unhörbare Trauermusik aus verborgenen Lautsprechern. Natürlich gibt es auch die üblichen heroischen Plastiken von Soldaten, Matrosen und Müttern mit Kindern, nein, daran ist wahrhaftig kein Mangel. Das wirklich Aufrüttelnde aber ist dieser kalte Ring, der sich wie ein Panzer um die Brust zu legen und diese einzuschnüren scheint, solange man dort unten weilt. Ein unheimliches Erlebnis, doch bin ich froh, dort gewesen zu sein. Dennoch begrüße ich den Lärm des oben das Mahnmal umbrausenden Verkehrs fast wie einen guten alten Freund.

SiegesplatzGegen sechzehn Uhr quillt eine lautstarke Reisegruppe in die nachmittägliche Lethargie der Hotelhalle, es ist die, der wir uns ab jetzt anschließen werden. Vor drei Stunden haben sie Düsseldorf verlassen, unsere erste Frage gilt dem Wetter dort: Ist es immer noch so heiß? Na ja, an die zwanzig Grad werden es schon noch sein, geht so. Die russische Reiseleiterin für Petersburg ist ein dürres älteres Fräulein mit riesiger Hornbrille und Baskenmütze. Nachdem sie allen noch einmal eingeschärft hat, um sieben gebe es Essen in Restaurant 2 an der Rückseite des Hotels, und um einundzwanzig Uhr solle man in der Halle mitsamt Koffern bereitstehen zur Abfahrt nach Pulkovo, ist sie verschwunden.

Bis zum Abendessen sind noch fast zwei Stunden Zeit; zuwenig, um mit der Metro noch einmal in die Stadt zu fahren, zuviel, um sie ungenutzt verstreichen zu lassen. Also noch einmal ein Rundgang ums Hotel, diesmal etwas weiter. Die Gegend, in die wir geraten, hat außer grauer, öder Häuserwüste nichts zu bieten. Verwahrloste Spielplätze vor jeweils drei, vier Blocks, die Häuser selbst, vermutlich in der Chruschtschov-Ära aus Betonteilen rasch hochgezogen, bröckeln an allen Ecken, durch das Viertel fliegen Unmengen bunter Werbe­zettel, die die Leute achtlos aus ihren Briefkästen schmeißen, weil bei ihnen nach Kauf des Notwendigsten keine einzige Kopeke übrig bleibt, und die winzigen Rasenflecken zwischen den Häusern sind voller Hundescheiße. Hier hat Leningrad noch nicht aufgehört zu sein, und wenn jemand sagt, er liebe St.Petersburg, dann meint er gewiß nicht diese grauen Vorstädte im Süden oder Norden. Sicher, auch bei uns gibt es solche Viertel, aber denen gönnt man wenigstens ein bißchen Farbe, damit die Bewohner nicht in Schwer­mut verfallen. Meine teure Kamera lasse ich lieber in der Tasche, es ist nicht gut, Begehr­lichkeiten zu wecken. Die Gegend wäre ohnehin nur ein Schwarzweißfoto wert.

Bei der Rückkehr spricht uns kurz vor dem Hotel eine ältere Frau auf Deutsch an. Ob wir nicht das eine oder andere gebrauchte Kleidungsstück übrig hätten. Die Zeiten seien bitter, ihr Mann gestorben, sie lebe gänzlich allein von dem wenigen, das barmherzige Menschen ihr überließen. Als wir bedauern, fragt sie mit leiser Stimme, ob wir dann nicht wenigstens einen oder zwei Groschen für sie übrig hätten – ja, diesen Ausdruck gebraucht sie. Ich gebe ihr fünfzig Rubel, sie bedankt sich leise und wir gehen weiter. Als ich mich kurz darauf umdrehe, ist sie verschwunden.

Hundert Meter weiter ruft uns ein Mann über die Straße hinweg zu, auch er auf Deutsch: Hat die Alte wieder Opfer gefunden? Ja ja, ich sehe es Ihnen an - er lacht und kommt näher, wir bleiben stehen. Will auch er uns anbetteln? Statt dessen belehrt er uns: Hier um das Hotel herum vertreten sich viele Leute die Beine, und alle spricht sie an. Hat die Alte Sie nach getragener Kleidung gefragt? Ja, das ist ihr Trick, ha ha. Wer hat auf Flugreisen schon gebrauchte Kleider dabei. Und alle sagen, man würde ja gerne geben, aber leider könne man von dem wenigen im Koffer nichts abgeben. Dann fragt sie eben ersatzweise nach etwas Geld, nicht wahr, sie wäre ja so bescheiden mit getragener Kleidung zufrieden gewesen, und jeder gibt ihr. Sie auch? Na sehen Sie. Wissen Sie was, die Alte ist steinreich! Die bettelt nur noch zum Zeitvertreib, und Sie gehen ihr auf den Leim! Er lacht meckernd, schüttelt über soviel Blauäugigkeit und Lebensfremde den grauen Kopf und schlurft zurück auf seine Straßen­seite, wo er mit jemand anderem ein Gespräch auf Russisch beginnt. Wahrscheinlich über uns dumme Deutsche. Na gut, denke ich, fünfzig Rubel sind nach alter Währung etwa dreißig Groschen und nach neuer anderthalb Euro. Wenn es stimmt, was der Mann sagte, Lehrgeld. Sonst aber gut angelegt.

Langsam wird es Zeit für das versprochene Abendessen. Auf der Suche nach dem Restaurant folgen wir einfach einer größeren Gruppe Menschen, die durch eine der rückwärtigen Glastüren drängt. Es ist die richtige. Niemand fragt nach einer Berechtigung, hier zu sein und mit Anderen das warme Buffet zu plündern. Man sieht uns die Ausländer und Touristen an, das hat schon die Kleine auf dem Fahrrad bewiesen. Wenn ich hungriger Russe wäre, würde ich meine letzten paar Rubelchen in eine gebrauchte, ärmellose Globe­trotterweste mit ca. dreißig außenliegenden Taschen investieren, nebst verbeulter Khakihose. Damit wäre mindestens eine warme Mahl­zeit am Tag gesichert. Nach sieben Tagen, wenn man den Bediensteten am Buffet bekannt zu werden beginnt, und sie einem nachdenklich auf die Finger schauen, wird man erwägen müssen, das Hotel zu wechseln.

Ah ja, das Buffet – es ist vorzüglich und wird laufend aufgefüllt. Man schenkt Paulaner-Bier aus, und vor dem schwitzenden Mann am Zapfhahn steht eine lange Schlange an, hauptsächlich stoßende und drängelnde Japaner. Der Speisesaal besitzt den Charme eines Bahnhofslokals, seinen Platz sucht man sich an bekleckerten Tüchern auf runden Tischen mit wenigstens zwölf Stühlen drum herum. Daran scheinen die vergangenen acht Jahre kaum etwas geändert zu haben, schon damals, als wir beim ersten Besuch Petersburgs im auch nicht eben kleinen Hotel Moskva logierten, wurden die schäbigen Zim­mer nur vom noch schlechteren Service übertroffen. Die sprichwörtliche russische Gast­freundschaft im Familien- und Freundeskreis scheint nicht portabel, und benutztes Geschirr wird erst fortgeräumt, wenn sich niemand mehr an den betroffenen Tisch setzen mag und er damit für die Bewirtung ausfällt. Dafür aber sind die Preise, die in russischen Hotels verlangt werden, zu hoch. Doch es ist Goldgräberzeit, Zeit des schnellen Rubels, wer nicht will, soll fort­blei­ben, auf zufriedene Kunden ist man (noch) nicht aus.

Um 21:15 Uhr sind alle beisammen, unsere kleine Gesellschaft umfaßt dreißig Reisende, eine überschaubare Zahl. Fünf Minuten später fährt der Bus ab zum Flughafen Pulkovo, wo Inlandflüge und Flüge in die Staaten der GUS (international CIS genannt, commonwealth of inde­pen­dent states), also weitgehend der ehemaligen UdSSR, abgewickelt werden. Petersburgs Verbin­dung zur westlichen Welt, der Internationale Airport, nennt sich Pulkovo 2 und liegt etwa einen Kilometer vom Binnenterminal entfernt. Wir werden ihn beim Rückflug nutzen. Einstweilen mühen wir uns mit der Security, Tschetschenien heißt der verschärfende Grund. Um 22:30 sind alle durch. Wie eine dunkle Dohle umflattert uns die Petersburger Reiseführerin vom Nachmittag. Noch immer kennen wir nicht ihren Namen, wollen ihn uns jetzt auch nicht mehr merken müssen. Das Ziel heißt nun Irkutsk in Sibirien, wohin uns der königliche Adler tragen soll - da stören Dohlen eher.

Es dauert allerdings noch zwei Stunden, bis der sibirische Vogel abhebt, vierzig Minuten über die geplante Zeit hinaus. Immerhin ein Vertrauen erweckender Airbus. Von den rus­sischen Tupolevs, denen hin und wieder die Flügel abbrachen, ging zu Sowjetzeiten der Witz, man sollte ihre Tragflächen perforieren wie das heimische Toilettenpapier – das risse auch nie an den dafür vorgesehenen Stellen. Ha ha.

Um Null Uhr dreißig breitet der Adler die Schwingen und steigt empor in dunkle Nacht.

Donnerstag 4. Sep. 2003

Nach nur drei Stunden unruhigen Schlummers dämmert der Morgen, wir fliegen ja der Sonne entgegen. Nach einer weiteren vor dem Bullauge verdösten Stunde ohne Sensationen, was heißt, ohne den Ural, die Scheide Europas von Asien, gesehen zu haben, Zwischen­­landung. Das Kaff heißt Barnaul. Es liegt etwa zweihundert Kilometer südlich von Novo­sibirsk, bis Irkutsk sind es noch gut 1400 km Luftlinie. Den Ural überflogen wir auf halber Strecke, mitten in der Nacht und über dichten Wolken, ich hab nichts versäumt.

Der Flugplatz macht einen guten Eindruck, zumindest in den Ritzen der buckeligen Betonpisten sind die Unkräuter beseitigt. Nun muß nur noch die Brigade der Mähdrescher anrücken, um das fast so hoch wie Weizen stehende Kraut auch am Rand zu mähen und seine Samen heraus zu dreschen. In der Ferne nickt ein Höhensuchradar, das wohl schon seit der Steinzeit dort steht. Doch soll man nicht vorschnell urteilen: als die DDR zur Wende ihren Bestand an russischem Radar­gerät preisgab, waren die Experten der NATO flugs zur Stelle, zerlegten eines nach dem anderen - und machten große Augen. Alles war ziemlich geheim, soviel darf ich an dieser Stelle aber doch verraten: die Dinger taten ihre verdammte Pflicht, und das verdammt gut, und jeder Dorfschmied hätte sie zu reparieren gewußt.

Die Maschine wird aufgetankt, alles muß die Plätze verlassen, wegen der Brandgefahr. Noch tiefstehende Morgensonne taucht jeden einzelnen Halm auf dem Flugfeld in rötliches Licht, färbt die nutzlosen Ähren golden. Barnaul, das habe ich später nachgeschlagen, ist eine Stadt mit sechshunderttausend Einwohnern und liegt linksseitig des Ob an dessen Zusam­men­fluß mit der Barnaulka. Die Stadt sieht und hört man hier oben nicht, allerdings stehen einige ihrer Bewohner oder solche aus der Umgebung bereit, um nach Irkutsk oder Vladi­vostok transportiert zu werden.

Man hat uns mehr oder weniger auf engem Raum zusammengetrieben, ein Asphaltfeld vor dem Abfertigungsgebäude, das einem Provinzbahnhof ähnelt. Hundertdreißig Passa­giere stehen vor zwei Toiletten an. Gut vorstellbar, wie die aussehen, wenn man endlich an der Reihe ist. Aber heißt es nicht Not-durft? Man hätte ja im Flugzeug noch... Gut eine Stunde vertreten wir uns auf dem Asphalt die Beine, hin, zurück und wieder hin, bewacht von Sicherheitsleuten mit Schießeisen an der Seite, vom Flugfeld und unserem Flieger durch eine Kette getrennt. Doch, man kann schon den Mund aufmachen, schließlich ist Rußland jetzt eine Demokratie – doch niemand traut sich. Allein die immer höher steigende Sonne  hilft, die Situation zu ertragen. So in etwa hat man sich Sibirien vorgestellt.

Aber so ist es ja gar nicht, nur in unseren Köpfen existiert es noch so! Nähmen wir uns die Freiheit, die Kette zu überklettern – wer wollte uns daran hindern? Etwa der alte Mann mit der Pistole? Möglicherweise hat er größere Furcht vor unserer Mehrheit als wir vor seinem Schieß­eisen. Doch niemand traut sich, das wirklich auszuprobieren - ein latenter Zustand.

Um sechs endlich geht es weiter. Neue Passagiere steigen zu, und es gilt, die alten Plätze mit dem Handgepäck im Staufach darüber wiederzufinden. Danach geht alles relativ schnell. Ein Frühstück mit Tee oder Pulverkaffee wird serviert, verpackt, verklebt und in Schachteln eingeschweißt wie überall sonst auch. Als seine Abfälle eingesammelt sind, setzen wir zum Landeanflug auf Irkutsk an. Nach meiner Armbanduhr ist es halb neun Uhr morgens, doch die Ortszeit tickt bereits sechs Stunden weiter, längst ist die Sonne über den Zenit hinaus, und alle örtlichen Zeitmesser zeigen 14:30 Uhr, als unser Airbus in perfekter Landung den Boden berührt. Gott sei Dank klatscht hier niemand dazu wie die prolligen Mallorcaflieger, die damit ihrer Flugangst ein Ventil geben. Denn wer beklatscht den Bäcker, wenn er seine goldenen Brötchen aus dem Ofen zieht? Es ist sein verdammter Job, das zu tun, so wie es der des Piloten ist, eine saubere Landung hinzulegen.

Nach Gepäckausgabe und Zoll, den wir in Gesamtheit lässig umkurven, empfängt uns Ljudmila, Kind Sibiriens und Einwohnerin Irkutsks. Für die folgenden acht Tage wird sie uns einfühlsame und treue Begleiterin sein. Eine Kleinigkeit in ihrem Gesichtsschnitt deutet auf burjatische Vorfahren hin, das Haar trägt sie gefärbt, doch nicht in diesem Moskauer Rot, das so elend nach durchzechter Nacht aussieht, nein, eher von der Farbe kupferner Lack­drähte, aufgewickelt auf Hochfrequenzspulen im längst untergegangenen Radiokombinat „Ferner Stern“. Sie ist weder hübsch noch häßlich, doch ihre tiefen, dunklen Augenseen sprechen lebhaft mit, wenn sie etwas erklärt. Man muß sie einfach gern haben. Und – das stellt sich mit der Zeit heraus – auch sie hat uns gern. Ideale Basis also für wunderbare Tage.

Ludmilla, wie ich sie von nun an westlicher Lässigkeit gehorchend nennen will, weist uns im „Baikal Business Center“ die Zimmer zu. Ein supermodernes Hotel - ohne Fahrstuhl. Wir bekommen etwas im dritten Stock, was sich aber schlimmer anhört, als es ist, da unsere Bleibe nach westlicher Konven­tion auf der zweiten Etage liegt. Ich erwähnte schon, daß man in Rußland die Etagen im Erdgeschoß beginnend zählt. Trotzdem heißt es, die Koffer zwei Treppen hochzuschleppen, kein Vergnügen mehr in meinem Alter. Von vier bis sechs ist Stadt­besich­tigung, unser Busfahrer trägt außer dem Namen Sergej einen Schnauzbart und besitzt oben links drei Goldzähne, die er gerne zeigt.

Sein Fahrzeug, ein schon etwas betagtes russisches Baumuster, besitzt genau 30 Plätze, von denen einer nur noch als durchgesessenes Rudiment existiert, so daß wir insgesamt 29 Reiseteilnehmer bequem darin unterkommen. Die Frontscheibe ist gesplittert aber noch nicht herausgefallen, wer weiß wie lange schon. Vorn über Sergej hängt als Ersatz für den irgend­wann verlorengegangenen Rückspiegel ein großer Badezimmerspiegel, der ihm bequeme Rück­sicht einerseits, andererseits uns jedoch den Blick auf sein güldenes Gebiß ermöglicht. Auch läßt sich in seinem gespiegelten Gesicht ablesen, was gerade vor ihm auf der Straße vor sich geht. Falls es eine Straße gibt - doch ich will nicht vorgreifen.

Bevor wir losfahren noch einige Daten zu Irkutsk, ich werde mich kurz fassen: Gegründet 1661 von russischen Eroberern unter Führung des Bojarensohnes Jakov Pochabov, war es anfangs nicht mehr als eine kleine, hölzerne Festung (Ostrog) auf einem Kap am hohen Ufer der Angara, gegenüber der Stelle, wo in diese von Westen kommend das Bergflüßchen Irkut mündet. Schon zwanzig Jahre später wird die Festung Verwaltungszentrum einer Wojewod­schaft (Militärbezirk), erhält 1686 Stadtrecht und Wappen sowie vier Jahre später das Stadtsiegel. Seine günstige geografische Lage förderte die Entwicklung von Irkutsk: mit dem Anschluß der riesigen Territorien bis zur Küste des Stillen Ozeans im 17.-18.Jh. an Rußland befand sich die Stadt im Schnittpunkt vieler Handelswege Ostsibiriens. Zwischen 1803 und 1822 war sie Verwaltungszentrum der größten administrativen Einheit Rußland in der gesamten Geschichte des Landes, des Generalgouvernements Sibirien, welches außer ganz Ostsibirien den russischen Fernen Osten, Kamtschtka, Tschukotka sowie Alaska umfaßte.

Dekabristenhaus 1Großen Einfluß auf die kulturelle Entwicklung der Stadt hatten die nach dem miß­lungenen Umsturz vom 14. Dezember 1825 gegen den Zaren Nikolaus I. nach Sibirien deportierten Dekabristen, so benannt nach dekabr, dem russischen Wort für Dezember. Alle Gruppen der Verbannten, welche in Gebiete jenseits des Baikal gebracht wurden, machten hier Station. Mehrere Monate hielten sich hier auch die Frauen einiger Dekabristen auf, die ihren Männern freiwillig in die Wildnis folgten, und hier auf Erlaubnis dazu warten mußten. Nach Entlassung aus den Straflagern konnten sich die Dekabristen in den Dörfern um Irkutsk ansiedeln. Die Familien der Fürsten Trubezkoj und Volkonskij wohnten in Folge in der Stadt selbst. Ihre Häuser sind zu Museen geworden und stehen zur Besichtigung.

1970 wurde Irkutsk in die Liste der russischen Städte mit zu erhaltendem Stadtbild auf­genom­men, im Frühjahr 2000 sogar als erste Stadt Rußlands in die UNESCO-Liste des Welterbes der Menschheit - für seine einzigartige Holzarchitektur. Heute besitzt die Stadt über 600.000 Einwohner und ist Verwaltungssitz des Oblast Irkutsk mit zweieinhalb Milli­onen Menschen. So, nun können wir fortfahren.

Auf einer Anhöhe angelangt, verringert Sergej das Tempo, ohne jedoch ganz anzuhalten. Unten sieht man Wasser und ein Schiff. Oh, der Baikal! entfährt es ein paar Voreiligen. Nein, das ist der Fluß Angara, erklärt Ludmilla über das Bordmikrofon, mit Betonung auf der letzten Silbe. Der Baikalsee ist noch fast siebzig Kilometer entfernt. Was Sie dort unten in der Bucht sehen, ist die ehemalige Eisbrecher­fähre „Angara“, sie ist heute ein Museumsschiff. Und die große Mauer, die Sie rechts sehen, ist das Wasserkraftwerk von Irkutsk. Wir haben heute aber  noch soviel vor, daß wir hier nicht anhalten. Sie gibt Sergej einen Wink, und der beschleunigt wieder, so gut es geht. Also nichts mit Besichtigung.

Dafür kann ich etwas Lexikonwissen beisteuern, das ich mir vor der Reise angelesen habe: Beim Bau der Transsibirischen Eisenbahn geriet man im Bereich des Südufers vom Baikalsee in sehr schwieriges Gelände. Vor dem Verlegen der Gleise mußten Felsen gesprengt, Tunnel gebohrt und Brücken gebaut wer­den. Da um 1900 vier der geplanten sechs Bauabschnitte fertig waren, hätte man bereits von St.Petersburg nach Vladivostok reisen können – wäre nicht das Nadelöhr Baikal gewesen. Um trotz der Bauarbeiten einen geregelten Zugverkehr an der Baikalstrecke zu ermöglichen, wurde ein provisorischer Eisenbahn-Fährverkehr eingerichtet. Dieser mußte über Eis­brecher­fähigkeiten verfügen, da der Baikal im Winter zufriert. Man bestellte also in England zwei Schiffe, die dort gebaut und in numerierte Einzelteile zerlegt teils zu Wasser, teils zu Lande nach Listvjanka transportiert wurden, einem kleinen Ort an der Ausmündung der Angara aus dem Baikal - Ausmündung, weil sie bei etwa dreihundert Zu­flüssen alleiniger Abfluß des Baikalsees ist. Unter britischer Aufsicht wurden die Schiffe von Russen wieder zusammengesetzt. Die 90 Meter lange „Baikal“ war mit vier Eisenbahn­spuren neben­einander ausgerüstet, auf die bis zu 25 beladene Güterwaggons paßten. Der nur 25 Meter lange Eisbrecher „Angara“ diente allein der Personen­beförderung.

Fünf Jahre lang befuhren die beiden Schiffe unermüdlich den 45 Kilometer langen Seeweg von der Station Bajkal an der Mündung der Angara bis zur Station Tanchoj auf der Ostseite des Sees. Wie viele Tausende von Kilometern die klobigen Eisbrecher mit Ladung, Waggons und Fahrgästen zurücklegten, läßt sich heute nur schwer schätzen. Mit der Fertigstellung der Baikalstrecke im Herbst 1905 wurden die beiden Fähren nicht weiter benötigt. Immer seltener überquerten sie den Baikalsee, die meiste Zeit verbrachten sie an den Anlege­stellen. Die große und schwerfällige „Baikal“ wurde Ende 1918 von einem Geschoß der Weißen Armee getroffen und ging – in Flammen lodernd – in der Nähe von Tanchoj unter.

Die „Angara“ aber war bis 1966 in Dienst und beförderte Personen und Güter über den Baikalsee. Außerdem nahm sie oft Flöße und Kähne ins Schlepptau. Später wurde der Eisbrecher der „Freiwilligen Gesellschaft zur Unterstützung von Armee, Luftwaffe und Marine“ zur Verfügung gestellt, damit die zukünftigen Seeleute auf der Fähre ihre Manöver üben konnten. Danach stand sie eine Weile leer und verfiel zusehends, so daß sie öfter unter als über Wasser war. Zuletzt geriet sie in Brand und sank ganz auf den Grund. Eigentlich gehört das Schiffchen in das „Buch der Rekorde“ - als einziger Eisbrecher der Welt, der mehr­mals sank. Doch das Interesse an ihm erwachte wieder, und man beschloß, aus ihm ein Museum zu machen. 1990 endlich hatte man genügend Spendengelder beisammen, hob und repa­rierte es und schleppte es in die kleine Bucht der Angara an seinem heutigen Aufent­halts­ort Solnetschnij, einem Stadtteil von Irkutsk. Besucher können eine umfangreiche Samm­lung verschiedener Dokumente, Karten und Fotos besichtigen. Alle Materialien zeugen von der Geschichte des Schiffsbaus, dem Bau der Transsib ab 1891 und dem Schiffsverkehr auf dem Baikalsee während des 18. bis 20. Jahrhunderts. Eigentlich recht interessant.

Warum fahren wir dann nicht einfach hinunter, stellen den Bus ab und besuchen das Museum? Weil Ludmilla, Sergej und der Bus „Eigentum“ des örtlichen Reiseunternehmens Lovely Tours sind, und unser deutscher Reiseveranstalter eben nur bestimmte Programm­punkte aus dem angebotenen Besichtigungspaket gekauft hat - darum. Irkutsk besitzt zum Beispiel eine fabelhafte Kunsthalle mit einer Sammlung hochkarätiger Gemälde wichtiger russischer Maler - die wir ebenfalls nicht besichtigen. Allerlei Rosinen, da muß man Priori­täten setzen. Wie zum Beispiel den Ort des ehemaligen Ostrog, Geburtsstelle der Stadt.

Heute beschreibt da die Ul. Surikova, benannt nach dem bekannten Historienmaler, einen scharfen Schlenker nach Norden in Richtung des betongesicherten Ufers der Angara. Bevor sie dieses erreicht, biegt sie nach rechts, verläuft eine kurze Strecke parallel zu ihm, wobei sie eine Fuß­gängerbrücke unterquert, und dreht dann ab in Richtung Süden, nun jedoch als Ul. Suche-Batora. Solcherart umrundet sie den Kirov-Platz, das alte Zentrum von Irkutsk. Dessen betonierte Auswölbung in den Fluß ist Treffpunkt der Jugend. Hier hängen sie rum, ziehen sich ihre Joints rein und drehen abends die Ghettoblaster auf, bis die Membranen der Lautsprecher flattern, stets vor Augen das türkisklare Wasser der Angara.

Lenkt man den Schritt über die Fußgängerbrücke zurück, steuert man geradewegs auf die „Gedenkstätte zu Ehren des Sieges des Sowjetvolkes im Großen Vaterländischen Krieg 1941-1945“ zu. Diese besteht aus einer ringsum von poliertem, gleichwohl kantigem Granit einge­faßten ewigen Flamme, die aus der Mitte eines fünfzackigen Sowjetsterns aus Edelstahl lodert. Dahinter in die Tafeln dreier steinerner Nischen gemeißelt die Namen der für und aus der Stadt Gefallenen, das Ganze ein klassischer Portikus. Fragt sich, was wird, wenn Gasprom den Hahn der ewigen Flamme zudreht, aus der kleinlichen Erwägung heraus, daß wieder mal die monatliche Gasrechnung nicht bezahlt wurde. Eingebettet ist das Ehrenmal in einen Park, der seinen vorläufigen Abschluß im Verwaltungsgebäude des Oblast dahinter findet. Vorläufig deshalb, weil auf dessen Rückseite der Park weitergeht.

Auf dem Dach des Gebäudes flattern zwei Fahnen: die weiß-blau-rote der Russischen Föderation und die – nun, man wird das erklären müssen. Die zweite ist nämlich die des Verwaltungsbezirks (Oblast) Irkutsk. Zu Zeiten ihres Ursprungs zeigte sie einen sibirischen Tiger mit roten Augen, der einen eben gerissenen, rotblutenden Zobel im Maul trug. Der Tiger im Kostüm, wie man ihn kennt: schwarz-gelb. Die heraldische Verordnung über das Bild der Flagge reguliert in Kapitel III 1 ihr Aussehen, was ich wie folgt frei übersetzt habe:

„Die Flagge ist ein Rechteck mit drei vertikalen Streifen, zwei außen­liegenden blauen und einem weißen, breiteren dazwischen. Letzterer zeigt im Zentrum einen schwarzen babr, der von rechts nach links läuft und einen roten Zobel im Maul trägt. Den babr umgeben stilisierte Zweige von Zedern ...“

Zitat Ende. Mit babr ist der zu Zeiten der Einführung von Wappen und Flagge Irkutsks in Sibiriens Weiten durchaus noch heimisch gewesene Tiger gemeint. Den hätte also das Tuch zeigen sollen, einen Zobel im Maul, der Tiger die Stärke und der Zobel den Reichtum des Oblasts symbolisierend - wenn nicht 1878 sämtliche russischen Wappen und Fahnen einer Revision unter­zogen worden wären, und irgendein administrativer Klotzkopf in Moskau die Bezeichnung babr als bobor (Biber) gelesen hätte. So ziert nun Fahne und Wappen des Oblasts ein schwarzer Biber - der einen blutenden Zobel im Maul hält. Zoologisch ein Unding, heraldisch erst recht. Man denkt in der Region über eine neue Fahne nach.

Über all dem soll nicht vergessen werden, daß wir uns am Ursprung der Stadt befinden. Direkt auf dem Platz erhebt sich in einer hübschen Parkanlage die weiße Erlöser-Kirche (Spasskaja Tserkov) mit wunder­voller Bemalung an einer der Stirnseiten, die aber dringend der Erneuerung bedarf. Sie ist das älteste Baudenkmal in der Kirchenarchitektur von Irkutsk. Ihr gegenüber, durch den Verkehr auf der Ul. Suche-Batora getrennt, die 1723 erbaute und herrlich renovierte „Kathedrale zu Christi Erscheinen“ (Epiphania-Kathedrale oder Sobor Bogojavlenija). Ein wenig der Batora folgend und den Hügel hinauf reckt links in schlanker Neugotik der Ziegelturm der Polnischen Katholischen Kirche seine rote Fassade, eine der wenigen Kirchen Rußlands mit Orgel. Heute werden darin keine Messen mehr abgehalten, sie ist jetzt Konzertsaal, die Orgel entstammt einer Manu­faktur der ehemaligen DDR, vermutlich Freiberg. Die Kirche entstand, als Sibirien Auffangbecken aller Sorten Vertrie­bener aus dem zaristischen Rußland wurde, darunter Angehörige der Polnisch Nationalen Befreiungsbewegung. 1881 wurde mit ihrem Bau begonnen, drei Jahre später stand das Haus.

Die Erlöser-Kirche ist Ort einer Trauung. Eben verlassen Brautpaar und Trauzeugen die Kirche und stellen sich vor den sechs Türen einer dicken, schwarzen Langlimousine zum Foto auf, umbettelt von fünf oder sechs braunen Zigeunerkindern. Dieser Ausdruck stammt nicht von mir, Ludmilla gebrauchte ihn mit ausdrücklichem Verweis auf die zunehmende Kriminalität dieser Volks­gruppe, die schon ihre Kinder zu Diebstahl und Betteln anhält und regelmäßig zu Beginn der Saison aus dem Süden anreist. Als die Hochzeitskutsche abfährt, verlagern sich die Bemühungen der Kinder auf uns.

Mit allerlei Faxen versuchen sie, uns Geld aus der Tasche zu locken. Als zwei etwa zehnjährige Burschen mich bedrängen und mir in körperlicher Enge zu nahe kommen, vermutlich um mir in die Taschen zu greifen, wie es ihnen Paten und Eltern beigebracht haben, verliere ich für einen Moment die Beherrschung, hole mit der flachen Hand aus und verabreiche einem der beiden eine Maulschelle. Aufheulend hält er sich das Ohr, wo ich ihn empfindlich getroffen habe, beide stieben davon – sollen sie mich doch, verdammt nochmal, anzeigen! Andere halten aggressiv fordernd die schmutzigen Hände auf und verdecken damit, falls man nichts gibt, die Linsen der auf das posierende Hochzeitspaar gerichteten Kameras und Camcorder. Notfalls, wenn einer der Fotografen besonders groß ist, hüpfen sie mit vor den Apparaten wedelnden Armen auf und ab. Dieses Ungeziefer will – falls nicht bezahlt - möglichst viel Unruhe anrichten und gehört verjagt. Ludmilla sagt, wir alle sollen gut auf unsere Taschen achtgeben, etwas hilflos, mehr kann sie nicht tun. Offensichtlich schämt sie sich, weil es russische Zigeunerkinder sind.

Nächste Station ist das ehemalige Kloster zu Maria Erscheinen (Snamenskij Monastyr). Es liegt etwas abseits am Ende eines schmalen Weges, wo der Bus nicht fahren kann. Ein paar Kinder treiben sich dort herum und halten schüchtern die Hände auf, als wir an ihnen vorüber­gehen. Sie sind keine Zigeuner, auch längst nicht so aggressiv wie diese und bekommen hier und da fünf Rubel oder einige Bonbons zugesteckt, weil eines der Kinder einen riesigen Wasserkopf hat.

Das Kloster wurde 1683 gegründet, von ihm ist nur noch die kleine Klosterkirche erhalten, sie ist eingerüstet und wird gerade renoviert. Arbeiter schlagen bröckeligen Putz ab, an anderer Stelle werden von ruhiger Hand Stuck­elemente restauriert. Innen bietet das Kirchlein nichts Sehenswertes, sie ist recht finster und kahl. Das Besondere ist der kleine Gottesacker daneben; hier liegen die sterblichen Überreste der Dekabristen Pjotr Muchanov, Nikolai Panov und Vladimir Bestschasnov bestattet. Neben dem Grab von Bestschasnov befindet sich das Grabmal von Jekaterina Trubetskaja mit ihren 3 Söhnen – Fürstin und Gattin eines der Begründer und Leiter des geheimen Nordbundes der Dekabristen, Sergej Trubetskoj. Sie war die erste Ehefrau, die auf eigenen Wunsch ihrem zur Zwangsarbeit verurteilten Mann nach Sibirien folgte und dadurch auf Reichtum, Titel sowie alle hauptstädtischen Bequem­lichkeiten verzichtete.

Dekabristenhaus 2In der Nacht des 23. Juli 1826 wurde Sergej Trubetskoj als Mitglied einer ersten Gruppe von Dekabristen aus der Petersburger Peter-und-Paul-Festung abgeholt und deportiert, ihr Ziel waren verschiedene Zwangs­arbeits­lager in Sibirien. Bereits am folgenden Tag machte sich seine junge Frau auf den beschwerlichen Weg nach Irkutsk, vor ihr lagen über fünf­tausend Kilometer, unter damaligen Bedingungen eine unvorstellbare Entfernung. Auf ihrer langen Reise wurde sie in der Taiga von Banditen verfolgt, und auf den bizarren Schollen des zugefrorenen Flusses Jenissej brach ihre Kutsche zusammen, doch nichts konnte sie aufhalten. Als sie endlich in Irkutsk angelangt war, versuchten die dortigen Beamten, ihr alle möglichen Steine in den Weg zu legen und die Weiterreise der tapferen Frau zu verhindern. Fast neun Monate wurde sie unter fadenscheinigen Vorwänden festgehalten. Zuerst zwang man sie, eine Erklärung des Inhalts zu unterschreiben, daß sie freiwillig auf jegliches Standes- und Vermögensrecht verzichte. Sodann teilte man ihr mit, ihr Ehemann sei bereits auf der Ostseite des Baikalsees - tatsächlich war er aber ganz in ihrer Nähe, denn die Dekabristen waren noch gar nicht in Marsch gesetzt, um in verschiedenen Bergwerken und Minen Ostsibiriens die verhängte Zwangsarbeit aufzunehmen. Indem sie sich Tag für Tag dieser demütigenden Behandlung aussetzte, unter der sie außerordentlich litt, erhielt Fürstin Trubetskaja schließ­lich die Erlaubnis, nach Blagodatsk abzureisen, wo die erste Dekabristen­gruppe inzwischen eingekerkert war. Zusammen mit Maria Volkonskaja, der Frau eines ande­ren Dekabristen – ich komme noch auf sie zurück -, die sich ihr unterwegs angeschlossen hatte, mietete sie ein Häuschen mit winzigen Räumen, die so eiskalt waren, daß sich unter dem Atem der beiden Frauen glitzernder Rauhreif an den Wänden bildete, und ihre Haare nachts an den Lagerstätten festfroren. Jekaterina Trubetskaja starb am 14. Oktober 1854 und wurde hier neben ihren drei Kindern beigesetzt.

Gleich nebenan befindet sich das Grab von Grigorij Schelechov. Dieser war Kaufmann, Wissen­schaftler, Entdecker und Seefahrer in einem und lebte von 1748 - 1795. Mit 28 Jahren führte er sein erstes Schiff nach Amerika und errichtete dort einen festen russischen Außenposten in der Drei-Heiligen-Bucht der Kodiak-Insel. Acht Jahre später befuhr er erneut die Meere östlich des asiatischen Kontinents und gründete die ersten russischen Siedlungen an Alaskas Westküste und auf den Aleuten. Mehrere Handelsreisen führten ihn ins – damals spanische – Kalifornien und sogar bis Hawaii. 1788 verlieh ihm – gemeinsam mit dem Kaufmann und Entdecker Golikov - Zarin Katharina II. eine Goldmedaille und ein silbernes Schwert für die Ent­deckung mehrerer Pazifikinseln. Schelechov, den man den russischen Kolumbus nannte, war einer der Initiatoren zur Konstitution der Russisch-Amerikanischen Handelsgesellschaft, deren Gründung er jedoch nicht mehr erlebte. Am 20. Juni 1795 verstarb er in Irkutsk. Erst vier Jahre später unterzeichnete Paul I., der häßliche Nachfolger Katharinas der Großen, einen Ukas, wodurch der Gesellschaft die nötige staatliche Unterstützung zugesichert wurde. Sein Grab auf dem kleinen Friedhof ziert ein Obelisk mit seinem Abbild. 1956 benannten die Sowjets die um ein Aluminiumwerk herum neu gegründete Kleinstadt zehn Kilometer westlich von Irkutsk nach ihm: Schelechov.

Ludmilla erzählt uns das alles auf ihre unvergleichliche augenrollende Art, die in uns das Gefühl erweckt, wir seien einbezogene Mitwisser großer Geheimnisse. Wie vermut­lich auch ihre Schüler hängen wir an ihren Lippen, im Hauptberuf ist sie - eine bestimmt wunderbare - Lehrerin. Unser nächstes Ziel ist das ehemalige Anwesen der Deka­bristen­familie Volkonskij, Fürst und Fürstin, von Letzterer war schon die Rede. Sergejs Bus hält vor einem in hellen und dunklen Grautönen gestrichenem Holzhaus, versehen mit den für Sibirien typischen Schnitzarbeiten und Schmuckelementen. Er läßt uns nur rasch aussteigen, Ludmilla drängt zur Eile, hier ist Parkverbot. Hundert Meter weiter parkt er sein Gefährt auf einem Sandplatz.

HolzhäuserDas oben beschriebene Wohnhaus ist das einzige im Original erhaltene Gebäude, Stallun­gen und Wirtschaftsanbauten wurden neu errichtet beziehungsweise einbezogen, unterstützt durch ein Projekt zur Resozialisierung gestrauchelter Jugendlicher. So wirken die Deka­bris­ten auch lange nach ihrem Tod noch segensreich für die hier ansässigen Menschen. Lassen wir Alexander Herzen das Wort, dem bereits erwähnten russischen Schriftsteller und Publi­zisten, der seinen Vatersnamen Jakovlev gegen den Mädchennamen der Mutter tauschte, gleich­wohl aber bis zum fünfzigsten Lebensjahr unter dem Pseudonym Iskander schrieb:

„Zwischen 1812 und 1825 tauchte eine glänzende Versammlung von brillanten Talenten mit unabhängiger Persönlichkeit und nobler Tapferkeit auf - eine für Rußland neue Kombination. Diese Männer hatten die ganze westliche Kultur in sich aufgenommen, deren Einführung verboten gewesen war. Sie waren ihre letzte Blüte, und wenn auch die Sichel des Schicksals sie niedermähte, so läßt sich doch ihr Einfluß verfolgen; er strömte in das finstere Rußland Nikolais I. wie die Wolga ins Meer ...“

Der im Anschluß des genannten Aufstandes gegen den Zaren zur Deportation nach Sibirien und Zwangsarbeit in den dortigen Silberminen verurteilte Fürst Sergej Volkonskij war retirierter Generalmajor und Veteran des Großen Vaterländischen Krieges gegen Napoleon 1812, bevor er einer der Führer des radikalen Südbundes wurde, der die Ausrufung der Republik anstrebte. Seine Frau, Maria Volkonskaja, folgte ihm wie viele andere der Dekabristenfrauen und –geliebten (wie zum Beispiel zwei Französinnen) in die Ver­ban­nung. Zum Zeitpunkt des unglücklichen Aufstandes, der ihr friedliches Dasein zerstörte, war sie knapp zwanzig Jahre alt. Die schöne, sehr gebildete Tochter eines berühmten Generals und Helden der Napoleonischen Kriege war erst elf Monate mit dem fantastisch reichen Adeligen Volkonskij verheiratet, Sproß einer großen Familie, dessen Mutter Ober­kammerfrau der Kaiserwitwe war. Einer Marias frühester Verehrer war Puschkin gewesen, Rußlands größter Dichter, der ihr sein kurzes Dasein lang nahestand und mehrere Gedichte widmete. Fürst und Fürstin Volkonskij führten ein glanzvolles Leben, teils im Umkreis des Petersburger Hofes, teils auf ihren Besitzungen in der Ukraine und auf der Krim, mit gelegentlichen Reisen in den Süden, wo Fürst Sergej eine Division befehligte. Marias erstes Kind, ein Sohn, wurde an dem Tag geboren, an dem ihr Mann verhaftet wurde. Fürst Sergej wurde in die Peter-und-Paul-Festung in St. Petersburg gebracht, nach einer langen Untersuchung verur­teilt und auf Lebenszeit nach Sibirien verbannt.

Fürstin Volkonskaja blieb achtundzwanzigeinhalb Jahre in Sibirien. Nach und nach verbes­serten sich die Lebensbedingungen für die Verbannten; Paare durften zusammen wohnen, Kinder wurden geboren, Geld von ihren Gütern und Bücher und Zeitschriften, auch aus dem Ausland, erreichten sie. Unter einem wohlwollenden Gouverneur wurden bäuerliche Gemein­schaften gegründet, um die sibirischen Bauern Fruchtwechsel und Boden­verbes­serung zu lehren. Schließlich wurde den Volkonskijs gestattet, sich in Irkutsk nieder­zulassen, der Hauptstadt Ostsibiriens; dort lebten sie mit ihren zwei Kindern, einem Sohn und einer Tochter, die beide im Straflager Tschita in Transbaikalien geboren waren, in einem großen, wohlausgestatteten Holzhaus; endlich durften sie sogar Dienstboten halten.

Und wenn sie nicht gestorben sind ...

Natürlich sind sie gestorben, doch ihr Haus steht noch, gerade besichtigen wir es. Das Museum orientiert sich an der Nutzung der Räume durch seine früheren Bewohner und enthält Möbel, Gebrauchsgegenstände, Bilder als Wand­schmuck und Musikinstrumente, die typisch für jene Periode waren. Wände sind originalge­treu tapeziert, Kristallüster stehen auf mit weißem Leinen eingedeckten Tischen, Zünd­höl­zer liegen bereit, um das Leuchten ihrer selbstgezogenen Kerzen zu entfachen. Alle Räume weisen unterschiedliche Farben auf, ganz nach damaliger Mode. Im Grünen Salon lehnt Puschkin an einer Säule, mitsamt dieser aus Bronze geformt und neben dem schneeweißen Kachelofen aufgestellt. Wir wissen ja nun um die geheime Beziehung der hier das Regiment führenden Fürstin zu Rußlands größtem Poeten. Musikinstrumente zeugen von Kultur und Einsatz der Bewohner dieses Hauses für die schönen Künste, sogar ein Klavichord ist ausgestellt, die Schwägerin der Fürstin hatte es ihr bei deren Abreise noch auf den Schlitten binden lassen, und nun steht es hier. Aus allen Gegenständen spricht die sorgende und ordnende Hand der Hausfrau, sofort möchte man einziehen – aber die Wohnung ist nicht vakant, wird nicht frei, darf auch nur von zahlenden Besuchern und nicht etwa den zurecht zu biegenden Bewohnern der umliegenden Anbauten begangen werden – die wischen hier allenfalls Staub, der sich zur Genüge auf all den Zeugen schöner Erinnerungen niederläßt. Insgesamt ist der Ort eine vielversprechende Symbiose aus Sorge um zu Erhaltendes und deren Kombination mit rauher Gegenwart.

Am ZentralmarktSo wie wir das Gebäude verlassen, nacheinander tröpfelnd, steigen wir nach hundert Metern auf dem Sandplatz in Sergejs geparkten Bus. Im Spiegel blinken uns seine Goldzähne entgegen. Als alle beisammen sind, läßt er orgelnd den Motor an und fährt zum Tsentralnij Rynok, dem Zentralmarkt, von wo er, nachdem er uns rausgelassen hat, wieder zu irgend­einer, nur ihm bekannten, geheimen Parkgelegenheit entschwindet.

Der Zentralmarkt ist ein hohes, walzenförmiges Gebäude, in dem Hunderte einzelner Verkaufsstände untergebracht sind, sozusagen eine moderne Form des russisch alther­ge­brach­ten Gostinij Dvor, eines Gasthofs für durchreisende Händler, die dort Verkaufsstände mieteten, den es in mehreren großen Städten Rußlands gab. Dem Warenangebot ist die Nähe Chinas anzumerken, viel billiger Ramsch wird angeboten. Draußen vor dem Markt sind Buden und weitere Stände aufgebaut, wo Essen und Getränke zu haben sind. Babusch­kas sitzen in langer Reihe und bieten Blumen, Gurken und Tomaten aus dem heimischen Gärtchen an. Kern- und Steinobst ist selten und teuer, weil die tiefwurzelnden Bäume im Perma­frost­gebiet nicht gedeihen, alles muß importiert werden. Allenfalls werden Strauch­früchte und Beeren angeboten.

Auf der Ul. Timirjaseva, an welcher der Markt liegt, herrscht buntes Treiben. Die uralte Straßenbahn der Linie 1 zur Bolzhskaja zockelt mit aufgeblendeten Lichtern von Haltestelle zu Haltestelle. Ihr schrundiger Aufbau ist zig-fach mit groben Pinselstrichen übermalt, an der Frontscheibe über der Fahrerin hängt ein schmales Tüllgardinchen, das ist bei allen Bahnen so und nicht etwa nur eine Marotte der Fahrzeugführerin. Vermutlich dienen die Lappen als Blendschutz und ersetzen das Sonnenrollo. Händler schieben hochbeladene Hand­karren durch die Menge, auf Kartons und Schachteln Beschriftungen in chinesischen Schriftzeichen. Nach einer guten halben Stunde fährt Sergej vor und sammelt uns wieder ein. Auf dem Rückweg zum Hotel fährt er noch an einigen markanten Gebäuden vorüber, so dem bunten, türmchenbewehrten Pionierpalast am Platz der Arbeit, früher das Haupt­büro der sibirischen Goldfirma Lenzoloto, oder dem Dramentheater mit seinen markanten, grünen Dach­kuppeln sowie dem Weißen Haus, ehemals Gouverneurspalast, heute Biblio­thek der staatli­chen Universität, beide am Ende der mit roten Steinhäusern aus den Gründer­jahren gesäumten Karl-Marx-Straße. Am Lenin-Denkmal biegt er noch in die Ul. Lenina ein, was er sich – was mich betrifft – getrost hätte sparen können, denn aus Moskaus Skulpturen­park sind mir sämtliche Ausführungen Lenins geläufig - einschließlich einer burjatischen mit mongo­lischem Gesichtsschnitt.

Ein langer Tag. Gegen sieben Uhr findet sich unsere Reisegesellschaft nach und nach im Souterrain des Hotels ein, wo sich dessen Restaurant befindet. Mir und meiner weitaus zweitbesten Ehefrau sitzen ein bekennender Diabetiker und ein nicht bekennenden Theologe aus der ähemolschn DäDäÄr gegenüber. Als der deutsch sprechende Ober kommt, bestellt der Diabetiker als Getränk Wasser, der Theologe ein Bier und wir Wein – bjelie i suchoije, weiß und trocken. Bis auf den süßen Nachtisch stopft der Zuckerkranke alles, was kommt, in seinen mageren Körper. Der Theologe nimmt zweimal süßen Nachtisch zu sich, seinen und den des Diabetikers. Dann sagt er, die Russen seien damals in der DDR zwar Freunde genannt worden, es aber nicht gewesen. Die Rede geht hin und her. Alles, was uns zur Reise bewogen hat, lehnt er ab. Warum – frage ich ihn schließlich einigermaßen ratlos – sind Sie dann überhaupt auf dieser Reise mitgefahren?

Och, meint er und streift sich einen Kuchenkrümel vom Kinn: Die Bibel sagt, liebet eure Feinde. Das ist alles, mehr kommt dazu von ihm nicht. Und als sich eine junge, schlanke Dame an den Flügel in der Ecke setzt und mit erstaunlicher Stimme gefühlvolle Lieder in das Mikrofon haucht, brummt er nur verächtlich: Russendisko! Kurz darauf erhebt er sich ohne Gruß, geht, und ich denke bei mir: das ist kein Hochwürden – eher ein Merkwürden.

Freitag 5. Sep. 2003 

Endlich ist es soweit: eben wie ein Spiegel breitet sich vor uns der Baikal, das Meer, dessen gegenseitiges Ufer man nicht einmal als Dunststreifen am Horizont ahnt. Ich sitze auf einer weißen Bank, über den Felsen rechts der grobsandigen Bucht segeln streitende Möwen. Die zwei Schiffchen, mit denen wir in anderthalbstündiger Fahrt gekommen sind, liegen beidseits des Steges vertäut, wie weiß-blaue Zwillinge: Svjatoi Luka (Heiliger Lukas) und Severjanin (Nordmann), Schwesterschiffe.

SibirjakVerstreut in der Bucht einzelne Hütten und Häuschen, alle aus hartem Lärchenholz. Wir bewohnen die Nummer 11, insgesamt mögen sich wohl zwanzig Unterkünfte um das Haupthaus scharen, wo die Mahlzeiten eingenommen werden. Die Busfahrt von Irkutsk zum Schiffsanleger war abenteuerlich. Dreißig Kilometer hinter Irkutsk hörte die asphaltierte Straße auf und ging in eine Matsch- und Schotterpiste über. Bei besonders tiefen Schlaglöchern, wenn es die Bewohner der hintersten Bank halbmeterhoch in die Luft schleuderte, entblößte Sergej im Badezimmerrückspiegel mit satanischem Grinsen die goldenen Beißer, daß es nur so funkelte. Sergej fährt gerne durch besonders tiefe Schlaglöcher. Obwohl das keine Kunst ist, denn die Straße, oder das, was sich so nennt, besteht aus nichts anderem. Alle paar Kilometer begeg­nen uns abenteuerliche Gefährte, Motorräder mit selbstgebautem Beiwagen, selbst­verständlich aus haltbarer sibirischer Lärche gezimmert. Das ist ein Holz, das auch in steter Nässe nicht fault. Abenteuerlich wehen den Fahrern die Seitenklappen ihrer Schapkas (Fellmützen) um die Ohren. Im Straßengraben blühen Trollblumen, Edelweiß und ab und zu ein bis aufs Skelett abgenagtes Autowrack. Alles wird irgendwie noch verwertet, auch wenn es vor Zeiten mitsamt Insassen an einer sibirischen Zeder zerschellt ist. Gebeugte Birken­stämmchen wechseln mit von hochsommerlichen Waldbränden verkohlten Lärchen- und Kiefernstangen. Flache Tümpel spiegeln schwarz den Himmel, und immer wieder kreuzt der smaragdgrüne Flußlauf der Goloustnaja unter Brücken die Straße. Die Brücken sind als einzige kurze Abschnitte glatt und eben asphaltiert, doch das Aufatmen auf der Rückbank endet im jähen Absturz in das nächste Schotterloch dahinter, was nur als doppelt so tief empfunden wird.

Resort Baikalskije DjunyDie sandige Bucht, in der wir die folgenden Tage verbringen werden, hat ihren Namen - Akademitschestka - von den Studenten, die hier in Biologie, Limnologie und Umweltschutz praktisch tätig waren und diese Siedlung kleiner Holzhäuser errichteten. Es sind einfache Unterkünfte, gerade soweit den Erfordernissen entsprechend ausgestattet, daß sie den Russen ein wenig Luxus vorgaukeln und die satten Westler wieder mal auf den Teppich zurückholen. Dafür liegt das Ganze gebettet in eine großartige Naturkulisse: links, wenn man so sagen darf, das unendliche Smaragdgrün des Baikal, rechts die schroffen Spitzen des Primorski-Gebirges, welchem unter anderen auch die Quelle der gewaltigen Lena entspringt.

Nachdem wir unsere Unterkünfte bezogen haben, brechen wir zu einer ersten Wanderung entlang der Bucht auf. Es geht durch Kiefer- und Lärchenwald, immer wieder ergeben sich überraschende Ausblicke auf den Baikal. Auf halbem Weg beginnt es zu regnen, als hätte jemand den Hahn aufgedreht. Nur wenige haben Schirme oder Regenjacken dabei, und so ist beinahe jeder bis auf die Haut durchnäßt. Trotzdem denkt bis auf einen jungen Mann keiner an Abbruch. Der junge Mann heißt Stephan und lebt in gekündigter Stellung als Journalist. Worüber will er schreiben, wenn ihn schon ein simpler Regenschauer zurück ins Gehäuse treibt?

Das Abend- dehnen wir heute zum Nachtessen aus. Zu diesem Zweck erwerben wir ein Fläschchen Wodka, das die ihm zugedachte Aufgabe voll (nein, eigentlich eher leer) erfüllt: uns vor Husten, Heiserkeit und grippalem Infekt zu schützen. Diese Nacht verbringen wir im Tiefschlaf, von nichts und niemandem gestört. Nur die Wellen des Baikal murmeln leise und erzählen Geschichten, wenn sie auf die blanken Kiesel am Strand der Akademitscheska treffen.

Unsere BeschützerTag und Nacht Bewachung der Rechtordnung und Elektrobeleuchtung auf dem Territorium der Touristenstation“ verspricht etwas holperig die Internetseite von Baikalskije Djuny, wie das Camp offiziell firmiert. Stimmt, und wir sollten über allem Idyll aus Landschaft und Natur nicht vergessen, daß wir uns im tiefsten Sibirien befinden, wo jeder zweite Mann ein Schieß­eisen besitzt. Und arm ist. Also sorgen – auch auf Wanderungen – gefährlich bewaffnete Männer im Tarnzwirn für unsere Sicherheit. Allzuleicht vergißt man über der wundervollen Landschaft nämlich, wo man sich befindet: unter Bären, Wölfen - und Ausgehungerten. Ausgehungert nach Regelmäßigkeit und vormaliger staatlicher Fürsorge, die jedoch lange schon eingestellt ist.

Baikal 1Samstag 6. Sep. 2003

Diese himmlische Ruhe!

Natürlich verschlafen wir, und so schlingen wir unser Frühstück hinunter und spülen mit Kaffee rasch hinterher. Zwanzig Minuten später geht es schon den Berg hinter der Strand­siedlung hinauf, Veronika vorneweg und Ludmilla als Letzte. Veronika ist Sport­lehrerin, selber auf Urlaub hier, und verdient sich als Bergführerin ein kleines Zubrot. Anfangs steigt der Weg nur sachte an, wird aber rasch steiler. Es geht durch Kiefernwald, der Boden bewachsen mit niedrigem Beerengehölz. Der Weg ist ausgewaschen und mit abgewittertem Felsschotter bedeckt, zu Tausenden liegen Kieferzapfen herum und machen ihn gefährlich rutschig. Veronika erzählt, man solle sich vor Luchsen in Acht nehmen, Ludmilla übersetzt: Sie lauerten auf Bäumen und sprängen von dort bevorzugt Urlaubern in den Nacken und bissen sich darin fest, man solle also immer ein Auge über sich in den Ästen haben. Sofort reißt alles den Kopf in den Nacken und schaut hoch – bis Veronika laut herausprustet. Aber Luchse, beteuert sie anschließend, gäbe es hier wirklich, sie seien gar nicht selten und auch nicht ganz ungefährlich.

Baikal 2Da die Mehrzahl unserer Reisegruppe in gesetztem Alter ist, muß immer wieder eine kurze Rast eingelegt werden. Dennoch geht es recht zügig den Berg hinauf. Nach gut einer Stunde sind wir oben und haben nur noch etwa zwanzig Meter bis zu einer steilen Felsnadel vor uns. Dort oben finden jeweils nur zwei oder drei Personen zur gleichen Zeit Platz, und so wird es ein längerer Aufenthalt. Der Blick, der sich von dort allerdings bietet, lohnt allemal diese letzte Kraftanstrengung.

Der Felsen Obosrenija (Rundblick), auf dem wir rasten und andächtig das Wunder der Weite zu unseren Füßen in uns aufnehmen, soll magische Kräfte besitzen. Es gibt Vertiefungen in ihm, worin sich Regen­wasser gefangen hat und rostende Münzen benetzt, die abergläubische Besucher dort hinterlassen haben. Abergläubisch? Veronika sagt, der Felsen, auf dem wir hocken, besitze magnetische Kräfte. Man müsse nur an eine bevorstehende Aufgabe ganz intensiv denken, dann fülle sich das entsprechende Reservoir wieder mit Kraft, und alles, was man sich vorgenommen hätte, gelinge einem. Ich bin skeptisch, denke an den nicht minder steilen Abstieg über rutschige Kiefernzapfen – doch alles geht glatt, nicht ein Ausrutscher, kein Knöchelbruch oder gar Schlimmeres. Scheint was dran zu sein, an der magnetischen Kraft. - oder etwa nicht? Zumin­dest schadet es nichts, daran zu glauben.

Baikal 3Unser Zuckerkranker, der zum Frühstück nicht mal Milch im Kaffee haben durfte, war hinunter nicht zu halten und stets ganz vorn bei Veronika. Ich glaube, nur Diabetiker leben richtig gesund. Wir Anderen trotteten müde und verschwitzt in einigem Abstand hinterher. Ganz zum Schluß gingen, einander sich Geschichten erzählend, die beiden Wächter unseres Camps, die aber von der Pistole am Gürtel keinen Gebrauch machen mußten: niemand blieb mit gebrochenem Bein zurück und mußte durch einen Gnadenschuß von seinem Leid erlöst werden – die Kraft des magnetischen Felsens. Doch auch unser Theologe, der nicht auf dem kräftigenden Fels – Russendisko! – verweilt hatte, kam heil herunter. Irgendwas an dem Schamanenglauben kann nicht ganz richtig sein. Mag aber auch daran liegen, daß unser west-östlicher Pope seinen eigenen Draht zu irgend jemand da oben spinnt. Auf jeden Fall, niemand – außer dem da oben – hat ihn so recht lieb, denn er geht stets allein.

Zum Mittagessen gibt es gebratenen Omul, den Hausfisch des Baikalsees, so wie es einst der Hering für die Nordsee war, bevor man sie fast leer fischte. Omul besitzt ein rötliches, festes, sehr schmackhaftes Fleisch und erinnert in Größe und Grätenaufbau an die Makrele. Jedoch nicht im Geschmack. Nach einer kurzen Verdauungspause legt der Severjanin mit denen ab, die noch Lust zum Wandern haben, der herrliche sibirische Spätsommertag lädt so recht dazu ein. Etwa zwei Drittel unserer Gruppe lassen sich vom „Nordmann“ tuckernd zur Bucht Suchaja schippern, die faßt das Schiff allemal, wir haben ja kein Gepäck dabei. Der „Heilige Lukas“ darf heute Pause machen.

Unser Boot fährt nahe am Ufer. Wir kommen an drei, vier Häusern vorüber, eins davon Wetterstation, die ganzjährig Wetterdaten sammeln und an den zentralen meteorologischen Dienst funken - wenn gerade Treibstoff für den Generator da ist. Mehrere Anbauten umgeben das kleine Holzhaus mit Klappläden und Schnitzereien um die Fenster, darunter ein wackeliger Hühnerstall, eine Banja (Sauna) und – als Wichtigstes – ein Verschlag, in dem das dieselgetriebene Strom­aggregat untergebracht ist. Das Dach des Hauptbaues ist mit Wellblech gedeckt. Auf einer Leine hängt Wäsche, also ist eine Frau im Haus. Ich wüßte jedenfalls nichts, das einen Mann in dieser Wildnis bewegen könnte, seine Hose zu waschen und zum Trocknen aufzuhängen.

Nach dem Sommeridyll kommt lange Zeit wieder nichts als Felsen, schmale Kiesstrände und endloser Nadelwald, in dessen monotones Blaugrün Waldbrände rostbraune Wunden gefressen haben. Die Kette des Primorskij-Bergrückens im Hintergrund steigt auf Höhen von knapp 1200 Metern. Das gegenseitige Ufer verbirgt sich im Dunst. Dort müßte das einem zerfaserten Tauende ähnelnde Mündungsdelta der Selenga liegen, dahinter der Höhenzug des Hamar-Daban, wo einzelne Gipfel bis zu 1750 Metern aufragen. Weiter nach Norden hin in den ganzjährig mit Schnee bedeckten Bargusin-Alpen sind es sogar bis zu 2800 Meter.

Sacht knirschend gräbt sich der Kiel des Schiffes in den Kies der Bucht, die einfachste Möglichkeit der Landung. Hier, in der bogenförmigen Suchaja gibt es keinen Steg, an dem der „Nordmann“ vertäuen könnte. An einem dünnen Drahtseil wird eine Bohle ausge­schwenkt und zum Strand niedergekurbelt. Ihre Neigung beträgt etwa fünfundvierzig Grad, die Hühner­leiter reicht gerade eben vom Deck aufs Trockene. Hier beginnt das Abenteuer. Wie eine große Lupe vergrößert das klare Wasser die in ihm ruhenden Kiesel und malt zitternde Licht­reflexe darauf. Ich schwöre mir, daß ich in dieses Wasser noch eintauchen und darin baden werde. Aber noch nicht hier. Jetzt stippe nur kurz die Hand hinein – uuh! Das hat ja höchstens zehn bis zwölf Grad!

Im Anschluß der Bucht erstreckt sich unter Birken und Lärchen eine saftige Wiese, auf welcher unbeeindruckt von uns einige Rinder weiden, Jungbullen, die niemand melken muß. Vermutlich bleiben sie bis zum Winterbeginn draußen, um dann geschlachtet zu werden. Der ganze See und seine Uferzonen in einer Tiefe zwischen fünf und acht Kilometern sind Schutzgebiet und stehen unter dem Protektorat der UNESCO. Ein Stückchen von unserem Schiff entfernt haben Naturschützer im Schatten einer Birke das „Denkmal des unbekannten Touristen“ errichtet – ein Block aus einzemen­tierten Flaschen und Getränkedosen, Kronenkorken, Keksbüchsen und als Krönung sogar ein grüner Gummistiefel, Frauengröße, fachmännisch durch Monier­eisen bewehrt und mit Beton ausgegossen. Haltbar gemachte Gedankenlosigkeit.

Nach kurzem Landgang zitiert uns ein blökender Hupton zurück aufs Schiff, wo man, nachdem alles an Bord ist, den Steg an Deck kurbelt und uns in die Sennaja-Bucht bringt. Am unteren Saum der weitläufig sich den Hang hinaufziehenden Matte einer Bergalm hat hier der Forstinspektor des Gebietes seine Behausung. Es gibt auch einen Steg zum Anlegen, denn öfter mal muß schweres Gerät verladen werden. Von hier aus werden wir zurück wandern, etwa sieben Kilometer, geführt von Veronika. Auch die beiden Wachen sind wieder dabei. Und eine säggs’sche Familsche mit Vaadr, Muddr un zwee Döchdrn, nu, von denen niemand weiß, woher sie kommen, Sachsen finden sich überall, sie sind ein reiselustiges Völkchen – was soll’s, wir assimilieren sie. Zuerst ein langer, steiler Anstieg, bis wir von Seeniveau auf Höhe eines schmalen Kletterpfades oberhalb des Klippenrandes gestiegen sind. Von nun an geht es mehr oder weniger auf fast gleicher Höhe über Felsen und durch dichten Wald, der Weg nur ein getrampelter Pfad, links, zum Wasser hin,  immer wieder von jähen Abgründen bedroht. Kein Seil an diesen Stellen, nichts, an dem ein fallender Körper sich halten könnte – nur keinen Fehltritt jetzt! Bewundern muß ich die weißhaarige Charlotte und ihre Freundin, die diese Tour mitmachen, ein wenig abgeschlagen zwar in der Nachhut Ludmillas, aber immerhin. Charlotte muß hoch in den Sechzigern sein. Doch die nicht kleine Gefahr, in die sich unsere Gruppe begibt, wird belohnt durch unvergeßliche Ausblicke auf die gleißende Fläche des wie ein großer Zauberspiegel im Sonnenglast glitzernden Binnen­meeres. Von hier oben, wenn sich wieder ein weiter Rundblick auf Felsen, Kiefern und Meer öffnet, ahnt man, warum die Übersetzung Sibiriens „das schlafende Land“ lautet.

Abend am Baikalskije DjuniIrgendwann schauen wir auf die Dächer der Häuser und Hütten unseres Camps, der Sachse streckt ungeniert seinen dicken Bauch in die Gegend und sagt andächtig in die Stille hinein: „Schee hammr’s hier!“ Da mag ihm niemand widersprechen. Charlotte geht Rhodo­den­dron ausgraben, der blüht lila und wächst hier wild - vielleicht weint sie abseits ein biß­chen vor Seligkeit.

Zurück kommen wir wieder an der Wetterstation vorbei. Hier stehen die Kiefern auf den Stelzen ihrer Wurzeln, die der ewige Wind an diesem Ort im Laufe der Zeit aus dem Sand gegraben hat. Es sieht aus, als liefen die Bäume den Berg hinan. Zwei magere Hunde schleichen vertrauensselig auf uns zu, es sind schwarze Sibiriaken, hier hat es niemand eilig, langsam färbt das auch auf uns ab. Ich tätschele einem der Köter den Hals und nenne ihn Sabaka, Hund, und das scheint er zu mögen, denn sein Hinterteil drückt sich eng an mein Schien­bein und die räudige Rute beginnt heftig zu wedeln und dagegen zu klatschen. Wann hat so ein Tier hier schon mal Gesellschaft. Am Ende der Bucht wacht der Große Glocken­felsen, dazwischen funkelt und spreizt sich die weite Wasserfläche - man kann es kaum beschreiben.

Ja – und dann wollte ich ja noch ins Wasser. Besser gleich, nachdem wir im Camp angelangt und noch verschwitzt sind. Da erschlägt man zwei Fliegen mit einer – aber wem erzähle ich das. Meine Zweitbeste sitzt in einen der Strandstühle gegossen, den Blick in uner­findliche Fernen gerichtet, und kühlt ihre brennenden Fußsohlen im Sand der Bucht. Hier, sage ich und reiche ihr meine Kamera, alles eingestellt, sie braucht nur noch abzudrücken. Dann stürme ich ins Wasser.

Es ist kalt, sehr kalt - ey, wirklich cool, Mann, und für einen Augenblick, in dem mir einfällt, daß der See in nur zweihundert Metern Entfernung vom Ufer bereits drei- bis vierhundert Meter tief ist, überlege ich, ob ich nicht einen Herzschlag kriegen soll. Einfach so. Doch dann beginnt die Kälte im Körper zu prickeln, und in mir erwachen der Überlebenswille und die primitive Lust, einfach unterzutauchen, einen großen Schluck des herrlich weichen Wassers einzusaugen, wieder aufzutauchen und es einer kleinen Fontäne gleich mit hoch in den Nacken geworfenem Kopf auszuprusten und dabei triumphierend in die Linse des Apparats zu blicken. Auf dessen Auslöser meine Zweitbeste jetzt hoffentlich drückt. Dann muß ich an Land - in so einem arschkaltem Gewässer war ich noch nie!

Hast Du’s? frage ich bibbernd meine Zweitbeste, die mit der Kamera am Auge verharrend steht, als habe sie eben, die Linse auf mich im ewigen Eis gerichtet, abgedrückt. Langsam nimmt sie den Apparat vom Auge. Deutet auf das kleine Fenster, in dem dessen Bereitschaft angezeigt wird, großartige, unwiederholbare Fotos aufzunehmen – da ist nichts. Alles dunkel. Ich hab einfach zu lange getaucht. Als ich wieder hochkam, hat sich der Apparat wohl ausgeschaltet, Powersave nennt man sowas. Sch ... on gut. Also noch einmal. Beim zweiten Mal klappt alles, danach hab ich den Beweis, daß ich drin war. Samt Erkältung, an der ich heute noch herum­labo­riere.

Abend in der BuchtWas blieb damals anderes, als rasch viel Vorbeugung zu betreiben! Vorher sind mir einige recht hübsche Bilder gelungen, die das allmähliche Versinken des Abends in rosaroter Däm­me­rung und anschließend purpurner Nacht protokollieren. Sowie auch einige, die ähnliches von einem kleinen Grüppchen unserer Reisegesellschaft bezeugen, das im Verlauf des Abends ständig an Umfang gewann. Zum Schluß knubbelte sich der harte Kern, wie man so sagt, an unserem Tisch. Irgendwann legte ich auch einen Draht zum Nebentisch, besetzt mit Russen, von wo als Echo ein geräucherter Omul in Zeitungspapier nebst einer Flasche Bier kamen. Beides wurde mit Dank gewürdigt, in Hinblick auf andauernde Völkerfreundschaft. Auch die Mädchen an der Bar spielten mit – ein rundum schöner, harmonischer, letzter Abend wurde es, der nicht in Traurigkeit versank. Höchstens in meinem Niesen. Wie ich ins Bett kam weiß der Kuckuck. Antikörper jedenfalls hatte ich genug in mir. Wenn man die Anzahl genossener Wodka als solche bezeichnen will.

Sonntag 7. Sep. 2003

Das felsige Antlitz des Großen Glockenturms am Ende der Bucht ist düster, fast schwarz. Wolken ver­hän­gen seine Spitze, die See ist kabbelig. Wer weiß, wie es draußen ist. Heute geht es per Schiff zurück nach Listvjanka. Als alles Gepäck an Bord ist, und das Schiff ablegt, bricht Regen los. Böen peitschen über das Deck, wo die Koffer stehen, so daß die Mannschaft aus Kapitän, Steuermann und Smutje sie fluchend unter Deck schafft. Smutje sind zwei Frauen, anschließend bereiten sie in der Küche das Mittagsmahl vor.

Die Passagiere verkriechen sich in Anoraks oder andere Futterale, auf dem See herrscht ungemüt­liches Wetter. Burchan, der Gott des Baikal, grollt. Er läßt die Wogen hoch und die Mägen tief gehen, beides paßt nicht zusammen. Hochwürden ist der Erste, der mit verkniffe­nem Mund hinausstürzt, um an der Reling mit dem Wind zu kotzen. So clever ist er noch. Doch schon hat er in der Runde um den Tisch unter Deck seinen Namen weg: Kotzbrocken - endlich ist es heraus. So ist das, wenn man sich keine Freunde macht. Noch einmal, zur Erinnerung: niemand hat ihn lieb.

Rauhe See - Burchan zeigt KrallenVon nun an pendelt Kotzbrocken zwischen drinnen und draußen. Kaum ist er drinnen, muß er auch schon wieder raus. Und was in ihm drinnen ist, auch. Er behält noch nicht mal die Zitronenscheibe, die ihm barmherzig eine der beiden Köchinnen reicht, genügend lange im Mund, um sie als sauer zu empfinden. Mit einem Satz: Gott orgelt ihn leer, einen Knecht, der es kaum besser verdient. Jetzt könnte man sogar Mitleid mit ihm empfinden – aber niemand ist dazu bereit. Nicht mit solch einem Kotzbrocken.

Mittagessen findet mangels Platz und Stühlen in zwei Sitzungen statt, für manche gar nicht. Die treiben sich irgendwo draußen an Deck herum und machen ihre Sache mit Burchan aus. Es gibt Borschtsch-Suppe, gebratenen Omul mit Reis und als Salat Tomaten und Gurken - agurets. Allerdings ohne sto gramm vodku, zu trinken gibt es Baikal-Wasser in Flaschen oder Tee. Eben, was die Region zu bieten hat. Zum Nachtisch noch eine für Sibirien teure Leckerei: eine Apfelscheibe, belegt mit einer Scheibe Orange - niemand kann sich so recht daran erfreuen. Die Melonenschnitzel allerdings sind rasch weg.

Die Fahrt nach Listvjanka dauert sieben Stunden, eine gute Gelegenheit, etwas über den Baikal zu erzählen. Nach der Rückkehr wurde ich verschiedentlich gefragt, ob der See nicht langsam austrockne, und das müsse ja eine hübsche Brühe sein – Moment mal, sagte ich dann, welcher immer schneller verlandet, ist der Aral-See, zwischen Kasachstan und Usbeki­stan. Nein, der Baikal ist das größte Trinkwasserreservoir der Erde, er speichert ein Fünftel ihrer Süßwasserreserven. Wenn man ihm heute seine mehr als dreihun­dert Zuflüsse sperren würde und ihm nur seinen einzigen Abfluß, die Angara, beließe, so würde es vierhundert Jahre dauern, bis er leer wäre. Unvorstellbar? Er ist 636 km lang und bis zu 80 km breit, seine größte Tiefe, nahe der Insel Olchon, beträgt 1637 m - da paßt einiges hinein.

Sein Spiegel liegt bereits 455 Meter über Meeresnull, weshalb die umliegenden Gebirge dem Auge nicht besonders hoch wirken, obwohl ihre Höhen in Metern ü.NN. (über Normal­null, also Meereshöhe) auf Karten angegeben beachtlich erscheinen. Seit 1996 gehören der Baikal und ein mehrere Kilometer breiter Randstreifen der 2000 km langen Ufer­zone zum Weltnaturerbe. Allerdings fließt wenig Kapital, es auch zu wahren und sichern. Dieser See, dessen Fläche etwa die Größe Belgiens besitzt, ist Heimat einer überwiegend endemischen, also nur dort anzutreffenden Tier- und Pflanzenwelt. Hervorzuheben sind der Nerpa, einzige Süßwasserrobbe der Welt, die Golomjanka, ein Fisch, der in sehr großer Tiefe lebt, zu zwei Dritteln aus Fett besteht und lebende Junge gebiert sowie ein Flohkrebs, der bis zu sieben Zentimeter groß wird. Auch den Omul, einen Lachsfisch, gibt es nur hier.

Größter Feind des Sees dürfte das Zellulosekombinat in Baikalsk an seinem Südufer sein. Wissenschaftler haben die Beobachtung vieler Fischer bestätigt, daß die Fische nicht mehr so groß werden wie früher und wesentlich länger zum Aufwachsen benötigen. Das durch­schnitt­liche Fanggewicht des Omul hat sich sogar halbiert. Nachweislich erhöht hat der Gift­ausstoß des Werkes auch die Sterblichkeit der Epischura, jener Flohkrebse, die durch ihre Freßgewohnheiten ein natür­liches Filtersystem des Sees bilden. Green­peace und örtliche Um­welt­schützer sind jedoch sehr engagiert und besitzen mittlerweile in Moskau nicht mehr zu überhörende Stimmen. Die Hoffnung ist groß, daß dieses Werk über kurz oder lang stillgelegt wird. Noch fehlt es allerdings an Geld und Ideen, die hierbei freiwerdenden Arbeitskräfte weiter zu beschäftigen, momentan arbeitet fast jeder sechste der 17.000 Einwohner von Baikalsk im Zellulosekombinat. Und auch sonst hängt die Stadt am Werk: es liefert die Wärme, stellt Wohnungen, Schulen, Kran­ken­häuser. Selbst Wasserversorgung und Klärung der Abwässer erfolgen durch das Werk. Man kann also nicht einfach den Schlüssel umdrehen und es schließen. Zuvor sind Leute mit Ideen gefragt. Doch wo gälte das nicht. So gesehen ist der Baikal nur winziges Steinchen im vielfältigen Mosaik der Welt -

Ein röhrendes Geräusch reißt mich aus meiner Betrachtung – ach ja, Kotzbrocken. Eben stürzt er wieder mal hinaus. Auf dem großen Tisch in der Schiffsmesse benutzte Teetassen und durchweichte Papierservietten. Die Essensreste sind fortgeräumt. Über Deck, ziemlich an höchster Stelle des Schiffes, baumeln an den Schwänzen aufgehangene gesalzene Omuls von einer verdrillten Drahtleine zum Trocknen an der Luft. Möwen haben ihnen Augen oder Köpfe abgefressen. Wir sind kurz vor Listvjanka, hier findet eine Segelregatta statt, die Sonne ist hervorgekrochen, doch unver­min­dert bläst der Sturm, bläht die Focks der teil­nehmenden Segler und drückt unser Schiff im Hafen an die Pier. Mit halber Kraft zurück muß der Kapitän dagegenhalten. Hundert Meter weiter wartet Sergej in seinem Bus auf uns. Wieder schleppe ich zwei Koffer, mein Kreuz meldet sich. Unsere Gesellschaft wirkt elend und steif, als sie dem schwankenden Boot ent­steigt, froh, nach siebenstündiger Schiffs­bewegung wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. K., der aufgrund allgemeiner Schwäche nicht in der Lage scheint, seinen Koffer zum Bus zu tragen, wird unerwartete Hilfe zuteil: der Diabetiker nimmt sich seines Gepäcks an, nachdem er die eigene Reisetasche im Bus verstaut hat. So helfen sich also der Blinde und der Lahme.

Auch im Bus sitzen uns noch eine Weile Schiffskälte und Sturm im Nacken und lassen die Härchen auf den Unterarmen der Männer senkrecht stehen. Was bei den Frauen steht, weiß ich nicht. Sergej steuert die Nikolauskirche im Tal der Krestovka, einem harmlosen Bächlein, an. Der Legende nach veranlaßte der ange­sehene Irkutsker Kaufmann Ksenofont Serebrjakov 1848 den Bau der Kirche am Ufer des Baikalsees als Zeichen des Dankes, nachdem er – auf ihm in Seenot geraten – im Gebet zum Schutzpatron der Seefahrer, Nikolaj, erhört und gerettet worden war. Serebrjakov starb, bevor die Kirche eingerichtet war, seine Frau beendete ihren Aufbau. In den 50er Jahren des 20. Jh. wurde sie restauriert, viele Ikonen bekam die Gemeinde aus verschiedenen Gottes­häusern von Irkutsk geschenkt, manche von ihnen entstammen dem 19. Jh. Ich halte mich nicht allzu lange in dem Holzbau auf, sehe mich statt dessen um.

Auf der Brücke über die trockene Krestovka, vor der Kirche, haben sich die üblichen Gewerbe­treibenden nieder­gelassen: ein Kind mit sechs Fingern an jeder Hand sowie ein Alter, dem neben Fingern auch Hände und ein Fuß fehlen – es ist ungerecht verteilt auf der Welt. Der Ort besitzt einige hübsche Häuser, ich mache Fotos. An der langen Straße nach Irkutsk liegt das Limnologische Museum mit den Büros der Forschungs­station im zweiten Stock. 1961 wurde sie in ein Institut umgewandelt und der Russischen Akademie der Wissenschaften angegliedert. Im Erdgeschoß erklärt Ludmilla Flora und Fauna des Baikal. Das Museum verfügt über ausgestopfte Vogel- und Pelztierbälge, sowie über präparierte Fische. Auch ein Modell der Eisbrecherfähre „Baikal“ ist zu sehen, mit einem Zug darin, ein gewaltiges Monster. Den Besuch beschließt eine Vorführung des Videofilmes „Der Brunnen des Planeten“ mit Szenen aus den tiefsten Tiefen des Sees, so sieht man zum Beispiel die Flohkrebse bei der Arbeit. Die Bilder wurden mit Hilfe des Tauchapparates „Piscec“ aufgenommen.

Als wir die Tür nach draußen öffnen, liegt die Wasserfläche – nun wieder in unschuldig seliger Bläue - glatt bis zum weiten Horizont vor uns. Man kann ihm nicht trauen, dem windigen Burschen Burchan. Meine Zweitbeste ersteht an einem Souvenirstand vor dem Museum einen geheimnisvoll bläulich-violetten Stein mit weißem Gewölk darin: es ist Charoite, ein Halbedelstein, den man zuerst 1978 im Murun-Gebirge Jakutiens entdeckte. Bisher blieb dies sein einziger Fundort, benannt ist er nach dem in der Nähe liegenden Fluß Charo. Natürlich soll er Glück bringen, doch das soll ja jeder Edelstein.

Omul räuchernEin paar Kilometer weiter ragt in der Mündung der Angara schwarz ein Stein aus dem Wasser, man sieht ihn kaum. Es ist der sogenannte Schamanenstein (schaman kamen), ein willkommener Landeplatz für Wasservögel. Die Legende erzählt, daß der Geist des Sees, der alte Baikal, seine einzige Tochter Angara über alles liebte und sie dem Recken Irkut zur Frau versprochen hatte. Doch Angara hatte sich in den Recken Jenissej verliebt und flüchtete sich eines Tages zu jenem. Als der Alte ihre Flucht bemerkte, schleuderte er ihr voller Wut einen Felsbrocken hinterher, eben den Schamanenstein. Früher muß er eindrucksvoller gewirkt haben, doch als man in den 60er Jahren das Wasserkraft­werk bei Irkutsk baute und die Angara staute, stieg der Wasserspiegel des Baikal um rund andert­halb Meter, seitdem ragt nur noch seine Spitze aus dem Wasser – aus dem Schamanen­stein wurde ein Kiesel. Was blieb, waren Parkplatz, Kafe und Andenkenbuden. Fischer räuchern hier in qualmenden Kästen ihren gefangenen Omul und bieten ihn auch frisch an. Zum Räuchern werden die ausgenommenen Fische durch jeweils drei Holzspießchen offengehalten, wodurch auch die Innenseiten einen kräftig goldbraunen Farbton annehmen.

Auf der Weiterfahrt kommen wir an Häusern „Neuer Russen“ vorbei. Sie erinnern mich an Indiana und Igor in Puschkin – es sind scheußlich kitschige Schlößchen in der Farbe von Barbie-Puppenheimen, aber mit allem erdenklichen Komfort, die den Bauernhütten dahinter den Blick auf den See nehmen. Nach etwa zwanzig Kilometern in Richtung Irkutsk auf einem Asphaltband, das sich in weiten Wellen schnurgerade durch die Landschaft zieht, halten wir beim 1969 angelegten Museumsdorf Talzy, dessen Eingang sich hinter einem kleinen Wäld­chen aus Erlen und Birken versteckt.

Verstreut auf einem Gelände von über siebzig Hektar befinden sich hier etwa vierzig hölzerne Bau­denkmäler aus Siedlungen russischer und burjatischer Vergangenheit sowie weitere 8000 Exponate von hohem historischen und kulturellen Wert. Geboren wurde das Museum aus der Not, als nämlich im Zusammenhang mit der Errichtung von Staudämmen und Kraftwer­ken ganze Dörfer abgetragen wurden, insbesondere bei Ust-Ilimsk, einer Stadt an der Angara, etwa 650 km nördlich von Irkutsk. Älteste Bauwerke sind der Erlöserturm, einer von acht ehemaligen Türmen der ersten ostsibirischen Festung in Ilimsk aus dem Jahr 1667, sowie die gleichfalls von dort stammende Kazaner Kapelle von 1679. Im Erlöserturm befindet sich ein kleines Museum mit Ikonen, Waffen und Schmuck aus der Zeit seiner Errichtung. Seine Spitze ziert bereits der byzantinische Doppeladler Iwans des Schreck­lichen, alt und aus silbern verwitter­tem Holz.

Es ist schon spät, so daß wir nicht alles besichtigen können. Das Schulhaus freilich ist ein absolutes Muß: das innen weiß gekalkte Schulzimmer ist spartanisch mit Bänken, Katheder, Tafel und einem stehenden Abakus möbliert, an der Wand hängt ein gerahmtes Portrait des Zaren Nikolaus II., somit entstammt die Einrichtung wahrscheinlich den Jahren der Wende zum 20.Jahrhundert. Auf der Tafel stehen sauber mit Kreide gemalt die Wörter utschenija (Schülerin), sijanie (Glanz) und zhuk (Käfer); dem Rechenbrett fehlen bereits einige seiner Holzperlen, es ist noch auf das Zwölfersystem mit Dutzend, Schock und Gros ausgelegt. Das Lehrerwohnzimmer nebenan ist geschmackvoll und gemütlich von weiblicher Hand eingerichtet, sogar Gardinen hängen vor den hohen Fenstern; Lehrer gehörten zu jener Zeit zu den bestbezahlten Beamten des Reichs. Woher ich das weiß, „von weiblicher Hand“? Es hängen Damenkleider am Schrank.

Bei einem größeren Anwesen gelangt man durch ein mannshohes Holztor im Zaun in einen geräumigen Innenhof, dessen Boden ganz mit rohen, silbergrauen Holzdielen aus­gelegt ist. Die Türen zu den Innenräumen sind eng und niedrig, deren Böden etwas erhöht angelegt, so daß man als Schutz gegen die Kälte unter den Bodendielen noch eine Lage Stroh oder Torf ein­bringen konnte. Das Obergeschoß erreicht man von außen über leiterähnliche Stiegen, Ritzen in den Balkenwänden nach außen sind mit Lehm und Stroh ausgestopft. In der winzigen Kammer der Banja steht ein holzgeschnitzter Trog, in dem bequem ein Kleinkind baden könnte. In den übrigen Räumen allerlei Gerätschaften, die meisten aus Holz: Mehl­schaufeln, Schüsseln, Brotschieber, Tröge, ein Webstuhl, große und kleine Schlitten, Mörser, Butterfässer und solche zum Einpökeln von Fisch und Fleisch, schließlich ein Gerät zum Aus­kämmen von Flachs - womit die Aufzählung längst noch nicht erschöpft ist. Einziger Gegenstand aus Metall ist der samovar auf dem Tisch der niedrigen Wohnstube, was zeigt, daß dies einmal ein reicherer Bauernhof war. Solche Teemaschine, deren Name aus den Wörtern samo, selbst, und varitj, kochen, zusammengesetzt ist, konnte sich längst nicht jeder Haushalt leisten. Schon gar nicht die Ziehharmonika, die auf einem Stuhl liegt. Hier lebten und arbeiteten wohlhabende Leute.

Museumsdorf TalzyEine Dorfkirche mit mehreren Zwiebelkuppeln darf natürlich nicht fehlen; auch eine burjatische Wohnhütte zeigt und erklärt uns Ludmilla. Sie unterscheidet sich gänzlich von den russischen Hütten, charak­ter­istisch ist die rechteckige Grube für die Feuerstelle in ihrer Mitte, letztere befand sich in einem dreibeinigen Metallkessel mit kaminartigem Holzaufsatz. Auf dem erhöhtem Grubenrand ließ sich die Familie zu den Mahlzeiten nieder, das zeltähnliche Dach besaß oben eine Öffnung als Rauchabzug. Geschlafen wurde im selben Raum, nur abge­trennt durch einen Vorhang. Im Gegensatz zu den russischen Hütten und Häusern finden sich hier auch Kessel aus Metall und Geschirr aus grober, brauner Keramik, die Bettstatt war mit Fellen ausgelegt, doch die Kleider der Burjaten verrieten durch ihre glänzenden Stoffe die Nähe zur Mongolei, China und dem Handel der Seidenstraße.

Tritt man vor die Hütte, so hat man von der kleinen Anhöhe, auf der das Museumsdorf liegt, einen weiten Blick über den Irkutsker Stausee, wie die Angara hier heißt. Ihren wirk­lichen Namen führt sie erst wieder hinter dem Wehr des hydroelektrischen Kraftwerks von Irkutsk. Unten, am Fuß des Hügels liegt ein kleines Dorf der Gegenwart, und es lassen sich Ver­gleiche ziehen: außer daß die Hütten nun Schornsteine besitzen, die Balken der Außen­wände zu Brettern abmagerten und die Dachdeckung aus Blech statt Holz besteht, hat sich nicht viel verändert - wer dann an die protzenden Schlösser der „Neuen Russen“ denkt, dem kann speiübel werden.

Um siebzehn Uhr schließt das Museumsdorf. Am Eingang, wo Butterfässer, Dosen aus Birken­rinde und Kassetten mit burjatischer Indianermusik, der Baikal-Hym­mne oder dem üblichen unerträglichen Kalinka-Mischmasch angeboten wurden, räumt man ab. Ein Hand­werker trägt sein fachgerecht geküfertes, doch leider unverkauft gebliebenes Krautfaß wie eine Husarenmütze über den Kopf gestülpt auf den Schultern zurück zu einem klapperigen Lada Kombi, dem uralten Fiat 128 nachempfunden, 1969 als Auto des Jahres gefeiert. Seltsam, daß die alle rot oder blau waren. Ich hab noch nie einen grünen Lada Kombi gesehen – gab’s den überhaupt? Egal.

Sergej sucht mit seinem – unserem! – Bus kurz nach einem Ausgang, weil das Haupttor schon geschlossen scheint. Ein Wachmann zieht es vor ihm auf. Gleich darauf befahren wir wieder das Wellenband der fast nur geradeaus führenden Straße nach Nordwesten. Gegen die tiefstehende Sonne ist Sergej durch eine dunkle Brille gewappnet. Ab und zu zieht er aus Gewohnheit die Oberlippe hoch, dann funkeln seine Goldzähne im späten Licht. Bis Irkutsk sind es noch vierzig Kilome­ter. Im Ort Burdakovka legen wir einen kurzen Fotostop ein. Ich lichte ein sibirisch blau-grün bemaltes Häuschen ab, ganz ohne Schnitzwerk, dafür mit einbruchshem­mend verschweißten Rundstäben in Form eines horizontal geteilten Spinn­webs vor den Fenstern. Diese Konstruktion – wie auch deren einfallslose Form – war in den Ländern des früheren Ostblocks allgemein verbreitet und signalisierte: Hier gibt’s was zu  klauen. Der verblichene Rest eines Schriftzuges über der mit Blech beschlagenen Eingangstür erteilt Auskunft: Tovary, also Konsumgüter. Längst hängen wohnliche Gardinen hinter den Gittern, und die tovary sind wohl nur noch im supermarket des nächsten größeren Ortes zu finden. Obwohl – seitlich am Haus hängt immer noch ein Postkasten, blau mit der Aufschrift Potschta. Sollte dies immer noch der Dorfladen – ? Ein kleiner weißer Hund läuft mir von rechts zielstrebig ins Bild und links wieder hinaus. Zu Hause, auf dem Foto, ist er in dessen Mitte zu sehen; er war nur auf Besuch vom Nachbardorf. Zwecklos, ihn zu befragen, er hätte es auch nicht gewußt.

Der Stausee bildet hier tiefe Einschnitte in das umliegende Gelände. Einstmals unbe­deutende Zuflüsse der Angara, sind seit deren Stauung und Ansteigen des Wassers um anderthalb Meter malerische Seen in ihren Tälern entstanden – weit und breit kein Haus, ein Paradies für Angler und Ruhesuchende. Allerdings darf man den Mückenschutz nicht vergessen, denn die Moskitos heißen hier wohl Moskvitsch und sind sowohl in der Überzahl wie auch größer und blutgieriger als anderswo.

Gegen sieben Uhr treffen wir am Baikal Business Center ein, dem Hotel ohne Lift. Während des Abend­essens – Omul, was sonst – repariere ich der sportlichen Christine die unterwegs zerbrochene Brille mit Hilfe jener winzigen Heftklammer, mit welcher die Rezeption einen Nachweis zur unentgeltlichen Versicherung im Krankheitsfall an den Hotelpaß geklammert hat. Da man bereits bei der Beantragung des Visums den Abschluß einer internationalen Krankenversicherung nachweisen mußte, ist dies ziemlich witzlos, ein luftleerer PR-Gag. Der hierzu verwendete Klammerdraht jedoch dient mir dazu, den abgefallenen Bügel wieder an Christinens Brille zu befestigen, weil ich als Ingenieur ihr umständliches Gehakele mit den einbügeligen Augengläsern nicht mehr mit ansehen mochte. Fortan versichert sie mir jeden zweiten Tag, wie total dankbar sie mir dafür sei. Mit der, denke ich mir, wünscht sich wohl jeder zweite Mann unserer Gruppe nächtlich heimlich Pferde zu klauen - Kotzbrocken vielleicht ausgenommen. Mich aber nehme ich nicht aus. Sie hat so etwas.

Egal. Um zehn fallen wir ins Bett, vier Stunden Schlaf, danach geht es zum Bahnhof von Irkutsk, den ich bislang nur von Fotos kenne. Hier springen wir auf den Zug aller Züge der Welt: die Transsibirische Eisenbahn, kurz Transsib. Mit geschlossenen Augen beginnen wir davon zu träumen ...

Transsib 1Montag 8. Sep. 2003

... doch kein Schlaf hüllt uns ein. Pünktlich um zwei Uhr klingelt der Weckruf des Telefons. Noch fast eine Dreiviertelstunde werden wir mit Warten auf den Bus in der Hotelhalle verbringen, hungrig, heiser, halbwach und künstlich aufgekratzt in Erwartung des Abenteuers. Den größten Teil der vier Stunden Nacht, die uns zum Schlafen zugebilligt waren, hat irgendein Köter in der Nachbarschaft versucht, alle Freunde und Verwandten anzutelefonieren, frei nach Graham Bell, dem Ahnherrn der verfluchten Sippschaft. Wir müssen Vollmond haben, denn zum Schluß ging er in ein völlig unmelodisches Heulen über. Ich hätte ihm den Hals umdrehen können und wünschte ihm an denselben ersatzweise die Staupe oder zumindest Hundewahnsinn. Wenn’s das gibt.

Dreiviertel Drei fährt Sergej vor, die Koffer sind rasch verladen, verschlafene Hilfen vom Hotel fassen mit an. Dann verliert sich Sergejs Fahrzeug in die neblige Nacht Irkutsks, seine Fahrgäste dösen im Halbdunkel vor sich hin, in das ab und an eine Kryptonlampe auf hohem Mast verwaschenes Licht wirft. Dann ein Schlag - die Hintensitzenden schleudert es einen halben Meter aus dem Polster in die Höhe, eine Frauenstimme gellt in höchster Pein: Au, au, au! Sergej hat einen „schlafenden Polizisten“ überfahren, Betonschwellen, die vor Kindergärten, Krankenhäusern und Altenheimen den Verkehr beruhigen sollen und maximal im Schrittempo zu überwinden sind. Er hat sie nicht gesehen. Weder die Schwelle, noch das Schild, das regelmäßig davor warnt. Auch Sergej hat nur vier Stunden Schlaf gehabt, und wenn ihm, wie uns, ein Hund die paar Stunden versaut hat, dann ist er müde wie wir. Da übersieht man schon mal einen schlafenden Polizisten – mangels eigenem Schlaf. Niemand macht Sergej einen Vorwurf.

Aber da ist der Schrei der peinvoll in die Höhe geworfenen Frau und nun auch das Knurren des zugehörigen Mannes, der in der einsetzenden Stille allerlei grobe Flüche nach vorne entläßt, womit er den Fahrer meint, bevor er sich mit seiner Frau beschäftigt. Es ist der Zwerg us dr Schwyz, der von München geflogen kam, und eine ungeheure Fotoausrüstung mit sich herumschleppt, für die er einen eigenen Sitzplatz benötigt. Vor drei Tagen hatten sie noch Streit deswegen miteinander, heute herzt er seine Ange­trau­te: A geh her, wo tut’s denn weh? Wieder der Ruckn? A so an Scheißfahrer aba auch. Hätt er doch des Schild segn miassn. Geh, Schatzi, wo tuats denn weh? Hier? – Au, au, ja, grod da!

Während so die Schuld für diesen Unfall von Platz zu Platz wabert, fährt Sergej weiter durch neblige Nacht. Was soll er auch machen. Irgendwann meldet sich Ludmilla durch das Bordmikrofon, sagt mit tonloser Stimme, daß es Sergej sehr leid täte, wenn durch seine Schuld jemand zu Schaden gekommen sein sollte, nur das, keine weitere Ausrede. Hätt er doch segn miassn, der Arsch, des Schild! knurrt es vom Rücksitz, wo der laufende Meter aus der Schweiz sich um seine Angetraute bemüht. Mich beschleicht das Gefühl, sie genießt es. Am Bahnhof jedenfalls läßt sie sich mit viel Umstand hinausbegleiten. Rasch verliere ich das Grüppchen aus den Augen, ich habe anderes im Kopf, alles ist neu und aufregend. An den Bahnsteigen zwei und drei halten Züge, der an Gleis drei geht nach Novosibirsk, Gleis zwei fährt nach Vladivostok – das ist unserer.

Nach kurzer Zeit taucht am Bahnsteig ein Minitraktor auf, der auf einem Anhänger das Gepäck aus dem Bus geladen hat. Jeder ist in Eile, der Zug hält hier nur zwanzig Minuten, die Hälfte davon ist schon vertan. Ludmilla drängt zum Abladen der Koffer und Taschen und Einstieg in die für uns reservierten Waggons – irgendwann sind wir alle drin. Schaffnerinnen schwenken aus den Wagentüren gelbe Fähnchen nach vorne zum Lokführer, was signalisiert, daß alle Fahrgäste an Bord sind, und schließen die Türen. Langsam setzt sich Zug No. 8 von Irkutsk nach Vladivostok in Bewegung, es ist kurz nach halb vier – wir fahren! Mit vier­tausend Kilometern vor uns, zu verbringen in einer Eisenbahn, deren Waggons aus der vertrauten ehemaligen DDR stammen. Doch dazu später.

Wir haben eines von neun Abteilen in diesem Wagen mit 36 „weichen“ Doppelstock-Liegeplätzen für uns. Links und rechts an den Wänden daher je zwei Liegen mit rotbraunem Kunstlederbezug. Wenn man die unteren Betten hochklappt, findet sich darunter in einer Blechwanne genügend Stauraum für Koffer und Taschen. Oben, über dem Gang des Waggons und vom Abteil aus zugänglich, ist in einer Nische weiterer Platz für Gepäck. Über jeder Liege ist ein Leselämpchen angebracht, den Knopf zum Regeln des Decken­lautsprechers erspähe ich über dem Abteilfenster und drehe ihn erst einmal auf stumm. Was soll das Gedudel um vier Uhr nachts. Nachher vergesse ich ihn, doch wir vermissen die akustische Dauerberieselung kaum. Das Fenster ist bis auf halbe Höhe mit grünen Gardinchen verhangen, darunter befindet sich ein Tischchen, sogar mit Decke. Die Sicht in das Abteil, sowohl von außen als auch vom Gang, läßt sich durch Rollos vor den Scheiben versperren. Meine Zweitbeste belegt das Erdgeschoß, ich nehme den zweiten(!) Stock darüber, die linke Seite bleibt frei, wo ich die obere Liege an die Wand klappe. Auf diese Weise hätten wir ein prima Sofa gehabt, wenn nicht meiner Zweitbesten, als alles eingeräumt ist, die Idee gekommen wäre, auf der freien Liege seien die Koffer doch besser aufgehoben, in den Blechkisten käme man ja nicht dran. Womit sie Recht hat.

Zum Beziehen der Liegen finden sich gestapelte Bettwäsche, vier kratzige Woll­decken, für jeden ein fadenscheiniges Handtuch und zwei voluminöse Kopfkissen. Letztere scheinen im achten Monat schwanger zu sein; wollte man sein Haupt darauf betten, schliefe man mehr oder weniger im Stehen. Sie finden ihren Platz in der erwähnten Nische, wahrscheinlich ist der Stauraum über dem Gang angefüllt mit Kissen. Das Beziehen der Betten überlasse ich der Meinigen und weiche auf den Gang aus. Zu zweit kämen wir uns nur ins Gehege, man weiß, wie das enden kann.

Am Fenster ziehen graue Vorstadthäuser vorbei, außer der trüben Straßen­be­leuchtung kaum Licht. In der Scheibe spiegelt sich von der Deckenlampe befunzelt mein Gesicht, ohne Rumpf, als grinste es mich von draußen an. Hier im Südwesten der Stadt sind viele Industrie­betriebe angesiedelt, alle mit eigenem Anschlußgleis. Wenn die Waggons über die Weichen rumpeln, stöhnen die Dreh­gestelle vorn und hinten laut auf und ächzen in ihren ungeschmierten Lagern. Dann scheint der ganze Wagen von einer unsichtbaren Faust gepackt und geschüttelt zu werden und nach der Weiche, wenn sich alles beruhigt hat, und die Räder wieder in das monotone klack-klack verfallen sind, ist man ganz erstaunt, im Waggon alles noch an seinem Platz zu finden.

Meine Zweitbeste hat das Abteil komfortabel zur Fortsetzung des unterbrochenen Schlafs hergerichtet und liegt schon in ihrer Koje, Gesicht zur Wand. Ich lösche das Licht, setze mich still auf den freien Teil des Kofferablagesofas, schiebe die Gardinen beiseite und schaue in die Nacht hinaus. Kein Gesicht, das mir von irgendeiner Lampe beleuchtet entgegengrinst. Langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Kaum Geräusche, der Zug singt durch die Nacht, hat die letzten Häuser längst hinter sich gelassen, nur stille Landschaft zieht jetzt vorbei. Und dann, auf einmal, werde ich dieses Leuchtens gewahr – es ist schade, dem Leser dieser Zeilen die Schönheit des sibirischen Sternenhimmels nur schildern und nicht auch selbst zeigen zu können. Durch die Reinheit der Luft spannt sich seine funkelnde Glocke im einsehbaren Gebiet von Horizont zu Horizont zu einem mächtigen Diadem, dessen Stirnreif direkt vor einem auf der Erde zu ruhen scheint. Und die ganze Kuppel leuchtet aus sich heraus durch Millionen und Abermillionen von Sternen; wenn der Zug eine Kurve fährt, scheinen die hellsten direkt vor ihm aus dem blanken Gleis zu wachsen. Dies ist der Beweis, daß der Himmel mit seinen Gestirnen unseren Planeten von allen Seiten umgibt, und wenn uns jemand nach dem Ort des Himmels befragte, dann könnten wir in jede erdenkliche Richtung zeigen und nicht nur über unseren Kopf deuten, wie es im versmogten Westen üblich ist. Man wird – ich kann es ruhig sagen – fast ein wenig fromm vor dem großen Wunder, das sich dort über den Weiten Sibiriens in sternklaren Nächten immer aufs Neue ereignet. Das Wort „Himmel“ hat seitdem eine andere Bedeutung für mich.

Lange starre ich in die wundervolle Nacht, und sie scheint mir immer heller erleuchtet. Irgendwann wollen mir die Augen zufallen, und da denke ich, es ist besser, Tritt und Handgriff zur oberen Liege einer kurzen Festigkeitsprüfung zu unterziehen, bevor ich mich daran hochziehe und mit Schwung aufs Lager werfe. So wie ich bin. Ist ja nur noch für zwei, drei Stunden, da lohnt es nicht, nach dem Schlafanzug zu fummeln, den meine Gute bestimmt unter der kratzigen Roßhaardecke versteckt hat. Ratz-fatz bin ich weg.

Als der Tag über den Horizont schaut, und es heller im Abteil zu werden beginnt, wache ich auf. Zehn Meter vor dem Fenster liegt der Baikal, still und eben wie ein Spiegel. Am Himmel – von dem ich nun weiß, daß er überall sein kann – zwischen darüber gewehten Federwölkchen erstes Morgenrot. In der Ferne hinter dem See, im Dunst fast nur zu ahnen, die schneebedeckten Gipfel des Chamar-Daban Gebirges. Auf der etwa 190 km langen Strecke von Sljudjanka bis Bojarskij folgen die Gleise mehr oder weniger stets der Uferlinie, bis sie bei Tolbazhicha das Delta der Selenga umrunden und über Kamensk, Selenginsk und Ilinka entlang der Selenga auf Ulan-Ude zusteuern, Hauptstadt der Republik Burjatien (Burjatija), unserem ersten Halt nach Irkutsk. Vorher säumten das Gleis vorüberziehende Berglandschaften, eine Handvoll verschlafener Bauern­dörfer, dann und wann kam ein Gegenzug. Der Himmel hing tief, und die Wolkendecke wirkte wie gehäkelt aus fadenscheinigem rosaroten und grauen Tüll.

Von nun an folgt der Tag an Bord des Zuges etwa nachstehendem Zeitplan: acht Uhr Abmarsch zum Frühstück im Speisewagen. Dreizehn Uhr Abmarsch zum Mittagessen. Achtzehn Uhr Abmarsch zum Abendessen, wir haben Vollpension gebucht. Abmarsch, weil unser Waggon mit der Nummer 23 der letzte am Zug ist, und sich der Speisewagen in nächster Nähe der Lok befindet. Das macht pro Mahlzeit gut acht Minuten strammen Fuß­marsches samt Muskelarbeit zum Öffnen jeweils zweier Türen zu und von den Perrons – wie man die zugigen, lauten und rostigen Verbindungen zwischen den Waggons nennt. Meist ist Guido voraus. Guido ist Eisenbahner, Lokführer, er kennt sich aus. Bis zum Speisewagen sind in zehn Waggons jeweils vier Türen zu öffnen, unaufhaltsam stürmt Guido voran, seine krausen schwarzen Haare flattern, Tür auf, Tür zu. Eine Schaffnerin, die vor dem kohle­beheizten Samowar heißes Wasser in einen Pappbecher abfüllen will, wird zur Seite gedrängt: hier kommen die Deutschen! Dreißig Sekunden lang strömen sie in den Waggon, und alle Insassen weichen in ihre Gehäuse zurück. Kindern, die sich vorwagen, wird der Kopf gestreichelt. Bullige Mannsbilder, die den Gang verstopfen, werden mit „iswinitje“, Verzeihung, in die Abteile genötigt. Niemand widerstrebt. Mit dem Abfall in der Hand wartet eine Russin, bis die Horde der Deutschen vorüber ist - etwa zwei Minuten. Zehn Waggons sind zu queren, Aufatmen im achten, dort ist unsere Erste Klasse untergebracht, die haben es nicht weit, nur noch zwei Wagen, und dann: gelobtes Land! Der Letzte aber hat es auch nicht leicht, muß er doch alle Türen wieder schließen, weil uns sonst die recht­mäßigen Wageninsassen beim nächsten Mal im Gang keinen Platz machen. Ein probates Mittel, jemand zum Türen­schließen zu bewegen.

Sodann Niedersetzen zu Suppe, Salat und Hauptgericht. Hier führt Ljudmila das Regime. Hart und kantig bestimmt sie wasserstoffblondiert über das Restaurant, den Speisewagen, in dem wir täglich unsere drei Mahlzeiten einnehmen. Ihre Gehilfen heißen Tamara, in der blauen Schürze, und Juri mit den Tätowierungen auf den schwieligen Arbeiterhänden, der so gar nicht hierher paßt. An seinen Unterarmen gibt es bestimmt noch eine Menge mehr zu entdecken, doch die zeigt er uns nicht. Heute morgen gibt es Weißbrot, eine Schüssel voller hartgekochter Eier für jeden Tisch, Tee gebrüht oder heißes Wasser und Pulverkaffe aus wenigstens um drei Monate überal­terten Fünf-Gramm-Tütchen und schließlich, für jeden abgezählt, eine dicke Scheibe Käse. Brot ist schnell aus und wird von der Küchenmannschaft, nur widerwillig erneut bereitgestellt. Tamara begibt sich dann am Ende des Waggons an einen leeren Tisch, wo sie auf einem Holzbrett mit einer Art Hackebeil dicke Scheiben von den kastenförmig gelieferten Weißbroten säbelt. Ganz Rußland hat die Angewohnheit, diese Rechtecke noch einmal zu halbieren, Tamara ist da keine Ausnahme. Ljudmila, die Älteste, die ständig an einem Taschenrechner mit übergroßer Anzeige herumtippt, scheint die Chefin – Natschalnika – des Speisewagens zu sein. Außer uns benutzt ihn niemand, jedenfalls nicht zu unseren Zeiten. Da dies die erste Begegnung mit der Mannschaft ist, gibt es Schampanskoje, Sekt, von ihr spendiert. Sie wird sich wohl noch einiges von uns erwarten, Kribbelwasser schenkt man nicht so einfach her, ganz ohne Hintergedanken.

Transsib 2Was zum Hinweg gesagt wurde, gilt ebenso für den Rückmarsch: acht Minuten Arm- und Beinarbeit, niemand soll klagen, er habe zu wenig Bewegung. Die Pflicht an Bord läßt nicht zu, daß man Speck ansetzt. Das Essen übrigens auch nicht, werden wir noch feststellen. Aber die Mahlzeiten bringen eine feste Tageseinteilung mit sich. Ein nicht zu unterschätzender Aspekt, da der Zug durch drei Zeitzonen rollt, was die innere Uhr etwas verwirrt und durcheinander bringt.

In Ulan-Ude ist der Bergrücken des Chamar-Daban überwunden, das bisher verhaltene Licht weicht blankem Sonnenschein. Als der Zug hält, ist es elf Uhr vormittags. Hier trennen sich die Trassen der Transsib, ein Abzweig führt über Ulan-Bator und die Mongolei nach China, der andere geht weiter durch Ostsibirien nach Chabarovsk und Vladivostok. Nach neuester Schätzung hat die Stadt, von der man am Bahnhof wenig sieht, 386.000 Einwohner, ein Drittel der Gesamtbevölkerung Burjatiens. Im 17.Jh. gelangte das Land unter den Einfluß der russischen Zaren, doch nicht alle Bewohner des Landes sollen mit dem Zarenregime einverstanden gewesen sein. So flohen einige von ihnen in die Mongolei, kamen aber bald zurück, unter der Begründung: Der Khan köpft Missetäter, der Zar läßt sie nur auspeitschen, da lebt es sich hier doch gesünder. Die Stadt liegt am Zusammen­fluß von Selenga und Uda und ist seit jeher ein brodelnder Handelsplatz an der Seidenstraße gewesen. Über mehr als zweihundertfünfzig Jahre hinweg entwickelte sich Burjatien zum Zentrum des Buddhismus in Rußland. Erst Stalin verbot die Ausübung der alten Religion und ließ alle 47 Klöster (Datsanen) des Landes zerstören. Heute aber beginnt der alte Glaube wieder Fuß zu fassen, und es gibt einen Streit der Mönche des Ivolginskij-Klosters mit der burjatischen Regierung um eines der drei Originale des welt­berühmten „Atlas der tibetanischen Medizin“, das in einem staatlichen Museum in Ulan-Ude aufbewahrt wird und gegen harte Dollars an ein Museum in den USA ausgeliehen werden soll. Die Mönche, die dagegen protestieren, sprechen vom Ausverkauf eines ihrer religiösen Heiligtümer. Die Behörden hingegen sagen, es sei nur ein medizinisches Lehrbuch, das allerdings auf den jahrtausendealten Erfahrungen eines Volkes basiert. Vor fünfzehn Jahren undenkbar, läßt sich heute wieder über Besitz der Klöster diskutieren.

Unser Aufenthalt hier soll etwa zwanzig Minuten dauern, sagt Ludmilla, und so vertritt sich alles auf dem Bahnsteig die Beine. Die provodnizas (Schaffnerinnen), von denen jeder Waggon zwei besitzt, wachen vor den Wagentüren, daß niemand Fremdes ihr Reich betritt. Sie haben ein Auge für Gesichter, auch wenn sie es nur einmal beim erstmaligen Einstig in den Zug wahrgenommen haben. Die unseren von Wagen 23 hören beide auf den Namen Galina, unterscheiden sich jedoch erheblich im Umfang: in die Haut von Galina II. würde Galina I. zweimal hineinpassen. Meist ist es so, daß eine schläft, während die andere die Aufsicht führt. Jawohl, Aufsicht – aus Sicht der beiden Galinas, so erkläre ich mir jedenfalls deren sprödes Verhalten uns gegenüber, ist das hier schließlich keine Vergnügungsreise!

Hier fallen mir auch zum ersten Mal die Männer in den orangeroten Westen und blauen Schirm­mützen auf, die mit einem Eisenstab auf immer gleiche Weise gegen Radkränze und Federn der Wagen schlagen und am Klang von Metall auf Metall hören, ob etwas gebrochen oder alles noch in Ordnung ist. Bei diesem und jedem späteren Halt sind immer mehrere solcher Inspektoren auf beiden Seiten des Zuges unterwegs, und schon beim zweiten Mal gehört dieses metallische Klingen im sich Rad für Rad wiederholenden gleichen Takt zu den Geräuschen, die ich selbst im Schlaf mit der Transsib verbinden würde.

Der Bahnhof von Ulan-Ude besitzt eine verwirrende Anzahl Gleise, und mir kommt die Warnung alter Transsib-Hasen in den Sinn: Nur ja auf dem Bahnsteig zu bleiben, wo der eigene Zug steht. Verläßt man ihn, und schiebt sich ein anderer Zug dazwischen, so hat man – bedingt durch die enorme Länge der Züge, man denke nur an unsere Wagennummer 23 – kaum je eine reale Chance, rechtzeitig zur Abfahrt wieder in seinem Abteil zu sein. Dies ist auch der alleinige Grund, weshalb man Paß und Geldbörse bei jedem Ausstieg dabei haben sollte. Russen klettern schon mal unter den Puffern der Waggons hindurch, wenn ihnen solches widerfährt, das ist aber nicht unbedingt zu empfehlen. Weiß man denn, ob sich nicht just in diesem Moment der Zug in Bewegung setzt? Nu, eto normalna, wird der Russe sagen. Das Leben ist gefährlich, es erwischt uns alle, den Einen früher, Andere später – das ist ganz normal. Eine Philosophie, die sich indes kaum für oft bis über die Halskrause gegen sämtliche Unwägbarkeiten des Lebens versicherte Westeuropäer empfiehlt.

Kein Pfiff, keine Lautsprecherdurchsage weist auf die Abfahrt eines Zuges hin. Man muß die Augen immer wieder bei seinen provodnizas haben, um nicht plötzlich mutterseelenallein im Hemd auf einem trostlosen Bahnhof in der ostsibirischen Provinz zu stehen, und den Schluß­lichtern seines sich rasch entfernenden Zuges nach­zublicken. Auf einen Wink Galinas mit der – noch nicht einmal entfalteten - roten Fahne spurten also die Mitglieder unserer Gruppe zurück zum Waggon. Hauptsache, man ist in der Nähe. Aber dann wird, zur Demon­stration, wie cool man das ganze nimmt, das Einsteigen solange hinausgezögert, bis Galina die gelbe Fahne auswickelt und sich zur Tür hinausbeugt – ey Mann, dann wird’s echt Zeit! Wer dann nicht halsüberkopf drin ist, den bestraft das Leben. Oder so.

Nächster Halt ist zweieinviertel Stunden später in Petrovsk-Saibalskij, zu Sowjetzeiten Petrovskij-Savod. Allerdings nur fünf Minuten. Niemand steigt aus, niemand steigt zu. Das grün-weiße Bahnhofsgebäude ist eine sehr eigenwillige Konstruktion und erinnert irgendwie an eine Moschee. Außer der abfertigenden Beamtin in blauem Uniformkostüm rührt sich nichts im Mittagsglast des Bahnsteigs. Etwa 28.000 Einwohner hat das verschlafene Städtchen und ein Dekabristenmuseum, es gibt Eisenminen, in denen sie ehedem gearbeitet haben. Die Stadt gehört schon zum Bezirk Tschita, zu allen Zeiten Strafkolonie. Warum der Zug hier hält und anderswo nicht, bleibt uns verborgen, interessiert so richtig auch keinen: wir sitzen noch im Speisewagen beim Mittagessen. Es gibt Rindfleisch - ob gebraten oder gekocht ist nicht recht erfindlich, irgendwo wird es wohl dazwischen liegen – und Buch­weizen­grütze. Buch­wei­zen­grütze an sich ist etwas Feines - wenn sie, zum Beispiel, bei anderen auf dem Teller liegt. Oder wenn sie mit bestimmten guten Zutaten zu Kascha geköchelt wurde (siehe Moskau). So aber, nur in Wasser gekocht und hierdurch aufge­quollen Kälberzähnen ähnelnd – nein, so nicht!

Es bleibt uns aber wohl nichts übrig, gibt es doch nichts anderes. Man kann noch nicht einmal zorneshalber mit den Zähnen knirschen, denn das Zeug ist so schleimig glatt, daß jeder Knirschversuch in dieser Pampe verröchelt. Humor ist, heißt es bei Otto Julius Bierbaum, wenn man trotzdem lacht, doch diese Runde geht eindeutig an das Trio vom Zugrestaurant. Ljudmila mit der weiß­blonden Dauerwelle addiert denn auch im Hintergrund zufrieden großformatige Zahlen auf ihrem Tischrechner und rechnet wohl ein fünfgängiges Menü ab. Von nun an nennt die Gruppe sie unisono nur noch Ljudmila Grosnaja, „die Schreckliche“. Das hat sie jetzt davon.

Ludmilla – jetzt wieder unsere Reiseleiterin – stellt uns beim Essen den provodnik (Zug­führer) unseres Zuges No. 8 vor: Anastas, schnauzbärtiger Kaukasier, der bequeme Bade­latschen zur Uniform trägt. Bevor wir zurück im Abteil sind, rollt der Zug bereits wieder durch Landschaften voller Holzhäuser, Flüsse, Seen und Wälder. Manchmal etwas, auf das die Bewohner der Region stolz sind: die auf einem Betonsockel aufgebahrte MIG-21, Flugzeug, in dem Jäger und Gejagte saßen, Mahnmal des Kalten Krieges zwischen Ost und West, die Flügel aufgestellt und in den Himmel zielend. Oder auf irgendeiner Grasnarbe ihr gelandeter Nachfolger, MIG-23, voll mit Raketen bestückt, ganz offensichtlich zu Wartungs­arbeiten am Boden, die Sicht zu ihr nur notdürftig durch einen Erdwall verdeckt – da basteln sie, die Russen, an ihrem vormals modernsten und geheimsten Deltaflügler, mitten in der Taiga Sibiriens. Die Rollbahnen, wo diese Hornissen gelandet sind, verstecken sich hinter Birkenwäldchen und heruntergekommenen Gebäuden.

Transsib 3Glitzernde Wasser folgen der Bahn. Aber war es nicht so, daß einst beim Bau zuerst das Gleis dem Fluß folgte, um wie dieser fließend seinen Weg mit möglichst wenig Hinder­nissen und Steigungen zurückzulegen? Ja, so war es. Jetzt verfolgt das Wasser die Gleise, und hier heißt es Chilok. Wie auch der nächste Halt, Fluß wie Stadt, es ist viertel vor Vier. Vor dem ockerfarbenen Bahnhofsgebäude steht einsam eine ältere Frau mit rotem Kopftuch und der Figur eines Mensch-ärgere-Dich-nicht-Steinchens, die Zwiebeln feilbietet – keine so gute Geschäfts­idee. Doch die Kleinstadt hat nur 14.000 Einwohner, und der frühe Vogel fängt den Wurm - freilich nicht unbedingt mit Zwiebeln, aber sie hat wohl nichts anderes. Der Ort, das belegt eine Lagerstätte neben dem Gleis, verdient sein Geld überwie­gend mit dem Holzeinschlag der umliegenden Wälder. Es gibt auch ein paar Eisenbahn­werkstätten. Aber die findet man überall, es muß sie geben, dies ist ja nun mal keine Bahn von Buxtehude nach Stade. Womit nichts gegen die beiden Städte gesagt sein soll, aber die Transsib ist ein Schienenstrang von fast zehntausend Kilometern Länge.

Der Nachmittag vergeht träge. Im Buch von Klaus Bednarz lese ich noch einmal das Kapitel über „Das Ufer der Braunbären“. Ja, die gibt es hier, und ich kann mir gut vorstellen, daß sie nachts in die Flüsse waten und sich mit einem Pratzenhieb die fettesten Lachse ins Maul schaufeln, Bären sind begabte Fischer. Ob sie Omul fressen, weiß ich nicht. Man soll, schreibt Bednarz, falls man unvermutet einem Bären gegenüberstehe, viel Lärm machen, am besten auf einen Kochtopf schlagen, das mögen sie nicht. Ich könnte mir denken, mit Resten von Buchweizengrütze im Topf wirkt das noch viel abschreckender. Aber sowas hat man ja kaum je dabei, wer rechnet denn auch damit, eine Horde Braunbären vergraulen zu müssen. Immer­hin, man kann es sich ja für alle Fälle merken.

Draußen, vor dem Fenster, hat die vorbeifliegende Natur bereits das Herbstkleid überge­streift; wo sie es besonders gut meint, entzündet sie ein flammendes Herbstblühen, oft von glitzerndem Wasser begleitet. Lange verläßt uns das silbern mäandernde Band des Chilok nicht. Manchmal kom­mt uns ein Güterzug entgegen, hinter der Lok eine nicht enden wollende Anzahl rostbrauner Wagen. Dann wieder über Hunderte Kilometer kein Mensch, kein Haus – nur Taiga, Wasser und dunkler Wald. Hin und wieder vorbeihuschend auf einer Anhöhe ein Friedhof, papier­blumen­bunt und weit abgelegen vom zugehörigen Dorf. Bisweilen führen dort Brücken über den Fluß, es sind einfache Konstruktionen, oft nur Stege an zwei Tragseilen.

Transsib 4Da wir der letzte Waggon sind, kann man auf den hinteren Perron gehen und dort aus dem Rückfenster schauen oder fotografieren. Oftmals trifft man dort auf unsere beiden Galinas, die hier stehen, reden, rauchen und einen nicht weiter beachten, solange man nicht direkt das Wort an eine von beiden richtet. Ihr Dienstabteil ist das erste links nach dem Abort, wenn man in den Wagen hineingeht. In allen Abteilen und auf dem Gang herrscht striktes Rauchverbot, deshalb treffen sich die Raucher meist auf den Perrons, die kalt, zugig, laut und immer völlig verqualmt sind. Von hier, dem hinteren Perron, hat man über eine rußige Eisentür auch Zugang zur Wagenheizung, einem verwirrenden System von schwarz ange­strichenen Kesseln, Rohren und rot lackierten Messingventilen. Hier ist auch der Platz für Sachen, die man zwar benötigt, für die im Waggon sonst aber kein Unterkommen ist, wie zum Beispiel Besen, Kehrblech und ein halber Zentner glitzernder Koksbrocken für den Samovar. Im Winter natürlich entsprechend mehr für die Heizung.

Abendessen. Ludmilla geht von Abteil zu Abteil und ruft ihre Schäfchen zusammen. Dann geht es wieder im Gänsemarsch durch alle Waggons. Den Rest aus den verlosten Ersterklasse-Abteilen nehmen wir vorne zwei Wagen vor dem Ziel in unsere Reihe auf. Anscheinend sind wir die einzige Touristengruppe im Zug, denn in sämtlichen anderen Wagen brüllen die Abteillautsprecher von der Decke, stehen Männer mit dicken Bäuchen in Unterhemd und Jogginghose auf dem Gang im Weg, stillen Mütter in den Coupés zwischen Unmengen von Plastiktüten ihre Babys und wieseln Kinder von Abteil zu Abteil und spielen Fangen. Willkommene Gelegenheit für meine Gute, wieder einmal den Tresor in ihrer Handtasche zu öffnen und die quirlige Bande mit westlichen Gummibärchen zu bescheren: Man soll sich stets den Rückweg freihalten. Aber da, so stellt sich heraus, sind die längst zu Bett. Weil nämlich nach dem Essen – Buch­weizen­grütze mit Omul – wir mal so richtig in Ljudmila Grosnijs unter verschiedenen Sitzbänken des Speisewagens verborgene Vorräte an Geträn­ken hineinleuchten. Vorwiegend auf der Suche nach Alko­ho­li­schem. Wobei wir auch fündig werden, jeder kommt zu seinem Recht, und Ljudmila macht ein glänzendes Geschäft. Nur Wasser steht noch reichlich vom Abendessen herum, dabei ist es kostenlos.

Um halb zehn schließt der Speisewagen, zur gleichen Zeit hält der Zug in Tschita. Tschita ist die Hauptstadt des gleichnamigen Oblasts, Stadt seit 1851. In ihr, gelegen an der Mündung der Tschitinka in die Ingoda, mühen sich 370.000 Einwohner mit dem neuen Leben in Sibirien und Rußland. Jetzt, um diese Zeit, sieht man nichts von ihnen. Über dem nächtlichen Bahn­hof steht ein pausbäckiger Vollmond. Wir vertreten uns ein letztes Mal die Beine und gedenken dabei vielleicht der Dekabristen, die ein neues Rußland wollten und dafür hier in Tschita in den Kohlebergwerken büßten, indem sie bis zum Umfallen und elenden Verrecken schufte­ten. Jetzt ist ein „Neues“ Rußland – ob es das war, wofür  sie sich opferten?

Wir sind müde, saugen die Lungen noch einmal voll Sauerstoff und kriechen im Abteil unter kratzige Decken. Was haben wir es doch gut. Man darf die Zeiten nicht ver­mischen: nein, wir sind keine Dekabristen, das fordert auch niemand von uns – aber ein bißchen mehr Engagement, das darf man uns ruhig abverlangen. Falls wir es nicht aus eigenem Antrieb schaffen, immer wieder den Mund aufzumachen für eine bessere Welt –

Schluß für heute. Der Tag war lang. Es gibt kaum etwas Beruhigenderes, als im Gleichtakt der Eisenräder über Schienenstöße – klack! klack! – klack! klack! - hinwegzugleiten.

Transsib 5Dienstag 9. Sep. 2003

Der beginnende Tag schreitet in einen rosavioletten Morgenmantel gehüllt einher, sein Widerschein läßt die blanken Metallschienen des Nebengleises purpurn erglühen. Es ist halb Acht. Bald jedoch verläuft die Eisenbahntrasse wieder in einem Flußtal, diesmal dem der Schilka, was aufsteigenden Morgennebel und verhangenen Himmel zur Folge hat. Doch diese Flußlandschaft ist überwältigend schön: bis hin zu den dunklen Waldsäumen mischt sich das brandige Rot niedriger Beerengehölze mit den Gelb- und Ockertönen der zum Laubfall bereiten Bäume und Büsche, die das Ufer und steinige Inseln im flachen Flußbett besetzen. Dazu in strengem Kontrast steht das satte Blaugrün der sibirischen Zedern und das bleigrau davor hinströmende gletscherkalte Wasser. Die Berge sind sanft gerundet, und buckeln mit baum­bestande­nen Kuppen aus den Nebelschwaden zu ihren Füßen. Darüber ahnt man tiefblauen Himmel. Es gibt Hänge voll goldener Lärchen, deren Nadellaub so intensiv leuchtet, daß man unwill­kürlich meint, es müßten von irgendwo her Scheinwerfer darauf gerichtet sein. Durch all diese Farben­pracht sucht sich die Schilka in weiten Windungen und Bögen ihren Weg, und manchmal, wenn sie einen Berg umfließt, kommt sie ganz nahe bei der Stelle wieder an, wo sie zu dessen Umrundung ansetzte.

Transsib 6Der nächste Halt nach traumverlorener Schilkaregion ist Mogotscha. Zuvor eine Handvoll verregneter Dörfer an der Strecke, sonst nur vierhundert Kilometer weit Einsam­keit. Die Trasse berührt hier die südliche Grenze des Dauerfrostbodens, und mehr denn je gilt das sibirische Sprichwort, daß es im Lande keine Straßen, sondern bestenfalls Richtungen gibt. Mogotscha hat etwa 18.000 Bewohner, es beherbergt eine Garnison und ein Eisenbahn-Ausbesserungswerk. Die meisten Häuser sind aus Holz und einstöckig. Seit kurzem legt der Regen eine Pause ein, so daß wir uns die Beine vertreten können. Es gibt wohl eine oder zwei Asphaltstraßen hier, der Rest ist festgefahrener Schotter und Kies. Vor dem Bahnhof stehen als Fahrzeuge nur gelände­gän­gige Uraltmodelle. Sogar einen Zwei­takter-Barkas aus DDR-Produktion hat es hierher ver­schlagen. Es ist viertel nach elf, bald Zeit zum Mittagessen.

Durch die Vollverpflegung – nein, heute morgen gab es keine Buchweizengrütze! – befinden wir uns nicht in Verlegenheit, uns entweder von Mitgebrachtem oder dem, was der Bahnsteig bietet, nähren zu müssen. Damit hätte es auch schlecht ausgesehen, denn bislang ist mir außer dem zwiebelverkaufendem Mütterchen mit seinem roten Kopftuch in Chilok keine der in der Transsib-Literatur so oft und gern bemühten Babuschkas begegnet, jene alten Frauen, bei denen es bodenständiges und leckeres Essen aus Töpfen, Körben, Schüsseln und Ein­mach­gläsern geben soll. Das jedoch ändert sich bald.

Zunächst sind da einige zwischen den Gleisen grasende schwarze Ziegen, an denen unser Zug langsam vorbeirollt, genügsame Tiere, die kaum Ansprüche stellen. Sie fressen Keks­papier, schlecken Joghurtbecher aus und sind besonders wild auf altbackenes Brot, das für der Menschen Zahnreihen nicht mehr taugt und deshalb an den Stationen aus dem Zug geworfen wird. Wenn es gar nichts anderes gibt, begnügen sie sich auch mit Gras und allerlei zwischen den Gleisen wachsenden Wildkräutern. Vermutlich gehören die dick und prall gefressenen Tiere der Stationsvorsteherin dieses Haltepunktes namens Amasar, und sämtliche Lokführer sind angewiesen, die grasenden Tiere weitläufig zu umfahren.

Transsib 7Und da sind sie ja, die Großmütterchen, in Kopftüchern, dicken Wolljacken und zu Zeiten Leonid Podgornijs modern gewesenen Mänteln, die ihre Erzeugnisse auf den ausgedienten Gestellen gewesener Kinderwagen hierhergebracht haben und nun der Kundschaft harren. Hier gibt es: ganze Eimer voller scharlachroter Kronsbeeren (Preiselbeeren), Pilze, Dillkraut und zum direkten Verzehr: Blini, Pelmeni, Tomaten, in Gläsern eingemachte Schweins­backe, Salzgurken und Pilze und schließlich – neben anderen bonbonfarbenen Getränken - Flaschen voll weißer Kuhmilch. Vor letzterer hat Ludmilla uns gewarnt. Alles am Bahnsteig dürften wir unbesehen kaufen, bis auf Milch. Heute dreißig Grad, morgen nur zehn, so seien nun mal die Temperaturen in Sibiriens Sommer. Und man sähe der Milch kaum an, wieviel Wetterkapriolen sie in der Flasche schon erlebt habe. Davon ließe man aber doch besser die Finger.

Uns fällt es leicht, ihre Warnung zu beherzigen: auf Anhieb wüßte ich niemand in unserer Reisegruppe, den ich schon einmal milchtrinkend ertappt hätte. Wie oft die Buchweizen­grütze im Speise­wagen indes aufgewärmt wird, läßt sich nur vermuten. Aber davor warnt Ludmilla nicht.

Eine Besonderheit muß ich noch erwähnen: bei diesem Halt fällt mir erstmals eine Provodniza auf, drei Waggons weiter nach vorne, deren Haar nicht kupferrot gefärbt ist – die junge Frau hat es schlicht und schwarz wie gewachsen zum Pferdeschwanz gebunden, vorne mit Ponyfransen über der Stirn. Ein wenig spöttisch schaut sie in mein Objektiv, sich ihrer Jugend und Frische wohl bewußt. Verlegen lichte ich danach das Herkunftszeichen unseres Waggons ab: zwei Zahlen unter dem geflügelten Rad, auf denen der Doppeladler hockt, dem Logo der russischen Staatsbahn. Die obere, dreistellige Zahl, 092, nennt als Einsatz- und Direktions­raum Ostsibirien. Es geht nun mal nicht an, daß ein Waggon aus Murmansk mal eben nach Sevastopol auf der Krim gezogen wird - wie soll man den je wieder kriegen! Die zweite, fünf­stellige Zahl sagt mit der ersten Ziffer etwas über die Bauart aus: unsere Eins bestätigt, daß der Waggon Schlafwagenabteile besitzt. Die restlichen vier Ziffern dienen fabrikinterner Kennzeichnung.

Ach ja, fabrikintern: die Wagen des Zuges No. 8 stammen von der „Waggonbau Ammen­dorf GmbH“, einem ehemaligen Vorzeigebetrieb der ehemaligen DDR am Rande von Halle und Ableger der ehemaligen „Deutsche Waggonbau AG“. Für deren Fortbestand als „Bom­bardier Transportation“ machte sich nach der Wende sogar Kanzler Schröder stark – Schnee von gestern. Außer der kanadischen „Bombardier Transportation“ ist alles plattgemacht und pleite. Letztere hat auf preiswerte Art einen Konkurrenten beseitigt.

Im Gang gegenüber dem Abteil der Schaffnerinnen hängt eine Schemazeichnung der Heißwasseranlage mit Ersatzteil­liste in kyrillischer Schrift. Dieser Samovar wird mit Koks­brocken beheizt, frißt klaglos aber auch leere Joghurtbecher, gebrauchte Papiertaschentücher und Wurstpellen. Eine Tafel in roter Warnschrift besagt, daß er keinesfalls ohne Befüllung des Kessels mit Wasser in Betrieb genommen werden dürfe. In diesem Fall erlösche die Garantie. Mittlerweile ist aber auch das Werk Ammendorf größtenteils erloschen, so daß die Kesselbefüllung - garantiemäßig gesehen - ziemlich belanglos sein dürfte.

Galina II., die Halbwertige, sorgt für unser Einsteigen. Bis zur Hüfte trägt sie die verlangte Uniform: schwarze Schuhe, Nylonstrümpfe, engen blauen Rock. Darüber jedoch eine satinglänzende Sport­jacke, und – man sieht darüber hinweg - der Reißverschluß ihres Rocks sitzt schief, auf der rechten Pobacke. Kann mal vorkommen. Hier am Ort sind Motorradfahrer unterwegs, die auf dem Sozius Duplikate ihrer selbst mitführen: blaue Mützen, Jogging-Jacken und Turnschuhe. Möglichst Adidas. Unter dem Hintern eine grüne Irbit R71, nicht totzukriegen, nachempfunden der deutschen BMW R-71, Vorkriegsware. Die Webseite „www.transsib.ru“, eine Art Evangelium für jeden, der je die Transsib befuhr oder noch befahren möchte, behauptet, Amasar sei das Zentrum russischer „Eisenbahn-Bettelei“, jeder Zweite gehe in Ermangelung einer anderen Beschäftigung diesem „Beruf“ nach. Mag sein, daß es früher so war, für heute (2003) kann ich es nicht bestätigen. Nirgendwo sehe ich Bettler, nur die bewußten babuschkas, die sehr ehrenwert für gutes Geld gute Ware geben.

Es ist halb zwei, Tamara trägt die Suppe auf. An der Wand ein Computer-Ausdruck, A4: „Bitte, nicht rauchen!“ Niemand raucht. Dies ist ein Speisewagen und kein Rauchersalon. Nur Anastas, der Zugführer, hat die glimmende Kippe in der hohlen Hand, wenn er ab und zu kommt und nach dem Rechten sieht. Es gibt eine wohlschmeckende Sauerkrautsuppe, Brot ist wieder zu wenig. Diesmal schneidet Juri, seine Scheiben geraten ihm ähnlich klobig wie es seine Hände sind. Das ist uns recht, nur das Schwarze unter seinen Nägeln hätte Juri gelegentlich beseitigen können – nun ja. Ljudmila Grosnaja sitzt in ihrer Ecke und rechnet. Kann sein, sie berechnet die Menge sibirischer Heimaterde unter Juris Nägeln in Bruchteilen eines Kubik-wersts. Oder wie viele Schüsseln Suppe im Jahr Tamara aus der Küche trägt. Oder wie lange sie selbst heute schon wieder gerechnet hat – wer weiß. Als Hauptgericht gibt es gebratenen Omul mit Reis. Kann es sein, daß sich im unschuldig weißen Reis hier und da ein milchigbraunes Buchweizenkörnchen versteckt? Na wenn schon. Wird uns nicht umbringen. Nur der Schweizer laufende Meter hält seinen Fund triumphierend auf Gabelzinken hoch und kräht in die Runde: Ja glaabst des – Buchweizen! A so an Schmarrn! Entrüstet schiebt er den Teller von sich und verschränkt beleidigt darüber die Arme. Es sieht so aus, als beachte ihn niemand, doch alles grinst und gnickert heimlich in sich hinein, wirft ihm verstohlene Blicke zu und weidet sich schadenfroh an seinem Unvermögen im Umgang mit diesem russischen Grundnahrungsmittel. Vermutlich war das auch endgültig der Anlaß, daß er von nun an unter dem Kosenamen „Kotzbröckchen II“ gehandelt wurde. Auch er hat sich bislang nicht viel Freunde gemacht. Manche Leute haben das so an sich, da können tun, was sie wollen.

Zurück im Abteil macht Ludmilla die Runde. Verschwörerisch sucht sie Leute, die basteln, zeichnen, malen oder sonstwie schöpferisch tätig sein können. In den nächsten Tagen sind zwei Geburtstage in unserer Gruppe zu feiern, da möchte sie kleine Geschenke und wenn möglich, auch Ansprachen organisieren. Ihre Wangen glühen. Die meine sagt, ihr Mann - also ich - male recht hübsch und zeigt zum Beweis das Schreibheft mit ihrem sibiri­schen Tagebuch her, wo hinein ich auf ihren Wunsch mit Buntstift den von Ludmilla regel­mäßig an ihrer Abteiltür ausgehängten Steckenverlauf kopiert habe. Die Buntstifte waren für russische Kinder bestimmt, die Einträge ins Heft rein privater Natur, und der Blick, den ich meiner Zweitbesten zuwerfe, ist nicht von Pappe.

Also verbringe ich einen halben Nachmittag mit dem Falten winziger Papierschiffe, Bemalen von Miniflugzeugen und sonstigem Kleinkram. Stephan, der wasserscheue entlassene Journalist, kann viel besser mit Pinsel und Farbe umgehen. In minutenschnell hingetuschten Miniaquarellen hält er fest, was er sieht, ein ganzes Notizbuch hat er schon voll mit Bildern unserer Reise. Das Schönste ist: man erkennt es sogar wieder, auch wir haben es so oder ähnlich gesehen - zwischendurch richte ich immer wieder die bereit liegende Kamera aus dem Fenster auf sibirisches Herbstfeuer in Taiga und Wildnis.

Transsib 8Meist beginnt der nächste Ort mit einem winzigen Häuschen, hingeduckt in einen Garten mit Salat, Dill, Kartoffeln, Gurken und Möhren; am silbern verwitterten Staketenzaun ranken­ Ranunkeln und Geisblatt. Über allem ein Kirschbaum, das niedere Wellblechdach hoch überra­gend. Doch, es führt eine Stromleitung ins Haus. Aber aus dem Dach sticht weder Fernseh­antenne noch Satellitenschüssel. Ein Idyll, wie gut es die Bewohner doch haben! Das alles jedoch ist relativ. Es folgen Häuser und Gärten, beide dreimal so groß und Letztere voller Kartoffeln. Gerade ist die Zeit, und deduschka (Großvater), otez (Vater) und detej (Kinder) wühlen die Knollen aus dem Boden und sammeln sie in Blecheimern. Allmählich kommen größere Häuser in Sicht, mit Telefondrähten auf dem Dach und Gewächshäusern aus Plastikplanen im Garten, alles von Zäunen umrundet und eingeschlossen. Mittendrin ein Eisenbahnwaggon, stumpf braun gestrichen, für immer aus dem Gleis gehoben und seit Jahrzehnten als Übergangs­wohnung benutzt, stets in der Hoffnung, bald finde sich wohl anderes – endlich aber resignierend zur ständigen Bleibe ausgebaut, kalt und wenig heimelig – wo soll man denn hin.

Damals, als sie sich freiwillig meldeten, Mann und Frau voller Ideale und Enthusiasmus, um die Eisen­bahn­strecke mit aufzubauen, hieß es, wenn ihr fertig seid, bekommt ihr schöne Wohnungen. Das ist jetzt fast ein Menschenalter her, und nichts ist geschehen. Die das versprochen haben, sind längst nicht mehr an der Macht, und die im Waggon wohnen, haben den größten Teil ihres entbehrungsvollen Lebens hinter sich. Sie erwarten nichts mehr.

Irgendwann der Bahnhof, die Siedlung ist breit zerstreut, es gibt kein Zentrum. Häuser stapeln sich mit schwarzen Dächern den Berg hoch, für das Nötigste sorgt ein Konsum. Kleider kauft man bei chinesischen Händlern, die hier ab und zu aussteigen, dicke Taschen aus den Waggons zerrend. Mit dem nächsten Zug sind sie wieder weg. Wie beschrieben könnte zum Beispiel die Einfahrt nach Erofej Pavlovitsch aussehen. Oder in irgendein anderes Kaff, die Orte sind austauschbar, nur für ihre Bewohner wichtig, Fernreisenden sagen ihre Namen wenig. Es ist fast Vier am Nachmittag. Ein strammer Wind bläst und macht den Aufenthalt auf dem Bahnsteig wenig gemütlich. Es gibt zwei Kioske, zu beiden muß man zwei Stufen hochsteigen. Unkraut sprießt zwischen den Gleisen. Tamara, in ihrer adretten blauen Kittelschürze, hat zwei Taschen voll eingekauft und schleppt, was immer darin ist, zum Restaurantwagen.

Heute hat Galina II Dienst. Zur Abwechselung trägt sie volle Uniform. Aus dem Fenster eines Waggons winken mir drei Hände, darüber Gesichter. Einer der Inspektoren klopft mit seinem Eisenprügel monoton Räder und Aufhängungen ab: Tok - dink! Tok - dink! Es muß ihm gehen wie den Frauen an den Scanner-Kassen im Supermarkt, denen das Piepsen bei jedem darübergezogenen Artikel auch nach Feierabend nicht mehr aus dem leeren Kopf kann. Im Windschatten der Fußgängerbrücke über die Gleise verkaufen Mütterchen mit Schürze über der Lederjacke, was sie entbehren können. Hierher verirren sich nicht viele Käufer, das Wetter ist schlecht, die Geschäfte gehen ebenso schlecht. Zwei ältere Frauen verlassen mit ihrem Gepäck den Zug. Beide tragen auf dem Rücken an breiten Segeltuchgurten selbst­gemachte Rucksäcke aus Blech, umfunktionierte Kanister oder Heringsfässer, das verzinnte Metall blinkt im kargen Licht des Nachmittags. Ein Mann mit Zigarette im Mundwinkel uriniert seitlich an die offiziell wirkende Blechbude mit der Auf­schrift petschatj. Das hat wohl was mit Zeitungen zu tun, und hinter der schmalen Fensterluke an der Vorderseite sitzt jemand in dem Büdchen. Anastas, unser Zugführer, schreitet die Wagen­front ab, mal wieder in Schlapkas und ohne Strümpfe, bevor die Lok, eine VL60, sich kurz eins pfeift, und der lange Zug sich schwer­fällig wie ein Schlachtschiff in Bewegung setzt. VL steht für Vladimir (Iljitsch) Lenin, heute bekanntester Toter Rußlands.

Der Abend kommt, und Tamara schneidet in ihrer Ecke mit dem Hackebeil rechteckige Scheiben vom rechteckigen Brot und stapelt sie zu rechteckigen Haufen. Die Idee, die Schnitten einmal diagonal zu zerteilen, wie das findige Würstchenverkäufer mit dem beigelegten pappigen Toastbrot auf deutschen Großstadtbahnhöfen tun, ist ihr bestimmt auch schon einmal gekommen. Aber kann man sich gegen russische Tradition auflehnen?

Njet! Wie es ganz Rußland tut, teilt sie die Brothäufchen mit entschlossenem Schnitt in jeweils zwei Hälften, jede für sich zu schmal, um noch etwas Sinnvolles damit anzufangen. Sie zum Beispiel mit Wurstscheiben belegen. Doch es gibt sowieso keine Wurst. Es gibt Brathuhn mit Kascha. Wem es seit dem Anfang dieses Berichts entfallen ist: Kascha besteht zum größten Teil aus Buchweizen­grütze. Das also hat Tamara in den beiden Taschen gehabt.

Transsib 9Mittwoch 10. Sep. 2003

Die zaghafte Sonne trifft auf einen sparsam gefärbten Himmel. In der Nacht haben wir die Orte Skovorodino, Magdagatschi, Schimanovsk, Svobodny und Belogorsk durchfahren. Bis auf die letzten zwei handelt es sich um Siedlungen oder Kleinstädte. Svobodny und Belogorsk sind Bezirkshauptstädte mit jeweils etwa 70.000 Einwohnern. Da hier kein Permafrost mehr herrscht, werden in den zugehörigen Rajons Weizen, Sojabohnen, Gemüse, Kartoffeln, Gerste und Mais angebaut. Und natürlich Buchweizen. Es gibt fleischverarbeitende Betriebe, eine Groß­bäckerei, Fabriken für Butter und Teigwaren sowie eine Brauerei. Und es gibt die Bahn mit ihren Aus­besserungs­werken. Von den 30er bis in die 50er Jahre befanden sich in Svobodny die Verwaltung der Amurbahn sowie das Stabsquartier des BAMLag, eines der berüchtigten Lager der „Hauptlagerverwaltung“ (Glavnoje Upravlenije Lagerej, GULAG). Seine Insassen, zumeist politische Häftlinge, wurden zum Bau der Baikal-Amur-Magistrale heran­gezogen. Diese, kurz BAM genannt, ist eine Eisenbahnverbindung in Sibirien von Ust-Kut bei Krasnojarsk nach Komsomolsk am Amur. Sie ist 3145 km lang und verläuft nördlich der Trans­sibirischen Eisenbahn parallel zu dieser durch das Stanovoj-Gebirge. Svobodny ist außerdem ein bedeutendes militärisches Zentrum mit einer Reihe entsprechender Objekte in der Umgebung. Etwas nördlich der Stadt befindet sich zum Beispiel das Kosmodrom Svobodny, von wo Satelliten ins All geschossen werden. Schade, daß wir das alles verschlafen haben.

Es ist Zeit zum Frühstücken. Auf dem langen Marsch zum Speisewagen wird unsere routinemäßig die zehn Waggons durcheilende Gruppe stets vom selben alten Mann auf dem Gang erwartet, der begierig ist, an uns wieder mal sein etwas eingerostetes Deutsch zu erproben. Er war in deutscher Kriegsgefangenschaft und danach lange Jahre im Gleisbau auf der Transsib beschäftigt. Jeder hat für ihn ein nettes Wort. Im Gang spielende Kinder bekom­men wieder Gummibärchen, dicke Männer ziehen wieder ihre Bäuche ein, wenn wir vorbei­eilen, und die provodnizas an den Samovaren beim Ende der Waggons stellen ergeben seufzend für zwei Minuten das Heizen und Zapfen ein, bis unser Trüppchen vorüber ist.

Heute wird gefeiert. Ilse, die kleine, zarte Frau des großen älteren Herrn, der sich auf seiner Visitenkarte als „Privatier“ bezeichnet, hat Geburtstag. Sie bekommt ein von Stephan getuschtes Aquarell und eine Urkunde, auf der ihr die erfolgreiche Durchquerung des sibirischen Subkontinents bescheinigt wird. Vom unteren Rand des Blattes baumeln an Fäden viele kleine Schiffchen, Flugzeugchen und so weiter herab. Oh, sagt meine Zweitbeste, wie schön, und ich gönne ihr einen grimmigen Blick.

In der kleinen, launigen Ansprache, gehalten von Helmut, von dem eben noch getuschelt wurde, er sei heute Nacht auf dem Gang beim schuri-muri mit Christine überrascht worden, und das auf nüchternen Magen, wobei schuri-muri etwa mit Techtel-Mechtel zu übersetzen ist, in dieser Ansprache also fällt wie absichtslos einige Male das Wort „Buchweizengrütze“, und bei jeder Erwähnung zuckt der schweizerische laufende Meter alias Kotzbröckchen II schmerzlich zusammen, von uns anderen hohnbelächelt. Indes ist es keineswegs absichtslos, denn Helmut übergibt an Ludmilla, und die verkündet mit strahlenden Kinderaugen eine Überraschung: zum Frühstück gebe es zur Feier des Tages ein uraltes sibirisches National­gericht, nämlich - - jawohl, erraten. Aber süß, ähnlich Milchreis. Gar nicht übel, wirklich. Bin gespannt, wann „alles Müller oder was“ Milchbuchweizen ins Angebot übernimmt (ich habe dieses Wort kursiv gesetzt, weil es erst noch der Erfindung harrt, und somit m.E. den Fremdwörtern zuzurechnen ist). Danach knallen endlich die Pfropfen des spendierten Schampansky. Da der knappe Schweizer keine Grundlage im Magen hat, und zudem heftig dem gesponserten Getränk zuspricht, ist er nach kurzer Zeit beträchtlich angeheitert und würde jetzt sogar vom sibirischen Nassenallgerücht kosten - doch Juri hat bereits alle Schüsseln abgeräumt. Nicht ohne den heiter am Tisch schwadronierenden Eidgenossen mit einem mißbilli­genden Blick und dessen volle Schüssel mit einem zweiten zu bedenken.

Über Oblutschje, unserem ersten Stop an diesem Tag, hat sich die zaghafte Sonne von heute Morgen erfreulich entwickelt. Der Zug nimmt etwa zwanzig Minuten Aufenthalt, so daß sich ein längerer Spaziergang empfiehlt. Wie so oft sieht man von der etwa 12.000 Einwohner umfassenden Stadt nichts, der Schienenstang samt Bahnhof liegt in einer Klinge, darunter versteht man ein nicht sehr tiefes Tal mit steilen Hängen. Wir befinden uns hier bereits im Jüdischen Autonomen Gebiet, ich komme noch darauf zurück. Der Bahnhof ist in seiner ausnehmenden Häßlichkeit schon fast wieder interessant. Man hat – wie so oft in Rußland – das genommen, was gerade zur Hand war und versucht, das an sich nicht mal so häßliche Gemäuer damit zu verschönern. Zur Hand waren neben einigen Dosen Silberbronze mehrere Eimer einer Farbe, wie man sie zum Anstrich von Schwimmbecken oder Aquarien verwendet, um dem Wasser darin den Anschein einer intensiv blauen Farbe zu geben. Beides überzieht nun wie die warzige Haut eines bösen Geistes das gesamte Anwesen und macht das helle Gebäude mit der wunderbaren Freitreppe davor zu einem Alptraum – kaschmar nennt das der Russe.

Transsib 10Der, wenn er Fahrgast der Transsib ist, hier seinen Reiseproviant aus einem bemerkens­wert vielfältigem Angebot von Speisen und Getränken ergänzen kann. Alles sieht lecker und appetitlich aus und ist für wenige Rubelchen zu haben. Den Reisenden erwarten bulotschki (mit Marmelade gefüllte, in Schmalz gebackene Brötchen), Tomaten, agurets (Bravo, sehr gut aufgepaßt!), hartgekochte Eier, eingelegte Pilze, Erdnüsse, süßsaure Rote Bete mit smetana (Sahne), verschiedene mit viel Dill und Petersilie angemachte Salate, Schmalzgebackenes und was derlei Leckereien mehr sind. Die Händlerinnen werden immer jünger, und die Schürzen ähneln mehr und mehr jener, die unsere Tamara zum Einkaufen und Auftragen der Suppe trägt. Mag sein, sie entstammt dieser Gegend. Zumindest aber ihre blaue Schürze.

Im Bahnhofsbereich ist ein Gleisbauzug bei der Arbeit, routinemäßig müssen Schienen gewechselt werden. Loks rangieren Waggons hin und her, es herrscht ein unbeschreiblicher Lärm, und die Luft ist blau vom Dieselqualm. Mit knatternden Druckluftschraubern lösen Arbeiter die Muttern der Gleishaltekrallen, ein Wagen mit Kranausleger nimmt die alte Schiene auf, leitet sie über Laufrollen nach hinten auf einen Anhänger, holt von einem anderen die neue Schiene und verlegt sie im selben Arbeitsgang neu.

Der alte Mann aus dem Zug ist zu mir getreten, weil er sieht, daß ich fotografiere, und erklärt mir alles. Früher, sagt er, haben wir alles von Hand verlegt, mit Kettenzügen die Kraft vervielfachend. Häufig gab es Unfälle, zum Beweis zeigt er mir seine schwielige Hand, an welcher der Daumen ganz und der Zeigefinger bis zur Mitte fehlen. Schau Jungchen, sagt er (gerade bin ich 61 geworden) und deutet auf ein Kettenfahrzeug auf dem Hebewagen, damit räumen sie Felsen von den Gleisen. Das Ding fährt wie ein Wiesel über Schotter, Stock und Stein. Wir haben dazu nur lange Brechstangen gehabt.

Und in Deutschland, frage ich ihn, weil er mir nicht von der Seite weicht. Ach, da hab ich’s gut gehabt. War beim Bauern, zusammen mit zwei Polen. Die Deutschen (er spricht es „Deitschen“) waren besser zu mir als die elenden Polacken. Und dann zu zweit. Kannst dir ja denken, Jungchen. Aber die Deutschen waren gut zu mir, wenigstens die zwei Alten. Die Jungen waren ja alle im Krieg oder bei der Munitionsfabrik. – Merkwürdig, er sagt, die Jungen waren im Krieg. Und wo befand sich das übrige Deutschland, das zum Schluß durch die alliierten Bomber von allen Seiten beharkt und beschossen wurde? Ich frage ihn danach.

Es war meine beste Zeit, sagt er. Ich war jung und konnte zupacken, und auf dem Hof gab es immer satt zu essen. Alles andere hat mich nicht interessiert. Fünfundvierzig, als meine Leute mich befreiten, ließ Stalin uns alle ins Straflager stecken, als Volksverräter. Weil wir für den Feind gearbeitet und dadurch den Sieg der gerechten Sache verzögert hätten, hieß es. So kam ich nach Komsomolsk zum Gleis­bau an der BAM. Und da blieb ich, auch als Chruschtschov uns nach Stalins Tod rehabilitiert hatte. Wo sollte ich denn hin. Eigentlich stamme ich aus Bikin, da wohnt noch ein Bruder von mir, den ich jetzt besuche. Übermorgen wird er Achtzig. Himmel, Jungchen, wie die Zeit vergeht! Bevor er sich abwendet und zu seinem Waggon geht, klopft er mir auf die Schulter.

Ich, das Jungchen, habe dem nichts entgegenzusetzen. Noch nie zuvor hat es in Deutsch­land eine fast sechzig Jahre währende Zeit ohne kriegerische Auseinandersetzung gegeben. Ich denke, geschuldet der Furcht vor dem grausig kaltschnäuzigen Gespenst der „Fort­setzung der Politik mit anderen Mitteln“, dem im Zweiten Weltkrieg weltweit sechzig Millionen Menschen zum Opfer fielen. Das deutsche Volk war zutiefst am Boden und hat seither fast zwei Generationen lang solch menschenverachtende Sprüche und damit das Hochkommen entsprechender Machtpolitiker aus wehem Erleben nie wieder zugelassen. Aller­dings würde ich keine Wette darauf abschließen, wie lange das noch anhält, nachdem die Generation, die das alles noch erlebt hat, hinweggestorben ist. Ich selbst rechne mich dazu.

Von einer Fußgängerbrücke über die Gleise lichte ich unseren Zug bis nach vorne zur Lok hin ab: ein Monstrum. Dabei befinden sich hinter mir und der Brücke noch mindestens fünf weitere Waggons, unserer ist noch immer der letzte. Auch nebenan die Güterzüge sind kaum kürzer. Die Händlerinnen zählen die Einnahmen und räumen ihre Standplätze. Je nach Ergebnis zufrieden pfeifend oder bitter die Lippen schürzend. Galina hebt das gelbe Fähnchen. Der Zug ruckt an, langsam und auf neuen, leisen Schienen kommt er in Fahrt. Auf den Weichen knurren wie eh und je die Drehgestelle. Kurz danach hat uns die Landschaft wieder, seit Mogotscha nicht mehr Ostsibirien und Taiga, sondern von nun ab Fernost mit Sümpfen, weiten Grasflächen und Eichenwäldern.

Transsib 11Am Himmel türmen sich Wolken, die Sicht reicht anfangs weit in blaue Ferne, dann bezieht sich der Himmel, und alles Sehen erstickt im Dunst der grasbestandenen Ebene. Bislang sind wir parallel zum vierzig Kilometer weiter südlich in gleiche Richtung fließenden Amur gefahren, Grenzfluß zwischen Rußland und China. Von hier schlägt er einen weiten Bogen nach Süden und findet erst wieder bei Chabarovsk an die Transsib, dann aber hautnah, indem diese ihn auf einer langen Eisenbrücke quert, bevor sie in die größte Stadt des Fernen Ostens einläuft. Zuvor jedoch kommt Birobidzhan.

Nach der Machtübernahme durch die Bolschewisten überlegte man, wohin mit den lästigen russischen Juden. Stalin wollte sie in die Ukraine und auf die Krim aussiedeln, doch dort regte sich angesichts dieses Plans massiver Widerstand der vorhandenen Bewohner. Also suchte man einen Landstrich ohne Bewohner – und fand ihn in der extrem menschen­feind­lichen Region zwischen Bureja-Gebirge und Amur: barbarisch kalte Winter, kurze, feuchte Sommer und Sümpfe hatten hier bislang jede menschliche Ansiedlung verhindert. Dorthin schickte man die Juden. Versprach ihnen Land, bezahlte die Passage mit der Bahn samt Verpflegung unterwegs, versprach ihnen ein Handgeld von 600 Rubeln – und glaubte, sie los zu sein. Das war 1927, mehr als zwanzig Jahre vor Gründung des Staates Israel, in jenen Jahren herrschte große Hungersnot in der UdSSR, was viele Juden bewog, hierher ins Gelobte Land zu ziehen. Kaum jemand kam hierher, um seinen Glauben zu pflegen, die meisten Umsiedler trieb der schiere Hunger. 1934 bestätigte Stalin das Jüdische Autonome Gebiet, aber da hatten viele der einstmals 41 000 siedlungs­willigen Juden der Region bereits wieder den Rücken gekehrt. 1938 waren es noch 13 000, heute schätzt man den jüdischen Anteil der 87 000 Einwohner von Birobidzhan auf etwa 3 000. Man sagt, viele von ihnen wüßten nicht einmal, wo sich die einzige Synagoge der Stadt befinde. Das Bahnhofs­gebäude von Birobidzhan zeigt jedoch nach wie vor den Namen der Stadt sowohl in kyrillischer wie auch in hebräischer Schrift. Der Zug hält hier nur zwei Minuten, es lohnt nicht, auszusteigen, Galina I gibt gar nicht erst die Tür frei.

Der Himmel verliert mehr und mehr an Bläue, es trübt sich ein. Meine Zweitbeste vertreibt sich die aufkommende Trägheit mit Lesen. Bis Chabarovsk bleibt Zeit, noch ein wenig über unser Beförderungsmittel zu erzählen. Jeder Zug umfaßt mindestens sieben, höchstens jedoch einundzwanzig Waggons, stets mit obligatorischem Gepäck- und Speise­wagen. Unser derzeitiges Domizil befindet sich noch immer ganz am Ende der dreizehn Wagen langen Kette, mit Lok dürfte der Zug eine Länge von dreihundert Metern erreichen. Jeder Waggon ist in neun Vier-Bett-Abteile aufgeteilt, die durch den seitlichen Gang zu erreichen sind. An jedem Waggonende befindet sich ein Waschraum mit Toilette, welcher in der Regel zweimal am Tag gereinigt wird. Da die Waschbecken aus rostfreien Edelstahl bestehen, können sich Bakterien nicht sonderlich gut halten. Meist fehlt jedoch ein Stöpsel. Im hinteren Waggonbereich zwischen Wasch­raum und erstem Passagierabteil liegt das Dienst­abteil der beiden Schaffnerinnen. Ihm gegenüber hinter Klappen in der abgeteilten Ecke des Ganges summt das Heißwasser im Samovar. Heißwasser heißt kipjatok, und wenn man sich vorher durch eine kleine Aufmerksamkeit, wie einem Fläschchen Parfüm, bei einer der provodnizas eingeschmeichelt hat, füllt sie einem vielleicht sogar ein leeres Gurkenglas mit kipjatok, womit man sich im Waschraum eine komfortable Dusche verabreichen kann, denn dieser hat ein Loch im Boden. Im Normalfall ist der Inhalt des Samovars aber eher für Fertig­süppchen und Tee vorgesehen.

Apropos vorsehen - der Waschraum verdient eine eigene Betrachtung. Er ist nicht eigentlich schmutzig, sondern ganz einfach der - nach dem Raucherperron - stinkigste Ort im Waggon. Jener neben dem Abteil unserer zwei Galinas scheint noch am reinlichsten. Wer mag schon neben einem Stinkloch wohnen. Drinnen ist alles außer den Wänden und der Klobrille aus Edelstahl. Halt, das Toilettenpapier auch nicht, aber meistens ist sowieso nichts da. Denn daß nichts da ist, ist ziemlich sicher. Als sicher kann auch gelten, daß beide Stätten immer dann besetzt sind, wenn man drauf will. Oder daß sich der Zug in der Nähe einer größeren Ortschaft befindet, dann dürfen sie nicht benutzt werden und sind abgeschlossen. Am besten versucht man es nachts um Vier zwischen zwei dreihundert Kilometer voneinander entfernten Städten. Auch dann sollte man möglichst eigenes Papier dabeihaben.

Es haust sich recht kommod auf den Örtchen. Nur wenn der Lokführer bremst, wird es ungemütlich. Dann hat man besser gerade eine Hand frei, um sich abzustützen, was nicht immer möglich ist, das liegt in der Natur der Geschäfte, die man dort tätigt. Das Fenster läßt sich natürlich, wie alle anderen im Waggon, nicht öffnen. Es sei denn, man ist im Besitz des berühmten russischen Bahndreikantschlüssels, mit dessen Hilfe so ziemlich alles an und in den Waggons verschraubt und befestigt ist, und mittels dessen sich auch Fenster und verschlossene Abteiltüren öffnen lassen. Sämtliche eingetragenen Mitglieder der russischen Mafia besitzen einen. Manche Schaffnerin verliert den ihren unbemerkt im Gang, nachdem man ihr zum Andenken das Portrait Alex Hamiltons verehrt hat. Auf einer Zehndollarnote.

Eine echte Herausforderung für jeden Technikfreak stellt in unserer an wirklichen Abenteuern so armen Gegenwart der Wasserhahn über dem Edelstahl­waschbecken dar, in das nicht einmal ein verschwitzter Fuß paßt. Der gehört da aber auch gar nicht rein. Denn man kann nicht gleichzeitig den Fuß waschen und einen Knopf am Hahn drücken. Das aber muß man, falls das Naß rinnen soll. Wer zum Henker diesen Knopf unten neben dem Auslauf angebracht hat, wird sich kaum mehr ergründen lassen, verflucht sei er jedenfalls in alle Ewigkeit! Drückt man nämlich diesen Knopf gegen den Druck einer Feder in den Hahn hinein, so besteht hohe Wahrscheinlichkeit, daß man gleichzeitig den Auslauf mit einem der vier übrigen Finger verdeckt und abdichtet. Was dann passiert, kennt jeder, der schon mal das Ende eines Gartenschlauchs zwar nicht ganz, aber doch fast zuge­halten hat: der Strahl entwickelt plötzlich eine ungeheure Reichweite. Dieser verdammte russische Wasserhahn aus Sachsen-Anhalt tut es ihm nach.

Mit der Feststellung, daß – wie gesagt - zwar kein Stöpsel da ist, dafür aber gleich zwei verhärmte Stück echt russischer Kernseife das Seifenschälchen füllen, will ich diese Betrachtung über den genius locus der Transsib beschließen. Andere Probleme: man sagte mir, die unteren beiden Betten im Abteil ließen sich einige Zentimeter herausziehen. Ich habe es versucht, ebenso den besonderen Trick, mit dem man die Tür verriegeln kann: nje rabotajet. Dieses „es funktioniert nicht“ ist in Rußland vielseits verwendbar, man sollte es sich merken. Das unvorteilhafteste Abteil im Wagen ist das äußerst vorne zum Vorraum hin gelegene. Hier sind nämlich Toilette, Mülleimer und Raucherecke ganz in der Nähe – wie man sehr bald feststellen wird. Neben verschiedensten unangenehmen Gerüchen hat man dort auch unter dem lautstarken Türenknallen rücksichtsloser Passagiere zu leiden, wenn man nicht gerade der letzte Waggon ist, wie wir. Jedenfalls: in diesem Abteil wohnt der Kotzbrocken.

In den Abteilen selbst gibt es keinen Stromanschluß. Dafür stehen im Waschraum und davor jeweils eine Steckdose mit 110 oder 220 Volt zur Verfügung. Wer sich elektrisch rasieren will, muß bei einer der Galinas den Apparat vorweisen und nje rabotajet sagen. Dann öffnet diese ein Kästchen an der Wand, legt einen Kippschalter – die Sicherung – um, worauf es eigentlich für eine Weile funktionieren sollte. Da man davon ausgehen kann, daß die Sicherungen immer herausgesprungen sind, wenn man eine Steckdose braucht, macht man keinen Fehler, wenn man ohne Überprüfung gleich zur Galina geht und nje rabotajet sagt. Ich ahnte, daß es in der Transsib Schwierigkeiten mit dem Aufladen der Akkus geben würde, und hab ich mich daheim bei Aldi noch reichlich mit Batterien für meine Kamera eingedeckt, die ich nun, Satz für Satz, verheize.

Daß Rauchen in den Abteilen und auch im Korridor strikt verboten ist, erwähnte ich bereits. Wer sich dennoch hinreißen läßt, wird den Rauchmelder an der Decke sowie die beiden Galinas – oder wie immer sie bei ihm heißen mögen - in ihrem Dienstabteil aktivieren - ich würde niemandem empfehlen, sich mit einer russischen prvodniza anzulegen.

Transsib 12Draußen kommt Wasser in Sicht, viel Wasser: es ist der Amur, über mehr als tausend Kilometer Grenz­fluß zwischen Rußland und China. Bei Oblutsche hatten wir uns ihm schon einmal bis auf dreißig Kilometer genähert, nun überqueren wir ihn auf der mit 2612 Metern längsten Brücke der Transsib. Sie ist eingleisig und als zweistöckige genietete Stahlkon­struktion ausgeführt. Ich stehe auf dem hinteren Perron unseres Waggons und schaue aus dem rückwärtigen Fenster. Links und rechts fliegen an mir die Stahlträger vorbei und formen einen in der Tiefe sich perspektivisch verjüngenden Tunnel, dessen entfernter Eingang, durch den wir eben kamen, nur noch die Größe eines Mauselochs zu haben scheint. Darüber, in zweiter Ebene, befinden sich Fahrbahnen für den Autoverkehr über den Fluß.

Chabarovsk liegt am Zusammenfluß von Amur und Ussuri, der von nun an für weitere 350 km die Grenze bilden wird. Die Stadt präsentiert sich durch einen wunderbar mit grünen Walm­dächern wieder hergerichteten Bahnhof am Stadtrand. Als unser Zug hält, ist ein Großteil von ihm noch eingerüstet und steckt unter Bauplanen. Darunter wird fleißig an ihm gearbeitet. Die Stadt selber wurde 1858 als militärischer Stützpunkt gegründet, geht aber auf einen bereits im 17.Jh. errichteten militärischen Außenposten zurück. Dennoch war sie nie geschlossene Stadt wie Vladivostok. Sie ist – noch vor dieser ungleich bekannteren – mit etwa 700.000 Einwohnern die größte und älteste Stadt östlich des Baikal. Auch flächenmäßig kann ihr die Konkurrentin im Süden nicht das Wasser reichen. Der Umstand, daß sie auf drei langgezogenen Höhenrücken erbaut ist, nährte in früheren Zeiten die Legende, daß sie auf den Buckeln dreier Walfische schwimme.

Unser Aufenthalt in Chabarovsk währt etwa eine halbe Stunde, genügend Zeit, einen Blick in den Bahnhof und die Stadt dahinter zu werfen. Wenn nicht ... ja, wenn nicht die beiden ellen­langen Züge zwischen uns und dem Bahnhofsgebäude stünden, ohne jede Möglichkeit zum Über­schreiten der Gleise: der Lotus nach Harbin in China, und der Okean aus Vladivostok, beides firmennyj poesd, also durch Privatgesellschaften betriebene und ihres Services wegen berühmte Züge. Zudem fängt es an zu nieseln. Da scheint es ratsamer, in der Nähe zu bleiben und ab und an einen Blick auf die vor unserem Waggon wachende Galina I zu werfen. Auf der anderen Seite des Bahnhofs steht wahrscheinlich doch wieder nur V. I. Lenin mit seiner Patschkapp in der Hand und weist versteinert auf ewig den Bewohnern der Stadt Wege in eine längst abgebrochene goldene Zukunft. (Eben nicht! Da steht nämlich in Bronze Jerofei Chabarov, ein Bauer aus der Volodga-Region und späterer sibirischer Händler, der 1649 mit seinen Kossäten und eisernen Pflügen an den Amur kam und damit begann, das Land urbar zu machen. Nach ihm ist die Stadt benannt. Ätsch!)

Also gut. Dann eben nicht Lenin. Leise beginnt es zu regnen. Schon dadurch reizt nichts mehr zu weiterer Erkundung. Wagen werden an- und abgekoppelt, rangiert, verschoben und an andere Züge angehängt. Auch wir bekommen hinten dran zwei neue Waggons und sind von nun ab nicht mehr letzter. Bahnarbeiter in orangefarbenen Westen kuppeln Schläu­che und Haken, Inspektoren beklopfen Räder und Aufhängungen - Tok - dink! Tok - dink! -, alles zusammen­genommen gibt es also genug zu sehen, um die Haltezeit kurzweilig zu verbringen. Ein jäher Schauer, der aus plötzlich geöffneten Schleusen des Himmels stürzt, treibt alle in die Züge. Als unserer sich in Bewegung setzt, ohne vorheriges Pfeifen oder eine Durch­sage aus Lautsprechern, fallen mir die pfützendurchzogenen Schlammpisten des Sand­wegs entlang der Bahn und die wellblechgedeckten Hütten und Baracken daran auf. Im Hintergrund mache ich durch regennasse Scheiben die eigentlichen Wohnviertel der Stadt aus: klotzförmige Hochhäuser, Plattenbauten vom Charme eines Schuhkartons, versteinertes sowjetisches Gleichmaß – durch Regenschlieren betrachtet wirken solche Viertel doppelt depri­mierend. Unterhalb des Bahndamms, vom grüngesäumten Sandweg der Holzhütten­siedlung, winken mir Arme unter Regenschirmen hervor zu. Dieses grüne Idyll, denke ich, keine fünfhundert Schritte vom Bahnhof einer Großstadt entfernt – wie lange wird es noch bestehen? Chabarovsk – kein Zweifel – ist die aufstrebende Stadt in Fernost.

Ein Bilderbogen weiter Landschaften unter hohen Himmeln zieht am Zug vorbei. Er über­quert Zuflüsse des Ussuri auf seit Irkutsk immer gleichen Brücken, einfallslos aus der Schub­lade von Fünfjahresplan und Partei gezogen. Die Partei, die Partei, die hat immer recht ... Über den Himmel jagen Wolken, das ebene Land darunter hüllt sich in unwirkliches Licht und kleidet sich darin – eine schöne Braut. Bald jedoch saugt der wirbelnde Wind wieder Bläue aus dem Äther, mischt erneut die Farben und schickt sich an, einen Ort zu vergolden: Vjasemskij – ein Kaff mit nicht mal 20.000 Einwohnern, Aufenthalt eine Viertelstunde.

Bahnhof Bikin (Transsib 13)Hier stehen wieder die Händler. Von Babuschkas mag ich nicht sprechen, denn zum ersten Mal sind auch ein Mann, junge Frauen und sogar ein Mädchen darunter. Der Kerl verkauft geräucherten Lachs und roten, grobkörnigen Lachsrogen – zwar nicht den schwarzen Kaviar vom Beluga, aber eine ähnliche Delikatesse. Im Angebot auf den Tischen, Klappböcken, Hockern, Pappkartons und Kinderwagengestellen sind die üblichen, schon beschriebenen, russischen Leckereien, bereichert um lokale Spezialitäten. Dies ist bei weitem der umfäng­lichste Markt bisher. Es wird gehandelt und geschachert, bis die provodnizas dem Lokführer das entwickelte gelbe Tuch zeigen, als Zeichen zur Abfahrt.

In Bikin, dem letzten Halt vor der Dunkelheit, steigt nur der alte Gleisarbeiter aus, der hier seinen Bruder besuchen will, einen der 19.000 Einwohner. Unter dem Gewicht seiner Reise­tasche gebeugt schlurft er bedächtig dem Ausgang zu, die große Wasserlache davor weit­läufig umkurvend. Niemand sonst steigt aus, niemand ein. Im Fensterbogen über dem Ausgang des erst vor kurzem neu mit verzinktem Blech eingedeckten klassizistischen Gebäudes in kaiserlichem Gelb funkelt das Gold der tiefstehenden Sonne. In diesem herrlichen Abend­licht erscheint es mir als einer der schönsten Bahnhöfe der Transsib. Nur ziemlich sowjetisch heruntergekommen.

Der wartenden Stationsvorsteherin gesellt sich ein schnauzbärtiger Mann hinzu. Beide sind gleich korpulent und scheinen, wie sie da stehen, einander auf eine sehr private Weise zugeneigt. Die Frau ist rothaarig, gefärbt, wie fast alle weiblichen Angestellten der russi­schen Eisenbahnen. Über einem auf dem Nebengleis wartenden Güterzug geht die Sonne unter, gleich werden beide allein sein. Traversen, Fahrdrähte und Isolatoren über den Gleisen bilden gegen das Licht filigran schwarze Scherenschnitte. Kurz nachdem der Zug die Station Bikin verlassen hat, überquert er im Abendrot den gleichnamigen Fluß und Traban­ten des Ussuri: ein kaum beschreiblich schönes Bild, wie die späte Sonnenglut da in Bergen, Wald und Wasser sich spiegelt und zu versinken scheint.

Für heute Abend nach dem Speisewagen sind wir im Abteil der Kleins verabredet. Sie haben bei der Auslosung eins der wenigen Erster-Klasse-Abteile ergattert, wohnen aber kaum anders als wir, nur die oberen Betten fehlen bei ihnen. Im Verlauf der Reise sind wir Ehepaare uns näher gekommen und so etwas wie Freunde geworden. Jarmila ist Tschechin, Jürgen stammt aus dem Ruhrpott, wo sie beide auch wohnen. Nu herr, sagt Jarmila, ich bin Tschechin. Was soll ich in Ruhrpott? Man hadd mirr zurr Geburt so wunderbaarre Stadt geschenkt, Prrag! Und dann mus ich läbän in Ruhrpott, wo hat keine Geschichtä und kein Gesicht – ach gäh! Hinter vorgehaltener Hand gestehe ich, daß ich Jarmilas Sprache und damit sie selbst ins Herz geschlossen habe. Es gibt, sagt Jürgen –

Es gibt Kaviar, Beluga, den teuren schwarzen. Jürgen hat ihn am Bahnsteig in einem Plastikdöschen erstanden, anschließend Ludmilla gefragt, ob der sich bis zu Hause halte, worauf die erwiderte, sicherer wäre, ihn lieber gleich zu verzehren. Und so verzehren wir ihn also. Mit dem Taschenmesser gräbt Jürgen die schwarzen Körnchen aus der Dose und verteilt sie auf beim Abendessen im Speisewagen organisierte Brotscheiben. Meine Zweit­beste hat in Vjasemskij eingelegte Gurken besorgt, die vorzüglich zu Kaviar passen. In einer Erzählung von Heinrich Seidel taucht im Zusammenhang mit einem frugalen Mahl des Erzählers mit seinem Titelhelden „Leberecht Hühnchen“ der etwas wunderliche Begriff schlampampen auf. Es dreht sich um ein weich gekochtes Ei, bei dessen Anblick Leberecht ins philosophieren über dessen Inhalt verfällt. Dieser Ausdruck kommt mir immer in den Sinn, wenn ich vor ein paar einfachen Köstlichkeiten sitze, im Begriff, sie zu verzehren. Gurken und Kaviar gehören unbedingt dazu, auch Bier und Wodka, die ich bei Ljudmila Grosnij im Speisewagen gekauft habe. Und so schlampampen wir, stilecht.

Solange, bis der weiße Mond als rundes Ei dicht über den Bergen im Osten schwebt. Gegen halb Zehn halten wir noch einmal in Dalneretschensk. Es wird ein kurzer Stop von zehn Minuten. Die dicke Galina II steht vor dem Waggon und pafft eine Zigarette. Wenn sie zieht, leuchtet ihr Gesicht kurz im Widerschein rötlicher Glut auf. Ich mache ein Foto von ihr und zeige es ihr auf dem kleinen Bildschirm. Eto ja – tutschnyj, sagt sie und zieht an der Zigarette. Im Aufleuchten ihres teigigen Gesichts sehe ich, daß sie breit lächelt. Das bin ich – fett, hat sie gesagt. Und freut sich darüber. In Rußland müssen nur die jungen Mädchen dünn und schlank sein. Bis zur Hochzeit. Dann werden sie von ihren Männern mit Schokolade und Pralinen gemästet, bis sie sich trauen, ihre Eheweiber richtig anzufassen.

Bis Vladivostok sind es noch gut acht Stunden. Wir steigen ein, und als der Zug über die letzte Weiche aufs Hauptgleis rumpelt, und die Drehgestelle stöhnen und knurren, liege ich längst in der Koje und träume von dem schönen Wort schlampampen.

Donnerstag 11. Sep. 2003

Gegen ein Uhr werde ich kurz wach, blinzele aus dem Fenster - wir stehen. Auf dem Bahnsteig quirlen Menschen durcheinander. Der Bahnhof ist in unwirkliches Licht getaucht und scheint mir, benommen vom Schlaf, mit seinen klassischen Säulen einem Tempel der Pallas Athene gleich - wenn nicht gar dem Schloß einer wundersamen Fee. Seine Farbe deute ich als strahlendes Weiß. Leider bin ich zu müde oder träge, mich zu erheben und nach der Fototasche zu angeln. Drehe mich statt dessen seufzend zur Wand und bin gleich darauf wieder in Schlaf versunken. Später muß ich mir anhand MOZ (Moskauer Ortszeit) und LOZ (lokaler Ortszeit) sowie des Fahrplans mühsam rekonstruieren, daß es der Bahnhof von Ussurijsk gewesen sein muß, der mir wie ein Feenschloß in dunkler Nacht erschien.

Diese Stadt mit heute 160.000 Einwohnern wurde in ihrer Geschichte - ähnlich Sankt Petersburg - vielfach umbenannt. 1897 als Nikolskoje zu Ehren des Zarevitsch Nikolai Aleksan­dro­vitsch gegrün­det, behielt sie diesen Namen nur ein Jahr, bevor man ihn militärisch knapp in Nikolsk abkürzte. 1926, unter den Bolschewiken und zwei Jahre nach Lenins Tod, verlieh man ihr den Doppel­namen Nikolsk-Ussurijsk, den sie neun Jahre behielt. 1935 benannte man sie nach dem – neben dem verhaßten Dserzhinski -  Mitorganisator der berüchtigten Geheim­polizei Tscheka und späterem Marschall und Politiker der Sowjetunion, Kliment Jefremovitsch Voroschilov. 1953-60 Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjet (Staatsoberhaupt), fiel dieser wahr­scheinlich mitten in seiner Amtsperiode bei Stalin in Ungnade, der in allen vorher nach ihm benannten Städten (Altschevsk, Lugansk, Stavropol und auch Ussurijsk) seinen Namen tilgen ließ. Stalins Nachfolger Chruschtschov enthob Voroschilov nach Stalins Tod aller Posten. Und so heißt die Stadt seit 1957 bis auf weiteres Ussurijsk. Wie wäre es mal mit Putinsk? Meines Wissens gibt es noch keine Stadt dieses Namens. Vielleicht habe ich das Vorstehende ja alles auch nur geträumt. Wen interessiert schon das Namensschicksal eines 120.000-Seelen-Dorfes im Fernen Osten, zehn Zeitzonen von uns entfernt, nur weil sich ein unbelehrbarer Akribiker in dunkler Nacht dorthin verirrt.

Um vier Uhr werden wir durch Galina – I oder II? Shit, anyway! – durch kurzes Bummern an die Abteiltür geweckt. Gähnend packen meine Zweitbeste und ich unsere Sachen. Beide Waschräume sind besetzt, und keiner von uns zweien hat Lust auf eine Auseinandersetzung mit dem verdammten russischen Wasserhahn aus Sachsen-Anhalt. Jedenfalls nicht so früh am Morgen und schon gar nicht auf nüchternen Magen. Um halb fünf taucht rechterhand im Mondlicht schimmernd der Spiegel der Amurskij Buchta auf, in der Ferne ist China zu ahnen. Galina verschließt die Toiletten. Um Punkt fünf Uhr läuft der nun fünfzehn Waggons umfassen­de Zug No.8 in den Bahnhof von Vladivostok ein - ein lang erträumtes Abenteuer ist zu Ende, nach exakt 4.088 Kilometern mit dem Zug.

So ganz fasse ich es noch nicht.

Als alle Koffer auf einem Gepäckkarren verladen sind, wandert unsere Gruppe, Ludmilla folgend, müde den sich rasch leerenden Bahnsteig entlang zur Fußgängerbrücke, hinauf über die Gleise und wieder hinunter zum Bahnhofsvorplatz, an der Aleutskaja, wo der Bus mit Lydija, unserer örtlichen Führerin, wartet. Wäre Ludmilla ins Meer gegangen, wir wären ihr auch dorthin wie eine Herde schlafwandelnder Lemminge gefolgt. Der Bus ist ein japanisches Fabrikat mit dem Lenkrad auf der rechten Seite. Also inoffizieller Import, sonst wäre das Lenkrad links. Warum Japan damals den blöden britischen Spleen übernommen hat, auf der falschen Straßenseite zu fahren, weiß der Kuckuck. Auf der Fahrt zum Hotel gibt Lydija uns über die Buslautsprecher erste Informationen zur Stadt. Das Vier-Sterne-Hotel Versal (Versailles), wo wir für eine Nacht logieren werden, ist für russische Verhältnisse Spitzen­klasse mit Stuck, Plüsch, Pomp und funkelnden Kristalleuchtern aus längst vergan­genen böhmischen Hofglasbläsereien. Im Foyer eine Ausstellung örtlicher Kunstmaler, die mich trotz später –oder besser: früher – Stunde gefangen nimmt.

Hotel VersalHier, im Erdgeschoß, befand sich zu Beginn des zweiten Jahrzehnts des vergangenen Jahrhunderts eines der ersten Filmtheater der Stadt, die „Welt der Illusionen“. 1920 zog dort die Verwaltung des Primorskij Oblast ein. 1934 wurde das Versailles in Cheljuskin umbenannt, nach Leutnant Simon Cheljuskin, im 18.Jh. Entdecker und Seefahrer im russischen Eismeer, zu nennen in einem Atemzug mit Barents und Bering. Nachdem im Jahr 1988 ein Brand den westlichen Flügel des Gebäudes zerstörte, wurde es von 1992-93 unter chinesischer Leitung wieder aufgebaut, komplett restauriert und erhielt wieder seinen alten Namen, Versal. Heute residiert in einer Suite des Hotels Propst Manfred Brockmann, deutscher Honorar­konsul für die Region Primorje.

Umringt von übernächtigten Reisenden verteilt Ludmilla die Zimmer. Es ist kurz vor sechs. Obwohl in internationaler Übereinkunft die Zimmermiete mittags um zwölf beginnt, dürfen wir die uns zugewiesenen Räume schon jetzt beziehen und darin bis zum Frühstück um halb neun ruhen. Was weiter­schlafen bedeutet. Oder endlich eine heiße Dusche genie­ßen, wie ich es nach den Mühen von Baikal und Transsib vorziehe, während meine Zweitbeste angezogen auf ihrer Hälfte der Plumeaus den Rest der Nacht mit offenem Mund verschnarcht. Immer noch scheint der Boden unter den Füßen zu schwanken, man gewöhnt sich so rasch nicht um.

Sauber, bis über die roten Ohren erhitzt und entspannt bereite ich mir im hoteleigenen Kimono die erste heiße Tasse Tee aus dem „Jar Pot“ von Hitachi, einer Art japanischen Samowars, und nun endlich ist die Welt wieder im Lot. Offen gestanden, hab ich Komfort weder am Baikal noch auf der Transsib vermißt – doch nun genieße ich ihn. Alles hat ja seine Zeit, an diesem Spruch ist etwas Wahres dran.

Vladivostok steht uns nur an diesem einen Tag zur Verfügung, morgen geht es weiter. Also wird reingepackt, was nur geht. Angefangen mit dem kurzen Fußmarsch die Aleutskaja hin­unter, vorbei an der Fußgängerzone der Stadt, der Fokina, benannt nach einem Admiral, in das kleine Kafe von Maria Fedorovna im Souterrain eines Geschäftshauses, die uns hier um neun Uhr ein Frühstück ange­rich­tet hat. Es fehlt nichts, uns nach der kargen Vollverpflegung in Ljudmila Grosnijs Speise­wagen wieder ein genießerisches Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Sogar Kotzbröckchen haut rein. Die Zivilisation hat uns wieder. Auf dem Weg zurück zum Hotel, wo der Bus wartet, sowohl Ausblicke auf das versöhnliche Blau der Amurskij-Bucht im Westen nach China als auch in Hinterhöfe der Innenstadt. Gut, entlang der Aleutskaja wird gebaut, was das Zeug hält, aber dieses sowjetische Elend im Ursprung der Stadt, über achtzig Jahre vernachlässigt und ausgehöhlt, das grinst mit blätternder Farbe und bröckelnden Wänden aus den Hinterhöfen durch Toreinfahrten immer noch in das neue Leben aus Chrom und blauem Glas entlang einer der Hauptstraßen Vladivostoks.

Bahnhof VladivostokErste Station der Besichtigung ist der Bahnhof der Transsib, dessen Treppen wir heute Nacht nur im Dunkeln und müde am Rande als Hindernis beim Koffertragen wahrge­nom­men haben. Mit Zinnen, Türmchen und verspiel­ten Fassadenelementen 1994 außen und zwei Jahre später auch innen liebevoll wieder hergerichtet, kündet er vom Prunk des Zaren­reiches. Die Decke des Wartesaals schmückt ein Gemälde, das Rußlands Bemühen um Größe und Erschließung seines Herrschaftsbereiches zur Zeit Alexanders II. reflektiert. Von der Stirnwand schaut Peter der Große mit gerunzelten Brauen mißbilligend auf die Masse der Fahrgäste, die, in schwarzkunstlederne Sessel versunken, auf ihre Züge wartet. Filmen und Fotografieren von Bahnanlagen ist nicht gestattet, ich weiß es noch von Moskau, und jeder Uniformierte kann einem erhebliche Scherereien machen. Gegen Gebühr ist Filmen aber zumindest hier im Bahnhof erlaubt, doch wer weiß das schon, es steht nirgends angeschla­gen. Ich fotografiere heimlich, ohne Genehmigung.

Vor dem Bahnhof, an der Aleutskaja, rechts vom Postamt, droht grün patiniert Vladimir Iljitsch von seinem Denkmalssockel aus hellem Kalkstein – immer noch mit der Mütze in der Hand, mit der man, einem Sprichwort zufolge, durchs ganze Land kommt. Der hier kam nur dreißig Meter weit, ursprünglich stand er mitten auf dem Bahnhofsvorplatz. 1970 mußte er dem wachsenden Verkehr weichen und wurde einfach an den Rand des Platzes geräumt. Man redete sich heraus, dies sei aus Anlaß seines hundertsten Todestages geschehen, daher bekam er auch einen höheren Sockel. Taubendreck rinnt ihm weiß von der Stirn. Dieser Lenin entstammt übrigens der gleichen Form, die der Bildhauer V. Kozlov für die Statue vor dem Petrograder Smolny-Institut benutzte, welches 1917 Hauptquartier der Oktober­revolu­tio­näre  war.

Vom Wartesaal führt ein verspieltes Treppenhaus hinunter auf den Bahnsteig. Hier sammeln sich die Züge nach Norden, in das übrige Rußland und nach China. Gleich das erste Gleis belegt der Okean nach Chabarovsk, dessen Logo an jedem Waggonende wieder­kehrt: zwei springende Delfine. Man muß über die Brücke, um zum Obelis­ken auf dem anderen Bahnsteig zu gelangen, der den Endpunkt der Transsibirischen Eisenbahn markiert. Nach Moskau sind es von der gußeisernen Nadel, die der Doppeladler krönt, exakt 9288 Kilometer. 5.200 davon haben wir ausgelassen, anderer Abenteuer wegen. Bleiben immer noch die 4088 km von Irkutsk bis hier.

PazifikflotteEine Herde Japaner mit gelben Mützen treibt schnatternd an uns vorüber. Die Schirme ihrer Mützen erinnern an die gelbschnäbelige Ente Donald Duck. Ihre Sprache auch. Zwei Fußgängerbrücken führen über die Gleise zum Meeresbahnhof (Morskoj Vokzal) an der Bucht Goldenes Horn (Zolotoj Rog), wo wöchentlich das Fährschiff Antonia Nezhdanova nach Niigata in Japan anlegt. Die Reise dauert 42 Stunden. Von hier hat man einen weiten Blick über die im Sonnenglast glitzernde Bucht, in der die russische Pazifikflotte beheimatet ist. Massig und grau ankern die Schiffe vor der Korabelnaja, wo sich auch das Hauptquartier der Flotte befin­det. Rechterhand im Handelshafen ragen Kräne, Schornsteine und Masten: sogar ein Drei­master liegt hier, entweder ist es die Nadezhda, deren Eigner die Staatliche Marine Akademie Fernost ist, oder es handelt sich um die Pallada, die der örtlichen Fischerei-Hochschule gehört. Beider Schiffe Heimathafen ist Vladivostok. Zusammen mit ihren Schwesterschiffen Mir (Rußland), Druzhba und Chersones (Ukraine) sowie Dar Mlodziezy (Polen) wurden die stähler­nen Vollschiffe in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts als „Schulschiffe unter Segeln“ auf der Schiffswerft Gdansk (Danzig) in Polen gebaut.

Drei Kinder, Junge und Mädchen, beide zwischen zehn- und zwölfjährig und in kitschig der Historie nachempfundenen Kostümen, kommen auf uns zu und schleppen ihre jüngste Schwester zum Anlernen mit sich. Die Kleine ist an die sechs Jahre alt, und mit allen Dreien kann man sich fotogra­fieren lassen; natürlich gegen Bares. Hundert Meter weiter im Schatten sitzt die noch recht jugendliche Mutter der drei mit Stativkamera und Beispielbildern und erwartet ihre Kunden – uns. Bedauernd zucken wir die Achseln und winken ab: vor der Entwicklung der Fotos morgen früh werden wir bereits auf dem Flug nach Petersburg sein – njet, nitschevo njet, nein, geht überhaupt nicht.

 Noch einmal nehmen wir die Endstation der Transsib in all ihrer Schönheit von der Wasserseite in unser Erinnern auf. Seltsamerweise hat der Bahnhofsvorplatz auf der anderen Seite keinen anderen Namen als eben diesen: Vokzalnaja Ploschtschad. Lenin schaut auf den Beginn der Aleutskaja und scheint mit der ausgestreckten Rechten Trolleybusse und Straßenbahnen dorthin zu dirigieren. Am Postamt links vor dem Bahnhof kaufen wir Ansichtskarten und Briefmarken. Die Telefonmuscheln draußen vor dem potschtamt sind alle besetzt, nur Frauen. Weiß der Teufel, was die wem immer so furchtbar Wichtiges mitzuteilen haben. Frauen sind überkommunikativ - wenn es nur nach Männern ginge, würde die IT-Branche wahrscheinlich samt allen ihr anhängenden Gewerben sang- und klanglos eingehen.

Die Stadt liegt eingebettet zwischen Täler und Hügel. Am Postamt vorbei führen Treppen nach oben, zum Beispiel zur Tigrovaja. Die hat ihren Namen nicht von ungefähr. Einer der bemerkens­wertesten Bewohner des Primorskij Kraj (Provinz am Meer) ist nämlich der sibirische Tiger. Allerdings führt sein Name in die Irre, denn nur hier und weiter südlich bis nach China ist das Tier noch in nennenswerter Anzahl heimisch, im weiter nördlich gelegenen Sibirien ist es längst ausgerottet. Amba, wie der Tiger bei den Ureinwohnern der Region hieß, war durch alle Zeiten für sie ein mythisches Symbol, auch die späteren Eroberer schuldeten dem gefähr­lichen Tier den nötigen Respekt. Aus gutem Grund: zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts attackierte ein Tiger einen Nachtwächter am damals noch so benannten Semenovskaya-Hügel, mitten in der Stadt, wodurch dieser zu seinem neuen Namen kam: Tigrovaja Cholm, Tiger-Hügel. Und sogar noch 1986 verunsicherte eine Tiger­familie am waldumsäumten Stadtrand von Vladivostoks Norden den unmittelbaren Einzugs­bereich eines Wohngebiets: einige Wochen lang bildeten streu­nende Hunde des Viertels die Nahrung dieser Sippe, bevor sie wieder in den umliegenden Wäldern verschwand. Seit ihrer Gründung 1883 zeigt deshalb das Wappen der Stadt Vladivostok einen bergan stolzierenden Tiger. Heute nehmen Mütter sogar ihre kleinen rüschen- und schleifenverzierten Kindchen auf den Treppen an die Hand und mit auf den Tigerhügel, völlig unbesorgt. Der auch hier immer dichtere Autoverkehr treibt jede noch so wilde Bestie zurück ins tiefste Dickicht der Wälder. Lange Zeit haßerfüllt gehetzt und erbarmungslos gejagt, schätzt man die heutige Population des fernöstlichen Tigers In Rußland und China zusammen wieder auf annähernd sechshundert Exemplare.

Mit dem Bus fahren wir hinauf zum Aussichtspunkt Orlinoje Gnesto, dem Adlernest. Von diesem Hügel, 192 Meter über dem Meer, hat man eine grandiose Aussicht auf die Bucht Goldenes Horn und die vorgelagerten Inseln Russki und Popov, wie auch die Säume der Innenstadt. Seinen Namen gaben ihm die ersten Siedler, die hier beim Aufstieg auf den Berg einen Adlerhorst mit Jungen fanden. Wohin man schaut: Schiffe, Häuser, in der Ferne Dunst und Berge, Inseln im Meer. Gleich über der Straße, wo der Bus hält, ein paar Treppen hoch, verhakeln sich zwei Bögen aus altem, silbernen Holz geschnitzt in einander, lehnen sich vertraut einer an den anderen an – wer unter ihnen hindurchgeht, soll sich etwas wünschen. Niemand verspricht, daß es in Erfüllung geht. Prophylaktisch jedoch kann man daran glau­ben, es schadet zumindest nichts.

Der Tag wird heiß, die Stadt brutzelt  vor Hitze. Es ist eine feuchtwarme Schwüle, die einem den Schweiß aus den Poren treibt. Höher und höher steigt die Sonne und legt die Stadt in Feuer. Unter uns klotzig die Bergstation der Zahnradbahn, Funikuler, der einzigen Rußlands, die über 180 Meter eine Abkürzung der Treppen von der Puschkinskaja zur Suchanova bietet. Wir könnten mit der Bahn fahren, aber der Bus bringt uns rascher hinunter in die Puschkinskaja.

Nächster Boxen-Stop sind die Toiletten des Puschkin-Puppentheaters gegenüber der Tech­nischen Universität Fernost (FESTU), wo sich eine kleine Besprechung des dort aufgestellten Denkmals zu Ehren des landesweit geliebten Dichterfürsten Puschkin empfiehlt, wenn man schon mal da ist. Pikanterweise besteht es aus schwarz lackiertem Gußeisen, Puschkins Urgroß­vater war Hannibal, der Mohr Peters des Großen, ein abessinischer Neger. So durfte man damals die Schwarzen noch nennen. Von dort ist es nur ein Katzensprung den Hügel hinab zu einer derzeit in Restaurierung befindlichen lutherischen Kirche, St. Paul, die während der kommunist­ischen Ära als militärisches Museum der Pazifikflotte diente. In der Zeit von 1907 bis 1909 wurde sie auf Initiative einiger deutscher Offiziere errichtet, die im Dienste des Zaren standen. Heute umfaßt die Gemeinde wieder an die dreihundert Mitglieder, darunter außer Deutschen auch Balten und Polen. Die Kirche ist in einem erbärmlichen Zustand, es wird großer Anstrengungen der Gemeinde bedürfen, sie wieder so herzurichten, daß man ihr das sozialistische Intermezzo nicht mehr anmerkt.

Im U-BootEin U-Boot an Land ist nicht eben häufig, seine Besichtigung steht noch an. Der auf einem Rasenstück aufgebahrte Schiffsleib vom Typ S-56 konnte im Zweiten Weltkrieg stolz die Versenkung von zehn „faschistischen“-Schiffen (ausdrücklich nicht „deutschen“) melden. Drin ist ein kleines Museum eingerichtet, doch glüht in dessen stählernem Bauch die Luft. Ein schwach­brüstiges Gebläse versucht erfolglos sie umzuwälzen und in Bewegung zu halten. Die Aufsicht hat zwecks eigener Kühlung einen Tischventilator aus vergilbtem Plastik in eines der zwei nahtlos gedrehten glänzenden Torpedorohre gestellt und hält sich bevorzugt in dessen Blasebereich auf. Wir sehen zu, daß wir rasch hinaus kommen. Entlang des Monuments reihen sich Tafeln mit den Namen von Matrosen und Offizieren aus Vladivostok, die in jenem mörderischen Welt­brand zur Halbzeit des vorigen Jahrhunderts zu Tode kamen. Vladivostok heißt „beherrsche den Osten“, eigent­lich hätten die Soldaten mit dem Streit der Menschen im Westen gar nichts zu tun gehabt, wäre da nicht der Wahnsinnige Hitler gewesen, der in allen Himmelsrichtungen gleichzeitig zündelte und unter anderem auch Japan in seine Pläne einbezog. Und das liegt nun mal vor der Haustür.

Etwas weiter, vor der Treppe zum Alexandergarten, liegt eine Denkmalsanlage, die sich in monumentalem schwarzem Gußeisen der heroischen Verteidiger Vladivostoks annimmt. Auch hier bedient Gazprom eine ewige Flamme. Ein Stück die leichte Steigung zur Stadt hinan, oberhalb der Treppe, steht das anläßlich des Besuchs Zar Alexanders III. am 11. Mai 1891 errichtete farbenfrohe Tor zum Alexander­garten. Hier, im Schatten der alten Bäume, läßt es sich aushalten, besonders heute. Rechts von Garten und Tor das nach Maxim Gorki benannte alte Dramentheater.

MarinesoldatenUnser Bus hält an der Korabelnaja. Gegenüber drillt ein Offizier mit goldglänzendem Säbel an der Seite einen Zug Marinesoldaten und bringt ihnen das Präsentieren bei. Es klappt und klappt nicht. Aber sie haben Glück; statt des Schattens der Bäume hätte er sich zum Exerzieren auch durchaus den glutvoll davor flimmernden Asphalt aussuchen können, wo er dann allerdings selber mitgeschmort hätte. Und so will alles wohl bedacht sein. Das eiserne Tor zum Flottenkommando ziert ein Modell der Manschur, jenes Schoners, mit dem die ersten Siedler kamen. Den Gehweg davor hingegen ziert die stolzierende Rückansicht einer jungen Schönheit, die in dieser martialischen Umgebung „voll kraß“ wirkt – um es mal in anatoli­schem Deutsch auszudrücken. Ich schaue ihr bewundernd hinterher.

Nachdem alle eingestiegen sind, geht die Fahrt zu einem Restaurant, das dem Kaufhaus GUM angehört, dem früheren Etablissement der beiden Deutschen Gustav Kunst und Gustav Albers, in dem man vom Nagel bis zum ausgestopften Tiger nahezu alles bekam, dessen einer in Fernost nur bedürftig sein konnte. Hier essen wir zusammen mit den Angestellten zu Mittag. Auf dem Weg dorthin kommen wir auf der Aleutskaja am Haus Nummer 15 vorbei, dem ehemaligen Wohn- und Geschäftshaus des schwei­zer­ischen Geschäfts­mannes Julius Bryner, aus dessen Unternehmungen später die Far East Shipping Company (FESCO) hervorging. Sein Enkel, Yul, sollte nach der Flucht der Familie vor den Bolschewiken über Harbin und Paris in Hollywood ein großer Star werden, allerdings erst, nachdem er seinen Namen in das glattere Brynner veränderte.

Lydija, unsere maus­graue Führerin in Vladivostok hat sich nicht sehr hervorgetan, ihre Erläuterungen zeugten von regem Desinteresse an unserer Gruppe. Und unsere liebe Ludmilla durfte nicht eingreifen, obwohl es ihr oft um die Mundwinkel zuckte. Offenbar sind die Reviere abgesteckt. Es ist vier Uhr nachmittags, von nun an haben wir frei, bis zum versprochenen Galadiner im Restaurant des Hotels am Abend um neunzehn Uhr. Man sollte sich eine Ecke im Magen freihalten, lautet der gute Rat. Machen wir. Vorerst aber sind wir satt und beginnen, die Stadt auf eigene Faust zu erkunden.

Einige zieht es in das bereits erwähnte Kaufhaus GUM, das es in jeder größeren Stadt Rußlands gibt, mehr oder weniger prächtig ausgestattet, natürlich alles längst privatisiert. Wir ziehen die Mole mit dem schmalen Kiesstrand an der Amur Bucht vor. Hier weht ein kräftiger Wind und sorgt für Kühle. Aus dem klaren Wasser ragt etwa drei Meter hoch von den Hüften an die Skulptur einer nackten Schönen aus Beton. Eine Schar zwölfjähriger Bengels zieht sich an ihrem Busen aus dem Wasser hoch, steigt ihr auf die Schultern und schließlich aufs Haupt, von wo sie johlend ins Wasser springen. Am Strand viel nacktes Fleisch, doch die wenigsten baden. Das Wasser ist schon recht kühl.

Wir beschließen einen kleinen Bummel verbunden mit der Suche nach einem Ort, wo man Kaffee ausschenkt. Das gestaltet sich schwierig. Gewöhnlich ist der Russe Tee- oder neuer­dings auch Biertrinker, Kaffeegenuß gilt als ihm fremdländisch, so als würde ein Ostfriese im Hoch­sommer nach Rumgrog verlangen. Endlich werden wir in einem Seitengäßchen doch noch fündig. Auf unsere Frage nach kofje nickt man gemessen, sagt da da, und räumt uns einen weiß-blau beschirmten Tisch frei. Doch, Bier haben sie auch, da da. Njet, rossija piwa njet - Heineken, Grolsch, Lowenbrau ... bei Beck’s hebe ich die Hand  und nicke. Und den Kaffee American, groß, stark und schwarz wie die Nacht: tschorny i bjes moloko, pazhalusta!

Alles kommt wie bestellt. Dem Kellner zittert ein wenig die Hand, als er das gut gekühlte Bier einschenkt, der Kaffee ist frisch gebrüht und vorzüglich. Nur die vielen jungen Herren in engen schwarzen Hosen und weißen Hemden, die aus dem Café schlendern, zeitweise die Szene bevölkern und gleich wieder verschwinden, geben uns zu denken. Dann geben sich junge Damen in Stöckelschuhen und geschlitzten Kleidern die Ehre und Blöße, und alle werfen sie neugierige und abschätzende Blicke auf uns - wohin sind wir hier geraten? Dennoch bestellen wir noch einmal das Gleiche und schreiben unsere Ansichtskarten zu Ende, äußerlich unbekümmert ob der immer zahlreicher werdenden Herrschaften, innerlich jedoch wachsende Bedenken häufend. Um es kurz zu machen: bevor die Spannung unerträglich wurde, zahlten wir und brachen überhastet auf. Und so werden wir nie erfahren, in welches Etablissement es uns dort verschlagen hat. Vielleicht war es ja eine ganz normale Mädchen­händlerstation. Hätte aber doch auch was anderes sein können.

Von dort zurück verlieren wir ein wenig die Orientierung. Wir fragen nach dem Bahnhof, und freundlich weist man uns den Weg: Gleich hier über die Straße, dann nach etwa zweihundert Metern links. Also gehen wir gleich hier über die Straße, es ist die Svetlanskaja, die breit und vielbefahren ist. Von drüben gellt scharf der Pfiff einer Triller­pfeife, und eine Hand winkt uns – sehr freundlich. Zwei Polizisten lehnen an einem Auto der Militsia – ach du Scheiße! Einer der beiden zieht einen Block aus der Brusttasche und beginnt zu schreiben, noch bevor wir heran sind. Dabei betet er etwas Amtliches herunter, was wohl ein Auszug der russischen Straßenverkehrsordnung ist. Mit ausgestrecktem Knüppel als Verlängerung des Armes deutet er beiläufig auf die zweihundert Meter entfernte Ampel.

Ja nji panimaju, sage ich, ich verstehe nicht. Er blickt noch nicht einmal auf. Passport, verlangt er geschäftsmäßig und schreibt weiter.

Hotel, sage ich, passport njet, gostinitsa.

Do you speak English? sucht er mühsam wie Bauklötze die Wörter zusammen.

Ja nji panimaju.

Spreken Sie Deutsch? mischt der Zweite sich amüsiert ein.

Ja nji panimaju. Die beiden tauschen einen Blick. Der zweite Polizist bedeutet uns mit einem knappen Wink des Kopfes, uns zu verziehen. Davai, davai! sagt er und klappt dem ersten das Büchlein zu. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen.

Reichlich erhitzt kommen wir im Hotel an. Vladivostok kennt nur steile Straßen, und wenn man es eilig hat, führen alle zudem bergauf. Noch zehn Minuten bis zum  großen Diner, keine Zeit zu duschen, also hin, wie wir sind. Manche der Damen sehen den Abend als letzte Gelegenheit, endlich ihre Goldlamé-Boleros und kleinen, kneifenden Schühchen auszufüh­ren und nehmen mit geziert abge­spreiz­tem Finger das Vorspeisengäbelchen zur Hand. Das Umfeld, also die hohe Halle, wie alles eingedeckt ist und die jungen, hübschen Kellnerinnen verführen dazu. Nun denn, amen, beschließe ich das Tischgebet und erzähle von der Bucht am Yachthafen und den beiden Milizionären.

Das Essen ist fantastisch, und es wird ein wehmütiger Abend, was den Abschied von unserer Ludmilla betrifft, die eigentlich Ljudmila heißt und heimlich ein paar Tränen aus den Augenwinkeln wischt. Lydija ist nirgends zu sehen, sie wird auch kaum vermißt.

Freitag 12. Sep. 2003

Frühstück um Sieben. Anschließend eine Stunde Fahrt mit dem Bus zum fünfzig Kilometer außerhalb gelegenen Flughafen in Artiom. Im Gegensatz zur Stadt liegt dieser im Nebel. Der Durchgang vor den wie ein Tigerkäfig eingezäunten Treppen zum Rollfeld ein Alptraum: Fußboden, Wände und Decke in genau derselben scheußlichen Silberbronze gestrichen, wie der Bahnhof von Oblutsche an der Transsib.

Der Abflug nach St.Petersburg erfolgt fast nach Plan um 09:45 mit einer Tupolev 154. Rasch gewinnt die Maschine über dem Flugplatz an Höhe. Eine Zeit lang geht der Flug nach Norden, in respektvoller Entfernung zu den weitgeschwungenen, lehmbraunen Mäandern des Ussuri. Kurz ist das gerade Schienenband der Transsib auszumachen, das in der Sonne glänzend durch Täler und über die Stahl­konstruktionen von Brücken sticht. Dann bedeckt ein dicker Teppich aus Wolken die Erde, und es wird Zeit, ein wenig Schlaf nachzuholen. Der Abschied von der stets um uns besorg­ten Reiseleiterin Ludmilla war eine zu Herzen gehende und deshalb im doppelten Sinne feuchte Angelegenheit mit viel Wasser und Wässerchen. Da ist gut ruhen. Bis St.Petersburg reißt die Wolkendecke nicht mehr auf.

14:00 Uhr Ankunft in Irkutsk, Weiterflug nach Barnaul 15:20, Ankunft 17:30. Ein Uniformierter raunzt mich an, weil ich fotografiere. Abflug nach Petersburg 19:00, Ankunft 23:15, Ortszeit St.Petersburg ist sieben Stunden früher: 16:15. Wir beziehen unser Zimmer im Hotel Sovjetskaja, das wir, im Gegensatz zu den übrigen Mitgliedern unserer Gruppe, bereits kennen. Der Blick aus dem Fenster auf blätternden Putz und verrostete Blechdächer ist freilich auch für uns neu und deprimierend. Mitten im Hof die Abfallcontainer der Küche, wo sich streunende Mitglieder des Musicals Cats verabredet zu haben scheinen. Es ist schon erstaunlich, was man Pauschaltouristen im Gegensatz zu – teuer bezahlenden – Einzelreisen­den zumutet! Der Himmel bezieht sich mit fliegenden Wolken. Wenigstens ist geheizt.

Frischmachen, Abendessen im Restaurant Fontanka: ein warmes Buffet, das alsbald von einer Horde herein­stürmender Briten geplündert wird. Zerbeulte Manchestercordhosen, Shetlandpullover mit Leder­flicken an den Ellenbogen, die Damen in Selbstgehäkeltem und drapiert mit Seidenshawls. Ein etwas verschrumpeltes Exemplar flattert zu uns an den Tisch - shocking, we were not amused! Benehmen wir uns etwa auch so?

Samstag 13. Sep. 2003

Der Flug war doch recht anstrengend. Wir haben verschlafen und beeilen uns, noch ein wenig vom Frühstücksbuffet abzukriegen, bevor unsere Gruppe sich zur Stadtrundfahrt trifft. Alles voller Briten, mit einer Schlange vom Kaffeeautomaten bis zum Eingang des Restaurants. Dabei sollen die Linksfahrer von der nebligen Insel im Atlantik doch vorwie­gend Teetrinker sein – kenne sich einer aus mit diesem eigenwilligen Völkchen!

Der Bus nimmt den üblichen Weg und hält erst mal auf der Vassilii-Insel an der Strelka. Typisch. Ich glaube, hierhin führt man jeden Touri, der zum ersten Mal in Petersburg weilt. Vermutlich weil sich von hier der schönste Blick auf Eremitage und Schloßufer bietet. Unsere Führerin ist wieder Svetlana, das etwas ältliche Fräulein mit Baskenmütze und Hornbrille. Meine Zweitbeste macht mich auf ein Bärenjunges aufmerksam, das angeleint auf dem Boden kauert und seine Schnauze in einem Topf mit Futter verbirgt. Daneben in einem Karton mit Pelzen von Zobel und Polarfuchs auch Mützen aus seinem Fell. Eigentlich nicht seinem, sondern dem seiner Gattung, trotzdem keine sonderlich feinfühlige Werbeidee. Wer sich hier eine Bärenfellmütze zulegt, muß ein Barbar sein. Doch wenn die Händler nichts verkauften, stünden sie wohl nicht hier.

Panzerkreuzer AuroraAm Panzerkreuzer Avrora ist nächster Halt. Hier drängen sich die Stände mit Souvenirs und Kitsch, alle in der gleichen Machart, und alle zahlen dafür, daß sie hier stehen dürfen – an Stadt und Mafia. Nebenbei: die Farbe ihrer Stände ist vom selben Grau, mit dem auch die Aurora gestrichen ist. Weiter geht die Fahrt, vorbei an dem zur Konservierung eingemauer­ten Holzhäuschen, in dem Peter der Große während der Gründung seines „Fensters zu Europa“ hauste, über die Dreieinigkeitsbrücke und entlang des Marsfeldes zur Erlöserkirche. Wie hier, gewährt Svetlana uns immer nur kurze Zeit zum Stöbern, dann fährt der Bus wieder an. Weitere Stationen sind: Schloßplatz, Dekabristenplatz mit der Statue des „Ewigen Reiters“ (nach einem Gedicht Puschkins), Isaakskathedrale mit Denkmal Nikolaus I. davor und blauer Brücke, Kazaner Kathedrale mit dem Denkmal Katharinas II. und dem Puschkin-Theater dahinter, am Nevskij Prospekt das Kaufhaus Gostinyj Dvor, schließlich die ägyptische Brücke mit den bronzenen Sphinxen beiderseits – eine Besichtigung im Schweinsgalopp. Wer danach behauptet, er kenne Sankt Petersburg, der weiß nicht, was er sagt. An allem nur vorbeifahren mag Flüchtigen genügen - dem, der tiefer gründen will, nicht.

Nach dem Mittagessen im Hotel bringt uns der Bus hinaus nach Puschkin oder Tzarskoje Zelo, dem Zarendorf, wie es früher hieß, wo wir den Katharinenpalast mit seinem berühmten Bernsteinzimmer besichtigen wollen. Erstmal lange Schlange am Eingang. Blau, Rosa, Weiß und Gold leuchtet uns das Barockschloß hinter dem schmiedeeisernen Gitter entgegen. Es heißt, die Wartezeit für Gruppen betrage zwei bis drei Stunden – na dann, was sollen wir hier herumstehen. Wie etwa Signore Francesco Bartolomeo Rastrelli, etwas kalt in Bronze von einem Sockel aus rotem Granit blickend: dem Herrn, der nach den russischen Architekten Semzov, Kvasov und Tschevakinskij dieses Juwel vollendete und ihm seinen letzten Schliff gab.

Vorerst interessiert uns, was aus der unscheinbaren Kapelle gleich am Eingang geworden ist. Beim letzten Besuch vor acht Jahren fand in ihr eine Taufe statt, da glich sie von innen einem Bretterverschlag, doch die Zeremonie war schlichtweg ergreifend. Heute ist alles renoviert und wie es sein muß wieder an seinem Platz. Seltsam, daß ich mir hier nun keine Taufe mehr vorstellen kann. Dort in dem Anbau, der jetzt von Licht durchflutet ist, segnete der Pope bei vernagelten Fenstern im ungewissem Licht flackernder Kerzen das kleine Köpfchen mit sparsamen Sprenkeln geweihten Wassers und sang den Sermon dazu. Und das Kind in seinem langen, weißen Taufkleid schwieg ebenso andächtig wie die versam­melten Eltern, Groß­eltern - und wir. Vielleicht ist es einfach so, daß man schon zu viel gesehen hat, als daß einen noch etwas so berührte wie beim allerersten Mal.

Tzarskoje Zelo, KatherinenpalastDie Wartezeit verkürzte sich dann doch auf nur eine Stunde, nach der man uns einließ. Einem Straßenköter, der sich harmlos schwanzwedelnd und lässig pfeifend unserer Gruppe anschloß, verwies der aufmerksame Mann vom Sicherheitsdienst die Tür. Beide schienen alte Bekannte, und der Hund tat, als dächte er: Pöh - wenn nicht heute, dann morgen!

Katherinenpalast, Großer SaalEs gibt nicht viel, das diesem Palast gleicht. Jeden, der seiner ansichtig wird, erstaunt zuerst die Lichte und Weite des von Rastrelli gestalteten Großen Saals mit seinem vergolde­ten Schnitzwerk aus Lindenholz an den Wänden und dem perspektivischen Deckengemälde „Rußlands Triumph“, das dem Beschauer eine nicht vorhandene Höhe vorgaukelt. Ich könnte mich in Weiteres verlieren, aber das wird man in jedem Reiseführer besser nachlesen. So will ich mich also auf Sachen beschränken, die in mir den größten Eindruck hinterließen. Wie zum Beispiel die samtene Haut der Putte in der Marmorschale am Fenster des „Weißen Vestibüls“, jener von Monighetti entworfenen Haupttreppe des Palastes, von wo der Blick weit in den kaiserlichen Park schweift. Oder der Pokal, über und über mit Porzellanblüten besetzt, keine größer als ein Nagel am kleinen Finger einer zarten Frau, darin Blattwerk und singende Vögel; ferner unter Glas ein Schachspiel, in dem sich kunstvoll geschnitzt zwei Hofstaaten in Rot und Weiß gegenüberstehen, beide zum Angriff bereit, die Türme an den Außenseiten die Fahnen gereckt und die Springer ihre unruhigen Rösser zügelnd – soll ich von den Mohren berichten, die Schalen voller Früchte auf ihren Häuptern balancieren? Das wäre Öl ins Feuer der Black Power Bewegung, und lieber berichte ich über das wunderbare Kleid der Zarin Elisabeth I., das in seinem fahlen Blau so herrlich mit dem Kachelofen aus Delft harmoniert, neben dem es unter Glas ausgestellt ist – oder besser gleich über das sogenannte Bernsteinzimmer?

Katherinenpalast, BernsteinzimmerEigentlich war es der Staats-Speisesaal, vorwiegend genutzt für offizielle Gala-Diners. Sein von Andreas Schlüter entworfener Bernsteinschmuck, mit dem dieser Raum fast voll­ständig ausgekleidet war, beruhte auf einem Geschenk des Königs in Preußen, Friedrich Wilhelms I., des Soldatenkönigs, an Peter den Großen. Mit der Besetzung des Ortes Puschkin während der Belagerung Leningrads im Zweiten Weltkrieg durch die Deutschen verschwand die kostbare Raumausstattung auf Nimmerwiedersehen. Immer wieder mal wollte man Teile daraus hier und dort gesichtet haben, doch in seiner Gesamtheit blieb es verschwunden. 1980 wurde mit der Wiederherstellung des berühmten verschollenen Kunstschatzes in Leningrad begonnen. Seit zehn Jahren haben auch die Deutschen kräftig Hilfe geleistet - vor allem finanziell. Insgesamt 23 Jahre wurde an der Rekonstruktion des Bernsteinzimmers gearbeitet. Bis zu 40 Kunsthandwerker waren zeitweise daran beteiligt. 3,5 Millionen Dollar hat allein die deutsche Ruhrgas-AG für den Wiederaufbau gespendet, und rechtzeitig zur 300-Jahr-Feier Petersburgs wurden die Arbeiten daran beendet: es war vollbracht, nachdem die Kunst­handwerker achtzig Tonnen an der Ostseeküste mit Saugrüsseln geschlürften Bern­steins nach passenden Stücken durchwühlt, sortiert und geschliffen hatten. Nun kann man es wieder bestaunen, es ist ein Wunder. Man muß es allerdings von Nahem besehen, und das ist, mitgetrieben im Strom der eilig Durchgeschleusten, nicht ganz einfach. Es gehört dazu, sich Anordnungen und leitenden Händen der spröden Aufseherinnen zu widersetzen, nicht ganz einfach, dazu braucht man ein gewisses Stehvermögen. Wer das aber hat, dem erschließt sich die Schönheit der Arbeiten bis in die mit Silber hinterlegten Details, die in bestimmtem Licht besonders tiefgründig schimmern.

Sonst habe ich eigentlich vom Katharinenpalast weiter nichts zu berichten. Außer vom Park, späterhin, vor dem eine heiße Hündin eine ganze Meute streunender Rüden rebellisch machte. Gäbe Gott, hier käme mal eine Tigerfamilie und schaffte Ordnung. Das ist so weit im Norden aber kaum zu hoffen. Also findet man sich mit dem bellenden Pöbel ab. In diesem Garten jedoch, ähnlich dem preußischen Sanssouci – Weite und königliche Reguliertheit empfindet wohl jeder als großes Glück, der darin wandeln darf. Und so ist dessen Anlage auch gedacht gewesen. Heute lagern vor seinen Mauern und Toren Stände mit Uniform­teilen der ehemaligen Sowjetarmee – die vielen Orden und Medaillen: gibt es nicht wenigstens einen Veteranen, der sie sämtlich auf der Brust vorweisen kann? Wenn nicht, scheint mir das ein lohnendes Sammelgebiet und bei Erfolg würdig eines Eintrags in das Buch der Rekorde.

Vor dem Tor sitzt die Jugend auf zierlich metallenen Umgrenzungen der Kieswege: schwarze Haare, schwarze Klamotten, dunkle Strümpfe, schwarze Lederstiefel, schwarze Handtaschen; ein wenig Babyspeck noch im trotzigen Gesicht unter schwarzumflorten Augen, das Handy am Ohr – sie unterscheiden sich in nichts von den Heranwachsenden des Westens. Außer vielleicht, daß man in Rußland zu solchem Auftritt derzeit noch betuchter Eltern bedarf, im Westen ledig­lich des Ganges zum Sozialamt. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, am besten ist es wohl, den Mund zu halten.

VeteranentransportNach Beratung mit Svetlana entläßt uns der Bus bei der Rückfahrt am Nevski Prospekt. Ohnehin wollen wir uns hier um neunzehn Uhr zum Essen im mondänen Hotel Metropol treffen. Der Tag des Brotes geht zu Ende, ein Junge schleppt auf dem Kopf eine Ladung gelber Luftballons von der Veranstaltung heim. Gegenüber, vom Delikatessenladen Jelissejev leuchtet lindgrün die gußeiserne Pracht seiner Jugendstilfassade, auf der sechsspurigen Fahrbahn davor drängen sich die Autos. Zerbrechliche Knaben in Kadettenuniformen eilen ihren Kasernen zu, wenn’s hochkommt, sind sie sechzehn, siebzehn Jahre alt. Ein Karren – da sträubt sich meine Erinnerung – war es wirklich ein Mann ohne Beine, sitzend auf den schiefen Resten eines kleinrädrigen Kinderwagens, ein Kind auf dem Schoß, dieses und er selber gezogen von  einem Seil um die Schulter einer dunkelgelockten Frau, die an jeder Hand ein weiteres Kind führte? War es so? Und dann verlor die Karre ein Rad, und der Mann angelte von seinem gestrandeten Gefährt danach und konnte es nicht erreichen, und die junge Frau ließ die Kinder los, bückte sich und hob es auf – und der Mann schaute sie eine beängstigende Weile an, bevor er es nahm und wieder auf die Achse steckte, und ihr das Zeichen gab, die Kinder zu nehmen und wieder anzuziehen – habe ich das wirklich gesehen?

Ja. Wirklich. Im Jahr 2003 auf der Sadovaja in Petersburg. Und ich werde es nie mehr aus dem Kopf kriegen.

Das Essen im Metropol fand für mich wie hinter einem Schleier statt. Eine Hoch­zeits­­gesellschaft, die füllige, glückliche Braut, das Volksmusikensemble, vor mir das Essen auf dem Tisch – mir steckte etwas wie ein Serviettenknoten im Hals. Es ist ja nicht so, daß ich Ähnliches nicht kenne. Nach dem zweiten unseligen Krieg, den Deutschland im vergange­nen Jahrhundert angezettelt hatte, fuhren Hunderte solcher Invaliden ohne Beine und teil­weise sogar ohne Arme auf diesen Karren durch die Stadt, in der ich groß wurde, stießen sich mit Stöcken vom Unter­grund ab und – ach, ich kenne das alles doch zur Genüge! Aber jetzt, mehr als fünfzig Jahre danach – hätte es da nicht für zwei Stumpen und Krücken gereicht, dem Mann wenigstens das Stehen neben Frau und Kindern zu ermöglichen? Und diesen den Blick in die Augen des Mannes und Vaters?

Rußland ist grausam, und niemand kann es dafür entschuldigen. Aber in der Vergangen­heit hat keiner das Volk gelehrt, anders als im Kollektiv zu denken. Und so fällt der Einzelne wohl durchs Raster, von kaum jemandem bemerkt. Es ist noch ein weiter Weg, bis das ganze Land in all seiner übermenschlichen Weite zu menschlicher Gesellschaft und Größe findet.

Mir ist der weitere Abend verleidet. Mit noch zwei Mitgliedern unserer Gruppe ziehen wir durch die Läden und Basare des Gostinyj Dvor. Ich bin nicht bei der Sache, immer vorweg und bestrebt, möglichst rasch das Haus zu verlassen. Mir fehlt einfach Luft. Ich will es nicht dramatisieren, aber bevor ich die Sache nicht überschlafen und verdrängt habe, kriege ich in diesem verdammten Kaufhaus mit seinen bewaffneten Aufpassern keine Luft – ich will raus!

Nevski ProspektEndlich sinkt die Sonne und wirft letztes backsteinmildes Gold auf die östlichen Fassaden des Nevski, während seine westlichen in dumpfen Schatten verdämmern. Für kurze Zeit flammt der Osten in heißem Feuer auf. Die Dunkelheit danach scheint um so düsterer, durch rosarot glimmendes Gewölk beleuchtet. Wir sind uns einig, gleiten die siebzig Meter auf der Rolltreppe hinunter in den Bauch der Metro und werfen uns in den nächsten einfahrenden Zug. Nach Ausstieg am Technologischen Institut sind wir bald bei den blauen Kuppeln der Dreifaltigkeitskathedrale. Nur Reklameschilder und ein schwaches Widerleuchten des Tages erhellen die Szene. Die Kirche ist wie eh und je verschlossen, remont. Also weiter zum Hotel. Dort gibt es eine Bar, die mir helfen wird, die Verstopfung im Halsbereich zu lösen.

Die mütterliche Barfrau in der Halle des Hotels Sovjetskaja hat hinter dem Schanktisch keinen Unterleib, darüber aber ein hübsches Gesicht. Auf den Rest bin ich gespannt. Als sie jedoch hinter ihrer Burg hervorkommt, um Gläser von den Tischen zu räumen, bleibt nur ihr hübsches Gesicht, der Rest enttäuscht: von der Hüfte ab besitzt sie die knollige Figur einer Kartoffel – festkochend oder mehlig, das werden wir kaum noch ergründen. Morgen geht es nach Hause.

Sonntag 14. Sep. 2003

Die Briten sind immer noch da. Busladungsweise umlagern sie Buffet und Kaffeeautoma­ten, es ist kein Durchkommen. Sie haben eine Art, zu spät aufgestandene und nach vorn drängende Landsleute solidarisch vor sich in die Schlange aufzunehmen, daß wir uns hinten kaum eine Chance ausrechnen, heute noch jemals dranzu­kommen. Also dorthin, wo das russische Territorium des Buffets beginnt und folglich keine Linksfahrer und Rechtsüber­holer anstehen: bei kascha, tschaj, tschornij chleb und süßen Kuchen­stückchen, pirozhnoje. Von ersteren dreien kann man ganz angenehm satt werden, die wenigen Russen im Hotel, die kaum abgehärteter wirken als wir, machen es uns vor.

Unsere kleine Gesellschaft reist in zwei Gruppen ab. Das Gros bricht um zehn bereits auf, sein Flug geht um 14:00 Uhr. Zusammen mit drei anderen werden wir erst um 19:40 fliegen, die erste Maschine war ausgebucht, was uns ganz recht ist. Eine Abschieds­orgie beginnt: Adressen werden getauscht und Versprechen abgenommen, doch mal zu schreiben oder sonstwie von sich hören zu lassen - man weiß, was nach Wiedereintauchen in den Alltag davon übrig bleibt. Aber viele gemeinsame Erlebnisse haben uns doch irgendwie einander näher gebracht und in den vergangenen zwölf Tagen verbunden (im nachhinein darf ich verraten: im Oktober 2003 luden wir zu einem russischen Abend zu uns nach Hause mit Austausch von Fotos und Erinnerungen, und wir waren zu neunt – wer hätte das gedacht). Kotzbröckchen II bringt sich noch in Erinnerung und mahnt mich vor Einstig in den Bus, der die Fuhre zum Flughafen bringt: Oba Sie schickn mira poar von Ihra Fottos, gell – i glaab, i steig a umi auf ditschitel. Muast imma des ganze Glump mit dir ziachn, Sie machn des scho richtig! – Gott sei Dank verhindert die große Tasche mit Glump an seiner niedrigen Schulter, daß er mich an ebendiese zieht, wo ich nun mal absolut nicht hingehöre. Und den Teufel werde ich tun, ausgerechnet ihm, dem großen Fotografen, Bilder zu schicken. Kotzbrocken I hat vermutlich ein Engelschor sanft auf eine Wolke gehoben und dieser einen Schubs in Richtung Berlin gegeben. Er ist jedenfalls nirgends zu sehen. Als der Bus anfährt, entdecke ich ihn doch noch: auf der hintersten Bank im Bus, düster, grau und allein. Er hat sich von niemandem verabschiedet und einfach davongeschlichen – Amen, so sei es. Uns wird darüber nicht das Herz brechen.

Da wir das Zimmer zu Mittag räumen müssen, wollen wir bis zur Abreise das mühselig über einige hundert Meter Gänge hierher geschleppte Gepäck depo­nieren: im Hauptbau. Die Hüterin des Verschlußraumes allerdings gibt sich sperrig und will uns zum Empfang am Nebeneingang zurück verweisen, wo wir bereits unseren Zimmerschlüssel abge­geben haben – oh nein, meine liebe Dame, nicht mit mir! So viel lautes Englisch in einem einzigen, langen Satz hat die natschalnika vermutlich in ihrem ganzen, nicht unbeträchtlichen Leben noch kaum zu Ohren bekommen - verschreckt bindet sie mit zitternden Fingern kleine Kärtchen an die Griffe unserer Koffer und händigt uns deren Gegenstücke aus – grauer Pappkarton, von Hand mit der Schere geschnitten und mit bleistiftgekritzelten Zahlen. Und das in einem Hotel mit 976 Zimmern und dem Anspruch, internationalem Standard zu entsprechen! Wer das weiß, schreibt sich so ein Kärtchen selbst und bekommt dafür bei entsprechendem Auftreten unsere Koffer ausgeliefert - toll. Ein Tip an das Management: Zuallererst solltet Ihr Euch von Sovjetskaja, der Rätischen, in Russkaja oder sonstwas umbenennen, um dann behut­sam von ganz unten mit der perestrojka zu beginnen: Hotels werden nicht belegt, sie beherbergen Gäste. Mit den Preisen seid Ihr diesem Gedanken ja schon ganz hübsch voraus.

Gut, das wäre das. Ich weiß nicht, warum man sich immer wieder darüber erregen muß. Wir fünf Hinterbliebenen haben uns getrennt, und die Zweitbeste und ich sind auf dem Weg zur Baltijskaja, von wo uns die Metro zur Tschernyschevskaja bringen soll. Ein trüber Tag. Vor uns ein siebenköpfiges Grüppchen ohne Mann mit Rucksäcken, bei der sich das Jüngste bäuchlings auf einem Einkaufsroller festkrallt und gezogen wird. Wieder der Blick auf hier rot-oktobersche und dort balti­sche Brücke über den Obvodnogo-Kanal. Auf einer Bank an der Station schreibt ein Marinesoldat mit Walkman-Knopf im Ohr einen Brief – er lächelt. In Erinnerung an die Freundin? Nehmen wir es einmal an, dann wäre es wohl ein Liebesbrief.

Denkmal Sergej EseninsMit der Metro fahren wir bis zur Tschernischevskaja an der Furschtaskaja Ulitsa. Hier scheint sich das Petersburger Standesamt zu befinden, denn irgendwann häufen sich Bräute unter weißen Schleiern und parkplatzsuchende Limousinen voll heiterer Hochzeitsgesell­schaften: als braunrotes Gebäude schließlich stellt es sich heraus mit Säulen und balkon­tragenden, kräfti­gen Atlanten – ein wenig verkommen, ein wenig versnobt und damit alles in allem sehr russisch. Im Taurischen Park nebenan trainieren ganze Pulks von Läufern in der blanken Morgenfrische. Untern einer Ulme sinnt kalkweiß das Denkmal Sergej Esenins, des „Bauernpoeten“, geboren 1895 in Konstantinovo, gestorben im Leningrad von 1925. Eine Kostprobe seiner Kunst (in der Übersetzung von Eric Boerner) gefällig? Nun:

 
Das Raubein ergibt sich der Freude,
Der Weichling der Traurigkeit.
Ich will vom Leben nichts weiter,
Mir tut auch niemand mehr Leid.

Bedaure mich selbst ein wenig,
Auch streunendes Getier,
Dies ist der direkte Weg,
Der mich zur Kneipe führt.

Was säbelt ihr, Teufel, und rasselt?
Bin ich denn kein Landeskind?
Auch ihr habt die Hosen schon runtergelassen
Für ein Glas Wodka oder Absinth.

Ich schaue betrübt aus dem Fenster.
Schwermut im Herzen und Glut.
Es rollt in sonniger Nässe
Vor mir der Straßenzug.

Ein Rotzjunge steht auf der Straße.
Die Luft ist so trocken und heiß.
Es popelt geschickt in der Nase
Der Knabe voll Glückseligkeit.

Bohre nur, bohr dich, mein Racker,
Bis ganz nach oben empor,
Doch auch bei solchem Beharren
Dringst du zur Seele nicht vor.

Ich bin zwar schüchtern, doch schlüssig.
Schau auf mein Flaschenheer!
Ich sammle schon lang die Verschlüsse –
Meine Seele in Flaschen zu sperrn.



Nun? Ich für mein Teil mag diesen Poeten, der viel zu früh gestorben ist. Jemand hat ihm aus Barmherzigkeit in all seinem kreideweißen Siechtum auf diesem Sockel die Lippen kräftig rot gemalt - bestimmt war es eine einfühlsame Frau. Anrührend auch das „Denkmal der jungen Verteidiger Leningrads“, das eine Gruppe Kinder und Halbwüchsiger mit Hand­granaten  und Schieber­mützen zeigt. Dem Kleinsten rinnt der Rußregen aus der Stirn über die Augen die Wangen hinunter, seine schwarze Bahn hat sich bereits verewigt. Es wirkt, als liefen dem Kind die Tränen über die Backen, und als sei dies vom Künstler so gewollt. Er hätte es aber nie so realistisch hinbekommen wie der saure, schmutzige Regen. Am Denkmalsfuß welkt ein Strauß roter Nelken mit Wiesenblumen aus dem Taurischen Park.

Smolnyj-KlosterHinter Wasser und Bäumen verbirgt sich das Taurische Palais, ursprünglich im Besitz des Fürsten Potemkin, in ihren letzten Jahren über Monate immer wieder die Residenz Katharinas der Großen, Zarin und Geliebten des Erstgenannten, die das Anwesen nach seinem Tod erwarb. Seine ockergelben Wände sind fast zuge­wachsen, so als bergen sie auch heute noch das Geheimnis kaiserlicher Liebe. Auf der anderen Seite den Park verlassend und über die Tavritscheskaja mit ihren Jugendstilbauten in die vierspurig kahle Stadtschneise der Schpalernaja einbiegend, nähern wir uns dem Smolnyj-Kloster. Auch der blaue Bauzaun mit der Aufschrift „300 Jahre Sankt Petersburg“ vor dessen Seitenflügel verbirgt nicht die Wunden, die Industrie und rasant sich vervielfachender Verkehr dem Äußeren des Klosters geschlagen haben. Hohl blecken uns Stuckelemente an, deren Schale von der aggressiven Umwelt zerfressen ist. Als nächstes sind wohl die pausbäckigen Engel über den Portalen dran. Es wird fortwährende Lebensaufgabe sein, dieses Kleinod immer wieder herzurichten und zu bewahren. Nur: wer findet sich dafür bereit? Im Moment jedenfalls scheint noch Geld von der 300-Jahr-Feier vorhanden, das zeigen die eingerüsteten Haupttürme. Ich hab nicht gewußt, daß all die Stuckverzierungen hohl sind.

SpatzenmahlzeitVorbei am Smolnyj-Institut, einst Bildungsanstalt adliger junger Damen, seit dem Schuß von Bord der Avrora 1917 aber mehr den Ereignissen der Oktoberrevolution verbunden, marschieren wir entlang der Betoneinsamkeit der Smolnaja Uferstraße: vierspurig kalt, der Himmel tut das seinige dazu, außer uns nur ein paar Arbeiter auf dem Mittelstreifen der Piste, die irgendwelche Elektrokabel verlegen. Wenn wir hier weitermarschieren, kommen wir irgendwann beim Nevski-Kloster an. Also biegen wir bei nächster Gelegenheit rechts ab in die Tulskaja-Straße. Wenig Verkehr erleichtert einem Sperling den Versuch, einen dreimal größeren Kalbsknochen von der Fahrbahn in den Rinnstein zu zerren. Das kleine Kerlchen müht sich ebenso wacker wie erfolglos, und pickt als Ersatz bald hier, bald dort an Knorpel, Mark und übersehenen Muskelfasern. Was verschlägt einen ausgekochten Suppenknochen auf die Fahrbahn der Kirotschnaja Ulitsa? Wirft man das hier wie im Westen Apfelgehäuse und Bananenschalen aus dem runtergekurbelten Autofenster auf die Straße? Aber wer kann im fahrenden Auto Suppe essen? Seltsam. Man darf solche Fragen stellen – muß aber nicht.

Gegenüber dem Taurischen Park an der Kirotschnaja Ulitsa findet sich das Museum für General Suvorov. 1799 überquerte dieser nach einem Verrat Österreichs im Kampf gegen die Franzosen mit seinen Truppen die Alpen. Hierfür nicht ausgerüstet, blieb ihm auch die zugesagte Hilfe Österreichs versagt. Doch tapfer und listig führte er seine Armee gegen die vierfache feindliche Übermacht aus deren Umklammerung, und nicht viel hätte gefehlt, und er hätte deren Befehlshaber Masséna sogar noch in seinen Gewahrsam gebracht. Zwei riesige Mosaiken an der Außenwand des Museums befassen sich mit diesem Feldzug. Die Gegend im weiteren Verlauf der Straße muß einmal ein hochherrschaftliches Viertel gewesen sein, die fünf- und sechsstöckigen Gebäude im neoklassizistischen Stil künden von Reichtum und Macht ihrer einstmaligen Besitzer. Suvorov fiel übrigens bei seinem Dienstherrn, dem schwäch­lichen Zaren Paul I. in Ungnade, weil dieser die Anwesenheit eines solch starken Menschen in seiner Gegenwart bei Hofe nicht ertrug. Woran man sieht, daß letztlich die Welt einmal an ihren allerarmseligsten Bewohnern scheitern wird.

TschernischevskajaAm Eingang der Metrostation Tschernischevskaja lassen sich interessante Studien betrei­ben. Mit hungrigen Blicken tasten junge Rekruten in Tellermützen die Formen miniberockter Mädchen ab, rot-schwarz und blond gefärbte Lesben mit dunkler Sonnen- oder viereckiger Existentialistenbrille in Lederjacken halten eingehakt eilend Händchen, Käufer in der Schlange vor dem einzigen Kiosk schieben Geldbündel zum Kauf einer Stange Zigaretten durch dessen winziges Fensterchen, und magere Typen mit Rucksäcken, fettigem Haar und speckigen Hosen durch­forsten die Abfallkörbe nach brauchbaren Hinterlassenschaften. Hier­bei handelt es sich nicht nur um Männer.

Wir bekommen Hunger und betreten ein Bistro. Außer einem Backpacker der im Hinter­grund an einem Nudelomelett mampft, sind wir die einzigen Gäste. Da wir heute Rußland verlassen, möchte ich ungern noch Euros wechseln und zähle meine Rubelbarschaft: alles in allem 600 Rb. Davon ab zweihundert für die hornbebrillte Svetlana, die sich für uns nicht sonderlich mit Beinausreißen abgegeben hat, bleiben vierhundert: einzeln aus Auslage und Warmhalte­pfannen zusammengestellt mit Fleisch, Beilagen und Salat erhalten wir für 300 Rb zwei ausreichende und schmackhafte Tellergerichte, es bleibt sogar genügend für ein Trink­geld und die abschließen­den Espresso, die noch am teuersten sind. Vino bjeloje, stakan, i butylka mineralnaja woda, die gewohnte Weißweinschorle meiner Zweitbesten, sind heute nicht mehr drin. Das sieht sie ein und nippt stattdessen am Espresso.

Im Gedränge der vollbesetzten Metro schneidet mir einer ganz gemütlich die Weste auf. Also: einer, der aussieht wie ein guter Bekannter, trägt einen Pullover über dem Arm und unter­hält sich mit einem Zweiten, der aussieht wie des Ersten bester Freund. Irgendwann spüre ich Druck auf der Brust, messe dem im Gedränge aber keine Bedeutung zu, weiche nur aus. Das war mein Glück. Erst im Hotel fällt mir der Schnitt in meiner Weste auf, herrührend von einem sogenannten Teppichmesser oder Skalpell, der zentimeterweit genau über jener Stelle der Brust verläuft, worunter ich, für Tastende spürbar, in der Innentasche die Börse mit unse­rem Reisegeld verwahre. Allerdings an solider Kette, es hätte dem Räuber also nichts genutzt. Gut. Da verbirgt einer unter dem über den Arm gelegten Pullover eine scharfe Klinge und schlitzt damit Leute an – wie tief geht er? Nur soweit, daß er durch den Schnitt an die Börse darunter gelangt? Oder notfalls, bei Entdeckung, womit er ja immer rechnen muß, auch tiefer? Rußland, mein liebes Rußland – wohin treibst du?

Quatsch. Mit sowas wird man heutzutage sogar auf der Kölner Domplatte konfrontiert. Und ich werde die angeschnittene Weste aufbewahren und weiterhin tragen, den Schnitt als Ausweis, daß bei mir mit solch primitiven Methoden nichts zu holen ist. Bis die Ganoven sich was Besseres einfallen lassen. Aber ich bin ein mißtrauischer Hund, mit mir werden sie es schwer haben. Am Ausgang zum Nevski Prospekt steht eine alte Frau mit selbstgehäkelten Mützen: seit kurzem bricht eine fahle Sonne durch die Wolken, und ihr Licht ist durch die vorgegaukelte Wärme solch ein negatives Umfeld für Mützenhändler, daß der Frau sarkas­tisch die Mundwinkel nach unten rutschen. Trotzdem bleibt sie. Irgendwann muß die Sonne ja mal untergehen. So knüpft mancher Hoffnungen an etwas, das wiederum andere, ganz im umge­kehr­ten Sinn, für sich beschwören.

Muse am Delikatessengeschäft JelissejevEs bleiben Bilder: die Figur der Muse, barbusig geschnürt, mit Pinsel und Palette am Haus des Delikatessengeschäfts Jelissejev in lindgrün gestrichenem Gußmetall, weiter die begeistert mit des­sen Wassern spielenden Kinder am Brunnen des Platzes der Künste (Ploschtschad Iskustvo), ferner das behäbig im Mantel sich breitende Denkmal des Dichters Turgenjev vor dem ethnographischen Museum, das Winterstadion und der Zirkus an Inschenernaja Ulitsa und Fontanka, schließlich der Nekrasov-Palast am Litejnyj Prospekt – all das ist aufgebügelte Vergangenheit. Schön und altmodisch - eben altmodisch schön. Petersburgs Leben hingegen spielt sich am Nevski Prospekt ab; wo Menschenmassen flanieren, Hunde mit den Bügeln von Körbchen und Eimerchen im Maul sitzen und um Futter betteln, wo Taxis radlos am Straßenrand aufgebockt sind, bis sich Gelegenheit zum Kauf eines passenden Reifens ergibt, wo mürrisch wandelnde menschliche Plakate Aufschluß über Wechselkurse geben, und wo der pulsierende Verkehr auf den sechsspurigen Fahrbahnen bis tief in die Nacht nicht zum Erliegen kommt.

Solange allerdings können wir nicht warten. Die zwei Stationen bis zum Technologi­tscheskij Institut legen wir unter der Erde zurück. Eigentlich sind wir heute bereits genug gelaufen, und so warten wir dort auf eine Straßenbahn. Kommt aber keine. Also doch laufen.  An der Bar nach zwanzig Minuten angelangt, treffen wir wieder auf die Kartoffelfrau. Koffer ausgelöst. Nacheinander trudeln auch unsere drei Mitgenossen ein. Irgendwann taucht Svetlana an der Bar auf, bittet nach draußen, zum Kleinbus, dem Transfer zum Flughafen Pulkovo. Nachdem alle Koffer und Gepäckstücke untergebracht sind, fahren wir ab. Den Moskovskij Prospekt entlang umfahren wir den Triumphbogen und manövrieren an der Neuen Bibliothek vorbei – hier muß um diese Zeit noch Nina arbeiten. In Pulkovo verab­schieden wir den Fahrer, der ein paar Groschen bekommt, und Svetlana, für die wir zweihundert Rubel aufgehoben haben. Sie sagt nicht einmal Danke und ist verschwunden, sowie wir durch die Sicherheitskontrolle sind.

Triumphbogen, Ausfallstraße nach PulkovaAuf den Monitoren der Schalterhalle werden alle möglichen Auslandsflüge angezeigt, nur keiner nach Düsseldorf. Ratlos stehen wir neben unseren Koffern. Bis zum Abflug sind es noch gut anderthalb Stunden. Ich frage einen vorbeikommenden Gepäckmann, welches der Schalter nach Düsseldorf sei, er zuckt die Achseln und fragt mich auf Deutsch, ob ich Klebe­band für meinen Koffer bräuchte. Kostenlos, ein Service der Flughafenleitung. Anscheinend geht man hier ziemlich ruppig mit dem Gepäck um. Bevor ich mich von meiner Über­raschung erholt habe, ist der Mann verschwunden. Ein Schwall Japanerinnen platzt in die Halle, von ihrem japanischen Führer umrundet und argwöhnisch zusammengehalten wie die Herde vom Hütehund. Die Frauen, durchweg jenseits der Fünfzig, tragen alberne Hüte in der Form von Übertöpfen für Usambaraveilchen. Es gibt nur eins, das hektischer ist als reisende Japaner: das sind reisende Japanerinnen. Ihr Führer hat seine liebe Not, das Häuflein zusammen­zu­halten. Dann ist er plötzlich verschwunden. Als er wieder auftaucht, treibt er seine durcheinander blökenden Schäfchen in Richtung eines leeren Schalters. Der Monitor darüber ist ebenso dunkel wie die über den angrenzenden Schaltern. Warum er gerade diesen gewählt hat, bleibt uns rätselhaft. Eine halbe Stunde später wissen wir es. Aus einer sich hinter den Barrieren öffnenden Tür treten drei junge Damen im blauen Kostüm der Pulkovo Enterprise und nehmen ihre Plätze ein: hinter bewußtem Schalter sowie den beiden links und rechts davon. Nach kurzem Flackern zeigen die Monitore darüber an: „FV2431 to Dusseldorf GE, Scheduled Departure 19:40“. Aha. Muß man etwa Japaner sein, um in Rußland Auskunft über einen Flug nach Deutschland zu erhalten?

Muß man nicht. Aber es hilft, zumal, wenn man Russisch spricht. Während wir uns hinter den Japanerinnen anstellen, sitzt auf dem Wiegebrett der zehn Meter entfernten Kasse für übergewichtiges Gepäck ein Kätzchen und leckt und putzt sich die Tätzchen. Ich denke an den Baikal, den Ausflug mit Veronika und ihre Warnung vor Luchsen; wenn dies Tier hier einer wäre und leckte nicht die Pfoten sondern fauchte – hei, wie würden die Japanerinnen nach allen Seiten spritzen - und schon hätten wir den Schalter ganz für uns!

Aber auch so sitzen wir um 19:30 in der Tupolev-154M, um 20:00 Uhr hebt die Maschine ab. Ankunft Düsseldorf 22:30 Uhr. Hier ist der Bär los. Eine Bombendrohung hat den Flugbetrieb komplett lahmgelegt. Alles, was vor uns kam, wurde nach Hannover umgeleitet. Unsere Maschine steht eine Dreiviertelstunde auf dem Rollfeld, ohne daß jemand wüßte, warum es nicht weitergeht. Die Besatzung zuckt die Schultern. Eine Frau hat über Handy Verbindung zu Verwandten draußen, und wie eine Woge überschwappt es von Sitzreihe zu Sitzreihe weitergetragen die Passagiere: Bombe! Wo? Weiß man nicht. Von den Japanern vorne aufgeregtes Schnattern. Einige falten die Hände. Dann die erlösende Durch­sage: Fehlalarm. In zehn Minuten dürften wir die Maschine verlassen. Flugkapitän und Besatzung bedankten sich ganz herzlich bei den Passagieren für die gezeigte Geduld und wünschten eine gute Heimreise.

Die haben gut reden. Es fahren keine Züge, alles aus Sicherheitsgründen gestrichen. Da können wir unsere gebuchte Bahnfahrt mit Platzkarten wohl vergessen. Niemand weiß Bescheid. Man schickt uns hierhin und dorthin, wohlgemerkt, immer mit Gepäck. Ein baumlanger Schwarzer in einem giftgrünen Leuchtleibchen  mit der Aufschrift Information beschreibt mir den Weg zur S-Bahn, die als einzige noch die Verbindung zum Hauptbahnhof hält: Hey Mann, da schiebst du hier durch, gradaus, wo ich zeige. Siehst du die Tussi da vorn, die mit das grüne Kleid? Da biegst du links. Und dann immer gradaus. Mußt du aufpassen vor Bus, das fahrt da immer. Aber nicht beirren, gradaus, so wie ich dir sage. Hast du begriffen? Oder soll ich nochmal erklären – hallo, Lady! – schieb mal deine Koffer beiseite, nein, nicht über meine Füße. Also, und wenn du da bist, geht Treppe nunter, steht S-Bahn dran. Ja, geht nur Oneway, kannst nix falschmachen. Okay, kein Ursache. Die Bahn hilft, wo kann. Bye!

Hm. Letztendlich fanden wir dann den wirklichen Weg zum S-Bahnsteig, der in genau entgegengesetzter Richtung zu finden war – try and error, Versuch und Irrtum, immer mit Gepäck, zwei Koffer mit zusammen vierzig Kilo Gewicht - Mann, schob ich einen Haß! Aber alles ging gut. Die drei Eisenbahner auf der Bank im Düsseldorfer Hauptbahnhof bekundeten uns ihr Mitgefühl. Wir hätten ja Fahrkarten, und wenn der gebuchte Zug nicht führe, hätten wir Anspruch auf Ersatz. Wir sollten einfach mal einsteigen. Das kläre sich dann schon beim Zugbegleiter an Bord - ihr Wort in Gottes Ohr.

Wir stiegen in den nächstbesten Zug. Niemand sprach uns an, niemand forderte Billetts, der Zugbegleiter ging durch und forderte die Tickets – von uns nicht. Mag sein, ihn schreckte mein grimmiger Blick. Ich hätte ihn zerrissen, falls er an unseren Karten mäkeln wollte, aber es kam nicht dazu. In Köln stiegen wir um. Dort, im Zug, kam es doch endlich dazu: Die Fahrscheinä biddä! Uns nebenan saß ein südländischer Typ, der hatte keinen. Tja, sagte der Zugbegleiter, und zückte die schwere Rechenmaschine an seiner Seite, dann wollen wir mal ausrechnen, was Sie zu zahlen haben.

Alles verlief ruhig. Der südländische Typ hatte es versucht und verloren. Da zahlte er eben diesmal. Immer noch billiger, als immer zu zahlen. In Abwicklung des Geldgeschäftes fragte der Schaffner in die Runde, ob jemand vielleicht fünf Euro klein machen könnte – ich sagte, ich hätte noch achtundzwanzig Rubel im Portemonnaie, ob er die verwerten könnte? Da fragte er nach meiner Fahrkarte. Das hätte er nicht tun sollen.

Durch zehn russische und sibirische Zeitzonen wären wir nun gereist, bedeute ich ihm, hin und zurück, davon viertausend Kilometer mit der Bahn, wohlgemerkt, einer russischen! Und alles lief genau nach Fahrplan, in Vladivostok kamen wir sogar nach fast vier Tagen zwei Minuten früher an, als der Fahrplan auswies. Aber nur eine Minute in Deutschland, und schon klappt nichts mehr. Eine kleine Bombendrohung, und alles bricht zusammen. Da, die Fahrkarten. Klar säßen wir im falschen Zug. Lief ja sonst nichts mehr. Ob er etwa – nein, sagt er und legt die Hand an die Mütze. Sibirien, fügt er an, muß ein wunderbar interessantes Land sein. Da wollte ich auch schon immer mal hin.

Ungläubig schaue ich in sein Gesicht – gute Reise, sagt er und wendet sich der nächsten Sitzreihe zu - also verpufft. Wenn ich mich schon mal aufregen will! Nachts um Eins kommen wir an, mit fünf Euro geschmiert wuchtet der Taxifahrer vor unserem Haus das Gepäck aus dem Kofferraum seines beigen Mercedes, wünscht uns eine Gute Nacht. Ja, das wünschen wir ihm auch. Und noch viele Kunden.

In Vladivostok ist es jetzt zehn Uhr, und die Jungens klettern der Betonfigur in der Amur Bucht bestimmt wieder in den Brüsten herum. Das eigene Bett lädt ein. Was soll man über alles nachdenken – heute nicht mehr, und morgen ist bereits wieder erster Arbeitstag.

Wir haben viel gelernt – okay, das kann man wirklich so stehenlassen. Wer mit uns reiste, wird dies ähnlich empfunden haben, waren wir doch eine gute Gemeinschaft – die beiden Kotz­brocken oder –bröckchen einmal ausgenommen. Doch darauf kam es nicht an. Diesem Land, riesig und in einmaligem Erleben unergründlich, waren wir froh, wenigstens die Kappe von der Stirn gelüftet zu haben. Weiteres war in der kurzen Zeit nicht möglich.

Doch das war schon viel.

Daheim? Bis zur nächsten Reise!