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George Sand: Eine Reise nach Mallorca (mit Frederic Chopin)Last Minute - nur weg!

Kann man über Mallorca überhaupt noch etwas berichten, ohne daß der mehr­malige und somit sattelfeste Inselurlauber höhnisch die Mundwinkel verzieht? Rhetorisch gefragt, zugegeben. Wer selber da war, wird vermutlich als Antwort parat haben: Nein. Und das klar und entschieden. Mag es daneben aber nicht doch auch Stöberer geben, denen trotz häufigen Besuchs dieses erhol­samen Massenziels immer noch der eine oder andere Flicken im Patchwork der Insel fehlt? Für diese hab ich ein wenig mitgestöbert und in vierzehn Kapiteln - eines für jeden Tag - festgehalten, was ich dabei fand, und was mir bemerkenswert erschien.

 1   Der mallorquinische Hund.

Eins steht mal fest: für Straßenköter oder hinter Mauerumzäunungen einge­sperrte und angekettete Wachhunde ist Mallorca ein Paradies.

Nachts funken sie sich über die Distanz ganzer Häusergevierte hinweg neueste Meldungen zu - oder blaffen sich auch nur gegenseitig an, was weiß denn ich. Und während Plum jedem, der es wissen will, aber auch mir, der ich es überhaupt nicht wissen will und seit Stunden in einem von der Aufwartefrau hergerichteten spanischen Folterbett oder besser noch, Futteral, um Schlaf ringe - während also Plum, oder wie die Töle sonst heißen mag, in heiser und sonor grollendem Baß seine Umgebung von den leckeren Hammelknochen mit dem nur träge verfliegenden Duft von ajo, wie hier der Knoblauch heißt, unterrichtet, grellt Plisch aus der hintersten Ecke des ums Hotel herum gelegenen Viertels - vermutlich aus einem Kellerloch heraus - den Mond an, der in diesen Breiten wie eine auf dem Rücken schaukelnde Banane durch die Spalten der Jalousie blinzelt: käsegelb, fettig und viel zu hell für eine Nacht, in der man verschiedener Umstände wegen - das martialisch festgezurrte Bettgeflecht ist noch deren geringster - nicht in Schlaf findet.

Wou, wou, wou dröhnt Plum, und den Knoblauchdunst, den er dabei um sein Lager auf der Haustreppe gegen­über wohl verbreitet, möchte ich nicht einatmen müssen. Und Plisch, aus seinem Kellerloch, antwortet: Jiep, jiep, jiep! Immer dreimal hintereinander: Wou, wou, wou. Und jiep, jiep jiep. Sie reden sich gegenseitig kaum rein in ihr nächtliches Geschwafel, warten aufeinander. Denn Spanier sind höflich. Und so scheinen auch spanische Köter: erst nach dem letzten Wou von Plum fetzt Plischs erstes Jiep in mein Ohr. Der fettgelbe Banana-Joe hinter den Jalousien ist längst unter wohltuend abdunkelnden Gewitterwolken, die in dieser Nacht über die Insel hinwegjagen, verblichen. Als deren einziger Donnerschlag mich aus unruhigem Traum, in dem ich mit Plum um seinen Knochen kämpfte, hochschreckt, schweigt die Hundewelt: Plischs Mond ist verdeckt und Plums Knochen wahrscheinlich verdaut, es gibt nichts mehr mitzuteilen, auch Hunde brauchen regelmäßigen Schlaf. Ach du lieber Morpheus, endlich!

Am nächsten Tag entdecke ich bei meinem ersten Gang durch einen Spalt in der Hecke um die Hotellandschaft herum die Keramiktafel, auf der vom Eigner des gegenüberliegenden Grundstücks lapidar mitgeteilt wird, hier wache Zeus. Und Plum, der nun Zeus heißt, stellt sich als gelblichzottiger Neufundländer heraus, dessen mächtiges Haupt friedlich auf zusammengelegten Vorder­pfoten ruht, er hat eine Latte an Schlaf nachzuholen. Sein linkes Hinterbein hat sich in der ihn ans Haus fesselnden Kette verfangen, und wenn er im Schlaf mit dem Bein zuckt, rasselt sie metallisch - Heavy Metal. So gefällt er mir weit besser.

Ich pfeife leise durch Zähne und Heckenzaun: Hola, Plum! Rrrrr... schnarcht er; bei jedem Atemstoß aus tiefstem Hundeherzen wölben sich flatternd seine feuchten Lefzen: gutes Hundchen! Zwar wiederholt sich das Spiel zwischen Plisch und Plum - Verzeihung, Zeus - in der darauffolgenden Nacht, doch findet die mich besser gewappnet: anderthalb Flaschen vino tinto, oder besser: deren gewesener und nun mein Inhalt, hauen mich aufs Laken, lassen mich die beengenden Schichten des mit erneuter Boshaftigkeit vom Hotelpersonal geknüpften Bettfutterals aufzerren wie nichts, und selig, einen Zipfel des Lakens ins matratzenabgewandte Ohr gestopft, entschlummern.

Diesmal träume ich vom Bananenmond, schwimmend in einem großen Eimer voller Sangria: er will einfach nicht durch den Strohhalm, an dem ich sauge: nichts das Leben entscheidendes. Hier spielt sich überhaupt nichts für mich Entscheidendes ab - hic Hispania, hic salta! Springe? Welcher Arsch diesen Spruch wohl wieder verbrochen hat, und wenn ich recht erinnere, bezog er sich auf Rhodos, und überhaupt - Mensch, hab ich nicht Urlaub?

So fest schlief ich seit langem nicht.

Der nächste Morgen: hatte ich nicht vor, von Hunden zu berichten? Gut.

Plum alias Zeus kennt mich schon: er raunzt nur noch verhalten, wenn ich hinter Hotelhecke und Zaun verborgen an ihm vorübergehe. Es hört sich an wie ein mürrisches Guten Morgen, aber ich spüre seine verhaltene Liebe zu meinem Knoblauchdunst doch heraus: Gambas a la plancha, gegrillte Krabben vom Rost mit Petersilie und geraspelten Bröckchen dieser weißlichen Erdzehe, welche außerhalb südländischer Regionen jeden zum Einzelwesen, gewisser­maßen zum Eremiten, verdammt. Ist es nur Zufall, daß es hier auf oder in fast jedem Berg eine Eremitage, also Einsiedelei gibt? Gestern jedenfalls hatten wir das, Gambas mit Weißbrot und Salat, umsponnen von mehreren Flaschen soliden Rotweins.

Ich weiß nicht, welche Farbe dem Knoblauch gebührt, ob gelblichweiß oder eher - ungehäutet - bläulichviolett: seine Fahne jedoch flatterte wohl einst von jedem zweiten Gipfel der Tramuntana oder Serra Llevant, beschwor Gesundheit, zwang die Bewohner dieser glücklichen Insel vor den gebirgsgängigen Marienstatuen in die Knie, ließ Atome seines Odeurs herab auf die Siedlungen in den Tälern schweben und machte die Bewohner - darunter auch deren Hunde - glücklich: Ajo, ein Liliengewächs - das, wenn es sich mit Fleisch oder Gemüse verbrüdert, zur Köstlichkeit wird. Auch für Hunde. Ich will es mal so sagen: Plum und ich schienen den gleichen Geschmack zu haben.

Wer sich vor Knoblauch fürchtet, der muß - so kam mir in den Sinn - sich auch vor Plum, oder, wie auf der Keramikkachel oberhalb seines zottigen Hauptes geschrieben steht, Zeus, fürchten. Und ich forcht mich nit, um es im Stil Walters von der Vogelweide auszudrücken. Etliche aber, die von Plum alis Zeus verbellt wurden, focht es doch an. Und da setzt ein, bitte, daß ich nicht verstehe, wie man so leichtfertig auf ein griffbereites Glück verzichten kann: vielleicht sind es ja die Kinder, die auf Pommes, Majo und Fastfood stehen, und den Eltern keine andere Wahl lassen - schade. Aber ganz oben im Ort, dort, wo kaum mehr ein Spaziergang hinführt: dort ist an einem Pfahl ein Schild angenagelt: No Fastfood, only Slowfood. Was bedeutet: Kein Schnellfraß, nur frisch zubereitete Sachen. Kann schon sein, daß der eine oder andere Urlauber sich da oben mal hin verirrt. Mit der Ladung, die er dort empfängt, wird er in den animierten abendlichen Hotelbars für Abstand sorgen und - je nach Gusto - die Umgebung verstänkern oder aufs Zimmer fliehen, was schade wäre: denn Mallorca ist auch Anderes. Ist nicht nur Frittenbude am Strand, Sonnenöl und Hotelbuffet. Mallorca ist Glück, ummauerte Mandelplantagen, zweimal im Jahr blühende Zitronenbäume, steil aufstre­bende Gebirgsmassive und darin winzig verwurzelt sich kauernde Dörfchen mit ockergelben, von tiefstehender Sonne gestreichelt glühenden Mauern. Darin schienen Plum - Verzeihung, Zeus - und ich uns einig, wenn ich ihm durch Zaun- und Zahnlücke hindurch zupfiff und etwas von meinem Knoblauchatem an ihn abgab: gutes Inselchen.

Ich weiß nicht, was ein Hund denkt - aber bei MacDonalds, das es hier natürlich auch gibt, würde er nach meinem Dafürhalten viel lieber die Fleischbrater an den Hosenbeinen hinter ihren Gasbrennern hervorzerren, als daß er auch nur einen ihrer Fleischklopse vom Grill klauen würde. Doch ich bin kein mallorquinischer Hund. Vielleicht besitzen sie ja gar nicht den Stolz und Haß, den sie zeigen, wenn sie angekettet bellen. Man sollte sie mal loslassen. Ich wette, Zeus würde mir sofort an die Hose gehen - schnüffelnd und mit wedelnder Rute, vielleicht. Und vielleicht würde ich ihm das struppige Halsfell kraulen, dort, wo sich die Kette besonders tief eingeschnitten hat. Aber was hat das alles mit Knoblauchfahnen, Eremitagen und Zitronenbäumen zu tun?

Gar nichts. Oder alles. Plum jedenfalls begrüßt mich mit einem dumpfen Wou, fast nebenbei - nur einem! Na also, an mich verschwendet er keine drei, wie er es in der Nacht an jeden anderen malloquinischen Hund tut, das schafft diesen gewissen Grad an Vertraulichkeit, dem weniges mehr ist. Sein Inhaber kann sich freuen, daß er zu den Auserwählten und Eingeweihten zählt.

Freuen? Jawohl, gutes Hundchen; und gutes Inselchen: Mal gerade hundert­zehn Kilometer weit und neunzig breit. Und drinnen so intim und voller Mandel- und Zitronenduft - aber ich sage es gleich: man muß ein wenig von ihrer Sprache beherrschen, si, no, gracias, de nada, cómo está, no hay de qué, por favor, muchas gracias, perdon, hola und hasta pronto, was heißt: auf bald - und dann werden uns diese Leute in ihr Herz schließen und wir sie in das unsere, und keiner scheint so recht zu wissen, warum. Doch, ich weiß es: weil ich diese Insel liebe. Und die eben aufgezählten Vokabeln entstammen noch nicht mal der Sprache der Mallorquins - da müßte man sich schon katalanisch bemühen statt kastilisch, aber das gilt nur für die hintersten Bergdörfer. Aber was denn! Lohnt es nicht allemal die Mühe? Also si us plau statt por favor, gràcies statt gracias, la dona statt mujer, demà statt mañana und bon dia, bona nit, a reveure und Adéu, was fast wie Schwytzerdütsch anmutet - es ist ja auch eine Bergsprache. Denn soviel die Küste mit Stränden und Touristen gesegnet ist, soviel hält das Landesinnere an Bergen und Gipfeln parat, deren einzelne bis zu tausendvierhundert Metern aufragen. Ach ja, und quiero pagar nicht zu vergessen, was zusammen mit einer erhobenen Hand bedeutet: Ich bin bereit, in aller Öffentlichkeit mein Portemonnaie aus der Hüfttasche zu befreien, ihm - je nach Opulenz des gehabten Mahls - etliche grünlich, rot oder auch braun eingefärbte Pesetanoten zu entnehmen und mit dieser bescheidenen Papierspende die gezeigten Qualitäten des hochgeschätzten Hauses zu honorieren - jedenfalls stürzt sich daraufhin der camarero oder gar el jefe selber in ein solch freundliches Gesicht, daß man glaubt, man habe es wirklich in dieser blumigen Form geäußert. Soviel zum Zahlen, das natürlich auch hier gängige Sitte ist. Umsonst ist nur der azurfarben und endlos scheinend sich über der Landschaft spannende Himmel.

Hunde - sie laufen einem sogar über den Krawattenknoten, die gefährlich gewundene Serpentinenstraße nach Sa Calobra nach, trotten über den Fahrweg, schlecken ein wenig silbrig glänzendes Regenwasser vom Asphalt, wittern in die nebelverhangene Luft, trollen sich vor dem herannahenden Auto, das - für nur kurze Mietzeit vielleicht - einem selbst gehört, und berichten ihren struppigen Artgenossen in verschlafenen Dörfern von uns: die spinnen, die Touristen! Erreicht die Hundesprache gar die Bewohner, so denken auch jene: die spinnen, die Touristen. Im Gegensatz zu diesen bellen sie jedoch nicht, sondern geben nach besten Kräften Auskunft, wenn man sie fragt. Auf Spanisch? Nein, auf Katalan. Tja, werden sie wohl sagen, die Kappe abnehmen und sich gedankenvoll am Hinterkopf kratzen, da war irgendwann mal so ein General, der nannte sich Franco, was offen, ehrlich und frei bedeuten kann. Muß aber nicht: auch Geld (Franken) kann es heißen. Und dieser General nun war in Burgos und spielte den caudillo, einst trug diesen Namen einer unserer Heerführer gegen die Mauren. Wo der König doch in Italien residierte - schrecklich. Wissen Sie, was wir gemacht haben? Überall wurden kleine Flakbunker eingerichtet, am Meer, mein Bruder Jorge weiß das noch. Und wenn die Republikaner, diese roten Kirchenschänder, wenn die dann mit ihren Flugzeugen gekommen wären - Gott weiß es, wir hätten sie einfach ins Meer gepustet! Ja, so ging der Befehl. Aber sie kamen nicht. Und die Menorquiner auch nicht, die sich den roten Ratten zugesellten, obwohl es von ihnen zu uns kaum fünfzig Kilometer sind. Tja, mein Bruder Jorge weiß das noch alles, der kann es bezeugen. Damals haben die Deutschen unsere Insel wenig besucht, weil sie in Guernica zu tun hatten, Sie wissen schon, die Legion Condor; Picasso hat zu malen versucht, was sie dort übrigließ, aber eigentlich ist auf seinem Bild noch viel zuviel zu sehen. Heute kommen sie zu Millionen, als wenn nichts geschehen wär. Wie die Moskitos. Ist das nicht komisch? Wenn nicht Franzosen und Engländer auch hier wären - könnte man nicht glauben, ha ha, ihr Deutsche setztet heimlich euren Feldzug fort? Na, wir sind ja jetzt ein ganz anderer Staat und die Gebeine des Generalissimo, des Generals aller Generäle, die sind längst vermodert, vermutlich auch sein Fingerglied, el falange. Aber unsere Forts stehen noch.

¡Bah! sagt er. Jeder kann darin herumklettern, man wird sie kaum mehr brauchen. Uns hilft schon die Sonne: alles, was dort unten an der Küste brät, ist viel zu träge, uns eine Gefahr zu sein. Und zu fern. Bo (gut) - Sie sind Deutscher? Um in Guernica dabeigewesen zu sein, sind Sie eigentlich zu jung. - Tja, wird er schließlich sagen, sich den Kopf kratzen, die Mütze wieder aufsetzen, und eine gedankenverlorene Weile in das unbeschreibliche Blau über den erhitzt flimmernden Mauern des Dorfes starren - tja, damals haben uns die Deutschen wohl gegen die Roten geholfen. Weitausholend unterstreicht eine jovial gemeinte Geste diesen Satz, doch plötzlich läßt er wie ein Stück Eisen den Arm fallen, starrt einem unverhohlen direkt in die Augen: Eine Schweinerei war es schon, das mit Guernica, sagt er.

Man kommt sich klein vor, aber die Mallorquins lassen es einen nicht so spüren wie die Franzosen: da ist man als Deutscher verantwortlich  für weltweiten Massenmord, immer noch, und das wird sich kaum legen, trotz Mitterrand und Kohl, denn die Furcht vor einem neuen Überfall ist latent. Warum auch nicht, wir haben wenig getan, sie zu zerstreuen. Hier auf Mallorca ist das anders. Die Insel lebt vom Tourismus. Deutsch, französisch, englisch? Pesetas - eine rein spanische Angelegenheit. Wollen wir uns über Kriegsgreuel unterhalten? Nicht doch, Señor - fühlen Sie sich wohl bei uns! Und lassen Sie Pesetas hier. Was sollen wir über die Generation unserer Eltern streiten - das war eine andere Zeit, amigo! Und die einem allenthalben zwischen den Füßen laufenden Hunde und Hündchen bellen und geben zu erkennen: auch sie sind kaum gegen die Verbrüderung; von einem Hammelkotelett - und jeder Tourist muß ja irgendwann mal essen - bleibt ihnen allemal das hingeworfene Knöchelchen, das sie mit Behagen zerknurpsen.

Insofern bilden die mallorquinischen Hunde eine symbiotische Gemeinschaft mit den Touristen, die sie schon am Geruch erkennen, so, wie der camarero eines x-beliebigen Lokals mit todsicherem Instinkt dem Touristen die Speisekarte in der richtigen Übersetzung präsentiert: deutsch für Deutsche, die auf der Insel die Urlaubermehrheit stellen. Hier, an der Küste, verstehen sogar die Hunde Deutsch: Komm und entsprechend quirlend lockende Finger deuten sie als Einladung, an den Resten des Festbanketts teilzunehmen. Wo allemal Knochen übrigbleiben. Falls sich nicht jemand auf tumbet versteift hat, da ist für ein mallorquinisches Hündchen, weil es sich dabei um einen Gemüseauflauf handelt, so gar nichts al gusto. Und ich denke, schon das unbeholfen mit deutschem Zungenschlag bei der Bestellung ausgesprochene Wort tumbet vertreibt die Mehrzahl herumlungernder Straßenköter. Manch knochenhart abgebrüh­te Kreatur jedoch harrt aus und schnuppert unter dem Tisch hervor mit gestreckter Nase sogar in Richtung des als Abschluß kredenzten Espresso oder cafe solo. Wo außer dem Tütchen mit Zucker nun wirklich nichts zu holen ist.

Hier gibt es, drängt sich mir auf, wirklich saublöde Hunde! Mit Seiten­blick auf die Ballermänner von S’Arenal denke ich jedoch: nicht jeder davon muß wirklich hier geboren sein.

Wie der ca de bestia: eine fast ausgestorbene heimische Hunderasse, die dem schwarzen Labrador ähnelt. Trotz fast Ausgestorbenseins: ich wette, jeder, der einmal auf Mallorca war, hat ihn schon einmal gesehen. Schwarz wie die Nacht, glattes Fell, spitze Schnauze und eine ebenso nach oben gebogene Rute, diese mager und dürr wie der Zweig einer vertrockneten Aleppokiefer: am Zugang zu jeder platja, dem auf Katalan so benamsten Strand, ist dieses Urviech zu finden - auf einem Schild und blutrot kreuzweis durchstrichen: no perros, keine Hunde. Die schwarze, durchstrichene Kreatur ist das amtliche Denkmal für den fast ausgestorbenen ca de bestia.

Fast ausgestorben? Nein, an einer winzigen platja auf einem Eiland namens balearis major, was bedeutet: große Insel der Steinschleuderer - Goszinny und Obelix mögen mir das Plagiat verzeihen - regt sich ein Köter, ein ca de bestia. Und wie er sich regt.

Erwähnte ich bereits, daß die aktuellen Kalenderblätter immer noch Anfang März zeigen? Gerade erst sind wir eingeschwebt, und wenn wir abfliegen, werden die ersten fünfzehn Zettelchen dieses Monats abgerissen sein. Noch jedoch ist es nicht soweit. Erster Rundgang durch unser vierzehntägig künftiges Revier in Cala d’Or - dies weiße Städtchen rühmt sich sogar einer Fußgänger­zone! - führt uns zum Strand.

Eine Weile rasten wir im Schatten des die Bucht seitlich begrenzenden Pinienhains, ruhen aus auf einem Felsbrocken, den nur Urgewalten noch weiter hinunter in den goldgelben Saum der Bucht zu rollen vermögen. Vom Himmel bricht gleißend das Urfeuer der Sonne und wirft hinter jeder halb im Sand vergrabenen Muschel steile Schlagschatten; noch jedoch ist das Meer zu kühl, um darin zu baden. Alles, was dort zögernd hineintaucht, schrumpelt und zieht sich vor Kälte zusammen. Nee, lieber nicht, Zehen und Knöchel, ja - die tunkt man ein, da kann nicht viel passieren. Weiter traut man sich nicht, die absolute Schmerzgrenze um diese Jahreszeit findet sich oberhalb des unteren Saums des Badehosen­drei­ecks.

Lieber brät man außerhalb der Wellen die Haut zu dieser ungesunden, später jedoch, wenn erst alle Schuppen abgefallen sind, mit den Worten „Mensch, bist du braun!“ bestaunten Krebsfarbe, die abends erst richtig aufglüht und bis zu Verschuppung und Abpellen manches an Pein zu bereiten vermag. Das abendlich mit Salat- oder Sonnenöl auf dem Nasenrücken betäubte Gefühl, eine Rubbelkarte zu sein, verläßt einen erst, wenn man wieder zu Hause ist.

Hundchen - jemand wirft einen Stein: platschend fällt er nahe im Seichten ins Wasser. Und ca de bestia galoppiert los: spritzt Sand hinter sich auf, wirft eine Gischtwelle, bevor er untertaucht - wirklich, noch nie habe ich einen tauchenden Hund gesehen! Kopf unter Wasser, das ja - aber mit allem runter, so daß nur noch die - sogar unter Wasser - ewig wedelnde Schweifspitze zu sehen ist? Das nicht. Und auch nicht, daß Hundchen mit dem Kloben im Maul wieder auftaucht, die seichte Dünung quirlend das Meer mit Pfoten tritt und zu irgendwem am Strand zurückschwimmt, schließlich zurückrennt, sich schüttelt, hierdurch im Umkreis von fünf Metern alles regenbogenfarbig näßt, den Brocken im Maul zu Füßen eines Irgendjemand in Badehose ablegt und heiser bellend fordert: Aquí playa, aquí tiras: hier Strand, hier schmeiße - hic Rhodos, hic salta. In Australien würde man diesen Hund verfluchen, denn er brächte all die abgenutzt weggeworfenen Bumerangs zurück, deren sich ihre Besitzer eben noch glaubten entledigt zu haben, indem sie diese ohne den zur Rückkehr erforderlichen Effet einfach fortschmissen. Mit diesem Hund: keine Chance. Dem geht nichts verloren.

Wieder und wieder wird der Stein geworfen. Von Mal zu Mal tiefer ins Meer. Bis die Schnellkraft des Bizeps diesem Spiel Grenzen setzt, und der Hund auch den am weitesten geworfenen Stein todsicher noch aus drei Metern Tiefe wieder heraufbringt, und ihn - mit dem Alepposchwanz wedelnd - dem Spielkameraden in der blaugrün karierten Badehose vor die Füße fallen läßt: Aquí Playa, aquí tiras!

Nein, der Werfer mag nicht mehr, und mit der Zeit merken auch wir, auf unserem kühlen Stein, daß ihm der Hund gar nicht gehört, den er mit immer weiteren Würfen in immer tieferes Wasser endlich zu ersäufen hofft - was nie gelingen kann. Denn hier handelt es sich um einen ca de bestia, ein Mitglied der fast ausgestorbenen heimischen Rasse, sozusagen ein besonders zähes Glied dieser Spezies, auf allen Schildern bereits rot durchkreuzt, das aber sämtliche Urlauber überleben wird - das walte Hugo. Und bevor dieses Hundsviech, sich wachsender Abneigung der blaugrün karierten Badehose bewußt werdend, seinen Steinkloben zwischen immer neue Füße fallen läßt, und sich dabei dem Stein, auf dem wir hocken, stetig nähert, bevor er uns also erreicht, machen wir die Mücke. Auf Steineschmeißen haben wir heute absolut keinen Bock.

Ganz hinten, dort wo der blendende Sand endet und die Peripherie in weißgestrichene Strandbars und Souvenierläden übergeht, um diese Jahreszeit noch geschlossen, finden wir eine Bank, verwittert, ausgeblichen und unter angenehmer Sonnenbestrahlung. Estaba frio, es war kühl im Schatten der duftend harzenden Pinien, aus dem wir uns entfernten, um aufzutauen. Auch, natürlich, um dem Hund zu entgehen. Oder wollten wir nicht eigentlich sowieso am Ende der Bucht sitzen, um von dort dem mählichen Sturz unseres glühenden Hauptgestirns in nur mäßig bewegtes, fast wie eine Scheibe Milchglas daliegendes Meer zusehen?

Von wegen mäßig bewegt - hektisch rennt die Bestie umher, wirft immer neuen Gespielen seine Bröckchen vor die Füße, hat bald den ganzen Strand durch, taucht, rennt, sprudelt Blasen unter Wasser, unermüdlich: ein echter Seehund. Aus der Ferne unserer Rentnerbank wirkt er wie ein schwarzer Ball, hin und her getrieben, gespielt von sich selber und niemand sonst, ein Ball mit Schwanz, sich biegend wie der nächtliche Halbmond, der bald über der Bucht schweben wird.

Noch stolpern Kinderglieder gegen das Licht der untergehenden Sonne über den Sand. Mager und staksig, wie Mückenbeine auf einem Resopaltisch, befördern ihre sich scharf gegen den Horizont abzeichnenden Schattenrisse Sand in Schäufelchen von hier nach dort zu interessanten Stellen, von wo ihn in der Nacht aufkommender Sturm wieder fortreißen wird.

Nichts bleibt, wie es ist, an dieser Küste. Außer dem ca de bestia, der sich mittlerweile lustlos in eine erschrockene Rentnerin verbissen hat: sie kann den Stein nur zwei Meter weit schleudern und sieht sich nach einem kleineren um, der weiter langt, um vor der Töle Ruhe zu haben. Aber sooft sie sich bückt und Handfestes aufklaubt, Schwung nimmt, es ungeschickt ausholend mit Links ein paar Meter weiter wirft, im Glauben, nun sei der Köter es leid und das Wasser ihm zu tief: immer wieder taucht der Hund, ist - bis auf die wedelnde Rute - nicht zu sehen, und bringt doch das Steinchen getreulich zurück. Und wenn er es gar nicht findet, schleppt er irgendeinen anderen Kloben an, den sie kaum heben kann. Geschweige denn werfen.

So wird sie ihn nicht los, und wir erheben uns befriedigt von unserer Bank, schlendern schnurstracks in den immer noch azurblauen Himmel, die in Hitze nachglühende Treppe hinauf und dem Städtchen entgegen: langsam wird man wieder etwas zu sich nehmen müssen. Heute vielleicht - ach, lassen wir uns über­raschen! Aber Wein wird wieder mit von der Partie sein: una karafa de vino blanco y una botella de agua mineral con gas - Schorle heißt das, was man aus diesem Sprachbandwurm mixen kann, unsere Bezeichnung dafür ist jedenfalls erheblich kürzer. Und ein wenig ajo am Essen: sind wir heute abend nicht allein auf diesem großartigen Inselchen? Allein im Appartement? Wo der elektrische Heizkörper brummt und um zehn der Strom alle ist, weil alle heizen? Mag Mallorca stromlos duster werden, dann gehen wir eben zu Bett - die Schikanen der Futterale kennen wir bereits und wissen sie zu entschärfen. Nachdem man das Fußteil aufgezerrt hat, schläft es sich darin fast wie in einem heimischen Bett.

BadebuchtZeus, alter Knabe, heute Nacht werden weder du noch dein jiepender Kollege mich um den Schlaf bringen: heute Nacht versucht das meine Frau zu besorgen. Sie schnarcht, und das tut sie immer dann, wenn sie ein Quentchen mehr Wein getrunken hat, als ihr eigentlich guttäte. Gott sei Dank hab auch ich tief genug in das Faß hineingeleuchtet, in dem el padre Barthelmé den Most aufzubewahren pflegt. Vielleicht schnarche ich ja auch. Sollte dem so sein, und ich hielte es bis zum nächsten Morgen durch, könnt´s mir nur recht sein.

Hundchen: natürlich vernehme ich Zeus’ heiseres Bellen. Aber da ist es bereits neun Uhr. Neuer Tag - äach! Bettdecke über den Kopf, erste Regung. Das spanische Bett läßt diese jedoch nicht zu: es enthält keine Bettdecke. Es enthält allein Schichten kratzenden oder - je nachdem, wie man es zuvor geordnet hat - auch schmeichelnden Tuches. Bueno, besser, man steht auf. Schiebt den Vorhang beiseite und pliert aus dem Fenster: guter Tag?

Mal so, mal so. Badehose und Ohrenschützer, so würde ich das Wetter beschreiben. Abends, auf der Loggia des Appartements, ruhen, aus den Ärmeln der T-Shirts ragend, gebräunte Unterarme auf blassen Sessellehnen aus Plastik - daran baumeln Hände mit blaugefrorenen Fingern - comprendiste?

Zeit, das elektrische Öfchen inmitten des Raumes zu schieben, die Fenstertür zu dreiviertel zu schließen und den Radiator einzuschalten. Ein Winter auf Mallorca - Madame Sand hat keinen so bequemen Schalter bedienen können, um ihrem maladen Frédéric einzuheizen. Beim abendlichen Klavierspiel wird er mächtig gehustet haben, der gute Chopin, damals im Winter 1838/39. Dazu jedoch - und zu vielem anderen auch - werde ich noch kommen.

 

 2    Frühstück, zweiter Tag.

Meine Frau, die zweitbeste von allen - die erstbeste beschlagnahmt bereits ein gewisser Herr Kishon für sich - meine Frau also kauft fürs Frühstück ein. Kaffee und Filtertüten brachten wir von zu Hause mit. Sie holt knusprige bocadillos, weit entfernt davon, dieses Wort im hoteleigenen supermercado aussprechen zu können, sie hat sie wohl einfach in den Korb gelegt. In einer Bäckerei wäre das schwieriger gewesen, da hätte sie zumindest drauf deuten müssen. Meine Frau, die zweitbeste also von allen, spricht kaum ein Wort Spanisch. Allenfalls radebrecht sie: si, no, vino blanca und gracias, das reicht ihr allemal. Sie besitze nun mal kein Talent für Sprachen, so ihr freies Eingeständ­nis. Und außerdem könne hier jeder deutsch. Zwar nicht aus Liebe zu den Deutschen, aber zu den Pesetas, die diesen locker in der Tasche sitzen.

Bocadillos sind längliche Kurzweißbrote vom doppelten Format eines Brötchens, wie wir es kennen. In so ein aufgeschnittenes Trumm paßt eine Menge Wurst, emparedado, bei uns Aufschnitt genannt. Oder Käse, el queso. Mit mermelada oder confitura ist es kaum zu füllen, da geht nahezu ein halbes Glas auf so ein Superbrötchen.

Und es gibt Eier, gekochte, huevo cocido, das Salz hat die Fluggesellschaft in Tütchen spendiert, es ist vom kalten Diner an Bord übriggeblieben. Mucho sal muß erst noch ausgepackt werden, wir haben unseren eigenen Salzstreuer mitgebracht, noch im Koffer und mit einer Tesabinde über den Öffnungen verklebt, eingedenk des Salzmangels vor zwei Jahren. Waren wir da zu geizig, ein Pfund im Supermarkt zu kaufen? Oder wußten wir nur das entsprechende Wort nicht? Sal - einfacheres läßt sich kaum denken: Sal.

Frühstück: was wollte man mehr! Kaffee satt, genug, um wach zu werden, ferner mermelada, emparedado, queso, bocadillos, eines bleibt sogar übrig, es ißt sich auch am Abend noch gut. Dennoch beschließen wir, von nun an nur noch pan zu kaufen, Stangenweißbrot. Man kann es teilen, die Stücke passen sich an, sind nicht so belagverzehrend wie bocadillos. Ein neuer Tag also, gemächlich begonnen, kann er angegangen werden.

Noch wissen wir nicht, was wir heute unternehmen werden. Ein Morgen braucht seine Zeit, seinen Ritus, und erst, wenn er ebenso gemütlich wie unauf­haltsam in frühen Vormittag hinübergeglitten ist, erwacht endlich die Neugier: was tun wir heute?

Werfen wir mal einen Blick in Karte und Reiseführer: Klöster, Kirchen und Museen. Klöster, Kirchen und Museen. Klöster, Kirchen und ... wird doch noch was anderes geben - ah, hier: Botanicactus, der größte botanische Garten Europas. Wär doch mal was. Bekommen wir nicht heute unser Auto, einen Fiat Punto? Also nichts wie hin.

Fräulein Micaela Binimarais von der Autovermietung Roig (sprich Rotsch, auf Katalan bedeutet das rot) erklärt mir kurz die spanischen Verkehrsregeln, bevor sie mir den Schlüssel übergibt: Um Gottes Willen nie auf Ampeln vertrauen, wirkliches Grün gibt es nur im Gebirge unterhalb der Baumgrenze, dort, wo die Schafe weiden. Und - Sie sind doch nicht etwa rechthaberisch? Manchmal, sage ich. Von unten, Fräulein Micaela Binimarais ist sehr klein, wirft sie mir einen abschätzenden Blick zu: Sehen Sie, wenn Sie sich an die bei uns im Straßenverkehr geltenden Regeln und Gesetze halten, fahren Sie relativ sicher. Wenn Sie jedoch glauben, auch meine Landsleute täten es, fahren Sie relativ unsicher. Beharren Sie also besser nicht auf Ihrem guten Recht, okay?

Sie händigt mir einen Plan der sechshundert Stellplätze hinter dem Gebäude aus und bezeichnet mit raschem Kulikringel darin den Standort des gemieteten Fiat Punto, was Punkt heißt: dort stehe er, knallrot, Reihe neunzehn, Box sechs. Sie zahlen sofort?

Claro.

Fräulein Micaela nimmt die hingeblätterten Scheine entgegen und von einem Hakenbrett in exakt der Form des Plans einen Schlüssel: Hier der Schlüssel, ich wünsche Ihnen viel Glück!

Werde ich es denn brauchen? frage ich.

Quién sabe. Gute Fahrt. Sie spricht perfekt deutsch, aber „wer weiß“ bringt sie in meiner Muttersprache nicht über die Lippen. Sie trägt eine randlose Brille und schaut mir darüber hinweg in die Augen: Señor, sagt sie nur und hebt die Schultern, andere Kundschaft wartet.

„Schon gut.“ Ich lächle, sie lächelt zurück, es kostet ja nichts: „Wird schon schiefgehen.“ Hab noch nie gehört, daß Spanier auf italienische Autos Jagd machen. Erstmal suche ich Reihe neunzehn, Box sechs: ah, da. Der Bursche hat noch nicht mal hundert Kilometer auf dem Buckel. Na dann wollen wir mal, ich werd’ ihn schon einfahren!

Zurück am Hotel, verstaut meine Frau, die zweitbeste von allen, Reiseführer, Karte und sich selbst in und um den Beifahrersitz herum. Los geht’s Richtung Ses Salines. Davor, in dieser langgezogenen Kurve, aus der uns keuchend ein Pulk Radfahrer entgegenstrampelt, ein ausgebranntes Autowrack auf dem Seitenstreifen. Erstaunlich, wie tief einstmals bemaltes Blech sinken kann, wenn es vor sich hin rostend auf platten Felgen im Sand ruht. Ein Japaner, denke ich. Dahinter die Einfahrt zu Botanicactus, dem, wie es heißt, größten Botanischen Garten Europas.

„Haben Sie es nicht kleiner“, fragt die Schnecke in ihrem Kassenhäuschen. Mißmutig kramt sie Kleingeld auf meinen Fünftausendpesetenschein heraus. Die Schranke, ein Blick: Pampasgras, verbrannte Erde, Palmen, Kakteen, Agaven: absolut tropisch. Dann Wasser, das Reservoir: Enten paddeln darauf. Schläuche schlängeln sich von hier in die Landschaft. Ein Mann in blauem Overall repariert eine Pumpe, sie ist in einem Schacht verborgen, damit sie einem nicht die Illusion nimmt, alles blühe und wachse hier rein zufällig. Hier blüht nichts zufällig, Mallorca ist eine trockene Insel, und was hier wächst, will begossen, beregnet, besprengt sein. Aber dann!

Agaven, immer wieder Agaven, vielfältig in Blüte, Kakteen mit kleinen Früchten, orangerot, aus denen man Marmelade kocht, Zitrusgewächse voller prallreifer Ovale, und immer wieder Agaven, wohl an die hundert verschiedene Arten, alle kurz vor, in oder nach der Blüte - ein vom Ballermann ins Landesinnere entlassener Bajuware würde wohl staunend entäußern: „A so ane Pracht abera - gell, da siegst erst, was die hier herobn alles hamm!“

Wobei auch andere das haben könnten, wenn die sich hier herobn nur einmal sehen ließen täten. Mallorca, die Putzfraueninsel. Und Mallorca, die Schöne, Spröde - um die Küsten herum geizt sie wohl nur mit dem Saum ihres Kleides; den sie anmutig und willig jedoch allen gegenüber schürzt, welche ihr liebend ans Mieder gehen, also ins Landesinnere folgen und dort sogleich zunahe treten: Kenner, Liebhaber, stille Verehrer - für jeden hält sie etwas bereit. Was, das werde ich im Folgenden noch genügend auswalzen. Doch erst einmal Botanicactus, von Santanyi aus hinter Es Llombarts und kurz vor Ses Salines. Was man dort sieht, ist kurz aufgezählt folgendes: unzählige Arten tropischer Palmen, Agavengewächse, Mandel-, Oliven- und Zitronenbäume, Kleinkraut, das ich gar nicht zu benennen weiß, ein hervorragendes Bewässerungssystem, Spanier, Touristen, Enten, eine Eisbude, die durch eine Windmühle betriebene Wasserschöpf­anlage mit Speicherbassin, und nicht zuletzt die Hirtenunter­kunft - Stein auf Stein geschichtet, alles ohne Mörtel, und zöge man den Schlußstein heraus, bräche alles in sich zusammen; aber es hält, von den Seitenmauern bis zum domartig - nicht so hoch allerdings - gewölbten Dach: erstaunlich, dieser Bau.

Lehrlinge dieses Baustils waren die Goten. Im Gegensatz zu hier kamen ihre Bögen und Portale jedoch nicht ohne Mörtel und Anker aus - sicher ist sicher, werden sie gesagt haben. Gotische Bögen waren ja auch ein wenig höher, halten wir es ihren Erbauern also zugute. Aber der Ursprung liegt hier, und man kann hineinkriechen in die Hütte, in der einen unbewußt ein klitzekleines Gruseln oder auch nur hohles Gefühl befällt:  Schäfer muß doch ein recht gefährlicher Beruf gewesen sein - allein der Schutzhütte wegen.

Ses Salines selbst trägt diesen Namen nicht umsonst: wenige Kilometer außerhalb des Ortes glänzen die künstlich angelegten Salzteiche in der Mittagssonne, die Salines de Llevant, näher an Colonia de Sant Jordi gelegen und von dort auch besser zu erreichen. Man muß seinen Finger in das klare Wasser tauchen, daran schmecken, und dann fällt einem plötzlich ein, daß Salz - hier wohl nur noch zu Schauzwecken in fünf Meter hohen Halden herumliegend - früher sehr viel Geld brachte. Heute ist der Tourismus das Salz an der Ursuppe, von der die Bevölkerung Ses Salines’ lebt: kaum einen halben Meter tief und ihr Grund von Salzgebäck schrundig, als sei er mit Solnhofener Schiefer belegt.

Allmählich jedoch gewinnen Pflanzen aller Art Oberhand über die einstmals angelegten Meerwassersalinen, und für mehrere fast ausgestorbene Vogelarten wird dieser Landstrich zum Paradies. Es lohnt sich, die ehemaligen Salzsuppen­becken mit schußbereiter Kamera zu umrunden, obwohl einen an deren Nordseite Schilder mit der Aufschrift Privado und hinter sehr fragilen Zäunen sehr wütend die Zähne fletschende ca de bestia in der Meinung bestärken möchten, doch lieber von solchem Vorhaben Abstand zu nehmen - bueno, mag die Nordseite auslassen, wer einst in der Kindheit von kläffenden Kötern Bisse empfing und diese seither als Trauma im prallen Rucksack der Erinnerung mit sich herumschleppt. Aber der Norden ist doch die schönste Seite der Saline.

Colonia de Sant Jordi - ein langweilig auf dem Reißbrett angelegtes Kaff. Vom Ortsende zieht sich ein ellenlanger Sandstrand Richtung S’ Estanyol, was dem Namen nach irgendetwas mit See bedeutet, doch nichts mehr dergleichen aufzuweisen hat. Dazwischen Sa Rapita, auf der Hafenmole ein Restaurant, das Fisch aus erster Hand empfängt; um diese Zeit jedoch, obwohl alle Tische eingedeckt sind, scheint es eher abweisend. Weder Esser noch Bedienung sind hinter den Scheiben auszumachen, es wirkt tot. Im Sommer hingegen: da schäumt das Lokal Tische und Stühle hinaus bis an den Molenrand, da ist jeder Platz besetzt, und bis sich die Bedienung in die Gegend verirrt, wo man die einzig freien zwei Stühle ergattert hat, und sie gehetzt die Bestellung aufnimmt, kann man sich einen veritablen Sonnenbrand auf der Mole holen. Sofern man den nicht schon mitbringt.

Jetzt aber: allein der Chinese an der zugigsten Ecke der Promenade hat geöffnet, dort essen wir mehr schlecht als recht, die Preise gemahnen an die Nähe zu Palma und die kilometerlangen Strände zwischen dort und hier, Sa Rapita ist Einzugsgebiet. Kurios: der spanisch, mit lollendem lll, splechende Chinese: Los Señoles, que desean? Aber auch deutsch kann er: Viel Sand, viel Toulist, viel Pleis, singt er und meint damit das, was man in Deutschland für die Hälfte bekommt: solch teures Chop Suy auf solch zugiger Veranda ist mir noch nicht untergekommen. Aber bei uns gibt es auch nicht das Meer so nah dem üppig bestückten Gewürzständer auf weiß eingedecktem Tisch. Einzig der Wein war, wie überall, billig und gut. Nein, nicht nur der Wein: auch der Strand. Und der war sogar völlig kostenfrei, samt aller alten Flakstellungen gegen die Republikaner, in die man hineinklettern und sich gruseln kann - wenn man das Wandern über von der See abgeerntete, angeschwemmte und mitunter häßlich riechende Tangfelder nicht scheut. In der Saison wird das natürlich alles zusammengekehrt und abgefahren. Dann aalen sich Touristen und Palmenser auf dem zwar nur handtuchtiefen, dafür aber kilometerlangen Band weißen Minerals, das sich zwischen Meer und den parkähnlich hinter Cabo Blanc gelagerten und gepflegten Ländereien der Bankiersfamilie March erstreckt, die wir im Fortlauf des Tages ansteuerten. Zwischen Meer und Land mit Drahtzaun vor Pinienwäldern und Salbeigebüsch ein Zwangsgürtel von etwa fünfzig Metern Tiefe: alle spanischen Strände müssen öffentlich zugänglich sein. Und alle öffentlich zugänglichen spanischen Strände sind, sobald vom Tang befreit, plastikübersäht, vorwiegend in der Farbe Blau. Vielleicht ergäbe sich ja ein ganz hübsches Bild, wäre das Meer rosa, doch das ist es nur am Abend, wenn es den vom Himmel stürzenden Sonnenball in sich aufnimmt, aber dann ist das Blau der Plastikflaschen gegen den lodernden Himmel längst zu Schwarz geworden und ... es hilft nicht, schönzureden; vielleicht sollte man nachts hierher kommen. Da sind alle Flaschen grau.

Dahinter - wir waren durch eine der rostig offenstehenden Türen in das Reich der Bankiersfamilie, befugt oder unbefugt, eingedrungen - Landschaft wie im Bilderbuch: weite Felder wechseln mit Sandflächen ab, schattige Pinienwälder mit Gebüschen, in denen Karnickel huschen, Wachteln trippeln und über denen der Seeadler kreist. Ein Land im Land, gepflegt, gehegt und ohne diese Mauern, paredes, die brusthohen Steinwehren, die jede Finca und jeden Mandel- oder Olivenhain auf Mallorca umschließen, und einem die Sicht ins Land nehmen, ein Land im Land also, Freiheit und Weite verheißend wie die sanfthügelige Anlage eines Golfplatzes. Schilder gemahnen, die reichlich vorhandenen Viehgatter nach Durchfahrt oder Durchgang zu schließen - man tut es gerne, zollt solcherart der Familie March Respekt, die hier, unter erheblichem finanziellen Aufwand, ein Paradies unterhält, das seinesgleichen in der Welt sucht. Wenn irgendwo auf dieser Insel jeglicher Besuch verpönt und niemand willkommen ist, dann hängen in den Olivenbäumen Schilder, darauf steht: coto de casa. Meist verbirgt sich dahinter das Militär, und dann türmt sich rostiger Stacheldraht auf den goldgesprenkelten paredes, die, anders als sonst, sorgfältig verfugt sind. Hier nur die Aufforderung, man möge bitte die Viehgatter hinter sich schließen. Es empfiehlt sich, das Auto in Ses Salines stehenzulassen und diese Landschaft in Richtung Son Vall (Abzweig links ungefähr ein Kilometer südwestlich von Ses Salines in Richtung Sant Jordi) und von dort zum Meer zu Fuß zu erwandern - sie ist einmalig, auf sonderliche Weise zugleich erregend und beruhigend.

Kein Plastikkrümelchen, bis man diese Oase am Meer durch eine der Türen im wohlweislich gezogenen Zaun wieder verläßt: dahinter saut die Öffent­lichkeit. Alles also, was nicht Bankier ist, daher weniger Geld besitzt und mit dem um sich streut, von dem es sich leisten kann, es nach Gebrauch nicht wieder mitzunehmen: blaues Plastik. Blaues Plastik an sich besitzt kaum Wert, und so finden sich hier Wasserflaschen, verunglückte Badeenten, einzelne Strandlatschen und sogar Radiogehäuse - diese allerdings schwarz, wie man es gewohnt ist.

Kein Wunder, daß die Banker ihr Gelände umzäunen. Wer möchte, darf aber trotzdem hinein. Ich wette, ein dort verlorener Strandlatschen würde am nächsten Tag aufgelesen - wenn auch von einem Inspektor, der dazu aus dem achtzigtausend Mark teuren Landrover auf die Sandpiste steigen müßte. Vielleicht schickt der aber auch nur mit einem Pfiff durch die Finger den zur Apportation abgerichteten Hund, ca de bestia. Es ist ein reines Fleckchen Erde, das die Familie March dort sich und - gottlob, noch! - anderen unterhält, abgeschottet vom Plastikmüll der Normalsterblichen durch einen Drahtzaun. Aber auch durch Geld und Ausbeutung längst vergangener Jahrhunderte, an denen niemand mehr zu rühren wagt. So ist das nun mal. Eine goldene Repetieruhr aus dem siebzehnten Jahrhundert nimmt sich allemal leichter wieder mit vom Strand als eine Trinkflasche aus blauem Plastik, aber jeder weiß, daß sich das öffentlich erlaubte Volk schon seit längerem keine goldenen Repetieruhren mehr leisten kann, Trinkflaschen hingegen wohl. Und da sie kaum Wert haben, bleiben sie liegen.

Am Abend, zurück im Appartement: Zeus hat im Vorübergehen an der Hecke zwischen sich und uns nicht eindeutig bekannt, ob sein Grollen nun uns oder dem Gewitter galt, das wieder im Anzug schien: er knurrte nur einmal wuff. Was ja alles und nichts bedeuten kann, wenn man sich mit Hunden auskennt. Das schwarzgelockte Gewitter, in einer Soße magermilchgrauer Wolken an unserer Loggia vorübertreibend, schien da sehr viel eindeutiger: ein einziger, kräftiger Donner­schlag, Rrammsbamsbums! Und damit hatte es sich auch schon.

Danach war wieder für eine Weile das Licht aus. Auch in der Villa gegenüber. Allerdings auch das Gewitter: nicht einmal eines Blitzes hat es uns gewürdigt, obwohl ich eine halbe Stunde mit schußbereiter Kamera auf der Lauer lag. Ich muß daraus den Schluß ziehen: wenn hier schon der Mond aufs Kreuz gelegt wird, dann haben die Mallorquiner bestimmt auch ein besonderes Verfahren oder Ritual, was Gewitter veranlaßt, sich eher über Menorca zu entladen, anstatt hier. Und das Licht ging auch ganz schnell wieder an. Aber da brauchten wir es kaum noch. Hundemüde, waren wir bereits in die - vom Personal wieder sorgsam zugeschnürten - Bettfutterale gekrochen. Und Zeus konnte mich mal, sollte er diese Nacht wieder großes Buhei machen, am Allerwertesten ... aber wir wohnten ja im zweiten Stock, da würde er nie hinaufreichen. Was soll ich sagen: diese Nacht schlief ich bestens.

 

 3    Animation

Originelle ObstwerbungIn einer Hotelanlage gibt es ständig Leute, die an- oder abreisen. Sie sollten nur nicht vor dem Frühstück schon so lebhaft sein. Oder war es Zeus, der mich aus dem Schlaf bellte? Kann auch sein, daß es die zweitbeste Ehefrau von allen war, die mich, nachdem sie pan geholt hatte, weckte. Ehrlich, ich weiß es nicht. Ich habe normalerweise ein sehr gutes Verhältnis zum Urlaub und gebe mich ihm ohne Vorbehalte hin. Was heißt: man müßte schon eine Handgranate neben meinem Bett zünden, damit ich schlaftrunken den Kopf hebe.

Ich hob den Kopf - schlaftrunken -, schaute auf die am Nachttisch abgelegte Armbanduhr, sah weder Zifferblatt noch Zahlen und grübelte, was mich wohl geweckt haben könnte: Kaffeeduft, unzweifelhaft Kaffeeduft - mitten in der Nacht?

Die zweitbeste Ehefrau von allen zog die Vorhänge beiseite, durch die blendend Licht eines nicht mehr sehr frühen, jedoch noch ziemlich vormittäg­lichen Morgens brach: Kaffee, sagte sie. Sie hat so eine Art, das Wort Kaffee sehr dringlich auszusprechen. Also stand ich auf. Es müßte, dachte ich im Badezimmer unterm Surren des Rasierapparates an meinem Kinn, ein Gesetz geben, das verbietet, Urlauber zu wecken. Jedenfalls vor zehn Uhr. Dabei war es fast elf, und als ich die Glasjalousien des Badezimmerfensters schräg stellte, gellte mir von draußen das Kindergeschrei von der nahen Animationsbühne in den Ohren - o Gott!

Was verstehen die Leute nur unter Urlaub!

Na gut, da der Tag nun mal angebrochen war, fuhren wir im Anschluß an das Frühstück nach Santaniy. Mittwochs ist da Markt und allerhand zu sehen. Das letzte Mal hatte der winzige Kaufladen neben der Kirche - supermercado im Schilde führend - Schraubzwingen im einzigen Schaufenster ausgestellt, die eine zwischen zwei Brettern eingeklemmte Hand Bananen auszupressen schienen. Diesmal klemmten in den Holzstegen einer senkrecht gestellten Transportpalette eine Zitrone und eine verschrumpelte Mandarine, behutsam angeordnet, davor lag ein Kohlkopf. Meines Erachtens Wirsing, aber hier heißt alles, was auch nur entfernt an einen Kohlkopf erinnert, kol. Unser Kanzler müßte sich wohl sehr in acht nehmen, sollte es ihn je in diese Gegend verschlagen, womöglich benamste man ihn hier „kol de Kohl“. Vielleicht urlaubt er deshalb ausschließlich am Wolfgangssee.

Armeschwenkend weist ein jovialer Polizist mitten im Getümmel aus Marktgängern, Touristen und spielenden, manchmal auch Obst stibitzenden Kindern den schäbigen Lieferwagen eines Händlers ein. Der steigt aus, läßt seine verbeulte Karre stehen und besieht sich die Sache selbst. Nimmt die Mütze ab, wischt mit dem Ärmel über die Stirn, auf der sich nun besorgte Falten abzeichnen, als hätten sie bislang unter Mütze und Schweiß verborgen nur darauf gelauert, freigelegt zu werden, und beginnt ein Palaver mit dem Hüter der Ordnung.

Eine Zigarette wechselt den Besitzer. Die Sache ist die: in die zugewiesene Lücke zwischen den bereits abgestellten Fahrzeugen würde nicht einmal ein Handkarren passen. Geschweige denn ein 1,5-Tonner Fiat Ducato. Aber sonst ist nichts mehr frei. Was tun? Schon Lenin hat diese Frage gestellt. Eine weitere Zigarette wechselt den Besitzer. Im Gegensatz zu Lenin versucht die schwarz­gekleidete Respektsperson der policia local gar nicht erst eine Antwort auf die gestellte Frage zu finden, handelt vielmehr, indem sie eines der temporär in auf dem Asphalt liegenden Autoreifen einbetonierten Halteverbotsschilder um fünf Meter in Richtung Marktgrenze verrückt. Wodurch der Händler bequem einparken kann - und die bislang freie Kreuzung merklich eingeengt wird. Hierüber führen vornehmlich die Wege nach Felanitx, Alqueria Blanca, Cala Figuera, Es Llombarts und Campos. Also alle. Das jedenfalls sagt die in verschiedene dunkle Straßen­schläuche weisende Beschilderung. Einen stecken­bleibenden Reisebus - doppelstöckig, an dessen Scheiben ängstliche Gesichter kleben - winkt der schwarze Mann geduldig bis an das ferne Ende der Gasse zurück, von wo er kam. Dort mag er links in ein anderes Abenteuer abbiegen und die Gesichter hinter den Scheiben sogar aufkreischen lassen, wenn die an den Hausfronten angebrachten Straßenlaternen knirschend über das Busdach streifen. No problema, schließlich sind die Fahrer ständig in solchen Sträßchen unterwegs und müssen sich damit auskennen. Hier, jedenfalls, ist Markt, und der Schwarzgekleidete eine Autorität. Gerade wechselt eine letzte Zigarette den Besitzer. Dann packt der Händler befriedigt aus.

Es gibt ein Café, direkt vor den Treppen zur Kirche. Dort nehmen wir, als ein junges Paar einen der Tische verläßt, in bequemen Korbstühlen Platz. Schlagen die Beine übereinander und folgen dem Marktgeschehen, das sich wie auf einer großen Bühne vor unserem Blick abspielt: Amas de casa, spanische Hausfrauen, starren in tote Fischaugen, versuchen an der Mattigkeit der Schleimhäute deren Frische abzuschätzen, biegen das Grün von Selleriestauden auseinander, ob nicht etwa Schnecken darin nisten, betasten und drücken Artischocken und Orangen - beginnende Fäulnis zeigt sich zuerst in Weichheit -, deuten auf weißplatte Kürbis- und braunovale Pistazienkerne in Jutesäcken, von denen sie jeweils hundert Gramm in eine gemeinsame Tüte füllen lassen, rufen die Kinder zur Ordnung, die, auf schockfarbenes Bonbonzeug zeigend, an ihren Armen zerren, schleppen schwere Einkaufsnetze und verhandeln schnatternd um den Preis, wobei mich mein klägliches Touristenspanisch im Stich läßt: keine meiner mühsam gelernten Vokabeln läßt sich in diesem Silbenstakkato orten. Aber was soll´s - es bin ja nicht ich, der den Preis der Ware ein wenig herunterzuhandeln sucht.

Ich fotografiere lieber. Daheim jedoch, im Album, werden sich die Szenen nicht annähernd so bunt ausnehmen, wie wir sie hier erleben. Irgendwann sinkt mein Teleobjektiv herab, ich packe den Apparat in die Tasche und beobachte nur noch. Dos cafés, por favor, un grande sin leche y un cafe con leche por me, so hab ich es mir zurechtgelegt. Hier ist Selbstbedienung, die beiden Kaffee muß ich an der Theke im düsteren Inneren des Lokals bestellen und auch abholen. Tres cientas cincuenta? Das ist mal billig, schlappe vier Mark, umgerechnet. Was wesentlicher ist: auf Anhieb hab ich den Preis verstanden, durch den höllischen Lärm hindurch, den laufender Fernseher, gestikulierend diskutierende Gäste und zwei bellend zwischen den Beinen vor der Theke herumjachternde Hunde veranstalten. Vielleicht hat ihn der Wirt ja auch ein bißchen wohlwollend mit deutschem Akzent ausgesprochen.

Am Nebentisch hangelt sich der Groll eines deutschen Ehepaares, dem harten Dialekt nach aus dem Hunsrück, immer mehr an der ausbleibenden Bedienung empor. Wiederholt rückt die Frau, eine ältere Drahthaardauerwelle, das Schild, auf dem „Selfservice“ steht an den Rand des Tisches und nimmt es von dort wieder zur Hand: „Vielleicht ein Sonderangebot“, sagt sie zu ihrem Mann, der durch den Sucher seiner Videokamera gerade eine besonders hübsche ama de casa in knappen Shorts beäugt, die Käse kauft, und boxt ihm mit dem Ellenbogen in die Seite.

„Ja, ja,“ sagt er, stellt die Brennweite nach und vollführt mit der Kamera einen kurzen Schwenk in das Gesicht unter der Drahthaardauerwelle. „Ach“, seufzt er und nimmt den Finger vom Auslöser. Er ist ein schmalbrüstiges, in kurze Hosen und Polyesterfreizeithemd von C&A gekleidetes Kerlchen mit den durchgeistigten Zügen eines Stammtischphilosophen. Vermutlich hat er gar keine Kassette in der Kamera. „Laß uns noch zehn Minuten warten. Wenn dann keiner kommt, gehen wir.“

„Na gut, aber keine Minute länger!“ Wieder befindet sich das Schild „Selfservice“ in den Fingern der Drahthaarigen, als könnten sie tastend dessen Sinn erraten, während das Videoauge mit dem Auge dahinter erleichtert längst wieder über Marktgeschehen und knappe Höschen hinwegschwenkt.

Man mag mir vorwerfen, ich bediente mich in der geschilderten Szene allseits bekannter Klischees - doch genauso hat sie sich zugetragen. Schlimmer wird es erst im Ballermann Nr. 6 am Strand von S’ Arenal. Dafür jedoch waren die beiden wohl zu alt - auf jeden Fall schienen sie ausgereifte Deutsche, die sich mal was leisten wollten. Was mangels Sprachflexibilität aber nicht zu erlangen war: wem noch nicht einmal cuánto cuesta über die Lippen rutschen will, der hat selber Schuld, daß er enttäuscht wird, wenn er in ein fremdes Land reist, in der Erwartung, natürlich sprächen dort alle deutsch. Für die gibt es Bratwurst und Sauerkohl - mit den üblichen Fritten, denn Salzkartoffeln sind hier kaum bekannt - in jedem zweiten Lokal an den deutschen Stränden der solcherart malträtierten Insel. Manchmal, während des kurzen Aufenthaltes, schämte ich mich ob meiner Landsleute und klopfte mich selbst und mein Benehmen daraufhin ab, ob ich wohl genauso sei. Gottlob! - schien dem nicht so.

Warum aber erkannten uns alle Kellner in den besuchten Lokalen sogleich als Deutsche, indem sie uns eilfertig und penetrant stets die deutschen Seiten der Speisekarten aufschlugen? Vielleicht, weil wir uns als Deutsche dieses uns-gehts-gut-wir-können-uns-alles-leisten-Gehabes gar nicht mehr bewußt werden, das wir in der Hüfttasche, sobald wir den Geldbeutel daraus hervorziehen, mit uns herumzutragen scheinen. Selbst noch so spärliches Denken an daheim und das gefüllte Bankkonto - man befindet sich ja im Urlaub! - läßt uns dieser großtuerischen Last nicht ledig werden.

Es gehört viel dazu, sie abzustreifen, und die Spanier haben ein waches Gespür, ob man es schafft, oder nicht. Mitunter verrät man sich allein durch das Räuspern im Anlaut einer Bestellung als Deutschen. Dann kann man das prächtigste Spanisch vom blauen Himmel herunterparlieren, der Kellner wird einem hartnäckig doch immer nur auf Deutsch antworten. Gottlob ist das in den Tiefen des Landesinneren anders. Ja, da muß man manchmal sogar froh sein, wenn der katalanische tabernero del pueblo überhaupt etwas Kastilisch, das gebräuchliche Spanisch also, versteht. Auch hier kommt man jedoch mit Händen und Füßen meist zu einem Ergebnis: mit Fingerschnipsen an den Kehlkopf deutet man recht kräftigen Durst an, kippt vielleicht auch etwas Unsichtbares in den Schlund und darf getrost darauf hoffen, daß der Dorfwirt diese Gestik richtig versteht. Fragt er - als sei er schwerhörig - nach: Wie? (vi), dann hat man es richtig getroffen. Und bekommt eine Karaffe Wein, meistens roten. Wer Wasser dazu möchte, sagt gràcies, hebt beide Zeigefinger in der gewünschten Flaschenhöhe übereinander und deutet auf den Spühlhahn. Es schadet aber nichts, ebenfalls gràcies zu sagen, wenn man kein Wasser möchte, dann jedoch ohne auf den Spühlhahn zu zeigen.

Auf dem Rückweg nach Cala d’ Or machten wir in Porto Petro Halt. Es ist dies ein gemütliches Fischernest, benachbart, ohne beunruhigende Hotelklötze, das sich nur einen winzigen Yachthafen gegönnt hat. Natürlich müssen die Yachtbesitzer irgendwo essen, trinken und - falls sie nach Letzterem den Weg zurück auf ihre Yacht verfehlen - auch schlafen. Diese Bedürfnisse jedoch verlieren sich sämtlich in höchstens dreistöckig maurisch gekastelten, weißgekalkten Häusern am Hafen. Hier hängen in den wenigen Restaurants und Kneipen präpariert das Maul aufreißende Meerwölfe und Barsche an dünnen Ketten von der Decke, und der Gegensatz zu Cala d’ Ors Yachthafen ist wie der von unpoliert mattem Messing zu blitzendem Chrom und Edelstahl.

Man braucht nur um das Yachthäfchen herumzuspazieren (weil es zum Teil eingezäunt ist), umrundet eine felsig ins Meer ragende Landzunge, und findet sich in einer zauberhaften Bucht mit winzigem Sandstrand. Doch wo, auf Mallorca, fände man die nicht, die Insel ist übervoll davon. Diese jedoch erweist sich durch unter die gegenüber aufragende Felswand geduckte Bootsschuppen - grün gestrichen und von verhutzeltem Charme - als besonders malerisch. Darüber eine Mütze windschiefen Pinienwaldes. Am hundert Meter breiten Strand rekelt sich eine Person, ob Männlein oder Weiblein ist von der Kuppe der Landzunge nicht auszumachen. Da bräuchte man schon ein Fernglas. Und, natürlich, tollt auch hier wieder ein Köter herum, dem es eigentlich streng verboten ist. Ca de bestia oder Mischung mit von jedem etwas drin: von hier, der Kuppe der Landzunge ist es nicht auszumachen. Da bräuchte man schon...

Über die Kuppe der Landzunge klettern wir zurück zu unserem Fiat Punto und sind überrascht, wie sehr solch direkter Weg abkürzt: hin eine malerische Stunde am Klippenrand gegenüber zurück knapp fünfzehn Minuten durch eine bewaldete Anlage von Appartementhäusern, den Weg aber mehr durch Zufall und Instinkt gefunden. Die Insel erlaubt kaum Überblick, und manchmal sind ihre Proportionen rätselhaft - sie muß sehr weiblich sein, sage ich mir im Stillen. Ich möchte - denke ich - einmal auf einem ihrer Gipfel stehen, gerade so hoch, daß ich auf ihre Buchten hinabblicken kann. Aber dann verschwimmt wieder alles im Abenddunst mit der von hier oben grauen Fläche des Meeres, ich weiß es nur allzugut.

 


 4    Randa, Algaida und Konsorten

Zwar nicht auf einem Gipfel, doch immerhin erhöht stehe ich. Und versuche, auf die Buchten der weiblichen Insel hinabzublicken, was ohne Schwierigkeit gelingt, nur sehe ich nicht das, was mir vorschwebte zu sehen: Madame Mallorca gibt sich dunstig in der Ferne. Nahezu, direkt unter meinem Standpunkt, breiten sich Olivenhaine, quillt weißlich Rauch aus dem Kamin einer flachgeduckten Finca mit ziegelrotem Dach, klingt heiseres Bellen eines Hundes - ca de bestia? - an mein Ohr, vermischt mit dem mürrischen Geblöke einer Schafherde, die sich als graue Wölkchen zwischen den Olivenbäumen auf dürrem Gras tummeln, nicht sonderlich beeindruckt vom Hundegebell. Drei Stufen der Seligkeit nahmen wir uns heute vor, die zweite haben wir erreicht, schauen von dort hinab, auf das weite Land: vom Santuari de Sant Honorato, dem Kloster des Heiligen Honorato, was etwas mit Ehre zu tun hat.

Wir befinden uns auf der mittleren Etage des 548 Meter hohen Puig de Randa, eines Berges, östlich des schönen Städtchens Randa gelegen. An der untersten fuhren wir vorbei, zu schnell war unser knallroter Punto. Auf der Rückfahrt werden wir nach der versteckten Einfahrt zum Santuari de Nostra Senyora de Gràcia Ausschau halten, die wir eines die Serpentinen herunterrasenden Radfahrer­pulks wegen verpaßt haben.

Nun aber sind wir hier. Weißer Sandstein geht über in ockerfarbenen Fels, von oben, vom Rand des Bergüberhangs, winken Baumäste, deren Stämme sich in kargen Fels krallen. Darunter geduckt das Klostergebäude, die Mönche haben nicht gern Besuch, heißt es im Reiseführer. Aber doch ist vor dem Kloster ein Riesenparkplatz angelegt, unser Punto steht einsam und allein darauf. Unfrei gackern Mönchshühner in Drahtgehegen, freie Hummeln brummeln in irgendwelchen am Hang sprossenden Blüten. Die Stille hier auf halber Höhe, wo unten in der Ebene die Schafe noch einzeln auszumachen sind, überkommt einen lauthals: ist man nicht hinaufgefahren, einzig, um es in sich aufzu­nehmen, dieses Hummelgebrumm und Hühnergegacker, fern über jeglichem Geräusch? Und kein andenkenverkaufender Mönch stört einen in dieser Andacht - ist das nicht wundervoll? Auch wir haben in diesen Minuten nicht gerne Mönchsbesuch. Mögen sie in Frieden meditieren.

Weiter:

Ganz oben auf dem Berge Randa erstreckt sich eine militärische Anlage, dazwischen, eingewebt in Stacheldrahtzäune, das Santuario de Cura, einst von Ramón Llull, dem berühmten Philosophen Mallorcas im 13. Jahrhundert gegründet. Warum? Weil er eine Liebesaffäre mit einer verheirateten Frau unterhielt - das Übliche halt, um sich in irgendeine Einsamkeit zurückzuziehen. Der Weg hinauf ist abenteuerlich, besonders, wenn einem auf der vier Meter breiten Fahrstraße ein Bus begegnet. Oben, im Hauptbau des Klosters, ein reich ausstaffiertes Museum mit Schriften Ramón Llulls in Glaskästen und düsteren Gemälden aus seiner Zeit an den weißgekalkten Wänden. Der Eintritt ist frei. Ein dicker Mönch in brauner Kutte paßt auf, daß man beim Verlassen des Gemäuers auch ja seinen Obolus in das eisenbeschlagene Kästchen am Eingang wirft. Es muß klingeln, schwere Hundert- oder Fünfhundert­pesetenstücke verbreiten einen angenehmen Klang in der hohen Halle. Leichte Duros jedoch (das sind die winzigen, obwohl nur aus Trompetenblech geprägt, gleichwohl goldglänzen­den Fünfpesetenstücke) rufen einen ebenso leichtklingelnden Ton und damit die mißbilligend in Falten geworfene Miene des amtierenden Padre hervor, der sich jedoch jeglicher Äußerung enthält, obwohl sie ihm nur allzudeutlich von der Stirne abzulesen ist. Nicht leicht, so ein Amt. Aber auch nicht leicht das Amt des Touristen, sei er nun spanischer oder internationaler Herkunft, der sich beim Austritt sein Seelenheil bei diesem Zerberus in Gewichtseinheiten von Münzmetall zu erkaufen hat.

Nach meinem mäßig laut klingelndem Hinwegschleichen aus dieser Halle des Heils - in meiner Geldbörse fanden sich nur einige der gelochten Fünfund­zwanzig­pesetenstücke, davon jedoch gleich drei, was als Gabe durchaus nicht zu verachten ist - fotografiere ich eine Taube, welche die links und rechts neben dem Eingang aufgestellten Palmenkübel mit dem Fuß nach wohl­schmeckenden Schmarotzern durchscharrt. Dieser Friedensvogel, denke ich, könnte sehr wohl durch die Mönche von Sa Cura dressiert sein, dem notwendigen Touristenpack symbolisch vor Augen zu führen, wie man noch tiefer seine Börse umpflügt, um vielleicht doch noch ein nicht gar so sehr notwendiges Scheinchen darin zu entdecken.

KlosterbergMag sein, ich tue den Mönchen Unrecht. Auf dem Rückweg jedenfalls, die Serpentinen des vier Meter breiten Sträßchens hinab, verfolgte unseren knallroten Punto ein - von mir in geheimster Gedan­ken­welt als solcher gesehen - schwarz die Flügel breitender Pechvogel: der Fluch des padre del banco, des Vaters Bankhalter, oben in der Halle. Ich war sicher, er hatte meinen spärlichen Münzeinwurf genauestens beobachtet. Kurz vor der versteckten Einfahrt zum Santuari de Nostra Senyora de Gràcia verließ uns jedoch die im Rückspiegel beobachtete Krähe, der vermeintliche Fluch, weil wir links abbogen, sie jedoch geradeaus die Serpentinen weiter hinabflatterte. Weiß Gott, was sie dort zu tun hatte. Niemand wird nachempfinden können, wie erleichtert ich war, als wir heil auf dem Hof der untersten - etagenmäßig gesehen - Mönche standen. Deren Domizil gefiel mir noch am besten. Erstens, weil ich heil der Sache von ganz oben entronnen und hier in Sicherheit schien, zweitens, weil sich niemand blicken ließ: das Tor zum Kloster verrammelt, der Blick davor in die weite Ebene geöffnet - auch ohne Besichtigung, allein durch den eingenommenen Standort, läßt sich dort einiges Glück empfinden. Wovon die Mönche auf der untersten Ebene des heiligen Berges Randa leben, weiß ich nicht, es ist mir - ehrlich gesagt - auch egal, solange sie nicht geldzählend vor dem Klostertor auf- und abspazieren und uns möglicherweise mit einem bis unten ins Tal nachwirkenden Fluch belegen, wie: ihr werdet einem Pulk von Radfahrern begegnen.

Nein, entgegen aller unheiligen Erwartungen ging bergab alles gut. Randa durchfuhren wir auf einer Umgehung, sogar zweimal, sahen demzufolge nur wenig vom angeblich hübschen Städtchen; jedenfalls liegt es in einem Tal, das die Übersicht und hierdurch die Orientierung erschwert. Deshalb zweimal. Froh, wieder auf der Hauptstrecke nach Algaida zu sein, gaben wir Gas. Denn dort wußten wir ein Restaurant, in welchem es ... um ganz ehrlich zu sein: der Hunger trieb uns Algaida und jenem bewußten Restaurant zu, das wir ohne großes Suchen auf Anhieb auch wiederfanden: etwas abseits der Hauptstrecke Palma - Manacor gelegen, in den Jahren, als die Mauren hier noch das Sagen hatten, bereits Karawanserei gewesen, und nun desto besser auf Wünsche der wenig noch auf Eseln oder Mulis einherreitenden, eher Japaner und Franzosen bevorzugenden Automobiltouristen eingerichtet. Jahrhundertealter Charme, und wenn man beim aufmerksamen und freundlichen camarero Kaninchen bestellt, dann bekommt man auch fast ein ganzes: am Rückgrat durchschnitten und auf dem Grill gebräunt, präsentiert es sich in durchaus geläufiger Hasengestalt und in dessen gewaltigen, jegliches Tellerausmaß sprengenden Umrissen mit etwas, das am Kaninchen in natura nicht vorkommt: ajo, also wieder Knoblauch, über den braungebratenen Körper hinweg verteilt. Meine zweitbeste Ehefrau (von allen) hatte das bestellt und leckte sich hernach die Finger. Und das keineswegs nur, um sie zu reinigen.

Ich hingegen hatte - ja, was hatte ich denn? Jedenfalls auch etwas con ajo - im Grunde ist Wurscht, was sich unter dem Knoblauchhauch verbirgt, alles schmeckt gut. Mag sein, es war sopas mallorquin, eigentlich als Vorspeise und vermeintlich mallorquinische Suppenspezialität bestellt, und dann kam dieser Berg aus geschmortem Kohl und Hammelfleisch, darunter auf der Tellersohle geröstetes Brot, das jeden Saucenfluß aus Kohl und Fleisch in sich aufsaugt. Dieses Brot am Tellergrund heißt sopas. Suppe hingegen gibt es nur in der Einzahl: sopa. Auf in catalan abgefaßten Speisekarten ist solche Verwirrung nicht zu erwarten, da nennt sich diese Zubereitungsart greixonera, sprich: Gretschonera. Und man hätte ja fragen können, der Kellner sprach deutsch, wenn man gewollt hätte. Aber dann würde ich sie nicht bestellt und vielleicht nie gekostet haben, diese wunderbare Heraus­forderung an jeden mitteleuro­päischen Durchschnittsmagen - unseres derzeitigen Kanzlers, mit Verlaub, Pfälzer Saumagen vielleicht ausgenommen, denn wodurch sonst wäre er wohl so groß und stark geworden? Ich jedenfalls war bereits satt, als ich nur einen ungläubigen Blick auf die vermeintliche Vorspeise warf. Danach kam ja noch das Hauptgericht, fritos mallorquin, eine weitere Spezialität, die ich bereits schätzte und als magenfüllend kannte. Muß ich sagen, daß ich von beidem die Hälfte auf den Tellern ließ? Bauchdecken, so suchte ich dieses Problem unter wissenschaftlichem Aspekt anzugehen, machen - sofern sie es nicht gewohnt sind - wohl nur ein gewisses Maß an Schwellung nach außen mit, bevor sie drohen, zu zerplatzen. Diesem hochinteressanten Ansatz jedoch wollte und konnte ich nicht leiblich nachspüren. Ich, so wie ich mich kenne, wäre einfach explodiert.

Also: von Palma kommend, hinter Algaida links ab. Ses Cruces heißt der Freßtempel. Es gibt nur den einen links ab, die auf der rechten Seite kann man getrost vergessen, sie sind - obwohl zahlreich - zu vornehm. Was sich schon darin äußert, daß fast nur teure Volvos davor stehen. Vor Ses Cruces jedoch - den Kreuzen - parken überwiegend Lastwagen oder gelände­gängige Fahrzeuge, Bauernautos aus der Umgebung. Und eben unser knallroter Punto. Die Heimfahrt gestaltet sich schwierig, es geht ja noch über einige Dörfer und durch enge Gassen, und da ist auch das agua mineral, der Vorsicht halber mit etwas vino blanco verdünnt, damit es nicht gar so gefährlich sprudelt ... jedenfalls kamen wir heil in Cala d’Or an. Zogen noch etwas Geld aus dem Automaten neben der Apotheke, wohnten des Abends eher müde der Animation an der Hotelbar bei und wurden irgendwann schläfrig -

Zeus, du gutes Hundchen, murmelten wir, komm, melde dich, als wir - an der Hecke vorüber - schweren Trittes die Stufen zum Appartement erklommen. Doch Zeus schien außer Dienst. Vielleicht gähnte er breit vor sich hin, vom Licht des Bananenmondes beschienen. Uns jedenfalls blieb es verborgen, es war uns auch ziemlich egal, wenn er nur nicht wieder die ganze Nacht hindurch den kleinen Kläffer animierte - jiep, jiep, jiep -, den Mond anzubellen. Dies, und noch dazu mitten in tiefster Nacht, wäre wirklich unangenehm. Falls man nicht mittlerweile den Trick mit dem Zipfel des Bettlakens im Ohr heraus hat. Einmal erprobt, garantiert er heimelige Stille und damit seligen Schlaf.

Kein Möchtegerngewitter, kein Stromausfall, kein Hundegebell - diese Nacht schliefen wir wie die Steine. Mag sein, daß das agua mineral mit Beimischung von vino blanco - und das in kaum homöopathischer Dosierung - daran seinen Anteil hatte. Urlaub bietet nicht die Zeit, solch ein Phänomen in all seinen Tiefen zu durchloten und erforschen: wir schnarchten einfach.

Beide, wenn ich mich recht erinnere. Ein halbes Kaninchen und ein ganzer Kohlkopf mit Hammelfleisch und vino und hinterher brandy zur Verdauung wollen verarbeitet sein, und dann setzt der Körper einfach sämtliche Segel und sticht ins nächtliche Meer - so etwa um Mitternacht wird wegen schwerer See im Bett versuchsweise das Gaumensegel gehißt, daß es einen zurück in ruhigeres Gewässer treibe, und den Wind, der sich darin fängt, den nennt man Schnarchen. Welches lästig ist, wenn nur einer in schwerer See treibt, bei zweien jedoch durchaus legitime Körpersprache, vorausgesetzt, einer von beiden wacht nicht vorzeitig auf. Dem wird es dann unangenehm, und was er abgebrochen hat, mag er am nächsten Morgen dem anderen vorwerfen. Grundlos, wenn er es tiefer und im Sinne sozialistischer Selbstkritik bedenkt.

Was tun? hat Lenin in einer Streitschrift gefragt - selber schnarchen, antworte ich ihm im Halbschlaf. Obgleich Lenin wohl nicht gerade darauf hinauswollte. Vielleicht geriet deshalb das kommunistische System ja in diese Lawine, die es zerschmettern mußte, eben, weil es solch zutiefst menschliche Regungen nicht einkalkulierte. Und ich könnte mir denken, selbst Kommunisten schnarchten hin und wieder. Aber wie und wann? Etwa nach Plan? Welchem? Fünfjahres-, oder Sechsjahresplan? Und gab es eine Übersollerfüllung? Wenn ja, wie wurden Aktivisten belobigt - etwa mit einem Blasebalg? Oder eher einer Nasenklammer - an diesem Punkt bin ich endlich weggedöst.

Solch nächtlich voller Magen kann noch recht lange den Kopf mit allerlei Geschichten überschwemmen - von denen dieser gar nichts wissen will.

 

 5    Artá und ein verschlafenes Nest namens Cala Ratjada, in dem wenigstens ein Schuh­geschäft geöffnet hat

Das enge Gassengewimmel Artás erscheint von unten gesehen verwirrender als von oben. Von oben meint: den mitten im Städtchen sich erhebenden Kalvarienberg mit der Almudiana, einer großen Festungsanlage, und der Wallfahrtskirche San Salvador. Nach dort steigen breit an die hundertachtzig von Zypressen flankierte Stufen aus dem Ort empor, natürlich von da auch wieder hinab. Einmal oben, genießt man jedoch lange den herrlichen Ausblick auf das ziegelrot bedachte und weiß gemauerte Kleinstädtchen, um dessen Grenzen sich wie die Straußenboa um das immer noch schöne Gesicht einer alternden Diva sattgrüne Landschaft schmiegt: die huerta, uraltes, von schmalen Bewässerungskanälen durchzogenes Gemüseland. Und so verdankt die Stadt ihren Namen auch dem arabischen jertan, was heißt: Garten, fortlebend im kastilischen oder auch französischen jardin und im katalonischen horta. Artá zählt 5800 Einwohner, von denen wir um diese Zeit (mittags) fast nur Schulkinder sehen, die sich schnatternd auf gefährlich schmalen Gehsteigen nach Hause balgen. Ein Arbeiter schippt rasselnd Kies in einen gleichgültig rumorend die Hälfte der schmalen Gasse einnehmenden Zementmischer; vielleicht hat ihn der Polier am Morgen eingeschaltet, und der einzig um diese Zeit noch arbeitende Mensch in der Stadt weiß nicht, wie er ihn auszuschalten hat. Artá ist in dösende Lähmung versunken. Im centro, nach dem ich einen alten, am Stock schlurfenden Mann frage, weisen verstaubte Auslagen der Geschäfte auf unmittelbare Bedürfnisse hin, wie Mausefallen und Mutter­gottesfiguren aus goldbemaltem Porzellan. Wir sind entweder zu spät oder zu früh hier, erst ab vier Uhr nachmittags werden sich die Sträßchen wieder beleben. Um sechs Uhr gehen dann in den Bars die ersten dröhnenden Fernseher an, die immer Fußball zeigen, es herrscht noch Winterzeit; in nur drei Wochen jedoch wird die Uhr umgestellt werden. Ein Einschnitt: wer weiß schon auf Anhieb, ob man bei Anbruch der Sommerzeit die Zeiger um eine Stunde vor- oder zurückzustellen hat - na? (Sie werden zurückgestellt.) Tote Hose hier also, zumindest um diese Zeit und was Essen anbetrifft.

Deshalb fahren wir weiter zur ermita de betlém, die diesbezüglich zwar auch nichts bereithält, dafür aber geruhsame Ausblicke auf grünlich schimmerndes Meer, auf die langgezogene Bucht von Alcudia mit Ca’n Picafort zur Linken und Cap de Ferrutx zur Rechten, in die man sich gerne versenkt. Die Einsiedelei selbst wird noch von sechs oder sieben bärtigen Mönchen bewohnt, derer man tagsüber jedoch kaum ansichtig wird. Vielleicht verrichten sie all ihr notwendiges Geschäft in den Abendstunden, wenn kein Tourist mehr zu erwarten ist, denn der Weg hier hinaus ist eng gewunden, die Anfahrt dauert daher nahezu eine halbe Stunde und ist aus diesem Grunde abends nicht mehr zu empfehlen, obwohl es von Artá nur neun Kilometer sind. Zumindest nicht um diese Jahreszeit, in der es abends um sieben dunkel wird. Im Sommer, denke ich, werden die Mönche ihre meckernden Ziegen schon vor den gezückten Objektiven zahlreicher Touristen melken müssen, allein, weil der Tag länger ist.

FelsenkapIch weiß nicht, ob Ziegenmilch von Blitzlicht sauer wird. Wenn dem so ist, müßten die wenigen übriggebliebenen Mönche von Betlém den Sommer eigentlich verfluchen, würde doch der - erst im Winter richtig reife - queso de cabra nach Touristen schmecken. Oder in einsam kalter Zelle beim demutsvoll bärtig frugalen Abendbrot auch wehmütig an diese erinnern - wer weiß. Touristinnen sind vielleicht selbst von Mönchen gern gesehen. Wenn auch hinter herabge­lassenen Jalousien und aus versteckten Fensterhöhlen beobachtet - o du dreimal verfluchtes Fleisch!

Hierbei handelt es sich freilich nur um überaus leichtfertige Vermutungen meinerseits - gibt sich doch die ermita de betlém unzugänglich und verschlossen wie eine zugelötete Sardinenbüchse.

Mit der herrlichen Aussicht im Kurzzeitgedächtnis kehren wir zurück auf die M712, die von Port de Pollença nach Cala Ratjada den Buchten von Pollença und Alcudia folgt. Doch vorher begegnet uns wirklich der obligate Bus, der unseren kleinen Punto dazu bringt, sich eng in eine klatschmohn­bewachsene Nische in der Felswand zu drücken, die der abgrundseitigen Straßenhälfte (eher würde ich, danach befragt, von deren Viertel sprechen) gegenüberliegt. Danach ist Erinnerung an die herrliche Aussicht plötzlich im Langzeit­gedächtnis gespeichert, das einem bekanntlich die Bilder jenes Films verfügbar macht, der - so sagt man - im vermeintlich allerletzten Stündchen vor unserem geistigen Auge abläuft. Es geht aber alles gut. Allenfalls hatte ich den Eindruck, daß unser gutes Puntochen (Pünktchen) ein wenig zitterte, bevor es aus den Klatschmohnblüten der Nische hervorkroch und sich tapfer weiter an den Abstieg machte. Unser Ziel ist Capdepera.

Es gab Wegweiser genug. Es gab auch genügend ausgeschilderte Parkplätze, auf denen wir unser Pünktchen hätten abstellen können. Und es gab den Instinkt, der warnte, viel höher hinaus könne es nun nicht mehr gehen, ohne daß man irgendwo auf der anderen Seite wie von eines Messers Grat hinunterfiele - alle diese Warnungen mißachteten wir. Wir hatten nicht mehr und nicht weniger vor, als das Castillo de Capdepera zu besichtigen, das sich bereits weit vor Annäherung an die Stadt hoch aus der olivgrünen Landschaft erhebt. Warum wir dort oben, direkt vor den Toren der Burg, einen Parkplatz erwarteten, kann ich bis heute nicht sagen.

Die allerletzte Steigung - etwa fünfundvierzig Grad - kroch unser Pünktchen zwischen Betonmischern, Zementsackpaletten, Sandhaufen und kalkbespren­kelt abgestellten Kleinlieferwagen empor. Das alles auf einem Sträßchen von knapp zwei Metern Breite. Hätte ich - aus irgendeinem Grunde, und deren konnte ich mir in diesem steilen Moment kurz vor dem Castillo de Capdepera ungeheuer viele denken - bremsen und wieder anfahren müssen, wären wir, selbst wenn ich das Bremspedal wie der Blitz freigegeben und gleich voll aufs Gas getreten hätte, trotzdem zurückgerollt und an einer der die Steigung eng umschließenden Hausmauern kläglich zerschellt.

Links aufhuschend plötzlich das Tor zum Castillo - kein Parkplatz! - aus den Augenwinkeln registriert. Doch gleich darauf der Messergrat, wie erwartet: auf der anderen Seite gings fast noch steiler abwärts, als vordem aufwärts. Nun wechsle mal einer so rasch vom Gas- (damit der Punto nicht einschläft) zum Bremspedal (daß er ja nicht übermütig wird)! Zwanzig Meter bergab hinter des Messers Grat fand sich eine private Parkbucht, die ich, ohne viel Fragen auf bestehende Rechte zu verschwenden, für unser rotes Pünktchen requirierte. Gottlob besaß es bissige Bremsen. Den Nerv, rückwärts noch einmal hochzusetzen und auf der anderen Seite nach einem Parkplatz Ausschau zu halten, besaß ich einfach nicht mehr. Aber hier stand er ja recht ordentlich, eingerahmt von weiß und gelb nickenden Margeriten, wahrscheinlich auf dem asphaltierten Dach eines Hauses, zu dessen Garten viele in den steilen Fels gehauene Stufen hinabführten. Da mußte erst mal jemand hochklettern, um zu protestieren. Und wenn, gegen wen? Wir waren ja längst oben auf der Burg, hatten unseren Obolus bezahlt und wischten uns Angst- wie auch durch Hitze erzeugten Schweiß aus der Stirn. Oben, im Ring der Burg, fächelt ein kühlender Wind, der von weit her zu kommen scheint, und unwillkürlich ist man versucht zu glauben, er müsse uralte Sagen unter den Schwingen mit sich führen.

Eine davon geht so: im 14. oder 15. Jh. greift ein Trupp Mauren das damalige Dörflein Capdepera an. Piraten - man ist sie gewohnt, nur eben nicht so viele. Also flüchten die Dörfler lieber in den Schutz der zinnenbewehrten Burg, als daß sie sich unten mit den Afrikanern herumschlagen. Nach einer Weile, denkt man, werden die schon wieder abziehen. Was sie aber nicht tun. Den steilen Berg hinauf traut sich der Angreifer nicht, die baleares, die Steinschleuderer der Insel sind gefürchtet, und niemand will sich eine nicht wiedergutzu­machen­de Kopfnuß holen. Also harrt man als guter Pirat unten - gut verborgen - aus. Denn dort gibt es Vorräte im Überfluß. Wait and see - abwarten und die See beobachten, ein uralter maurischer Spruch.

Oben allerdings ist man nicht so ruhig. Im eiligen Versteckspiel hat man übersehen, genügend einzukellern oder mit hochzunehmen auf die Burg. Und mit der Zeit - von der die Mauren übergenug haben - macht sich Hunger breit. Und in dessen Gefolge auch eine Idee: Man habe da doch diese kleine Statue der ...

Geflüstert, getan: flugs stellt man eine Statuette der Senyora de la Esperança, die irgendwo herumlag, auf den Zinnen der Burg auf, und ebenso flugs bedeckt sich daraufhin der Himmel und sendet scheußlich wattigen Nebel aus. Daraufhin kriegen die Mauren die Krise und stolpern Hals über Kopf zu ihren Booten zurück. Und wurden nimmermehr gesehen - wenn man den sagenhaften Grundlagen der alljährlich am 18. Dezember stattfindenden Fiesta de Nostra Senyora d’Esperanza Glauben schenken darf.

Ich, sinne ich auf dem Wehrgang unter den Zinnen der Burg, aus dem Tal herauf fährt mir gierig der Wind ins Haar: ich glaube fast alles. Solange es nicht erwiesenermaßen erstunken und erlogen ist. Und das beweise mal einer, daß damals keine Dame der Hoffnung keinen Nebel von keinen Zinnen zu keinen Mauren hinab ins Tal ... Gewiß, man kann - die Sage im Hinterkopf - von hier oben weit über Land und Meer hinwegblicken, und wenn jetzt Mauren kämen, hätte man genügend Zeit, den nächstbesten Flieger nach Köln zu erreichen und von dort über das Amt des Auswärtigen den Mauren eine saftige Protestnote überreichen zu lassen - um wievieles romantischer jedoch wäre solch nebulös sich erweisender Schutz, den uns eine Dame angedeihen läßt: die Senyora d’ Esperanza!

Folgerichtig hat man ihr hier oben ein Kapellchen errichtet, sie selbst jedoch, das einstige Gnadenbild, in der Pfarrkirche von Capdepera versteckt, und die ist verschlossen. Reisefüh­rer­deutsch: Schlüssel im Pfarrhaus. Das hat noch nie gestimmt, wo auch immer sich die Schlüssel zu was auch immer befinden sollten: nie waren sie dort. Und an den bezeichneten Türen hingen meist Zettel dieses oder ähnlichen Inhalts:

Da kommt man nun nach Mallorca, will nichts als seine Ruhe, und wer stört einen immer wieder dabei: Deutsche, die irgendwelche Schlüssel zu irgendwelchen Reliquien bei uns vermuten - bei Gott, wir haben sie nicht, verdammt noch mal!

Die Interjektion im letzten Satz legt nahe, nicht auf Schlüsselpositionen zu beharren, nur weil sie im Reiseführer stehen. Entweder man wird geführt, und der oder die guia besitzen entsprechendes Öffnungsgeschirr, oder man kommt nie hinein. Wir jedenfalls hatten diesbezüglich an der Pforte zur Pfarrkirche kein Glück.

Holten also unseren unbehelligt auf fremdem Grundstück parkenden Punto ab und ließen ihn bergab rollen: Richtung Cala Ratjada, wo sich auf der Straße zwischen Capdepera und der Küste gerade ein Unfall ereignet hatte, der alle verfügbaren Polizeisirenen gellend durchs Tal (in Wirklichkeit die vierspurige M712) unterhalb des Castillos heulen ließ. Schlichen wir uns also von der Seite her an. Tasteten uns an die Ampel vor. Bogen nach einigem Bedenken links in Richtung des grellblau flackernden Unfallortes ab. Hinter uns hupten keinerlei Bedenken kennende Eingeborene in ihren Peugeots, Seats und Mazdas.

Als wir dann heran waren an einigen unordentlich über den Asphalt verteilten Eisenteilen, zwei Polizeiautos nebst den ihnen entstiegenen Polizisten sowie dem Halbkreis Windjacken tragender März­tou­risten um alles herum, die letztere mangels anderer Attraktionen bei ihrer Tätigkeit der Unfallaufnahme begafften, erwies sich das verbeulte Metall auf dem Asphalt als Reste zweier Rennräder, deren einer Lenker die lange Steigung von Capdepera herunter­geschossen kam, just an der vorfahrtsberechtigten Seitenstraße jedoch auf einen antretenden Kollegen traf. Beide waren bereits im Krankenwagen versorgt, als wir die Stelle passierten. Die Straße nach Cala Ratjada hinein ist vierspurig. Zu gern hätte ich gewußt, worüber sich die zwei Radfahrer im Sankra wohl unterhalten mochten, wenn sie denn dazu noch in der Lage waren. Deswegen jedoch fuhr ich kein bißchen langsamer an dem winkenden Polizisten vorbei. Hatte ich doch seit der Ampel eine Meute mich jagender Peugeots, Seats und Mazdas im Nacken, weil ich - des bereits zusammengekehrten Hindernisses auf der rechten Fahrbahn wegen - die linke Spur belegte. Die Meute nervte.

Rechts ran also. Hinein in den Schatten natürlich im Erdreich wurzelnder Pinien sowie den von Palmen in Kübeln, an deren niedrig über dem Gehsteig wippenden Blattgerüsten  - besonders an deren spitzen Enden - man sich prima die Augen ausstechen kann. Sie wechseln sich ab wie die cambios und restaurantes auf dieser Straßenseite, letztere zum Glück meistenteils noch geschlos­sen. Denn viele dieser „Restaurants“ bekennen sich über buntgemalte Schilder mit rosa Ferkeln, braunen Wurstzipfeln und schäumenden Bierkrügen zu „Kuche tipisch Deutsch! Bratwurst, Sauerkraut, Saumagen mit Pommes Frites“ - man zerre unseren Kanzler herbei, stelle ihn vor eines dieser Schilder: wird er nicht sofort alle diplomatischen Beziehungen zu Spanien abbrechen lassen? Saumagen mit Pommes - ein Verbrechen wider die Menschheit!

Doch - wird er das wirklich? Hat man je einen deutschen Kanzler erlebt, der sich um sein Volk und nicht nur um Wähler bemüht? Die Aussicht, er könne hier, an des deutschen Volkes Strand, auftauchen, ist als so gering zu bewerten, daß ...

Ach, was soll ich mich um einen Vergleich mühen - mir hätte vorgeschwebt, daß eher ein behelmter Radfahrer die Verkehrsregeln beachtet, als daß ein radfahrender Helmut sich unters Volk mischt. Seien wir ehrlich: die Wahr­schein­lichkeit des einen wie des anderen ist gleich winzig, letztlich tendieren beide gegen Null.

Rechts ran also, in den Schatten. Und die aufmüpfigen Gedanken lassen wir besser beiseite, schließlich haben wir Urlaub. Die Qual der Wahl erreicht uns im September noch früh genug. Vielleicht sollten wir dann ja an Saumagen mit Pommes einige Gedanken verwenden - aber nicht jetzt. Linkerhand, auf der gegenüberliegenden Straßenseite hat ein Schuhgeschäft geöffnet, ein billiges Schuhgeschäft, laut schreit es seine Tiefstpreise in grellen Neonlettern zu uns herüber: ein sehr billiges Schuhgeschäft.

Meine zweitbeste Frau entsteigt dem geparkten Pünktchen, zögert, verhält den Schritt, dessen unteres Ende zwei seit Tagen nicht mehr geputzte Treter ausmachen, schaut verlangend in Richtung des sehr billigen Schuhgeschäftes - Wollten wir nicht etwas essen? locke ich sie.

Ja, sagt sie. Damit kann ich sie fast immer ködern. Aber nicht hier, wehre ich ab, deute auf die bunten Wurstgemälde und lotse sie an der sehr billigen Versuchung vorbei. Sie seufzt. Mit Essen ist aber auch hier nichts, als hätte sich alles gegen uns verschworen: zwei wirkliche Restaurants in Cala Ratjada haben geöffnet, sind aber so teuer, daß es einem die Schuhe auszieht. Schuhe?

Wir machen einen Spaziergang um die Mole herum, finden uns auf der erst jüngst angelegten und frisch verfugten Promenade aus rotem Porphyr, einem teuren vortertiären Ergußgestein, stehen staunend vor den vermeintlich eilig zum Denkmal zusammengeflickten Eisenresten der zwei verunglückten Renn­räder von der Straße zwischen Capdepera und hier, wundern uns über den so rasch darauf erblühten Rost und lesen auf einer Tafel: El mar. Estatua de sin nombre, creaba el año de 1996. Oder so ähnlich. Das Meer, aha - wer hätte das gedacht. Geschaffen von einem Namenlos vor zwei Jahren, daher der Rost. Wir schlendern an einer geschlossenen Hotelanlage vorüber und landen in einem Pinienwäldchen, die Schuhe beginnen zu drücken - die Schuhe?

Wir durchmessen das Pinienwäldchen, gelangen auf einem weit gebogenen Umweg, wo man uns auf in den Wald gehängten Schildern verspricht, im Café des Hotel L’ Esperanza, nur hundert Meter von hier entfernt, koche man feinsten „deutsch Melitta Kaffee“, an den Rand der Zivilisation zurück, queren einige Nebenstraßen und wo stehen wir?

Vor dem wahnsinnig billigen Schuhgeschäft. Eigentlich, sagt sie - und schon ist die zweitbeste Ehefrau von allen darin verschwunden. Einen blauweißen Leinenslipper hat sie draußen im Ständer ausgemacht, natürlich Größe 34, Restposten, solch winzige Füßchen besitzen außer japanischen Geishas nur Schmetterlinge.

¿En otras tallas? frage ich den Verkäufer spanisch radebrechend, und hebe das Schühchen in Augenhöhe.

Sorry, sagt er deutsch radebrechend, aber sähen hier: hier habe noch gut Schuh in alle Größe. Nur ssweitausendfunfhunderrt Pässätas. Alles Lädärr. Er hebt eine rechte Omagurke aus einem Karton und zeigt sie: Biettäschän, echt ginstig!

Nein, sagt meine Frau. Sie hat sich auf weißblau versteift, Leinen. Und sie wird sich nicht die Zehen abschneiden, um in den Schmetterligsschuh zu passen. Die Omagurke schaut sie nicht mal an. Danke, gracias, sagt sie, und schon sind wir aus dem Neppladen heraußen. Manchmal verstehe ich meine Frau wirklich nicht. Ein zaghaft von mir aus dem Ständer an der Straße gefischter weißbrauner Leinenschuh in der passenden Größe 38 stimmt sie nicht um, ach, winkt sie ab: ich will nun mal weißblau.

Dieser weißbraune Slipper - bei näherem Betrachten vermittelt er selbst mir den Eindruck eines in Hundekacke getretenen Tennisschuhs. Manchmal verstehe ich meine Frau. Der Handelsmann zuckt kaum bedauernd die Schultern, als ich den Schuh zurücklege. Ohnehin scheint er nur geöffnet zu haben, um Heizung zu sparen, denn vor der weitoffenen Tür ist es wärmer als in dem dunklen Laden selbst. Wir fahren weiter.

In Cala Millor ist um diese Zeit zwar nicht der Hund begraben, denn einer zumindest trottet träge hinter uns drein, er wie wir gleichermaßen auf der Suche nach einem geöffneten Restaurant. Er kennt seine Touristenheimer, scheint allerdings nicht vorzuhaben, sich an den anfallenden Unkosten zu beteiligen. Trotz der eingangs etwas abgeschwächten Redensart vom perro muerto macht der Ort, ähnlich einer noch in halber Winterstarre befangenen Larve, einen ziemlich schläfrigen Eindruck. Was sich unversehens ändert: der Hund hat sie zuerst gesehen, die Tafel unter der ausgeblichenen Markise, und trabt rüstig darauf zu. Wir folgen ihm mit den Augen: Menu 800,- pts., steht dort in Kreide geschrieben; auch ist, wenn ich mich nicht täusche, das hübsche Wort Bratkartoffeln zu entziffern und, zugegeben aus purem Geiz, hängt unser Magen bereits beträchtlich durch - also folgen wir erleichtert unserem Führer, einer Mischung aus allem, was diese Insel an bellenden Zotteltieren bereit hält.

Draußen oder drinnen? Natürlich draußen, keine Frage, bei diesem herr­lichen Sonnen­schein! Einmal nach vielem Herumrücken der Korbstühle um den Tisch ins rechte Licht daran Platz genommen, legt sich el perro bequem darunter ab, wärmt mit sacht atmenden Bauch meine Füße und harrt der Dinge, die da kommen sollen. Wie zum Beispiel der Kellner. Die Sonne beginnt zu brennen, ich ziehe meine Füße unter dem Hund hervor, wische mir die Stirn und studiere die weiteren Einträge auf der Tafel: tatsächlich, Bratkartoffeln. Na, denke ich, so werden sie die üblichen patatas fritas übersetzt haben, worunter man unregelmäßig und grob von Hand geschnitzte Fritten zu verstehen hat. Die Sonne sticht. Die zweitbeste Frau von allen setzt ihre Sonnenbrille auf und legt den Kopf in den Nacken. Der Hund kommt unter dem Tisch hervor, schnuppert an einem nicht gänzlich zur Neige geleerten Bierglas darauf und fiept sehnsüchtig, dabei blickt er mich aus feuchten braunen Augen an. Schon gut, sage ich und tätschele ihm den Hals, daran ordnungsgemäß Halsband und Steuermarke: hätt’ ja selber gern eins!

Der Kellner kommt. Räumt die Gläser unserer Vorgänger auf sein Tablett, wedelt mit der Serviette einige Brotkrümel vom Tisch, die der Hund - wieder unter der Tischplatte verschwunden - im Fallen schnappt, und legt uns zwei gekonnt aufgeschlagen Speisekarten vor: aufgeschlagen - wie immer, wenn wir uns irgendwo zum Essen niederlassen - der deutsche Teil. Ich raffe es einfach nicht, woher die hiesigen Bedienungen ihr Wissen um unsere Nationalität beziehen. Zumal meine zweitbeste Frau und ich bislang nur träge in den Stühlen hingen und noch kein Wort geäußert haben. Ich ahne es: der Hund wird unter dem Tisch mit der Pfote auf uns gedeutet und genickt haben, als der Kellner auf der Suche nach der passenden Nationalität die Speisekarte durchblätterte. Anders kann es gar nicht sein.

¿Les bebidas? fragt der Kellner. Er liest mir mehr vom Munde ab, daß wir, por favor, una karafa de vino blanco y una botella de agua mineral con gas, bitteschön, haben möchten. Damit ich diesen ewiggleichen Getränkewunsch nicht immer­zu wiederholen muß, denn wir trinken - meine Frau den Wein und ich das Wasser - nur solches, wenn wir mit dem Auto unterwegs sind, werde ich mich fortan als Antwort auf die stereotype Frage des gleichfalls stereotypen Kürzels item bedienen, man möge es mir nachsehen und sich künftig erinnern, was darunter zu verstehen ist. Danke.

Ich bestelle also item. Bei dem darin enthaltenen Wort agua horcht der Hund unter dem Tisch auf, bei con gas läßt er die gespitzten Ohren fallen und legt sich wieder über meinen Füßen ab. Als meine Frau und ich uns entschieden haben und Fischfilet mit Bratkartoffeln beim wie unabsichtlich die Luft vor dem Lokal prüfend einsau­genden Kellner bestellen, schnarcht er vernehmlich. Zumal ich mich kaum bemühe, diese Bestellung verständlich auf Spanisch für ihn zum Mithören zu formulieren. Dazu hängt mir der Magen zu tief.

Als das Essen kommt, füttere ich mein Hundchen mit Bratkartoffeln - wirklichen Bratkartoffeln!-, Fisch mag er nicht, ebensowenig Salat, schnappt dabei eher nach meinen Fingern als dem Dargebotenen - na, na! Wirst doch wohl nicht -? Gut, als die Bratkartoffeln redlich zwischen uns aufgeteilt sind, und außer Fisch nichts mehr zu erwarten ist, trollt er sich, beleidigt und mit einge­zogener Rute, in Richtung Playa (katalanisch Platja): dort soll es einem buntem Wegweiser zufolge ein geöffnetes Hamburgerlokal geben - undankbare Kreatur! Ich werde trotzdem satt. Von meiner zweitbesten Frau übrigens wird er sich nichts erwartet haben, denn sie sprach nicht mit ihm und hatte so ihre Bratkartoffeln ganz für sich alleine. Sie seien ihr herzlich gegönnt, wo sie doch noch nicht mal neue Schuhe bekam.

Der Rest des Tages verläppert sich in einem Streifzug durch die Steinöden der Cales de Mallorca, gelegen zwischen Porto Christo und Porto Colom: Cala Bota, Cala Antena, Cala Domingos und Cala Murada, sämtlich eingezwängt in nur durch Hausnummern auseinanderzuhaltende dreistöckige Appartement­häuser und wuchtige Hotelklötze, vorne an den winzigen Stränden türmen sie sich am höchsten. An einem Rondell, im Sommer wahrscheinlich mit Blumen bepflanzt, um das wir herummüssen, um diesem Graus in Richtung Cala d’Or zu entfliehen, acht oder zehn Jugendliche auf Motorrollern und Mopeds. In blumenbekränzten Zeiten vielleicht allesamt flinke Kellner, jetzt, im März jedoch, starren sie uns abweisend, ja, geradezu feindselig nach. Hier möchte ich um nichts in der Welt begraben sein.

Und auch den Ort, in den wir uns an diesem Küstenabschnitt verirrten, der so idyllisch lag und überhaupt nichts Feindliches an sich hatte - ich möchte ihn am liebsten vergessen. Weil in ihm so selbstherrlich sämtliche Wegweiser allein auf Strandabschnitte verwiesen, eine vergessen für sich eigenbrödelnde Welt von Campern und Sommerhüttenmietern - keiner jedoch zeigte den Weg zurück in die Außenwelt, nämlich die Küstenstraße zwischen Porto Christo und Santanyi. Und gemerkt, von wo ich abgebogen war in dieses Labyrinth, hatte ich mir natürlich nicht. Als ich nicht mehr aus noch ein wußte, und bereits sämtliche Bretter aller Hütten an der Maserung wiedererkannte, nahm ich den nächsten Abzweig in Richtung untergehender Sonne: Westen. Es gibt da einen Ort namens Sa Plana Vella, aber der Name ist ein Witz, man darf sich davon nicht täuschen lassen: in seiner Umgebung ist nichts plan oder eben - vielmehr karriohlt man die tollsten Achterbahnen hinauf und hinunter, bis man endlich die Küstenstraße - gottlob! - erreicht und die Hände vom Steuer nehmen kann, um sich endlich den Angstschweiß von der Stirne zu wischen. Wer auf Abenteuer aus ist, der verirre sich, wenn er unbedingt muß - doch sei davor eindringlich gewarnt!- in diese Gegend. Mich jedenfalls zieht da nichts mehr hin. Ich habe es gern klarer, wie auf dem überwiegenden Rest der Insel.

Es wurde spät. Abends besuchten wir noch die Hotelbar, die man sich etwa wie den Wartesaal eines größeren Bahnhofs vorzustellen hat, Köln Hbf. zum Beispiel. Eddy Merckx hielt Hof, als Radfahrer laut „Rowohlts Bunter Liste“ zu den zehn größten Athleten aller Zeiten zählend. Die gesamte Hotelanlage voller Radfahrer - warum darunter also nicht auch Eddy Merckx? Mittelgroß ist er und wirkt behäbig und bieder. Trinkt Bier, und auf einem Radl kann man sich ihn nur schwer vorstellen, sein Bauch wäre dem Lenker erheblich im Wege. Doch das mag täuschen, vielleicht fährt er noch immer gute Zeiten. Die meiste Zeit, in der ihn das mehr und mehr einengende und gegen unseren Tisch hin ausufernde Halbrund seiner Radlerfans mit eierköpfigen Fachfragen und ausgegebenen Vollrunden spanischen Gerstensaftes bestürmt - der ist natürlich mas barrato, billiger, als das hier gleichfalls ausgeschenkte Kromberger Pils -, wirkt er verlegen. Hält sich am Bierkrug fest, lächelt, gibt vor, nur Belgisch zu sprechen - ein guter Trick, denn keiner der Radler beherrscht diese Sprache, durch die Bank sind sie Deutsche.

Man sagt, Belgien sei die Nation der heftigsten Biertrinker. Wir - die wir direkt daneben saßen - glauben hingegen: beinahe hätten deutsche Radfahrer E. M. unter den Tisch gesoffen. Nicht, daß er plötzlich absackte. Als der Kellner kam, legte Eddy einen Schein auf den Tisch, erkundigte sich nach den Toiletten, stand ohne jedes Schwanken auf, wehrte bescheiden tausend wimmelnd emporgereckte Hände und Gutenachtgeschichten ab, begab sich gemächlich zu den beschriebenen Örtlichkeiten - und blieb verschwunden. So: so geht ein König ab! Ich sehe sein verschmitztes Gesicht noch vor mir, eine Spur verlegen wirkend, die vollen, dunklen Locken kein bißchen angegraut: gut gemacht, Eddy, toller Hecht, supergeiler Abgang!

Was da jetzt immer noch neben uns rumhängt und bierselig durcheinander schwafelt: buntgewandet und behelmt trifft man sie auf allen Straßen heimischer Viertel in Deutschland, wo sie einem die Vorfahrt nehmen und entgegen der Fahrtrichtung durch Einbahnstraßen preschen: man hat sich an sie ebenso gewöhnt, wie an das Auftreten von Schmeißfliegen zur wärmeren Jahreszeit. Und teilt die Straße mit ihnen, speziell wenn sie großspurig einen Kinderkarren mit gelbem Wimpel an langer Fahnenpeitsche hinter sich herschleppen, worin sich ihre Ersatztret­lager befinden. Manchmal sogar ein richtiges Kind. Auch dieses, selbst wenn es noch in den Windeln liegt, mit Helm. Sie haben Vorfahrt, zwar nicht gesetzlich, aber man gewährt sie ihnen, weil man gar nicht anders kann.

Konditorei in PalmaWas mich ärgert, ist: warum müssen sie mir selbst hier auf Mallorca noch den Urlaub vermiesen, indem sie allerorten ohne Vorwarnung in Schwärmen plötzlich über dem Zenith von Straßenkuppen auftauchen, während man gerade in ein schwieriges Überholmanöver verbissen ist, oder indem sie mit Affenzahn völlig unüber­sicht­liche Serpen­tinen herab direkt auf den Kühler zu­geschossen kommen? Und wenn ich zudem bedenke, was sie am Vortag noch an Bier in sich hineingeschüttet haben - dann graust’s mich.

Ehrlich.

Zumal sie Schuhe tragen, die - ähnlich wie bei Schilangläufern - nur in ent­spre­chen­des Gerät, die Pedale nämlich, einrasten können. Zu Fuß und auf der Straße sind diese gesundheitsbeflissenen Kreaturen völlig hilflos, brechen sich solcherart behindert bei Stürzen alle Naslang Arme oder Beine - und das alles ohne Rad. Schau her, sagt einer und deutet stolz auf einen Schmarren am Arm, der vom Sturz in einen Schotterhaufen herrührt: das war, als ich ums gelbe Trikot bei Aix en provence kämpfte. Bin leider nur hundertachtundfünfzigster geworden - dabei hat er nur nach einem Kneipengang, zu dessen Ende er nicht mehr zurück aufs Roß fand, Bekanntschaft mit dem Schotterhaufen gemacht.

Ich kann mich mit ihrer unausgegorenen Botschaft nicht anfreunden, selbst wenn junge Frauen in bewußtem Haufen lägen. Und das rührt nur zum Teil daher, daß das Bier, welches sie nach vollzogener Erdumrundung eimerweise saufen, nun mal nicht auf irgendeinem Gepäckträger in die Kneipe trans­portiert wird. Dazu braucht man die Armada schwerer Lastkraftwagen, gegen die sie waghalsig - immer im Pulk - auf den Landstraßen antreten. Gottlob läßt man sie noch nicht auf die Autobahnen. Anders ausgedrückt: auch Schwimmen wird als Sport bezeichnet, seine Ausübung erfordert nur einen Badeanzug und ein bißchen Meer, See, Fluß, Bach oder Teich. Hilfsweise eine entsprechend befeuchtete Anstalt. Was aber benötigt man zum Radsport? Na, die Liste kann lang werden.

Zuallererst natürlich das Rad. Oder besser deren zwei, zusammengehalten in den Gabeln eines handverlöteten und durch Titanmuffen verstärkten Rahmens. Darauf - selbstverständlich mit Schnellspannhebel verschraubt - eine Lederkonstruktion, die im späten Mittelalter, hätte man Ehe­brecher­innen darauf reiten lassen, zum Eingeständnis von was immer man wollte geführt hätte. Dieses Teil muß alle zwei Tage von Hand mit einem speziellen Balsam - Profis bevorzugen das Fett minderjähriger Flußpferde - eingewalkt werden und nennt sich Rennsattel. Der Schnellspannhebel deshalb, weil man den Sattel bei geparktem Rad mitnimmt. Er kostet nämlich ein Schweinegeld und wird deshalb gern geklaut. Natürlich besitzt das Rad eine 38-schrittige Shimano mit lasergehärteten, doppelseitig gepfeilt innenliegenden Zahnkränzen und fünf Rückwärtsgängen.

Doch damit nicht genug: der Lenker ist ein Kapitel für sich. Auch er mit Schnellspannvorrichtung. Nicht weil er so teuer wie ein Sattel wäre, eher weil er sich so besser verstellen läßt. Die einen packen ihn lieber ganz unten, dort wo bei Hollandrädern der Dynamo und ganz in dessen Nähe der Kettenkasten sitzt, andere hingegen wölben ihn in Choppermanier nach oben. Mit griffigem Klebeband umwickelt ihn jeder Radler selbst. Und so trägt jedes dieser hohl gebogenen und liebevoll umwickelten Stücke Installationsrohres die unver­wechsel­­bare Handschrift seines Besitzers: man muß, falls man im Pulk stürzt, schließlich sein Eigentum wiederfinden können.

Sonstiger Schnickschnack, wie Schutzbleche, Klingel, Lichtanlage, Bremsen etc. ist an einem solchen Rad fehl am Platz, letztlich handelt es sich um ein Sportgerät. Halt: Bremsen wären vielleicht hin und wieder nützlich. Aber dann mindestens Cantilever, die Klauen aus rostfreiem Edelstahl und der Felgen­radiergummi mindestens aus strahlenvernetztem Butaden, wenn nicht besser.

Soweit die Hardware, soweit so gut. Damit allein ist es aber kaum getan, nein, keineswegs. Denn was wäre der Profi ohne spezielle Kleidung! Erst die unterscheidet ihn ja von gewöhnlichen Stramplern, die ohne Plan und Ziel gemächlich durch die Gegend pedalen und vorgeben, sich sogar dabei noch zu erholen! Sport kann nie Erholung sein, ist immer Herausforderung des Körpers in seiner Gesamtheit - wichtige Körperteile aus Profisicht stellen dabei Hirn und Hintern dar.

Ersteres schützt die bekannte Satellitenschüssel auf dem Kopf, mittlerweile abgewandelt in der beliebten Tropfenform, hinten mit Windabrißzapfen. Wer sie verkehrt herum aufsetzt, den bestraft der Fahrtwind. Es sei - melde ich mich aus dem Off - die Frage erlaubt, was da groß zu schützen ist? Je nun. Aber bunt muß sie sein, die Schüssel, eben so schrill bunt, daß potentielle Kräftemesser möglichst vor Schreck in den Straßen­graben fahren.

Eine weit größere Sorge begleitet den Profi - und das nicht ohne Grund, siehe im Absatz Sattel - um seinen Allerwertesten. Steherrennen bilden die berühmte Ausnahme. Da ist dieser Lurexanzug, möglichst schwarz mit quietschgelber Bordüre, glänzend wie die Rüstung eines hehren Ritters, und hinten in der Hose mit einem viereckigen Latexkissen gepolstert. Das steht raus, alles andere preßt diese Uniform wie ein leergepumpter Schlauch in sich hinein. Weniger gut macht sich, wenn man in dieser Pelle den Bauch nicht einzieht. Der Stoff liegt wie ein Taucheranzug überall am Körper an, sehr eng, an entsprechenden Ausbuchtungen ist sogar abzulesen, ob jemand über mehr oder weniger üppige Schambehaarung verfügt.

Von den Schuhen war bereits die Rede. Radfahrerhandschuhe hingegen sind ein unbedingtes Muß, will man sich an den persönlichen Umwicklungen seines Lenkers - siehe dort - nicht Blasen holen. Die Trinkflasche im vorderen Griffbereich des Rahmens rechnet eher zur Hardware. Doch nun kommt’s:

Vor dem Start setzt der Rennradler eine Art Sonnenbrille auf, wohl, damit ihm fliegendes Geschmeiß nicht in die Augen gerät. Und allein dieser Brillen wegen, bläulichfunkelnd und an schimmernde Insektenfacetten erinnernd, ich sage es ehrlich, würde ich noch nicht mal die Hand heben, einer jungen Frau, eben noch Fischbrötchen gegessen und Wein getrunken, nun plötzlich - siehe Absatz Schuhe - im Schotterhaufen gelandet, daraus hervorzuhelfen.

Denn diese Brillen sind scheußlicher und wirken auf mich bedrohlicher als alle Cales de Mallorca zusammen: unabwendbares Schaudern befällt mich, sobald mich nur jemand durch solch ein Ding beäugt: für mich nenne ich sie Falschaugen, sie sind mir ein geheimer Alb und lassen den Profi völlig in seiner Rüstung verschwinden, ja, zum Halbwesen, zum ungeliebten Mutanten des zwanzigsten Jahrhunderts werden. Fehlt nur noch, daß er das Handy dabei hat und die ganze Clique ausbremst, um Muttern daheim vorm Fernseher mitzuteilen: Du, ich bin jetzt bei Kilometer achtzehn - ist irre, echt irre! Aber Erbsensuppe machst du nächstes Mal nicht wieder, ich bin immer der Letzte, keiner will hinter mir fahren!

Nimm’s mir nicht krumm, Eddy.

 

 6    Palma(ria), Ciutat de Mallorca

Der Verkehr entspricht nicht mal ansatzweise dem, was sich hier Stoßstange an Stoßstange in der Saison keilt: bis auf Kleinlieferwagen und einige von altersschwachen Traktoren gezogene Mähmaschinen gliche die Hauptstraße über Santanyi, Campos und Llucmajor um diese Jahreszeit einer Minigolfbahn, auf der man seine ruhige Kugel bis hinein nach Palma de Mallorca schieben könnte - wären nicht auch hier die Rennradler. Vor Palma, in der Gegend des Acequia de San Jordi, einem zumeist trockenen, vorsichtshalber jedoch erheblich betonierten und gegängelten Gebirgsbach, zieht sich beachtlich lang ein Gefälle hinab zur Inselhauptstadt. Dort ächzen sie am Rande der Gegenfahrbahn herauf, ein mattes Häuflein, papageienbunt gewandet wie die Reklame­tafeln auf der rechten Straßenseite, in der Sonne glitzernd vor Schweiß und überströmender Anstrengung. Klammheimlich, voller Schaden­freude, gönne ich ihnen diesen Tort.

Warum - in drei haariger Teufel Namen! - sind sie auch nicht in Palma geblieben? Wo man doch heute ein Historienfest feiert! Und zwar ein echtes, nicht nur für Touristen aufgepepptes, an dem auch die Bevölkerung Freude findet. Die Plaza Reina nahe dem Königsgarten ist abgesperrt, von dort über den Passeig des Born in Richtung Innenstadt geht überhaupt nichts mehr. Die gepflasterte Platanenallee, rechts und links durch Fahrstraßen flankiert, bedeckt eigens angekarrter Sand, Kinder buddeln mit winzigen Eisschäufelchen darin. Quergespannt flattern bunte Wimpelreihen über die Allee, von Baum zu Baum ziehen sich Kabel, sie versorgen die darin aufgehängten Flüstertüten mit heimatlicher Folklore, ab und zu unterbrochen von der heiseren Stimme eines ebenso unsichtbaren wie unverständlichen Ansagers. Niemand schert sich um seine Worte.

Auf dem Platz König Juan Carlos I., am Ende der Allee, formieren sich die Gruppen: heißbäckige Landmädchen und an gleicher Stelle erhitzte Landgroß­mütter in farbenprächtiger Tracht, geführt von kraftstrotzenden Burschen, die sich verlegen mit viel zu langen Armen gegenseitig in die Rippen boxen, flankiert sind sie von stolzen Edlen hoch zu Roß. Dahinter beritten und im Kettenhemd ein Falkner, dessen prächtig geschmückter Jagdvogel von dem Lederhandschuh, auf dem er sitzt, grimmig über die Zuschauer hinweg in karnickelbehoppelte Jagd­gründe zu spähen scheint. Dem folgen quäkende Musikkapellen, Pfeifer, Trommler und Tambourschläger, Fouragewagen, mittendrin behende jonglierende Gaukler und schmalhüftig sich windende Tänzerinnen - und Pferde, immer wieder Pferde, dicht vor der Menge sich aufkeilend: durch scharfen Zug an der Trense im schaumbeflockten Maul zwingen ihre Reiter sie zum Anstieg in die sehnige Hinterhand, für Sekunden schweben die Vorderhufe drohend über den Köpfen der begeistert johlenden Menge, bevor ihre altertümlich gewandeten Herren, stolz wie Harry, diese zurück auf den sandbedeckten Boden des Passeig des Born dirigieren, wo in gefährlichem Nebeneinander Kinder im Sand buddeln. Es heißt - zumindest hat dies ein gewisser Vielschreiber namens May behauptet -, kein Roß setze je seinen Huf auf den Leib eines Menschen. Daß jeder dieser so vollblütig vorgeführten Araber allerdings in den Büchern des Herrn Karl geschmökert hat, wage ich in Zweifel zu ziehen, und die drohenden Hufe über den Köpfen der Menge und den kaum geschlossenen Fontanellen der Kinder verursachen mir reichlich unangenehmes Kribbeln in der Gegend um den Magen herum.

Aber dann setzt sich der ganze Zug in Bewegung. Tja, ihr Radfahrer, da hättet ihr dabeisein sollen! Allen voran eine Spielmannstruppe, welche die Zuschauer einbezieht, jeder in ihr ist ein Komiker, quer über die Straße tanzen sie, rotten sich gezielt vor einer Person zusammen - Break, so würde man das wohl im Jazz nennen -, düdeln ihr mit Schalmei und Querpfeife quälend ins Ohr, setzen kurz die Instrumente ab, lächeln entschuldigend, versinken in zierlichen Kratzfüßen - und mischen sich gleich darauf, tanzenden Derwischen nicht unähnlich, mitten unter die Leute. Die Trommel schnarrt, Flöten quäken: wie können vier Musikanten nur einen solchen Heidenlärm verfertigen! Nun, da gibt es Trillerpfeifen, durch die man angestaute Luft ablassen kann, ferner Schellen und Rasseln an den Beinen, die in ständiger Bewegung sind. Unterhalb der Knie haben sie ihre sandfarbenen und mit breiter Borte besetzten Pluderhosen, in deren geräumigen Umfängen sich dieses Lärmgerät verbergen muß, gerafft und zugebunden, ein wenig erinnern sie an british knickerbockers und auflaufende Flut in der Themse­mündung. Eine rote, frack­ähnliche Überbe­klei­dung mit halblangen, weiten Ärmeln, unterhalb des Brustrevers auslaufend in Schwalbenschwänze und behangen mit winzigen weißen Bommeln, ziert ihren Oberkörper, darunter schnürt sich um den Bauch ein Mieder, welches einen Teil des offen getragenen weißen Hemdes verdeckt. Und was schmückt ihren Kopf? Zuvörderst mehr oder weniger dunkle Naturlocken. Darüber dann eine Art weiter Zipfelmütze, welche die Ohren bedeckt und in einer Schelle am Zipfel endet.

Wir wollen sie kaum fortlassen, beklatschen begeistert jedes ihrer Stücke, schließlich scheucht ein Polizist die Truppe weiter. Der darf das, es sollen ja noch weitere Attraktionen diese Stelle, die Plaza de la Reina, rund um die aufsteigenden Fontänen des königlichen Springbrunnens, passieren und das ihnen sehr geneigte Publikum erfreuen. Was sie auch tun. Ein Teil dieses geneigten Publikums sind wir: meine weitaus zweitbeste Ehefrau, daneben meine Wenigkeit. Gut, daß Spanier in aller Regel nicht sehr hochgewachsen sind, so bekom­men wir doch vieles mit, was sich vor uns auf dem Sandplatz abspielt. Dennoch mauern, wie üblich, wenn’s mal was zu gucken gibt, auch hier die Größten vorn (vermutlich ebensolch ehernes Gesetz wie jenes, daß man sich stets vor derjenigen Supermarktkasse einreiht, an welcher der Kopf der Schlange unvermittelt seine bisher verborgene Geldkarte zücken wird, um weitschweifig und zeitraubend mit Plastikgeld zu zahlen). Vier Tage später ist der Platz bis aufs letzte Körnchen von allem Sand geräumt, und die Augen dürfen wieder dem kunstvoll verschlungenen Gerank der Kacheln folgen, mit denen die Allee belegt ist. Vormals buddelnde Kinder fleddern jetzt deren überfüllte Abfallbehälter - gut möglich, sie sind auf der Suche nach verlorenen Speiseeisschäufelchen.

Wir wagen einen Abstecher in verwinkelte Gassen der Altstadt: hin und wieder begegnet man dort um diese Tageszeit auf uraltem Pflaster einem ebensolchen Mann, schlurfend auf dem Weg in seine Stammkneipe; sonst scheint alles tot und verrammelt - zwei Uhr nachmittags, Zeit der Siesta. Leben, wenn man es denn als solches bezeichnen mag, bricht um diese Zeit höchstens unvermittelt auf hochtourig brüllenden Motorrollern um die Ecke, besetzt mit im Stimmbruch blökenden Jüngelchen und kreischenden Mädchen, deren Haar im Fahrtwind flattert, nicht immer ist es schwarz. Und wenn sie die Gasse hinunter sind und vor einem sich dort durch Querstraßen tastenden schwarzen Mercedes quietschend Gummi auf die braunen Granitkatzenköpfe des Viertels radieren, dann wenden sie und knattern sogleich die Katzenkopfschlucht wieder bergan - hoch über ihren Köpfen, gespannt von Altan zu Altan, von Haus zu Haus, Schnüre: behangen mit friedlich weißen Laken, dazwischen hautfarben scheu versteckte Leibwäsche sowie unverfängliche Socken und karierte Arbeiteroberhemden. Von schmiedeeisern umrankten Balkons trällern zitronenfarbene Kanaris hinter den Stäben kunstvoll geschnitzter Holzkäfige unermüd­lich dagegen an: Lärm und Gummigestank der motorisierten Halbwüchsigen, die keine Mittagspause kennen. Nur unzulänglich dämpft die aufgehangene Wäsche den Radau der Halbstarken und Kanaris.

Hier reihen sich Bar an Bar, Café an Restaurant, und wenn man eines dieser Refugien betritt, empfängt einen wohltuend kühle Dämmerung, in der sich Palmenser Geschäftsleute - stets im gedeckten Anzug und mit Tageszeitung bewaffnet, diese entweder in der Sakkotasche verstaut oder ausgebreitet vor sich auf dem Tisch - auf den weiteren Tagesverlauf ab sechzehn oder siebzehn Uhr vorbereiten, wenn sie ihre Geschäfte wieder öffnen. Dazu gehören meist eine Flasche Roter und ein umfangreiches Menu.

Ich habe mich gefragt, wo sie denn den Roten - das Nationalgetränk - hintun. Wenn man wieder ans Licht kommt, verwirrt er nämlich mächtig den Kopf. Und bin für mich auf folgenden Ablauf gekommen: vierzehn bis fünfzehn Uhr Essen und Trinken. Danach, vermute ich, steht in jedem Büro oder im Hinterzimmer der Geschäfte unauffällig eine Couch bereit. Dort treffen die Flasche Roter und die restlichen Viertelstunden bis vier - oder auch fünf Uhr, je nach Konsum - am Nachmittag aufeinander und gehen eine äußerst glückliche Symbiose ein: dergestalt nämlich, daß der Padrone oder Jefe den Kopf wieder frei hat für das abendliche Hauptessen gegen einundzwanzig Uhr, vom Roten jedoch immer noch soweit beflügelt ist, daß es in der Zwischenzeit zu durchaus glänzenden Geschäftsabschlüssen kommen kann.

Dies entspricht kaum unserer nordischen Vorstellung, aus der wir meist nüchtern in eine Besprechung poltern und uns höchstens an Kaffee berauschen. Der Unterschied ist: Kaffee treibt den Puls hoch, Wein besänftigt ihn, zumal roter. Es mag dahingestellt bleiben, welche Methode die effektivere ist. Befragt, müßte ich gleichwohl gestehen: auf den ersten Blick scheint mir die spanische Variante wenig Respekt vor geschäftlich angebrachtem Ernst zu bezeugen: Aktenköfferchen, Anzug, Krawatte - eher selten paßt dazu eine Rotweinfahne. Auf den zweiten Blick jedoch - nun, einem inneren Schweinehund lauschend, gewissermaßen ihm hörig, würde ich sie jeder anderen Methode vorziehen: sie scheint mir die menschlichere.

Solcherart von Gedanken erfüllt, lege ich meine schußbereite Kamera auf einem rohen Holztisch ab, schiebe meiner zweitbesten Frau den Stuhl unter den - nein, sie saß ja bereits vor mir, der ich mich erst umblicken mußte: gedeckt gekleidete Geschäftsleute, aufgeschlagen die Zeitung vorm Gesicht, in der Ecke eine in drei Generationen versammelte Familie an einem Achtertisch, neben uns eine olivhäutige Frau mit Mandelaugen und drei Kindern: Filipinos. Über allem schrammelt aus unsichtbaren Lautsprechern leise Gitarrenmusik.

La carta, por favor, bitte ich den auf Gummisohlen herangeglittenen Kellner, er hat sie schon parat, denn was will man hier anderes um diese Zeit, als Essen - natürlich schlägt er die deutschen Seiten auf. ¿Les bebidas? schnurrt er. Kurz kommt mir in den Sinn, was er wohl vor den Filipinos aufgeschlagen haben mag, dann bestelle ich item. Sie wissen schon. Und zu Essen? Meine Zweitbeste blättert noch beim Fisch herum. Irgendwann werden ihr Flossen wachsen. Ich nehme frito mallorquin. Das ordert sie dann auch - allein, wie ich bei mir zu denken nicht umhin kann, um zu prüfen, was sich denn so Besonderes hinter der äußerlich eher gräulich fettig anmutenden Beschaffenheit meines hiesigen Leibgerichts verbergen mag.

Als wir fertig gegessen und auch den Wein - bzw. das Wasser - getrunken und sämtliches Brot im Körbchen verputzt haben, lobt sie: war ja gar nicht so übel, und da bin ich doch ein bißchen stolz. Denn dieses frito mallorquin übertraf an Geschmack noch weit jenes, das ich vor zwei Jahren im - weltlichen - Refektorium des Klosters Sa Cura genossen und für das allerbeste überhaupt empfunden hatte. Woraus folgt, daß man sich in Aussagen tunlichst nie festlegt, sie allenfalls mit einem Datum verknüpft: dann und dann, an dem und dem Ort, da war mir am wohlsten. Womit man keineswegs ausschließen will, daß es ja anderswo vielleicht auch noch besseres, unter bestimmten Umständen aber auch schlechteres gäbe. Das sollte man vor Ort ausloten. Und das haben wir eben getan. Ich gebe - da ich das spanische Geld im Portemonnaie mit mir herumtrage - ein gutes Trinkgeld, das Essen ist preiswert, da soll auch der Kellner was davon haben.

Im Fortlauf des Tages schlendern wir noch durch die Halle des Mercat Olivar, zentraler Markt von Palma, gelegen in der Nähe der Plaça d´ Espanya, von deren Nordseite in dumpfnostalgischer Holzklasse die Elektrobahn nach Sollér die Berge erklimmt. Der Markt ist für uns ohne Beispiel. Auf zwei Etagen, unter altväterlich in Gußeisen und Stahlträger gefaßter Glaskuppel, wird sämtlich angeboten, was je ein Mensch sich in kühnsten Leckereiträumen nur wünschen mag: Fleisch, Fisch, Geflügel, daneben Backwaren, Gemüse und Obst, ferner Süßigkeiten, Wein, Blumen - allein die Abteilung Schalentiere, über der ein strenger Hauch von Seewasser, Salz und Jod schwebt, treibt einem das Wasser im Mund zusammen: Gambas, flüstert meine Frau - die zweitbeste von allen - ergriffen und schaut sehnsüchtig auf den stetig abnehmenden Berg roter Tiefseegarnelen, von dem die dicke Frau hinter dem Stand mit einer Blechschippe Portionen für die Schlange dicker Frauen davor in Plastiktüten schaufelt. Das Kilo im billigsten Angebot zu 990 pts. Das sind mal schlapp zwölf Mark fuffzig. Im Restaurant kosten sie - acht bis zehn Stück, zusammen ca. dreihundert Gramm - um die zweitausend Pesetas. Allerdings gegrillt, reichlich mit Knoblauch versetzt und von frischem Salat begleitet. Ich sehe, wie meine Zweitbeste hellen Auges erwägt, glatt einen Viertelzentner zu kaufen - zu schade aber auch, daß unser Appartement keinen Grill aufweist! Hier, im Mercado Olivar, wird der Nachteil zweier gewöhnlicher Kochplatten evident: man kann zwar Kaffee und Eier darauf kochen, aber keine Gambas grillen. Sie - die zweitbeste Frau von allen - findet sich ab, zwingt sich entsagend zwei Schritte weiter zum nächsten Stand. Dort wird sie breitmäulig und zacken­gekrönt vom schleimig grimmigen Haupt eines Meerteufels ange­glubscht: ach du Schreck! Den kann auch sie sich nicht auf ihrem Teller vorstellen - allenfalls als Filet und von sämtlichem Zickzack befreit. So haftet dem weißen Fleisch kaum noch mörderisches an. Also doch ins Restaurant, wo die Küchen­kunst den häßlichen Anblick vorab in den Abfall befördert und nur zartge­schupp­tes Filet übrigläßt. Interessant jedenfalls, solch einem Kameraden mal ins urtüm­lich häßliche Antlitz geschaut zu haben: unter Wasser schnorchelnd würde ich ihm kaum so vorurteilslos begegnen, wie auf der Speisekarte.

Was wird bleiben von diesem Tag?

Bilder.

Zwei kleine Mädchen, hüpfend vor gülden besonnter Mauer, einen taumeln­den Ballon in metallisierter Herzform an dünner Schnur nach sich zerrend - hüpfend und gülden treffen hier so wunderhübsch lautmalerisch aufeinander, ganz wie die Mauer und die davor fotografierten Mädchen und ihr Ballon.

Dann: die Christusstatue im Hof des Diözesanmuseums. Segnend, oder auch mahnend, hebt sie die Finger der rechten Hand: unter dem richtigen Blickwinkel - man muß dazu allerdings einen halben Kniefall begehen - wachsen ihr grüngestrichene Fensterläden aus dem Rücken - Engelsflügel.

Ferner: die eiserne Mutter, verborgen hinter Grünzeugbüschen unterhalb der Mauern der Catedral La Seu, in Lebensgröße, schwarzmetallisch glänzend grob gebacken, abweisend und doch so voller Hingabe verloren an ihr Kind - einen fetten Balg, das, ihrer Brust nicht achtend, unter dem bloßgelegten Busen kauernd in weite Fernen starrt: dorthin, wo im Hafen die Schiffe dümpeln.

Die Reihe milchgesichtiger Kadetten in dunkelblauer Galauniform, blau-rot-goldene Gardehüte auf dem Kopf, weißgekreuzte Schulterriemen und weiße Gamaschen an den Beinen, eben aus olivgrünem Bus des spanischen Militärs geklettert, am Straßenrand vor dem Consulado del Mar angetreten und die Vorderlader präsentierend: mit weißer Perücke und gebeugtem Rücken nimmt ihr Kommandant die Front ab, ein schwerer Kerl mit breitem Kreuz.

Was soll man weiter nennen? Die Leineweber, Punzer und Tischler, die Schuhmacher, Gewürzhändler und Bäcker im Gedränge des historischen Markts in den Königsgärten, der das Fest begleitet? Die Statue des balearischen Steinschleuderers dortselbst, die auf den ersten Blick wie ein irrsinniger Till Eulenspiegel wirkt, noch Reste jener Leine in Händen, die er - behängt mit Schuhwerk seiner Zuschauer - einst über den Marktplatz von Mölln spannte?

Oder die selbsternannte Parkplatzeinweiserin auf dem Circulo Mallorquin, um die vierzig Jahre alt, auf dem Kopf eine hohe selbstgestrickte Mütze und erkennbar debil; vor jedem, der eine Münze gab, machte sie einen Hofknicks - dabei gibt es auf dem gesamten Circulo keinen einzigen Parkplatz, und alle, die sie einwies, standen samt und sonders im absoluten Halteverbot.

Soll ich berichten von den Faunsmasken, denen Brunnenwasser aus lüster­nen Bocksmäulern tröpfelt, von Efeu halb überwuchert, im Mauerdreieck, wo die Plaza Reina zur Calle Conquistador hin ansteigt, und wo eine Bronzestatue von Joan Miro steht, welche die Vorübereilenden dazu bringt, einen Moment zu verweilen, ihren Kopf durch ein Loch im Bauch der Statue zu stecken und sich fotografieren zu lassen?

Oder lieber von der Säule im Königsgarten, mit ionischem Kapitell, der Säulenfuß ein lebensgroß modellierter Frauenkörper, dessen Brüste und Pobacken durch tausende zugreifende Hände fettig blankpoliert sind - tits and ass, Titten und Arsch, wie es im Musical A Chorus Line so hübsch häßlich heißt.

Die arabischen Bäder, das pueblo español, die Kathedrale: man kann die ciutad von Palma unmöglich in die Spanne eines einzigen Tages zwängen. Dazu ist ihre Schönheit zu mannigfaltig, sind die Wege zu weitverzweigt und zu eng und lang. Und nur auf der Uferpromenade im Vorbeifahren ihrer herrlichen Fassade ansichtig zu werden, beglückt zwar, wird ihr aber kaum gerecht.

Wir werden also nochmal wiederkommen. Drüben, bei S’ Arenal, leuchtet als Strich erkennbar der Ballermannstrand im Licht der im Westen hinter Portals Vells und dem Cap de Cala Figuera versinkenden Sonne, heute war sie den ganzen Tag bei uns. Und über allem, was wir in Palma sahen. Doch nun reicht’s: nach all dem Mineralwasser hab ich hundsgemeinen Durst auf -

Aber, aber! Erst mal muß ich siebzig Kilometer nach Cala d’ Or zurück, sin alcohol, höchstens also unter leichter Betankung mit Sinalco, deren beißendes Bizzeln im Rachenraum mir stets Tränen in die Augen treibt. Aber dann! Vielleicht hat Eddy ja noch ein wenig Bodensatz in dem Faß balearischer cerveca gelassen, das ihm zu Ehren angestochen wurde. Freilich, Krombacher Pils tät’s auch - wer wird es mit der Herkunft der Hopfenkaltschale, die als goldgelb schäumende Verheißung den lieben langen Tag hinter Kohlensäure  zerprickelnden  Glasrändern lauert, schon so genau nehmen. Nur kühl muß sie sein. Und von jenem hopfenherbduftigen, cremigen Deckel gekrönt sein, den man gemeinhin Feldwebel nennt: hält er doch diskret jene auch im Bier nach oben drängende Kohlensäureperlen zurück, die ordinäres agua con gas einem bei jedem Schluck völlig ungehemmt ins Gesicht schleudert. Fehlt nur noch, daß der Wirt Handtuch und Seife dazu serviert.

 

 7    Von Mönchen, Mäusen und Motetten

Wir haben uns frühzeitig erhoben, um den Gottesdienst im Monestir de Lluc nicht zu versäumen. Er beginnt um elf Uhr vormittags. Über Felanitx, Petra, Sineu, Inca und Selva soll die Fahrt nach Lluc, gehen. Bereits in Calonge verfahren wir uns, verfehlen die Abkürzung nach Felanitx, quälen unser rotes Pünktchen durch von paredes ummauerte Schlaglochstrecken und hetzen es über fünftklassige Nebensträßchen. Hinter einer der unzähligen Kurven dann der Ausgleich: weiß durchbricht Sonne den Morgennebel, auf noch von Tau glänzender Wiese tummeln sich unwirklich blaßrosa die Polsterkissen einer Schafsherde, es werden an die fünfzehn Tiere sein. Bäume starren schwarz aus dem Frühnebel. Am Horizont, unwirklich im Dunst verschwimmend, raucht der Kamin einer niedrigen Behausung. Rechts ran; ich steige aus und atme ehrfürchtig durch: ein Bild grenzenloser Melancholie breitet sich vor mir, ein Bild, das sich prägend in jenen Bereich an Hirnzellen gräbt, der bei Bedarf erinnerbaren Trost bereithält - nein, die Welt ist nicht grau!

Endlich Felanitx mit seinen breiten Alleen kopfgestutzter Mandelbäume, endlich Petra mit seinem hohen Glockenturm, endlich Sineu, gelegen im Llanura del Centro, der Zentralebene, endlich Inca, die Stadt, in der trotz Großstadtcharakter nur etwas mehr als zwanzigtausend Einwohner leben - und dann Lluc. Gerade noch rechtzeitig.

Im Inneren der Klosterkirche atmet wuchtig getürmter Stein Kühle aus. An Säulen, die das Seitenschiff stützen, blinken Schilder: silence, Ruhe. Oder besser noch: Schweigen.

Fromm gedacht - Kinder plärren, Kameras sondern surrend in mattsilber­nem Lidzucken grelle Blitze ab, mit denen zwar Umgebung, kaum jedoch Atmosphäre einzufan­gen ist: die gibt sich eher grämlich düster. Ein Padre in Anzug und Krawatte betritt das Pult vorm Altar, hinter ihm drängt und schubst es sich: der Knabenchor, für den dieses Kloster berühmt ist. Er hebt an zu reden, auf katalan, in den Reihen vor uns schluchzt das eine oder andere alte Weib auf, bekommt begütigend oder tröstend auf den Rücken getätschelt, verknotet gichtige Finger im Gebet. Der Knabenchor beginnt zu singen - hell und leuchtend, wie unwirklich, kaum von dieser Welt, die so düster scheint.

Sonnenuhr in LlucVergeblich suche ich Gesichtern Stimmen zuzuordnen: es gelingt mir nicht. Eine Stimme nimmt die andere auf, verstärkt sie, verliert sich klagend im hohen Raum über den Köpfen der andächtig lauschenden Gemeinde, findet sich in der Gesamtheit des vollen Chores wieder, erstirbt - und überläßt den Solopart einem blassen Halbrund mit weit geöffneten Mund, dem für solch himmlisch reinen Engelsklang nach meinem Empfinden viel zu viel Pickel auf der Stirn glühen - überwältigend. Ich schwöre: während Rezitativ und Andacht habe ich kein einziges Foto geschossen. Auch nicht danach. Es wäre mir blasphemisch erschienen. Und wenn ich jemals an einen Gott glauben wollte - er wäre hier. Hier, wo man Zellen mieten und darin übernachten kann, auch meditieren, falls man mag. Überfülltem Parkplatz und Vorhof des Klosters mit Freß- und Andenkenbuden zum Gegensatz, steht hinter der Klosteranlage eine jahrtausendealte Landschaft bereit, die solches, in grandioser Einsam­keit und Unberührtheit erstarrt, geradezu herausfordert.

Ich bin, muß ich gestehen, für kurze Zeit fromm geworden, über diesem Gottesdienst. Auch meine - zweitbeste - Ketzerin scheint etwas nachdenklich. Gemeinsam steigen wir die in Fels gehauenen Stufen an der Rückseite des Klosters empor, schauen auf beruhigend ockerfarben irdig sich breitende Dachflächen herab und sehen uns verwirrt einer Sonnenuhr gegenüber, auf der sogar Jahreszeiten abzulesen sind: von primavera und hivern ist da die Rede, estuio und tardor, alles Wörter - außer Frühling, primavera - die mir nichts sagen. Ich vergleiche den Schatten über den hores canoniques mit meiner Uhr und muß sagen: für Anfang März, noch nicht ganz Sommerzeit, geht das Ding verdammt genau. Oder geht nur die Sonne so genau, die ein großer Geist - scheinbar - am Himmel ziehen läßt?

Es gibt einen Kreuzweg mit in den Felsen - oder aus Felsen - geschlagenen Stationsbildern, wir streifen ihn hinab, nachdem die Kuppe hinterm Kloster überwunden ist. Allmählich verfliegt meine Frömmigkeit. Nicht geringen Anteil daran haben die martialischen Schwerter der in ewigen Stein gemeißelten Heiligen: gehört zum Glauben etwa unabdingbar das Schwert? Dann möchte ich doch lieber nicht an das glauben, an das jene vorgeblich glauben, die mich eben fast soweit hatten, ihnen alles zu glauben - bei Waffenbesitz, zumal in Händen Heiliger, hört für mich der Glaube auf, Zweifel rühren sich: weil ich nur zu gut weiß, daß Knüppel seit Urbeginn der Menschheit immer nur der Unterdrückung  mißliebiger Individuen dienten. Seither allerdings - über die Stufen Bogen, Schwert, Gewehr und Kartätsche hinaus - derartige Verfeinerungen erfuhren, daß von mißliebigen Individuen keine Rede mehr sein kann: Bomben, wie auch damit umgebrachte Menschen, zählen nur noch in Megatonnen.

Und da hatte ich doch eben tatsächlich für ein stumm ergriffenes Weilchen geglaubt, hier, wenn es ihn gäbe, würde selbst ein Gott sich gerne niederlassen - ich denke mir, es gehört einfach zu diesem Beruf: wenn die Umstände es erfordern, segnet jeder Priester die Waffen der jeweils Mächtigen, die ihn und seine Art zu allen Zeiten erhalten haben. Sind sie doch nützliches Beiwerk jeglicher Politik; sie, die sie die Verdummung der Völker über Hunderte von Jahren studierten - in gutem Glauben?

Jedenfalls: Schluß mit frömmelnder Unsicherheit. Wenn sie den Heiligen wenigstens nur Griffe von Pflugscharen in die Hände gedrückt hätten - die sich notfalls rasch zu Schwertern umschmieden ließen; in den großen Kriegen unseres Jahrhunderts haben die Mächtigen ja sogar Kirchenglocken abhängen und einschmelzen lassen, selbst darin noch zeigt sich der Wert der Kirche für die Politik, die selber nie an deren - unzweifelhaft vorhandene - Werte glaubte.

Fortan, bei aller Ergriffenheit, betrachte ich mich nur als Touristen, wie sie hier in Scharen herumlaufen: dumm, neugierig und zu nichts verpflichtet - perdone me!

Wir fuhren dann weiter. Über Pollença und Sa Pobla nach Can Picafort, keine Tour, die uns aus den Puschen fegte. In Sa Pobla suchten wir vergebens Einlaß in die Pfarrkirche San Antonio Abad, sie war verschlossen. Aßen zu Mittag, ein Menu in staubig lauter Straßenatmosphäre, sie Fisch, ich Kotelett. Beides warf uns nicht um, doch alles zusammen einschließlich Wein und Wasser war für 1600 pts., ungefähr, wie der Chef sich ausdrückte, zu haben. Das hieß: Vorsuppe, Hauptgang und Obstnachtisch, der aus einer krummgrünen Banane mit Messer und Gabel bestand. Kann man eigentlich nicht meckern. Wir bezahlten dann auch nur ungefähr 1600 pts, nämlich die und fünfzig draufgelegte. Der Padron war’s zufrieden, und wir wurden auf diese Weise alle zusammengekramten Münzen los.

Can Picafort hat außer dem seltsamen Namen nur Übliches zu bieten: Strand, Bars, Hotels, Restaurants und Boutiquen, wenn man von Überresten eines alten Friedhofs außerhalb des Ortes einmal absieht. Der Merian-Führer „Mallorca“ erklärt den Namen so: „[er] geht auf den Holzfäller Jerónimo Fuster zurück, der wegen seiner besonderen Tüchtigkeit den Spitznamen Picafort (Haudrauf) bekam. Um 1860 baute er sich eine Hütte am Meer, die man folgerichtig Haus des Haudrauf nannte: Can Picafort.“ Soweit die neuzeitlichen Nachfahren im Geiste des mittelalterlichen, schweizerischen Kupferstechers Matthäus Merian, des Älteren. Wir konnten nicht ergründen, was dran ist an dieser Geschichte: die allermeisten Haudraufhäuser hatten um diese Jahreszeit noch geschlossen. Nur Hunde gab es ebenso viele in der Stadt, wie zu besten Sommerzeiten. Hunde haben immer Saison.

Über Muro, vorbei am Parc Natural de S´Albufera, einem 1700 Hektar umfassenden Feuchtgebiet, schilfgesäumt durchzogen von schwarzen Kanälen, fahren wir zurück nach Inca. Der Eingang zu diesem - 1988 zum balearischen Naturpark erklärten - Gebiet, soll sich am Puente Ingles, der englischen Brücke, auftun, niemand indes kann uns sagen, wo die sich befindet. So zuckelt unser Pünktchen mit heruntergekurbelten Scheiben langsam am Grenzkanal entlang, damit wir wenigstens einige wenige der über zweihundert hier nistenden Vogelarten sehen oder zumindest hören, von denen im Reiseführer die Rede ist. Was wir hören, ist Froschgequake. Statt der als purpurfarben beschriebenen Reiher, statt aufgezählter Nachtigallen, Seeadler und Falken blubbert fauliges Sumpfgas in den Kanälen. Die Bauern haben mit diesem Wasserland, einer ehemaligen Lagune, wohl nichts am Hut. Nichtsdestoweniger ist sie hübsch anzusehen im Gewoge ihrer grau- bis gelbgrünen Schilffelder. Man müßte Gummi­stiefel an den Füßen tragen, dann käme man leicht auch über die Gräben. Aber daran hat natürlich keiner von uns gedacht: wer packt schon Gummistiefel ein - nach Mallorca!

In Inca nehmen wir die Autobahn Richtung Palma, nach Binissalem. Dort biegen wir ab, es soll hier, so sagt die Karte, ein Museo geben. Die Pfarrkirche La Asunción in Binissalem ist geschlossen. Warum auch als einzige nicht, man hat sie im 13. Jahrhundert nach der Vertreibung der Araber von der Insel errichtet, sollte man sich etwa so kurz darauf erneut mit irgendwelchen Eroberern befassen, nur weil sie statt Mauren Touristen heißen?

In Binissalem, ist man erst einmal drin, kann man sich leicht verfahren. Dem Reiseführer nach müssen hinter all jenen Mauern, an denen wir auf unserer Suche nach einer Ausflucht aus dem Ort vorbeikommen, Destillen brodeln: Wein- und Likörfabriken, dem Anschein nach wohl eher in Hinterhöfen. Jawohl, es ziehen sich Weinstöcke den Hang oberhalb des Städtchens hinauf. Nein, die vielen Bodegas mit kostenlosen Wein- und Likörproben haben noch nicht geöffnet. Wahrscheinlich ist der ganze Ort hinter abweisenden Mauern mit Fässerreinigen beschäftigt. Vom Museo keine Spur.

Das liegt etwas außerhalb (nordöstlich) zwischen der parallellaufenden M713 und der Autobahn PM-27: ein festungsähnliches Gemäuer namens Foro de Mallorca. Neben Muschelkalk und Burgzinnen außen, beherbergt es innen den Freizeitpark Aqualandia, ein winziges spanisches Disneyland. Die vielen Busse auf dem Riesenparkplatz sprechen eine deutliche Sprache: Hauptziel dieses Unternehmens scheint das Abzocken der Besucher. Aber das gesuchte Museum befindet sich hier: Wachsfiguren wichtiger Personen in Episoden aus der Geschichte der Insel, von der Königsfamilie, jetzt, bis hin zum Philosophen Ramón Llull, 13. Jh., Aqua sagt uns nicht zu, da möchten wir schon eher ins Museum, der Eintrittspreis jedoch stellt sich als horrend heraus: 1200 pts. pro Person, also fünfzehn Mark. Ein Aufdruck der Eintrittskarte besagt, die Karte berechtigte zu einer kostenlosen Weinprobe in der angeschlossenen Cafeteria. Na, denken wir, halten wir uns dort schadlos.

Kurz gesagt: die Knetefiguren waren die Knete nicht wert. Wer bei Madame Tussaud in Paris war, weiß was ich meine. Und für die kostenlose Weinprobe fühlte sich anschließend niemand zuständig. Auf der Tanzfläche der Cafeteria, sehr im Milchbarambiente fünfziger Jahre, schunkelte ein Knäuel weinseliger Pärchen, hauptsächlich im Rentneralter. Auf den Tischen davor breiteten sich schalgewordene Weinproben, Kellner und Mädchen vom Service spülten hinter der Theke hingegeben Gläser, wir schienen zu spät gekommen. Weinprobe? No comprendo, Señor.¿Que desea?Wein-prro-bä? Ey, Miguelito, rief der Angespro­chene einen Kameraden aus der gekachelten Küche herbei, hier ist einer, der will wirklich noch ‘ne Weinprobe!

Beide sprachen lange und eindringlich auf mich ein. Spanisch, natürlich. Ich glaubte herauszuhören, daß sie nur tageweise angestellt seien und von überhaupt nichts, aber auch gar nichts, die blasseste Ahnung hätten. Und Prueba del vino - das müsse im Restaurant gegenüber sein. Das aber war geschlossen, nachdem sich wohl auch dort eine Gesellschaft ausgetobt hatte, die längst jedoch im Bus wieder nach Hause gekarrt war.

Die schnellsten dreißig Mark, die ich unnütz bisher auf Mallorca ausgab. Ich bedauerte mich nicht, schalt mich hingegen einen Esel: mir gehörte es nicht anders. Foro bedeutet Markt - aber auch Gerichtssaal. Hier nun saß Erfahrung, die ich anderen stets predige, über meine eigene Dummheit zu Gericht. Verärgert? Wenn schon. Wir waren Touristen, und die Macher dieser Burg rechneten damit, daß es Angehörige dieser Spezies nur in Ausnahmefällen an den Tatort ihres Genepptseins zurücktrieb. Unser Geld besaßen sie ja bereits.

Beim verärgerten Rückwärtsausparken hätte ich beinahe eine senile Gruppe aufgedreht schwatzender und gestikulierender Weinpröbler überfahren, die einen Bus umwimmelten, ohne Anstalten zum Einsteigen zu zeigen. Sonst nicht meine Art, betätigte ich gereizt die Hupe, verwunderte mich nur kurz über Pünktchens mächtige Fanfare, da er doch aus italienischem Stall kam: hei, wie sie da auseinander spritzten! Soll mir noch einer mit grauen Panthern kommen, beweglich und flexibel, wie sie seien: grau ja, das waren sie. Aber beweglich? Die da waren so unbeweglich wie ein Festmeter Holzschnitt im heimatlichen Eichenwald.

Verärgert soll man nicht Auto fahren. Über Sencelles und Costitx (Kost nischt hatten wir es umgetauft) wollte ich nach Sineu und von dort nach Petra fahren; lieber nahm ich nun den direkten Weg über Cas Canar und Ruberts, es dämmerte bereits. Vor Petra glaubte ich ein Restaurant zu wissen, bevorzugt von Brummifahrern aufgesucht, gemeinhin ein Gütezeichen für den, der reellen Gegenwert für sein Geld erwartet. Lag es an der Dunkelheit oder daran, daß wir uns Petra nicht von der vorgesehenen Seite näherten? Ich fand es nicht. Zwei Anläufe waren nötig, etwas Hellerleuchtetes zu finden, das es sein könnte. Beim Hineingehen ein Scheune. Nein, vor zwanzig Uhr sei wirklich die Küche nicht besetzt, ob wir ... Na gut. Trinken wir in der Zwischenzeit item. Noch heute bin ich fest überzeugt, es war genau das Restaurant, in dem wir vor zwei Jahren nachmittags um drei zwischen Staubsaugergedröhn und Fliesen­wischen noch herrlich bedient wurden, obwohl meine Frau das anders sieht.

Als das Essen nach Eintreffen des Kochs kam, hegte ich überhaupt keinen Zweifel mehr an meiner Version: es war so gut, wie es mir die Erinnerung vorgaukelte. Item allerdings wurde über eine ziemliche Stunde des Wartens strapaziert, und an die Aufteilung Wein/Wasser hielten wir uns auch nicht mehr so streng - mag sein, daß deshalb der Heimweg so kurvig erschien. Ob es wirklich das von mir gesuchte Restaurant gewesen ist, will ich nicht mehr beschwören. Brummis jedenfalls, als Beweis, parkten um diese Nachtzeit nicht davor. Aber: worüber soll man denn sonst streiten, zumal im Urlaub?

 

 8    Faulsein

Montag: schon der Name lädt nicht zu größeren Unternehmungen ein. Verschlafen wühle ich mich aus dem spanischen Steckbett. Zeus grollte die ganze Nacht - was den wohl verdroß? Jiep, jiep, jiep: der kleine Kläffer, schien entweder tot, ausgestopft, oder auf Nahrungssuche einem Urlauber ans andere Ende der Insel gefolgt zu sein, man hörte jedenfalls nichts von ihm. Das Frühstück versöhnt mich ein wenig mit Zeus: heißer Kaffee und knuspriges pan bilden immer noch die verläßlichste Grundlage, jeglichen Tagesablauf darauf zu gründen. Wer weiß, was Zeus piekte. Da wir nun schon mal Montag haben, einen reichlich angefangenen zudem, machen wir doch das Beste draus: Rundgang durch Cala d’ Or, über seine Klippen und durch seinen Yachthafen.

Natürlich folgt uns dabei ein Köter, so selbstverständlich, als gehöre er dazu. Manchmal läuft er auch voraus. Sieht sich um, schräggeneigt der Kopf, ob wir ihm auch folgen, tut unbeteiligt, hebt lässig an irgendeiner Gartenpforte das Hinter­bein, und kommt aus einem nur für ihn dem Geruch nach äußerst interessanten Seitenweg doch wieder hervor, weil wir zielgerichtet weiter geradeaus marschieren: nicht wir brauchen den Hund, er braucht uns.

Am Steilhang, hinunter zu Klippen und Strand hat er seine Mühe - wir allerdings auch. Aber einmal erkannt, worauf wir abzielen, hechelt er vor uns die Böschung hinunter. Wir bräuchten ihn da unten ja bloß allein zu lassen, um ihn loszuwerden, doch wir folgen ihm. Als wir unten sind, scheint er in irgend­einem der seitlich liegenden Gärten eine Gespielin gefunden zu haben: wir sind abgemeldet und mögen aus Hundesicht nun tun, was uns beliebt.

Uns beliebt, weiter zum Strand hinab zu klettern. Über diesen und jenen halsbrecherischen Pfad äußert meine Frau, die zweitbeste, Bedenken. Ihr die Hand reichend, lotse sie herunter - irgendwann mag sie trotzdem nicht weiter, da sind wir nur noch dreißig Entfernungs- und kaum sechs Tiefenmeter vom Strand entfernt - nä, sagt sie, da geh ich nich runter!

Nun, man gelangt auch anders an den Strand. Also wieder hinauf, vorbei an all den Gärten mit Hunden: perro, du verlauster Pelz, kannst gerne wieder vor uns her schnüffeln! Der lacht sich vermutlich eins in seine heißen Pfoten, hat er doch was besseres gefunden, wir wissen ja nicht einmal, wie er heißt.

Einmal angelangt, minutenlang geschaut, die Schuhe voller Sand, wird Strand rasch langweilig. Mit Zement gemischt, könnte man ihn zu wunderbar geschmeidigem Fließbeton verarbeiten. Doch wohin damit? Oberhalb ist ja bereits alles betoniert, wenn auch maurisch weiß gekalkt und mit rechteckig beschatteten Fensterhöhlen versehen. Dazwischen Palmen, Mandelbäume und Stechgras, mit dessen Blattspießen man Narren wie den Don Quijote de la Mancha zum Duell fordern könnte. Kurz gesagt: dieser Strand ist auf den ersten Blick eine Oase, deren Charme jedoch rasch ermüdet. Er scheint einfach zu eng, zu dutzendfach bereits geschaut und erkundet, um einem noch ein seufzendes „Aah!“ zu entlocken. Die Insel besitzt hunderte dieser Platjas, und wenn man nicht wüßte, aus welchem Ort man zu ihm herabgeklettert ist, wäre er austauschbar: ein typisch mallorquinischer Strand. Da wir aber wissen, woher wir kommen, wissen wir auch, daß dies die platja de Cala d’ Or ist. Wir gehen weiter, schlendern die Treppen hinauf in den Ort.

Die Straße herunter ziehen sich Kalkspuren, endend in den gußeisernen Gittern der Gullys. Baustellen, mit Gipskarton und Eisenteilen vollgestopfte Container, Lieferwagen mit Mischmaschinen auf den Anhängern - hier wird überall gebaut, angebaut, aufgestockt, renoviert. Da und dort schiebt sich ein Unkraut mit winzig weißblauen Blüten aus wunderschönen Gehwegkacheln, lichtgrün neben erdbraun. Wenn - im Sommer - die Touristenwelle über Mallorca schwappt, wird das alles breitgetreten. Eigentlich das Schönste an der Insel. Na gut, man hat es gern sauber. Wie wir es sehen - noch -, besitzt es einen seltsam faszinierenden Zauber: selbst das Pflaster der Gehwege lebt wie die Matten der Berge und Höhen außerhalb der Ballermannzentren, genannt seien S’ Arenal und Alcudia - na, wer’s nicht anders will! Des Menschen Wolle ist sein Hammelrauch.

Im Zentrum von Cala d’ Or: Apotheken, Arztpraxen (anscheinend ist der Mensch im Urlaub kränker als zu Hause), Boutiquen, Reisebüros, Lotterie­an­nahmen, Schuhgeschäfte, Eisdielen. Weiter hinein, fast wieder am Strand, eine winzige Fußgängerzone. Darin Restaurants, Cafés und Andenkengeschäfte, auch ein Zeitungsladen, der neben Handelsblatt und Bildzeitung den Pracht­band bereithält: So richten wir uns einen typisch mallorquinischen Garten ein. Selbstverständlich in deutsch. Den gleichen Band in französisch oder englisch - oder gar auf Spanisch - sucht man vergebens. Wir lassen uns zu einem Kaffee nieder.

Alle an den Tischen des Cafés scheinen Stammgäste. Klar, um diese Jahreszeit. Der Kapitän im blauen Blazer mit Goldknöpfen und silbergrauem Schnurrbart, dessen Enden er wie Kaiser Willi hochgezwirbelt trägt - der hat bestimmt keine Yacht im Hafen liegen. Wer dort nämlich liegt, sitzt nicht hier. Aber braungebrannt ist er: aus seiner Haut könnte man Schlüsselmäppchen nähen. Dasselbe gilt für seine Begleiterin, die nicht unbedingt seine Frau sein muß. Die Mäppchen aus ihrer Haut wären allerdings von minderer Qualität, da ihr Busen Pigment­flecken, man nennt sie wohl auch Altersflecken, aufweist. Vergleichbar sieht man vom Busen des Kapitäns nur wenig, allenfalls einiges gekräuseltes Brusthaar, so daß hier eine Aussage über die Qualität der zu erwartenden Mäppchen vage im Raum stehen bleiben muß.

Ein englisches Paar, Sie, deutet auf den Strauß auf dem Tisch: Oh, look at this, Archie, is’nt it cute? Say, where have we seen such fresh flowers in the hotel? (Guck mal, Archie, ist das nicht reizend? Sag mal, wo haben wir im Hotel solch frische Blumen gesehen?)

Archie: Nowhere. Except at the entrance. There were some punks. (Nirgends. Außer an der Rezeption. Da trieben sich ein paar Punks herum). Die Blumen auf dem Tisch sind aus Plastik und bis in die Saison hinein haltbar. Das Gespräch der beiden Engländer auch. Sie schlürfen ihren american coffee, das heißt schwarz, legen abgezähltes Geld auf den Tisch und gehen.

Oh Archie, I like these fresh Flowers! (Oh Archibald, ich mag diese frischen Blumen!)

I know, you do, darling. But - must I? For me, they’re only spinach. (Weiß ich doch, Liebling. Aber - muß ich sie auch lieben? Für mich sind sie nur Spinat.)

Die beiden hatten bestimmt ein Boot im Hafen liegen!

Von irgendwoher plärrt ein Lautsprecher sich wiederholende Sätze: Oh ja, mach’s mir! Vielleicht ist ein Sexshop in der Nähe. Dann Pfiffe. So, als pfiffe ein Italiener einer Blondinen nach, ersterer, schmalhüftig und breitschultrig, in enge Hosenröhren gewandet, in deren anliegender Gesäßtasche allenfalls ein Kamm und eine Tausendlirenote Platz finden. Sie wissen schon. Doch keine Blondine ist zu sehen, von der Kapitänsfreundin mit Altersflecken abgesehen - die wird kaum gemeint sein. Trotzdem pfeift es. Neugierig bringt ein Rundblick Klarheit: von einem Balkon über dem Platz, aus seinem blanken Drahtgehäuse heraus, pfeift und sudelt da ein buntgefiederter Ara, gemeinhin Papagei genannt. Mal in diese, dann wieder in jene Richtung den Hals verdrehend, macht er unter sich schlendernde Pärchen an: Gut siehste aus, heute schon gebumst? Pfiff. Hab mich lieb! Nur lachen kann es nicht, das krächzende Kreuzworträtselviech, und wenn es doch den Versuch dazu unternimmt, quarrt es wie Krähengekrakel vom Balkon: kra, kra, kra, hab mich lieb, gut siehste aus, heute schon ... zahlen, aber dalli!

Slowfood - nach guter VätersitteWir lassen es uns gesagt sein, werfen ein paar Münzen in den Zahlteller  auf unserem Tisch und erheben uns aus bequemen Rattansesseln. Zu Mittag essen wir in einem Restaurant am Hafen. Von der Decke baumeln grimmig die Mäuler fletschende Fischpräparate. Ich würde hier nicht baden gehen, wenn die alle aus dem Hafenbecken stammen sollten. Der Kellner empfiehlt meiner Frau frische Sepia, ich halte mich lieber an Lammkoteletts. Als beides kommt, rückt meine Frau ein wenig von ihrer Vorliebe für Fisch ab: Sepia sieht weder wie Fisch aus, noch schmeckt er so. Zaghaft fragt die Zweitbeste, ob man denn die Körper, weißlich glibbernde Säckchen, von denen sie bereits winzige Fangärmchen geschnitten und verspeist hat, auch essen könne: das sei das Beste überhaupt an dieser Spezialität, versichert ihr der Kellner gewinnend lächelnd. Nicht gewinnend genug: meine Zweitbeste schiebt die Ekelpakete mit dem Messerrücken an den Tellerrand und hält sich fortan lieber an Pommes Frites und Salat. Macht ja auch irgendwie satt. Ob es wohl Spanier gibt, die sich vor diesen Dingern schütteln? Chinesen, habe ich mir sagen lassen, empfinden den gleichen Horror vor einer deutschen Bratwurst. Mit bayrischer Weißwurst freunden sie sich schon eher an, woran man sieht, daß dem Auge erheblicher Anteil am Essens­genuß zukommt. Je nach Gewohnheit.

Danach schlendern wir durch die Marina von Cala d’ Or. Edelstahlblitzend und weißgewaschen schwappt leise glucksend die vertäute Armada der Yachten im Hafen vor sich hin. Hier und dort tuckert ein Stromaggregat am Kai, breitet sich ein ausgeklappter Werkstatt­wagen. Auf den Schiffen kaum Insassen, entweder schlafen sie oder wetzen sich bei Tony’s den Hintern unter mächtigen Sonnenschirmen und zuzzeln träge milchige Pina Colada aus ihren ins Glas getunkten Strohhalmen. Vielleicht auch Schärferes. Für dieses Leben muß man nicht geboren sein, aber in der Regel ist man es wohl. Ich jedenfalls könnte mir einen dieser Kreuzer - selbst bei äußerster Sparsamkeit, wenn also der Boy stets nur Pellkartoffeln mit Butter aus der Pantry auftrüge - kaum leisten. Aber doch schaue ich sie gerne an, bin nachgerade verliebt in das eine oder andere Boot und denke bei mir: nur einmal auf solch weißem Traum das mahagoni­hölzerne Steuerrad in die Hände nehmen zu dürfen!

Zwischen allerlei Hundescheiße und sonstigem Unrat umrunden wir längs eines Drahtzaunes auf einem Trampelpfad die der Marina angeschlossene Werft. Bald wird es steinig, und löcherig ausgewaschene Kalkstein­formationen beißen schartig in unsere Schuhsohlen. Den Blick auf die Fußspitzen gesenkt, im Schritt berechnend, wohin der nächste Tritt zu setzen sei, um sicher voran zu kommen, finden wir uns endlich am Klippensaum wieder, wo kein Weg mehr weiterführt.

Zehn Meter darunter schäumt windgetriebene Gischt in unsichtbare Kavernen, gräbt sie anprasselnd weiter und weiter auf, zieht nach verrichteter Arbeit sich zufrieden schlürfend und blasentreibend zurück, und brandet in nimmermüder Unvernunft und Gier erneut an - dahinter, in ferner Weite, tiefblau das bewellte Meer, nur scheinbar unbewegt. Tatsache ist, daß es in fortwährender Bewegung durch die Jahrtausende Häppchen um Häppchen der Insel zu feinem Sand zernagt und in Buchten angeschwemmt hat: den Platjas. Dort liegen sie nun, die Sonnenanbeter, und verschwenden mehr Gedanken an den Schutzfaktor ihres Hautöls als daran, welch gewaltige Arbeit sich das Meer mit der feinkörnig rieselnden Unterlage gemacht hat, zwischen die und sich selbst sie von zu Haus mitgebrachte oder hoteleigene Frotteetücher gebreitet haben. Man müßte einmal darüber nachdenken, wieviel Zeit ein Steinmetz bräuchte, einen Felsklotz zu Milliarden von Sandkörnern zu zerbosseln. Und wieviele Steinmetze notwendig wären, nur einen einzigen Quadratmeter Strand herzustellen.

Selbst bei allergröbstem Überschlag ergäbe sich: Arbeitslosigkeit wäre unbe­kannt, denn jeder zweite Mensch metzte Stein - wer aber wünschte sich dann noch diesen Strand, selbst wenn er - zähneknirschend, da sich Sand zwischen ihnen befindet - die Herstellung einiger privater Quadrat­meter bezahlen könnte? Nein, es ist schon sehr weise eingerichtet, daß die Natur uns die Vorarbeiten zur Welt, wie wir sie noch kennen, abgenommen hat. Wir würden sie nie so hinkriegen - so, wie sie ist. Eher schon, daß sie in naher Zukunft nicht mehr so ist.

Gedankenverloren sinne ich, schaue hinaus aufs Meer, und mir wird kaum wohler dabei. Irgendwer wird eines Tages dessen Stöpsel finden, ihn neu­gierig herausziehen und sich wundern, daß über dem Ausgurgeln der Meere Sonne, Mond und Sterne verlöschen, und sich Nacht über unseren Planeten breitet. Exakt, wie es die moderne Wissenschaft nun einmal fordert, wird er penibel jeden Gluckser des Meeres in einer Kladde festhalten, bis das Heliozentrum über ihm und seiner Kladde zusammenkracht, welch letztere niemand mehr nützt, denn eine Nachwelt wird es kaum geben. Was die Gattung homo sapiens vor allen anderen Gattungen auszeichnet, nämlich ihr großes Hirnvolumen von rund tausendvierhundert Kubikzenti­metern, was in etwa dem Rauminhalt eines 10-er Eierkartons entspricht, wird sie, da in solch geräumigem Gelaß neben den lebensnotwendigen Primärreflexen der Tierwelt auch noch von kruder Neugier angestachelter Entdecker- und Erfindergeist Platz finden, eines Tages wohl umbringen.

Daß nach dem Rückweg das Türschloß unseres funkelnagelneuen Pünkt­chens sich dem hinein­geschobenen Schlüssel nicht ergeben will, kann nur schwachen Trost bieten: irgendwann werden auch Italiener Autoschlösser entwickeln, die klaglos über Jahre hinweg funktionieren. Bis dahin sauge ich Hoffnung auf die Unversehrtheit dieser Welt aus der Unvollkommenheit ihrer Bewohner, mich eingeschlossen: Gott sei Dank lenkt noch viel hinderlicher Kleinkram und Bürokratismus von der großen Versuchung ab, die Erde, so wie es die restlichen acht Planeten unseres Sonnensystems sind, unbewohnbar zu machen. Doch neige ich der Ansicht zu: auch das wird der Menschheit eines Tages gelingen. Und da erfreue ich mich im Nachhinein doch noch einmal der Aussicht, die ich eben genießen durfte - schrundig und unberechenbar will sie so gar nicht in den menschlich kantigen Eierkarton hineinpassen.

Mir scheint, jede Generation bedarf ihres eigenen Halley’schen Kometen, in dieser oder jener Ausführung. Ob er nun auf die Erde stürzt oder sie verschont: man fürchtet ihn. Und Furcht allein - dies meine feste Überzeugung - hat unser Sonnensystem bislang vor dem Kollaps bewahrt, Edmond Halley sei Dank. Leider erscheint sein dräuender Komet erst wieder im Jahre 2062, und was bis dahin sich alles an praktisch begabten homo faber, sozusagen den Heimwerkern unter den Baumeistern der Welt, entgegen hoffentlich erheblich geschärfter Bedenken des wirklich denkenden homo sapiens auf der Erdkruste austoben wird, die so verletzlich ist - das mag ich mir gar nicht ausmalen.

Gott (hilfsweise auch Edmond Halley) sei Dank: wächst dann nicht über den Gebeinen meiner Generation wie auch denen unserer Töchter und Söhne längst Gras? Und dies bedenkentragende Papier: entweder wird es vermodert oder zu einem Kampfaufruf gegen das Kasperletheater Atomwaffen bastelnder Inder und Pakistani recycled sein, Heimwerkern, billigste Rezepturen nachrührend.

Nein - diese Welt ist kein Kasperletheater, fährt mir scharf in den Sinn. Aus dem Urlaub zurück, werde ich auch wieder Zeitungen lesen. Und dann wird sie wie zuvor blutiger Ernst und ständige Bedrohung sein. Doch bis dahin ...

 

 9    Kunst: Dali gegen Chopin, Porreres gegen Valdemossa

Ein ungleicher Kampf. Dali ist in Porreres mit zwei Zeichnungen vertreten, Chopin in Valdemossa mit nichts, als seinem Klavier und der wunderschönen Talsicht vom Klosterberg hinab. Doch eins nach dem anderen.

Wer nicht weiß, daß es in der Gemeindeverwaltung untergebracht ist, findet das kleine Museum in Porreres nur schwer. Beschilderungen gibt es nicht. Zudem ist Markt, das heißt, mehr Fremde als Einheimische tummeln sich im Zentrum, fragen kann man zwar, doch wird die Antwort meist lauten: no sé - weiß ich doch nicht, bin selbst fremd hier.

Also Gemeindeverwaltung: aus der hohen Eingangshalle verzweigen Türen nach links und rechts. Geradeaus steigt eine Treppe empor. Ich wende mich nach rechts, klopfe an die erstbeste Tür, wunderschön geschnitzt und dunkel wie Pfeifenholz. Im schüchtern geöffneten Spalt dahinter irritiert aufblickend ein fragendes Gesicht, Uniform hinter Schreibtisch, unwillig hervorgestoßen: ¿Que desean Ustedes aqui? Was wollen Sie hier?

Ja, wenn ich das so kurz sagen könnte - ich versuchs mal mit Englisch: May we visit the Exhibition? - ¿Que? - Scheiße, no comprende. El museo, fällt mir ein; artikuliert, stolpert das Wort unbeholfen über meine Lippen, ich helfe mit einer Handbewegung nach, beschreibe Rechtecke von Bilder­rahmen. Da leuchtete es auf in den Augen über dem Schreibtisch: Ah si, el museo! Ein Lächeln wird mir zuteil, erhebt mich aus der Kaste unliebiger Bittsteller in die des Interessenten, seriös und zuvorkommend zu bedienen - vermutlich auf Weisung von ganz oben.

Denn wer, in diesem gottverlassen staubigen Nest, außer einem ganz und gar mit all seinen Sinnen von der Kunst besessenen alcalde, Bürgermeister also, besäße schon genügend Macht, eine Uniform beim Klang des hundertmal eingeschärften Codewortes, welches museo lautet, wie das bekannte Teufelchen aus dem Kasten springen zu lassen? Aber auch das Teufelchen auf der Feder scheint die angehäufte Kunst seines alcalde zu lieben - muß nicht, wer Interesse an dieser Sammlung bekundet, gleichzeitig auch Interesse an ihm bekunden, dem Zerberus, der über die Sammlung wacht und sie nach Belieben freigeben oder auch unzugänglich machen kann? Ein Wort von ihm, und der Besucher kommt zu früh, zu spät oder überhaupt ungelegen, weil das museo geschlossen hat. Gerade eben. Schließlich hat sich auch Spanien dem Wechsel von Sommer- und Winterzeit angeschlossen, und so sind die verschämt auf einem winzigen Zettel in der Halle angeschlagenen Öffnungszeiten, die weder auf die eine noch die andere Weltzeit abzielen, durchaus diskutabel. Ich scheine seine Sympathie zu genießen.

Der schwarz Betuchte springt also auf, drückt einen Knopf an der Wand, bedeutet: uno momento, Señor. Irgendwo in der Ferne eines der von der Halle abzweigenden Räume läutet es. Von dort, wo es geläutet hat, kommt ein bildhübsches junges Fräulein, führt sich mit perdone, no hablo aleman ein, worauf wir erwidern: Och nö, macht doch nix, und da lächelt sie. Weist die Treppe hinauf, und da sehen wir sie schon: die Bilder. Gehen Sie nur, scheint sie die Arme zu schwenken und treibt uns die Stiege hinan. Oben, hinter uns, bleibt sie abwartend stehen. Darf ich fotografieren? frage ich, schwenke meine Kamera: Sie nickt, si, si, no problemas. Sie bleibt auf dem Treppenabsatz stehen, verschränkt die Arme, beobachtet uns. Ein hübsches Bild. Auch das hier: eine Zeichnung von Dali, daneben an der Wand eine andere - Serigraphie, numeriert fünf von zweihundert. Spinnenbeine und Spiegeleier. Da kann man mal sehen. Höher hinauf, im zweiten Stock, gefallen mir die ausgestellten Stücke viel besser. Ich knipse. Manches der Gemälde möchte ich abhängen und stracks mitnehmen. They are so beautiful, sage ich ehrfürchtig. Si, magnifico, lächelt sie vom Treppenabsatz her, sicher kennt sie das Wort beautiful aus irgendeinem okzidentalen Schlagergestöhne - wundervoll! Sie mag die Ausstellung wohl auch. Sicher nicht nur, weil der Don alcalde über alles hier im Hause bestimmt. Ich knipse, knipse, knipse: Blitz auf Blitz erhellt das Treppenhaus, in dem die schönsten Bilder hängen. Als wir gehen, sagen wir mit unseren spärlich spanischen Worten vielen Dank, muchos gracias, señorita, und sie antwortet: de nada, Señores y Señoritas. Ustedes hablan muy bien español! Die gezückte Börse, und damit ein Trinkgeld, weist sie lächelnd und mit bestimmt abwehrend ausgestreckter Hand zurück.

Na, ist mal gut zu hören. Von blühenden Mandelbaum­ästen gepflücktes Spanisch tut es immer noch besser, als dies Pidgin-Deutsch: Du mir (ich erinnere: hier ist Markt) verkaufen Bananas? Mönsch Kerle, mach kein Quatsch, ich seh sie doch - da, dat krumme Dingens! Ja, dat pack mir mal ein. Sach, wieviel - äh, quanto kosta? Mann, seid ihr teuer - karo, jawoll, dat verstehste ganz gut!

Nein, auf solch primitiver Grundlage mögen wir uns denn doch nicht verständigen. Hat mir zuviel Beigeschmack von Kolumbus, als der 1492 mit Glasperlen im Gepäck vermeint­lich vor seinen gesuchten Indern stand, die sich dann als Yankees entpuppten. So wie auch die Mallorquiner keine Spanier (Kastilier) sind, sondern Katalanen.

Von Porreres fahren wir der Einfachheit halber auf direktem Wege nach Valdemossa, dieser führt in fast rechtem Winkel auf der PM715 über ein Stück von Palmas Cityring nach Norden. Unterhalb des rechts aufragenden Gipfels des Teix (1062 m) folgt die Straße einer scharfen Linkskehre, dann ist man auch schon mitten im Ort. Und auf der Suche nach einem Parkplatz; zu nah an den Ortskern mit dem ehemaligen Kloster La Cartuja heranzufahren, empfiehlt sich wenig, es sei, man sucht unbedingt die Auseinandersetzung mit einem der zahlreichen Busfahrer. Denn überall dort, wo nicht Fußgängerzone ist, parken diese ihre klimatisierten Ungetüme, lehnen in Grüppchen an der Schattenseite eines ihrer Vehikel und rauchen selbstgedrehte Zigarillos.

George Sand, Chopin, ein Winter auf Mallorca - hier in Valdemossa hat sich dieser verregnete Winter 1838/39 abgespielt, hier tröpfelten Frédéric Chopins Finger zum ersten Mal das „Regentropfen-Prélude“ in die Tasten des über das Meer mitgeführten Pianos, er brauchte nur depressiv und krank aus dem Fenster auf die feuchtglänzenden Ziegeldächer des Ortes unter sich zu starren, um es zu komponieren. An der Wand neben dem Fenster steht es noch, sein Klavier. So heißt es jedenfalls. Bereits vorher kränkelnd, erholte er sich von diesem Winter nie wieder. Zehn Jahre später starb er, nur neununddreißig Jahre gelebt.

Das Klavier ist mit einer rotgespannten Samtkordel von all jenen Besuchern getrennt, die nur mal eben die ersten Takte des Flohwalzers auf seinen Tasten probieren möchten. Wenn ich mich in Madame Sand und Monsieur Chopin hineinversetze, wird ihr Aufenthalt in Valdemossa und La Cartuja eine schöne Stange Geld verschlungen haben, und so müßten sie - denke ich mir - das Klavier damals eigentlich wieder mitgenommen haben, als sie abreisten. Ist ja wohl doch ein Wertgegenstand, so ein Möbel. Woher - so frage ich mich nun - hat man dann dieses, nächst dem Fenster mit Blick auf den Ort aufgebahrte Piano beschafft? Jeder fotografiert es als Chopins Kompositionsmöbel. Schaut daheim dann die entwickelten Fotos an und läßt nebenher eines seiner Nocturnes klimpern. Aber - war es wirklich seins?

Als ob das nicht egal wäre. Jedes Klavier ist imstande, das „Regentropfen-Prélude“ wiederzugeben, wenn es nur gut gestimmt ist und der richtige Pianist davor sitzt. Es gibt mir nichts, zu denken, auf diesen Tasten habe Chopins Meisterhand ihre Fingerkuppen tanzen lassen. Lieber höre ich ihn, der da so hohlwangig und düster, die Nase ein einziger scharfer Haken im Gesicht, vom rissigen Ölgemälde im winzigen Vorraum zu diesem Zimmer auf den Besucher herabsinnt. Höre ihn, seine Musik: ein Fidibus, in rastloser Suche nach allgül­tigen, endgültigen Akkorden an beiden Enden angezündet - in der Mitte trafen die Flämmchen aufeinander, verzehrten sich gegenseitig, und er fror und hustete trotzdem. Da war er erst neunund­dreißig und schon zehn Jahre fort von hier.

Wenn ich so aus der Fenstertür trete, mit wenigen Schritten den winzigen Terrassengarten quere, an der Balustrade verweile und hinabschaue auf die roten Ziegeldächer unter mir: mein Gott, er hätte ein „Schindel-Impromptu“ nachlassen können, wäre er nur bis ins Frühjahr mit all seinen prächtigen, heimisch mächtigen Farben geblieben!

Ja, der Raum hat etwas. Vielleicht Inspiration, wer das mit mir so empfinden mag - ich vermisse einen Ofen, wenigstens im Nebenraum. Hier wie dort noch nicht mal ein Kaminan­schluß. Wenn George, Frédéric und die Kinder es warm haben wollten, mußten sie sich damals wohl in der Küche aufhalten. Doch dort komponieren, Frédéric, ein beidseitig brennendes Zündel? Da vertiefte er wohl lieber seine Lungen­entzündung - hier, in diesem kalten Zimmer.

Soviel zum Klavier, das hier steht, kordelumbrähmt, auf dem geschlossenen Deckel der welke Leichnam einer Rose. Vermutlich wird sie jedes Jahr erneuert.

Es gibt eine Bibliothek im - seit 1835, nach Vertreibung der Mönche weltlichen - Kartäuserkloster La Cartuja, die an Schönheit ihresgleichen sucht: das Lesezimmer des ehemaligen Priors, gelegen im Anschluß an seine gleicher­maßen ärmlich wie prunkvoll ausgestattete Zelle, die einer Felsenhöhle ähnelt.

Neben und unter dem Triptychon, einem dreiteiligen, verschließbaren Altarbild, starren dort ehrwürdige Ledereinbände in den Raum, alle Wände bis auf Tür- und Fensteröffnungen sind von dahinter verborgenem Wissen bedeckt. Es juckt, einen der Bände hervorzuziehen und darin zu blättern, selbst wenn das kleine Latinum hierfür wenig hilfreich ist: natürlich verbirgt sich die Sprache Roms, der römischen Kirche hinter all den Lederrücken, und sie wäre mir so wenig lesbar, wie es die Gedichte Walters von der Vogelweide sind. Doch allein der Anblick!

Bücher, glaube ich, werden etwas ungemein Kostbares, wenn sie einige Jahrhunderte überdauert haben. Dann wirken sie edel, von Patina erhoben, und man vermutet unerhörte Weisheiten hinter ihren Deckeln. So jedenfalls geht es mir. Die bereits bekannte rote Samtkordel im Verein mit einer Aufseherin, die ich als - nein, Drache wäre wirklich überzogen, aber meine Rückerinnerung schweift zu etwas in dieser Richtung - vielleicht argwöhnisch bezeichnen würde, verhindern meinen Zugriff auf einen der kostbaren Bände. Aber es gibt ja noch die Apotheke, eine Tür weiter, welche sich nicht minder hübsch darstellt. Hier darf man unerlaubt berühren, was an alten Glasgefäßen in dunklen Regalen verstaubt, heimlich einen Deckel lüften und an dem uralten, zunderigen Zeug darunter riechen: aha, Rosmarin. Denn die bärtige Aufseherin kann zum Glück nicht in beiden angrenzenden Räumen zugleich sein. Und für zwei Bärtige scheint kein Geld vorhanden.

Ach, da fällt mir auf: Sie hat ein Elektroöfchen, direkt neben dem bejahrten Stuhl, auf dem sie hin und wieder verweilen darf. Vielleicht stünde ja in Monsieur Chopins Spielzimmer statt des Klaviers heute ein Elektroofen, hätte es damals, im Winter 1838/39 die allgemeine Elektrizität auf der Insel schon gegeben. Mit einem Hinweis daran, einem visitenkartengroßen Druck unter Plexiglas: „Dies Öfchen wärmte im November 1838 Chopins klamme Finger. Daraufhin konnte er das Schindel-Impromptu komponieren. Das Original ist, wenn auch etwas angekokelt, im Archiv erhalten, da er es rechtzeitig vom Öfchen riß, als er aus Madame Sands - mit richtigem Namen Aurore Dupin Baronin Dudevant - Gemach zurückkehrte; vermutlich war er dorthin geeilt, um ihr in überströmender Freude von der soeben entstandenen neuen piece zu berichten.“

Nein, solch Schildchen findet sich hier nicht. Nur das Öfchen der Bärtigen, über dessen lauem Luftstrom sie dann und wann verstohlen die Hände reibt. Sie hat es nötig, und dem guten Frédéric nützt diese neuzeitliche Einrichtung nichts mehr, er hat alles längst hinter sich, was wir noch vor uns haben.

Zum Beispiel die Pinacoteca am Ende des langen gepflasterten Ganges, von dem sämtliche ehemaligen Eremitenzellen abzweigen, Eintritt im einmal entrichteten Obolus enthalten. Dort zeigt man in einem Saal Werke von Picasso, Joan Miró, Francis Bacon und Juli Ramis, der wie Amadeo Modigliani malt. Letzterer nicht zu verwechseln mit seinem Namensvetter Francis Modigliano, einem amerikanischen Ökonomen, der sich die Erstel­lung einer Lebenszyklus­hypothese des Sparens zum Ziel setzte - was immer das sein mag. Unser Modigliani ist jener, auf dessen Gemälden die Gesichter so seltsam langnasig und stets unbeteiligt wirken: so also malt Ramis. Miró hingegen ist der mit den lustig bunten Krikel-Krakel-Männchen, Sonnen, Monden und Sternchen, ich komme noch auf ihn zurück, in Palma befindet sich nämlich ein Museum seines Namens, das wir immer noch vor uns haben. Bacon? Erinnert im ersten Moment des Nachdenkens irgendwie an Spiegeleier mit Speck. Ist aber nicht: Bacon fügt brutal Strich an Strich, und wer einmal sein schrecklich schönes Gemälde „Papst Innozenz“ gesehen hat, dem wird es bei Nennung seines Namens eiskalt den Rücken hinabzittern, denn dieses Bild entlarvt gnadenlos den (die?) gemeinten Würdenträger der katholischen Kirche in aller selbstgefälligen und eitlen Grausamkeit. Und Picasso - irgendetwas von ihm kennt jeder. Sei es auch nur „Guernica“, das Kolossalgemälde, von dem bereits die Rede war.

Hier jedoch breiten sich an den weißgekalkten Wänden eher unspektakuläre Werke der großen Meister, Werkchen, die zum schmalen Geldbeutel eines Gebirgsstädtchens namens Valdemossa passen. Der Kunstliebhaber wird auch diese, Mosaiksteinchen im Gesamtbild, nicht verachten.

Erwähnt sei noch der sich dem Kloster vermeintlich anschließende, einst jedoch dessen Ursprung bildende Palacio del Rey Sancho. Dieser Palast des Königs Sancho wurde im frühen 14. Jh. als Jagdhäuschen für den asthmatischen Herrscher erbaut, der sich in guter Bergluft Linderung seines Leidens erhoffte. Wir, die Neuzeitlichen, wissen mittlerweile nur zu gut, daß dem Asthma mittels solcher Kunstgriffe kaum gütlich und über längere Zeit hinweg beizukommen ist. Das wird auch der König gespürt haben, und so vermachte er das Jagdschlößchen den Kartäusermönchen, tat hierdurch ein gutes Werk, und begab sich lieber wieder in die Niederungen von Palma, wo er zwar ächzte und hustete, im Gegensatz zum einsamen Vegetieren in den Bergen aber am prunkvollen Hofleben teilhaben konnte - Scheißgesundheit, wird er gekrächzt haben, gottlob wieder daheim. Die Mönche, wie das so ist, betrachteten das Schlößchen wohl nur als vorübergehende Bleibe, zumal sie an Zahl zunahmen und sich gegenseitig auf die Zehen traten. Das kann einem Glauben, egal, in welcher Richtung, kaum förderlich sein. Also begannen sie zu klotzen und bauten sich nebendran eine richtige Eremitage, so, wie es sich gehört: mit drei Meter dicken Mauern und einem Terrassengärtchen vor jeder Zelle. Blick ins weite Tal inklusive. Und so steht La Cartuja noch heute, nur gehört es nicht mehr den Mönchen. Man könnte annehmen, daß 1835, als die Mönche vertrieben wurden, es eine Bankiersfamilie in Besitz nahm, die es heute noch betreibt und die Zellen an Besserverdienende vermietet. Aber das ist, wie gesagt, nur eine Annahme. Unsereinem gewährt man ungern Einblicke in die Grundbücher Mallorcas, es sei denn, man stellt sich als potentiellen und gut betuchten Käufer vor.

Wie auch immer: in diesem Palacio steht allerhand alter Schurrmurr herum. Unter anderem die schon von Chopins Klause her bekannten Öfchen, an denen sich auch hier die Aufsicht die Hände wärmt. Der Rest - na ja, wer einen Königspalast gesehen hat, kennt sie alle, sagt man. Da ist was dran. Alles Dinge zwar, die man selber gern hätte, so, wie sie dort gezeigt werden - muß aber nicht. Man braucht auch den nötigen Platz dafür, und der findet sich eigentlich nur noch in zugigen Schlössern wie diesem - was das allein an Heizung kostet! Auf weltliches Maß herabgezerrt, empfinden wir dort nur ganz ordinären Hunger. Und so scheint mit einem Mal die Suche nach einer urig gemütlichen Kneipe viel wichtiger als der weitere Rundgang in diesem Asthma­schlößchen mit seinen messingenen Spucknäpfen, das sowieso gleich schließt.

Frito Mallorquin, Pescados und item: kulinarisch einsam gähnender Stumpf­sinn, mag mancher jetzt einwenden, immer das gleiche, semper idem - doch welcher Chinatourist wird schon gerne in einen Hund beißen, nur weil es die Chinesen auch tun? Wir fanden unsere Kneipe, abseits des Touristenstroms und sogar halbwegs von Deutschen verschont. Wenn man von den beiden immergrün schwäbelnden Damen aus Pollença absah, eigentlich heimisch in Neckargemünd, die uns anzusprechen suchten: „No comprende“ hielt sie von weiterem Bemühen ab, und so verspeisten wir in Ruhe und voller Genuß ... (siehe oben).

ValdemossaNebenbei: die einzige Inselheilige, Santa Catalina Tomás, ist in Valdemossa geboren. Sie wird auf ganz Mallorca verehrt, hier jedoch besonders: in kaum einer Hauswand Valdemossas fehlt die farbige Kachel mit einer Szene aus ihrem Heiligenleben neben der Tür, auf der man um ihren Beistand bittet. Dabei war Catalina eher eine jener sanften Heiligen, die mehr durch Ergeben­heit und Güte als durch spektakuläre Wunder beeindruckten. Gut, Nachbarschaft und der stille Wunsch, sein Haus nicht ohne jene Kachel zu präsentieren, wo doch alle eine haben, mag einer der Antriebe zu dessen Verschönerung gewesen sein. Aber war Catalina nicht wirklich jene sanfte Heilige, die bei Bedarf zuverlässig half? Ein anderer Antrieb zum Einmauern der Kacheln dürfte also unter dem Aspekt einer Art Versicherung zu suchen sein: Schau her, wir haben dein Bildnis in die Wand gefügt! Bitte, heilige Catalina, laß darum nie zu, daß man uns Böses tut! Diese, letzteren, bewohnen wohl die meisten der kachelverzierten Häuser Valdemossas. Man hat den Eindruck: ein frommes Städtchen - bis auf die Cafés und Restaurants in der winzigen Fußgängerzone: die nehmen wirklich höllische Preise! Aber: ist das nicht überall so, wo man jemandes Hunger auf plattem Land, sprich, an schönem Ort, habhaft wird? Ein Narr, der solch griffigen Umstand nicht zu seinem Besten auszunützen wüßte.

Bei unserer Rückkehr erglüht Pünktchen nicht nur außen, sondern auch innen rot. Leider vergönnte uns die Parkplatzsuche keinen schattenspendenden Baum, so daß es die ganze Zeit in praller Sonne stand. Bei der Abfahrt simmern wir in bullernder Hitze. Also, Fenster auf: Durchzug muß alles an statischer Schwüle hinwegwehen, und sollte das nichts helfen, denken wir uns eben in Chopins Eishöhle. Ein Radio besitzt klein Pünktchen nicht, so daß wir nicht bedauern müssen, der gesamte spanische Rundfunk sei - zumindest jetzt, in der Schwüle dieses halben Nachmittags am Ende von Valdemossa - unfähig zu einer klassischen Äußerung. Wie zum Beispiel dem Regentropfen-Prélude. Der, in Natura tröpfelnd, wird erst übermorgen über uns hereinbrechen, ohne alles Tastengeklimper, sagt am Abend der Wetterbericht im Fernsehen.

Nun gut, man findet sich, und übermorgen ist weit. Heute hilft uns Brutzelnden der versprochene Regen allerdings kaum. Selbst Pünktchen schwitzt, als wir es aus der Parklücke heraussetzen. Und der ist Italiener, dem Hitze eigentlich nicht unbekannt sein sollte - mürrisch rappelt er sich aus träge auf staubigem Sandplatz abgehaltener Siesta auf, die in seiner Sprache auch pisolino, Nickerchen also, Schlummer oder Schläfchen bedeutet, scharrt kurz mit sämtlichen Hufen der unter seiner Haube versammelten fünfzig Pferdchen und gibt ihnen dann einen Tritt in den Allerwertesten: na also, endlich kühlt uns Fahrtwind. Wohin?

La Granja, zu erreichen über die Küstenstraße in Richtung Esporles, ist unser nächstes Ziel. Die Fahrt geht über verschlungene Serpentinen, links begrenzt von Pinienwald, rechts nur durch zerbrechlich wirkende Leitplanken am schroff abfallenden Fels oberhalb des Meeres. Als uns die beiden Motorrad­fahrer endlich überholen, die uns über mehrere Steilkurven hinweg belau­er­ten, atme ich auf: schon, wenn man die Mittellinie für sich allein hat, ist die Strecke kein Schlecken an Zuckerwatte, und zwei stählerne Fäuste im Nacken machen sie kaum angenehmer. Da sollte man die Augen tunlichst überall haben, nur nicht dort, wo sie eigentlich hingehörten: als die beiden vorbei sind, genieße ich endlich die immer wieder vorbeihuschenden grandiosen Ausblicke aufs Meer.

In La Granja stellt man sein Pünktchen ab auf einem Parkplatz, der keine Gebühr kostet. Überhaupt:  auf der ganzen Insel, soweit wir gekommen sind, kostete kein Parkplatz Geld - außer, natürlich, in Palma. Gibt dieser Service uns leidgeprüften Deutschen nicht zu denken, die wir, noch nicht mal auf gleicher Höhe mit der Wartburg oberhalb Eisenachs, bereits fünf Mark quitt sind, nur, um unser Heiligsblechle loszuwerden? Irgendwo muß da ein Unterschied sein - zwischen den Nachfahren mitteldeutscher Raubritter und einfältiger Edler, wie dem Ritter Don Quijote de la Mancha. Mag auch die teutsche Rüstung besser geschmiert sein: sie verhilft kaum zu besserer Laune.

La Granja: kurz gefaßt, würde man es für unsere Begriffe als sehr großes Landgut bezeichnen. Und weit gefaßt?

Da müßte man entsprechend weiter ausholen.

Zuerst einmal: Sa Granja - der Bauernhof - wie er in der Inselsprache heißt, ist ein altbäuerlicher Herrensitz, ursprünglich als maurischer Palast im 10. Jh. erbaut, später jedoch mehrfach erweitert. So beherbergte er eine Zeitlang ein Zisterzienser­kloster, bevor er samt zugehöriger Ländereien in Privatbesitz überging. Es dürfte mehr als müßig sein, sich über die derzeitigen Hausherren den Kopf zu zerbrechen, vermutlich ist es wieder eine Bankiersfamilie. Die wissen am besten mit Werten umzugehen und besitzen die notwendigen Mittel zu deren Konservierung. Wenn gerafftes Geld solcherart angelegt und der Gegenwert zudem noch allgemein zugänglich ist - freilich gegen Obolus -, dann mag man kaum weiter in den womöglich trüben Quellen forschen. Denn wer, außer dem chronisch beutelschwachen Staat, brächte sonst die Millionen auf zur Unterhaltung solcher Anwesen - sie wären wohl längst ruiniert, verrottet und zerfallen. Und wir um eine bedeutsame Geschichtsstunde über unser aller Herkunft ärmer. Hier, in Sa Granja, wird nämlich augenfällig vorgeführt, wie Oben und Unten vor noch gar nicht so langer Zeit miteinander - und, das darf nicht unerwähnt bleiben: auch füreinander - hantierten. Wobei das Fürein­ander, von kurzlebig sozialistischen Experimenten einmal abge­sehen, zu allen Zeiten nur eine Triebkraft kannte: Stillen des immerwütenden Hungers. Erst darüber hinaus, wenn sich ein Überschuß ergab, wurde Erwerb in Prunk und Luxus umgesetzt, die gute Seite, die jeden, der wollte, profitieren ließ. Die andere Seite war der Geiz, schändlich, da er Teilhaber ausschloß. Solche Jonglage mit den eigenen Möglichkeiten gelang nicht allen Zeitgenossen gleich gut. Weshalb einigen darunter von Zeit zu Zeit gewisse Experimente notwendig erschienen, die aber gleichfalls nicht immer gelangen - schon, weil sie meist von der Seite initiiert wurden, der bereits vorher nichts gelang.

Die Konsequenz aus dem eben zu Papier gebrachten muß jeden erschrecken, der ähnliche Gedanken hegt - von Geburt an gleiche Entwicklungs­möglich­keiten für alle Kinder dieser Erde kann es nur geben, wenn sie ihrer herge­brachten Entwicklungsumgebung entzogen werden: Müttern und Vätern, ob arm, ob reich oder der gelbblauen Mittelschicht der „Besserverdienenden“ zuzurechnen: allen müßte das Sorgerecht entzogen werden.

Warum? Wegen der unterschiedlichen Umgebung, die allein ein Kind schon formt: Arbeiterkind schlägt wieder die Proletenlaufbahn ein, Krösuskind taucht irgendwann in der Regenbogenpresse auf. Obwohl es auch Ausnahmen gibt, die man jedoch kaum - wie es gewisse Experimente vorsehen - verallgemeinern kann. Alle Kinder müßten also in eine Art Stall der unbefleckten Empfängnis.

Und dort? Wer soll sie dort leiten? Es müßten hehre Geister sein, allein dem Gelingen des Experiments zum Wohle der Menschheit zugewandt, selbst bereits unbefleckt geboren und aufgezogen - nun, man wird leicht feststellen, daß es genau daran hapert, nämlich: Jede Revolution hat einen Zeitpunkt ihres Beginns, und da kann sie nur auf vorhandenes Material zurückgreifen. Macht also genauso weiter, wie alles um sie herum. Zwar mit anderem Ziel, doch den gleichen Ursprüngen, einschließlich aller Vorlieben und Abneigungen. Muß sie da nicht scheitern? Die Geschichte jedenfalls hat bisher immer den Kampf ums tägliche Brot als einzig mögliche Daseinsform belegt. Mag sein, weil es an Vorbildern fehlte - mag auch sein, weil erst in jüngster Zeit der Mensch durch die allmächtige Natur, die er zerstört, wo er nur kann, sich aus einer Richtung bedroht sieht, gegen die er keine Waffen kennt. Vielleicht sieht er eines Tages nur noch Hilfe im Zusammenschluß aller, Schulterschluß der ganzen Welt nebst aller kolonisierten Planeten, die er dann wohl erobert hat - meine persönliche Ansicht ist, daß es dann für die Bewohner dieses Pünktchens im All, das unsere Erde darstellt, wohl zu spät ist, noch etwas zu ändern.

Aber Gott bewahre: das sind wirklich nur meine ureigensten, sich beileibe niemandem aufdrängen wollenden Ansichten, jeder soll für sich zu dem Schluß kommen, der ihm persönlich am genehmsten ist - ich wollte es nur mal geäußert haben. Besser jetzt als nie ...

So in etwa läßt sich ausdrücken, was mir vorschwebte, als ich über Sa Granja reflektierend unvorsichtig von einer bedeutsamen Geschichtsstunde über unser aller Herkunft sprach: Geschichte, hier ist sie ertastbar und im wörtlichen Sinn zu er- und begreifen.

Oft in traditioneller Tracht, zeigt das Personal, wie man früher Wolle spann, Tressen, Kerzen und Käse herstellte oder Brot buk. In der Apotheke wird altmodisch nach Väter Sitte, überlieferter Auswahl folgend, aus hunderten von Pflanzen, die in den weiten Gärten von Sa Granja wachsen, Medizin im Mörser gestampft. Wenn sie nicht hilft, so schadet sie wenigstens nicht. Der Clou jedoch ist die Parfümerie: hier stehen Fläschchen mit Rosenöl bereit, mit Zitrusessenz, Mandelöl, Melissengeist, mit Jasminduft und dem herben Geruch von Orangenblüten: an Holzstäbchen, aus dem Flakon gezogen, erschnuppert man den jeweiligen Duft. Bereits die Form der Fläschchen, mal bauchig, mal schlank gezogen, erotisiert.

Doch auch die Herrschaft war nicht ohne Beschäftigung. Im dunkelgetäfelten Speisezimmer entdecke ich ein Möbel, wie ich es nie zuvor sah: ein ganz normaler Eßtisch (in dieser Umgebung), das heißt, eine Speisetafel, gehobelt, geschnitzt und gedrechselt aus flammendem Olivenholz, eingedeckt mit bestickten Servietten, rubinrot funkelnden Gläsern und silbernem Besteck, an beiden Breitseiten aufgereiht sechs Sitzgelegenheiten mit hohem Rücken. Nicht jedoch an dessen Stirnseiten. Dort nämlich - und das ist das Niegeschaute - kann man auf der einen Seite einen kompletten Billardtisch mitsamt Kugeln, Queues und Kreide unter der aufgedeckten Tafel hervorzaubern, auf der anderen Seite ein Tableau aus gehämmertem Messing mit mehreren Vertiefungen, winzigen Schüsselchen, daneben im Spielkartenformat zieselierte Felder, es sind Kartenablagen. Dieses Mehrzweckmöbel erinnert in seiner schlauen Durchdachtheit an das sagenhafte Wohnklo mit Kochnische Ende der Sechziger. Unter dem Speisezimmer, einen Stock tiefer in rohen Fels gehauen dann das, was Billard- und Kartenspiel erst zum Genuß macht:

Eine Weinkelter, dunkel vollgesogenes Eichenholz in ebenso dunklem Keller, es gluckst, irgendwo rinnen Ströme frischgepreßter Trauben aus einem verborgenen Lautsprecher, nachgestellt; in den Bottichen trieselt roter Saft, von unsichtbaren Pumpen in Bewegung gehalten. Man bräuchte nur noch an dem von vielen Fäusten blankpolierten Querholz drehen, sich vorzustellen, die Kelter enthalte wirklich frische Trauben der hier an den Hängen des Mola de Pianici gedeihenden Rotweingewächse, um sich als echter Winzer zu fühlen. Selbst, wenn man aus dem Ruhrpott kommt.

Relikt oder Nachlaß aus der Zeit der Inquisition ist die Folterkammer nebst angeschlossenem Gefängnis: dort geht es nicht sehr schön her. Gerippe hängen vor kahlen Wänden des Felsenkellers, ab und zu gellen Schreie vom Tonband, in den Nischen warten Streckbänke und flammende Schmiedeessen auf Touristen, die im Hof zuviel vom gratis angebotenen Wein gekostet haben. Gruselkammer? Nein, wenn man weiß, was damals im Zeichen des kirchlichen Rechts möglich war. Also nur eine Reminiszenz an vergangene Zeiten? Ich glaube, die Folter sieht heute anders aus. Am Beispiel Israels: Auge um Auge, Zahn um Zahn - Fanatiker beschränken sich längst nicht mehr allein auf die genannten Ersatzteile, entdecken den Körper, wo er am verwundbarsten ist, und hatten, dies aus ihrer Sicht, bereits mehrere schöne Erfolge. Der Vatikan aber schweigt. Muß er? Soll er? Will er? Kann er nicht anders? Das sollte man ihm zugutehalten: aufgerufen zum Mord hat er in jüngster Zeit nicht. Aber auch niemanden von seinem Mord(s)geschäft abgehalten. Hauptanliegen bildet immer noch die unbehinderte Empfängnis­bereitschaft der Frauen in aller Welt. Und das von einem, der zölibatär leben soll, also ehelos, und anscheinend alles auschwitzt (Pardon, hier fehlt ein „s“, und überdies gilt dies einem seiner Vorgänger, der Nuntius im tausendjährigen Berlin war und gegen nichts protestierte; natürlich muß es „aus-schwitzt“ und nicht „ausch-witzt“ heißen). Der dafür aber, immer noch ist die Rede vom Heiligen Vater, aussteigend aus seinem Privatflugzeug, auf roten Läufern in die Knie sinkend die Böden der ganzen Welt küßt. Ja, dann mal Prost auf das ungeborene Leben, das mit päpstlichem Segen in die Katastrophe ziehen soll.

Ich weiß nicht, warum mich hier so unheilige Gedanken überkommen. Vielleicht, weil dieses ganze schreckliche Eisengerümpel und Folterwerkzeug aus der Zeit der Inquisition, wenngleich verrostet, an diesem Ort so gut gepflegt und erhalten scheint. Stell dir vor: einer zeigt mit dem Finger auf dich, kreischt: „Hexer!“ - und schon könntest du drin gewesen sein, in der Eisernen Jungfrau, die sie gar nicht in deiner Konfektionsgröße haben. Die eigentlich niemandem gepaßt hat. Oder du findest dich, pingelig verknotet und verflochten, auf der Streckbank wieder - auch kein sehr angenehmer Gedanke.

Eben das meine ich mit Geschichtsstunde, wenn ich von La Granja spreche. Es gibt hier verschwiegene Eckchen, wo man sich niedersetzen, seinen Gedan­ken nachhängen und dabei Enten mit Brot aus der Backstube füttern kann. Weiter oben, im Wald, wo die Forstarbeiter Holz sägen, sogar Rehe. Natürlich nicht, wenn unter dem Hüttendach am Teich Rambazamba angesagt ist: Mittwochs findet hier immer der grelle Folkloreabend mit Fußgestampfe und Kastag­net­tengerassel statt. Aber am Dienstag, zum Beispiel - Dienstag finde ich einen guten Tag, über so manches nachzudenken. Gerade hier. Ich denke, jeder Mallorcatourist sollte hier gewesen sein. Und nicht nur das: er sollte sich auch wachen Auges umgesehen haben. Es gibt nicht mehr viel Plätze, wo man soviel so rasch lernen kann. Und heute ist Dienstag.

Genug des Lamentierens. Im Hof sechs bauchige Demijohns voll hiesigen Weins, allesamt Roter, aus denen der Besucher sich ungeniert Proben zapfen darf. Ein siebter, Orangensaft enthaltend, ist für Kinder gedacht - oder Autofahrer, item, wie wir. Alles kostenfrei und im Obolus enthalten. Natürlich nicht ohne Hintergedanken: wenn die Saufkundschaft kommt, im Bus bereits mit durch die Sitzreihen gereichten Sangriakaraffen angeheizt, wechselt so manches Fläschchen den Besitzer. Wieder zu Hause, stellt man meist fest: im Urlaub schmeckte er irgendwie besser. Klar, es fehlt die Umgebung.

Über Esporles fahren wir nach Hause. Was wir für eine gewisse Zeit so nennen, weil dort Betten auf uns warten. Esporles: ein Reihendorf entlang eines Bachlaufes, der Ort und Straße trennt. Es soll dort eine schmucke Pfarrkirche geben, die Parroquia San Pedro, sehenswert darin eine Rosenkranzmadonna und ein Bildnis der erwähnten Inselheiligen Catalina Tomás, wir hatten uns schon in Valdemossa mit ihr befaßt. Wenn man die Einfahrt verfehlt, trennt der Bach fortan den Touristen vom Städtchen, und so, wie wir uns langsam auskennen, ist die Kirche sowieso geschlossen. Warum also anhalten und eventuell umkehren? Ein Bachlauf, dahinter ein Städtchen: gut, wir haben es gesehen. Es war auch keine Möglichkeit, einzuschwenken, denn der erste Übergang blieb der einzige, die Straße verliert sich in Richtung Palma, und der Ort kommt aus den Augen, so wie sich der Bach im Schilf verliert. Also weiter. Our home is our castle, und das ist in Cala d’Or, wohin es noch eine gute Stunde zu fahren ist. Für Radfahrer, die wir im Pulk überholen, noch länger, vielleicht entschädigt sie ja die schrägstehende Abendsonne, die alles vergoldet. Irgendwann aber nicht mehr genug an Goldspitzen flimmern läßt, um den Radfahrern heimzu­leuch­ten. Abends treffen wir sie in der Hotelbar dennoch allesamt wieder. Diesmal ohne Eddy Merckx, der ist abgereist. Aber saufen können die Jungs und Mädels auch allein. Trocken geschwitzte Poren füllt man nämlich tunlichst auf, bevor ein im anderen Fall leicht eintretender Kollaps größeren Schaden bewirkt. Auch der Ausgleich des Verlustes an Mineralien sollte nicht vergessen werden; was aber leicht zwei, drei Gläschen Tequila wieder ins Lot bringen, die trinkt man ohnehin mit einer Prise Salz. Hypochonder unter den Radfahrern erkennt man am roten Kopf, da sie mindestens schon zehn Prisen Salz in sich haben. Selbstverständlich mit Tequila.

 

 10    Strichmännchen

Heute wollen wir ins Miró-Museum. Miró ist zwar nicht so sehr mein Fall, Magritte läge mir weit mehr, doch eine Magritte-Ausstellung, geschweige denn ein Museum, das allein ihm gewidmet wäre, gibt es in Palma nicht. Wohl aber ein Miró-Museum, eine Stiftung, mit der er, der seine letzten Lebensjahre auf Mallorca verbrachte, - so denke ich - sich ein Denkmal setzen wollte. Man fährt - aus Richtung Llucmajor kommend - soweit auf der PM1 in die Stadt hinein und hindurch, bis linkerhand Hafen und Fischmarkt in den glitzernden Wellen der Badia de Palma an den Autofenstern vorbeigleiten. Dann sollte man sich rechts einordnen und aufpassen, denn das Schild, rechts ab nach Genova, kommt nur einmal, kurz vor Cala Mayor. Von da ab ist die Fundaciò Pilar i Joan Miró ausgeschildert. Verfahren kann man sich nur noch auf dem sandigen Bolzplatz davor, der als stiftungseigener Parkplatz ausgewiesen ist. Auch hier kostet das Pünktchenplätzchen - wenn denn noch eins frei ist - keine Gebühr. Selbst der Eintritt, summa summarum achtzehn Mark für zwei Erwachsene scheint erstaunlich zivil.

Die Anlage ist weitläufig. Ein niedriges Gebäude, wie mit Vogelschwingen geschweift bedeckte Dächer - hier befand sich Miròs Atelier. Man sieht begonnene Statuetten, quadratmetergroße Leinwände, bedeckt mit Entwürfen zu den bekannt farbigen Kinderkritzeleien, in Kohlestrichen angedeutet, dort einen Batzen Ton, ungeformt auf einem Stuhlsitz vergessen, hier auf einem Tisch Aquarelle, Skizzen, die mittlerweile mehr kosten, als die danach nie mehr ausgeführten Gemälde. Deshalb werden sie auch von einem martialisch aussehenden Herrn erheblicher Körpergröße in schwarzer Uniform und mit sichtbar im Hüftholfter hängender Knarre bewacht. Pistole im Museum - das erinnert an die ehemalige DDR, Berlin, Bahnhof Friedrichstraße, wo die Genossen Volkspolizisten mit Hunden und durchgeladener MPi auf Stegen im altertümlichen Rahmenwerk der Bahnhofsglaskuppel Streife zu gehen pflegten. Mir hat es damals die Luft abgeschnürt. Ich werde mich heute also ausnahms­weise bezähmen, und keines der Aquarelle vom Tisch klauen.

Weiter ein Betonbau in Form eines Schiffsbugs, umgeben von klarem Wasser über Kieselsteinen: dort sollen sich die über fünftausend Exponate befinden, weltberühmte Kunstwerke Mirós, darunter viele Landschaftsbilder. Ich sage es gleich vorab: Der Schiffs­bug wurde umgebaut. In der oberen Etage schlängelten sich Kabel sowie rote und blaue Schläuche zu irgendwelchen Schweißgeräten auf dem gipsbemehl­ten Fußboden, rotweiße Plastikketten versperrten den Durchgang zu etwaigen Landschaftsbildern, die sicher alle längst abgehängt waren. Eine Etage tiefer war ein Teil Mirós späterer Phase noch ausgestellt - meine Mutter hat über die Zeiten hinweg eine Menge frühkindlicher Langeweiletaten von mir gerettet, die müssen alle noch auf dem Dachboden liegen, eingesargt in Pappkartons. Bin ich überheblich, wenn ich prahle: Auf meinem Speicher liegen hunderte Mirós - nur nicht mit seiner Signatur?

Gerade auf die Landschaftsbilder hätten wir uns gespitzt. Gut, war nichts. Dafür wenigstens oben in dem kleinen Pinienhain das Haus, in dem er in seiner letzten Zeit wohnte. Hier wird es wirklich privat. Sein Plumpsklo, mit gedrechseltem Deckel versehen und auf fast schon wieder hübsch zu nennende Art herkömmlich geblümt bis in Hüfthöhe gekachelt, mit keinem Pinselstrich vom Meister verändert - kann es sein, daß er hier wirklich nur zum scheißen heraufkam? Wo doch alle anderen Räume zumindest Farbspuren auf den Böden, wenn nicht sogar Kohleskizzen an den Wänden aufweisen? Die Sicht über die smaragdgrüne Bucht der Cala Mayor von hier oben ist jedenfalls wunderschön. Allerdings muß man dazu das winzige Fenster öffnen und weit den Kopf hinaus stecken. Wieder unten, entdecke ich draußen einen Pinienstamm, der irgendwo in halber Höhe aufgeschlitzt sein muß: seine Borke hinab rinnt blasiges Harz, milchig erstarrter Zuckerguß, man glaubt nicht, wie ein Baum bluten kann. Zehn Schritte darunter eine Messingplastik Mirós. Beides - glaube ich - kann man kaum miteinander vergleichen. Wenn Mirós Bilder, Grafiken und Plastiken Kunst sind - was ist dann dieser Baum, der Harz weint und in erstarrte Formen gießt? Zur Sicherheit fotografiere ich ihn, damit man, sollte die Rede darauf kommen, auch weiß, worüber man spricht. Er wird nicht sehr interessant sein, der Baum, Miró ist allemal bekannter, und wer spricht schon über eine lumpige Pinie; wenn sie zu sehr harzt, hackt man sie ab. Dann ist sie nämlich krank.

Soll ich ehrlich sein? Die kranke Pinie da oben in Mirós Nest hat mir noch am besten von allem gefallen. Mag sein, es lag an den ausgefallenen Landschafts­bildern. Mit Mirós bunt gekrickelten Planetenwüsten kann ich mich nicht sehr befreunden. Und eine schlechtere Thüringische Bratwurst als in der angeschlos­senen Cafeteria haben wir auch noch nicht gegessen, obwohl ein Kreideschrieb auf der Reklametafel sie besonders hervorhob: echt Thüringer Bratwurst!

Sie war - in der Mikrowelle heißgemacht - ein ungebratener Schlauch, der nie echte Glut gesehen hatte. Wohl voll echten und gutgewürzten Thüringer Metts, doch eingelegt zwischen zwei pappig weiche Hälften eines Bocadillo, auf den sogar MacDonalds nicht mehr stolz wäre. Sagen wir mal so: Eine ungebratene Bratwurst hat etwas zimperlich Jungfräuliches, Weichliches. Und ein im Umbau befindliches Miró-Museum auch. Dabei haben Bratwürste gebraten zu sein und Museen Bilder zu zeigen - von beiden waren wir maßlos enttäuscht. Ja, so muß man das wohl sagen. Darüber half auch der kostenlose Parkplatz nicht hinweg, als sich unser Pünktchen, von der Sonne aufgeheizt wie immer, aus dem Sand des Platzes wühlte: jetzt überkam uns so richtig Appetit auf Meer!

Mehr Meer als dort, von wo man den Weg der großen Autofähren nach Marseille und Valencia sehnsüchtigen Blicks verfolgen kann, ist im Mittelmeer­raum kaum erhältlich: vom Felsvorsprung des Cap de Cala Figuera aus, der sich südlich von Portals Vells aus Buschgruppen und Pinienhainen hervor in azurene Unendlichkeit fingert.

Natürlich wird das Gelände militärisch genutzt. Natürlich ist dessen Betreten streng verboten. Und natürlich läßt sich der rot-weiß blätternde Schlagbaum so einfach überklettern, daß man sich fragt, wogegen er überhaupt errichtet wurde. Neben dem Schlagbaum ein langsam verfallendes Gemäuer, das ehemals wohl Tor­wache war: unterhalb faulender Rahmen in den Fensteröffnungen knirscht auf gekacheltem Steinboden Glas unter den Schritten; aus den Wänden gerissene Kabel mögen einst Funzellicht in emailliert blechbeschirmte Lampen, andere Strippen wichtige Depeschen ans Hauptquartier übertragen haben. Augenschein­lich liegt das alles weit zurück. Im langgestreckten, verlassenen Kasernenbau, fünfzig Schritte unterhalb der ehemaligen Wache auf ein schmales Plateau geklebt, das gleiche Bild: zerbrochenes Glas, an den Wänden Schmierereien, hastig im Aufbruch hingepinselt: Ramirez, el culo - Ramirez, das Arschloch. Vielleicht ein damaliger Unteroffizier, der den Gemeinen Schliff beizubringen hatte, letztendlich aber doch an dieser Aufgabe scheiterte - hätten sie es ihm sonst mit schwarzer Stiefelwichse an die gekalkte Wand hingerieben, als die Kämpfe für das derbe Fingerglied, die Falange Española de las JONS, zu Ende waren, und sie endlich heim durften?

Palma - Miros KloEtwas weiter unterhalb dieses Plateaus ragt ein Sendemast, womöglich noch in Betrieb, denn blätternder Rost, wie sonst überall auf dem Gelände, ist an ihm nicht zu entdecken. Und auch das ziegelrote Gebäude daneben scheint intakt. Dort hocken sie also, trinken vermutlich aus langer Weile Becher um Becher im Percolator über Stunden warmgehaltenen und deshalb schlechten Kaffees und scheren sich einen Dreck um ihren Schlagbaum, der so leicht zu überklettern ist. Er soll nur die lästigen Autos abhalten, die Touristen wimmeln doch in Scharen über die Insel, laß sie, solange sie hier nicht mit dem Auto reinkommen, nehmen sie einem nicht die wenigen Parkplätze neben dem Sender weg. Ansonsten sollen sie doch tun, was sie lustig sind.

Von Höhe der ehemaligen Soldatenunterkunft genieße ich einen grandiosen Blick weit übers Meer und weiß gar nicht, warum sie Arschloch an die Wand geschrieben haben; diese Sicht, jeden Morgen nach Wecken und Heraus­treten erneut vor Augen, müßte sie doch eigentlich mit allem und jedem versöhnt haben!

Vielleicht nimmt - grüble ich -, wer auf dieser Insel beheimatet ist, gar nicht mehr wahr, wie großartig sie sich in ihren verschwiegensten Ecken und Klüften darstellt. Ja, vielleicht ist es das. Eine gewisse, altbekannte Art Heimatblindheit, die staunend vermerkt, daß von weither angereiste Verwandte oder Bekannte Dinge entdecken, auf die man selbst bislang nie gestoßen ist. Und die man dann schleunigst ergründet, natürlich still für sich, die Heimat ist nun mal eine engumkastelte Schachtel - allemal wär’s besser, sich darin auszukennen, bevor der Nachbar die Wissenslücke spitzkriegt und für seine Zwecke nutzt. Das ist überall auf der Welt so.

Auf einem ehemaligen Flakbunker hockend, starre ich über die weite Wasserfläche. Ich ertappe mich beim Dösen. Die Augen auf: keine Fähre pflügt das spätabendlich gurgelnd und schmatzend unter mir funkelnde Meer, weder die nach Valencia noch eine nach Marseille. Aber es hätte doch sein können, denke ich, mich träge erhebend und mir den Hosenhintern abklopfend. Ich muß zurück. Am Schlagbaum wartet meine zweitbeste Ehefrau. Sie hat sich, obwohl ich im Davonstreichen über verbotenes Militärgelände nicht sogleich durch die von ihr erwarteten Granaten, Schrapnells und böse ausgelegten Teller­minen zerrissen wurde, dennoch nicht hinüber getraut. Von hier oben schaut es sich ebenso gut übers Meer.

Unser Pünktchen steht irgendwo auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht, geparkt am Rande eines grobriegeligem Schotterbetts, das als Fahrstraße in der Karte eingezeichnet ist. Von dort nach hier sind wir gewandert, als wir bergauf mehr und mehr befürchten mußten, es zerlege unseren Punto gleich in all seine Einzelteile.

Nun wandern wir zurück, rollen den Hinweg wie einen roten Läufer vom Ende her auf. Nach und nach Bekanntes am Weg: dort die krumme Kiefer mit dem verlassenen Nest in der Astgabelung, hier die rostrote Motorhaube eines Renault, aufgestellt als Sperre vor einem schmalen Privatweg: prohibido el paso. Gleich muß linkerhand das sandige Dünenstück kommen, darauf violett in sachtem Wind tanzende Lichtnelken, dann ist es nicht mehr weit.

Stimmt. Pünktchen wartet brav an der verabredeten Stelle, innen bullert die Hitze.

Palma? Also gut, zurück nach Palma. Was gibt es hier sonst schon noch zu sehen: außer Radfahrern kommen uns sogar Golfer mit ausgesuchten Schlägern in langen Taschenröhren über der Schulter die löcherige Fahrbahn hinauf entgegen, die wir uns hinabtasten. Caddy spielen sie selbst, Golf muß hier in der Gegend Volkssport sein. Hier, das heißt: zwischen Portals Vells und Magaluf. Wir rollen an einem Ententeich vorbei, in dessen Trübung ein Golfer, bis zu den Knien im brackigen Wasser, mit dem C-Eisen nach seinem Ball zu fischen beginnt. Quakend flüchtet die Enten­schar ans zertretene Ufer und unter eine Weide, wo sie eine Weile aufgeregt den gesuchten Ball mit den Schnäbeln hin- und herstößt, bis alles, bequem geplustert niedergelassen, mit blanken Augen neugierig den im seichten Wasser watenden und nach seinem Ball stochernden Golfer beargwöhnt.

Eine der Enten ruckelt sich eben die weiße Kugel unter den Sterz und versucht sie zu bebrüten. Der Golfer wird ohne sie heimziehen müssen, selbst unter Brüdern ist ein guter Ball kaum unter tausend Peseten zu haben - ¡mierda!

Bei La Porassa wird die Straße besser, wir könnten schneller fahren - immer noch schweifen unsere Augen mehr seitwärts ab, als daß sie nach vorn auf die Straße gerichtet wären; so, wie wir zuckeln, ist das auch kaum nötig. Eine große, dunkle Limousine, hinter uns herange­stürmt, macht sich lärmend mit der Hupe bemerkbar. Ist wohl besser, sich dem allgemeinen Fahrstil anzupassen und kollektiv die jeweils erlaubte Höchstgeschwin­digkeit um mindestens zwanzig Prozent zu überschreiten - seufzend gebe ich Gas. Natürlich zeigt mir der Mensch in der Limousine auf der Autobahnauffahrt Richtung Palma, als er endlich überholen kann und sich unsere Blicke durch die Seitenscheiben kreuzen, zutreffend einen riesengroßen Vogel. Wie kann ich Schlafmütze denn auch nur einen Augenblick lang von dem Gedanken erfaßt gewesen sein, alles motorisch bewegte auf dieser Insel müsse, gleich uns, in den Ferien sein!

An diesem, in leicht angestaubtes Violett absinkenden Spätnachmittag hat das quirlige Palma uns kaum etwas zu bieten. Nur mäßig interessiert, schlendern wir die Avenida Rey Jaume III hinauf, eine der Geschäftsmagistralen der Stadt. Gegenüber, von der anderen Straßenseite, düdelt Musik eines unsicht­baren Akkordeonspielers herüber. In uns beginnt - bis eben von mikrogril­liertem Thüringer Softbratwurstschlauch betäubt, allmählich jedoch erwachend - der Hunger zu rumoren, und eigentlich wollen wir nach Hause, derzeit das Apparte­ment in Cala d’ Or. Doch dann hält mich mit einem Schlag die Auslage einer Galerie auf: verdammt will ich sein, wenn das da nicht ein echter Dalí ist!

Elektrisiert und von meiner Zweitbesten unbemerkt, versickere ich in den hinteren Räumlichkeiten der Galerie. Ach Herz, das du an solch buntem Tand hängst, der sich Gemälde nennt! Ein mit Bleistift in eine Kladde schreibender Herr in weißen Hemdsärmeln blickt kurz unter der Leselampe über seinem Pult auf, registriert, daß ich weder Regenschirm noch sonstige, den Gemälden abträgliche Waffen sichtbar bei mir trage, und wendet den Kopf wieder seiner Arbeit zu. Im Spiegel, dem dunklen Pult vis-a-vis angebracht, behält er meine Bewegungen im Auge.

Ehrfürchtig lege ich die Hände über den Hinterbacken zusammen. Auch nicht den Anschein eines bilderstürmerischen Gedankens möchte ich in dem hemdsärmelig grauen Hinterkopf, dessen Gesichtszüge ich ebenso im Spiegel beobachten kann, wie er die meinen, erwecken. Nach einer Weile, die ich versunken vor dem Dalí stehend verbracht habe, räuspert er sich, wendet den Kopf mit dem Grauhaar, rutscht auf seinem Stühlchen halb herum, legt den Bleistift aus der Hand; nun sehe ich, mich selbst zu ihm hindrehend, seinen Hinterkopf im Spiegel: „Sie lieben Dalí?“

Er hat mich auf Deutsch angesprochen. Trage ich etwa ein mir unsichtbares Schild auf dem Rücken mit mir herum? „Ja,“ antworte ich, „sehr.“

„Dies dort“, erhebt er sich, kommt auf mich zu und deutet mit behaartem Arm und einem aus breiter Faust gestreckten kurzen, knubbeligen Zeigefinger auf das bewunderte Gemälde, „wird vielleicht ein bißchen teuer für Sie sein, mein Herr.“ Jetzt steht er neben mir. „Eines seiner späten Werke.“

Ein wenig Knoblauch- und Rotweinduft umgibt ihn, dazwischen lärmt ein mir unbekanntes Herrenparfüm, es sägt an den Nasenflügeln. „Ich weiß“, antworte ich. „Da hat er versucht, seine Gala unsterblich zu machen. Seltsam, wie eine einzige Frau einen besessenen Maler so kommerzialisieren kann.“

„Ja, seltsam. Manche Anfänge gleichen Explosionen, und am Schluß kommt - pardon - nur noch ein Fürzchen. Handwerklich war er bis zu seinem Tod ein unerreichter Meister. Aber die Idee -“ Er nimmt mich beim Arm, das Herren­parfüm sägt stärker, der kurze Zeigefinger deutet auf ein anderes Bild: „Sehen Sie hier: eine Impression. Zart getupft, ein noch relativ unbekannter junger Maler, doch bereits ähnliche Meisterschaft andeutend. Noch sind seine Werke erschwinglich, ich darf bescheiden andeuten, daß er eine meiner Entdeckungen ist, und daß ich ihn protegiere. Aber ich prophezeie ihm einen steilen Weg nach oben!“

Das Bild ist hübsch und sauber gemalt. Es zeigt ein duftiges Mädchen das an einem sonnenlichtüberfleckten Seerosenteich kniet, im Hinter­grund ein park­ähn­licher, schwermütig dunkler Garten. Ich stimme dem Grauhaarigen zu: der Maler - Ramirez, entziffere ich im Signet - wird seinen Weg wohl machen. Ich deute auf den Teich: „Und da liegen keine Golfbälle drin?“

„Wie bitte?“

„Ach, nichts. War nur so ein Gedanke. Sehen Sie, wenn in diesem Park Golf gespielt würde - dann könnte es doch sein, daß in dem Teich unter all den Seerosen - war wirklich nur so ein Gedanke, verzeihen Sie. Was sagten Sie, soll das Bild kosten?“

„Ich entsinne mich nicht, mich zum Preis bereits geäußert zu haben, mein Herr. Sehen Sie, der ist doch Verhandlungssache. Ich habe Sie lediglich auf dieses wunderschöne Gemälde von Ramirez hinweisen wollen, im Gegensatz zu dem kostbaren Dalí dort, der sicherlich für Sie -“

„Ich weiß, zwei Nummern zu kostspielig sein dürfte. Ja, Sie haben recht. Eigentlich wollte ich ihn auch nur betrachten. Dieser Namenskrakel am unteren Bildrand ist mir wirklich unerschwinglich. Und doch liebe ich alle seine Bilder. Was sagten Sie, was der Ramirez -“

„Ungefähr im Bereich von Zehntausend.“ Er nahm Abstand von mir. „Aber das ist Verhandlungssache.“

„Doch nicht etwa Pesetas?“

„Selbstredend nicht. D-Mark.“ Nun sah er mich endgültig als Banausen an und glaubte, sich entfernen zu dürfen. Das Bild gefiel mir. Auf halbem Weg versuchte ich ihn aufzuhalten, indem ich ihm ein fragendes „Dreitausend?“ nachwarf. Er antwortete nicht einmal darauf. Blind, von tiefstehender Sonne geblendet, fand ich mich auf dem Trottoir vor der Galerie wieder und hielt Ausschau nach meiner Frau. Die hatte sich zwanzig Meter weiter in die Auslagen eines Schuhgeschäfts verbissen. Ich nahm sie beim Arm, führte sie vor den Dalí und sagte stolz: „Schau mal!“

„Schön“, erwiderte sie. „Wird aber mehr als ‘ne Thüringer kosten. Sprengt wahrscheinlich unser Urlaubsbudget. Hast du etwa tatsächlich erwogen -?“

Nein, da mochte ich ihr von dem Seerosenbild nicht mehr berichten. Beschämt folgte ich ihr vor die Auslagen des Schuhgeschäftes: umgerechnet schlappe zweihundert Mark sollten die Treter kosten, auf die sie in der Zwischen­zeit ihr Auge geworfen hatte - lächerlich, angesichts des Ramirez, womöglich mit jenem identisch, dessen Name an die Kasernenwand in Cap de Cala Figuera geschmiert war. Aber Ramirez ist ein häufiger Name. „Zu teuer“, maulte sie und konnte doch den Blick von dem Paar Schuhe nicht lösen. Und da war mir, als sollte man wirklich einmal ungehemmt für zehntausend Mark Schuhe einkaufen gehen.

Den Rückweg nahmen wir über die andere Straßenseite. Der Zigeunerin, die im Schatten unter den Arkaden verborgen die ganze Zeit so demutsvoll und verwunschen Akkordeon gespielt hatte, warf ich eine Hundertpesetenmünze in den Hundenapf vor ihr, auf dem Koffer ihrer Quetschkommode saß sie selber: bis zur Taille fragil und bunt wie eine zarte Papierblume, darunter breithüftig, schwarz und geburtsstark. Sie nickte mir, den Blasebalg aufjubelnd quetschend, lange nach. Das Licht fiel herab, und es wurde Zeit, etwas in den Magen zu bekommen. Also bestiegen wir wieder unser Pünktchen und reihten uns in den Verkehr ein, der aus der Stadt heraus Richtung Südosten strebte. Bei Campos kamen uns wieder die Radfahrer entgegen. Weiß der Kuckuck, wo die um diese Zeit noch hinwollten.

 

 11    Das Haus der Regentrude

Immer sind wir bislang daran vorbei gefahren: am Santuari de la Consolación. Gar zu unscheinbar, hebt sich die aus Quadern von Inselfels errichtete stille Einsiedelei mit angeschlossener Kapelle kaum von der erdfarbenen Umgebung oberhalb Alqueria Blancas ab. Dabei rankt sich eine so hübsche Legende um diesen heiligen Ort, welche uns - seit erstem Stöbern im Reiseführer - nicht mehr aus dem Kopf wollte. Daß wir ihn erst jetzt aufsuchen, mag darin begründet sein, daß die Auffahrt direkt hinter der ersten Kurve nach Alqueria Blanca liegt, wo man seinem Gefährt - selbst einem Pünktchen - erstmals die Sporen in die Flanke schlagen kann: es geht dort steilkurvig bergab.

Die Legende - nun, sie geht so: Abgeschieden von der Welt im Tal lebte hier oben einst die heilige Scholastika, Schwester des heiligen Benedikt, der jedoch mehr in den Niederungen, das heißt, unter im Tal lebenden Menschen wirkte. Eines Tages nun mühte sich Benedikt in steiler Mittagshitze den Pfad hinauf zu einem Besuch seiner Schwester, lange schon war der Regen ausgeblieben, und die Ebene erstickte im umherziehenden Staub.

„Hola!“ begrüßte er die Schwester, wischte sich die Stirn und schaute zurück ins Tal, wo das ehemalige Grün nur noch dürren Braunton verbreitete. Er wandte sich um, sah der Schwester fest ins Auge und forderte: „Du mußt für uns bitten, Scholastika! Wir ersticken im Staub. Du bist näher dran an Ihm, tagelang habe ich es versucht - ich erreiche Ihn einfach nicht!“ Benedikt trug keine Kopfbedeckung, verlegen drehte er stattdessen den Rosenkranz zwischen den Fingern.

„Dein Tal interessiert mich nicht“, bürstete ihn die heilige Scholastika ab, obwohl Benedikt vor langer Zeit einmal ihr Bruder gewesen und es – genau genommen - immer noch war. „Wozu, glaubst du, hätte ich mich wohl vom Tal hier herauf zurückgezogen? Etwa, um Regen zu machen? Nein, ich will es dir sagen: Um der ganzen ludrigen Mischpoke da unten fern zu sein, die Abend für Abend nur ihre Duros im Beutel zählt, anstatt zum Allmächtigen Vater zu beten, daß er sie beschützen möge - vor allem, was auch komme!“

Scholastika, die Heilige, wandte sich um und war im Begriff, die Kapellentür hinter sich in Schloß und Riegel zu pfeffern. „Ach geliebte Schwester!“ fiel der ebenfalls heilige Benedikt hinter ihr in die Knie, dabei staubte es gewaltig, hob bittend die Hände und flehte sie, die sich ob dieses ungewohnten Anrufs doch noch einmal umdrehte, reichlich erstaunt, denn eigentlich waren sie seit Jahr und Tag zerstritten - flehte sie also an: „Bitte für uns, heilige Scholastika, Schwesterchen, du Auge, Ohr, Mund und Gewissen Gottes - übrigens Felipe hat nach dir gefragt -“

Scholastika wandte sich vom Riegel der Tür ab, ihre Füße drehten sich um hundertachtzig Grad, breitbeinig stand sie erhobenen Hauptes vor dem sich im Staub windenden Benedikt: „Ach ja?“ trompetete sie, „Felipe, sagst du - habe ich recht gehört: Felipe, dieser widerliche Wurm?“

Benedikt blickte hoffnungsvoll auf, steckte entschlossen den Rosenkranz in die Kuttentasche und erhob sich halb, nun kniete er nur noch auf einem Knie, bereit, auch dieses noch vom Erdboden zu lüften: „Genau der“, bekannte er, erhob, als seine Schwester in jähem Erinnern wehmütig auf seinen bloßen Scheitel starrte, auch das zweite Knie vom Boden und streckte mit großer Gebärde vertraulich den Arm in Richtung seiner heiligen Schwester aus - diese entwich ihm mit raschem Schritt. Den Arm sinken lassend, murmelte Benedikt: „Ach Schwesterchen. Felipe hat sich gewandelt. Er betet Tag und Nacht, um ungeschehen zu machen, was er dir damals antat. Oh ja, Felipe hat sich sehr gewandelt!“

Vater Benedikt kratzte sich hinter dem Ohr, es war nicht leicht, den nächsten Satz unvermittelt an die vorangegangenen anzuhängen: „Übrigens gehören ihm, seit sein Onkel verstorben ist, die halbverdorrten Weinberge dort unten,“ Benedikt wies mit wallendem Kuttenärmel zu Tal. „Wenn es nicht bald regnet, ist er ruiniert.“

Und so kam es, daß die heilige Scholastika, einer ehemaligen Jugendliebe gedenkend, inbrünstig in ihrer Kapelle zum Herrn betete, so kam es, daß es zu regnen begann, erst tröpfelnd, dann immer eindringlicher, und so kam es schließlich, daß es drei Wochen lang schier nicht mehr aufhören wollte zu regnen. Den guten Benedikt aber hielt es die ganze Zeit in der Eremitenklause seiner Schwester gefangen, da bei solch sintflutartigen Wolkenbrüchen an den Rückweg ins Tal, zumal den zu Felipe, der ihm eine saftige Belohnung versprochen hatte, nicht zu denken war. Manch Haar stritten sich die beiden Heiligen in dieser Zeit vom Kopf, und Benedikt dankte inbrünstig dem Herrn, als der die Schleusen des Himmels endlich versiegen ließ ...

Die ganze Geschichte muß man nicht so ernst nehmen. Dennoch: seitdem genießt die heilige Scholastika in der Gegend den Ruf einer Regenmacherin.

Natürlich geht die Legende ganz anders. Mit Verlaub: ich habe sie ein wenig ausgesponnen und mich dabei lose an ein Märchen von Storm angelehnt, das da heißt: Die Regentrude. Und nun hat das Pünktchen die Anhöhe zu ihrem Reich erklom­men, und wir stehen vor ihrem Haus: vorm Haus der Regentrude.

Ich will nicht lange drumrumreden: in solch heimeliger Einsiedelei traute selbst ich mir die Beschwörung eines - zumindest dreitägigen - Dauerregens zu. Die Aussicht von hier oben auf das weitgedehnte Meer ist überwältigend. In Stille und Kühle der Kapelle beten zwei schwarzgewandete ältere Frauen aus dem Dorf, die murmelnd irgendeines Toten gedenken. Wie immer, möchte ich vor solchem Glaubensbekenntnis fliehen, kann nicht anders, gehöre nicht dazu. Gebannt bleibe ich dennoch, senke den Kopf in der dunklen Bankreihe über meine nicht der Zeremonie gemäß ausgerichteten, ungefalteten Hände und denke: Du, wenn es dich gibt, irgendwo dort oben oder unten: zerschlag alles, samt und sonders - dein Einfall mit der Menschheit war nicht gut. Aber bitte, verschone diese beiden alten Mütterchen hier. Sie glauben an Dich und Deine Vergebung. Sieh nur, wie sie sich vor Dir neigen, die alten Frauen, unbeholfen und steif im Kreuz - ist das nicht den Gedanken an eine vollständig neu errichtete Welt wert?

Lieber Gott: lieber Buddha, lieber Christus, lieber Krischna, lieber Mohammed, lieber Wasweißichsonstnoch: wäre es nicht ohnehin besser, wenn ihr Götter und Gottessöhne uns allesamt zufrieden ließet, und uns beten ließet zu irgendwas, das wir uns nur selbst als Heil vorstellten, siehe, irgendein Heil will der Mensch nun mal vor sich sehen - denn wenn er schon nicht weiß, woher er kommt, will er zumindest wissen, wohin er geht.

Nein, auch hier oben glaube ich nicht an einen herkömmlichen Gott. Um den wie Efeu schmarotzend Geistlichkeit und Konzil ranken: Kletten, zäh am privaten Glauben haftend und ihn wie Schlingpflanzen wuchernd aussaugend.

Die Stille und Einfachheit des Ortes gibt mir die Ruhe derer, die ihn einst errichtet haben. Ihrer will ich gedenken, nicht der Kirche! Das macht es mir so schwer, den betenden Frauen zuzuschauen, ohne an Bigotterie zu denken - oder aber leicht, einfach den Kopf zu senken vor all diesem kirchlichen Brimborium: es bedeutet mir nicht mehr als die unerfreuliche Lektüre der von einem japanischen Übersetzungsbüro verfaßten deutschen Bedienungsan­lei­tung einer Stereoanlage mit tausend Knöpfen, an denen man unheimlich viel falsch machen kann. Nicht umsonst ist Latein immer noch katholische Kirchensprache, eine Art Voodoo, bei dem der in der Kirchenbank hockende Kunde nicht mitbekommen soll, was in seiner Vätersprache womöglich den ganzen Zauber entlarven könnte ...

Von allen Seiten haben wir dieses Heiligtum in Augenschein genommen: nichts wird sich ändern an meinem Respekt vor dessen Errichtern. Diese wollten das Einfache, Hehre, Gute - und Gott sei Dank hat die Kirche nicht vermocht, es durch Einschleusen ihr gebräuchlicher Metastasen wie Pfaffen, Priester, Priore und Prälate, zu verändern. Es ist immer noch einfach, hehr und gut. Und sage mir keiner, das Blattgold im Inneren der Kapelle rechne zu den Heiligtümern des kanonischen Rechts: einfache Menschen haben es angebracht, von weit mehr überzeugt, als diese Institution - deren Oberhaupt ständig von roten Teppichen herab die Böden aller Welt küßt.

Eine unheilige Sache, das ganze Geplärre bis hierher. Heilig wird es erst, als ich nicht mehr an die Kirche denke, sondern nur noch die Ruhe des Ortes in mich aufnehme. Niemand hier, der uns Besucher beobachtet, abschätzt, neben der Kasse lehnt. Und doch steht die Kapelle das ganze Jahr über offen. Für jeden, der zu ihr will. Ein wahrhaft heiliger Ort, gesegnet durch die umliegende Landschaft, in die er gebettet ist.

Daran ändert auch nichts, daß die Policia ab und zu in einem der schwarzen Autos mit breitem Leuchtbalken obendrauf heraufkommt und herumschlen­dernd Augenmaß an den Anwesenden nimmt. Bei so viel offener Tür ist Vandalismus kaum auszuschließen.

Wir wollen in der näheren Umgebung bleiben, entschließen uns daher zu einem Besuch von Cala Figuera, es ist noch früh am Tag. Diesmal nicht über die Straße von Santanyí, sondern von der anderen Seite, über den Klippenweg. Um ehrlich zu sein: wir schlugen zwar die ungefähre Richtung mit unserem Pünktchen ein, verfranzten uns jedoch schrecklich in einem Gewirr von immer mehr links und rechts abbiegenden Teersträßchen, die unsere Karte nicht verzeichnete, wußten irgendwann nicht mehr, wo wir uns befanden. Schließlich ließen wir Pünktchen einfach stehen. In wunderschöner Landschaft, als roten Farbtupfer. Dem Stand der Sonne nach ahnten wir zumindest die einzuschlagende Richtung nach Cala Figuera.

Leute, fragt mich nicht, wie wir letztlich dort hingelangten! Es ging wohl über etliche Hinterhöfe, steile Saumpfade hinab und wieder hinauf, ein Hund - wie denn anders? - gesellte sich uns zu, lief uns voraus und zeigte uns schließlich selbstlos den entscheidenden Durchbruch: durch eine Lücke im alles verbergenden Gebüsch führte ein steiler Pfad, der Knöchelbrüche annoncierte, hinab zur Bucht und in den Ort. Über ein junges Pärchen, das sich in Mittagsglut auf dem heißen Uferbeton vor einem der Fischerhäuschen auf Luftmatratzen grillierte, mußten wir - aus dessen Hintergarten stolpernd - hinwegsteigen: Perdone! Beide waren angetan, wie Gott sie schuf. Halt, stimmt nicht, sie - zumindest - trug eine Sonnenbrille. Vielleicht frage ich meine Zweitbeste einmal, ob er sich mit etwas Ähnlichem kostümierte. Begreiflicher­weise habe ich nicht sonderlich auf ihn geachtet.

Das Hündchen, uns um mehrere Dornenhecken voraus, sahen wir erst auf der gegenüberliegenden Seite des Hafens wieder, wo es uns nicht mehr zu kennen schien. Oder sollte es etwa nur einer der zahlreich anderen, stets gleich­aus­sehenden Bastarde sein?

Egal. Wir hatten Hunger und wollten Essen gehen. Auf das Café wären wir nie verfallen, wenn um diese Jahreszeit eines der übrigen Restaurants oberhalb des Hafens geöffnet hätte. Es bot nicht viel. Torte hätte man reichlich haben können, in jeglicher Variation, doch danach stand uns nicht der Sinn. Wenigstens item hatten sie sofort parat. Dazu dann noch ein lasches Gericht - ach, ich weiß nicht mehr, was wir dort zu uns nahmen. Es hat uns jedenfalls beide nicht umgehauen. Obwohl am Nebentisch ein Studentenpaar über seinem gemeinsamen Salatteller tat, als würden hier alle Köstlichkeiten der Welt geboten. Na ja. Da wird die Flasche Rotwein, in deren Glanz sie, schmächtiges und pickelig in Latzhosen steckendes Mädchen vom Typ allesverzeihender Tramperin, Postkarten nach Hause schrieb, wohl zu mehr Akzeptanz verholfen haben. Er, ebenfalls pickelig, trug zwei Ringe im uns zugewandten Ohr, über das abgewandte kann ich keine Auskunft geben. Die beiden taten so verliebt, wie nur junge, pickelige Menschen es sein können. Ich hab da gut reden: nicht mehr jung, plagen mich zwar keine Pickel mehr; doch auch das andere nicht. Und da wünschte ich mir insgeheim hin und wieder vielleicht doch die eine oder andere versteckte Pustel an den Hals.

Gesättigt spazieren wir die steile Straße hinab zum Hafen. Ein kleiner Trawler liegt hinter der Mole vertäut, das Vorschiff wie bei einer Flaggen­parade der Vereinten Nationen mit bunten Fähnchen behangen: die zum Trocknen ausgehängte wöchentliche Leibwäsche einer mehrköpfig auf dem Kahn hausenden Fischerfamilie. Seltsam: der Gedanke, daß auf dem Meer, irgendwo zwischen Eivissa (Ibiza) und Mallorcas Buchten, während hinten die Männer mit der Winsch das schwere Schleppnetz einholen, im Schiffsbauch unterhalb der Wasserlinie - also mitten im Meer! - eine Waschmaschine rumoren könnte - dieser verblüffende Gedanke ist mir nie gekommen. Aber dann erinnere ich mich des stets etwas jodhaltig fauligen Salzgeruchs, den die Fischer auf wortkarg abgehaltenen Auktionen im Kühlhaus des Hafens nach ihrer Rückkehr verströmen - gar nichts anderes scheint mir nun noch möglich, als daß ihre Wäsche, wenngleich durch einen Automaten, so doch immerhin im Meer, nur allzu natürlich mit Meerwasser gereinigt wird!

Über sowas denkt man eigentlich viel zu wenig nach. Wer hätte auch im perpendikelartig repetierten Alltagstrott, etwa freitags beim mittäglichen Kantinenessen, wo es nun wirklich Fisch gibt - entweder den oder aber Eintopf aus Hülsenfrüchten -, wer hätte da den körnigen Duft von Fischerblusen in der Nase? Ich jedenfalls nicht. Solche Gedanken stellen sich bei mir nur in den Ferien ein, wenn endlich der Kopf frei wird von vermeintlichen und wirklichen Alltagslasten.

Für das Fotoalbum halte ich einige hübsche Momente fest, hier unten am Hafen.

Etwa das Männertrio in blauem Arbeitstuch, gruppiert um ein kielaufge­bock­tes Holzboot, die zwei Alten mit Baskenmütze, der Jüngere barhäuptig, sie diskutieren und gestikulieren. Unter dem Bootsrumpf liegt noch einer, der einzige, der arbeitet: mit einer Schleifmaschine entfernt er Muscheln und Algenfäden von Kiel und Rumpf. Oder das grüne Tor eines Bootsschuppens: rissig zeigt die vom Salzwasser gebleichte Holzschwelle darunter, wie oft das Boot hinein- und herausgezogen wurde. In der Mitte, dort, wo der eisenbe­schla­gene Kiel rostig zu raspeln pflegt, ist sie im Lauf der Jahre durch eine tiefe Kerbe geteilt und papierdünn geworden. Oder: eine Netzkugel, weißes Plastik, im Haus kann man sie nicht brauchen, also macht sie irgendwer mit einem Seil draußen an der rostigen Türklinke fest - zum Wegschwimmen zu schade, hat man momentan doch keine Verwendung für sie. Und so liegt sie angebunden vor der Tür, die ebenfalls grün ist, liegt dort wie ein Kettenhund, und wenn jemand die Klinke herabdrückt und in das dahinterliegende kühle Dämmern schlurft, darf sie, am Strick gezogen, ebenfalls ein Stück mit hineinkollern - nicht zu weit. Der hinter dem Eintretenden ins altertümliche Schloß fallende Riegel an der grünen Tür sperrt sie aus. Und dann liegt sie wieder da, wie ein sanftmütig auf Passanten wartender weißer Kettenhund, mit Haus und dessen grüner Tür auf Gedeih und Verderb verbunden.

Und da wäre noch ... aber vielleicht langweilt sich ja mancher Leser beim Aufzählen und Beschreiben solcher Kleinigkeiten, und so behalte ich sie lieber für mich, wo ich sie gut aufgehoben weiß. Und im Fotoalbum. Wer, trotz allem, einen Blick hineinwerfen möchte, der braucht mich nur daraufhin anzuspre­chen. Nichts hasse ich mehr, als verordnete Diaabende nach beendetem Urlaub bei Bier und Salzstangen auf dem Tisch. Aber das wäre dann ja etwas anderes.

Auf der anderen Seite der Bucht eine breite Treppe erkletternd, oberhalb derer wir durch mildes Wohngebiet ohne allzuviel Großkotz und nachgemach­tes maurisches Villengefühl wandern, erreichen wir auf direktem Wege unser  -

Ja, verdammt nochmal, ich gehe einig mit denjenigen Lesern, die wissen, was nun kommt, und das werden fast alle sein: unser Pünktchen siedet also in der Sonne, und innen steht die Hitze meterhoch, obwohl es doch ein Kleinwagen ist. Ich schlage daher vor, ähnlich item ein neues Kürzel für diesen Zustand zu finden, da er sich noch oft wiederholen wird. Was kann denn ich für das Klima auf dieser Insel, bereits zu dieser Jahreszeit, knapp in den Iden des März, das ich nichts­desto­weni­ger getreulich in meinen Bericht einzubeziehen habe?

Cala MondragoMein Vorschlag wäre, falls niemand einen besseren hat, solch einen Fall mit äqui zu benennen, was ziemlich lateinisch ist und gleich bedeutet. Also äqui: vor dem Einstieg lassen wir ein Weilchen die Türen offen, auf daß die Hitze sich verflüchtige; mit mäßigem Erfolg. Bis zum riesig angelegten Parkplatz, vor dem wir unvermittelt verblüfft stehen, und über dessen Ausmaße in dieser vermeintlichen Halbwildnis wir nur staunen können, läuft uns - wenn nicht Blut, so doch zumindest - erheblich Wasser über die immer wieder gewischten Stirnen. Doch Gelegenheit gehört beim Schopf gepackt: zwar haben wir nicht unbedingt daran gedacht, hier zu verweilen; einen völlig leeren Parkplatz jedoch, noch dazu einen, den man ganz für sich allein hat, nur deshalb links liegen zu lassen, weil im Moment zum Parken kein Bedarf besteht - das bringt kein gewöhnlicher Mitteleuropäer übers Herz, der die meisten Kilometer auf dem Tachostand seines Fahrzeuges vergeblicher Suche nach Lücken zwischen bunt gepreßtem Blech verdankt. Kurz nur nagt an mir, angesichts so zahlreich unbesetzter Stellplätze, der jedem echten Automobilisten eingängige Zwiespalt, ob nun dieser oder nicht besser doch jener dort für unser Pünktchen geeigneter sei: ich lasse es einfach inmitten des weiten Platzes ausrollen - mag es sich ablegen, wo es will. Das ist wahrer Luxus.

Wir steigen aus, klappen erleichtert äquitemperiertes Blech hinter uns zu, und bewundern das gewunden zerrissene Holz eines wahren Methusalems von Mandelbaum; mag sein, der Fahrer der Planierraupe hat ihn übriggelassen, weil er, die weite Fläche dieses Parkplatzes zusammenschiebend, im Anschluß daran zu Mittag selber darunter Rast machte und in dessen gnädigem Schatten sein zerschmolzenes Butterbrot auspackte.

Ziemlich ratlos stehen wir also auf diesem Parkplatz, in dessen Einzugs­bereich sich kein Schild zu irgendeiner, seine Weitläufigkeit rechtfertigende Sehenswürdigkeit bekennt. Nun ist jedes entdeckungsfreudigen Touristen Devise: Schaun wir mal. Und so schaun wir mal. Anfangs durch einen heimelig abknickenden Weg völlig fehlgeleitet, der uns zwar eine griesgraue Perserkatze auf sonnigem Mauerstück vor einem verwunschen fleischfarbenen Ferienhaus beschert, kurz vor den erwarteten Klippen mit erwartetem Blick übers Meer jedoch in einem üppigen Gewucher von zauseligem Ginster und krüppeligen Aleppokiefern endet.

Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht, daß sich kaum fünfhundert Meter seitwärts das Naturschutzgebiet der Cala Mondrago verbirgt - einfach geradeaus, die Straße hinter dem rotweißen Schlagbaum nach dem Parkplatz hätten wir einschlagen müssen, gesperrt zwar für Autos, nicht jedoch für Fuß­gänger. Nun, ein nur unwesentlicher Umweg, auf Trampelpfaden durch Kiefernwald. Als dann weiß der Sand der Bucht durch die Bäume aufleuchtet, trifft uns die Überraschung um so mehr. In einiger Entfernung vor uns wandelt, nein, hastet, ein Mann in roter Bluse, kurz zuvor überholte er uns, er schien den Weg zu kennen, den wir noch suchen. Als wir überwältigt oberhalb der weißen Bucht stehen, in deren einsamer Sandkurve sich langanrollende Wellen schäumend brechen, zeichnet sich seine Fußspur auf dem von Wogen bezüngeltem Strand ab, und der Stoff seines roten Hemdes leuchtet neben dem Türkisgrün der Bucht in tiefstehender Abendsonne: ein Bild, wie man es so rasch nicht wieder erleben wird. Das man in sich einsaugen muß, um es irgendwann, in ­einer heimlich überflogenen Erinnerung, wieder freizugeben. Mühsam klettern wir hinab, balancieren über schwellende Baumwurzeln und unter Sand lediglich angedeutete Steinstufen in Stützmauern.

Am Strand, endlich unten, wird es ein Leichtes, den Spuren des Roten zu folgen.

Sie führen, halb schon wieder verwaschen, über feinen Sand und allerlei Bio-Angeschwemmtes, worunter man sich hauptsächlich grünbraun schillernden Blasentang und ausgewaschene Kalkgehäuse verschiedener Muscheln und Seeschnecken vorzustellen hat, zu  einer hell gekurvten Steinbalustrade entlang des Wassers und über diese geradewegs zum Ort, der sich in palmblättrig lockerer Strandcaféseligkeit am Wasser einen musikberieselten Vorposten leistet.

Dort lassen wir uns nieder und trinken - nein, nicht item, sondern Kaffee. Wirklich, nur Kaffee. Vom Ort ist nicht viel mehr in Sicht, als die erste ansteigende Bebauungslinie oberhalb des Felsabfalls zur Bucht. Seitlich des Strandcafés erstreckt sich Lagunenlandschaft, unberührt und - ich muß es aussprechen - stinkend. Schwarz dämmert dort Brackwasser vor sich hin, naturgeschützt, nichtsdestotrotz stinkend. Im von eingerammten Pfählen und einem niederen Damm begrenz­ten Süßwasserbecken schwappen Joghurt­becher und Vogelleichen. Nichts, das einen noch aufregte. Zu oft schon hat man solcherlei gesehen. Allerdings: Landschaft einerseits zum Naturschutzgebiet zu erklären, sie andererseits aber auch entsprechend zu pflegen - das sind zwei völlig unterschiedliche Schuhe; nicht linker oder rechter, sondern so, wie im Verhältnis Pumps zu Turnschuh - dies alleingelassene Biotop, der ideologische Turnschuh, paßt einfach nicht zur Bucht und ihrer eleganten Erscheinung: es wirkt plump, dilettantisch angelegt und ungepflegt. Was von der Bucht kaum jemand behaupten würde. Allerdings würde auch niemand von der Natur behaupten, sie wirke ungepflegt. Vielleicht ja sollte man dem ganzen nur eine Weile der Ruhe gönnen, es sich selbst überlassen. Schilf, allmählich den schwarzen Kanal über­ziehend, würde da schon einiges gutmachen, damit die Landschaft wieder ins Gleichgewicht mit sich selbst gerät.

Aber das ist es ja: einst war hier eine offene Lagune, an deren Rändern noch Vogel­arten nisteten, die mittlerweile zu den selten gewordenen zählen. Einst aber kam auch jährlich der winterliche torre zu Tal, dieser eisige Sturzbach aus Schmelz­wasser, das die Lagune freischwemmte und alles Grün in ihrer Mitte ins Meer trieb. Die Frage ist, was eher ausblieb: der torre, vermutlich aufgrund des Ozonlochs, oder die seltenen Vögel, die auf offenes Wasser zur Nahrungs­suche angewiesen sind und im Schilf nur brüten. Einerlei: daß der torre in jüngster Zeit die meisten Winter ausbleibt, hat man erkannt und die Lagune, die zu verlanden drohte, freigebaggert. Aber hat man auch begriffen, daß die Vögel, die zwar einstmals hier nisteten, nun aber nicht mehr, daß diese Vögel nicht etwa nach Mexiko verzogen sind mit Nachsendeantrag der Post? Glaubt man etwa, daß - machte man ihnen nur das Bettchen gut genug - sie sich in hellen Scharen hier wieder einfinden würden? Glaubt man das wirklich? Ein Schwachsinn sondergleichen, im Kopf irgendeiner verkorksten Ökogurke gediehen und von kaum mitdenkenden Mitläufern zum Projekt hochgepäppelt. Das erinnert an geschützte Elstern, die aufgrund ihres Überhandnehmens mittler­weile ganze Populationen von Gartensingvögeln ausrotten.

Die Natur aber reguliert sich selbst: was keine Lebensgrundlage findet, stirbt aus. Und tot ist tot. So einfach ist das. Und wenn sie denn in Mexiko wären, die seltenen Vögel: ich wette, sie kämen nicht zurück. Man braucht nur eine Weile die ziehenden Scharen unruhiger Menschen in aller Welt zu beobachten, um die Feststellung zu treffen: wer seinen neuen Platz gefunden hat, an dem sich’s leben läßt, den treibt es nicht mehr zurück.

Ich denke, es wäre besser, die Betreiber dieses Projekts ließen die Lagune - so, wie sie es selber ihrer Natur gemäß bestimmt auch vorhatte - verlanden und warteten lieber die Ankunft von Vögeln ab, die sich in Schilf und Moor wohl fühlen. Alles andere wäre Dirigismus, dem ich hier, mit den Augen von der Kaffeetasse zum schwarzstinkenden Pfuhl abschweifend, meine klare Absage erteile: was die da machen, erscheint mir wenig artgerecht. Und dann: wie lange verfügen sie noch über die nötigen Mittel, um die Brühe dort offenzuhalten? Über kurz oder lang wird sich das also von selbst regeln. Wozu, frage ich mich, dann am Anfang das große Buhei und Geschrei? Vielleicht, weil wirklich kaum noch jemand tiefer denkt, als die eigene, billig in Talkshows erworbene Vorstellung reicht.

Wir machen uns auf den Weg zurück. Man soll nicht alles so schwarz sehen. Das sage ich mir Tag für Tag, und sehe dennoch in meinen Mitmenschen viel Halbvergorenes, Unverdautes, das die stumme Mehrheit zur Maxime erhebt. Ein Schrei, und sei er noch so wild, kommt gegen zehntausend geruhsame Fürze kaum an, das ist mal wahr.

Der Rückweg ergibt sich fast von selbst: der hell gekurvten Steinbalustrade, unterhalb derer im Zielwurf ein übender Angelnovize eben seinen eigenen Hosenhintern mit silbern im Abendlicht blitzenden Blinkergeschirr einfängt, dieser also müssen wir nur bis zu ihrem Ende folgen. Allein, der anschließende Gang in feinkörnig rieseligem Sand, der die Zehen noch tagelang im Schuh beschäftigen wird, bis hin zur gegenüberliegenden Asphaltschneise, die der gesperrte Fahrweg dennoch auslaufend in die Flanke der Bucht geschlagen hat, gestaltet sich etwas mühsam: Schritt vor, einen halben zurück. Aber hier lohnt sogar ein Abstecher: ein Haus, hinter einer weiteren, winzigen Lagune versteckt, diese mannshoch verschilft. In seiner Gesamtschönheit - und vor allem der Bachstelze wegen, die sich narzißtisch im klar abgestandenem, nur vogelbeinhoch seichten Wasser davor spiegelt - mag dieses Ensemble mir als willkommene Untermauerung und hilfreicher Beweis der weiter oben aufgestellten These gelten. Die bei Anblick dieses Paradie­ses eigentlich überflüssig ist: Natur bedarf keinerlei Beweises, und Ordnung, wie sie nun mal eine These schaffen will, mag sie schon gar nicht. Da geht sie doch lieber ihre eigenen Wege. Wie wir.

Durch Wald und über eine Teerstraße, die der Allgemeinheit nicht nützt, weil sie von ihr nicht befahren werden darf, gelangen wir rasch zurück zum Parkplatz, von dem wir nun endlich wissen, zu welchem Zweck er angelegt ist: um in den Monaten der Hochsaison die Blechkisten der Besucher­ströme zum Naturschutzgebiet der Cala Mondrago, der Bucht mit dem einsam darüber hinwandelnden roten Hemd aufzunehmen.

Man gestatte mir die Prophezeiung: Dann wird dies Kleinod x-beliebiger Badestrand sein, übersät mit blauen Plastikflaschen und bräunenden Körpern. Rote Hemden wird auch niemand mehr tragen, weil es dafür viel zu heiß ist. Das Strandcafé am Ende der steinernen Balustrade wird den Volumenregler der - jetzt noch - intim säuselnden Musik aufdrehen, um den allgemeinen Lärm, der sich dann zusammensetzt aus Hundegebell, Kinderplärren und schrillen, naßgespritzten Mädchenschreien, zu übertönen. Und da werden selbst die Kinder lauter plärren müssen, um von ihren Müttern verstanden zu werden.

Ich drehe mich noch einmal um: hinter den Kiefernstämmen ist - wie durch Zinken eines großen Kamms - der feine weiße Sand der Bucht zu ahnen. Schön ist es hier. Und schön ist auch, durch natürliche Kindesalterung längst nicht mehr an die Saison gebunden zu sein. Und was die betrifft: niemand, der sie nur zu jener Jahreszeit erleben konnte, rede mir von der „Putzfraueninsel“, als die Mallorca lange Jahre verschrieen war - es sei denn, er rede auch sonst nur von Dingen, die er kaum hinlänglich kennt.

Wir sind wieder oben bei unserem Pünktchen. Fast möchte es einen dauern, so völlig ohne Artgenossen steht es da. Als ich die Türen öffne - äqui. Ich hätte es doch besser unter dem Mandelbaummethusalem abgestellt. Irgendein guter Geist, nachdem wir eingesessen sind, hockt auf meiner Schulter und führt mich, und so finden wir letztlich doch wieder heraus, aus diesem verwirrenden Labyrinth schmaler Teersträßchen.

Abends, in dem netten Restaurantchen in Cala d´ Ors Fußgänger­puppen­stube, wo man zum Klo über den Hof und eine steile Treppe tiefer muß, weil diese Treppe, im Haus angebracht, den Gastraum auf die Breite von ungefähr einem Meter zwanzig zusammengestrichen hätte, in diesem Restaurantchen also, das früher sicher nur Wohnhaus war, sonst wäre es wohl entsprechend geplant und errichtet worden, dort also, wo nach dem bisher Ausgeführten nur Amateure etwas ehedem nach ganz anderen Gesichtspunkten Geplantes und Gebautes einfach umfunktioniert haben müssen, in diesem Restaurantchen - wer ahnt es nicht bereits? - kocht Muttern. Auf Spanisch: la ama de casa. Wörtlich meint das: die Besitzerin des Haushalts. Oder Besetzerin - so sicher bin ich mir im Spanischen noch nicht.

Bis zur Abreise bleiben nur noch drei Tage, und so schwärmen wir, geröstete Graubrotstücke darin eintunkend, diese abschleckend und, bevor sie weich werden, genüßlich im Munde zerkrachend, vorspeisig in der Knoblauch­majonäse, die ihren Namen der Stadt Mahón (Maó) auf der ehemaligen Feindesinsel Menorca verdankt, und bereiten uns, dieweil der Duft des ajo uns in sämtliche Glieder zieht, auf die Hauptspeise vor: pescado alla casa für meine zweitbeste Ehefrau - Fisch nach Art des Hauses, natürlich, wer hätte anderes erwartet? - und für mich carne: lomo de cordero, winzige T-bone Koteletts von Milchlämmchen, dafür vier Stück und ordentlich con ajo, con ensalada y con patatas fritas. Eben was man so braucht, um neben diesen vier köstlich beknoblauchten Knöchelchen mit nur wenig Fleisch daran satt zu werden. Um item müssen wir uns nicht sorgen, wir sind zu Fuß hier. Also, Don Joan: was, außer dem seitwärts erreichbaren Klo, hat Ihr Keller noch zu bieten?

Genug. Er hat genug zu bieten. In voller Tiefe können wir seinen gesamten Bestand an Rotem und Weißem zwar nicht ausloten, die erste Schicht reicht jedoch hin, um auf dem Rückweg ins Hotel Gesprä­che mit Pflastersteinen zu beginnen, die unserer erhitzten Meinung nach viel zu weit aus dem Trottoir ragen. Endlich ins Bettfutteral geklemmt, können wir, meine zweitbeste Ehefrau und ich, einander nicht riechen und rücken, soweit die Futterale es zulassen, voneinander ab. Ajo, Knoblauch: mein lieber Vater - dieser Duft trennt Welten! Und das ohne jedes Ansehen ihrer Gewichte.

 

 12    Mercado

Nach geruhsam eingenommenem Frühstück treffen unsere Blicke über der Krümellandschaft des Tisches, Hinterlassenschaft frischknusprigen Stangen­weißbrots, wie üblich fragend aufeinander - heute ziemlich ratlos. Bevor sich im eben erst begonnenen Tag träge eine Lücke breitmachen kann, fällt mir ein: freitags hält das Landstädtchen Llucmajor Markttag.

Heute sei Freitag, behaupte ich; und da man gerade nichts besseres wisse, so mein weiterer Vorschlag, könne man doch einfach mal hinfahren. Zudem ließe das aus unseren Atmungsapparaten entweichende gefährliche Gasge­misch dringend dessen Verdünnung mit reiner Landluft geraten erscheinen - je weiter draußen, desto besser. Und Llucmajor liege nun wirklich ganz weit draußen, auf weitem, plattem Land.

Das gefällt meiner Zweitbesten. Aus allen Knopflöchern dampfen wir ja nach ajo - gegessen oder gerochen: das ist wie Himmel oder Hölle. Also fahren wir nach Llucmajor. Parken Pünktchen irgendwo im flachen Häusergewühl an einer vergleichsweise wenig verbotenen Stelle und hoffen, diese nach beende­tem Marktbesuch wiederzufinden. Machen uns auf den Weg, von dem wir nur dem Gefühl nach vermuten, daß er der richtige ist. Märkte finden ja meist im Zentrum statt. Wo aber ballt sich das Zentrum eines Gewimmels gleichfarbig aneinander­geschachtelter Häuserkartons, das einem erst am Ende der Gasse, wo man schon auf freies Feld schaut, verrät: Nein, hier sind Sie völlig falsch! Zum Zentrum: da hätten Sie in genau entgegengesetzter Richtung gemußt! Als ob man das dann nicht selbst wüßte.

Also: der Markt muß, so er wirklich stattfindet - Reiseführern sollte man nur bedingt vertrauen -, ziemlich entfernt von hier aufgebaut sein. Aber so groß kann ein Landstädtchen gar nicht sein, daß man dessen Mittelpunkt nicht irgendwann erreichte. Als am Ende der Straße, nach einem kaum kleinstädtisch zu nennenden Fußmarsch, das erste Stoffdach auftaucht, rotweiß gestreift, ohne Zweifel die erste Marktmarkise, stelle ich mir die Frage: Warum hast du nicht versucht, näher ranzukommen? Sie beantwortet sich von selbst: erstens steht hier schon alles voller Autos, und zweitens herrscht in diesem Areal heute absolutes Halteverbot. Verschwommenes Erinnern taucht auf an ein Fräulein Micaela Binimarais, wie sie mir bei Übergabe des Autoschlüssels die spanischen Verkehrsregeln zu erklären suchte: man bricht sie im Auge des Taifuns - welcher eben straff aufgerichtet in schwarzer Uniform des Landpoli­zisten die Front der Stände abschreitet und von den zumeist dahinterstehenden Zigeunerfrauen (Sinti oder Roma: niemandem möchte ich zunahe treten - aber träfe einer dieser Namen das gleiche Bild?) wohl­gefälligen Auges gemustert wird. Was ihm nicht unangenehm scheint.

Natürlich hätte auch ich dichter dranstehen können. Aber weiß man das vorher? Unsereiner schleppt doch stets seinen Anteil am Flensburgischen Zentralregister und den darin enthaltenen „Pünktchen“, selbst im Urlaub, mit sich herum. Überdies, und jetzt Schluß mit dem Gemaule, war sowieso nichts mehr frei. Und vielleicht finden wir das weitab geparkte Pünktchen ja sogar wieder. Schließlich blinkt es knallrot, eine Farbe, die auffällt.

Markt. Man stelle sich hierzu eine gesperrte Straßenkreuzung voller leuchten­der Orangen vor. Beziehungsweise Orangen mit Zeltdächern darüber, welche gleißendes Sonnenlicht beschwichtigen und so das Orangenglühen dämpfen. Das aber nur wenig.

Daneben Kisten voll schamroter Tomaten, sie scheinen katholisch, haben den Witz der Apfelsinen nicht verstanden, prallen gleichwohl das Licht der Sonne in voller Röte zurück. Alles wirkt frisch. Wie zum Beispiel die Artischocken dort, Edeldisteln, silbergrün, geschlossen und fest wie der bleiche Blumenkohl gleich nebenan - alles sauber in Holzkisten geordnet. Oder hier, der Lauch: man gebe ihm ein wenig Petersilie bei, einen Markknochen, füge zerkleppertes Ei hinzu sowie kochendes Wasser und Olivenöl, spare weder mit jungen Bohnen, die hier gebündelt liegen, noch dem Mark katholischer Tomaten, schnitzele patatas in die schäumende Brühe, ferner ein Scheibchen Sellerie und - ach ja - ajo darf selbstverständlich nicht fehlen: al gusto, gut abgeschmeckt. Das alles mit einer zerschnittenen Scheibe Beinfleisch vom Ochsen: ergäbe das nicht ein Süppchen nach unserem Geschmack? Und ob. Vorerst unnütz, läuft mir Speichel im Mund zusammen, der den Schlund hinab nichts zur Verdauung findet. Zu essen, außer einer Art Heimwerkerhamburger, in dieser Umgebung jedoch völlig mißpla­zier­t, gibt es nichts auf dem Markt. Siesta hat begonnen, das einzige Restaurant bleibt bis sieben Uhr am Abend verschlossen, in den wenigen Bars dröhnt hemdsärmeliges Landvolk gegen den Fernseher an. Wer nicht das eigene Stullenpaket bei sich trägt, wird wohl kläglich verhungern müssen, und das angesichts prallgefüllter Marktstände. Gottlob, das Frühstück, spät eingenommen, wird noch für eine Weile vorhalten.

Nun glaube man nicht, hier decke allein die kleinstädtische ama de casa den Wochenbedarf an frischen Lebensmitteln für ihre Familie: teilweise reisen die Marktbesucher auf abenteuerlichen, motorgetriebenen Lastendreirädern an oder kommen, gewichtig zu zweit auf schmalbrüstigen Mopeds balancierend und zusammen wohl an die hundertzwanzig Jährchen auf dem Buckel, von ganz weit her; so an die zwanzig Kilometer oder eine gute Stunde mögen sie unterwegs gewesen sein. Was treibt sie?

Orangenberge wohl kaum. Denn wie bei uns Städter Äpfel auf dem Markt erwerben, die bei den Landleuten hinterm Haus wachsen, verhält es sich hier mit den Citrusfrüchten: sie selbst haben davon satt. Dem Geheimnis kommt auf die Spur, wer den zentralen Frischmarkt hinter sich läßt und in eines der Seitengäßchen abschwenkt: dort stehen sie, passen sich vor blinden Spiegeln mittels Ausbreiten über ihren schwarzen Röcken neue, gewalttätig rosafarbene Unterkleider an, drehen sich wie Siebzehnjährige - so meinen sie - kokett in breit ausladenden Hüften, legen hier probeweise ein großformatig besticktes Schultertuch um, greifen dort in den Schritt eines Schlüpfers, innen angerauht, und befühlen dessen Qualität - vor Synthetikartikeln ekeln sie sich sichtlich.

Die Männer betasten höchstens mal die silberbeschlagen aufgereihten Ledergürtel am Stand daneben. Hosen besitzen sie genug: eine für gut und eine für die Arbeit auf Hof und Feld. Beide halten noch bis zum nächsten Winter. Was sich abnützt, durch stetes Auf- und Zubinden, ist nur der Gürtel darin. Sie ziehen einen hervor, heben ihn ins Sonnenlicht: wie der funkelt! - Der könnte einen schon reizen, sonntags, in den Schlaufen der guten Hosen, beim Kirchgang. Aber dann legen sie ihn doch wieder zurück. Geduldig wartet der schwarzhäutige Verkäufer auf die Frau, die bereits im dicht an den Leib gepreßten Plastikbeutel sowohl Unterrock und Schlüpfer wie auch Schultertuch verstaut weiß, und sich nun seinem Stand zuwendet. Neben zwei neuen Arbeitshosen und einer für gut bekommt der Mann auch den silbernen Leder­gürtel. Ein kleiner Tip genügt, der Afrikaner kennt seine Pappenheimer. Erstens benötigt man Geschenke zu Namenstag und Weihnachten, und zweitens - nun, Liebe geht seltsame Wege, und ein an sich schon stattlicher Mann wirkt mit breit silberbe­schla­genem Gürtel doch viel stattlicher - oder?

Und dann knattern sie glücklich wieder davon, auf ihren Mopeds oder Dreirädern, und hinten vom Sozius baumeln drei gesteckt volle Plastiktüten im Fahrtwind, ständig in Gefahr, zwischen die Speichen des Gefährts zu geraten. Und in einen der Weiler rings um Llucmajor - etwa Son Frigola, das auf kaum einer Karte verzeichnet ist, versteckt hinter licht- und erdfarbenen Steinmauern, den hohen paredes -, nimmt man Stoff mit, hinreichend bis zum nächsten Marktag für anregende Gespräche - oder auch giftigen Streit. Beides muß in ländlicher Abgeschiedenheit gleich unterhaltsam sein.

Noch weiter abseits von Zentrum und Frischmarkt verlieren sich deren letzte Verästelungen im Bereich der Ortsumgehungsstraße, deren Mittelstreifen zur Auslage all des angebotenen Klimbims breit genug scheint: hier residiert der Flohmarkt. Gebrauchtes aus sämtlichen Himmelsrichtungen und Land­strichen. Goldfarbene Kerzenleuchter und Kaminuhren aus Trompetenblech beherr­schen das Bild, allesamt in Algier oder sonst jottweedee hergestellt, die Zeiger der Uhren stehen auf fünf vor zwölf, und wenn man nach zehn Minuten noch mal wiederkommt, deuten sie immer noch auf die gleiche Stelle des Zifferblatts. Kerzenleuchter hingegen lügen nicht: in ihrem Fall nimmt abtropfend heißes Wachs vermutlich das aufdringliche Gold als simplen Überzug von leicht schmelzender Kunstharzfarbe mit sich.

Aber da gibt es als dritte Spezialität ja noch die Marienbilder. Von kitschigen Schnörkeln überladen bis hin zu bäuerlich simpel, beinahe naiv: geschmacklich liegen sie fast alle auf der Linie, die sich vom Hosenbund alter Männer zum Buckel alter Frauen erstreckt. Wer jung ist, hat solche Bilder nicht nötig. Und dennoch scheinen sie der Renner. Vor allem bei drallen Frauen knapp über Vierzig. Spüren sie etwa, daß die Natur sie mit der Zeit allein lassen wird? Daß sich etwas ändern wird, Grundlegendes, in ihren Körpern? Man wird sich dann an etwas halten müssen, scheinen sie zu glauben. Ein Marienbildnis käme da gerade recht.

Ich stelle fest: Männer halten sich nicht so gerne im Umkreis angebotener Devotionalien auf. Eher bei Modellen hochgetakelter Segelschiffe und den Drohun­gen in ihrer Blechscheide einrostender Krummschwerter. Alles alt, alles orrriginall, lärmen Besitzer dieser Tempel der Scheußlichkeiten uns Vorüber­schlen­dernde an - versteht sich, Kumpel, ist ja gut! Aber mir bindest du keinen Bären auf. Zwischen Mann und Frau muß ein Unterschied sein - über den grübele ich gerade nach. Da laß mich gefälligst mit deinen Sprüchen in Ruhe, compañero!

Viel, doch längst nicht alles haben wir gesehen. Uns reicht’s trotzdem. Jetzt ist Pünkt­chen­suche angesagt. Über die einzuschlagende Richtung hegen wir, wie nahezu jedes Ehepaar in solcher Situation, differente Ansichten: war das nun rechts? Oder doch eher links, die nächste rechts und dann geradeaus? Es wäre mehr als unsinnig, trennten wir nun unsere Wege, und ein jeder strebte einem der vermeintlich an völlig unterschiedlichen Orten abgestellten Pünkt­chen zu: es gibt ja nur das eine. Dies sind Augenblicke, in denen sich zeigt, was einer von den Fähigkeiten des anderen hält. Diesmal richten wir uns nach meinem Gefühl und fahren nicht schlecht dabei - da, plötzlich, kauert es, wie auf dem Sprung, rot, glänzend und nur wenig verboten geparkt: unser Pünkt­chen. Ich öffne die Türen, und äqui - ächz.

Irgendwo auf MallorcaWohin jetzt? brüten wir und die Hitze im Auto. Ich schalte den Ventilator ein.

Nun, wir könnten noch einmal zur südlichsten Spitze der Insel fahren, nach Cap de Ses Salines, da geht immer eine frische Brise, und schön ist es da auch.

Frische Brise hört sich gut an; bueno, fahren wir! Vorbei an Vernissa, das aus drei oder vier langgestreckten Bauernhöfen besteht, wechseln von dort auf die zumeist schnurgerade durchs Land schneidende, nur ab und zu leicht die Generalrichtung verändernde Straße nach Santanyí. In Gräben beiderseits der Fahrbahn stechen vergeblich blaugrüne Schilfspeere aus dem Seitenrand: sie treffen nichts und werden zudem ständig kurzgehalten, man muß das Land entwässern. Und wozu vor noch gar nicht allzulanger Zeit die als rostige Torsi vergessen in ebener Landschaft harrenden blau- und grün-weiß gebänderten Windräder dienten, das erledigen jetzt elektrische Pumpen. Ungehindertem Abfluß des durch sie Geförderten wäre Schilf nur hinderlich, so hübsch es die Straßenränder auch säumen mag. Häuser sieht man wenige, im Sommer wimmelt es hier von Mücken. Die Bauern, denen das Land gehört, wohnen lieber in der Nähe von Campos, wo das Land trocken und karg zu werden beginnt. Auf die saftigen Salzwiesen aber will keiner von ihnen verzichten. Soll sich das schwarzbunte Vieh doch mit den unseligen Quälgeistern herumschlagen und kräftig vom unablässig wedelnden Ochsenschwanz Gebrauch machen, dem man, einmal zur bekannten Suppe gleichen Namens verarbeitet, die Herkunft von Ochse oder Färse, Männlein oder Weiblein also, nicht mehr ansieht. Mag somit der Ochsenschwanz als Waffe aller Rinder hier stehenbleiben: ich glaube nicht, daß es emanzipierte Färsen gibt, die sich an diesem Wort stören könnten.

In Ses Salines, durch das wir müssen, um ans Kap zu gelangen, überfällt mich nagender Hunger, als ich das Schild einer Taverne erblicke, gleich darauf noch eins. Davor im steilen Glanz der Sonne Leute, schrillgekleidet und ältlich, zweifellos Touristen, die es sich unter Schirmen am Rand der von staubigem Seewind durchzogenen Straße gut sein lassen. Es ist halb zwei, noch normale Essenszeit. Bemerkenswerte Reaktion zeige ich nicht nur bei der blitzschnellen Kehrtwende um den Dorfbrunnen vor diesem Idyll, sondern auch beim langsamen Einlaufen in den nur halb verbotenen Parkplatz, den eigentlich schon ein anderer belegt: auch er steht bereits beträchtlich außerhalb der Markierung auf dem Asphalt. Daneben jedoch scheint mir noch etwas Platz, und wer wirklich unbedingt in das anschließende Seitensträßchen abbiegen muß, der möge doch bitte unter mehrmaligem Vor- und Zurücksetzen das Heck unseres Pünktchens umrun­den. Unter Anwendung dieser Methode gelangte selbst ein Bus in das Gäßchen. Aufgrund mehrerer eigener Erlebnisse mißtrauisch, vermute ich an dessen Ende jedoch ein tief gähnendes Loch, in das man gerade neue Kanalisation eingräbt; dies, weil es kaum zugeparkt ist, wie sonst jedes nur erdenkliche Fleckchen Straßenrand in Örtchen wie diesem. Zweifelsohne besitzen mallorqui­nische Busfahrer seismographisches Gespür für solche Fallen, aus denen zurück sie nur mit Hilfe der Inselheiligen Santa Catalina oder aber eines Kranwagens fänden. Man kann es in Gänze nicht ausloten, das Sträßchen: irgendwo in jener bläulichen Mittagsdämmerung zu dessen Ende hin wird es einen Knick beschreiben - aber dort, just hinter besagtem Knick, keinesfalls jedoch hier, an der Mündung des  Bermudakanals, würde - falls sich meine Hypothese bewahrheitete - die rotweiß getigerte Barriere mit den Schildern „Bauarbeiten“ und „Durchfahrt verboten“ stehen. Wobei die völlig überflüssig wären: über dieses, freilich immer noch nur angenom­mene Loch käme sowieso niemand hinweg. Jedenfalls könnte ich mir kein Fahrzeug denken, das sich die „verbotene“ Durchfahrt erzwänge, weil sein Fahrer, wie man das ab und an schon mal findet, von Verboten absolut nichts hält. Aus diesem Grunde würde ich keinem Busfahrer empfehlen, das Heck unseres - zugegeben, ein wenig behindernd - geparkten Pünktchens durch mehrma­liges Vor- und Zurücksetzen zu umrunden. Es führte lediglich bis zu jenem - weiterhin nur angenommenen -  Loch in der Straße. Welches in dem Moment jedoch den Status der Hypothese verlöre, in dem der Bus unter mehrmaligem Vor- und Zurücksetzen das Heck unseres Punto wirklich umrun­dete und, ähnlich einem Ozeandampfer in einen murmelnden Wiesenbach, in das Gäßchen mit dem - nun nicht mehr nur angenommen, sondern sehr realen - Loch einböge. Aber so blöd kann ein mallorquinischer Busfahrer eigentlich gar nicht sein.

Deshalb, denke ich befriedigt, drehe den Schlüssel im noch intakten Schloß auf der Fahrerseite herum und halte verstohlen Umschau nach etwaiger policia in der Nähe, deshalb steht unser Pünktchen genau hier, wenn auch außerhalb legaler Parkmarkierung, eigentlich recht kommod.

Sie sehen, Fräulein Binimarais von der Autovermietung Roig, die sich Rotsch ausspricht: ich zeige mich durchaus anstellig und bereit, die Regeln Ihres wunderschönen Landes, wenigstens die, welche den ruhenden Verkehr betref­fen, anzunehmen. Wenn wir hier einen Happen zu uns nehmen wollen - und der aufblitzend anerkennende Seitenblick meiner zweitbesten Ehefrau bedeutet mir, daß wir es wirklich dringlich wollen -,  bleibt mir gar nichts anderes übrig. Pünktchen liegt sicher im violetten Schatten eines gelbbröckelnden Kleinstadt­hauses vor Anker, direkt vor der Auslage eines Schreibwarengeschäftes, das ausgestellte Papier sichtlich unter südlichem Licht ermüdet und vergilbt. Äqui ist diesmal nicht zu befürchten. Warten Sie, geschätzter Leser, der bis hierhin tapfer durchhielt, wofür ich mich herzlich bedanke, bitte nicht darauf.

Nacheinander studieren wir zwei kreidegeschriebene Tafeln mit Angeboten: auf der einen Gerichte und Menüs, auf der anderen nur Tapas, kleine Lecker­bissen, deren Folge man selbst zusammenstellt. Obwohl es oben, zwei Häuser weiter bei den Gerichten windgeschützter zugeht, entscheiden wir uns für die Tapas: das Publikum ist jünger; oben, befürchten wir, könnten uns die dort unter Schirmen speisenden Rentner in ungewollte Gespräche verwickeln. So weit sind wir noch nicht.

Unten - eben haben wir um einen der nach jedem Gast gewischten, doch stets neu verstaubten Tische kippelige Plastikstühle zurechtgerückt und darauf Platz genommen - öffnet sich die Tür zum eigentlichen Lokal, einem niederen Bau mit drei verschachtelt hinter schrundig zernarbter Front untergebrachten Geschossen, olivbraun winkt ein Frauenarm uns herein: gerade sei Platz freigeworden. Ob wir draußen oder nicht doch lieber drinnen -?

Geräuschvoll zurückgeschobene Stühle: gerne folgen wir dem Angebot, drinnen zu sitzen; draußen fegt lausig frisch eine von naher See kommende und kaum ermattete Brise über junge Leute hin, die bloße Beine in die Sonne strecken und sich, lang in die Plastikmöblierung der winzigen Terrasse neben der Taverne zurückgelehnt, unterhalten. Alle tragen blauverspiegelte Sonnen­brillen, womöglich handelt es sich um Radfahrer. Räder sind allerdings im näheren Umkreis nicht zu entdecken. Gegen den feinkörnigen Sand, den der Wind vor sich hertreibt, haben sie Bierfilze auf die Trinköffnungen ihrer Gläser und Kaffeetassen gelegt. Früher hätte uns Zug nichts ausgemacht. Zugleich mit Früher ist aber doch wohl so manches andere dahin, an bevorzugter Stelle vermerke ich hier nur die völlige Unempfindlichkeit jugendlicher Lenden-­ und Rückenwirbelbereiche gegen Zug. Die unsrigen sind über fünfzig Jahre alt. Dankbar folgen wir daher dem olivbraunen Arm, der die Tür in schummeriges Halbdunkel hinter uns zuzieht und gleich darauf wieder in Tätigkeit verfällt, die vorläufig mit uns noch nichts zu tun hat.

Tapas: das sind köstliche Kleinigkeiten, die gelöffelt, gegabelt, kalt aus bauchigen Gläsern gefischt oder heiß aus brodelnden Kesseln geschöpft in kleinen Schälchen und auf ebensolchen Tellerchen auf den Tisch kommen. Dazu wird Brot gereicht, wie man es bei uns, im Land von Nachtbackverbot und daraus resultierender Backmischung, gar nicht mehr kennt: breit, flach und grob bemehlt, dick die krumm vom Laib geschnittenen Scheiben, deren Kruste zwischen den Zähnen kracht, innen, die gelbliche Krume bißfest und mürb - nichts klebt zwischen den Zähnen, wie bei dem, das unser Bäcker von nebenan, daheim in Deutschland, ebenfalls Brot nennt.

Tapas: das sind marinierte Muscheln, weiters kurze mit irgend etwas gefüllte Schlauchstücke, erinnernd an Weißwurst oder Debreziner, fernerhin eingelegte Artischocken­herzen, dazu winzige Schnitzel­chen von Hammelinnereien in pikanter Soße sowie gesottene Rinder­zunge, so kleingeschnitten, als hätten die Viecher an einem Lispelwettbewerb teilgenommen, und gerade bei „mußßt doch nicht!“ vom Metzger das Leckbrett herausge­schnit­ten und geschnetzelt bekom­men. Fisch - natürlich frisch und in jeglich nur denkbarer Zubereitungs­art: im Wurzelsud geköchelt, auf Holzkohle gegrillt, über verglimmend schwelendem Lorbeer­strauch geräuchert, gesalzen und luftgetrocknet - und alles wird aus bauchigen Gläsern oder vor sich hin blubbernden Kesseln gefischt und landet auf diesen winzig erdfarbenen Schälchen oder Tellerchen.

Tapa, das bedeutet eigentlich Deckel: Zudecke über die Schnäpse dunkelgewandeter Männer, die nach dem Kirchgang, endlich aus ungeliebt geistlichem Choral entlassen, sich unter verhaltenem Geschwätz in ihre Stammbodega begeben. Frauen werden heimgeschickt, das sonntägliche Mahl zu bereiten.

Kleinigkeiten - fünf davon ausgewählt, kann man sich daran durchaus satt essen. Allein schon an der weißen Knoblauchmajonäse, die unaufgefordert auf jedem Tisch mit einem Körbchen Brot als Vorspeise erscheint. Letzteres darf man getrost nachfordern: es ist Geschenk des Hauses, es ist gut und bei uns nicht zu haben. Das sollte jedermann ausnutzen. Anschließend ist niemand verwehrt, in gedachter Höhe des Weggefressenen Trinkgeld zu geben. Aber das bleibt jedem Gast anheimgestellt - er muß nicht.

Meine gute Zweitbeste verschwand auf dem Klo, und so saß ich eine Weile allein. Das Klo lag die erste Treppe der drei Geschosse hinauf, das Weilchen dauerte etwas. Auch bei uns kam Brot und Majonäse auf den Tisch, routine­mäßig abgestellt. Dazu zwei sonderbar kühl anzufassende Schälchen aus dickwandig weißem Porzellan auf kurzem Stiel und rundem Fuß. In der Majonäse stak ein Löffelchen. Viel lieber hätte ich das gebrockte Brot ja gleich im Schlemmertopf getunkt, anläßlich besonderer Gaumenfreuden bin ich aber jederzeit in der Lage, kaum Freßgier an den Tag zu legen und mich betont gutbürgerlicher Tischsitten zu bedienen. Ich schöpfte also mit dem Löffelchen etwas aus dem Majonäsetöpfchen und ließ es in das kühle Stielgefäß vor mir gleiten, von wo ich es unter allerzierlichsten Verrenkungen mittels gebroche­ner Brotstückchen wieder aufnahm und vor Behagen fast grunzend - doch das wäre kaum gutbürgerlich, und also unterließ ich es - in der erwartungsvoll zwischen meinen immer noch guterhaltenen Zähnen geöffneten Parzelle mit Eingang zum knurrenden Magenbereich verschwinden ließ: aah!

Die Wirtin, resolut, ein unverbrauchtes Weib in den Dreißigern: plötzlich stand sie mit der bestellten Flasche Wein am Tisch, hielt mitten im oft geübten Schwung des Einschenkens inne und hob empört mein porzellanweiß mit eben­solchfarbiger Knoblauchmajonäse gefülltes Stielgefäß in die Höhe: „Ach Juunge, du!“ tadelte sie, und noch heute würde ich mehrere tausend Eide ablegen, daß dieses „Juunge“ astreiner Ruhrpottdialekt war. Daran, daß dies vitale Weib mich steingrauen Esel mit „Juunge“ betitelte, dachte ich erst viel später zurück. Vorerst schämte ich mich, dieses merkwürdig kühle Gefäß nicht sofort als Weinbehälter erkannt zu haben. Kopfschüttelnd nahm sie es mit der Linken fort, tauschte es gegen ein anderes aus dem Kühlfach und schenkte endlich den für ihre Verhältnisse viel zu lange in der Rechten gehaltenen Wein ein. Sie deutete auf das nun anders gefüllte Behältnis: „Dies nur für Wein, extra kaltgemacht - ach, Juunge, du!“

Ich zog den Kopf ein; Jawohl, Mama, dachte ich folgsam. Laut sagte ich: „Perdone!“ Dann, als die Wirtin fort und bereits an einem anderen Tisch war, den Kopf zur verräucherten Holzdecke erhoben, fiel mein Denken in gänzlich andere Richtung: Da siehst du nun, Mutter, wie weit du es bei mir mit deiner gutbürgerlichen Erziehung gebracht hast! Aber das liegt ja Gott sei Dank alles hinter dir. Heute aber hättest du von dort, wo du hoffentlich bist, auf mich herabblicken sollen: ich sag dir, wie vor fünfzig Jahren, und die Grundzüge gutbürgerlicher Erziehung hattest du damals noch nicht einmal gestreift. Aber du warst ja auch nie in Spanien - ach Mutter, wann lerne ich je aus?

Sie hat mir nicht geantwortet. Meine Zweitbeste kam die Treppe herunter, wir speisten, häuften Tapa um Tapa, Deckelchen um Deckelchen auf die gut gekühlten Wein-, beziehungsweise Item-behälter, und währenddessen erzählte ich ihr von meinem Mißgeschick. Na, da konnte sie aber mal herzhaft lachen. Beim Zahlen ließ ich ein extragroßes Trinkgeld auf dem Teller, und im Hinausgehen wollte ich mich nochmals bei der unverbraucht hübschen Wirtin entschuldigen: dunkle Lockenkringel klebten an ihrer von hektischem Hin und Her zwischen den Tischen heißgeröteten Stirn, eine knappe Sekunde Zeit fand sie für meine Bitte um Nachsicht, wandte mir lächelnd das heiße Gesicht zu und stupste mich mit dem Ellenbogen in die Seite: „Ah, no problema - Juunge, du!“ sagte sie. Und pendelte schon wieder zwischen Tischen und Buffet.

Draußen hatte sich - wie erwartet - kein Bus in irgendeinem Kanalisations­loch festgefahren. Santa Catalina hockte im blauen Himmel, vielleicht auf jener Wolke, weißlichgelbgetönt wie das eben verzehrte Brot, die sich allmählich vor die Sonne schob, und blickte gütig auf das Land­städtchen hinab, das ihrer Hilfe heute nicht bedurft hatte. Allein, das neben unserem Pünktchen parkende Auto war samt Anhänger verschwunden, und so standen wir nun wirklich neben sämtlichen Strichen auf dem Asphalt: wie die Sau geparkt. Dem ist - freilich erst nach gehabtem Mahl - abzuhelfen, indem man einsteigt, die Türen schließt und einfach wegfährt. Gut, daß die Policia um diese Zeit ebenfalls Siesta hält.

Schnurgerade führt die Asphaltpiste zum Cap de Ses Salines, links und rechts flankiert von Mauern und Zäunen. Karnickel, durch die Zaunmaschen gesichtet, flüchten bei Annäherung unseres Autos erschreckt in hoppeligem Zickzack über weite Graslandschaften. Dabei droht ihnen aus der Luft weit größere Gefahr: Krähen und Bussarde verfolgen ihren Lauf von hoch oben mit scharf geweiteten Jägeraugen, segelnd auf Thermen windzerrissener Luft, aus der sie, in engen Kreisbahnen niederfahrend, plötzlich herabstoßen: auf die schwache Brut, wohin das hoppelnde Tier sie führt, haben sie es abgesehen.

Am Kap: spätnachmittägliche Langeweile. Kurz davor ein grüner Jeep, seitlich der Straße geparkt: Polizei. Halten also doch keine Siesta - was die hier wohl suchen? Unwohlsein befällt mich, obwohl die Grünuniformierten nichts unternehmen, nur lässig, an das Fahrzeug gelehnt, sich die Fingernägel polieren - Franco und seine Guardia Civil, die mit den schwarzlackierten Tschackos, vor denen niemand irgendein Recht, und schon gar nicht eines zu seinen Gunsten, geltend machen konnte, bewahren sich noch in allzu unguter Erinnerung. Auch wenn die in Schubladen kramen muß, die seit dreißig Jahren niemand aufgezogen hat. Die lässig am Jeep lehnenden Polizisten sind um die Zwanzig, höchstens Fünfundzwanzig - als Franco starb, waren sie noch Kinder.

Gleichwohl, sie beunruhigen. Vielmehr: ihre Uniform beunruhigt. Die sie so unangreifbar macht. Ist es nicht das, was uns, den Deutschen, immer noch anhängt, trotz aller Läuterung nach tausend Reichsjahren und zwei zum Glück verlorenen Weltkriegen? Die Scheißuniform - man soll es einmal laut sagen.

Käme ein Zivilist auf uns zu, böte einen Guten Tag und bäte uns, einmal die Hände vorzustrecken, worauf er diese mit Handfesseln umschnallte und sich erst dann vorstellte: Meier, Zivilfahndung - wäre einem da unwohl? Wohl kaum. Entweder müßte sich alles aufklären, oder man hätte wirklich Dreck am Stecken, wodurch dieses Vorgehen allzu berechtigt wäre. Nun aber: mit sich versteckt trägt jeder Mensch tausende von Sünden herum, von deren Brisanz nur er alleine weiß. Jede ihrer ein bis zwei Jährchen wert, so Richter darüber zu befinden hätten. Gottlob, daß nicht alles offenbar wird. Nur ein Kläger kann sie ans Licht tragen: man selbst. Oder diese Scheißuniform - Furcht befällt mich vor ihr, und doch weiß ich kaum, warum.

Im Stillen aber fühle ich, warum. Dessen jedoch, wessen ich mich angeklagt wähne: das sind doch alles nur klitzekleine harmlose Vergehen, Kinkerlitzchen, im Vergleich zu dem, was die Großen sich täglich legal herausnehmen. Delikte, deren sich jedermann tausendfach schuldig wähnt, können da doch gar nicht zählen! Dennoch, ich fühle mich schuldig - im Anblick grüner Uni­formen. Man weiß ja kaum, zu was sie berechtigt und fähig sind. Und schuldig ist, nach dem Angeführten, jeder. Wieder, ähnlich dem Erlebnis in der Miró-Stiftung, führt mir Erinnerung sächselnde Vopos und Schäferhunde vor. Dabei ist Sächsisch ein heimeliger Dialekt - solange er sich nicht gegen das Volk richtet.

Lassen wir sie links liegen, die grüne Polizei. Soll sie sich die Nägel bearbeiten, bis sie weggefeilt sind, wir haben nichts am Hut mit ihr. Jedenfalls, solange gewisse geheime Missetaten nicht bestrafbar sind. Etwas schnoddrig denke ich: In Ses Salines hätten sie mir wegen falschen Parkens mindestens zweitausend Pesetas abknöpfen können. Stattdessen lungern sie hier herum und polken sich das Schwarze unter den Nägeln hervor. Ein Sprung nur noch von hier zum Kap: unwohl stelle ich Pünktchen kurz vor dem umzäunten Leuchtfeuer ab, das, weißgekalkt, grell in ungeschützte Augen sticht, wo doch seine Lichtblitze nur des nachts übers Meer schweifen; vergewissere mich lieber zweimal, ob nicht doch irgendein verstecktes Schild Parken auf nacktem Fels oder den Zugang zur Klippe verbietet - unwohl noch immer wegen der grünen, so lässig an den Jeep hingekotzten Uniformen.

Es muß ihre Untätigkeit sein, die mich beunruhigt: das nur beobachtende Moment, von dem man nicht weiß, worauf es zielt, in welche Tätlichkeiten es ausbrechen könnte, wenn es denn wollte - Drohung?

Aber klar doch, das ist es: in ihrer observierenden Langeweile üben die grün Uniformierten auf mich den hypnotischen Zwang einer kalten Bedrohung aus, nur darum wird mir unterm Kragen so eng - jetzt, endlich, hab ich’s!

Einsam hält ein Angler von der niederen Klippenzunge hinter dem Leuchtfeuer seine meterlange Wurfrute in flachem Winkel über gischtendem Wasser - Wasser, das zum offenen Meer hin für alle daran siedelnden Völker stets Freiheit bedeutete. Doch so einsam, wie er glaubt, ist der Petrijünger nicht: wir beobachten ihn mit zwei Augenpaaren, und was sich oben am Jeep tut, kann ich nur ahnen - war mir nicht gerade so, als bräche sich dort ein Sonnen­reflex in den Linsen eines olivgrün auf den Rücken des Anglers gerichteten Feldstechers?

Das nenne ich Ruhe und Abschalten. Was hinter ihm vorgeht, kann ihm egal sein, es wird ihm - mit Verlaub - am Arsch vorbeigehen. Wichtig allein ist ihm der rotweiß tanzende Kork außerhalb des gischtigen Schaumbandes um den Klippenrand. Wenn die Boje dort hinein torkelt, hebt der einsame Fischer die Angel steil an, lüftet Haken und Blinkergeschirr, zieht weitausholend die Rute hinter sich und führt das Gerät in einem eng durch deren Spitze beschriebenen Halbbogen wieder auf Kurs: Haken, Blinker und Korkboje klatschen, wenn der Wurf gut berechnet und ausgeführt ist, weit vor ihm ins Wasser und brechen kurz hintereinander drei winzig aufspritzend Fontänen aus dem Blau. Dann bleiben ihm wieder zehn Minuten trägen Nachdenkens, wonach er den Wurf, weil anlandige Strömung den Kork während seines Sinnens dümpelnd zurück in den Schaum treibt, wieder­holen muß. Diese Aufeinanderfolge von Auswerfen der Schnur und, beispielsweise, Nachdenken über den Sinn des Auswerfens von Ködern überhaupt, einmal allgemein betrachtet, wo doch kaum noch ein Fisch an Blinker geht und man eigentlich völlig nutzlos hier seine Zeit vertrödelt - dies Intervall zwischen zwei Würfen also, ausgefüllt mit Gedanken an nichts und jedes, ein eventueller Fang bleibt dabei weit außen vor, denn vor Fisch, sobald er zubereitet auf dem Teller landet, ekeln sich die meisten Mitglieder der Anglergilde - dies Intervall der Ruhe zwischen zwei Würfen: wer es nicht kennt, darf hier nicht mitreden. Wo die Rede ist vom Beglücktsein des Anglers über die vergleichsweise Ereignislosigkeit seines Hobbys und der darauf beruhenden Entspannung, die ihm dieses Tun - besser: Nichtstun - in reichem Maße schenkt.

Ein blauer Seilrest, die dicken Enden zerfasert, windet sich schlangengleich über schartigen Fels, dort, wo das schlürfende Wasser kaum noch hingelangt. Zehnmal vergrößert, interessiert es vielleicht für einen Moment auch die grünen Kameraden oben am Jeep, bis sie unsere Rücken und den des einsamen Anglers wieder im Visier haben. Kameraden: geht mir am Arsch vorbei. Hier, am Meer, ist mir eure grüne Existenz da oben völlig Wurscht. Meer bedeutet Freiheit, Reinheit, Drang zu anderen Ufern - wenn ich meine Leser dahin­gehend einweihe, daß meine Kindheit sich in einer norddeutschen Hafenstadt abspielte, mag dies manches erklären. Über das Meer kamen in unaufgeklärter Zeit Nachrichten, deren Gehalt selbst der einfachste Hafenarbeiter begriff: nicht umsonst wurden seit Kaisers Zeiten alle deutschen Hafenstädte sozialdemokra­tisch regiert.

John F. Kennedy hat angesichts der unseligen Mauer durch Berlin vom Zettel abgelesen: „Isch ben ainä Bärlina!“ Dafür wurde er von Tausenden bejubelt.  Ich hingegen stehe am Meer, den Fuß auf ein blaugewirktes Tau gesetzt, und möchte ihm dort oben, wo sich letztlich alle guten Präsidenten versammeln, den Refrain eines sehr erfolgreichen Liedes seiner Landsfrau Barbara Streisand dagegenhalten, das ist die mit der hübsch verbogenen Nase und dem anziehenden Silberblick, er geht: „I am what I am!“ Nämlich: Ich bin, was ich bin - ein Schlickrutscher, aufgewachsen am Meer. Nicht von ungefähr sträubte sich lange Zeit etwas in mir, Gebirge, wie reizvoll auch immer gelegen, als vollwertiges Urlaubsziel anzuerkennen - ich brauchte einfach das Meer. Hier, auf Mallorca, ist beides glücklich vereint. Und sie hantieren gnädig miteinander: gewaltige Berge stürzen sich ohne jede Furcht über ihre eigenen Schroffen senkrecht ins Meer, und dieses leckt ihnen schäumend und gurgelnd die felsig klobigen Füße, anhänglich wie eines der so verdammt lästigen Inselhündchen; bis es, in tausendjähriger Mühsal, diese endlich zu feinsandi­gem Badestrand zerschliffen hat.

Was wollte ich sagen? Ach ja - ich liebe diese Insel. Mag sie von Putzfrauen bevölkert sein, am Ballermann Sex in S’Arenal - wir sind immer woanders. Und dort hat sie diesen Namen nicht verdient - beileibe nicht!

 

 13    Blick aus der Gegenwart in die Zukunft der Vergangenheit

Hätten wir geahnt, wie sehr sich das idyllische Umland dieses betulichen Badeortes künftig verändern sollte - wahrhaftig, wir hätten damals wacheren Auges geschaut. So jedoch entzieht sich manches Detail widerborstig unseren, ohnehin schon recht angestrengten, Erinnerungsversuchen. Die Rede ist von Porto Christo, und damals meint, vor über dreißig Jahren. Hier verbrachten wir unter freundlicher Vermittlung eines Herrn Neckermann unsere Flitterwochen, ein winziger Beitrag zu seiner Herrenreiterkasse stammte von uns, ein Jahr lang vom Munde abgespart. Zu jener Zeit bewiesen wir noch, daß der Mensch zwölf Rippenpaare besitzt. Man konnte sie an uns abzählen.

Heute, am vorletzten Tag unseres Aufenthalts, besuchen wir nach einem Abstecher in die malerische Bucht von Porto Colom das Städtchen erneut: von Betulichkeit keine Spur. Stoßstange an Stoßstange rauscht die Blechkarawane das steile Gefälle zum alten Hafen hinunter, windet sich durch den Ort, in der Hauptsache Besucher der Cuevas del Drach, einer oberhalb Porto Christos gelegenen Tropfsteinhöhle. Zugegeben: sie ist ein sehenswertes Kleinod der Insel. Damals jedoch, so jedenfalls gibt es unsere Erinnerung frei, brauchte man am Hafen noch keine Fußgängerampel, um wenigstens ab und zu vom Ort an Wasser und Strand zu kommen. Ein Wink genügte, und der Reiter des mit allerlei Andenkengeschirr beladenen Esels, der die auch damals schon in gleicher Anlage vorhandene Trennlinie zwischen Ort und Hafen herabkam, zockelte gemütlich hinter einem vorbei. Wobei nicht gesagt war, daß man bei jeder Überquerung der Straße unbedingt auf einen Esel treffen mußte. Heute hingegen - der Ort jedenfalls ist derselbe geblieben. Selbst das alte Hotel „Felip“, in dem wir logierten, steht noch, wenn auch modernisiert. Damals in einem Zimmer mit Blick durch einen Olivenholzrahmen ohne Glas auf unverputzt gemauertes Hinterland. Einem Neckermannzimmer.

Hotel Felip - Porto ChristoAber wann waren wir denn schon tagsüber auf der Bude! Allenfalls die zwei Tage, nachdem wir uns beim Knacken des Beute(l)inhalts reif vom Baum geklauter Mandeln am Strand jenen Riesensonnenstich einfingen und das Bett hüten mußten - gegen die Verbrennungen auf den Schultern half am besten Olivenöl mit Ei, kaltgerührt und nach uraltem Rezept in der örtlichen farmacia hergestellt: praktisch Majonäse, wenn nicht Zitronensaft mit drin gewesen wäre; im Gegensatz zu der allseits beliebten Vorspeise jedoch sin ajo. Tatsächlich schmeckte sie ohne Knobi etwas fad, den Brandblasen auf unseren Schultern war das egal. Zugleich mit den Verbrennungen packte uns an diesen zwei Tagen Montezumas Rache, wie man das damals nannte, eine Art umgekehrter Darmträgheit - ich denke, ich muß das hier nicht vertiefen.

Eher stellt sich die berechtigte Frage: Was führte zu diesem Totalausfall? Nun, es war ein August, wie er sich heißer kaum denken läßt, wir hatten drei Wochen Ferien, Flitterwochen, genossen uns völlig fremde Speisen, sämtlich in Öl gekocht, gebraten, gesotten oder zumindest darin geschwenkt, das alles zusammengerührt mit gänzlicher Unerfahrenheit, betreffend den Aufenthalt in einem mediterranen Land: Hautschutzfaktor? Null. Unser Bestreben war, knackig braun in Deutschlands Trott zurückzukehren, und so hatten wir Mallorcas Klima, es gänzlich unterschätzend, mit der Milde des Timmendorfer Strands gleichgesetzt - da wir also im Bett lagen: was scherte uns schon die Aussicht. In unserer Mattigkeit mochten wir kaum zu der leeren Fensterhöhle aufsehen; geschweige denn uns über das aufregen, was dahinter lag - wir registrierten es nur am Rande. Tja, gutes altes Hotel „Felip“ - nun siehst du ganz anders aus. Und bist auch viel teurer. Wer hätte das damals gedacht.

Vielleicht Herr Neckermann. Spätestens seit der Renovierung. Der vermietet nämlich im „Felip“ nicht mehr.

Zurück ins Hier und Heute: wir erklimmen die Anhöhe linkerhand des Hafens. Die Mole im Hafenbecken, auf die unser Blick fällt, ist bekannt; sonst kaum etwas. Dort unten, inmitten des Pinienhains, müßte sich unter dessen grünem Dach doch irgendwo die palmwedelbedachte Disco verbergen, Bambusgeländer über dem Abhang zum nächt­lich irisierenden Meer, die Theke ständig von Menschentrauben umklumpt, so daß man den Stoff für draußen, so man wirklich dran kam, gleich flaschenweise holte, die Flasche besseren Schampus’ zu umgerechnet drei Mark - soll das etwa jene Hütte mit dem von Winterstürmen eingedrückten Strohdach dort unten sein? Gut, es ist Anfang März, noch keine Saison - damals jedenfalls ballte sich unter dem Strohdach ein buntes Urlaubervölkchen, und es war kein Durchkommen zur Theke. Jetzt scheint das etwas abenteuerlich anmutende Gelände tot, der Laden geschlossen.

Unser Blick umfängt die Hafenmole - zur Hälfte schnürt sie die Bucht ab, wie ein nicht völlig ins Schloß gezogener Riegel. Damals: meine zu jener Zeit noch Erstbeste - Kishon hatte die beste Ehefrau von allen noch nicht erfunden und für sich mit Beschlag belegt -, damals also steuerte sie eine besegelte und dieselmotorisierte Schute in den Hafen zurück, auf deren ehemals weißen Planken vom Kapitän, einem dickbäuchigen Insulaner in durchlöchertem Pullover und blauer Leinenhose, bis hin zur Mannschaft, das waren wir, sechs oder sieben Mitreisende, alles rechtschaffen besoffen war. Der billige Sekt, von dem aus einer Luke im Unterdeck immer wieder mit haariger Faust nachgereicht wurde: selbst der nagelnde Dieselmotor in seiner klapperigen Gruft schien mit Sekt beheizt. Die einzig Nüchterne an Bord dieses Seelenverkäufers war unzweifelhaft meine beste Frau. Als es an der Zeit schien, vom Ausflug aufs Meer in den Hafen zurück­zukehren, drückte ihr der durchlöcherte Kapitän die Ruderpinne in die Hand, wies vage auf die Bucht und das sich dahinein wie ein Sperrgürtel erstreckende Stück betonierter Mole und raspelte:

Vamos, gänau dadurch, Señorita! Und sähen Sie Sand, Sie mir nur sagen Bescheid. Abärr ärst, wenn durch. Nicht ähärr. Hab noch was an Diesel zu ärlädigen.“ Der Diesel war unsere mitgereiste Freundin, die uns zu dieser Tour verleitet hatte, und die seit Anbeginn des Tagesausflugs vom Kapitän unter Deck gehalten wurde. Wir sahen nicht viel von ihr. Die Señorita aber, das Fräulein, war meine Frau, nagelneu mit mir verheiratet. Gut, daß der löcherige Kapitän durch unsere Freundin, ich aber durch reichlich Sektgenuß abgelenkt war. Andernfalls hätte ich womöglich in seiner Order Ansätze für hausbackenes celos, Jalousie, Eifersucht also, ausgemacht. Und das wäre mir, angesichts der behaarten Fäuste, die in Abständen Sektflaschen aus der Luke nach oben reichten, sicher schlecht bekommen.

Meine Zweitbeste betrachtet heute noch als hohe Tat, daß der Kahn unter ihrem alleinigen Zutun durch die hundert Meter breite Einfahrt fand, ohne irgendwo anzuschrammen. Nun stehen wir darüber, sinnen der Vergangenheit nach, und jeder denkt sich seines. Meins ist leicht gedacht: Durch solch ein Mammuttor findet doch jeder Ochse hindurch. Wie gesagt: leicht gedacht. Von sowas halte ich heute besser die Klappe. Zumal ich Ochse damals zu betrunken war, um es selber zumindest ebensogut zu machen - zu jener Zeit war mir nur ungeheuer schlecht.

Wir wandern weiter. Jüngst errichtet, stehen Häuser, wo einst sich Grün­land breitete. Oder, im August, verbrannte Erde - zumindest keiner dieser maurisch inspirier­ten Proletenpaläste. Hier oben zog sich einstmals der äußerste Gürtel um das Städtchen, winzige Fenster verbargen sich bis zum kühleren Abend unter grüngestrichenen Läden, hinter den flachgedeckten Häuschen erstreckten sich rotes Ackerland und weitläufige Kulturen von Mandel­baum­hainen. Längst sind sie in schlauchbe­reg­nete Gärten umgewandelt, die Mandelbäume wichen schwertblätterigen Agaven, zweimal im Jahr treiben sie Blüten.

Es ist nicht mehr wie ehedem.

Nur Lamento der Alten, früher sei alles besser gewesen? Vielleicht. Mein Denken zielt eher auf Erinnerung an eine Zeit, die sich nach meinem Dafürhalten in der Generation der damals Besitzenden sehr viel langsamer und bedachter vertropfte. Für uns Habenichtse, denen im eigenen Land nichts schnell, hoch oder weit genug gehen konnte, war die Insel zu jener Zeit ein Hort, und das in dessen bester Bedeutung: ein Garten, wie geschaffen zur Belebung der Seele. Wir fühlten sie mehr intuitiv, bewußt war uns diese Regung nicht. Gut, im Inselleben kurz abzutauchen - aber für immer darin leben? Großer Gott, hier war doch der Hund begraben!

Eben. Der mallorquinische Hund - der fast ausgestorbene ca de bestia. Heute mögen wir als Besitzende gelten: vielleicht gefällt diese Zeit ja unseren Kindern; diese heutige Zeit, die alles um noch einen Deut schneller, höher und weiter pulsieren läßt, bis das ganze wie ein Raumschiff rotierend den Boden der Wirklichkeit verläßt oder aber polternd in sich zusammenfällt. So gesehen, sind die häßlich maurischen Proletenpaläste bereits wieder Märchen von gestern, in deren Umfeld sich behaglich unsere besitzlose Jugend tummelt. Diese Generation wird - endlich selbst zu Besitzern geworden - den gewachsenen Leib der Insel wohl mit einem pickeligen Korsett futu­ristischer Wohntürme überziehen, nur um nahe an Licht und Wasser zu sein. Denn alle Einzellagen sind dann bereits an Ruhrpott­rentner verscherbelt, worauf sie in der guten Zeit die - so mag es später heißen - herrlichsten maurisch inspirier­ten Minipaläste errichteten. Man kann also nur noch in die Höhe bauen. Das mag sich dann über Generationen hinweg fortsetzen.

Und ich Idiot mache mir Gedanken um die wenigen aus dem Ortsbild verschwundenen grünen Fensterläden nebst angrenzender Mandelhaine, auf deren Fläche nun Agaven sehr kriegerisch ihre nutzlosen Blattspeere in die Luft recken: die nächste Generation wird das vermutlich alles toll finden. So wie wir das Damalige toll fanden; tempus fugit - die Zeit vergeht. Doch muß sie sich nicht immer zum Besten ändern. Schon gar nicht auf Mallorca, wo sie mitunter sogar stillzustehen scheint. Das aber, werte Damen und Herren, sind mir die liebsten Bezirke der Insel: an diesen Stellen scheint sie noch Natur im Programm zu führen - wenn man Natur mit Verwahrlosung gleichsetzen darf, fehlende Mittel für Renovierungen mit der Liebe zu Althergebrachtem erklärt und bäuerlicher Armut hinter grünen Fensterläden, die irgendwann allesamt verschwinden, dicke Tränen nachweint -

Mein Gott, was bin ich doch für ein Heuchler, der auf dem Zimmer im Altbau mit malerischem Blick über den Hafen mindestens Dusche, WC und Minibar erwartet! Mit diesen dreien wird auch der Altbau zum Neubau, und im gleichen Zuge legt man ganze Dörfer flach. Oder neue Urbanitäten an. Da war zum Beispiel ... Hierzu muß ich wieder einmal weiter ausholen.

Es war einmal eine einsame Bucht.

Still, feinsandig, von engen Hügelzügen umgeben, bewachsen mit niederem Gebüsch und windgebeugten Kiefern, war sie ein Geheimtip, den man nur aller­engsten Nachtbekanntschaften zuraunte. Fünf bis sechs Kilometer südlich Porto Christos hatte sie ein seit Jahrtausenden versiegter arroyo in schartigen Fels gegraben und ihren Boden mit feinstem Sand gefüllt. Damals fuhren noch die sieben­sitzigen Taxis, buckelig, schwarz und von der spanischen SEAT aus fünfsitzig buckeligen FIAT-Limousinen gestreckt, indem man diese mit einer zusätzlichen Bankreihe versah. Die mietete man des Morgens, ließ sich zu siebt oder acht an bewußte Bucht karren und hoffte, abends wieder abgeholt zu werden. Neulinge erkannte man daran, daß sie dem Fahrer nach der Hinfahrt vertrauensvoll den vollen Fahrpreis aushändigten; abends, nach gehabtem Sonnenbad, begaben sich diese Grünschnäbel meist zu Fuß auf den Rückweg über die staubige Landstraße nach Porto Christo. Nebenbei sei angemerkt, daß auch wir solcherart zu einem Sack ausgereifter Mandeln kamen, die links und rechts der sich zurück nach Porto Christo windenden Straße an knorrigen Bäumen hingen. Die Folgen sind bekannt.

Abends fuhren die Taxifahrer nämlich lieber Besucher zu den Cuevas del Drach hinauf, um deren Eingang mit Beginn der Dämmerung in lautlosem Flügelschlag Fledermäuse huschten. Was morgens ausgemacht war, scherte sie nachträglich einen Deibel, wenn der Tarif für sowohl Hin- als auch Rückfahrt bereits beglichen war, welch letztere sie sich dann füglich ersparten.

Regelmäßig schaute ein lackglänzend zweizackig betschackter Polizist der Guardia Civil in der Bucht nach dem Rechten. Das heißt: er hockte sich unter die schattigen Äste einer Kiefer an deren Rand, zerlegte und ölte seine Waffe, packte anschließend umständlich ein bocadillo con queso aus, das er pergament­umhüllt aus einer Tasche unter dem breitweißen Brustgurt zog, biß hinein und machte - zunächst mit dem Käsebrötchen, später, in den Nachmittag hinein bei fallendem Sonnenstand auch mit dem Feldstecher und ganz zuletzt sogar mit geölter Waffe - Zielübungen auf die halbnackten Körper unter sich in der feinsandigen Bucht, allesamt in züchtiger Badekleidung. Ein Österreicher, Rudi Gernreich, hatte zwar unlängst die oberen sekundären Geschlechtsmerkmale der Frau von allerhand Stoffgefummel und unnützem Drahtgestänge befreit; damit - besser gesagt: ohne jenes - ließen sich neuzeitlich eingestellte Schöne jedoch höchstens an den Stränden von Acapulco oder der Copa Cabana sehen, wo sie die Fotolinsen der ganzen Welt auf das gerichtet wußten, was Gernreich eliminiert hatte - und was doch auf den Abzügen so hübsch zur Geltung kam. An diesem bewachten Strand jedoch galt seine Mode nichts, sie war schlicht verboten. Also traute sich auch keine der hier durchaus vorhandenen Schönen, ihr nachzueifern, indem sie einfach auf das Bikinioberteil verzichtete und es nur am Nachmittag, wenn die Sonne hinter zerzausten Aleppokiefern versank, als Schutz gegen aufkommende Kühle anlegte.

Wenn der Lackhutpolizist jeden am Strand verunsichert hatte, verschwand er wieder. Vermutlich in dem Taxi, das wir zur Rückkehr bestellt hatten. Das kam nämlich nur einmal, und an dem Tag war der Polizist nicht zum Dienst am Strand erschienen, bestimmt sein freier. Spät am Abend dieses in all seiner unverhofften Freiheit genutzten Tages erprobten mehrere Angehörige des weiblichen Geschlechts - denn nur diese konnten Bikinioberteile fortlassen - im stillen Kämmer­lein die lindernde Wirkung der Apothekenmajonäse con limón y sin ajo auf den verbrannten Stellen ihres tagsüber freigelegten Busens, darunter auch einige, die sich das eigentlich gar nicht leisten konnten. Wobei ich nicht den Preis der Sonnenbrandcreme im Auge habe. Auch unsere Freundin, die jedoch kein halbwegs ernsthafter Voyeur zu dieser Kategorie zählen könnte, stopfte sich fortan beim Sonnenbaden je ein schützendes Tempotuch in die B-Cup-Halbschalen des Bikinioberteils, was aber dann kaum noch etwas nützte. Ihre ehrliche aber auch zarte Haut begann abzupellen - schade, denn es war hübsche Haut, besonders die unter den Taschentüchern. Das hat man davon, wenn Österreicher Mode machen.

Heute sonnt sich hier jeder, wie er mag. Hier: in der gleichen Bucht, die nun statt von Kiefern, Büschen und Lackpolizisten von Hotelblöcken umstanden ist. Am späten Nachmittag werfen sie klotzige Schatten auf den Strand, der immer noch so feinsandig gründet wie damals, dann leert sich die Bucht. Die wenigen Abgehärteten ziehen wärmende T-Shirts über ihre glühenden Oberkörper und harren fröstelnd aus, für einen Sonnenuntergang. Dort, wo einst die Spur des ausgetrockneten Gebirgsbaches sich landeinwärts in wucherndem Gestrüpp verlor, nun ein Parkplatz. Links, gleich oberhalb des Ausgangs zum Meer, auf einem schmalen Felsplateau, zielen noch die schmalen Schlitze des alten Flakbunkers nach Menorca. Nur daran erkennen wir „unsere Bucht“, damals ohne Namen, ein Geheimtip. Heute heißt sie Porto Christo Novo, und außer grobem Bunker und feinem Sand ist nichts mehr an ihr wie ehedem.

Gerade lenkt das Glasbodenboot in die Bucht, es kommt von Porto Christo. Hier ließ ich mich damals über stachelige Seeigelbänke hinwegtreiben, unter Wasser die Augen weit geöffnet. In den Mündern der Seeigel wellte sich rosig pulsierendes Gespinst, wenn man die Stachelhäuter vorsichtig von den Unterwasserfelsen pflückte - oder war es ihr After? Schwimmend, jagte ich winzigen Fischen nach, forschte in wogenden Tangfeldern nach ihren rasch hinweg­zuckenden Eltern, ließ die flachgründige Bucht hinter mir und endlich waren nur Felsen und blaues Meer unter mir und um mich. Ob das heute alles noch so ist? Na klar doch. Es sei, die Fäkalien der Hotelklötze hätten alles überschwemmt. Die müssen ja irgendwohin. Möchte wissen, was die Leute im Glasbodenboot wirklich sehen. Wahrscheinlich ist sein Boden voller Algen, dann nehmen sie es wohl nicht so genau. Hier ein Stein und dort ein Fisch - das ist wie Fernsehen. Nur, daß man drei Meter über Grund direkt dabei ist und trotzdem sein Bier trinken kann, ohne daß es verwässert.

Du einstmals liebe Bucht: ich wende mich mit Grausen. Nimms mir nicht krumm: es gibt mehr und - immer noch - unentdecktere von deinem Schlage. Vielleicht muß man ein wenig klettern, um zu ihnen zu gelangen. Mag sein, sie sind auch nicht so feinsandig wie du, sondern eher grob mit Kieseln bedeckt - ich mag sie allemal lieber, die noch nicht von Hotelklötzen entdeckten Buchten. Was zählen da schon dreißig Jahre: solange hier der Kies noch in der Brandung rollt, traut sich kein Hotel in diese letzten Refugien des Mallorcafreun­des. Mögen die Putzfrauen nach ihrem Sonnenbad mit dem Lift in zehnte und zwölfte Stockwerke emporrauschen - anschließend, nachdem sie sich frischge­macht und verwegene After-Eight-Garderobe angelegt haben, sollen sie ruhig in Speise- und Animationssaal unter sich bleiben. Sie täten mir damit einen großen Gefallen. Denn sind es nicht die Wünsche in Scharen einfallender Touristen, welche die Hotel­bauten nach sich ziehen? Schade, dieser Geheimtip ist nun auch besetzt.

Ein paar weiß ich noch. Bestimmt verübelt mir niemand, daß ich sie nicht verrate. Man weiß ja, was danach kommt.

 

 14    Bodenhaftung

Unwiderruflich: seit erstem, noch verschlafenem Recken im strammen  Bett­fut­teral, zögerlichem Heben bleischwerer Lider, gähnendem Blinzeln vom Bett aus durch das offene Schlafraumfenster in einen viel zu hellen und blanken Morgen­himmel - Uahh! -, seit ich mich also stöhnend auf die Seite wälzte, um für fünf kargbemessene Minuten einem nicht zu Ende geträumten Traum nach­zu­hängen: seitdem ist unser letzter Urlaubstag angebrochen. Völlig bildhaft angebrochen, gleich dem verkrumpelten Päckchen Zigaretten auf dem Tisch, das noch vor dem Abflug geleert sein wird. Unwiderruflich.

Die fünf Minuten sind um. Ich bin auf und lehne am Fenster, atme aus tiefer Brust - Gott bewahre, keine Kniebeugen, ich will mir doch nichts am Meniskus holen; einfach so, weils mir Spaß macht, die blanke Luft zu atmen und dabei hinauszublinzeln.

Unter dem Fenster, hinter seinem Zaun, verbellt Zeus der Form halber mürrisch zwei kleine Mädchen, die ihn kichernd mit verbotenerweise abgepflückten Pinienzapfen bewerfen. Aus dem Flug versucht er sie mit dem Maul zu schnappen; am freundlichen Kehren seines Rutenbesens erkenne ich, daß ihm das Spiel mächtiges Vergnügen bereitet. Ach, ich werde dich missen, starker und sanftmütiger Zeus!

Der Himmel ist blankgefegt, es wird einen heißen Tag geben. Noch wirkt die verflossene Nacht nach, breitet kühlend ihren hinterlassenen, unsichtbaren Mantel um weiße Mauerschultern. Spätestens um Zehn wird er herabgesunken sein, der Sonne volles Schußfeld bietend. Lästig wie immer: das Kofferpacken. Was ziehen wir an, was wird verpackt? Am Körper eher luftige Kleidung, entscheiden wir. Allenfalls eine leichte Jacke, die man über den Arm nehmen kann. Bis der Bus fährt, um vierzehn Uhr, wird unser Zentralgestirn nämlich im wesentlichen im Zenit herumschwimmen. Schon beim Packen bricht uns Schweiß aus.

Gestern abend lieferten wir etwas traurig unser Pünktchen ab. Wie man weiß, bei der Autovermietung Roig, die sich Rotsch ausspricht. Das kleine Fräu­lein Micaela schien in Eile, würdigte die Tankquittung, die ich ihr beflissen entgegenhielt, und worin bescheinigt stand, daß wir Pünktchen, wie gefordert, vollgetankt zurückgaben, nur eines raschen Seitenblicks über den Rand ihrer funkelnd das Licht der Spätabendsonne in meine Augen strahlenden Brille. Hübsch. Fräulein Micaela Binimarais ist zwar klein, doch an ihr ist alles dran, was man bei einem Fräulein erwartet. Ich wollte es ein wenig hinausziehen: „Hören Sie, das Schloß ist kaputt. Vorne rechts. Der Schlüssel läßt sich darin nicht mehr drehen. Als wir von diesem Fußmarsch zurückkamen, vom Cap de la Figuera, steckte ich den Schlüssel ins Schloß der Beifahrertür, und was soll ich Ihnen sagen: da ging doch plötzlich die Tür nicht mehr ...“

Fräulein Micaela lächelte. „Ach, Sie korrekte Deutsche“, unterbrach sie mich behutsam. „Ein Schloß versagt Dienst. Haben Sie nicht wenigstens Freude an unsere Auto gehabt? Fuhr es etwa nicht?“ Über den weitsichtigen Brillenrand hinweg blinzelten mich, hervor unter kastanienfarbenen Locken, in dieser Kombination erstaunlich wasserblaue Augen an.

„Na ja - doch, schon; gewissermaßen“, gestand ich.

„Sehen Sie. Ich sage Werkstatt: Schloß kaputt. Kostet Sie nichts. Okay?“

„Okay. Und schönen Feierabend.“

„Gracias. ¡Y hasta la vista!“ Ein wenig schuldbewußt öffnete ich die Glastür und ging hinaus zu meiner weitaus zweitbesten Ehefrau, die draußen wartete. „Sie richten das Schloß.“ Mehr fiel mir zu ihrer Unterhaltung nicht ein.

Sie hakte sich ein, gab mir die Einkaufstasche, die sie bislang getragen hatte. „Würdest du einen Fiat kaufen?“ fragte sie, im Hinterkopf das kaputte Schloß.

Eine Weile sah ich auf die stetig in Richtung Hotel marschierenden Spitzen meiner Schuhe. „Ja“, antwortete ich endlich, hinsichtlich des abgegebenen Pünktchens. „So’n Schloß ist schließlich kein Beinbruch. Fällt unter Garantie. Sie sollen neuerdings sehr um Qualität bemüht sein.“ Insgeheim gestand ich mir, einen FIAT bislang nun wirklich als allerletztes in Überlegungen um einen eventuellen Autokauf eingeordnet zu haben. Wenn ich jedoch bedenke, was außer dem Schloß an dem Wägelchen alles funktionierte - na, gar nicht so schlecht.

Im Anschluß an das Frühstück Abwasch des benutzten Geschirrs, den ich erledige. Ich hasse Kofferpacken, kann mich ihm solcherart entziehen. Danach die unabwendbare Frage: Was machen wir bis zur Abfahrt des Busses? Nun, was werden wir machen - bleibt ja nur Cala d’ Or. Ich trage die Koffer runter in den dafür bestimmten Raum, hinter uns fällt die Tür des Apparte­ments ins Schloß - unwiderruflich.

In einem Bücherladen in der Fußgängerzone, wo es Bild und Die Zeit gibt, allerdings einen Tag verspätet, stöbere ich nach preiswerter Information über die hiesige Flora. Einzig der Band „Mallorca: So legen wir unseren Garten an“ zeigt einige unscharfe Fotos. Die gesuchten Unkräuter finde ich nicht. Der Band kostet umgerechnet achtzig Mark, und überhaupt: auf Mallorca gehört mir kein Garten, den ich anlegen und demzufolge dieses Buch besitzen müßte.

In Korbstühle zurückgelehnt schlürfen wir Kaffee. Genauer gesagt, zwei Kaffees: un café grande sin leche y un café con leche; si, Señora, el grande sin leche, americano. Hinter uns kreischt und nölt der Papagei aus seinem Bauer vom Balkon. Knatternd lärmt ein Moped durch die vormittägliche Fußgängerzone, breit hängt der Arsch des draufsitzenden Jugendlichen beiderseits vom Sattel. Kontroll­ritt. Noch einmal lungern wir die bekannten Reviere ab, streifen durch den Hafen, mustern die Preistafeln der Restaurants, landen doch wieder in dem schäbigen Etablissement am Rande der Fußgängerzone mit dem lauten, stets Fußball zeigenden Fernseher, wo die Gambas, zehn Stück, nur neunhundert Peseten kosten. Einschließlich Beilagen.

Wir nehmen draußen Platz. Ein dicker Engländer, die rotbehaart aus seinem T-Shirt ragenden Unterarme neben den Teller mit Fisch und Fritten gestemmt, vor sich eine Flasche Roten, ihm gegenüber ein stiller Jüngling, wohl ebenfalls Brite, der meistens einsilbig mit dem Kopf nickt, an der dritten Seite des Dreiecks am Tisch ein dunkelhaariger Mensch, der sowohl Englisch als auch Spanisch seine Muttersprache nennen könnte. Die Unterhaltung bestreitet vorwiegend der dicke Engländer. Sie besetzen den Tisch neben uns. Ach ja, der dunkelhaarige Mehrsprachler hat einen Hund dabei, der eben an meinen Schuhen schnuppert. Öde, bedeuten mir die gesenkten Kopfes hochgezogenen Lidklappen über knopfschwarz feuchten Augen - wollt ihr nicht endlich etwas bestellen? Unter der Tischplatte tätschele ich ihm den Hals: Aber ja doch, mein Guter. Doch zuerst einmal muß die Bedienung mit der Karte kommen.

Hola.“ Da ist sie schon. Legt uns die Speisekarte vor, natürlich die deutsche Seite aufgeschlagen. „¿Las bebidas?“ fragt sie geschäftsmäßig. Ich sehe meine Frau an: Wein? Sie nickt zurück. Umständlich krame ich meine Bestellung hervor: „Una garrafa de vino verde y una garrafa de vino tinto, los dos seco, por favor. Y una botella de agua mineral. Si, con gas.“ Sie nickt, wiederholt und sagt: „Gracias.“

Zufrieden über solch ausführliche sprachliche Leistung vertiefe ich mich in die Speisekarte. Sie ist kurz und übersichtlich, das leckerste darauf sind mir die Lamm­koteletts. Meiner Zweitbesten, die es eher mit Meeresgetier hat, die großen, roten Küstengarnelen, Gambas.

Die Chefin kommt mit den Getränken: drei Flaschen, je eine Rot- und Weißweinflasche, sowie eine mit blubberndem Mineralwasser. Alle drei im handlichen 0,7-Literformat. Das alles nur zum Essen? In zwei Stunden fährt unser Bus zum Flughafen - mein Gott, ich sehe mich torkelnd unsere Koffer hineinwerfen, dem Fahrer jovial auf die Schulter klopfen und, kaum in den Sitz gefallen, grölend „Margalida“ anstimmen, den Schlager der letzten Saison: das mit dem gegrunzten „A-uff!“

Für diesen Fall - und wird es sich nicht zum Fall, ja, geradezu zum Gelage ausweiten? - hält mein Universal-Sprachführer die Wendung bereit: „No me ha entendido bien usted, lo siento.“ Was sinngemäß bedeutet: ich hatte doch nur zwei Karaffen bestellt, beide so um den Viertelliter herum, genau kann man das ja nie kontrollieren, weil sie aus erdbraun gebranntem Ton geformt sind - bis ich jedoch meinen Langenscheidt hervorgekramt habe, und diesen Vers rezitieren kann, überbringt die Chefin der Küche bereits unsere überrumpelt und sprachlos nur mit dem Zeigefinger auf der Speisekarte angedeuteten Wünsche.

Ich nehme mir vor, die Koffer möglichst behutsam im Gepäckabteil des Busses zu deponieren, dem Fahrer nicht auf die Schulter zu klopfen und auch keinen Sommerhit zu grölen - weder „Margalida“ noch sonst einen. Und trotzdem dieser Flasche auf den Grund zu gehen. Notfalls ohne blubberndes Beiwerk. Meine Zweitbeste scheinen ähnliche Gedanken umzutreiben. In grimmigem Einverständnis nicken wir uns zu: Ha, wäre ja gelacht!

Und so kam es, daß wir beide sehr heiter den Bus bestiegen. Vorher lockte ich noch den Hund vom Nebentisch unter verschiedene vor der Terrasse geparkte Autos, indem ich nur mäßig benagte Lammknöchelchen darunter warf. Knurpsend zerbiß er sie, unter Auspuff, Kardanwelle und Katalysator geduckt. Meine Zweitbeste versuchte gleiches mit ihren leeren Garnelenhülsen, doch darauf ließ sich das Hündchen nicht ein. Es kam, und leckte mir dankbar unterm Tisch die auf den Knien ruhenden Hände. Diejenigen meiner Zweitbesten, gleichfalls in den Schoß gebettet, beachtete es gar nicht: die rochen nach dem, was draußen im Wasser schwimmt und höchstens Menschen zu schmecken scheint. Und sie rochen auch im Bus noch nach welkem Meeres­getier, zwischendrin fand sich keine Gelegenheit zum Hände­waschen.

Mit halbgeschlossenen Augen döste ich im Bus vor mich hin. Die schräg von vorn kommend tiefstehende Sonne zauberte bunte Bilder unter meine Lider. Einen Vorhang hätte ich schließen können, vor der Scheibe, ich unterließ es. Gab mich vielmehr dem Rest des Traumes von heute morgen hin. Angenehm, einmal nicht auf den Verkehr achten zu müssen, selbst gefahren zu werden. Kurz vor Palma, entgegen unserer Fahrtrichtung, strampelten bunt gekleidete Radler, in den Pedalen ihrer Rennräder stehend, die lange Steigung nach S’ Arranjassa hoch. Unser Bus ließ sie auf den Seitenstreifen abschwenken. Und da hatte ich auf einmal wieder das Ende meines Traums: auf einem neongelben Fahrrad hetzte ich schwitzend übers Meer, vor mir die Fähre nach Barcelona, von deren Reling aus meine zweitbeste Ehefrau mir Kußhändchen zuwarf. Bevor ich Gewißheit erlangte, ob ich sie je einholen würde, hielt der Bus am Terminal Nord des Flughafens. Zischend sich öffnende Türen, pneu­ma­tisch betätigt, raubten mir letzte Erkenntnis, wie denn mein Ritt übers Meer wohl ausgegangen sein mochte.

Sechzehn Uhr. Abflug sollte um siebzehn Uhr sein. Reichlich Zeit also, um mich mit den Koffern vor dem Abflugschalter einzufinden. Meine Frau hatte die Tickets, sollte die Formalitäten erledigen.

Reichlich Zeit: der Schalter war geschlossen, unser Flug auf zwanzig Uhr verschoben - drei Stunden also. Drei nutzlose Stunden.

Wir hätten Pünktchen länger behalten können. Hätten heute vormittag noch nach Porto Petro fahren können, hoch über der Bucht sitzen und den Duft gerösteter Fische auf dem Grill vor einem der grünen Bootsschuppen dort unten einsaugen können, hätten ...

Stattdessen sitzen wir hier und müssen drei Stunden Zeit totschlagen. Ich versuche zu lesen: Maxim Gorki, Meisternovellen, ein Oktavbändchen. Gorki war Bäcker, bevor es ihn literarisch ergriff. Gegenüber, an einem achteckigen Pavillon, kaufen die Leute wie verrückt, als ob es schon morgen nichts mehr gäbe, einen speziellen Inselkuchen. Eine Spezialität, posaunen Spruchbänder rund um den Pavillon. Ich lese bei Gorki von Bettlern, Krüppeln und anderen Benachteiligten, die manchmal nicht einmal das Schwarze unter den Nägeln ihr Eigen nannten. Und registriere aufschauend, wie manche Leute gebündelt drei, vier dieser Inselkuchen wegschleppen. Ich selber habe noch genau zweitausend Peseten in der Tasche. Zu wenig für eine dieser Spezialtorten, es reicht gerade noch für ein Bier und ein 0,25-Literfläschchen Wein für meine ... naja.

Die Luft in der Halle ist trocken, Wein und Bier sind innerhalb kürzester Zeit in uns versickert, ohne uns größere Feuchteschäden zuzufügen. Bier und Wein kosten je sechshundert Peseten, achthundert klimpern noch in meiner Tasche, also gehe ich, noch eins dieser Minifläschchen Wein zu holen. Für ein weiteres Bier reicht es nicht. Neidlos schaue ich meiner Zweitbesten zu, wie sie den Verschluß entschraubt und ihr Glas füllt. Erst achtzehn Uhr. Was hätten wir in diesen nutzlos vertändelten Stunden nicht alles noch anfangen können!

Kellner räumen Gläser ab. Auch unsere. Ohne Glas vor sich auf dem Tisch hat man wenig Berechtigung, hier zu sitzen. Wir begeben uns aufs Sonnendeck der Halle. Die mit Sonnenöl verschmierten Liegestühle dort oben laden kaum zum Ruhen ein. Auf- und abgehend, beobachten wir durch das gläserne Dach Ankommen und Abfahren der Busse. Es wird kühl hier oben, je mehr die Sonne sinkt. Wir steigen wieder hinab, mitsamt Koffern, setzen uns an einen der Tische, auch ohne Glas. Langsam werden wir wütend. Da soll uns mal einer der Kellner kommen!

Palma - Cologne, blinkt stoisch die Anzeigetafel, Flight 7802: Departure 20:00. Füllt plötzlich das Zeitfeld um zwei Stunden auf: Flight 7802: Departure 22:00. Na, da soll mich doch gleich dieser und jener - mein sonst eher mählich in Wut hinübergleitendes Naturell, bisher von zwanzig Uhr gepiesackt, will bei Zurschaustellung von zweiundzwanzig Uhr explodieren: verdammt nochmal, wo ist dieser elende Würstchenstand unserer Chartergesellschaft, denen werde ich Bescheid stoßen!

Ich brauche nicht lange zu suchen in der Halle: der mit der größten Menschentraube davor ist es. Der Stand ist besetzt. Mit einer unglücklichen jungen Frau, die alles auszubaden hat. Schimpfkanonaden prasseln auf sie hernieder und bewirken überhaupt nichts: der Flug 7802, Palma-Cologne bleibt nun mal auf zweiundzwanzig Uhr verschoben. Was immer die Leute auch fluchen mögen. Die erhitzte Brünette hinter dem Tresen dauert mich. Angestürmt, ihr und der Gesellschaft die Hölle heiß zu machen, bezähme ich angesichts des aufgelösten Brünettchens meine Wut, fische nur einen Prospekt aus dem Pappständer: Flugpläne. Wichtig ist nur die Adresse der Gesellschaft, ganz hinten: denen werde ich schreiben! Und den Brief werden die sich in der Rechtsabteilung hinter den Spiegel stecken, da bin ich ganz zuversichtlich.

Meiner Frau brauche ich von dem geplanten Brief nichts zu erzählen: der ändert jetzt nichts. Vielleicht später. Jetzt ist Abflug 22:00 Uhr, da wird man vor ein Uhr nicht in Köln aufsetzen. Und wie dann weiter nach Hause? Gute Frage. Hin benutzten wir den Flughafenbus, zurück hatten wir gleiches vor.

AutobahnbrückeMit letzten Münzen versuchen wir, telefonisch unseren Sohn zu erreichen, daß er uns mit dem Auto abholt: Anrufbeantworter. Irgendwann, denke ich, wird auch so ein Anruf überflüssig. Dann werden sich alle Telefone der Welt nur noch untereinander unterhalten. Einen Vorgeschmack dieser so schönen neuen Welt erhält, wer mit einem dringenden Anliegen eine der sogenannten Hotlines anwählt und, japanisch digitalisiert, durch den Hörer erstmal mit Beethovens Neunter in voller Länge berieselt wird, bevor er drankommt. Vielleicht - wenn er nicht bereits nach den ersten fünf Minuten Gedudel entnervt den Hörer auf die Gabel geschmissen hat.

Warum besitzt unser Sohn eigentlich kein Handy? Gegenfrage: Und wenn er eins besäße? Vermutlich wäre es abgeschaltet; bei inniger Umarmung einer seiner häufig wechselnden Freundinnen würde das lautlos in der Hosentasche vibrierende Ding nur stören. Was haben wir also summa summarum von der neuen Kommunikationstechnik? Einen Haufen Gebühren.

Ach, geh mir doch fott!

Zwanzig Uhr. Wiewohl meisterlich ins Wort gefaßt, verschwimmen mir die Gorki’schen Novellen mehr und mehr vor Augen. Der Wein von heute mittag. Ich erhebe mich, nehme langen Schritts die Halle unter die Füße, hin und her, formuliere in Gedanken meinen Brief an die Chartergesellschaft, diese Würstchenbude, die uns noch nicht mal mit einem Würstchen besänftigt, wie sie es vor dreißig Jahren noch tat, als der Flug nur zwei Stunden Verspätung hatte - jetzt sind es fünf. Mit jedem meiner Schritte wird der gedachte Brief bissiger, geraten mir die Formulierungen schärfer - na, Freunde, auf das Schreiben dürft ihr euch besonders freuen!

Um einundzwanzig Uhr hebt sich rasselnd der Rolladen vor den zwei Abflugschaltern. Dahinter frisch und adrett uniformierte Frauen, eingeschaltete Computermonitore und das Gepäckrollband mit der Waage. Die Damen sind vorsichtig, überfreundlich. Sie ahnen, daß ihre Klientel aus lauter brisanten Treibminen besteht, die ein einziges, unbedachtes Wort hochgehen lassen kann. Und wenn ich unsere Koffer mit Beton ausgegossen hätte, die Damen hätten sie lächelnd als zwanzig-Kilo-Fluggepäck passieren lassen. So ist das. Es führt zu nichts, sich bei ihnen über die Verspätung zu beschweren: sie sind von Iberia und haben mit der ganzen Sache nichts zu tun. Dafür sind die Manager zuständig, denen Überbuchung ihrer Maschinen täglich Brot bedeuten. Statt Sonntag kommt man eben Montag an, der bereits wieder Arbeitstag ist. Na und?

„Wir begrüßen Sie recht herzlich an Bord unserer Boeing 737 und hoffen, daß Sie uns bei exzellentem Service die kleine Verspätung dieses Charterflugs nachsehen. Unser Kapitän heißt ...“ Bla, bla. Wenn Kapitän Blabla in Köln landet, werde ich nicht mit den Anderen klatschen. Egal, wie er auf der Piste aufsetzt. - Als dann Ihr müder Vogel endlich seine Schwingen erhob, war es zweiundzwanzig Uhr fünfzehn - eine Passage meines selbst während des Fluges weiter erdachten Briefes an die Gesellschaft. Davon würden mich weder der exzellente Service noch die drei Bier abbringen, die dieser mir nacheinander säuerlich lächelnd auf den Klapptisch stellte.

Eher schon der Anblick von Marseille: glaubt man, wenn ich es sage, daß, nächtliche Straßen den Eindruck von Perlenschnüren hervorrufen? Silberne und goldene Schnüre, durch die Stadt geschlungen, jede Straßenleuchte ein kleiner, glitzernder Diamant und in ihrer Folge kostbares Geschmeide ringsum schwarz sich breitender Nacht. Das - wenn nicht bereits drei Bier - besänftigt enorm.

Über Köln waren mir die wichtigsten Passagen des Briefes entfallen. Und als Kapitän Blabla den Flieger auf der in die Wahner Heide geschlagene Piste landete, klatschte ich mit den Anderen Beifall. Eine Fehlleistung angesichts dessen, daß bereits Montag war, und wir beide, meine Zweitbeste ebenso wie ich, am Morgen auf der Arbeit zu erscheinen hatten. Über die Bordsprech­anlage wünschte uns die Stewardeß kurz vor der Landung noch einen besinnlichen Ausklang dieses Sonntagabends. Auch nicht besser, da ja bereits Montag war. Ach, alle miteinander waren wir wohl ein bißchen durcheinander. Den Brief würde ich mir nun neu ausdenken müssen. Aber da wußte ich genug Pulver in meiner Tasche.

Dann das Kofferkarussell: als erstes ein olivgrüner Seesack, der dreimal die Runde macht und niemandem zu gehören scheint. Nur spärlich tröpfeln weitere Gepäck­stücke ein. Es ist viertel nach eins, als ich die violett gerippte Kunststoff­haut unseres ersten Koffers auf dem Band sichte. Der zweite schippert nach zehn Minuten herbei, fast hätte ich ihn übersehen. Drei Zigaretten habe ich wartend verpafft, die Stummel mit dem Absatz auf stumpfem Fliesenboden zertreten. In der ganzen Halle kein Aschenbecher.

Draußen nieselt es. Draußen steht unser Sohn. Draußen parkt unser Auto: Gott sei Dank hat er das Band abgehört und uns abgeholt.

„Fahr du“, sagt er und hat sich bereits, die Kapuze des Sweatshirts über die Augen gezogen, auf den Rücksitz verkrümelt, wo er sich langmacht: heute morgen um sieben hat er einen Termin. Die Urlaubsflieger wissen gar nicht, wen sie unter ihren Verspätungen alles leiden lassen.

Na gut, fahre ich eben mit drei Bier im Bauch nach Hause. Nachts um zwei. Da ist die Autobahn so gut wie leer. Die wenigen, die zu dieser Zeit noch unterwegs sind, gehen behutsam miteinander um. Hoffentlich ist heute der Regierungs­präsident nicht unterwegs, der sich den Kölner Ring als Chefsache zu eigen macht. RP Antwerpes zapft schon mal persönlich Blutproben, um „seinen“ Ring sauberzuhalten. Irgendwann schließt dann doch das Garagentor hinter mir, schleppe ich Koffer ins Haus, falle ich todmüde ins Bett: gar so viel Zeit bleibt dem neuen Tag nicht mehr bis zu vogelzwitscherndem Anbruch.

Den Brief schrieb ich erst zwei Tage später, als beide Koffer ausgepackt waren. Umgehend, nach sieben Tagen, schickte das Charterunternehmen einen Scheck über fünfzig Mark: als Entschädigung nicht näher nachgewiesener Taxikosten, die ich im Brief mit zweiundachtzig Mark zwanzig beziffert hatte - immerhin. Die fünfzig Mark bekommt mein Sohn. Der kann, wie alle Söhne, Geld stets gut gebrauchen. Schließlich hat er uns, selber todmüde, ja wirklich den Taxidienst geleistet.

Am nächsten Samstag hole ich die entwickelten Fotos ab: da kann man mal sehen, wo und wie man die letzten vierzehn Tage verbracht hat, und woran fortan Erinnerung nagt. Fern, im Gartenkarree hinter unserer lichtgrün besprenkelten Terrasse, irgendwo am gegenüber­liegenden Häusergestade, bellt beim Betrachten der Bilder ein Hund. Womöglich ein ca de bestia?

Nein. Den gibt es wirklich nur auf Mallorca. Und selbst dort stirbt die Rasse aus - jener vermaledeite und dennoch liebenswerte mallorquinische Köter! Man sollte ihm ein Denkmal setzen. Aber das gibt es ja schon - schwarz konturiert und mit kräftig blutrotem Pinselstrich durchstrichen, eingangs jeder platja, wo ein ähnliches Schild gleich darunter vor Handtaschenräubern warnt, ich wiederhole mich nur.

Hoffentlich färbt das rot durchkreuzte nicht ab - auf meine wunderschöne Insel, deren Strände - einige zumindest - selbst Putzfrauen mögen. Ein Image, das sie schon lange nicht mehr mit Stolz trägt. Man will niedrigere und damit teurere Hotels, die sich besser in die Landschaft einfügen, man will mehr Sauberkeit, mehr Umweltbewußtsein, will ... Schon gut. Hat man nur noch Größen wie Michael Douglas im Visier, der sich jüngst hier niederließ, und die das alles zahlen können? Strände, gepflegt à la Nizza und Cannes? Ach du behütete Welt der auch auf Mallorca dank des Massentourismus gut verdienenden Lehrer und müslifutternden Grünen: bisher, das schreibt euch hinter die Ohren, gings euch nur so gut, weil euch Putzfrauen besuchten. Was machen eure Zementwerke, wenn die Hotels nur noch halb so hoch werden? In den halbhohen Hotels natürlich nur noch halb soviel Gäste: was machen die Marmeladenhersteller, die Produzenten der Butterpäckchen zum Frühstück, die Schweinemäster, Kartoffelpflanzer, deren Knollen nur zur Hälfte oder noch weniger vom heimischen Frittenmarkt benötigt werden?

Klar, wenn man reinen Tisch machen will, wird alles teurer. Jeder auf der Insel verdiente annähernd das gleiche wie zuvor - wenn, und nur wenn, es euch gelänge, hunderttausend Michael Douglas auf eure wunderschöne Insel zu ziehen, die angesichts der Preise für Früh­stücks­butter, Marmelade und Kartoffeln äußern würden: I do´nt give a shit about it.

Macht also behutsam weiter - aber verachtet mir die Putzfrauen nicht! Das haben sie nicht verdient.

Mandelhain